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Laurids Bruun: Oanda - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleOanda
publisherGyldendal'scher Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080110
projectid3adcebb3
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Die Welt drüben

I.

Hopkins zog seine dünnen, dunklen Brauen, die so seltsam hoch auf der Stirn saßen, noch ein Stück höher, wodurch er einen unsagbar weltmüden Ausdruck bekam, und sagte:

»Wünschen die Herrschaften eine Erfrischung? Tee, Zitronenlimonade oder was Sie sonst befehlen?«

Goodwill hörte ihn nicht. Er war in der Tür zum Wintergarten stehen geblieben, in den Anblick des Parkes versunken, der so verändert war. Die Buchsbaumhecke dort zur Linken war damals allerdings auch schon gewesen, aber nicht so hoch und kräftig und viereckig wie jetzt – und wie war die Platanenallee dort drüben gewachsen! In dem milden, hellen Septembernachmittag verlor die Perspektive der schlanken, olivengrauen Stämme mit ihren gelben Flecken sich im goldenen Nebel. Die kiesbestreute Terrasse vor dem Wintergarten, mit dem prachtvollen Springbrunnen in der Mitte aber war neu. Das Bassin war von vier halbkreisförmigen Beeten mit hochstämmigen Rosen umgeben, die von derselben gelben Farbe waren, wie die breiten, runden Marmorstufen, die zu ihnen hinabführten. Und in der Mitte hinter den Rosen stand eine Marmorkumme auf einem hohen Fuß, wie eine griechische Vase geformt, aus der ein einzelner, blitzender Wasserstrahl emporsprang und silberklingend herabplätscherte und das Wasser in der Kumme zum Ueberfließen brachte, so daß es in Strahlentropfen in das flache Bassin um den Fuß der Fontäne blitzte. Und dort drüben die Büsten vor der Buchsbaumhecke – und die halbkreisförmigen Nischen im Gebüsch mit den Marmorbecken, das alles war neu.

Der Haushofmeister wiederholte seine Frage.

Goodwill sah sich nach den anderen um. Oanda stand beim Springbrunnen, und Nomura betrachtete eine Pergola von Glyzinen, die vom Wintergarten längs der Terrasse zu dem tiefer gelegenen Blumengarten führte. Darauf antwortete er für sie alle drei:

»Besten Dank, wir möchten Ihnen keine Ungelegenheiten machen, wir haben bereits am Bahnhof Tee getrunken.«

Im selben Augenblick drehte Oanda den Kopf um und winkte ihm:

»Sehen Sie doch nur, solche Fische habe ich noch nie gesehen! Sie leuchten wie Feuer!«

Hopkins wunderte sich über die Dame, die nicht wie andere war. Ihr flacher Strohhut war ganz unmodern, noch dazu hatte sie ihn in den Nacken geschoben – und was waren das für Aermel? Und ihr Gang – und die Haltung! Junges Gemüse aus den westlichen Staaten, dachte er bei sich, Tochter eines Farmers aus Kalifornien, die von ihrer Großmutter gekleidet ist.

Er ging mit Goodwill ans Bassin und erklärte mit freundlichem Wohlwollen:

»Das sind Goldfische, gnädiges Fräulein.«

»Wie hat sich hier alles verändert!« seufzte Goodwill.

»Der Herr sind schon früher hier gewesen?«

Goodwill wandte ihm sein Gesicht zu.

»Erkennen Sie mich denn nicht?«

»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung!« Hopkins zog die Brauen hoch und zwinkerte mit den Augen; schließlich ging ihm ein Licht auf.

»Ach, Herr Goodwill, der Hauslehrer!« Er nahm Goodwills dargereichte Hand, und die glattrasierte Maske glich einen Augenblick einem richtigen Menschengesicht.

»Sie haben sich in den neun Jahren gar nicht verändert, Hopkins.«

»Das kann man nicht von Ihnen sagen, Herr Goodwill. Sie haben einen Vollbart bekommen – und – äh – mehr Farbe.«

»Ja, damals war ich ein rechtes Bleichgesicht.«

»Herr Cunning wird sich sehr freuen. Er ist, wie gesagt, mit seinen Gästen zu unserm neuen Jagdpavillon in die Berge gefahren, aber in einer halben Stunde wird schon zum essen geläutet. Vielleicht machen die Herrschaften so lange einen Gang durch den Park.«

Goodwill drehte sich um und blickte über die Buchsbaumhecke.

Auf der andern Seite der Landstraße lag hinter einem hohen, schmiedeeisernen Gitter das Fabrikgebäude mit seinen mächtigen Bogenfenstern, hinter deren Nebel es rot und gelb flammte. Drei rußige Schornsteine ragten über die Dächer. Ein ganz neues Verwaltungsgebäude im Villenstil lag links, mit einem Rasen vor der monumentalen Steintreppe und einer mächtigen, amerikanischen Flagge über dem Portal.

Rechts von der Fabrik lag ein großer Platz, wo Haufen von Eisen und Koksschlacken symmetrisch geordnet waren. Dahinter sah man grüne Wiesen, die bis an den Fluß gingen, der sich wie ein blaues Band ganz bis zu der weißen Brücke schlängelte, wo die Stadt begann. Und hinter dem allen stieg ein Bergrücken mit vereinzelten Villen und einem dunklen Wald sanft zu dem hellen Horizont an.

»Mich dünkt, daß die Fabrik ganz umgebaut ist.«

»Das ist sie auch. Und das dort ist das neue Verwaltungsgebäude.«

»Monumental!« Goodwill legte den Kopf bewundernd auf die Seite. »Wenn ich an den alten geschwärzten Kasten denke!«

»Das alles ist umgebaut, als Herr Cunning persönlich vor fünf Jahren den Betrieb übernommen hat.«

»Ach, ja!« Goodwill seufzte und blickte sich nach Oanda um; sie war von den Fischen in Anspruch genommen und hatte nichts gehört.

Nomura hatte sich davon überzeugt, daß die Glyzinen hinter denen seines Heimatlandes nicht zurückstanden. Jetzt trat er zu den anderen, eignete sich die Aussicht mit einem raschen, kurzen Blick an, drehte den Kopf halbwegs zu Hopkins um und sagte:

»Krankenhaus?«

Verfluchter Japaner, dachte Hopkins, zog die Brauen in die Höhe und fragte höflich:

»Belieben?«

»Gehört ein Krankenhaus zur Fabrik?«

»Selbstverständlich, mein Herr. Unsere Fabrik ist durch und durch eine Musteranstalt. Das graue, zweistöckige Haus dort neben dem Verwaltungsgebäude ist das Krankenhaus.«

»Wieviele Arbeiter beschäftigt die Fabrik jetzt?« fragte Goodwill.

»Ueber dreitausend in Tag- und Nachtschichten. Das heißt die Fabrik hier; aber wir haben ja noch andere.«

»Zu meiner Zeit wurden nicht mehr als siebenhundert Arbeiter beschäftigt, alles in allem.«

»Und jetzt wird der Betrieb wieder vergrößert. Wir haben neue Maschinen bekommen. Können Sie das neue, weiße Gebäude dort drüben mit den hohen Schornsteinen sehen? Das ist das neue Maschinenhaus.«

Goodwill schüttelte bedenklich den Kopf und sagte feierlich:

»Das ist ein großes Pfund zum Verwalten!«

Oanda hatte sich am Springbrunnen satt gesehen. Jetzt betrachtete sie die Büsten, die in einer Reihe vor der Hecke auf polierten Granitsockeln standen.

»Sind das die Apostel?« fragte sie. »Es sind gerade zwölf.«

Goodwill wurde rot und blickte verstohlen zu Hopkins hin, der indessen seine unbewegliche Maske bewahrte.

»Nein, aber liebes Fräulein,« sagte er mit mildem Vorwurf, »das sind ja – sind das nicht –?«

»Ja, das sind die Bahnbrecher der Stahlindustrie, die Herr Cunning hier in dankbarer Bewunderung verewigt hat. Hier in der Mitte ist Bessemer, Sie wissen wohl.«

»Ja, ja, Sir Henry Bessemer – der Erfinder.«

Hopkins zeigte weiter:

»Brown – Thomas – Krupp –.« Auf mehr konnte er sich nicht besinnen und sagte nur: »Und all' die anderen berühmten Namen.«

Nomura wies auf eine hohe Figur, die vom Kopf bis zum Sockel durch ein Stück Sackleinewand zugedeckt war. Sie stand für sich allein, von einem Gebüsch eingefaßt, wo die Platanenallee in die Terrasse mündete.

»Und wer ist das da?«

»Sieh mal einer an.« Goodwill folgte der Richtung seines Armes. »Ein noch unenthülltes Denkmal – wer ist das?«

»Das ist Ralph Cunning, der berühmte Ingenieur, der vor zwanzig Jahren durch Schiffbruch umkam – unser Onkel und Namensvetter,« fügte Hopkins mit Selbstgefühl hinzu.

»Oh!« Oanda lief hin und wollte das Tuch herunterreißen,

»Um Gottes willen, gnädiges Fräulein!« Hopkins eilte hinter ihr her und hielt sie ehrerbietig, aber bestimmt am Arm zurück.

Oanda sah ihn zornig an.

»Aber das ist doch –«

Goodwill beeilte sich, sie zu unterbrechen:

»Ja gewiß, liebes Kind, aber nicht jetzt.«

Als sie sah, wie unruhig er war, gab sie nach.

»Wann soll die Enthüllung stattfinden?« fragte Goodwill; er hatte seine Hand unter Oandas Arm geschoben und zog sie sachte von dem Platz fort.

»Am zwölften Oktober. An dem Tage wird Herr Cunning dreißig Jahre alt, und das neue Maschinenhaus soll eröffnet werden. Und dieser Tag ist dafür ausersehen, die Statue des Mannes zu enthüllen, dessen Vermögen es Herrn Cunning ermöglicht hat, all' dieses Neue zu schaffen.«

»Ein hervorragendes Kunstwerk,« fügte er ehrerbietig hinzu, und zog die Brauen in die Höhe. »Dreißigtausend Dollar in dankbarer Erinnerung!«

»Sehr schön!« sagte Goodwill und unterdrückte einen Seufzer.

Oanda machte Miene, von neuem eine Bemerkung zu machen, als Goodwill glücklicherweise zwei große Pfauen gewahrte, die in der Allee stolzierten.

»Sehen Sie nur!« Er faßte Oandas Arm. »Sehen Sie die Pfauen dort!«

Oanda hatte noch nie von solchen Vögeln gehört, geschweige sie gesehen.

Sie faltete die Hände über der Brust vor Erstaunen und ging nahe zu ihnen heran, während Goodwill die Gelegenheit benutzte, um Hopkins los zu werden.

»Wir wollen Sie nicht länger aufhalten, Hopkins. Sie haben vor dem Mittagessen sicher viel zu tun, da Sie das Haus voller Gäste haben.«

Hopkins machte eine zustimmende Verbeugung.

»Wie war es doch noch – die Allee dort?«

»Führt zum Gemüsegarten. Aber auf der anderen Seite des Pfauenhauses, dort drüben, ungefähr in der Mitte der Allee, ist die Pforte, die zur Landstraße führt. Wenn die Herrschaften vielleicht den Wunsch haben, die Fabrik zu besichtigen; der Eingang ist bei dem großen Gittertor.«

»Danke schön, Hopkins.«

Hopkins machte eine gemessene Verbeugung und verschwand im Wintergarten.

Goodwill trat zu Oanda.

»Jetzt sind sie in ihr Haus gegangen,« sagte sie.

»Wer? Ach so, die Pfauen. Was ich sagen wollte, liebes Kind,« – er faßte ihre Hand und sah sie bittend mit seinen runden, gutmütigen Augen an – »Sie wollen ihm doch kein Leid antun?«

»Wem?«

»Ralph Cunning, der all' das Große und Schöne, was Sie hier sehen, geschaffen hat.«

»Leid antun?« Sie sah ihn erstaunt an.

»Sehen Sie nur, wie edel er das Andenken seines Wohltäters feiert! Wollen Sie ihm den großen Tag seines Lebens verbittern?«

»Nein, das will ich nicht, aber ich will das Bild meines Vaters sehen.«

»Sie werden natürlich dem Fest beiwohnen und später, wenn Sie Ralph näher kennen gelernt haben, können Sie ihm ja alles erzählen.« – Er machte eine Pause und sah sie eindringlich an. – »Wenn Sie es nicht vorziehen, zu schweigen – Ihrer Mutter wegen.«

»Meiner Mutter wegen?«

Goodwill fürchtete, daß er zu viel gesagt hatte, und brach kurz ab.

»Kommt, jetzt wollen wir das große, neue Werk betrachten, zu dem der Herr seinen Segen gegeben hat.«

Sie gingen durch die Allee; Nomura, wie gewöhnlich, einige Schritte hinter ihnen.

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