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Laurids Bruun: Oanda - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleOanda
publisherGyldendal'scher Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080110
projectid3adcebb3
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V.

Es gab neugebackenes Tarobrot, das sie noch nie gekostet hatten. Es gab Eier, richtige Hühnereier. Eine Dose Sardinen aus Manila, und Tatloi-Fisch in Gelee, die herrlichsten Bananen, jungen Palmwein und junge Palmenschößlinge, die wie Blumenkohl, nein, noch besser, schmeckten.

Fielding sagte »ausgezeichnet!« und Goodwill »wunderbar« und Nomura nur »hm«.

Helen hatte Toko zum Wasserfall im Walde geschickt, um Pieter zu holen.

Einige Stunden waren vergangen. Die Sonne stand hinter dem Hause, dessen Schatten bereits die Sonnenuhr erreichte. Die Fremden machten es sich auf den Korbstühlen bequem, während sie Pieters Manila-Zigarren rauchten. Fielding erzählte von dem Brand an Bord und von ihrer Bootsfahrt auf dem ölblanken Meer.

Da hörte Helen, bevor einer der andern es gewahr wurde, einen Laut von knackenden Zweigen. Sie hob den Kopf und lauschte. Es waren nicht Pieters Schritte allein, die sie am Ende des Gartens hörte, sondern die Schritte von mehreren. Jetzt konnte sie auch Stimmen unterscheiden. Im selben Augenblick hatte auch Oanda den Laut aufgefangen und wandte den Kopf. Sie versuchte sowohl auf die Schritte, wie auf Fieldings Erzählung zu hören, doch das glückte ihr nicht.

Da raschelte es im Hibiscusgebüsch, und Toko kam zum Vorschein.

Was aber war das?

Er kam von rückwärts und trug etwas zusammen mit Pieter.

Als sie durch den Garten kamen, sah Oanda zwei Beine über Tokos Arm baumeln. Ganz hinten im Garten steckten die Eingeborenen ihre Köpfe aus dem Gebüsch, die Augen vor Neugierde weit aufgerissen. Sie wagten der Fremden wegen nicht näher zu kommen,

Oanda hatte sich erhoben und war ihnen entgegengegangen.

Jetzt drehte sie sich um und rief:

»O, Mutter – ein Gelber – er schläft, oder ist tot.«

Alle standen auf und gingen in den Garten hinunter, während Toko und Pieter den Mann auf den Rasen legten und seinen Rücken gegen den breiten Stamm der Kokospalme lehnten.

Pieter richtete sich auf, musterte die Fremden, die auf ihn zukamen, ihn grüßten und sich vorstellten.

Er nickte, hieß sie willkommen und deutete auf den Mann, der mit geschlossenen Augen vor ihnen im Gras lag.

Seine Haut war gelb und blank, das Gesicht breit, die Nase flach und die Augen fast ohne Brauen. Seine Jacke stand offen, so daß man den dicken groben Hals sah. Sein Anzug war naß und klebte am Körper.

»Das ist ja der Kuli,« sagte Fielding und stieß mit seinem Fuß gegen dessen Bein.

»Wahrhaftig, das ist Tsing Kai!« Goodwill beugte sich über ihn.

»Er sprang aus dem Boot, als wir hinter die Brandung gelangt waren, und schwamm davon, so schnell er konnte.«

»Ich habe ihn am Strande bei der Mündung des Baches gefunden,« sagte Pieter und beugte sich herab, um nach einem Lebenszeichen in dem unbeweglichen Gesicht zu spähen.

»Armer Kerl,« sagte Fielding. »Untersuchen Sie ihn, Doktor.«

Nomura kniete nieder und öffnete die Jacke des Chinesen, so daß seine behaarte Brust zum Vorschein kam. Er legte sein Ohr horchend darauf, während die anderen sich vorbeugten und den Ausdruck in dem leblosen Gesicht beobachteten.

»Leben!« sagte der Japaner und begann die Arme des Chinesen auf- und niederzubewegen.

Oanda sah mit großen Augen zu. Dann lief sie zur Veranda hinauf und nahm eine Kumme mit Palmwein vom Tisch, um ihm zu trinken zu geben, wenn er wieder zu sich kommen würde.

Fielding betrachtete die nackte Brust aufmerksam, auf der eine große weiße Narbe sichtbar war.

Da schlug der Schiffbrüchige die Augen auf. Der Blick, der glanzlos war, tastete wie durch Nebel und blieb schließlich auf Oandas Augen haften.

Sie kniete neben ihm nieder, ihren Blick in den seinen gesenkt, als wolle sie ihm Leben von ihrem Leben geben.

Endlich leuchtete es in seinen Augen auf, er öffnete sie ganz und strammte seine Lippen.

Nomura hob seinen Kopf, und Oanda hielt ihm die Schale an die Lippen. Er trank, während er sie ansah, und sie meinte, daß er lächelte.

Oanda strich ihm eine Strähne seines schwarzen Haares aus der Stirn.

Der Chinese wandte seinen Mund von der Schale ab und schloß die Augen, als ob das Licht ihm wehtäte.

Toko holte eine Matte und ein Kissen. Er und Nomura hoben ihn hoch, während Pieter die Matte zurecht rückte und ihm das Kissen unter den Kopf schob. Gleich darauf schlief er ein.

»Ueberanstrengung!« sagte Nomura.

Oanda betrachtete den Schlafenden eine Weile, dann sagte sie zu ihrer Mutter:

»Er hat solch gutes Gesicht, wie ein krankes Kind. Aber er hat keine Augenbrauen, die Augen sitzen schief und seine Nase ist platt, und auf der Brust hat er eine große weiße Narbe.«

»Das ist keine Narbe,« sagte Fielding, »es ist ein Merkmal. Ein Buchstabe.«

Oanda sah ihn erstaunt an.

»Wie ist er dazu gekommen?«

»Das Mal ist ihm mit einem Stempeleisen eingebrannt worden.«

Sie starrte ihn entsetzt an und griff nach der Hand ihrer Mutter.

»Wer hat das getan?« fragte sie.

»Das Gefängnis in Manila. Er ist ein entwichener Sträfling.«

»Nicht möglich!« Goodwill betrachtete den Chinesen. »Warum haben Sie uns das nicht früher gesagt? Wir hätten doch wissen müssen, wen wir bei uns im Boot hatten.«

»Ich habe es selbst eben erst gesehen.«

Oanda griff nach seinem Arm.

»Mit einem glühenden Eisen?« fragte sie leise.

»Ja, damit man die Sträflinge wiedererkennen kann, wenn sie flüchten.«

»Bei einem lebendigen Menschen?«

»Natürlich nicht bei den Weißen. Nur bei den Chinesen, Malaien und anderen Farbigen.«

Oanda blickte von einem zum andern, um zu ergründen, ob das alles nicht nur Scherz sei. Auf den Langen konnte man sich nicht verlassen, das hatte sie schon gemerkt. Er neckte seinen Freund und zog hinter seinem Rücken die Oberlippe hoch.

»Pieter – ist das wirklich wahr?«

Es war noch nie vorgekommen, daß jemand Oanda wehgetan hätte. Pieter runzelte die Brauen und das Blut stieg ihm zu Kopfe; es war so lange her, seit er zornig gewesen war, daß er es fast vergessen hatte.

»Wer sind Sie eigentlich?« platzte er heraus.

Fielding begegnete seinem grimmigen Blick, richtete sich höher auf und antwortete höflich:

»Ich bin Inspektor des Gefängniswesens in Pensylvania.«

»Was Sie sind, das interessiert mich gar nicht,« antwortete Pieter und sah ihn herausfordernd an.

»Und wer sind Sie?« fragte Fielding mit unveränderter Höflichkeit.

»Ich bin Herr dieser Insel.«

»Ich erlaube mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß wir kein privates Eigentumsrecht auf Inseln innerhalb unserer Interessensphäre anerkennen. Ich habe vor kurzem im Namen des Staates von der Insel Besitz ergriffen. Leider habe ich keine Flagge, sonst würde ich sie hissen.«

»Und ich würde Sie im selben Augenblick herunterreißen.«

Fielding schwieg und maß seinen Gegner.

»Sie besitzen im Augenblick die Macht,« sagte er dann.

»Und ich habe die Absicht, sie auch zu gebrauchen.«

»Auf meiner Seite aber ist das Gesetz.«

»Hier gilt kein anderes Gesetz, als Gottes und mein eigenes.«

»Sind Sie amerikanischer Bürger?«

»Nein. Und hier gibt's weder Gefängnisse noch Sträflinge.«

»Aber in den Staaten, Und ich habe die Pflicht, den Mann, der dort im Gras liegt, mitzunehmen, wenn ich von hier fortgehe.«

»Keiner hat nach Ihnen geschickt, und Sie mögen je eher je lieber, wieder in Ihrem Boot davonfahren. Dieser Mann aber bleibt hier, solange ich und sie es für gut befinden.«

Er deutete mit dem Kopf auf Helen und kehrte Fielding den Rücken.

Oanda betrachtete Fielding klopfenden Herzens und mir Augen, die vor Zorn dunkel waren.

Pieter nahm ihre Hand und sagte:

»Kehre dich nicht daran. Niemand soll ihm etwas zu leide tun.«

»Lieber Herr Fielding,« legte Goodwill sich ins Mittel, »Sie dürfen nicht verkennen, daß wir momentan unter dem Gesetz des Gastrechts stehen – auch der arme Sünder dort.«

»Ausgezeichnet, Goodwill!« Der Lange hatte seine gute Laune wiedergewonnen, »Ich beantrage, daß wir erst erfahren, was der Mann getan hat, bevor Sie diejenigen verurteilen, kleines Fräulein, die ihn bestraft haben.«

»Ja,« sagte Helen, »das ist wahr.«

Oanda hatte kaum zugehört. Sie mußte immerzu an das denken, was Fielding von den Weißen und den Farbigen gesagt hatte. Sie bekam ordentlich Herzklopfen vor angestrengtem Denken. Schließlich machte sie ihrem Herzen Luft.

»Meine Geschwister sind auch farbig,« sagte sie und wies mit dem ausgestreckten Arm über die Insel, »ist ihr Herz darum anders als meines?«

»Oanda,« sagte Helen und legte beruhigend die Hand auf ihren Arm.

»Warum hat er gesagt: ›Natürlich nicht bei den Weißen –‹ sind wir besser, weil unsere Haut weiß ist?«

»Nein, Oanda, aber dort, wo Herr Fielding zu Hause ist, betrachtet man solche Dinge anders als du und ich.«

»Dann ist es ja nicht wahr, daß nur ein einziges Licht in uns allen ist.«

»Liebes Kind, das verstehst du nicht. Laß uns erst hören, was der Chinese Böses getan hat, und warum er von dem Gesetz bestraft worden ist.«

»Was ist böse? – Was ist Gesetz?«

Goodwill entsetzte sich über ihre Worte. Er warf Helen einen strengen Blick zu und vergaß, daß sie ihn nicht sehen konnte.

»Gnädige Frau,« sagte er feierlich, »Sie tragen eine große Verantwortung.«

Ohne daß die andern es bemerkt hatten, war der Chinese erwacht, er hatte sich aufgerichtet, dem Wortwechsel gelauscht und Oandas Zorn verstanden.

»Ich nicht schlecht sein,« sagte er in seinem Kulienglisch. Die andern drehten sich erstaunt zu ihm um, und Pieter fragte:

»Warum bist du aus dem Boot gesprungen?«

»Ich Furcht hatten, daß Gefängnismann mich festnehmen.«

»Wie heißt du?«

»Tsing-Kai.«

»Woher stammst du?«

»Kanton.«

»Aus Kanton.« Goodwill beugte sich interessiert zu ihm herab. »Warum hast du das nicht gesagt, als du uns rudertest? – Ich bin auch aus Kanton.«

Der Chinese sah ihn an, antwortete aber nicht.

»Aus welcher Gegend in Kanton bist du?«

»Vom Fluß – Vater auf Fluß – Mutter auf Fluß.«

Goodwill legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte freundlich:

»Erzähle uns alles, Tsing-Kai!«

Der Chinese wandte seine schiefen Augen von ihm zu Fielding und von Fielding zu van Zanten.

»Dir soll nichts geschehen,« sagte Pieter, »hier bin ich Herr.«

»Erzähl' uns alles,« sagte Oanda und strich dem Chinesen übers Haar.

Tsing-Kai sah mit Augen wie ein Hund zu ihr auf.

»Wer ist dein Vater?« fragte Goodwill.

»Tsing-Loo, arm, sehr arm. Er rauchen Opium, viel Opium, immer Opium.«

»Was ist Opium?« fragte Oanda.

»Böser Teufel, stehlen Mann von Frau, Mann von Kinder, Mann von Arbeit.«

Er atmete tief und fuhr fort:

»Opium stehlen Tsing-Loo. Mutter und kleine Kinder leiden Not. Tsing-Kai arbeiten in Goldmühle, wenig Geld, Manila mehr Geld. Ich senden Geld nach Hause. Mein Freund rauchen Opium. Tsing-Kai sagen nein, nein. Teufel sagen ja, ja. Ich rauchen wenig, dann rauchen viel. Geld weg, Arbeit weg. Kein Geld mehr für Mutter und kleine Geschwister. Mutter sterben. Tsing-Kai sehr betrübt, sehr böse auf Opiumteufel. Weiße senden Opium von Indien nach China, verdienen viel Geld. Tsing-Kai sehr arm, kein Geld für kleine Geschwister, zwei Mädchen, zwei Jungen. Tsing-Kai zerschlagen alle Pfeifen. Nach Hause reisen zu kleinen Geschwistern. Aber kein Geld für Reise. Ich betteln in Godowns. Kein Geld. Tsing-Kai böser Mensch, rauchen wieder Opium. Ich gehen nachts zu Goldladen, klettern über Mauer. Ich Dieb, schlechter Kerl, erbrechen Schublade, nehmen Hand voll Gold – Gold vom Flusse aus den Bergen, Bergen der Eingeborenen, Weiße kommen von Manila, nehmen Eingeborenen auch Gold. Wächter mich hören. Großer Hund, Auf ihn! Schlechter Kerl, Dieb! Tsing-Kai beißen. Polizei – schwarzes Loch – ich weinen und bitten. Weißer Gefängnismann aber kein Mitleid mit kleinen Geschwistern, keine Mutter, keinen Vater, nur Tsing-Kai. Ich versprechen zum Gefängnis zurückzukehren. Weißer Mann sagen nein, nein, Tsing-Kai, schlechter Kerl, Dieb. Ich sitzen viele Tage. Ich fliehen, klettern über Mauer wie eine Katze. Weiße schießen nach Tsing-Kai, nicht treffen. Ich rennen zum Hafen, zu großem Dampfer hinausschwimmen. In Schiffslast hinunter, pechdunkel, essen Kopra, viele Ratten, nachts große Wärme – Schiff brennen – Ratten pfeifen, Männer pumpen Wasser ins Schiff. Ich über Bord springen, schwimmen, schwimmen. Boot von Schiff. Hilfe! Hilfe! Weiße Männer nehmen Tsing-Kai an Bord. Tsing-Kai für Weiße rudern Tag und Nacht. Weiße sprechen von Gefängnis, Tsing große Angst, Land in Sicht. Ich rudern, Schaumwasser – weißes Wasser – kleiner See – Strand. Ich springen über Bord, schwimmen fort von weißem Gefängnismann. Tsing-Kai müde. Arme schwimmen nicht mehr, Beine schwimmen nicht mehr, Tsing-Kai weg, fort, tot. Nie mehr kleine Geschwister, müssen verhungern.«

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