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Oberst Chabert

Honoré de Balzac: Oberst Chabert - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenarrative
authorHonoré de Balzac
booktitleOberst Chabert
titleOberst Chabert
publisherDiogenes
year1977
isbn3257204515
translatorErnst Weiss
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Der Graf Ferraud war der Sohn eines alten Rates am Pariser Parlamente, der während der Schreckensherrschaft emigriert war. So rettete er sein Leben und verlor sein Vermögen. Unter dem Konsulate kehrte er zurück. Treu ergeben blieb er den Interessen Ludwigs XVIII., in dessen näherer Umgebung sein Vater vor der Revolution gelebt hatte. Er gehörte also zu den hohen Adelskreisen des Faubourg Saint-Germain, die nobel allen Verführungskünsten Napoleons widerstanden. Man sprach viel von den Fähigkeiten des jungen Grafen (damals nannte er sich einfach Ferraud), so kam es, daß der Kaiser sein besonderes Augenmerk auf ihn wandte, denn der Kaiser konnte oft ebenso glücklich sein darüber, daß er ein Mitglied des alten Adels für sich gewonnen, wie daß er in einer Schlacht gesiegt hatte. Man versprach dem Grafen, er solle seinen Titel wiedererhalten, ebenso seine Güter, soweit sie nicht verkauft waren, man zeigte ihm in der Ferne einen Ministerstuhl, einen Senatorensitz. Der Kaiser scheiterte. Der Graf war zur Zeit des »Todes« Chaberts ein Mann von sechsundzwanzig Jahren, zwar ohne Vermögen, aber mit vollendeten Umgangsformen. Er hatte Erfolge, die sich der Faubourg Saint-Germain wie seine eigenen anrechnete, auf die er stolz war und mit Recht. Aber die Gräfin Chabert wußte aus der Hinterlassenschaft ihres Mannes so immense Vorteile zu ziehen, daß sie achtzehn Monate später ungefähr vierzigtausend Franken Rente besaß. Ihre Verheiratung mit dem jungen Grafen überraschte im Faubourg Saint-Germain keinen Menschen. Napoleon war glücklich darüber, daß in dieser Heirat sich zwei verschiedene Kreise nach seinem Wunsche vereinten, deshalb überließ er der Gräfin den Anteil der Hinterlassenschaft, der dem Fiskus gehörte. Aber Napoleons Hoffnung ward noch einmal getäuscht. Es war für die Gräfin nicht allein eine Herzensheirat; sondern vor allem war sie geblendet durch den Gedanken, in diese exklusive Gesellschaft einzutreten, welche trotz ihrer Demütigung auch jetzt den kaiserlichen Hof beherrschte. Ihre Ehe bot ihr ebensoviel erfüllte Wünsche im Bereich der Leidenschaft wie der Eitelkeit. Sie sollte eine Dame der großen Welt werden. Als der Faubourg Saint-Germain die Gewißheit hatte, daß die Ehe des jungen Grafen keine Absage an die alten Ideale bedeute, öffneten sich die Salons für seine Frau. Es kam die Restauration. Die politische Laufbahn des Grafen war nicht eben blendend. Er verstand wohl die Forderungen Ludwigs XVIII., die Schwierigkeiten seiner Lage, er gehörte zu dem kleinen Kreis derer, die darauf warteten, »daß der Abgrund der Revolution sich endgültig schließe«, denn in der Phrase des königlichen Sendschreibens, die so sehr von den Liberalen bespöttelt wurde, barg sich ein politischer Sinn deutlich genug für die Eingeweihten. Immerhin, die Ordonnanz, die in der langen Phrase bei Beginn dieser Erzählung zitiert wird, eben diese Enunziation hatte für ihn die Rückgabe zweier Forste und eines Landgutes zur Folge, deren Wert während der Zwangsverwaltung sehr gestiegen war. Obwohl der Graf nun Staatsrat und Generaldirektor war, betrachtete er seine amtliche Stellung erst als den Beginn seiner Laufbahn. Denn in ihm lebte der Geist eines unersättlichen Ehrgeizes, und so hatte er sich als Sekretär einen alten, ruinierten Anwalt zur Seite gesetzt, einen Mann namens Delbecq, der mehr als nur gerissen war, der alle Schleichwege der Schikane und Rechtsverdrehung kannte, und diesem Menschen überließ er die Verwaltung seines Besitzes ganz. Der abgefeimte Praktiker hatte seine Stellung bei dem Grafen richtig erfaßt, und aus diesem Grunde war er ehrlich, aus reiner Berechnung. Denn er konnte hoffen, dank der Fürsprache des Grafen, für dessen Vermögen er sich nun mit letzter Kraft einsetzte, wieder zu einem Amte zu gelangen. Sein jetziges Benehmen strafte seine frühere Aufführung derart Lügen, daß man glaubte, er sei nur verleumdet worden. Mit dem Takt und dem Feingefühl, die mehr oder weniger allen Frauen eigen sind, überwachte die Komtesse, die dem Intendanten ihres Mannes bis in die Nieren sah, alle seine Schritte und wußte diese auch so zu lenken, daß sie vor allem für ihren persönlichen Besitz einen beträchtlichen Vermögenszuwachs erreichte. Sie verstand es, Delbecq einzureden, sie inspiriere alle Pläne ihres Mannes, und sie hatte ihm versprochen, ihn zum Gerichtspräsidenten erster Instanz in einer der größten Städte Frankreichs zu machen, wenn er sich ganz ihren Interessen unterordne. Das war die Zusage einer unabsetzbaren Stellung, und damit die Möglichkeit, sich später gut zu verheiraten und als Deputierter eine große politische Karriere einzuschlagen. Für dieses Versprechen wäre er für die Gräfin bis in die Hölle gegangen. Keine Chance einer Börsenhausse noch einer spekulativen Wertsteigerung von Grund und Boden, die sich in Paris für einen findigen Kopf während der ersten drei Jahre der Restauration ergab, ließ er im Interesse der Gräfin ungenutzt vorübergehen. So konnte er das Vermögen seiner Schützerin verdreifachen, und zwar um so leichter, als der Gräfin kein Mittel zu gewagt war, wenn sie nur ihr Vermögen schnell um Unsummen vermehren konnte. Sie verwendete das Beamteneinkommen ihres Mannes zur Führung des Haushaltes, um ihre eigenen Einnahmen kapitalisieren zu können. Delbecq gab sich zu allen Schlichen einer maßlosen Habsucht her, ohne sich über die tieferen Beweggründe klar zu werden. Denn diese Art Mensch kümmert sich nur um Geheimnisse, deren Schlüssel ihnen irgendwie wertvoll werden kann. Im übrigen fand der Anwalt das Motiv der nackten Habsucht und des wütenden Durstes nach Gold so verbreitet unter fast allen Pariserinnen, und dann bedurfte es eines so immensen Vermögens, um die ehrgeizigen Ansprüche des Grafen nach allen Richtungen zu fördern, daß Delbecq bisweilen in der Habsucht der Gräfin nur ihre Methode sah, für den Mann zu arbeiten, dem sie sich von Grund ihres Herzens gegeben hatte und weiter gab. Die Gräfin aber verbarg ihre Geheimnisse vor jeder Menschenseele. Auf dem Grunde ihres Herzens lagen die Schicksalswürfel, Tod und Leben, und da ist auch der Punkt, von wo aus der Knoten dieser Erzählung sich entwirrt.

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