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Oberst Chabert

Honoré de Balzac: Oberst Chabert - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenarrative
authorHonoré de Balzac
booktitleOberst Chabert
titleOberst Chabert
publisherDiogenes
year1977
isbn3257204515
translatorErnst Weiss
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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»Seht nur! Da kommt wieder einmal unser alter Militärfilz!«

Dieser Ruf entschlüpft dem Munde eines Schreibers, der zur Art derer gehörte, die man in den Anwaltsstuben Hans Dampf in allen Gassen nennt, und der im Augenblick damit beschäftigt war, mit mächtigem Appetit in ein Stück Brot hineinzubeißen. Nun brach er ein Stückchen Krume ab, rollte es zu einem Kügelchen, das er in heiterster Laune durch das Fenster schleuderte, auf dessen Rahmen er sich stützte. Wohl gezielt, schnellte das Kügelchen wieder zur Höhe des Fensters empor, nicht ohne den Hut eines Unbekannten getroffen zu haben, der gerade über den Hof des Hauses schritt. Es war ein Gebäude in der Rue Vivienne, hier wohnte Derville, der Rechtsanwalt.

»Halt! Simonnin,« sagte der Bureauvorstand und unterbrach die Addition einer Spesenrechnung, »lassen Sie Ihre Albernheiten, oder ich setze Sie vor die Tür. Ein Klient mag arm sein wie eine Kirchenmaus, ein Mensch bleibt er doch, Teufel noch mal!«

Der Hans Dampf in allen Gassen ist im allgemeinen, wie Simonnin im besonderen, ein Junge von dreizehn oder vierzehn Jahren, der in allen Anwaltsstuben dem Bureauvorstand unterstellt ist. Er hat sich um dessen Besorgungen und Liebesbriefe zu kümmern, die er auf seinen Gängen zu den Gerichtsvollziehern und zum obersten Gerichtshof mit zu erledigen hat. Solch ein Kind weiß fast nie etwas von Mitleid, es ist ungezogen und unerziehbar, dafür aber versteht es Gassenhauer zu erfinden, der Spott bricht ihm aus allen Poren, nicht minder die Gier nach Geld und der Hang zum guten Leben. Es benimmt sich wie ein Pariser Gassenjunge, denn das ist seine Natur, und die Schikane ist die Bestimmung seines Daseins. Und doch haben alle diese kleinen Laufburschen ein altes Mütterchen, das unter dem Dache haust und mit dem sie alles teilen: ihre dreißig oder vierzig Franken, die sie als Monatsgehalt beziehen. »Wenn es aber ein Mensch ist,« sagte Simonnin, »weshalb nennen Sie ihn einen alten Militärfilz?« Dabei ahmte der Junge die Art eines Schülers nach, der seinen Herrn Lehrer bei einem Fehler ertappt. Nun machte er sich wieder an sein Brot und an seinen Käse, wobei er den Rücken an das Fensterkreuz stützte, denn er hielt sich aufrecht wie ein altersmüder Gaul, ein Bein um das andere gerankt und immer auf der äußersten Kante seines Schuhes.

»Welchen Streich könnten wir nur diesem sonderbaren Kauz spielen?« sagte leise der dritte Bureauangestellte (er nannte sich Godeschal), während er sich mitten in seiner Überlegung unterbrach. Es handelte sich eben um eine Bittschrift, die von dem vierten Schreiber ausgefertigt und von zwei eben aus der Provinz gekommenen Neulingen kopiert wurde. Ohne Pause fuhr er in seinem Texte weiter fort: ». . . aber in seiner hochherzigen und wohlwollenden Weisheit hat seine Majestät, Ludwig der Achtzehnte . . . (alles in Worten auszuschreiben, hören Sie wohl, Desroches, Sie weiser Mann, der Sie die Sache ins reine schreiben sollen) . . . im Augenblicke, da sie die Zügel der Regierung wieder ergriff, verstanden (na, was hat er denn verstanden, der dicke Hanswurst?), hat seine Majestät die hohe Berufung verstanden, zu welcher sie von der göttlichen Vorsehung auserwählt war! . . . . . . (Ein Ausrufungszeichen und noch sechs Punkte dazu. Man ist beim obersten Gerichtshofe so bigott, daß man solches gerne sieht) und ihr erster Gedanke war, wie es das Datum der weiter unten angezogenen Verordnung erweist, alles Unheil wieder gutzumachen, das auf die schrecklichen und fürchterlichen Wirrnisse der Umsturzperiode zurückgeht, indem sie ihren allzeit getreuen und zahlreichen Dienern (zahlreich ist eine feine Schmeichelei, die denen beim obersten Gericht wohlgefallen muß), also seinen Getreuen alle noch nicht verkauften Güter wiedererstattet, sei es, daß sie zu dem ordentlichen oder außerordentlichen Gut der königlichen Krone gehören mögen, sei es endlich, daß sie sich unter den Stiftungen öffentlicher Natur befinden, denn dies ist und bleibt erweislich der Sinn und Geist der berühmten und so loyalen Ordonnanz, erteilt am . . . Halt!« sagte Godeschal zu den drei Angestellten, »diese verdammte Phrase hat meine Seite bis an den Rand angefüllt. Nun seht mal,« fuhr er fort, indem er mit seiner Zunge den Rücken des Schreibheftes anfeuchtete, um besser die dicken Blätter des Stempelpapiers umwenden zu können, »nun seht mal, wenn ihr ihm einen Streich spielen wollt, braucht ihr ihm bloß zu sagen, daß unser Chef für seine Klienten nur zwischen zwei und drei Uhr morgens zu sprechen ist, wir wollen sehen, ob er dann kommt, der alte Schurke.« Und Godeschal setzte die begonnene Phrase fort: »erteilt am . . . Sind Sie so weit?« fragte er.

»Ja«, schrien die drei Kopisten.

Alles ging seinen Gang weiter, die Bittschrift, das Plaudern und die Verschwörung.

»Erteilt am . . . Nun, Vater Boucard, wann ist die Ordonnanz ergangen? Die Punkte auf die i gesetzt! Donnerwetter! Das füllt die Seiten!«

»Donnerwetter«, wiederholte einer der Kopisten, bevor noch Boucard, der erste Angestellte, hatte antworten können.

»Was? Sie haben Donnerwetter hingeschrieben?« fragte Godeschal, indem er einen von den Neulingen anstarrte, mit tödlichem Ernst und lustigem Spott zugleich.

»Freilich hat er,« sagte Desroches, und beugte sich über die Kopie seines Nachbarn, »er hat hingemalt: Die Punkte auf die i gesetzt und Donnerwetter noch dazu mit f.«

Alle Angestellten brachen in ein dröhnendes Lachen aus.

»Aber, lieber Herr Huré, Sie halten Donnerwetter für einen juristischen Ausdruck und dabei geben Sie vor, Sie seien aus Mortagne?« rief Simonnin. »Radieren Sie es aus«, sagte der Bureauvorsteher. »Wenn der Richter, der diese Spesenrechnung prüft, so etwas zu Gesicht bekäme, würde er sagen, daß man sich über ihn lustig macht. Sie würden dem Chef Unannehmlichkeiten bereiten. Also, keine solchen Dummheiten mehr, Herr Huré. Ein Normanne darf eine Bittschrift nicht schlenderhaft schreiben. Auch bei den Schreibern gilt das Kommando: Schultert das Gewehr!«

»Erteilt am . . .« fragte Godeschal. »Sagen Sie mir doch wann, Boucard!«

»Juni 14«, antwortete der Vorstand, ohne seine Arbeit zu unterbrechen.

Ein Pochen an der Tür der Anwaltsstube zerschnitt die Phrase der weitschweifigen Bittschrift. Fünf Angestellte wie ein einziger Mann, mit blitzenden Augen voller Spott, mit gekräuselten Haaren auf den Köpfen, alle blickten nach der Tür, nachdem sie mit Stentorstimme Herein gerufen hatten. Boucard hatte sein Gesicht in einem Aktenheft eingemuffelt und ließ sich nicht darin stören, die Spesenrechnung auszuarbeiten.

Das Bureau war ein großer Raum. Natürlich fehlte der mächtige Ofen nicht, so wie er in allen Vorhöllen der Schikane zu finden ist. Die Röhren liefen schräg durch das Zimmer und trafen sich in einem Marmorkamin, auf dessen Platte man ein paar Stücke Brot, dann dreieckige Schnitten Fromage de Brie und frische Schweinskotteletten sah, neben Gläsern, Flaschen und einer Tasse Schokolade für den Vorstand des Bureaus. Der Duft all dieser Speisen mischte sich wunderbar mit dem Brodem des Ofens, der über alles Maß geheizt wurde, dazu kam noch der eigentümliche Odeur der Schreibstuben und der aufgehäuften Masse Makulatur, alles in allem eine so starke Mischung, daß darin der Gestank eines Fuchses spurlos untergegangen wäre. Der Fußboden war mit Kot bedeckt und mit den Resten Schnees, den die Angestellten mitgebracht hatten. Nahe beim Fenster befand sich das Zylinderbureau des ersten Schreibers, diesem benachbart ein kleiner Tisch für den zweiten. Der zweite »erledigte« im Augenblick den obersten Gerichtshof. Es war zwischen acht und neun Uhr morgens. Die Schreibstube hatte als einzigen Schmuck große gelbe Zettel, Ankündigungen von Beschlagnahmen, Verkäufen, Versteigerungen, sowohl zwischen Mündigen als zwischen Unmündigen, endgültige oder provisorische Erkenntnisse, die üblichen Ruhmestitel aller Anwaltsbureaus. Hinter dem Bureauvorstand erhob sich ein ungeheurer Aktenschrank, der die Mauer von unten bis oben bedeckte. Jedes Fach war vollgestopft mit Aktenmassen, aus denen Etiketten und rote Heftfäden heraushingen, wie sie den Prozeßakten ihr eigentümliches Aussehen verleihen. In den unteren Fächern des Schrankes häuften sich blaugeränderte Aktendeckel, die durch den Gebrauch vergilbt waren und auf denen man die Namen der »fetten« Klienten lesen konnte, deren saftige Angelegenheiten gerade jetzt im Dunst schmorten. Die schmierigen Fensterscheiben ließen nur wenig Licht herein. Es gibt ja überhaupt wenig Pariser Bureaus, in denen man im Februar vor zehn Uhr ohne künstliche Beleuchtung schreiben kann, denn sie sind alle das Opfer einer, im übrigen verständlichen, Vernachlässigung. Alle Welt kommt hin, keine Menschenseele verweilt in ihnen, kein persönliches Interesse ist einem so banalen Raum verknüpft, weder der Anwalt, noch die Parteien, noch die Angestellten legen Wert auf die Eleganz eines Raumes, der für die einen ein Treffpunkt, für die anderen ein Durchgangsraum, für den Anwalt sein Laboratorium ist. Das schmutzige Mobiliar vererbt sich von einem Anwalt zum anderen mit solcher Gewissenhaftigkeit, daß viele Bureaus noch Fächer und Tischladen mit Aufschriften besitzen, die auf eine längst überholte Art der Rechtsprechung hindeuten. Nun, dieses geräumige, staubbedeckte, düstere Bureau hatte, wie alle seiner Art, irgend etwas, das die Parteien anwiderte, und das ihm den Stempel einer ekelhaften Scheußlichkeit aufdrückte. Wenn freilich die feuchten, dunklen Sakristeien, wo die Gebete wie Pfeffer oder Zucker zugewogen und nach Gewicht bezahlt werden, nicht auf der Welt wären und ebensowenig die Magazine der Trödler, wo Lumpen und Fetzen sich umhertreiben als die Symbole der Erbärmlichkeit alles Lebens im allgemeinen und unserer Illusionen im besonderen – wenn diese zwei Schmutzwinkel der Poesie nicht geschaffen wären, dann bliebe die Schreibstube eines Anwalts das scheußlichste aller Gemächer, wo Menschen zusammenkommen. Aber sind denn die Spielhöllen, die Säle in den Gerichten, die Kabinettlein der öffentlichen Häuser oder die Lotteriebureaus etwas Besseres? Nein, es ist das gleiche. Und warum? Vielleicht deshalb, weil hier das Drama der menschlichen Seele sich in ihrem Innern abspielt. Was kann dann der umgebende Raum viel bedeuten? Ebensowenig, wie er einem großen Denker oder einem Ehrgeizigen von Rang nicht das mindeste bedeuten kann. So erklärt sich die Einfachheit solcher Menschen in äußeren Dingen.

»Wo ist mein Federmesser?«

»Ich bin gerade bei meinem Frühstück.«

»Du kannst dich aufhängen. Was soll ich mit meinem Tintenfleck auf der Bittschrift beginnen?«

»Still, meine Herren!«

Diese Ausrufe brachen im selben Augenblick los, als der alte Klient die Türe schloß. Er tat es so demütig, daß seine Bewegung unnatürlich wurde. So sind die Unglücklichen. Der Unbekannte versuchte ein Lächeln, aber seine Gesichtsmuskeln erschlafften, als er auf den blitzend unverschämten Gesichtern der sechs Angestellten vergeblich auch nur nach einem Schimmer von Freundlichkeit suchte. Er war es offenbar gewohnt, Menschen einzuschätzen, denn er wandte sich sehr höflich an den Hans Dampf in allen Gassen, in der Hoffnung, der Knirps würde ihm höflich antworten.

»Bitte, kann ich den Herrn Chef sprechen?«

Der boshafte Laufbursche antwortete dem armen Mann nicht, sondern tippte nur mit den Fingern der linken Hand gegen sein Ohr, wie um zu sagen: »ich bin taub. Leider.«

»Was wünschen Sie, mein Herr?« fragte Godeschal, nicht ohne einen Bissen Brot hinunterzuschlingen, groß genug, eine Vierpfünderkanone damit zu laden. Dann schwenkte er sein Taschenmesser hin und her, kreuzte die Beine und hob dabei den freien Fuß bis zu Gesichtshöhe empor.

»Mein Herr, ich bin heute zum fünften Male hier,« sagte der arme Kerl, »ich möchte Herrn Derville sprechen.«

»Geschäftlich?«

»Ja. Aber ich kann die Angelegenheit nur dem Chef auseinandersetzen . . .«

»Der Chef schläft. Wenn Sie ihn in einer schwierigen Angelegenheit zu Rate ziehen wollen . . . er arbeitet richtig so erst gegen Mitternacht. Aber wenn Sie uns Ihre Angelegenheit vortragen wollen, können wir ebensogut wie er . . .«

Der Unbekannte stand unbeweglich da. Scheu blickte er um sich wie ein Hund, der sich in eine fremde Küche eingeschlichen hat, und Angst hat, man könnte ihn prügeln.

Es ist eine Wohltat ihres Berufes, daß Anwaltsangestellte nie Angst vor Dieben haben. So ließen sie denn auch den Militärfilz, von jedem Verdacht unbehelligt, die Räumlichkeit studieren, wo er vergebens nach einem Stuhl Umschau hielt.

Aber die Anwälte haben ihr System, das ihnen zu möglichst wenig Stühlen in ihren Bureaus rät. Der gewöhnliche Klient, müde des Wartens, aufrecht auf seinen lahmen Beinen, macht sich davon, zwar unter Schimpfen und Schelten, aber er nimmt wenigstens nicht die Zeit in Anspruch, deren Preis und Wert, nach den Worten eines alten Prokurators, in keiner Kostenrechnung gebührend in Anschlag zu bringen ist.

»Ich hatte bereits die Ehre,« sagte der Unbekannte, »Sie davon in Kenntnis zu setzen, daß ich meine Angelegenheit ausschließlich Herrn Derville vorlegen kann. Ich will daher warten, bis er sich erhebt.«

Boucard hatte endlich seinen Kostenvoranschlag beendet. Der Duft seiner Schokolade stieg ihm in die Nase, nun verließ er seinen Rohrstuhl, kam zum Kamin, maß den alten Mann von Kopf bis zu Fuß, betrachtete seinen schäbigen Reitrock und machte eine Grimasse, die nicht wiederzugeben ist. Offenbar dachte er, wie immer man den Mann ausquetschte, ein Heller würde dabei doch nicht herauszubekommen sein. Er setzte daher ein bündiges, kurzes Wort in die Diskussion, um dem Bureau eine schlechte Kundschaft zu ersparen. »Die Herren haben Ihnen die Wahrheit gesagt. Der Chef arbeitet nur nachts. Ist Ihre Angelegenheit dringend, dann kann ich nur raten, um ein Uhr morgens wiederzukommen.«

Stumpfsinnig glotzte der Klient den Bureauvorsteher an und blieb stehen wie ein Stock. Die Angestellten kannten die Parteien der Prozesse, alle Wandlungen in ihren Zügen waren ihnen vertraut, auch die eigentümlichen Launen, die auf Unentschlossenheit und Grübelei zurückgehen. Sie ließen sich daher beim Essen nicht stören, und machten beim Kauen nicht weniger Lärm, als die Pferde es an ihrer Krippe tun und kümmerten sich nun nicht im geringsten um den Alten.

»Mein Herr, so werde ich heute abend kommen«, sagte der Alte, der zäh, wie alle Unglücklichen, den Menschen hier ihren Mangel an Menschlichkeit ins Gewissen rufen wollte. Denn die einzige Waffe, die das Elend noch besitzt, ist, die Justiz und die sogenannte Wohltätigkeit zu schreienden, offenkundigen Ungerechtigkeiten zu zwingen. Und haben die Unglücklichen die Gesellschaft der Lüge überführt, dann werfen sie sich nur um so inniger an die Brust Gottes, um sich da zu bergen.

»Hat der Kerl nicht einen Mordschädel?« sagte Simonnin, ohne abzuwarten, daß der Alte die Tür schloß.

»Er sieht aus wie aus dem Grabe gestiegen«, antwortete der Schreiber.

»Es ist irgendein alter Oberst, der den rückständigen Sold zurückfordert«, sagte der Vorstand.

»Nein, es ist ein alter Hausbesorger«, sagte Godeschal.

»Wetten, daß er von Adel ist«, schrie Boucard.

»Ich wette, er war Portier«, antwortete Godeschal. »Die Portiers sind die einzigen Wesen auf der Welt, die über solche verfilzte, ölige, unten ausgefranzte Mäntel verfügen, wie es der Mantel dieses alten Biedermannes ist. Habt ihr nicht seine Stiefel bewundert, die Wasser ziehen, oder seine Halsbinde, die ihm als Hemde dient? Er hat unter den Brücken geschlafen.«

»Er könnte ein Edelmann sein und doch Portiersdienste verrichtet haben«, rief Desroches. »Auch das hat sich schon begeben.«

»Nein,« antwortete Boucard mitten in der Brandung des Gelächters, »ich halte dafür, er war Bierbrauer zur Zeit der Revolution und Oberst unter der Republik.«

»Aber ich setze eine Loge für die ganze Gesellschaft aus, wetten, daß er nie Soldat gewesen?«

»Einverstanden«, antwortete Boucard.

»Mein Herr, mein Herr!« rief der kleine Schreiber, indem er die Fenster öffnete.

»Was tust du, Simonnin?« fragte Boucard.

»Ich rufe ihn und will ihn fragen, ob er Oberst oder Hausmeister ist. Wenn einer es weiß, ist er es.«

Alle Angestellten lachten. Aber der Alte stieg bereits wieder die Treppe empor.

»Was sagen wir ihm?« rief Godeschal.

»Laßt mich nur machen!« antwortete Boucard.

Der arme Alte kam schüchtern mit gesenkten Blicken zurück, vielleicht wollte er nicht seinen Hunger zeigen, wenn er gar zu gierig die Nahrungsmittel auf dem Kamin ansah.

»Mein Herr,« sagte Boucard, »wollen Sie doch die Freundlichkeit haben, uns Ihren Namen zu nennen, damit der Chef weiß, wer . . .«

»Chabert.«

»Oberst, gefallen zu Eylau?« fragte Huré, der noch nichts gesagt, und nur darauf gelauert hatte, einen Witz beizutragen.

»Derselbe, mein Herr!« antwortete der Alte mit der Einfachheit eines alten Römers. Und er zog sich zurück.

»SSSsssssttttt!«

»Abgeblasen!«

»Puff!«

»Oh!«

»Ah!«

»Bummmm!«

»Eine gelungene Nummer!«

»Trinn, trinn, lala, trinn, trinn!«

»Hereingefallen!«

»Herr Desroches, Sie werden gratis ins Theater gehen«, sagte Huré dem vierten Schreiber und gab ihm einen Stoß gegen die Schulter, stark genug, einen Ochsen umzuwerfen.

Das war ein Wirbelsturm von Geschrei, Gelächter und Ausrufen. Wenn man es nachahmen wollte, müßte man alle Geräusche der Welt zu Hilfe nehmen.

»In welches Theater wollen wir gehen?«

»In die Oper!« rief der erste.

»Übrigens,« versetzte Godeschal, »die Wahl des Theaters stand mir frei. Ich kann euch, wenn ich will, ins Flohtheater führen.«

»Das Flohtheater ist kein Schauspielhaus«, sagte Desroches.

»Was ist denn eigentlich ein Schauspielhaus?« nahm Godeschal das Wort, »wir wollen uns erst einmal über den Begriff juristisch klar werden. Was habe ich verwettet? Eine Vorstellung im Schauspielhaus. Was ist ein Schauspielhaus? Eine Stätte, allwo man schaut . . .«

»Nach diesem System könnten Sie uns ebensogut auf den Pont Neuf führen, eine Stätte, allwo man schaut, wie unten die Seine fließt«, unterbrach ihn Simonnin.

»Allwo man schaut gegen Entgelt«, setzte Godeschal fort.

»Man schaut gegen Entgelt eine Menge Dinge, die doch kein Theater sind. Ihre Begriffsdefinition ist nicht exakt.«

»Aber! Aber! Wollen Sie mich überhaupt anhören?«

»Sie sind nicht recht bei Verstand, mein Kind«, sagte Boucard.

»Ist Curtius ein Schauspielhaus?« sagte Godeschal.

»Nein,« erwiderte der Oberschreiber, »sondern ein Wachsfigurenkabinett.«

»Ich setze hundert Franken gegen einen Sou,« nahm Godeschal den Faden wieder auf, »daß das Kabinett von Curtius alles in allem ein Unternehmen darstellt, dem alle näheren Merkmale eines Schauspiels zukommen. Es stellt dar eine Stätte, wo man etwas zu sehen bekommt und zwar gegen Entgelt, das sich nach der Güte der Plätze richtet, und dem Preis, den man anlegen will . . .«

»Und Schnick und Schnack«, sagte Simonnin.

»Nimm dich in acht, daß du nicht eine Ohrfeige erwischst, Kerl«, sagte Godeschal.

Die anderen zuckten die Achseln.

»Übrigens, ist es denn sicher, daß sich der alte Affe nicht über uns lustig gemacht hat?« sagte er, indem er seine Beweisführung preisgab, die sowieso im Gelächter der anderen erstickte. »Tatsache ist: Oberst Chabert ist tot, seine Gattin hat sich wieder verehelicht, mit dem Grafen Feraud, Mitglied des Staatsrates. Frau Gräfin ist eine von unsern Klientinnen.«

»Die Verhandlung wird auf morgen vertagt«, sagte Boucard. »An die Arbeit, meine Herren! Hols der Teufel! Hier wird nichts geschafft. Machen Sie doch Ihre Bittschrift fertig, sie muß vor der Sitzung der vierten Kammer unterzeichnet sein. Heute findet die Verhandlung statt. Vorwärts!«

»Wäre er wirklich der Oberst Chabert gewesen,« sagte Huré, »hätte er dann nicht seinen Fuß am Hinterteil unseres witzigen Freundes Simonnin abgewischt, als der einen Tauben mimte?« und dieser Schluß schien ihm beweisender als alle Beweisgründe Godeschals.

»Dieweil noch alles in der Schwebe ist, einigen wir uns auf eine Loge im zweiten Rang der Comédie Française, wir wollen Talma als Nero sehen. Simonnin kann ins Parterre gehen.« Auf diese Worte hin setzte sich der Vorstand an seinen Tisch und die andern taten desgleichen.

»Erteilt im Juni des Jahres eintausend-acht-hundert-und-vierzehn alles in Buchstaben ausgeschrieben . . .« sagte Godeschal, »haben Sie das?«

»Ja«, antworteten die beiden Kopisten, und das Gekritzel der Federn auf dem Stempelpapier begann mächtig zu ertönen, nicht anders als hundert summende Maikäfer, von Schulkindern in Tüten eingeschlossen.

»Und so hoffen wir, daß die Herren, die das Tribunal zusammensetzen . . . Halt, ich muß meine Phrase noch einmal richtig durchgehen, denn ich kapiere mich selbst nicht mehr.«

»Sechsundvierzig . . . man hat auch so etwas schon gesehn . . . und drei sind neunundvierzig«, sagte Boucard.

Nachdem er seinen Satz überlesen hatte, diktierte Godeschal: »So hoffen wir, daß die Herren, die das Tribunal zusammensetzen, nicht weniger groß denken werden als der glorreiche Verfasser der Ordonnanz, und daß sie nach Gebühr mit den erbärmlichen Prätentionen aufräumen werden, die von der Großkanzlei der Ehrenlegion erhoben worden sind und daß sie vielmehr das Recht fassen werden im weitesten Sinne, in welchem wir selbes Recht geltend machen.«

»Herr Godeschal,« sagte der kleine Laufbursche, »wünschen Sie ein Glas Wasser?«

»Simonnin, du Lausejunge,« sagte Boucard, »sattle und zäume deine Rosse, nimm dieses Paket und fort zum Invalidenhause!«

». . . den wir hier geltend machen im Interesse von Frau . . . (ausgeschrieben) Frau Gräfin Grandlieu . . .«

»Was?« schrie der Vorstand, »Sie haben allen Ernstes vor, eine Bittschrift in Sachen Gräfin Grandlieu kontra Ehrenlegion zu verfassen, eine Angelegenheit, die auf Kosten des Bureaus geht, eine Akkordarbeit? Sie sind wahrhaftig ein Trottel! Wollen Sie wohl sofort ihre Kopien und ihr Original in die Ecke schmeißen? Übrigens können wir sie für die Affäre Navarreins kontra Findelhaus später verwenden. Aber es ist spät, ich will eben noch ein Plazet erwirken mit einer einstweiligen Verfügung und werde selbst zum Gericht gehen.«

Diese Szene stellt als Musterblättchen einen von tausend Freudentagen dar, über die man später, in Erinnerung an die schöne Jugend sagen wird: War das eine herrliche Zeit!

Gegen ein Uhr morgens pochte der angebliche Oberst Chabert an die Tür des Maître Derville, Rechtsanwalts am Tribunal der ersten Instanz des Seine-Departements. Der Pförtner antwortete, Herr Derville sei noch nicht zurück. Der Greis berief sich auf die zugesagte Zusammenkunft und stieg die Treppe zu dem berühmten Rechtskundigen empor, der trotz seiner Jugend für den hervorragendsten Juristen des Gerichtshofes galt. Der mißtrauische Bittsteller schellte und war dann nicht wenig erstaunt, als er sah, wie der Bureauvorstand auf der Tafel des Speisesaales seines Chefs die zahlreichen Aktenbündel in eben der Reihe ordnete, in der sie morgen »darankommen« sollten. Nicht weniger erstaunt war der Angestellte, aber er grüßte höflich und bat den Alten Platz zu nehmen, was dieser auch tat.

»Meiner Treu, lieber Herr, ich hatte schon gedacht, daß Sie einen Scherz gemacht haben, als Sie mir gestern eine so frühe Stunde für die Konsultation bestimmten«, sagte der Alte mit dem falschen Humor eines zugrunde gerichteten Mannes, der sich mit Gewalt zu einem Lächeln zwingen will.

»Es war ein Scherz der Schreiber und doch die Wahrheit«, sagte der Vorstand, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. »Herr Derville hat diese Stunde gewählt, um Prozesse zu prüfen, Möglichkeiten zu erwägen, Zug um Zug alles vorzuschreiben und die Verteidigung zu entwerfen. Seine außerordentliche Klugheit entfaltet sich nie freier als in diesem Augenblick, dem einzigen, der ihm diese völlige Ruhe gewährleistet, die nötig ist, wenn man auf geniale Eingebungen kommen soll. Sie sind, mein Herr, seitdem er Anwalt ist, erst der dritte Klient, dem er Konsultation zu nächtlicher Stunde zugesteht. Nach seiner Rückkunft wird nun der Chef jede Angelegenheit durchsprechen, alles aktenmäßig überlesen und so drei oder vier Stunden an die Sachen wenden. Dann wird er mir ein Klingelzeichen geben und mir seine Absichten auseinandersetzen. Von morgens zehn bis zwei Uhr nachmittags empfängt er seine Klienten, den Rest des Tages verwendet er auf seine Zusammenkünfte. Abends geht er in Gesellschaft, denn er hat große Verbindungen aufrechtzuerhalten. Er hat also nur die Nacht für sich, um die Prozesse zu durchleuchten, die Arsenale der Gesetzbücher zu durchstöbern und seine Schlachtenpläne zu entwerfen. Er will keinen Prozeß verlieren. Denn er liebt seine Kunst. Er übernimmt nicht, wie viele seiner Kollegen, jede Art von Prozeßangelegenheit. Dies ist sein Leben, das Dasein eines außergewöhnlich tätigen Geistes. Auch verdient er viel Geld.«

Schweigend hörte der Alte diese Auseinandersetzung an, und sein sonderbares Gesicht bekam einen so stupiden Ausdruck, daß der Vorstand, nach einem prüfenden Blick, sich keinen Augenblick länger um ihn kümmerte.

Bald trat Derville ein, in Gesellschaftskleidung. Der junge Advokat blieb einen Moment starr, als er im Halbdunkel den sonderbaren, seltsamen Gast warten sah. Der Oberst Chabert stand stramm und steif wie eine Figur aus Wachs im Kabinett Curtius, dort, wohin Godeschal seine Kollegen hatte führen wollen. Man hätte sich über seine Unbeweglichkeit nicht weiter aufgeregt, hätte nicht ohnehin sein Anblick wie der eines Menschen aus einer anderen Welt gewirkt. Der alte Soldat war dürr und mager. Seine Stirn, mit Absicht unter der glatt anliegenden Perücke verborgen, gab ihm einen Hauch von Geheimnis. Die Augen schienen mit einem feinen Schleier bedeckt, als hätte sich ein trübes Perlmutterhäutchen darüber gelegt, worin sich bläulich die Reflexe der Kerzen spiegelten. Das Gesicht bläulichblaß, scharf wie eine Messerschneide und, wenn man den banalen Ausdruck nicht scheut, bei lebendem Leibe tot. Der Hals war eingeschnürt von einer schmierigen schwarzseidenen Kravatte. Und der Schatten barg so kräftig den Körper unterhalb dieser Linie, die das dunkle Tuch gezogen hatte, daß ein Mensch mit ein wenig Phantasie diese Erscheinung für einen Schattenriß, von ungefähr an die Wand geworfen, hätte halten können oder für ein Gemälde von Rembrandt ohne Rahmen. Die Ränder des Hutes, der die Stirn des Alten deckte, warfen einen breiten, schwarzen Streifen auf das Antlitz.

Ein eigentümliches, obgleich ganz natürliches Spiel von Licht und Schatten ließ in strengen Gegensätzen die weißen Falten und Furchen, die eisigen Winkel und das ausgelaugte, leichenartige Wesen des Gesichtes bizarr hervortreten. Dazu noch die völlige, maskenhafte Starre, der versteinerte Leib, der erloschene Blick, dazu ein ungewisser Ausdruck trauriger Verblödung, mit allen demütigenden Anzeichen der Idiotie, mußte dies nicht aus der Erscheinung des Mannes etwas Unbeschreibliches machen, das menschliche Worte auszudrücken zu schwach sind? Aber ein guter Beobachter und gar ein Rechtsanwalt hätte außerdem in dieser Ruine eines Mannes noch Spuren tiefen Leidens gesehen, die Zeichen eines Jammers, der ihn Schritt für Schritt erniedrigt hatte, wie ewig fallende Tropfen selbst ein Marmorbild entstellen mögen. Ein Arzt, ein Dichter, ein Beamter, sie hätten eine Tragödie geahnt beim Anblick dieses Mannes, dieser edlen Schreckensgestalt, der man wenigstens eines nicht abstreiten konnte: den grotesken Phantasiefiguren gleich zu sein, wie sie die Maler spielend am Rande ihrer Radierungen hinzeichnen, wenn sie mit Freunden plaudern.

Beim Anblick des Advokaten lief über den Unbekannten ein krampfhafter Schauer, vergleichbar dem Erschrecken des Dichters, wenn ihn ein unvermutetes Geräusch aus seinen holden Träumen reißt, mitten in der Nacht, im Schweigen. Der Alte zögerte keinen Augenblick, die Kopfbedeckung abzunehmen und den Advokaten zu begrüßen. Ohne Zweifel war aber das Schutzleder seines Hutes sehr fett, denn seine Perücke blieb daran kleben, ohne daß er's merkte, und man erblickte plötzlich einen Schädel, schauderhaft verunstaltet durch eine Narbe von einem Ende zum andern, beginnend am Hinterhaupt und erst über dem rechten Auge endend, ein breiter flammend roter Streifen. Das plötzliche Verschwinden der schmierigen Perücke, die der Mann getragen, um seine starke Narbe zu verbergen, gab den zwei jungen Rechtskundigen nicht gerade Lust zum Lachen. So furchtbar war der gespaltene Schädel anzusehen. Was konnte man anderes denken, wenn man diese Narbe sah, als: Auf diesem Wege ging der Geist dieses Menschen dahin!

Ist es nicht der Oberst Chabert – ein Soldat ohne Furcht und Tadel ist es auf jeden Fall!

»Mein Herr,« sagte Derville, »mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?«

»Mit dem Obersten Chabert.«

»Welchem?«

»Dem bei Eylau gefallenen«, antwortete der Alte. Als sie diesen sonderbaren Satz hörten, warfen sich Chef und Schreiber einen Blick zu, der sagen sollte: Der Mann ist verrückt.

»Mein Herr,« setzte der Oberst fort, »ich hätte sehr den Wunsch, Ihnen allein das Geheimnis meiner Lage mitzuteilen.«

Eine immerhin bemerkenswerte Eigenschaft ist die Unerschrockenheit der Advokaten. Sei es, weil sie gemeiniglich eine große Anzahl Menschen zu empfangen gewohnt sind, sei es das tiefe Gefühl für den Schutz, den ihnen die Gesetze angedeihen lassen, sei's das Vertrauen auf ihre Mission, sie treten ohne Furcht und Zagen über jede Schwelle, wie es die Ärzte tun und die Priester. Derville gab dem Schreiber ein Zeichen, und er verschwand.

»Mein Herr,« sagte der Rechtsanwalt, »während des Tages bin ich nicht sehr sparsam mit meiner Zeit, aber während der Nacht wiegt mir jede Minute schwer. Bitte, seien Sie kurz und bündig. Nähere Aufklärungen werde ich selbst erbitten, falls sie notwendig scheinen sollten. Sprechen Sie!« Er ließ den sonderbaren Klienten Platz nehmen, setzte sich vor seinen Tisch, dann blätterte er, während er seine ganze Aufmerksamkeit auf die Unterredung mit dem ehemaligen Oberst konzentrierte, in seinen Aktenheften.

»Mein Herr,« begann der Verstorbene, »vielleicht ist Ihnen nicht unbekannt, daß ich bei Eylau ein Kavallerieregiment geführt habe. Ich hatte viel Glück bei dem berühmten Angriff, den Murat befohlen hat, und der die Wagschale des Sieges zu unsern Gunsten sinken ließ. Sehr zum Unglück für mich aber ist mein Tod ein historisches Ereignis, niedergelegt in den Victoires et Conquêtes, wo er mit allen Details dargestellt ist. Wir hatten kaum die drei Linien der Russen durchbrochen, als sie sich alsobald hinter uns schlossen und uns zwangen, in entgegengesetzter Richtung nochmals durchzubrechen. Im Augenblick, da wir die Reihen der Russen zerschmettert haben und zum Kaiser zurückgaloppieren, stoßen wir auf das Gros der feindlichen Reiterei. Ich stürze mich auf diese Eisenköpfe. Zwei russische Offiziere, wahre Enakssöhne, werfen sich zugleich auf mich. Der eine schmettert mir einen Säbelhieb auf den Kopf, so übermächtig, daß er alles außer einer seidenen Mütze, die ich gerade unter dem Helme trug, in Splitter schlägt. Diese Wunde öffnet mir den Schädel breit. Ich stürze vom Pferde. Murat eilt mir zu Hilfe, er sprengt über meinen Leib, er und seine Leute, fünfzehnhundert Mann. Mehr waren's nicht. Mein Tod wird dem Kaiser gemeldet, der klug, wie er war (und er liebte mich auch ein wenig, unser Herr und Meister), wissen wollte, ob es denn keine Möglichkeit gäbe, den Mann zu retten, dem er diesen machtvollen Reiterangriff verdankte. Um mich aufzufinden und zum Verbandsplatz zu bringen, entsandte er zwei Chirurgen, denen er, vielleicht so nebenhin, denn er war mitten in seiner Arbeit, gesagt haben mochte: ›Seht doch nach, ob nicht zufällig mein armer Chabert doch noch lebt!‹ Die zwei jungen Dächse, die mich eben von den Hufen zweier ganzer Regimenter überritten gesehen hatten, glaubten es mir wahrscheinlich nicht schuldig zu sein, meinen Puls zu fühlen, und sie sagten, ich sei tot. Das Protokoll über mein Hinscheiden wurde demnach in allen Regeln festgesetzt, wie sie das Militärrecht vorschreibt.«

Als der junge Advokat hörte, daß sein Klient sich mit außerordentlicher Klarheit ausdrückte und daß seine Erzählung, so sonderbar sie klang, doch einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht entbehrte, ließ er seine Aktenhefte sein, stützte seinen linken Arm auf den Tisch, sein Gesicht auf seine Hand und sah den Klienten festen Blickes an.

»Wissen Sie, mein Herr,« unterbrach er den Alten, »daß ich der Anwalt der Gräfin Ferraud bin, der Witwe des Obersten Chabert?«

»Meiner Frau? Gewiß. Denn ich habe gerade Sie aufgesucht, nach tausend nutzlosen Wegen und Gesuchen bei Juristen, die mich für einen Irrsinnigen erklärt haben. Mein Unglück erzähle ich Ihnen im folgenden. Lassen Sie mich vor allem die Tatsachen feststellen, Ihnen klarlegen, wie alles möglich war, was wirklich geschah. Einige Details, die nur unser Vater im Himmel wissen kann, kann ich nur erzählen, wie sie wahrscheinlich vor sich gegangen sind. Offenbar haben meine Wunden zu einem Starrkrampf geführt, und mich so in eine Verfassung gebracht, die man, wie ich glaube, Dämmerzustand nennt. Wie anders könnte ich's sonst erklären, daß man mich, nachdem man mich nach altem Kriegsbrauch vom Kopf bis zum Fuß ausgeplündert, in die Totengrube für die Mannschaft warf? Hier möchte ich mit Ihrer Erlaubnis eine Einzelheit erwähnen, die ich erst nach dem Ereignis erfahren habe, das man füglich meinen Tod nennen kann. Ich habe im Jahre 1814 in Stuttgart einen alten Wachtmeister meines Regimentes getroffen. Dieser liebe Mann, der einzige, der mich wiedererkennen wollte und von dem ich dann gern noch weiteres erzähle, hat mir das Geheimnis meiner Rettung erklärt, dergestalt, daß mein Gaul ein Geschoß in die Flanke erhielt im gleichen Augenblick, da ich selbst fiel. Pferd und Reiter purzelten also wie ein Kartenhaus zusammen. Beim Sturze drehte ich mich nach rechts oder links, jedenfalls legte sich der Leib meines Pferdes über mich, und so schützte er mich vor dem Zertretenwerden und vor neuen Wunden.

Als ich zu mir kam, mein Herr, war ich in einer so fürchterlichen Lage, erstickte in einem so grauenhaften Dunst, daß ich Ihnen keinen Begriff davon geben kann, und hätte ich auch Zeit, bis morgen weiter zu erzählen. Das bißchen Luft war Fäulnisbrodem. Ich wollte mich regen, nirgends war Raum. Öffnete ich die Augen, gab es nur Grabesdunkel ringsum. Die geringe Menge Luft zum Atmen, die ich noch erhaschte, gab mir eine schrecklichste Drohung von Gefahr und blitzschnell Klarheit über meine Lage. Ich sah ein: dort, wo ich jetzt war, erneuerte sich die Atmosphäre nicht, sterben mußte ich. Dieser Gedanke verjagte das Gefühl des körperlichen Schmerzes, durch das ich erwacht war. Meine Ohren beginnen zu dröhnen, ich höre oder glaubte zu hören, wie der Haufen von Kadavern seufzt und stöhnt, wer kann es sagen, und mitten unter ihnen ich. Dunkel ist die Erinnerung an diesen Augenblick, mein Gedenken verworren, tiefer waren die Eindrücke des Leides, das mich erwartete, und sie sind es, die mein Hirn verstört haben, und doch erlebe ich jetzt noch Stunden, da ich nachts erwache und die Leichen unter mir erstickt stöhnen höre. Aber es gibt noch etwas, das fürchterlicher ist als alle Schreie, das ist die Totenstille, die ich sonst in keinem Winkel der Welt gefunden habe, das wahre eisige Schweigen der Gruft. Endlich recke ich meine Hand aus, taste um mich, entdecke einen leeren Raum zwischen meinem Kopfe und dem wirren Haufen Menschenfleisch über mir. Nun kann ich diese Entfernung ausmessen, die man aus mir unbekannten Gründen frei gelassen hatte. Dank der Unbekümmertheit, mit der man uns in aller Eile wie Kraut und Rüben herabgeschaufelt hatte, hatten sich zwei menschliche Körper über mir gekreuzt in der Weise, wie es Kartenblätter tun, aus denen sich ein Kind ein Schloß baut. In aller Hast fahre ich mit meinen Händen um mich und finde zum Glück einen abgehauenen Arm, einen Heraklesarm, eine riesige Gliedmasse, der ich mein Dasein verdanke. Denn ohne diese unerhoffte Hilfe wäre ich zugrunde gegangen. Aber mit einer Wut, die Sie verstehen werden, machte ich mich daran, die Leichname, die sich zwischen uns und der Erdschicht befanden, ich sage uns, als ob's noch einen Lebenden außer mir gegeben hätte, mit möglichster Schnelle fortzuräumen. Ich ging fest darauf los, denn – ich lebe noch, mein Herr. Weiß ich, wie ich's fertigbrachte, die Schicht aus Menschenfleisch zu durchbrechen, die zwischen mir und der Oberwelt lag? Sie werden sagen, drei Arme sind etwas. Und diesem Hebel aus Fleisch und Blut, den ich mit allem Raffinement handhabte, verdankte ich immer etwas Luft, die zwischen den Kadavern angesammelt war. Ich sparte mit jedem. Atemzug. Endlich sehe ich den Tag! Aber überall Schnee. Jetzt erst merkte ich meine offene Wunde. Zum Glück hatte sich mein eigen Blut oder das meiner Kameraden oder die Haut meines armen Pferdes, was weiß ich, durch die Gerinnung in ein natürliches Schutzpflaster verwandelt. Trotz dieses Schutzes fiel ich in Ohnmacht, kaum daß mein Schädel den Schnee berührt hatte. Indessen konnte doch das wenige an Wärme, das ich noch in mir hatte, den Schnee zum Schmelzen bringen rings um mich, und ich fand mich, als ich wieder zu Bewußtsein kam, in der Mitte einer kleinen Erdgrube. Nun schrie ich aus Leibeskräften, solange ich nur konnte. Aber als die Sonne stieg und doch alles schwieg, hatte ich also kaum Aussichten, daß mich einer hörte. Gab es überhaupt Menschen auf dem öden Felde? Ich richtete mich auf, indem ich meine Füße auf den Rücken der Toten unter mir stützte, die kräftige Körper hatten. Sie verstehen, es war nicht der Augenblick, ihnen zu sagen: Achtung dem Mutigen, den Unglücklichen! Kurz, mein lieber Herr, ich mußte zu meinem Schmerz oder besser zu meiner Wut sehen, wie diese gottverdammten Deutschen lange – lange genug, glauben Sie es mir – ausrissen, da sie eine Stimme hörten und keinen Menschen sahen, endlich aber ward ich befreit von einer Frau, sie war so mutig oder so von Neugierde geplagt, daß sie sich meinem Kopfe näherte, der nicht anders wie ein Pilz aus der Erde geschossen war. Die Frau holte sofort ihren Mann herbei, beide trugen mich in ihre arme Hütte. Wie es scheint, hatte ich einen neuen Anfall des Dämmerzustandes, gestatten Sie diesen Ausdruck, um Ihnen einen Zustand zu schildern, von dem ich zwar keine rechte Ahnung habe, der aber nach den Berichten meiner Wirtsleute eine Folge meiner Krankheit gewesen sein muß. Sechs Monate zwischen Leben und Tod. Ich sprach nicht oder redete irre. Endlich brachten mich die Leute ins Hospital zu Heilsberg. Begreifen Sie, mein Herr, aus dem Grabe war ich aufgestiegen, nackt, wie aus dem Mutterleibe. Und als ich eines schönen Morgens, sechs Monate nachher, mich erinnerte: Ich bin der Oberst Chabert, und ich habe meinen Verstand wieder! und als ich dann von meinem Wärter mehr Respekt forderte, als er einem armen Teufel zubilligen mochte – brachen in diesem Augenblick alle Zimmergenossen in ein tolles Gelächter aus. Zum Glück für mich war der Arzt persönlich für meine Genesung eingestanden und hatte sich, schon aus Eigenliebe, für seinen ›Fall‹ interessiert. Als ich nun in Verfolg meines früheren Daseins zu sprechen begann, da ließ der brave Mann, Sparchmann heißt er, in den Formen des üblichen Landesrechtes feststellen, auf welche wunderbare Weise ich aus der Totengrube gestiegen, wann, Stunde und Tag, mich meine Wohltäter gefunden, ihr Name, ferner Art und genaue Lage meiner Wunden, hierzu verschiedene Protokolle, Verhöre und eine exakte Personalbeschreibung. Nun sehen Sie, lieber Herr, ich besitze weder diese wichtigen Schriftstücke noch die Erklärung, die ich bei dem Notar von Heilsberg abgegeben habe, um meine Identität festzustellen. Denn seit dem Tage, da ich aus dieser Stadt infolge der Ereignisse des Krieges vertrieben ward, bin ich umhergeirrt wie ein Landstreicher, ich bettelte um mein Brot, als ein Irrer wurde ich verlacht, so oft ich meine Abenteuer erzählte, und nie hatte ich die paar Pfennige, um mir die Akten zu verschaffen, die meinen Bericht beglaubigen und mich der menschlichen Gesellschaft zurückgeben konnten. Oft genug kam's vor, daß mich meine Schmerzen ein halbes Jahr in einer Kleinstadt zurückhielten, wo man zwar dem kranken Franzosen Hilfe nicht versagen mochte, aber man sparte deshalb doch nicht mit Spott gegen den, der Oberst Chabert sein wollte. Lange Zeit versetzte mich dieses Lachen, dieser Spott in Wut und Raserei, was mir sehr geschadet hat. Das war der Grund, weshalb man mich in Stuttgart wie einen Tollhäusler hinter Schloß und Riegel gebracht hat. Um die Wahrheit zu gestehen, Sie werden dies nach meiner Erzählung begreifen, wird es immer Gründe gegeben haben, einen Mann wie mich einsperren zu lassen. Zwei Jahre Gefangenschaft mußte ich erdulden, tausendmal und mehr mußte ich von meinem Wärter die Worte hören: ›Ein armer Irrer, er bildet sich ein, er sei der Oberst Chabert!‹ Und man antwortete ihm: ›Ja, sehr arm und mitleidswert.‹ So wurde ich überzeugt, daß mein Schicksal nie wirklich sich begeben; ich wurde traurig, still, nannte mich nicht mehr den Obersten Chabert, bloß um aus der Haft zu entkommen, Frankreich wiederzusehen. Oh, Paris! Paris! Welch ein Traum . . .«

Er setzte den Satz nicht fort, versank in tiefes Brüten. Derville störte ihn nicht.

»Eines schönen Tages im Frühjahr«, fuhr er fort, »gab man mir den Laufpaß und zehn Taler, indem man vorgab, ich spräche schon sehr vernünftig und nenne mich nicht mehr Oberst Chabert. Ich schwöre es, damals und auch jetzt, manchmal wenigstens, ist mir mein Name verhaßt. Ich will nicht mehr ich sein. Mein Recht tötet mich. Hätte mir meine Krankheit doch alle Erinnerung an einst genommen, ich wäre glücklich gewesen, hätte unter irgendeinem Namen mich zum Dienste im Heer gemeldet und wäre, kann man es wissen, heute Feldmarschall in Rußland oder Österreich.«

»Mein Herr,« sagte der Advokat, »Sie bringen alle meine Gedanken durcheinander. Ich glaube zu träumen. Bitte, halten Sie einen Augenblick inne.«

Traurig antwortet der Oberst: »Sie sind der einzige, der mich je ruhig angehört hat. Kein Rechtsanwalt wollte mir die zehn Goldstücke vorstrecken, um aus Deutschland die Papiere für meinen Prozeß holen zu lassen.«

»Welchen Prozeß?« fragte der Anwalt, der während der Erzählung seines Klienten völlig die jammervolle Situation vergessen hatte, worin sich der Arme befand.

»Aber, mein Herr, ist denn die Gräfin Ferraud nicht meine Frau? Sie besitzt eine Rente von dreißigtausend Franken und gibt mir nicht einen Heller. Und nun, wenn ich dies einem Rechtsanwalt, einem Menschen mit gesundem Menschenverstand sage, wenn ich vorschlage, ich, der Bettler, gegen einen Grafen und eine Gräfin gerichtliche Klage zu erheben, wenn ich, der Tote, mich erhebe, gegen eine Todeserklärung, einen Heiratspakt und gegen Geburtsdokumente, dann setzt man mich vor die Tür, entweder mit eiskalter Höflichkeit, Sie kennen diese Art, sich eines Unglücklichen zu entledigen, oder brutal, wenn man glaubt, ich wäre ein Intrigant oder ein Irrer. Ich war unter Toten begraben, nun bin ich's unter Lebenden, unter Akten, Tatsachen, unter der ganzen Gesellschaft, die nichts anders will, als mich von neuem begraben.«

»Bitte, wollen Sie nun fortfahren«, sagte der Anwalt.

»Wollen Sie!« rief der unselige Alte und riß die Hand des jungen Mannes an sein Herz, »das erste höfliche Wort, das ich höre, seit . . .«

Der Oberst weinte. Dankbarkeit erstickte seine Stimme. Es gibt eine unwiderstehliche Beredsamkeit des Blickes und der Gebärde, im Schweigen selbst, die nie lügt. Sie überzeugte den Anwalt und rührte ihn tief.

»Hören Sie, mein Herr,« sagte er seinem Klienten, »heute abend habe ich im Spiel dreihundert Franken gewonnen. Ich kann gut und gern die Hälfte der Summe dem Glück eines Menschen opfern. Ich werde die Untersuchung beginnen, werde vor allem Maßnahmen treffen, Ihnen die nötigen Unterlagen und Akten, von denen Sie eben sprachen, zu verschaffen. Bis die Protokolle ankommen, gebe ich Ihnen fünf Franken täglich. Sind Sie der Oberst Chabert, werden Sie die Geringfügigkeit der Summe entschuldigen bei mir, der sein Vermögen erst noch erwerben will. Fahren Sie fort.«

Der vorgebliche Oberst blieb einen Augenblick lang starr und ohne Regung. Die Schwere seines Unglücks hatte ihm wohl die Kraft zu glauben genommen. Wenn er seinem militärischen Rang, seinem Reichtum, sich selbst nachjagte, so trieb ihn vielleicht nur ein unerklärliches, geheimes Gefühl, dessen tiefsten Keim wohl jedes Menschenherz kennt. Wir verdanken ihm die Untersuchungen und Experimente der Alchimisten, die leidenschaftlichen Wege des Ehrgeizes, die Entdeckungen der Sternkunde, der Physik, alles dessen, was den Menschen treibt, vielfältiger, reicher und größer zu werden: durch Taten oder Geist. In Chaberts Gedanken war das ego eine Sache zweiter Ordnung geworden, nicht anders als der Gewinn und offenbare Vorteil für den Wettenden weniger schwer wiegt als der Spaß am Gewinnen selbst und die befriedigte Eitelkeit, gewonnen zu haben. Mußten nicht seine Worte wie ein Wunder auf einen Mann wirken, der seit zehn Jahren von seiner Frau, von Recht und Gesetz, ja von der ganzen sozialen Welt ausgeschlossen und zurückgestoßen war? Jetzt sollte er bei einem Anwalt die zehn Goldstücke finden, die man ihm immer wieder seit so langer Zeit verweigert hatte, verweigert von soviel Personen und unter so vielen Vorwänden. Der Oberst glich jener Dame, die zehn Jahre im Fieber gelegen hat und, endlich geheilt, nur ihre Krankheit gewechselt zu haben glaubt. Es gibt ein Glück, so stark, daß man nicht daran glauben kann, der Augenblick der Freude ist da, aber er ist wie ein Blitz, der zerschmettert. Wen wundert es dann, daß die Dankbarkeit dieses Armen so stark war, daß er sie auszudrücken nicht imstande war? Oberflächlichen Menschen hätte er kalt erscheinen müssen, aber Derville ahnte eine Welt von Redlichkeit hinter dieser stumpfen Ruhe. Ein Betrüger wäre beredter gewesen.

»Wo blieb ich gerade stehen?« fragte der Oberst mit der Naivität eines Kindes oder eines Soldaten, denn das Kind erstirbt nie im wahren Soldaten, und immer gibt es Soldatisches in der Seele des Kindes, vor allem in Frankreich.

»In Stuttgart. Sie verließen das Gefängnis«, antwortete der Anwalt.

»Sie kennen meine Frau?« fragte der Oberst.

»Ja«, sagte Derville und neigte seinen Kopf.

»Wie sieht sie aus?«

»Immer zum Entzücken.«

Der Alte machte eine Geste, er schien einen geheimen Kummer in sich zu begraben, ernst und feierlich in seinem Verzicht, ein Mann, im Blut und Feuer der Schlachtfelder erprobt und bewährt.

»Mein lieber Herr«, begann der Oberst mit einem Anflug von Heiterkeit, denn er atmete auf, der arme Oberst, er verließ zum zweitenmal das Grab, er hatte eben eine weniger leicht lösbare Schneedecke zum Schmelzen gebracht als es die war, die damals seinen Kopf in Frost gepanzert hatte, er weitete die Brust, als verließe er einen dumpfen Kerker. »Mein Herr,« sagte er, »wäre ich ein niedlicher, hübscher Junge, keiner meiner Schicksalsschläge hätte mich getroffen. Die Frauen glauben nur denen, die alle Worte mit süßen Phrasen spicken. Dann laufen sie, fliegen sie, reißen sich in Stücke, keine Intrige ist ihnen zu verwickelt, keine Tatsache zu unwahrscheinlich, sie sind der reine Teufel, wenn es um den Mann ihres Herzens geht. Wie hätte ich jetzt eine Frau fesseln können? Ich hatte ein Totenkopfgesicht, gekleidet war ich wie ein Sanskülott, ich halte wohl mehr Ähnlichkeit mit einem Eskimo als mit einem Franzosen, trotzdem ich einst in Jugendtagen der niedlichste, hübscheste aller nach Muskat und Parfüm duftenden Männer gewesen war, ich, Chabert, geadelt unter meinem Kaiser! Kurzum, gerade an dem Tage, da man mich wie einen alten Köter auf die Straße warf, begegne ich dem Wachtmeister, von dem ich Ihnen schon erzählt habe. Der Kamerad hieß Boutin. Der arme Kerl und ich bildeten das schönste Paar Schandmähren, das ich jemals gesehen. Ich traf ihn auf der Promenade. Ich erkannte ihn, ihm war's unmöglich, zu erkennen, wer ich war. Wir gehen zusammen in die Schenke. Nun, als ich ihm meinen Namen nenne, geht Boutins Mund vor Lachen auseinander wie ein Mörser, der krepiert. Dieses Lachen hat mir bitter weh getan. Es zeigte mir erbarmungslos, was aus mir geworden war. Man konnte mich also nicht wiedererkennen, selbst das Auge meines treuesten, ergebensten, dankbarsten Freundes konnte es nicht. Ich hatte einst Boutin das Leben gerettet, aber dies war nur eine abgetragene Dankesschuld. Ich will Ihnen die Sache erzählen. Die Szene fand statt in Ravenna, Italien. Der Ort, wo mich Boutin vor einem Dolchstoß rettete, war gerade nicht ein adeliger Salon. Zu dieser Zeit war ich nicht Oberst, sondern einfacher Kavallerist wie Boutin. Zum Glück hingen mit dieser Affäre Details zusammen, die nur uns beiden bekannt sein konnten. Ich erzähle sie ihm und sein Glaube wächst. Und dann kommt die sonderbare Erzählung meiner seltsamen Abenteuer. Wohl waren, wie er sagte, meine Augen, meine Stimme ganz verändert, ich hatte weder Haare, noch Brauen, noch Zähne, ich war weiß wie ein Albino, und doch mußte er schließlich den Obersten im Bettler wiedererkennen, nach tausend Kreuz- und Querfragen, die ich siegreich ohne Schwanken beantwortete. Nun berichtete er mir seine Schicksalsfahrten, sie waren nicht minder seltsam als die meinen. Er kam von den Grenzen Chinas, dort hatte er durchbrechen wollen, als er aus Sibirien entkommen. Von ihm hörte ich den unseligen Feldzug nach Rußland und die erste Abdankung Napoleons. Ich habe nie einen bitterern Schmerz empfunden, als bei dieser Nachricht. Was waren wir mehr als zwei merkwürdige Ruinen, nachdem wir über den Erdball hingerollt, wie im Ozean Kiesel von einem Ende des Weltmeeres zum andern hinrollen. Wir beide hatten gesehen: Ägypten, Syrien, Spanien, das russische Reich, Holland, Deutschland, Italien, Dalmatien, England, China, die Tartarei und Sibirien. Es fehlte uns nur noch Indien und Amerika. Und endlich hier! Kurz und gut, Boutin, der besser auf den Beinen war, nahm es auf sich, voraus nach Paris zu reisen und so schnell als möglich meine Frau von meinem Zustand zu verständigen. Ich schrieb also an Frau Chabert einen Brief mit allen Einzelheiten. Es war der vierte, hören Sie wohl! Hätte ich Eltern gehabt, mir wäre all dies nicht zugestoßen. Aber ich bin ein Findelkind, ich gestehe es Ihnen frei, mein Erbe war meine Courage, meine Familie ist die ganze Welt, mein Vaterland Frankreich, mein Schutz und Schirm unser Vater im Himmel. Aber nein: ich hatte einen Vater: unsern Kaiser. Wenn er doch noch lebte, der liebe, gute, wenn er »seinen« Chabert sehen könnte (so nannte er mich), wenn er mich in meiner Lage sähe, sein Zorn wäre fürchterlich. Aber unsre Sonne ist erloschen, wer hat jetzt nicht Frost? Immerhin, die politischen Umwälzungen hätten wohl auch das Schweigen meiner Frau erklären können. Boutin reist also ab. Er war glücklich und konnte es sein, denn er besaß zwei wundervoll dressierte weiße Bären, von denen konnte er leben. Ich konnte ihn nicht begleiten. Meine Schmerzen erlaubten mir längere Reisen nicht. Als wir schieden, weinte ich. Ich begleitete ihn, solange es mir meine Krankheit gestattete, mit ihm und seinen Bären Schritt zu halten. In Karlsruhe bekam ich einen Anfall von Nervenschmerzen im Kopfe, sechs Wochen lag ich auf dem Stroh einer Herberge. Ich würde kein Ende finden, wollte ich Ihnen alles Ungemach meines Bettlerlebens erzählen. Die seelischen Leiden, gegen welche die physischen verblassen, fordern indessen weniger das Mitleid heraus, nur: man sieht sie nicht. Ich erinnere mich, vor dem Portal eines Gasthofs in Straßburg geweint zu haben, wo ich früher einmal ein Fest gegeben, nun erhielt ich nichts, nicht einmal ein Stück Brot. Ich hatte die Reiseroute, die ich einschlagen sollte, mit Boutin verabredet. Ich fragte in jedem Postbüro nach Briefen und Geld für mich. Ich kam bis nach Paris. Gefunden habe ich weder Brief, noch auch Geld. Kann ein Mensch mehr Verbitterung in sich hineinwürgen? – ›Boutin wird nicht mehr am Leben sein‹, sagte ich mir. Und tatsächlich war der Arme bei Waterloo gefallen. Ich vernahm die Kunde von seinem Tode erst später und durch Zufall. Zweifelsohne waren seine Bemühungen bei meiner Frau ergebnislos. Ich kam nach Paris am gleichen Tag wie die Kosaken. Für mich war's Kummer auf Kummer. Wenn ich Russen in Paris sah, hatte ich vergessen, daß ich keine Schuh an den Füßen, keinen Deut in der Tasche hatte. Gewiß, mein Herr, meine Kleider hingen in Fetzen an mir herab. Die Nacht vor meiner Ankunft brachte ich im Walde von Claye zu. Die Nachtkälte verursachte eine Krankheit, weiß ich, welche?, deren erster Anfall mich ergriff, als ich den Faubourg Saint-Martin überquerte. Vor der Schwelle eines Eisenhändlers fiel ich ohnmächtig zusammen. Als ich erwachte, befand ich mich in einem Bett des Hospitals. Einen Monat blieb ich da, glücklich genug. Bald ward ich entlassen. Zwar ohne Geld, aber in guter Gesundheit und auf dem feinen Pflaster von Paris. Voller Freude eilte ich sofort in die Rue du Montblanc, wo meine Frau in meinem Palais wohnen mußte. Aber die Rue du Montblanc hieß nun Rue de la Chaussée-d'Antin. Ich sah mein Palais nicht mehr. Es war verkauft, demoliert. Häuserspekulanten hatten in meinem Garten mehrere Neubauten errichtet. Ich wußte nicht, daß meine Frau sich mit dem Grafen Ferraud vermählt hatte, niemand konnte mir Auskunft geben. Schließlich begab ich mich zu einem alten Rechtsanwalt, der früher meine Angelegenheiten verwaltet hatte. Der Ehrenmann war tot und seine Geschäfte hatte ein junger Advokat übernommen. Dieser teilte mir zu meinem Erstaunen mit, daß über meine Hinterlassenschaft das Erbteilungsverfahren eingeleitet war, es war liquidiert, meine Frau war verheiratet und hatte zwei Kinder zur Welt gebracht. Als ich sagte, ich sei der Oberst Chabert, lachte er mir so unverschämt ins Gesicht, daß ich ihn ohne ein Wort der Entgegnung verließ. Mein Stuttgarter Gefängnis ließ mich an das Pariser Irrenhaus denken, ich wollte vorsichtig zu Werke gehen. Nun aber wußte ich doch wenigstens, wo meine Frau wohnte und ging zu ihr, Hoffnung im Herzen. Nun wohl,« sagte der Oberst und seine ganze angesammelte Wut entlud sich in einer Gebärde von erschütternder Wucht, »man empfing mich nicht, wenn ich einen falschen Namen gebrauchte; nannte ich aber den meinen, setzte man mich vor die Tür. Ich wollte die Gräfin sehen, wenn sie aus dem Theater, von einem Ball zurückkam; frühmorgens erwartete ich sie stundenlang, ganze Nächte blieb ich wie angewachsen vor der Einfahrt. Mein Blick drang tief ins Innere des Wagens, der blitzschnell vorbeirollte, und so sah ich meine Frau, die mein war und nicht mehr ist. Von diesem Tage an lebte nur der Gedanke an Rache in mir.« Der Alte schrie mit rauher, erstickter Stimme, er richtete sich vor Derville hoch auf. »Sie weiß, daß ich lebe, sie hat, seit meiner Rückkunft, drei Briefe von mir erhalten, alle handschriftlich. Sie liebt mich nicht mehr. Ich aber weiß nicht, liebe ich sie, hasse ich sie? Ich ersehne sie, ich verfluche sie. Ihr Glück verdankt sie mir allein, ihr Vermögen, alles. Sie hat nicht den Finger für mich gerührt. Manchmal . . . was soll nur werden?«

Bei diesen Worten sank der alte Soldat auf den Stuhl, unbeweglich lehnte er da. Derville schwieg. Er sah seinen Klienten an.

»Die Sache ist nicht einfach,« sagte er endlich mechanisch, »selbst wenn die Aktenstücke, die wir aus Heilsberg erwarten, echt sind, auch dann weiß ich nicht sicher, ob wir sofort durchdringen. Der Prozeß geht Zug um Zug durch drei Instanzen. Man muß mit ganz klarem Kopf die Sache durchdenken, denn sie hat ihresgleichen nicht.«

»Oh«, sagte der Oberst und hob mutig sein Haupt, »wenn ich unterliege, werde ich zu sterben wissen, aber nicht allein.«

Jetzt war alles Greisenhafte verschwunden. Die Augen eines Tatmenschen blitzten im Gefühl der Begierde und der Rache zugleich.

»Man wird vielleicht einen Vergleich anstreben müssen«, sagte der Anwalt.

»Vergleich?« wiederholte der Oberst Chabert. »Bin ich am Leben, bin ich tot?«

»Mein Herr,« begann der Advokat, »ich will hoffen, daß Sie sich meinem Rat nicht verschließen werden. Ihre Sache ist meine Sache. Sie werden bald erfahren, welchen Anteil ich an Ihrer Angelegenheit nehme, die in den Annalen der Justiz ohne Präjudiz dasteht. Aber bis dahin will ich Ihnen eine Zeile an meinen Notar mitgeben, der Ihnen gegen Quittung alle zehn Tage fünfzig Franken übermitteln wird. Es wäre nicht recht schicklich, wenn Sie sich hier bei mir in diesem Hause Hilfe sollten suchen gehen. Denn, wenn Sie der Oberst Chabert sind, darf es nicht so aussehen, als ob Sie sich von irgendeines Menschen Gnade erhielten. Ich strecke Ihnen diese Summe auch nur vor. Sie haben ein Vermögen wiederzugewinnen. Sie sind reich.«

Dieser Ausspruch, so zart gefühlt, machte den Alten weinen. Derville erhob sich schroff, denn es darf sich ein Anwalt nicht rühren lassen. Er ging in sein Kabinett, kam mit einem offenen Brief zurück. Als der arme Mann den Brief in Händen hielt, merkte er, daß zwei Goldstücke in der Hülle waren.

»Bezeichnen Sie mir, bitte, genau die Akten, geben Sie mir den Namen der Stadt und der Provinz«, sagte der Anwalt.

Der Oberst diktierte alles und korrigierte die Orthographie der Ortschaft. Dann nahm er seinen Hut in eine Hand, bot die andere, seine schwielige Rechte, dem Anwalt und sagte einfach: »Nach dem Kaiser sind Sie der Mensch, dem ich am meisten verdanke. Sie sind ein Mann von Ehre.«

Der Anwalt legte seine Hand in die des Obersten, führte ihn auf die Treppe, leuchtete ihm herab und verabschiedete sich von ihm.

»Boucard,« sagte Derville zu seinem Bureauvorstand, »ich habe da eine Geschichte gehört, die mich vielleicht fünfundzwanzig Goldstücke kosten wird. Komme ich um das Geld, es soll mich nicht gereuen. Denn ich habe dann den genialsten Komödianten unserer Zeit gesehen.«

Als der Oberst auf der Straße stand, und im Lichte einer Laterne die zwei Louisdors aus der Tasche zog, betrachtete er sie einen Augenblick lang. Zum ersten Male seit zehn Jahren sah er Gold.

»Jetzt werde ich Zigarren rauchen können«, dachte er.

*

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