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Laurids Bruun: Oanda - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleOanda
publisherGyldendal'scher Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080110
projectid3adcebb3
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VI.

Als Tsing-Kai seine Geschichte beendet hatte, wandte er sein Gesicht fort, und zwei große Tränen quollen aus seinen gesenkten Augenlidern hervor.

Oanda legte ihre Hand auf seinen Arm.

»Wir wollen dafür sorgen, daß du nach Hause kommst. Wir wollen Wilkins bitten, sich deiner anzunehmen. Nicht Pieter?«

»Verzeihen Sie,« Fielding wandte sich an Helen, »wer ist dieser Wilkins?«

»Ein Schiffer, der Kopra und Bananen abholt und uns statt dessen Waren bringt. Wir erwarten ihn täglich.«

»Haben Sie gehört, Goodwill, das nenne ich einen glücklichen Zufall. Ist er Amerikaner?«

»Er ist aus San Franzisco.«

»Ausgezeichnet!«

Goodwill legte seine Hand teilnahmsvoll auf Tsing-Kais Schulter und sagte:

»Nenn' mir den Namen deiner Mutter und sage mir, wo ihr am Fluß wohntet. Ich werde meinen Freunden durch Herrn Wilkins einen Brief schicken und sie bitten, sich deiner Geschwister anzunehmen.«

»Wozu einen Brief schicken? Er wird ja selbst hinkommen.«

»Fräulein Oanda,« Fielding sah sie streng an, »wir ehren ihr gutes Herz. Tsing-Kai kann aber nicht nach Kanton kommen, bevor er seine Strafe abgebüßt hat.«

»War es denn schlecht von ihm, daß er zu seinen Geschwistern nach Hause wollte?«

»Er hat von dem Gold gestohlen, das ihm anvertraut war.«

»Er stahl von dem Gold, das andere aus den Bergen und Flüssen der Eingeborenen gestohlen hatten. Warum werden diese nicht auch bestraft? Mutter, ist es weniger schlimm, wenn viele Menschen, die die Macht haben, aus Begehrlichkeit stehlen, als wenn ein einzelner armer Mensch es aus Not tut?«

»Nein, Oanda. Und doch muß es so sein, wie Herr Fielding sagt.«

»Ich danke Ihnen, gnädige Frau, und es freut mich, daß Sie erkennen, daß weder Wilkins noch ich anders handeln können, als unsere Pflicht es verlangt.«

»Ich kümmere mich nicht um Pflicht.«

»Liebes Fräulein,« Goodwill sah sie betrübt an, »wenn Sie den rechten Glauben hätten, würden Sie so etwas nicht sagen.«

»Ihr andern habt nicht den richtigen Glauben. In euren Herzen ist kein Licht.«

»Oanda!« Helen streckte die Hand abwehrend nach ihr aus.

Oanda aber wollte nicht hören, ihr Gemüt war zu erschüttert.

»Warum hast du vor mir verborgen, wie die Welt ist? Warum hast du mir nicht gesagt, daß in den Menschen ein anderer Gott ist, als in uns? – Was kümmert mich Gesetz und Pflicht, wenn Gott, der in meinem Herzen ist, mir sagt, daß ihre Taten böse sind? – Pieter hilf mir doch, warum sagst du gar nichts?«

Pieter aber wußte nicht, was er sagen sollte. Er dachte nicht an Tsing-Kai. Er dachte nicht an Gesetz und Pflicht, er dachte nur, daß Oanda so plötzlich eine ganz andere geworden war. Wie sie dort stand mit glühenden Wangen und zornigen Augen, schien sie mit jedem Wort zu wachsen, so daß sie fast nicht wiederzuerkennen war.

Oanda faßte ihn am Arm.

»Hat er Strafe verdient?« fragte sie ihn. »Hat er schlecht gehandelt, weil er nach Hause reisen und für seine Geschwister sorgen wollte?«

»Nein, das nicht, Oanda.« Pieter blickte verstohlen zu Helen herüber, und als er ihren bekümmerten Ausdruck gewahrte, fügte er hinzu: »Das Gold gehörte aber nun einmal nicht ihm.«

»Sorgst du nicht dafür, daß alle hier auf der Insel das haben, was sie brauchen? – Wenn die andern Menschen, denen das Gold gehört, auch dafür sorgten, hätte er nicht zu stehlen brauchen.«

»So geht es aber nicht in der Welt zu,« Pieter seufzte.

»Warum habt ihr mir das verheimlicht?«

Sie zögerte einen Augenblick, während sie von einem zum andern sah. Dann rief sie aus:

»Ich habe mich danach gesehnt, die Menschen kennen zu lernen, die alle die großen wunderbaren Dinge erfunden haben. Ich glaubte, daß sie Alle herrliche, vollendete Menschen seien.«

Pieter griff nach ihrer Hand, sie aber entzog sie ihm.

Er betrachtete das Feuer in ihren Augen und die Falte zwischen ihren Brauen, und murmelte, sie solle sich freuen, daß sie auf einer Insel geboren sei, wo alles gut und friedlich wäre.

Oanda aber gab sich nicht damit zufrieden. Sie wollte genau Bescheid wissen.

»Ich begreife nur nicht,« sagte sie zu ihrer Mutter gewandt, »daß Menschen, die so große und vollkommene Dinge geschaffen haben, so hart und böse handeln können. Wenn er sich nicht um seine Geschwister gekümmert und nur an sich selbst gedacht hätte, dann wäre er böse und hart gewesen; so würden wir hier auf der Insel urteilen. Wenn er aber für seine Geschwister sorgt und das Gold nimmt, dann sagen die andern, daß er schlecht ist und bestraft werden muß. Mutter, wie kannst du, die du besser bist als alle andern Menschen, sagen, daß er nicht schlecht gehandelt hat und dennoch bestraft werden soll?«

Helen wandte sich ihr mit schmerzzuckenden Lippen zu.

»Ich habe nicht gesagt, daß er bestraft werden muß.«

»Warum ist es denn ihre Pflicht, ihn ins Gefängnis zurückzuschicken, wie Herr Fielding sagt?«

»Weil die Strafe von einer höheren Macht eingesetzt ist, deren Gebote sie befolgen müssen.«

»Warum?«

»Weil die Bürger eines Staates sich den Gesetzen des Staates unterordnen müssen.«

»Auch wenn das Licht in ihren Herzen ihnen etwas anderes gebietet?«

»Wie soll ich dir das erklären, Kind! Die Gesetze des Lichtes und der Welt sind nicht immer eins. Denke an ihn, der die Menschen liebte und zu ihrer Rettung geboren wurde, und den man dennoch ans Kreuz schlug.«

»Du hast mir gesagt, daß er vom Licht gesandt wurde, weil die Dunkelheit damals in der Welt gesiegt hatte. Hat die Dunkelheit denn von neuem gesiegt und zwingt sie die Menschen, bösen Gesetzen zu folgen?«

Helen dachte an ihre eigene Jugend und fand keine Antwort.

»Hoffentlich wird jetzt ein neuer Christus kommen, um über die Dunkelheit zu siegen.«

Oanda blickte ins Weite, als sähe sie in eine Welt hinein, die sie nicht kannte, in Träume, die immer mehr verblaßten.

Goodwill hatte Mitleid mit der tiefen Enttäuschung in ihren Augen.

»Liebes Fräulein,« sagte er, »es gibt so mancherlei, was Sie noch nicht verstehen. Kommen Sie mit uns, und ich werde Ihnen die Welt zeigen, wie sie wirklich ist. Sie ist unvollkommen, das ist wahr. Schlecht aber ist sie nicht. Was den armen Tsing-Kai anbetrifft, so bin ich ganz Ihrer Meinung. Wer mit einer guten Absicht handelt, ist nicht schlecht. Ich würde ihn nie bestraft haben, das können Sie mir glauben. Und ich bin überzeugt, daß auch Fielding es nicht getan hätte, wenn es an ihm liegen würde.«

»Doch, Goodwill, die Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft dürfen nicht verletzt werden, wenn die Absicht auch eine gute war.«

»Sie dürfen mich nicht mißverstehen. Ich meine nur – und das war es, was ich Ihnen sagen wollte, liebes Fräulein – wenn das Gesetz auch verurteilt, weil es verurteilen muß, so gibt es in unserem christlichen Staat etwas, was Barmherzigkeit heißt. Einer hat das Recht und die Macht, zu begnadigen. Und das ist der Präsident. Kommen Sie mit uns nach den Vereinigten Staaten und lernen Sie unsere große, schöne zivilisierte Welt kennen. Es ist die höchste Zeit für Sie, da Sie nicht einmal in dem wahren Glauben erzogen sind. Und Sie sollen sehen, diesen armen Sünder dort werden wir frei bekommen. Ich werde Sie selbst zum Weißen Haus begleiten und dem Präsidenten vorstellen. Ich kenne ihn persönlich, denn ich bin bei einem Mündel von ihm Hauslehrer gewesen.«

»Bei wem, Goodwill?« fragte Fielding.

»Bei Ralph Cunning.«

Helen erbleichte und griff nach Oandas Arm.

»Bei dem jungen Stahlfabrikanten?« fragte Fielding interessiert.

»Eben demselben. Erinnern Sie sich noch unseres berühmten Ingenieurs desselben Namens?«

»Des Erbauers der Himmelsbrücke?«

»Mein Schüler ist nach ihm benannt worden und hat sein Vermögen geerbt.«

»Richtig, ich entsinne mich. Ich glaube, es waren zirka zwanzig Millionen?«

»So ungefähr. Ralph ist der Sohn eines Vetters von ihm und erbte das ganze Vermögen, und der Präsident, der damals Advokat war, wurde sein Vormund.«

»Hat man eigentlich jemals erfahren, wie der Ingenieur Cunning seinerzeit ums Leben kam?«

»Er reiste plötzlich fort, keiner wußte warum. Man wußte nur, daß er in Indien gesehen worden war. Später erfuhr man, daß er auf der Reise von Singapore nach St. Franzisco Schiffbruch gelitten hat – sein Name stand auf der Passagierliste.«

Helen zeigte auf den Hügel und sagte:

»Dort ist sein Grab!«

Goodwill und Fielding sahen sie an. Sie folgten der Richtung ihres Armes und entdeckten den weißen Korallenblock, der auf der Anhöhe leuchtete.

»Ralph Cunning?« Fielding betrachtete die leeren strahlenden Augen und den Mund mit der bebenden Schmerzensfalte, die einem Lächeln glich. »Der Schöpfer der Himmelsbrücke?«

»Er war mein Mann. Wir waren an Bord des ›King Georges‹, der auf ein Korallenriff lief und im Südchinesischen Meer strandete.«

Pieter legte seine Hand auf Oandas Schulter und sagte:

»Und dies ist seine Tochter.«

Goodwill blickte von Helen zu Oanda. Darauf glitt ein Schatten über sein gutmütiges Gesicht, und seine runden Augen blickten Fielding fragend an.

»Danach scheint er ja einen leiblichen Erben gehabt zu haben?«

»Sind Sie im Besitze der Papiere Ihres Mannes, gnädige Frau?« fragte Fielding.

»Ich besitze seine Uhr mit Namen und seine Brieftasche, worin seine Dampferkarte liegt.«

»Das genügt. Und Ihre eigenen Papiere?«

»Sind alle verloren gegangen.«

»Das schadet nichts. Wenn Sie nur eine Abschrift Ihres Trauscheines verschaffen können, so gehört das Vermögen rechtmäßig Ihrer Tochter.«

»Mein armer Ralph!« Goodwill strich sich über die Stirn. »Er eignet sich schlecht dazu, arm zu werden.«

Fielding sah Oanda an und lächelte väterlich:

»Da können Sie sehen, kleines Fräulein, wozu das Gesetz gut ist – das Gesetz, das Sie nicht anerkennen wollen. Jetzt verschafft es Ihnen zwanzig Millionen.«

»Was bedeutet das?«

»Macht!«

»So groß wie die des Präsidenten in dem Weißen Haus?«

»So groß wohl kaum.«

»Wie groß dann?«

»So groß, wie das, was man für zwanzig Millionen kaufen kann und noch etwas dazu, wenn Sie sie richtig auszugeben verstehen.«

»Kann ich den armen Chinesen dann aus dem Gefängnis freikaufen?«

»Nein, so etwas kann man nicht kaufen. Wenn Sie aber den Wunsch äußern, wird man ihn sicher erfüllen.«

»Was soll das heißen?«

»Daß man einer so vermögenden Dame die Erfüllung eines so bescheidenen Wunsches nicht verweigern wird.«

»Ich verstehe Sie nicht. Sagten Sie nicht, daß weder Sie noch Wilkins gegen das Gesetz handeln dürfen?«

»Gewiß. Gesetz ist Gesetz und niemand darf es verletzen. Der Präsident aber kann begnadigen.«

»Ist das ein anderes Gesetz?«

»Das ist auch ein Gesetz.«

»Kannst du das verstehen, Pieter?«

Pieter zuckte die Achseln und wich ihrem Blick aus.

»So ist es nun einmal in der Welt,« sagte er.

Fielding wandte sich an Helen:

»Wenn Sie in Indien getraut worden sind, Frau Cunning, wird das Konsulat in Manila den Trauschein leicht beschaffen können.«

Helen fühlte die Augen der anderen auf sich und errötete bis über die Stirn.

Ein wunderbarer Ausdruck trat in ihr Gesicht – von Hoheit, die in Schmerz gereift, von Glück, das entschwunden und zu Verzauberung geworden war.

»Gott hat uns getraut.«

»Ah – so –«

Mehr sagte Fielding nicht, Goodwill errötete wie ein junges Mädchen und blickte hastig zur Seite.

Helen fühlte, was in dem Schweigen um sie herum vorging. Ihrer Tochter und des Toten wegen fuhr sie fort:

»Ein alter Parsenpriester segnete unsere Ehe, ohne Trauschein und ohne Kirchenbuch. Nur er und Gott waren Zeugen.«

Es dauerte eine Weile, bevor das Schweigen unterbrochen wurde.

»Es tut mir leid,« sagte Fielding, »aber dieser Akt hat vor dem Gesetz keine Gültigkeit.«

»Nicht vor dem Gesetz der Welt, wohl aber vor Gottes.«

»Gnädige Frau,« sagte Goodwill, und durch seine Stimme klang die Autorität des Geistlichen. »Gottesgesetze sind die Gesetze der christlichen Gemeinde. Sehen Sie jetzt ein, welch' große Verantwortung Sie auf sich genommen haben? Ihre Tochter hat weder Anrecht auf den Namen noch auf das Vermögen Ihres Vaters.«

Helen neigte den Kopf bei seinen Worten; das war die Stimme der Welt. Seit zwanzig Jahren hatte sie nur die Stimme in ihrem eigenen Herzen gehört.

»Wir waren unterwegs, um in seinem Land und nach dessen Gesetzen getraut zu werden, als wir Schiffbruch litten.«

Oanda hatte mit klopfendem Herzen zugehört. Sie verstand nur wenig von dem, was gesprochen wurde, jetzt ergriff sie die Hand ihrer Mutter und fragte:

»Trauen – was heißt das?«

»Das heißt, daß die Welt uns erlaubt, Mann und Frau zu sein.«

Oanda dachte nach, dann fragte sie:

»Pieter, warst du und Ali nicht auch Mann und Frau?«

»Ja, darauf kannst du dich verlassen.«

»Hier gibt es aber doch kein Gesetz.«

»Keines außer Gottes.«

Pieter bohrte seine Augen so streng in die des Geistlichen, daß dieser seinen Blick niederschlug.

»Mutter, gabt ihr euch nicht alles, was ihr besaßet?«

»Alles, was Menschen geben können, gaben wir einander.«

»Bin ich denn nicht euer richtiges Kind?«

»Doch, Oanda.«

»Warum sagt ihr denn, daß ich kein Recht auf den Namen und das Vermögen meines Vaters habe?«

»Nach Gottes Gesetz ist es alles dein. Die Welt aber verlangt mehr.«

»Gibt es denn mehr als Gottes Gesetz? Ach, Pieter, erkläre es mir, ich verstehe gar nichts mehr.«

Pieter suchte nach einer Antwort, durch die er ihr die Sache verständlich machen konnte. Schließlich sagte er:

»Es ist ein Gesetz, das Menschen erfunden haben, um sicherzugehen, daß niemandem Unrecht geschieht.«

»Ach so, sie fürchteten wohl, daß er in seinem eigenen Lande bereits mit einer anderen Frau verheiratet sei?«

»Ganz recht.«

»War das denn der Fall?« Oanda sah ihre Mutter ängstlich an.

»Nein, o, nein.«

»Dann brauche ich dem Präsidenten doch nur zu sagen, daß mein Vater niemanden anderen in der Welt hatte, als dich und mich.«

»Das würde nichts nützen. Der Präsident weiß ja nicht, ob ich die Wahrheit rede.«

»Aber das tust du doch.«

»Ich könnte mich ja auch irren.«

»Glaubt er vielleicht, daß Vater dich belogen hat?«

»Er kann es nicht wissen, da er ihn nicht gekannt hat.«

»Gibt es denn jemanden, der so etwas lügen würde?«

»Ja, Oanda, solche Menschen gibt es in der Welt.«

»Menschen, wie du und Vater und ich?«

»Ja.«

»Muß ich hergeben, was mir gehört, weil es Menschen gibt, die lügen?«

»Dem Gesetz zufolge,« unterbrach Fielding sie kurz, »war Ihre Mutter nicht mit Ihrem Vater verheiratet. Und die Kinder unverehelichter Frauen haben weder Anrecht auf den Namen noch auf das Vermögen des Vaters, auch wenn dadurch keinem anderen Unrecht geschieht.«

Oanda sah ihn verwundert an.

»Ist das Gesetz?«

»Ja, Fräulein, so ist das Gesetz.«

»Dann ist das Gesetz schlecht, und die Menschen, die es gemacht haben, sind auch schlecht. In ihnen lebt kein Gott.«

Ihre Wangen glühten und ihre Brust wogte. Sie blickte von einem zum andern, und schließlich blieben ihre Augen auf Tsing-Kai haften, der vor ihr hockte und keinen Blick von ihr verwandte.

»Nehmen Sie ihn nur mit,« sagte sie zu Fielding. »Nehmen Sie ihn nur mit in Ihr Gefängnis. Ich aber werde auch mitkommen. Ich werde zum Präsidenten gehen und ihm alles erzählen, sowohl von Tsing-Kai, wie von Vater und Mutter und mir. Und Ihr werdet sehen, daß er nicht gegen den Gott, der in ihm lebt, zu handeln wagt.«

Sie wandte sich zu Goodwill.

»Haben Sie nicht gesagt, daß Sie mich zum Präsidenten begleiten wollen?«

»Ja, wahrlich, das will ich.« Goodwills Augen leuchteten, und er nahm ihre Hand zwischen seine beiden. »Ich werde an Va – an Freundes und Bruders statt für Sie sein, ich werde Ihnen unsere zivilisierte Welt zeigen, und Sie werden sehen, wie groß und schön sie ist – trotz allem. Sie werden in der christlichen Gemeinde, der ihr junges, edles Gemüt sicher große Dienste leisten kann, aufgenommen werden. Aber –«

Goodwills Gesicht nahm einen bekümmerten Ausdruck an. Er drückte ihre Hand zwischen seinen beiden und wußte nicht, was er sagen sollte.

Fielding kam ihm zu Hilfe:

»Goodwill meint, ob Sie Geld haben, denn die Reise ist teuer.«

»Und ich bin nur ein armer Pfarrer, den man aus Amt und Würden vertrieben hat.«

»Es kostet viel Geld, in den Vereinigten Staaten zu leben,« sagte Fielding.

»Es ist dort nicht wie hier, wo Gott Ihnen alles schenkt, was Sie nötig haben.«

»Wenn ich das Vermögen meines Vaters bekomme, will ich mit dem jungen Mann, der wie mein Vater heißt, teilen – und dann werde ich Ihnen so viel Geld geben, daß Sie zu Ihren Armen in China, die Sie so sehr in Ihr Herz geschlossen haben, zurückkehren können.«

»Sie haben ein ausgezeichnetes Herz, kleines Fräulein,« sagte Fielding und lachte.

»Ja, das haben Sie!« Goodwill drückte von neuem ihre Hand, die Besorgnis aber wich nicht aus seinem Gesicht.

»Oanda braucht keine fremde Hilfe,« sagte Pieter. »Wenn sie reisen will, kann sie einen Scheck auf die Bank in Hongkong bekommen.«

Goodwills Gesicht hellte sich wieder auf. Er ließ Oandas Hand los und ergriff Helens.

»Vertrauen Sie mir Ihre Tochter an, liebe, gnädige Frau. Nur für einige Monate. Vielleicht bekommt sie nie wieder Gelegenheit, das Versäumte nachzuholen.«

Pieter machte eine Bewegung, als ob er dem Priester Helens Hand entreißen wollte, doch er faßte sich und sagte:

»Warum willst du hinüber, Oanda? Wir, die wir dort geboren sind, deine Mutter, dein Vater und auch ich, sind fortgereist, als wir verständig genug waren, weil –«

Helen aber unterbrach ihn.

Sie hatte lange geahnt, was jetzt Gewißheit geworden war.

Sie hatten das Böse in der Welt vor Oanda verborgen, um ihr Herz nicht zu kränken. Sie hatten die Dunkelheit verschwiegen, um ihren Glauben ans Licht nicht zu stören. Sie hatten ihr die Welt dargestellt, wie sie wünschten, daß sie sein sollte, und nicht, wie sie war. Und es war gekommen, wie es kommen mußte, sie sah es jetzt klar. Die Sehnsucht nach all' dem Schönen, Großen und Vollkommenen war mit Oandas Mädchenträumen gewachsen, bis die harte, unvollkommene, zerrissene Welt, der ihre Eltern in ihrer Jugend entflohen waren, drauf und dran gewesen war, für sie das Land der Verheißung zu werden. Sie sah ein, daß der Frieden und das Glück, worin sie bis jetzt gelebt hatte, das Leben, das war und ihres war – von dem Heimweh nach einer Welt, die es nirgends gab, die nur Betrug war, zerstört werden würde.

Darum unterbrach Helen ihn. Sie richtete ihre leeren, strahlenden Augen auf Goodwill und sagte, während es in der feinen Schmerzenslinie, die einem Lächeln glich, bebte:

»Ja, ich will Ihnen meine Tochter anvertrauen –«

Sie nahm Oandas Hand zwischen ihre beiden und sagte:

»Reise hinüber in die Welt, wo dein Vater und ich zu Hause waren. Ueberzeuge dich selbst, wie sie ist. Du wirst enttäuscht werden und du wirst weinen – schließlich aber wirst du sie verstehen. Und du wirst Freunde treffen: gute Menschen sind wie Sterne in der Nacht. Das Licht in deinem Herzen wird dich mit dem Richtigen zusammenführen, so wie dein Vater und ich uns fanden, als wir aus weit verschiedenen Gegenden über das Meer kamen. Und vielleicht wirst du die Arbeit verrichten können, von der dein Vater und deine Mutter träumten, bevor du das Licht der Welt erblicktest. Ich fürchte nicht, dich zu verlieren. Wenn du in Not gerätst, wenn die Welt dir zu bitter wird, dann wirst du vor der Zeit zu uns zurückkehren, und die Insel wird dir glücklicher erscheinen, als vordem. Gelangst du aber zu Reichtum und Macht, dann wirst du der Welt von dem Frieden deiner Insel, einen Widerschein von ihrem Glück, Licht von deinem Licht bringen, Oanda – wie deine Geschwister dich nannten, als Pieter dich ihnen zum ersten Male auf der Höhe, auf dem Grabhügel deines Vaters zeigte. Etwas so Zartes hatten sie noch nie geschaut, und darum nannten sie dich Oanda: Die Leuchtende. Nein, nein – sei nicht traurig, weine nicht! Ich fürchte nichts – bei allem, was du tun wirst, wirst du im Namen des Lichtes handeln, davon bin ich überzeugt. Von klein auf bist du mein Auge gewesen; du sahst alles für mich, was um mich her war, und ich sah es, so wie du es mir beschriebst. Jetzt wird Pieter für mich sehen, alles das, was Augen sehen können. Außerdem aber habe ich die Augen der Seele, die das Licht mir als Ersatz gab, mit denen ich das Licht in deinem Herzen sprießen und wachsen sah; damit werde ich dir übers Meer folgen – sie werden über dir leuchten Tag und Nacht, wie Sterne über dir leuchten, obgleich du sie auch nicht sehen kannst, wenn die Sonne sie verdunkelt. Oanda, meine Tochter, an dem Grabe deines Vaters will ich dir das letzte Lebewohl sagen. Dort wollen wir am letzten Abend beisammensitzen, entschwundener Tage gedenken und denen entgegenlauschen, die kommen sollen. Und wenn die ›Arizona‹ des Morgens über die Lagune hinausgleitet, werde ich an dem Grabe stehen bleiben, damit du mich im Licht sehen kannst, bis die Insel im Meer versinkt.«

»O, Mutter – Mutter!«

Oanda warf sich schluchzend an ihre Brust.

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