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Ober-Luftkellner, Kohlensäcke und astronomische Reklamemanöver

Paul Scheerbart: Ober-Luftkellner, Kohlensäcke und astronomische Reklamemanöver - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorPaul Scheerbart
titleOber-Luftkellner, Kohlensäcke und astronomische Reklamemanöver
booktitleDas große deutsche Erzählbuch
isbn3-7610-8047-6
pages349-351
senderhille@abc.de
created20010613
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Paul Scheerbart

Ober-Luftkellner, Kohlensäcke und astronomische Reklamemanöver

Eine Hotelgeschichte

Traf neulich in Johannistal den Grafen vom Rabenstein mit seiner Tochter Clarissa. Gleich sagte mir der Graf:

»Der alte Münchhausen ist im Kaukasus.« Und ich erwiderte gleich:

»Wohl im neuen Demawand-Hotel. Der Demawand ist ja der orientalische Brocken. Da hat er sicherlich wieder eine Gespenstergeschichte erlebt. Kann mirs schon denken. Möchte ebenfalls mal so was Geisterhaftes erleben. Auf dem Demawand sollen ja unzählige Geister hausen – böse und gute – langweilige und kurzweilige – dicke und dünne – lange und kurze.«

»Hören Sie auf!« rief der Graf, »Münchhausen telegraphierte mir allerdings vom neuen Demawand-Hotel aus. Aber von Geistern stand in dem Telegramm gar nichts. Dagegen berichtete das Telegramm von neuen naturwissenschaftlichen Entdeckungen – von Entdeckungen, die in der Luft liegen. Der Baron sprach dabei viel von einem geheimnisvollen Ober-Luftkellner und von Atmosphärenforschung. Alles höchst wissenschaftlich und sehr modern. Haeckel soll sich auch schon für die Sache interessieren.«

»Hören Sie, Herr Graf«, rief ich da sehr laut, »da werde ich mißtrauisch. Ich fürchte, ganz im Vertrauen gesagt, daß dieses Mal dem Baron unwahre Geschichten erzählt worden sind. Wenn schon ein Ober-Luftkellner dabei ist, so ist die Sache sehr luftig und sehr windig. Ich kenne diese Onkels mit der ehrwürdigen Pastorenmiene ganz genau. Ich trau ihnen nicht zehn Schritt. Hochstapler und Schwindler sind es. Es tut mir leid, daß das dem Wahrheitsfreunde Münch von Münchhausen, der neulich schon 186 Jahre alt wurde, passieren mußte. Ich bedaure den alten Herrn.«

»Sprechen Sie im Ernst?« rief die Gräfin Clarissa.

Und ich sprach beteuernd die Hand auf meine Brust legend mit bewegter Stimme: »In meinem vollsten Ernst!«

Da sagte die Gräfin kalt lächelnd:

»Dann müssen wir sofort zum Demawand-Hotel. Kommen Sie mit. Papa, ruf den Chauffeur!«

Der Papa rief sofort:

»Ober-Luftschauffeur!«

Und der kam denn gleich mit seinem umfangreichen Parseval.

Wir stiegen sofort ein und fuhren los. Es ging erst durch den Sonnenschein, dann durch den Mondenschein, durch polnischen Hagel und durch russischen Schnee.

Am nächsten Abend betraten wir das neue Demawand-Hotel. Der alte Baron eilte uns wie ein Jüngling entgegen und lud uns zum Abendbrot ein. Wir hatten einen Bärenhunger, da unser Gondelvorrat doch nicht für die lange Fahrt gereicht hatte. Auch hatte uns unser Ober-Luftchauffeur die größten Fleischstücke und die besten Delikatessen vor der Nase fortgeschnappt – immer unter der Bemerkung, daß er sich sehr anstrengen müsse und für eine gelungene Fahrt nur dann garantieren könne, wenn er sich tüchtig satt gegessen hätte. Und er behauptete immer wieder, ganz hungrig zu sein. In Rußland hörten wir unter uns sehr häufig Scharen von hungrigen Wölfen heulen. Das machte uns immer wieder sehr nachgiebig unserm Ober-Luftschauffeur gegenüber.

Doch ich will nun nicht Näheres über das Interieur und Exterieur des neuen Hotels berichten, das nur für Luftfahrer bestimmt ist. Diese kunstgewerblichen Beschreibungen überlasse ich andern Federn.

Wir setzten uns an den köstlich gedeckten Abendbrottisch. Und ich lernte den geheimnisvollen Ober-Luftkellner kennen.

Der sagte gleich sehr geheimnisvoll zu mir:

»Sie sind Luftforscher, sagte mir der Baron. Das freut mich sehr. Ich kann Ihnen Wunderdinge berichten. Aber ich bitte sehr um Diskretion. Wer wie ich jeden Abend auf unsrer Hotelsternwarte weilen darf, der lernt da etwas kennen – mehr, als die meisten Menchen ahnen. Die Wissenschaft ist schon sehr weit.«

»Sehr weit?« fragte ich mit weit aufgerissenen Augen.

»Sehr weit!« erwiderte er höflich, während er mir die Schüssel mit dem kalten Kalbsbraten reichte.

Ich sah ihn von der Seite scharf an – den Geheimnisvollen – den Raffinierten ... Aber ich will nicht vorgreifen.

Er hatte Glatze, goldene Brille, eisig ernstes Gesicht mit zwei großen schneeweißen Bartkotelettes, zinnoberroten Gehrock trug er, zinnoberrote Beinkleider, schneeweiße Weste und weiße Krawatte. Sah aus wie ein distitiguierter Gesandschaftsattaché – wie ein alter Gauner ... Aber ich will nicht vorgreifen.

Beim Obst wollte ich nun endlich etwas von den naturwissenschaftlichen Luftgeheimnissen wissen. Ich sprach mit Energie wie ein edler Professor:

»Herrlich, daß man sich hier so für die Luftforschung interessiert. Ich glaube auch, daß man da noch die allergrößten Wunder erleben kann. Selbst Haeckel soll sich ja schon für die Sache interessieren. Aber – was hat man denn wieder entdeckt? – Bin sehr neugierig. Erzählen Sie doch, Herr Ober-Luft!«

»Es klingt«, erwiderte dieser tiefernst mit Totengräbermiene, »nicht sehr glaubwürdig und ist doch im vollen Umfange wahr. Sie wissen wohl, daß der Astronom die Stellen am Himmel, an denen beim besten Willen mit den besten Teleskopen Sterne oder Nebel nicht zu entdecken sind, Kohlensäcke nennt. Derartige Kohlensäcke kennen wir viele. Und die Gelehrten unsrer Zeit vermuten, daß diese Kohlensäcke einfach luftleere Räume darstellen. Man hat diese Hypothese bislang noch ignoriert. Aber die Astronomen unsrer Hotelsternwarte haben die Hypothese ganz ernst genommen – denn – nun hier beginnt das Unglaubliche!«

»Weiter! Weiter!« rief ich ungeduldig.

Münchhausen saß da wie ein alter Pagode, nickte immerzu mit dem Kopfe – ganz langsam – und sagte nicht eine Silbe. Der Graf aß Kaviar, die Gräfin las, um ihre Erregung zu verbergen, scheinbar interessiert in einem französischen Journal.

Der Herr Ober-Luftkellner fuhr mit eisiger Stimme also fort:

»In den eisigen Regionen der höheren Erdatmosphäre haben wir ebenfalls Kohlensäcke entdeckt – oben auf unsrer Hotelsternwarte. Und wir sind jetzt ganz fest davon überzeugt, daß diese Kohlensäcke der Erdatmosphäre luftleere Räume sind – ganz luftleere. Darum glauben wir auch an die Luftleere der weiter im Raume befindlichen Kohlensäcke. Es ist jedoch fabelhaft, wie schnell sich die Erdkohlensäcke durch die Atmosphäre bewegen. Und – unbegreiflich erscheint es uns, daß diese luftleeren Räume – viele Kilometer im Durchmesser – gar nicht durch die sie umgebende Luft berührt werden. Die Erscheinungen sind in fünfzehn Meilen Höhe entdeckt worden. Die andern Sternwarten sind davon benachrichtigt, sie verhalten sich aber abwartend. Seit drei Tagen haben wir noch nichts wieder entdeckt. Die Astronomie verlangt viel Geduld. Möglich, daß die Kohlensäcke, diese vollkommen unfaßbaren Erscheinungen, die wie riesige Blasen dahinziehen, ohne daß man etwas von der Blasenhaut bemerkt, auch tiefer zur Erde niedersteigen. Dann könnten sie vom Luftballon aus untersucht werden.

Jedenfalls wäre die Untersuchung eine preiswerte Aufgabe für alle Luftfahrer. Übrigens: ich bin der Meinung, daß eine absperrende Blasenhaut sehr wohl denkbar wäre. Wir müßten dann nur annehmen, daß diese Haut gleichfalls aus einem gänzlich durchsichtigen nicht spiegelnden Stoffe hergestellt ist. Solche Stoffe kennen wir noch nicht. Sollten sie wirklich die Kohlensäcke einschließen, so wären diese eine Art Naturluftballons.«

Er schwieg und entkorkte eine neue Flasche alten Rheinweins. Der Graf aß immer noch Kaviar – echten Kaviar aus dem nahen Astrachan. Der Baron nickte kurz mit dem Kopf und sagte:

»Ja, das hab ich ebenfalls schon gehört. Leider sind die Astronomen auf der Sternwarte nie zu sprechen, da sie immerzu bei der Arbeit sind.«

»Ich danke Ihnen!« sagte ich zum Ober-Luft.

Und dann sprachen wir wieder über Europa, China und Amerika und taten so, als wären die Kohlensäcke mit ihrer Luftleere einfach Luft in unsern Augen.

Dann flüsterte ich dem Baron zu:

»Wir wollen den Mann belauschen. Hinter dieser Geschichte vermute ich eine sehr kecke Hotelreklame – astronomische Reklame.«

Statt schlafen zu gehen wie die andern, durchwanderten wir noch zu Zweien das ganze Hotel und kamen zu einem Raume neben der Küche, in dem sich das ganze Hotelpersonal zu versammeln pflegte. Neben diesem Raume befand sich ein kurzes dunkles Spindzimmer. Ich mit dem Baron rasch da hinein.

Und wir warteten im Dunkeln vier volle Stunden.

Und dann hörten wir die Stimme des ehrwürdigen Ober-Luftkellners. Und was sagte dieser Kerl?

»Heute«, sagte er lachend, »hab ich mal wieder einen Richtigen reingelegt. Es ist zum totlachen, wie leicht sich die Leute reinlegen lassen. Die Kohlensäcke sind eine ganz besondere Reklame für unser Hotel.«

Weiter hörten wir nicht. Wir schlichen auf den Zehen zu unsern Zimmern. Und ich habe hier die Geschichte berichtet, wie sie sich abgespielt hat – zur Warnung der Leichtgläubigen. Und gleichzeitig auch, damit sich diese frivole wissenschaftliche Lügenhaftigkeit lebhaft von der unerschütterlichen Wahrheitsliebe des alten Barons von Münchhausen abhebe.

Der sagte mir noch kurz vor meinem Zimmer:

»Famos, daß Ihnen die Entlarvung so fein geglückt ist.«