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Oberst Chabert

Honoré de Balzac: Oberst Chabert - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenarrative
authorHonoré de Balzac
booktitleOberst Chabert
titleOberst Chabert
publisherDiogenes
year1977
isbn3257204515
translatorErnst Weiss
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Ungefähr drei Monate nach dieser nächtlichen Besprechung kam der Notar, der dem Oberst seine Rente regelmäßig ausgezahlt hatte, zu Derville, um eine wichtige Angelegenheit mit ihm zu besprechen und begann damit, die sechshundert Franken zurückzufordern, die er dem alten Militär vorgestreckt hatte.

»Du leistest dir also das Vergnügen, die alte Armee auszuhalten«, sagte lachend der Notar, ein junger Mensch namens Crottat, der früher Bureauvorstand gewesen war und vor kurzem seine Kanzlei erworben hatte, nachdem sein ehemaliger Chef nach einem riesigen Bankrott flüchtig geworden war.

»Dank dir, mein Lieber, daß du mich an diese Affäre erinnerst. Meine Menschenliebe wird nicht über sechshundert Franken hinausgehen. Ich fürchte, ich war das Opfer meines Patriotismus.«

In diesem Augenblick sah Derville auf dem Tische die Aktenstöße, die sein Vorstand für ihn vorbereitet hatte. Seine Augen blieben bei eigentümlichen Poststempeln haften, langen, quadratischen, dreieckigen, roten und blauen, welche die Postämter Preußens, Österreichs, Bayerns und Frankreichs nacheinander einem Briefe aufgeklebt.

»Ah,« sagte er lachend, »hier die Lösung des Rätsels. Wir wollen sehen, ob ich der Gefoppte bin.« Er nahm den Brief und öffnete ihn, konnte ihn aber nicht lesen, denn er war deutsch geschrieben.

»Boucard,« rief er, »lassen Sie, bitte, sofort diesen Brief übersetzen und kommen Sie dann gleich wieder.« Dabei öffnete er halb die Tür seines Kabinetts und reichte den Brief seinem Angestellten hinaus.

Der Berliner Notar, an den er sich gewandt, schrieb ihm, die angeforderten Schriftstücke würden ihn einige Tage nach diesem Briefe erreichen. Sie befänden sich völlig in Ordnung und alle Legalisierungsformalitäten wären erfüllt, um überall rechtskräftig zu sein. Außerdem teilte er mit, alle Zeugen der derart beglaubigten Ereignisse existierten in Preußisch-Eylau. Die Frau, die dem Grafen Chabert das Leben gerettet, lebe noch in der Nähe von Heilsberg.

»Es wird ernst«, rief Derville, als ihm Boucard den Inhalt des Briefes mitteilte. »Aber, sag doch, mein Junge,« wandte er sich an den Notar, »ich werde Recherchen brauchen, die in dein Fach schlagen. Hat nicht bei dem alten Gauner Roguin . . .«

»Ach, Gauner . . . wir sagen lieber Opfer des Berufs«, unterbrach ihn lachend der junge Notar.

»Nun, war's nicht dieses Opfer seines Berufes, das seinem Klienten eine Million unterschlagen und viele Familien an den Bettelstab gebracht hat, war es nicht Roguin, der die Liquidation der Masse Chabert geordnet hat? Fast scheint mir, als hätte ich derlei in unsern Akten Ferraud gesehn.«

»Gewiß,« antwortete Crottat, »ich war derzeit der dritte Schreiber, ich selbst habe diese Liquidation kopiert und genau studiert. Rosa Chapotel, Ehefrau und Witwe nach Hyacint, genannt Chabert, Graf des Kaiserreichs, Inhaber des Großkreuzes der Ehrenlegion. Heirat ohne Ehekontrakt, daher Gütergemeinschaft. Soweit ich mich dessen entsinne, betrugen die Aktiven sechshunderttausend Franken. Vor seiner Heirat hatte der Graf Chabert ein Testament zugunsten der Waisenhäuser gemacht, denen er ein Viertel des Vermögens zusagte, das sich im Augenblick seines Hinscheidens vorfinden würde. Der Staat erbte zu einem andern Viertel. Wir hatten eine Versteigerung, einen Verkauf und die Teilung, so daß die Anwälte gut verdient haben. Bei der Liquidation schenkte das Ungeheuer, das damals Frankreich regierte, der Witwe des Obersten durch ein Dekret den Anteil des Staates.«

»So würde denn heute das persönliche Vermögen des Obersten nicht mehr als dreihunderttausend Franken betragen?«

»Eine einfache, logische Folgerung, mein Alter«, sagte Crottat. »Manchmal zeigt auch ihr Advokaten Spuren eines gesunden Menschenverstandes, obwohl ihr, wie man euch nachsagt, nicht schlechter für als gegen eine und dieselbe Partei plädieren könnt . . .«

Der Oberst, dessen Adresse auf der Quittung des Notars vermerkt war, wohnte im Fauborg Saint-Marceau, Rue de Petit-Banquier, bei einem alten Wachtmeister der kaiserlichen Garde, namens Vergniaud, der Viehzüchter geworden war. Derville kam im Wagen hin, aber er war gezwungen, zu Fuß seinen Klienten aufzusuchen, denn sein Kutscher weigerte sich, sich in eine ungepflasterte Straße zu wagen, deren Wagengeleise und Tümpel viel zu tief gingen für die Räder seines Kabrioletts. Der Anwalt sah sich nach allen Seiten um, schließlich fand er in dem Teil der Straße, der nach der Stadt zu liegt, zwischen zerbröckelnden, aus Erdmassen gefügten Mauern zwei aus Bruchsteinen erbaute, baufällige Eckpfeiler und zwischen ihnen eine Durchfahrt, die trotz der Prellböcke von den Einfahrenden stark beschädigt war. Diese Pfeiler trugen einen mit Ziegeln gedeckten Vorbau, und auf der Giebelwand stand in roten Lettern zu lesen: Vergniaud, Viezichter. Rechts von dem Namen sah man ein paar Eier, links eine Kuh, alles in weißer Farbe gemalt. Das Tor war offen und blieb sichtlich während des ganzen Tages so. Im Innern eines geräumigen Hofes erhob sich, dem Eingang gegenüber, ein Haus, wenn man diese Bezeichnung auf ein Bauwerk anwenden darf, wie es in der Umgebung von Paris oft zu sehen ist, ein miserables Ding, mit nichts auf der Welt zu vergleichen, nicht einmal mit den schlechtesten Hütten auf dem Lande, denn es hat von diesen Hütten nur die Erbärmlichkeit, nicht ihre Romantik. Denn draußen in der frischen, reinen Luft haben die Strohhütten noch einen gewissen Zauber, das Grün ringsum, ein Hügel, ein Weg, der sich durch Gelände schlängelt, Rebengewinde, eine lebende Hecke, die moosumgrünten Dächer, Pflug und Egge im Winkel. Aber in Paris ist es nur Elend und Verfall. Das Haus war gewiß nicht alt und doch drohte es in Trümmer zu zerfallen. Kein Baumaterial war zu seinem eigentlichen Zwecke verwandt; alles stammte vom Abbruch; den gibt es ja täglich in Paris. Ein Fensterladen war aus Brettern zusammengefügt, die einst als Schild eines Modewarenladens gedient hatten, und man las noch den alten Namen in aller Deutlichkeit. Kein Fenster glich dem andern, alle waren an unmöglichen Stellen in die Mauern gebrochen. Das Erdgeschoß war scheinbar noch der wohnlichste Teil, aber es war auf einer Seite erhöht, auf der andern schienen die Räume tief unter dem Niveau der Straße zu liegen. Zwischen dem Tore und dem Hause befand sich ein mächtiger Schmutztümpel, Abwaschwasser und Regenwasser mischten sich in seinem trüben Spiegel. Die Grundmauer, auf der sich das verwahrloste Wohnhaus erhob, und die fester gebaut schien als der Rest, war umgeben von vergitterten Käfigen, wo Kaninchen ihre sprossende Zucht hatten. Rechts vom Torwege fand sich, von der Vorratskammer überragt, ein Kuhstall, der mit dem Wohnhause durch eine Milchkammer in Verbindung stand. Linker Hand war ein Hühnerhof, ein Pferdestall und ein Schweinekoben. Alles war mit elenden weißen Holzschindeln gedeckt, die notdürftig übereinander genagelt waren. Zwischen ihnen sah Binsenwerk hervor. Wie überall, wo das Mahl für den Bauch von Paris vorbereitet wird, zeigten sich auch hier Zeichen der Überhastung, die das Fertigwerden zur bestimmten Stunde erzwingt. Die großen Milchkannen aus Weißblech, in denen man die Milch transportiert, die Töpfe, in denen die Sahne aufbewahrt wird, lagen wie Kraut und Rüben vor der Milchkammer, zwischen ihnen trieben sich die Tücher umher, mit denen man den Verschluß dichter macht. Die Fetzen und Lumpen zur Reinigung flatterten in der Luft, an Stricken mit Heftklammern befestigt. Ein friedliches Roß (eine Rasse, die man nur bei Milchhändlern findet), hatte sich einige Schritte von der Milchkarre entfernt und stand vor dem Stalle, dessen Tür geschlossen war. Eine Ziege knabberte das Laub eines kraftlosen, vergilbten Weinstocks ab, welcher die zerfallende Mauer des Hauses bekleidete. Ein Kätzchen hatte sich neben die Sahntöpfe hingesetzt und naschte.

Als Derville kam, erhoben sich kreischend vor Erschrecken die Hühner in die Lüfte, und der Hofhund begann zu bellen.

»Ist es möglich? Hier kann der Mann leben, der einmal das Schicksal einer Schlacht entschieden hat?« sagte Derville zu sich, indem er mit einem Blick die ganze Erbärmlichkeit des Ortes umfaßte.

Die Wohnung war nur unter dem Schutze von drei halbwüchsigen Jungen geblieben. Der eine war auf einen mit Grünfutter beladenen Karren geklettert und warf von dort Steine in den Rauchfang eines benachbarten Hauses, in der Hoffnung, sie würden in den Suppentopf fallen. Der andere gab sich Mühe, ein Schwein wie über eine Treppe einen Karren heraufzuführen, der an die Erde gesenkt dastand, während der dritte, auf der andern Seite des Wagens hängend, nur darauf lauerte, daß das Schwein endlich oben stünde, um dann mit ihm Wippe zu spielen. Als Derville fragte, ob hier Herr Chabert wohne, mochte keiner antworten, sondern sie glotzten ihn alle blöden Geistes an, wenn man die Worte blöd und Geist verknüpfen darf. Er wurde wütend über das höhnisch foppende Wesen der drei Lausejungen, und konnte es, wie viel Erwachsene es Kindern gegenüber tun, nicht unterlassen, sich in einen Schwall halb wütender, halb gutmütiger Schmähworte zu ergießen, und sofort begannen die Jungen mit einem plumpen Lachen wiehernd zu antworten. Derville wurde böse. Der Oberst hörte dies und kam in Eile aus einer kleinen Stube, die neben der Milchkammer gelegen war; nun trat er auf die Schwelle des niedrigen Zimmers mit seiner ganzen, unerschütterlichen soldatischen Ruhe. Er hatte zwischen den Zähnen eine »fein angerauchte« Pfeife (die Raucher werden mich verstehen), eine gemeine weiße Tonpfeife, die man Nasenwärmer oder Gurgelkratzer nennt. Er hob den Schirm einer unglaublich schmierigen Mütze, erblickte Derville und watete schnell durch die Mistpfütze, denn er wollte möglichst rasch seinen Wohltäter begrüßen. Mit freundlich kameradschaftlichem Ton rief er den Jungen zu: »Habt acht!« Die Kinder schwiegen sofort still und bezeugten so achtungsvoll den Respekt, den ihnen der alte Soldat einexerziert hatte.

»Aber warum haben Sie mir nicht geschrieben?« sagte der Alte zu Derville. »Bitte, gehen Sie den Kuhstall entlang. Nein, hier, da ist der Weg gepflastert«, rief er, da er sah, wie der Anwalt sich angesichts seiner reinen Schuhe und der Mistpfütze nicht recht entscheiden konnte. Der Anwalt sprang von Stein zu Stein und kam endlich zu der Tür, über deren Schwelle der Oberst getreten. Freilich schien Chabert in schrecklicher Verlegenheit, den Anwalt in dem Zimmer zu empfangen, das er bewohnte. Beim besten Willen konnte Derville nur einen einzigen Stuhl in der Stube entdecken. Das Lager des Obersten bestand aus einigen Bündeln Stroh, auf welche die Wirtin zwei oder drei Fetzen ausgebreitet hatte, Reste ehemaliger Teppiche, wie sie die Milchhändler gern zum Austapezieren und Polstern der Sitze in den Karren verwenden. Der Estrich war nichts anderes als gestampfter Lehm. Die Wände waren voll Salpeter, zeigten Sprünge und Risse, und von ihnen ging ein so feuchter Schwaden aus, daß man die Mauer, an der der Oberst schlief, noch mit einer Matte aus Schilf hatte decken müssen. Der berühmte verfilzte militärische Reitrock hing an einem Nagel an der Wand. Zwei schäbige Stiefelpaare lehnten in einem Winkel. Nirgends gewahrte man eine Spur frischer Wäsche. Auf der wurmstichigen Tischplatte lagen die Bulletins de la grande armée, im Neudruck von Plancher. Sie waren in der Mitte aufgeschlagen, schienen die einzige Lektüre des Obersten zu sein. Sein Gesicht strahlte heiter und ruhig mitten im Elend. Sein Besuch bei Derville hatte, so schien es, seine Gesichtszüge verändert, der Anwalt fand sie gemildert, von innerer Leuchtkraft erhellt, wie sie jede Hoffnung verleiht.

»Stört Sie der Rauch meiner Pfeife?« fragte er, und schob dem Anwalt einen Sessel hin, dessen Strohgeflecht halb in Fransen ging.

»Aber, Oberst, wie hausen Sie hier!«

Diese Worte waren Derville durch das Mißtrauen entrissen, das eine Berufskrankheit aller Anwälte ist, wohl auch ein Effekt der furchtbaren Erfahrungen, der grauenhaften Dramen, die sie aus der Nähe sehen müssen und denen sie sich nicht entziehen können. »Sieh mal,« dachte er, »wo ist mein Geld geblieben? Hat er es nicht dazu verwandt, den drei Todsünden des Militärs zu fröhnen, als da sind: Wein, Spiel und Weiberfleisch?«

»Es ist nicht zu leugnen, lieber Herr, durch Luxus zeichnen wir uns hier nicht eben aus. Es ist ein feldmäßiger Unterstand, verschönt durch Freundschaft. Aber . . .« und hier warf der Oberst dem Rechtsmenschen einen tiefen Blick zu, »keinem habe ich Böses getan, ich habe nie einen Menschen zurückgestoßen, kann ruhig schlafen.«

Der Anwalt dachte, es wäre kein Zeichen von Zartgefühl, den Oberst zu fragen, was er mit dem Gelde begonnen, das er ihm vorgestreckt hatte und sagte bloß: »Warum kamen Sie nicht nach Paris, sie hätten da ebenso billig leben können, hätten es aber um so viel besser gehabt.«

»Aber,« meinte der Oberst, »die guten Leute, bei denen ich jetzt bin, haben mich seinerzeit aufgenommen, haben mich ein Jahr ohne Entgelt verpflegt. Sollte ich sie verlassen, als ich ein wenig zu Gelde kam? Und dann ist der Vater der drei Jungen ein alter Ägypter . . .«

»Wie, ein Ägypter?«

»Ja, wir nennen die alten Troupiers so, die den Feldzug in Ägypten mitgemacht haben. Ich war auch dabei. Wir alle, die dort waren, sind uns Brüder, und nun gar Vergniaud, der in meinem Regiment gedient hat. Wir haben den letzten Tropfen Wasser in der Wüste geteilt. Und dann habe ich auch den drei Lausejungen das Lesen und Schreiben noch nicht völlig beigebracht.«

»Nun, dann hätte er Sie doch ein wenig besser unterbringen können, für Ihr Geld.«

»Ach was,« sagte der Oberst, »seine Kinder schlafen auf der Streu nicht anders als ich. Seine Frau und er haben auch kein besseres Lager. Es sind arme Leute, so ist es nun einmal. Sie haben eine Sache angefangen und die geht über ihr Vermögen. Aber, wenn ich meine Güter erst wieder einmal habe, alles . . . Na ja, Schluß.«

»Oberst, morgen oder doch bald soll ich Ihre Akten aus Heilsberg bekommen. Ihre Wohltäterin lebt noch.«

»Verdammtes Geld! Daß ich nie genug habe,« rief der Oberst und schleuderte seine Pfeife auf den Boden.

Eine schön angerauchte Pfeife ist etwas wertvolles für einen Raucher. Aber diese Bewegung kam ihm so von Herzen, es lag so viel Noblesse in ihr, daß alle Raucher und selbst die Tabakregie ihm diese Verletzung der heiligen Tabakmajestät verziehen hätten. Engel hätten die Stücken aufheben müssen . . .

»Oberst, Ihre Sache ist verwickelt über alle Maßen«, sagte Derville. Er verließ das Zimmer, um draußen in die Sonne zu gehen.

»Mir erscheint sie das einfachste auf der Welt«, sagte der alte Soldat. »Man hat angenommen, ich sei tot. Aber ich lebe. Ich bin da. Man gebe mir meine Frau zurück, mein Geld. Man gebe mir den Rang eines Generals, der mir gebührt, denn ich bin am Vorabend der Schlacht bei Eylau in die nächsthöhere Rangklasse gerückt.«

»So einfach gehen die Dinge nicht in der Welt des Rechts vor sich«, sagte Derville. »Hören Sie mich ruhig an. Sie sind der Oberst Chabert, ich bin gern damit einverstanden, aber es handelt sich darum, eben dieses Faktum formell Leuten zu beweisen, die das stärkste Interesse daran haben, Ihre Existenz zu leugnen. Was ist zu tun? Ihre Protokolle werden angestritten werden. Das heißt, die Vorfragen, zehn oder zwölf an der Zahl, müssen vorerst im Feststellungsverfahren beantwortet werden. Alle kommen sie im Berufungswege bis an den obersten Gerichtshof, das heißt, es werden ebensoviel kostspielige Prozesse geführt werden müssen, die sich in die Länge ziehen, ich mag so viel Tempo hereinbringen, als ich nur kann, es geht seinen Weg. Ihre Gegner werden einen Lokalaugenschein und eine Personenprüfung verlangen. Widersetzen können wir uns nicht. Möglicherweise muß man den Lokalaugenschein in Preußen vornehmen. Aber setzen wir die günstigere Eventualität, rechnen wir damit, daß das Gericht ohne weiteres anerkennt, Sie seien der Oberst Chabert. Können wir wissen, wie sich die Justiz zu der in gutem Glauben eingegangenen Doppelehe der Gräfin Ferraud stellt? In Ihrer Sache ist der entscheidende Punkt außerhalb des geschriebenen Rechts. Urteilen läßt sich da nur nach der Stimme des Gewissens und des Gefühls, wie das Geschworenenkollegium urteilt, das in den bizarren Rechtssachen gewisser Strafprozesse sein Votum nach dem Herzen abgibt. Das sind eben Grenzfälle. Sehen Sie, Sie haben keine Kinder aus Ihrer Ehe, das neue Ehepaar hat deren zwei. Es ist möglich, daß das Gericht jenes Eheband als aufgelöst erklärt, bei dem sich die geringeren Bindungen befinden, zugunsten jenes Ehebandes, wo die stärkeren sind, alles unter der Voraussetzung von Treu und Glauben bei allen Beteiligten. Wären Sie wohl in einer guten moralischen Position, wenn Sie, in ihrem Alter und unter den eben bestehenden Voraussetzungen auf Biegen und Brechen Ihren Anspruch auf eine Frau durchfechten wollten, die Sie nicht mehr liebt? Dann stünden auf der Gegenseite Ihre Frau und ihr Mann, zwei einflußreiche Personen, die ihren Einfluß auf den Gerichtshof auch geltend zu machen verstehen. Der Rechtsstreit hat daher Elemente, die schon ihre Schwierigkeiten und Härten haben. Sie würden alt und grau werden und Kummer und Sorge würden Ihnen nicht erspart bleiben.«

»Und mein Vermögen?«

»Glauben Sie an ein großes Vermögen?«

»Hatte ich nicht dreißigtausend Franken jährliche Rente?«

»Mein lieber Oberst, Sie haben vor Ihrer Vermählung, im Jahre 1799 ein Testament gemacht, das ein Viertel den Waisenhäusern zusprach.«

»Das ist wahr.«

»Nun sehen Sie doch! Man glaubte Sie tot, man mußte ein Inventar aufnehmen, eine Liquidation durchführen, damit die Waisenhäuser zu ihrem Gelde kämen. Mußte. Aber Ihre Frau hat sich keine Gewissensbisse gemacht, die Armen um das Geld zu bringen. Es gibt ein Inventar: Aber dabei hat man zweifelsohne des baren Geldes keine Erwähnung getan, ebensowenig des Schmuckes. Mit minimalen Summen hat man das Silberzeug angesetzt. Die Einrichtung hat man um ein Drittel niedriger bewertet, sei es, um Ihrer Frau einen Gefallen zu tun, sei es, um die Erbschaftssteuer zu erniedrigen, vielleicht auch deshalb, weil die Schätzkommissare persönlich für die Schätzungssumme haften. So hat man schließlich eine Vermögensaufnahme zustande gebracht, die keinen höheren Geldwert als sechshunderttausend Franken repräsentierte. Ihrerseits besaß die Witwe den Anspruch auf die Hälfte. Man hat alles verkauft und sie hat alles unverzüglich auf eigene Rechnung zurückgekauft, sie hat den Rahm von allem abgeschöpft. Den Waisenhäusern verblieben nur fünfundsiebizgtausend Franken. Nun erbte außerdem, wohlgemerkt, da Sie Ihrer Frau in dem Testament keine Erwähnung tun, der Staat einen Teil und auf diesen Teil, der dem Fiskus zukommt, hat der Kaiser durch ein Dekret zugunsten Ihrer Witwe verzichtet. Wie hoch beliefe sich nun Ihr Anspruch? Nur auf dreißigtausend Franken. Und davon sind die Unkosten abzuziehen.«

»Und das heißt bei Euch Gerechtigkeit?« sagte der Oberst ganz entgeistert.

»Aber, sicherlich . . . freilich . . .«

»Nun, eine nette Sache!«

»Sie ist wie sie ist, mein armer Oberst. Sie sehen, so leicht, wie Sie sichs dachten, ist die Angelegenheit nicht. Frau Gräfin kann sogar den Teil behalten, der ihr aus der Hand des Kaisers zugekommen ist.«

»Aber sie ist keine Witwe. Das Dekret ist ungültig . . .«

»Zugegeben. Aber streiten und Prozesse führen kann man um alles. Hören Sie mich an, bitte! Wie die Dinge heute liegen, wäre ein Vergleich, sowohl für Sie wie für die Gräfin, die weitaus beste Lösung. Sie würden eine Summe gewinnen können, die Ihren gesetzlichen Anspruch weit übertrifft.«

»Ich soll also meine Frau verkaufen?«

»Wenn Sie erst achtzigtausend Franken Rente besitzen, finden Sie in Ihrer Lage tausend Frauen, die besser zu Ihnen passen und die Sie vor allem tausendmal glücklicher machen würden. Ich habe vor, noch heute die Gräfin aufzusuchen, ich will das Terrain sondieren. Aber ich wollte erst Sie verständigen, bevor ich den Schritt unternehme.«

»Wir wollen beide hin zu ihr . . .«

»Jetzt? Wie Sie gehen und stehen? Nein, liebster Herr Oberst, nein und nochmals nein. Sie könnten mit einem Schlage Ihren Prozeß verlieren . . .«

»Kann ich ihn gewinnen?«

»In allen Stücken«, antwortete Derville. »Aber mein teurer Oberst Chabert, Sie vergessen eines: Ich bin nicht reich, meine Praxis ist nicht vollständig abgelöst. Sollen nun die Gerichte Ihnen eine vorläufige Zahlung zugestehen, das heißt einen Vorschuß auf Ihr künftiges Vermögen, so kann das erst dann sein, wenn die Behörden sagen: Ja, Sie sind der Oberst Chabert und Großritter der Légion d'honneur.«

»Ach ja, ich bin Großritter der Legion, ich dachte nicht mehr daran«, sagte der Oberst naiv.

»Aber bis dahin? Muß man nicht«, sagte Derville, »Prozeß führen, das heißt, Anwälte bezahlen, Erkenntnisse anfordern und bezahlen, Gerichtsvollzieher in Bewegung setzen, zahlen und dann doch auch selbst leben? Die Kosten des vorläufigen Instanzenwegs beliefen sich, von heute auf morgen, auf zwölf- bis dreizehntausend Franken. Ich habe sie nicht. Ich habe genug zu keuchen unter der Last der Zinsen, die ich dem Mann schuldig bin, der mir das Geld für meine Praxis geliehen hat. Und das sind enorme Beträge. Und Sie, haben Sie diese Summe?«

Große Tränen rannen aus den verwitterten Augen des armen Soldaten und glitten über seine faltigen Wangen hinab. Angesichts solcher Schwierigkeiten verlor er allen Mut. Wie ein böser Alb lastete das Gespenst dieser Welt, dieser Gesellschaft und dieser Gerichte auf ihm.

»So will ich,« schrie er, »will zum Sockel der Vendômesäule hintreten, dort laut rufen: Ich bin's, der Oberst Chabert, der das große Karré der Russen bei Eylau gesprengt hat. Die Gestalt aus Erz, sie wird mich wiedererkennen.«

»Und ohne Zweifel wird man Sie ins Irrenhaus stecken.«

Bei dieser gefürchteten Anspielung sank der Mut des Offiziers.

»Und nicht die geringste günstige Möglichkeit im Kriegsministerium?«

»Ach, die Bureaus,« sagte Derville, »sprechen Sie dort vor, aber nicht ohne ein rechtsgültiges Protokoll, das Ihre Todeserklärung für null und nichtig erklärt. Die Bureaus wollten am liebsten alle Leute des Kaiserreichs unter die Erde bringen.«

Starr, unbeweglich, seelenlosen Blicks, in grenzenlose Verzweiflung versunken, so stand der Oberst da. Das Militärrecht, kurz und bündig, entscheidet mit ja und nein, schuldig oder unschuldig und es entscheidet fast immer richtig. Es war das einzige Recht, das Chabert kannte. Jetzt sah er den Schlangenknoten von Schwierigkeiten, der zu entwirren war, nun begriff er, wieviel Geld man brauchte, um ihrer Herr zu werden, und nun erhielt der arme Soldat eine tödliche Wunde dort, wo die Männlichkeit des Mannes sitzt, im Willen. Es schien ihm unmöglich, ewig in Prozessen zu leben, tausendmal einfacher war es für ihn, arm zu bleiben, sich als einfacher Kavallerist in einem Regiment einstellen zu lassen, wenn man ihn annehmen wollte. Seine seelischen und körperlichen Leiden hatten seinen Organismus in den lebenswichtigsten Teilen und Organen lange schon zermürbt. Er streifte eine Krankheit, für die die Medizin noch keinen Namen hat, deren Sitz wie der Nervenapparat wandert und wechselt, ein Leiden, das man Seelenlähmung des Unglücks nennen könnte. Dieses Leiden war schwer, aber noch war's unsichtbar, noch konnte es ein glücklicher Augenblick heilen. Er war wie aus Eisen. Sollte sein Organismus ganz zugrunde gerichtet werden, bedurfte es nur eines neuen Hindernisses. Das mußte die geschwächten Kräfte vollends zerstören, das Herz mußte zum Stocken, zum Zittern und Flattern gebracht werden. Er war nicht der erste, der durch Kummer getötet wurde.

Dem Anwalt konnten die Zeichen tiefster Bedrückung nicht entgehen.

»Mut, Mut,« sagte er, »schließlich muß sich alles zum Guten wenden. Nur eins bedenken Sie. Können Sie sich mir ganz anvertrauen, ganz? Können Sie blind das Resultat annehmen, das ich selbst für das beste halte?«

»Tun Sie, was Sie wollen!«

»Ja, aber Sie geben sich in meinen Willen, wie ein Mensch, der in den Tod geht.«

»Muß ich denn nicht auf Stand, Namen verzichten? Erträgt das ein Mensch?«

»Ich sehe es nicht so«, sagte der Anwalt. »Wir wollen in aller Güte einen Vergleich anstreben, um Ihre Todeserklärung und Ihren Heiratskontrakt beide ungültig zu erklären, damit Sie zu Ihrem Recht kommen. Sie werden selbst, dank dem Einfluß des Grafen Ferraud, in den Listen der Armee zum General avancieren und zweifellos eine Pension erhalten.«

»Dann nur zu!« sagte Chabert. »Sie haben mein Vertrauen ganz.«

»Ich sende Ihnen also eine Vollmacht zur Unterschrift«, sagte Derville. »Leben Sie wohl. Mut, nur Mut! Wenn Sie Geld brauchen, wenden Sie sich an mich!«

Chabert ergriff warm die Hand des Anwalts, dann blieb er stehen, den Rücken an die Mauer gelehnt, er hatte nicht mehr die Kraft, ihm anders als mit dem Auge zu folgen.

Wie alle Leute, die das Gerichtsverfahren nicht kennen, war er vor dem drohenden Kampfe erschrocken. Nun war während dieser Unterredung zu wiederholten Malen hinter dem Eckpfeiler der Toreinfahrt die Gestalt eines Mannes sichtbar geworden, der auf der Straße stand, um den Schluß der Unterredung abzupassen, und die sich sofort an Derville heranmachte, als er ging. Es war ein alter Mann in blauem Kittel, einer weißen bauschigen Leinenhose, wie sie die Brauergesellen tragen. Auf dem Kopf trug er eine Mütze aus Otterfell. Sein Gesicht war braun, voller Falten und Runzeln, aber es zeigte eine gesunde Röte auf den Backen, Zeichen schwerer Arbeit und Ergebnis der Einwirkung der frischen Luft.

»Verzeihung, mein Herr,« sagte er zu Derville und hielt ihn am Arme fest, »ich möchte mir die Freiheit nehmen, Sie um ein Wort zu bitten. Denn als ich Sie mit unserem General sprechen sah, habe ich mir gedacht, vielleicht sind Sie sein Freund.«

»So, so?« sagte Derville, »weshalb interessiert Sie das? Und wer sind Sie?« setzte er mißtrauisch hinzu.

»Ich? Louis Vergniaud«, antwortete der andere sofort. »Ich habe Ihnen nur zwei Worte zu sagen.«

»Nun, dann sind Sie auch derjenige, der den Grafen Chabert so famos untergebracht hat, wie ich ihn angetroffen habe?«

»Verzeihen Sie, entschuldigen Sie, mein werter Herr, er hat doch das schönste Zimmer. Ich hätte ihm ja meine Stube gegeben, aber ich habe nur die eine. Ich hätte dann im Stall geschlafen. Ein Mann, der so viel gelitten hat, wie er, und der meine Würmer lesen lehrt, ein General, ein Ägypter, der erste Leutnant, unter dem ich gedient habe . . . Das muß man sehen, so was sieht man nicht noch einmal! Mit einem Wort, besser hätte ich ihn gar nicht unterbringen können. Ich habe mit ihm alles geteilt. Viel ist es ja nicht. Brot, Milch, Eier. Aber im Kriege ist es wie im Kriege. Alles aus gutem Herzen. Aber er hat uns drangekriegt!«

»Er?«

»Kein anderer. Drangekriegt, das ist das rechte Wort. Ich habe mich in eine Sache eingelassen, die über meine Kraft ging. Er sah es wohl. Das war ihm zuwider und er machte sich daran, meinen Gaul zu striegeln. Ich zu ihm: ›Was fällt dir ein, General?‹ ›Ach was,‹ sagt er, ›das Müßiggehen tut mir weh, und die Kunst des Pferdestriegelns habe ich mit der Muttermilch eingesogen.‹ Nun habe ich Wechsel im Höchstwerte meiner Milchwirtschaft einem gewissen Grados in Zahlung gegeben . . . Sie kennen ihn, mein Herr . . .«

»Aber, lieber Freund, ich habe keine Zeit für Ihre Erzählungen. Sagen Sie mir nur das eine, wie der Oberst Sie drangekriegt hat.«

»Hat er auch, mein werter Herr, so wahr ich Louis Vergniaud heiße und meine Frau dieserhalb geweint hat. Er wußte nun durch Nachbarn, daß wir nicht das Geld hatten, den ersten Wechsel einzulösen. Da geht der alte Bärenhäuter hin, packt alles zusammen, was Sie ihm gegeben haben, und bezahlt den Wechsel. Ist das nicht tückisch? Und dabei wissen meine Frau und ich, der arme Kerl hat keinen Tabak, den er doch so liebt. Aber jetzt, jetzt hat er Tag für Tag seine Zigarren und sollte ich mich in Stücke schneiden lassen, er soll sie künftig haben. Nein, er hat uns drangekriegt. Nun sehen Sie, ich wollte Sie bitten, denn wir wissen durch ihn, Sie sind ein Ehrenmann, Sie möchten uns so einhundert Taler leihen auf unser Geschäft, um ihm einen Anzug machen zu lassen und sein Zimmer einzurichten. Er wollte uns aus den Schulden freimachen, aber er hat uns nur tiefer in die Tunke hereingeritten . . . und drangekriegt.

Und das unter Freunden! Er hätte uns diesen Schimpf nicht antun dürfen. Auf meine Ehre, so wahr ich Louis Vergniaud heiße, lieber wollte ich meinen Leichnam verpfänden, als Ihnen diese Summe schuldig bleiben . . .«

Derville sah den Viehzüchter an und machte ein paar Schritte zurück, um das Haus, den Hof, die Mistpfützen, die Ställe, Kaninchen und Kinder noch einmal anzusehen.

Meiner Treu, dachte er, ich glaube, es gehört unzertrennlich zur Tugend, daß man nicht der besitzenden Klasse angehört. »Du sollst deine hundert Taler haben und mehr. Aber nicht ich werde sie dir geben, sondern der Oberst wird reich genug sein, um dir zu helfen, und dieses Vergnügen will ich ihm nicht nehmen.«

»Wann wird das sein? Bald?«

»Sicherlich!«

»Da dran wird meine Frau tausend Freude haben.« Und das gegerbte Gesicht des Viehzüchters wurde nochmal so schön.

Nun, sagte Derville zu sich, als er in sein Kabriolett stieg, vorwärts zu unserm Gegner. Wir wollen alles aufbieten, daß wir seine Karten sehen, er aber unsere nicht. Vielleicht ist die Partie mit einem Zuge zu gewinnen. Man müßte die Gräfin durch Schreck überrumpeln. Sie ist eine Frau. Wovor erschrecken Frauen? Aber Frauen erschrecken nur, wenn . . .

Er begann, sich in die Situation der Gräfin hineinzudenken, er versank in eine innere Betrachtung, wie sie die großen Politiker anstellen, die ihre Pläne kühn entwerfen und das Geheimnis der feindlichen Kabinette zu ertasten suchen.

Sind denn nicht auch Anwälte Politiker, nur daß sie nicht Staats-, sondern Privatgeschäfte leiten? Ein Blick auf die Lage des Grafen Ferraud und seiner Gattin ist hier nötig, um das Genie des Anwalts würdigen zu können.

*

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