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Christoph Martin Wieland: Oberon - Kapitel 5
Quellenangabe
typepoem
booktitleOberon
authorChristoph Martin Wieland
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
pages1-293
isbn3-15-000123-4
titleOberon
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1780
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25 Der Zufall spielt zuweilen solche Spiele,
Versetzt der Jüngling. – Sey es dann,
Fährt jener fort: genug, mein wackrer junger Mann,
Die Liebe, womit ich mich zu euch gezogen fühle,
Ist traun! kein Wahn; und gönnet ihr den Lohn
Daß Scherasmin bey euerm Nahmen euch nenne?
»Mein Nahm' ist Hüon, Erb' und Sohn
Des braven Siegewin, einst Herzogs von Guyenne.«
26 O! ruft der Alte, der ihm zu Füßen fällt,
So log mein Herz mir nicht! O tausendmahl willkommen
In diesem einsamen unwirthbaren Theil der Welt,
Willkommen, Sohn des ritterlichen, frommen,
Preiswerthen Herrn, mit dem in meiner bessern Zeit
Ich manches Abenteu'r in Schimpf und Ernst bestanden!
Ihr hüpftet noch im ersten Flügelkleid,
Als wir zum heiligen Grab zu fahren uns verbanden.
27 Wer hätte dazumahl gedacht,
Wir würden uns in diesen Felsenschlünden
Auf Libanon nach achtzehn Jahren finden?
Verzweifle keiner je, dem in der trübsten Nacht
Der Hoffnung letzte Sterne schwinden!
Doch, Herr, verzeiht daß mich die Freude plaudern macht.
Laßt mich vielmehr vor allen Dingen fragen,
Was für ein Sturmwind euch in dieses Land verschlagen?
28 Herr Hüon läßt am Feuerherd
Auf einer Bank von Moos sich mit dem Alten nieder,
Und als er drauf die reisemüden Glieder
Mit einem Trunk, so frisch die Quelle ihn beschert,
Und etwas Honigseim gestärket,
Beginnt er seine Geschichte dem Wirth erzählen, der sich
Nicht satt an ihm sehen kann, und stets noch was bemerket
Worin sein vor'ger Herr dem jungen Ritter glich.
29 Der junge Mann erzählt, nach Art der lieben Jugend,
Ein wenig breit: wie seine Mutter ihn
Bey Hofe (dem wahren Ort um Prinzen zu erziehn)
Gar fleißig zu guter Lehr' und ritterlicher Tugend
Erzogen; wie schnell der Kindheit lieblicher Traum
Vorüber geflogen; und wie, so bald ihm etwas Flaum
Durchs Kinn gestochen, man ihn zu Bordeaux, von den Stufen
Des Schlosses, mit großem Pomp zum Herzog ausgerufen;
30 Und wie sie drauf in eitel Lust und Pracht,
Mit Jagen, Turnieren, Banketten, Saus und Brause,
Zwey volle Jahre wie einzelne Tage verbracht;
Bis Amory, der Feind von seinem Hause,
Beym Kaiser (dessen Huld sein Vater schon verscherzt)
Ihn hinterrücks gar böslich angeschwärzt;
Und wie ihn Karl, zum Schein in allen Gnaden,
Nach Hofe, zum Empfang der Lehen, vorgeladen;
31 Wie sein besagter Feind, der listige Baron
Von Hohenblat, mit Scharlot, zweytem Sohn
Des großen Karls, dem schlimmsten Fürstenknaben
Im Christenthum, (als der schon lange Lust gehegt
Zu Hüons Land) es heimlich angelegt
Auf seinem Zuge nach Hof ihm eine Grube zu graben;
Und wie sie, eines Morgens früh,
Ihm aufgepaßt im Wald bey Montlery.
32 Mein Bruder, fuhr er fort, der junge Gerard, machte,
Mit seinem Falken auf der Hand,
Die Reise mit. Aus frohem Unverstand
Entfernt der Knabe sich, da niemand arges dachte,
Von unserm Trupp, läßt seinen Falken los,
Und rennt ihm nach: wir andern alle zogen
Indessen unsern Weg, und achteten's nicht groß
Als Falk' und Knab' aus unserm Blick entflogen.
33 Auf einmahl dringt ein klägliches Geschrey
In unser Ohr. Wir eilen schnell herbey,
Und siehe da! mein Bruder liegt, vom Pferde
Gestürzt, beschmutzt und blutend auf der Erde.
Ein Edelknecht (von keinem unsrer Schaar
Erkannt, wiewohl es Scharlot selber war)
Stand im Begriff ihn weidlich abzuwalken,
Und seitwärts hielt ein Zwerg mit seinem Falken.
34 Von Zorn entbrannt rief ich: Du Grobian,
Was hat der Knabe dir gethan,
Der wehrlos ist, ihm also mitzuspielen?
Zurück, und rühr' ihn noch mit einem Finger an,
Wofern dich's jückt mein Schwert in deinem Wanst zu fühlen.
Ha! schrie mir jener zu – bist du's? Dich sucht' ich just;
Schon lange dürst' ich nach der Lust
Mein racheglühend Herz in deinem Blut zu kühlen.
35 Kennst du mich nicht, so wiß', ich bin der Sohn
Des Herzogs Dietrich von Ardennen:
Dein Vater Siegewin (mög' er im Abgrund brennen!)
Trug über meinen einst bey einem offnen Rennen
Mit Hinterlist den Dank davon,
Und durch die Flucht allein entging er seinem Lohn.
Doch, Rache hab' ich ihm geschworen,
Du sollst mir zahlen für ihn! Da, sieh zu deinen Ohren!
36 Und mit dem Worte rennt er gegen mich,
Der, unbereit zu solchem Tanze,
Sich dessen nicht versah, mit eingelegter Lanze.
Zum Glück pariert' ich seinen Stich
Mit meinem linken Arm, um den ich in der Eile
Den Mantel schlug, und auf der Stell' empfing
Mit meinem Degenknopf der Unhold eine Beule
Am rechten Schlaf, wovon der Athem ihm entging.
37 Er fiel, mit Einem Wort, um nimmer aufzustehen.
Da ließen plötzlich sich im Walde Reiter sehen
In großer Zahl; doch des Erschlagnen Tod
Zu rächen, war dem feigen Troß nicht Noth.
Sie hielten, während wir des Knaben Wunde banden,
Sich still und fern, bis wir aus ihren Augen schwanden;
Drauf legten sie den Leichnam auf ein Roß
Und zogen eilends fort zum kaiserlichen Schloß.
38 Unwissend, wie bey Karl mein Handel sich verschlimmert,
Verfolg' ich meinen Weg, des Vorgangs unbekümmert.
Wir langen an. Mein alter Oheim, Abt
Zu Saint Denys, ein Mann mit Weisheit hochbegabt,
Führt beym Gehör das Wort. Wir werden wohl empfangen,
Und alles wär' erwünscht für uns ergangen:
Doch, wie man eben sich zur Tafel setzen will,
Hält Hohenblat am Schloß mit Scharlots Leiche still.
39 Zwölf Knappen tragen sie, in schwarzen Flor vermummt,
Die hohen Stufen hinan, und wer sie sieht verstummet
Und steht erstarrt. Sie nehmen ihren Lauf
Dem Sahle zu. Die Thüren springen auf:
Da tragen zwölf Gespenster eine Bahre,
Mit blut'gen Linnen bedeckt, bis mitten in den Sahl.
Der Kaiser selbst erblaßt, uns andern stehn ' die Haare
Zu Berg, und mich trifft's wie ein Wetterstrahl.
40 Indem tritt Amory hervor, hebt von der Leiche
Das blut'ge Tuch, und – »Sieh! (ruft er dem Kaiser zu)
Dieß ist dein Sohn! und hier der Frevler, der dem Reiche
Und dir die Wunde schlug, der Mörder unsrer Ruh!
Weh mir! ich kam zu spät dazu!
Sich nichts versehend fiel dein Scharlot im Gesträuche,
Durch Meuchelmord, nicht wie in offnem Feld
Von Rittershand ein ritterlicher Held.«
41 Wie viel Verdrieß dem alten Herrn auch täglich
Sein böser Sohn gebracht, so blieb er doch sein Sohn,
Sein Fleisch und Blut. Erst stand er unbeweglich;
Dann schrie er laut vor Schmerz, mein Sohn! Mein Sohn!
Und warf sich in Verzweiflung neben
Den Leichnam hin. Mir war der bange Vaterton
Ein Dolch ins Herz; ich hätt' um Scharlots Leben
In diesem Augenblick mein bestes Blut gegeben.
42 Herr, rief ich, höre mich! Mein Will' ist ohne Schuld;
Er gab sich für den Sohn des Herzogs von Ardennen,
Und was er that, bey Gott! es hätte die Geduld
Von einem Heil'gen morden können!
Er schlug den Knaben dort, der ihm kein Leid gethan,
Sprach lästerlich von meines Vaters Ehre,
Fiel unverwarnt mich selber mörd'risch an –
Den möcht' ich sehn, der kalt geblieben wäre!
43 Ha! Bösewicht! schreyt Karl mich hörend, springt entbrannt
Vom Leichnam auf, mit Löwengrimm im Blicke,
Reißt einem Knecht das Eisen aus der Hand,
Und, hielten ihn mit Macht die Fürsten nicht zurücke,
Er hätt' in seiner Wuth mich durch und durch gerannt.
Auf einmahl rüttelt sich der ganze Ritterstand;
Ein wetterleuchtender Glanz von hundert bloßen Wehren
Scheint stracks in jeder Brust die Mordlust aufzustören.
44 Die Hall' erdonnert von Geschrey,
Das Ästrich bebt, die alten Fenster klirren.
Aus Jedem Mund schallt Mord! Verrätherey!
Die Sprachen scheinen sich aufs neue zu verwirren.
Man schnaubt, man rennt sich an, man zückt die drohende Hand.
Der Abt, den noch allein Sankt Benedikts Gewand
Vor Frevel schützt, hält endlich unsern Degen
Mit aufgehobnem Arm sein Skapulier entgegen.
45 Ehrt, ruft er laut, den heil'gen Vater in mir
Deß Sohn ich bin! Im Nahmen des Gottes, dem ich diene,
Gebiet' ich Fried'! – Er riefs mit einer Miene
Und einem Ton, der Heiden zur Gebühr
Genöthigt hätt'. Und stracks auf einmahl legen
Des Aufruhrs Wogen sich, erhellt sich jeder Blick,
Und jeder Dolch und jeder nackte Degen
Schleicht in die Scheide still zurück.
46 Nun trug der Abt den ganzen Verlauf der Sache
Dem Kaiser vor. Die Überredung saß
Auf seinen Lippen. Allein, was half mir das?
Die Leiche des Sohns liegt da und schreyt um Rache.
Hier, ruft der Vater, sieh, und sprich
Dem Mörder meines Sohns das Urtheil! Sprich's für mich!
Ja, rachedürstender Geist, dein Gaumen soll sich laben
An seinem Blut! Er sterb' und mäste die Raben!
47 Itzt schwoll mein Herz empor. Ich bin kein Mörder, schrie
Ich überlaut. Der Richter richtet nicht billig
In eigner Sache. Der Kläger Amory
Ist ein Verräther, Herr! Hier steh' ich, frey und willig,
Will in sein falsches Herz, mit meines Lebens Fahr,
Beweisen, daß er ein Schalk und Lügner ist, und war
Und bleiben wird, so lange sein Hauch die Luft vergiftet.
Sein Werk ist alles dieß, Er hat es angestiftet!
48 Ich bin, wie er, von fürstlichem Geschlecht,
Ein Pär des Reichs, und fordre hier mein Recht;
Der Kaiser kann mir's nicht versagen!
Da liegt mein Handschuh, laßt ihn's wagen
Ihn aufzunehmen, und Gott in seinem Gericht
Entscheide, welchen von uns die Stimme dieses Blutes
Zur Hölle donnern soll! Die Quelle meines Muthes
Ist meine Unschuld, Herr! Mich schreckt sein Donner nicht.
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