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Laurids Bruun: Oanda - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleOanda
publisherGyldendal'scher Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080110
projectid3adcebb3
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IV.

Oanda war fertig. Während sie ihr Werk musterte, hörte sie von neuem Stimmen aus dem Kokoshain.

Das Blut schoß ihr zu Kopf vor Erwartung. Sie wollte den Ankommenden entgegeneilen, besann sich aber eines besseren. Wenn man ihrer zuerst ansichtig wurde, würde man der Ehrenpforte vielleicht gar keine Beachtung schenken. Sie aber wollte sich die Ueberraschung der anderen nicht entgehen lassen. Die Stimmen kamen näher. Gleich würden sie beim Grabhügel sein, von dort konnten sie die Pforte sehen.

Sie eilte über den Rasen.

Wenn sie sich hinter den Kokosstamm versteckte, konnte sie die anderen sehen, bevor sie sie erblickten.

Sie stand hinter dem Stamm und lauschte. Jetzt konnte sie die Stimmen ganz deutlich hören.

Seltsam, wie fremd sie klangen. Wilkins Stimme konnte sie gar nicht unterscheiden, und weder eine Frauenstimme noch Kinderstimmen waren zu hören.

Toko war es. Er stand und blickte zurück. Warum war er vorausgelaufen? Und wie sah denn sein Gesicht aus? Nicht froh und lächelnd, obgleich er sich doch stets so sehr über den dicken Wilkins zu amüsieren pflegte. Er stand da, als ob er weder ein noch aus wüßte und Hilfe suchte. Und wo blieben die Mädchen und Männer, die doch sonst mit bis ans Haus zu kommen pflegten?

Was hatte das zu bedeuten?

Da kam ein langer, magerer Mann auf Toko zu. Er trug einen runden, grauen Hut auf dem Kopf so einen, wie bei Pieter im Schrank lag. Auf der Schulter trug er etwas, das wie eine Matte aussah. Er hatte ein langes, schmales, bartloses Gesicht und eine große Nase.

Und da kam noch einer, der kaum mit seinem Kopf über den Zaun reichte. Zwischen den Bambusstangen konnte sie sehen, daß er kurz und dickbeinig war und einen grauen Anzug trug. Er hatte einen Backenbart, große, runde Augen, und trug eine flache, weiche Mütze auf seinem runden Kopf. Er sah blaß und müde aus, aber dennoch vergnügt.

Und noch einer. Eine seltsame gelbe Erscheinung mit schmalen Augen, wie zwei dunkle Striche. Etwas Rundes und Blankes saß ihm auf der Nase und funkelte in der Sonne. Ach, das war eine Brille, solch eine hatte sie schon auf Bildern gesehen. Sein Anzug war ebenso weiß wie Pieters und schloß hoch am Halse, doch hatte er große Flecke, als ob er in einer Wasserpfütze gelegen hätte.

Der Lange, der voranging, blieb stehen und sah erstaunt auf die Blumenpforte. Dann wandte er sich zu dem Kurzbeinigen um und sagte laut und deutlich in ihrer eigenen Sprache:

»Was sagen! Sie dazu, Goodwill? – Ehrenpforte, Blumenguirlande, als ob man uns erwartet hätte!«

Er trat an den Zaun heran und blickte hinüber.

»Beete – Sonnenuhr – Veranda – die Wohnung von Weißen.«

Der Kurzbeinige reckte sich auf den Zehen, um über den Zaun zu blicken. Er war stumm vor Staunen.

Der Lange öffnete die Pforte, Toko aber schlüpfte vor ihm hinein, als fürchtete er, daß sie Böses im Sinn hätten.

Der Lange, dessen dünne Beine mit Zeug umwickelt waren, ging ohne weiteres auf die Veranda hinauf. Dort blickte er sich um, zupfte an Helens Stuhl und wandte sich darauf an Toko.

»Wie sagtest du, daß die Insel hieß?«

»Van Zantens Insel,« sagte Toko und blickte von einem zum anderen.

»Kenne ich nicht. Kennen Sie die?«

Der Kurzbeinige, der ihm mit kleinen Schritten gefolgt war, schüttelte den Kopf, während seine runden Augen vom Haus zum Garten und wieder zurückschweiften.

»Wie heißt dein Herr?«

»Pieter.«

»Und wo ist er?«

»Im Wald, um Tauben für Wilkins zu schießen.«

»Wer ist Wilkins?«

Toko sah ihn erstaunt an. Darauf sagte er erklärend: »Der dicke Wilkins.«

Der Lange zog die Oberlippe hoch und zeigte seine Zähne, es sollte wahrscheinlich ein Lächeln bedeuten. Die Zähne waren auch lang und dünn, alles an ihm war lang.

»Ruf' den dicken Wilkins!« sagte er.

»Sein Schiff ist noch nicht da.«

Der Lange sah den Kleinen fragend an, der seinen runden Kopf nur schüttelte.

»Ist hier denn niemand im Hause?«

»Doch, die Frau.«

»Sehr schön! Melden Sie uns bitte bei Frau Pieter und sagen Sie ihr, daß zwei hungrige Gentlemen aus den Staaten und ein Doktor aus Japan – Passagiere von der »Makura« der Yusen Kaischa Linie, die auf hoher See in Brand geraten ist – ihr ihre Aufwartung zu machen wünschen. Wir haben seit zweimal vierundzwanzig Stunden von Kakes und halbverdorbenem Büchsenfleisch gelebt und würden außerordentlich dankbar sein, wenn sie uns etwas zu essen geben könnte.«

Toko sah verwundert von einem zum anderen, er begriff keine Silbe. Oanda aber hatte alles verstanden.

So hatte sie sich die wunderbaren Menschen aus der Welt allerdings nicht vorgestellt, doch seltsam und neu waren sie. Sie kamen nicht von einem Schiff mit goldenen Segeln, sondern von einem, das mitten auf dem Meere in Brand geraten war; vielleicht hatten sie sich in einem Boot gerettet und waren hungrig und hilfsbedürftig.

Da trat sie aus ihrem Versteck hervor. Bevor noch einer der Fremden einen Schimmer von ihr gesehen hatte, stand sie vor ihnen mitten im Garten, streckte ihnen die Hände entgegen und sagte:

»Willkommen auf meiner Insel!«

Sie drehten sich alle zu ihr um und nahmen den Hut ab, bevor sie etwas sagten. Das sah so komisch aus, daß Oanda lächeln mußte, und gleich lächelten alle drei.

Der Lange ging einige Schritte auf sie zu und sagte:

»Mein Fräulein, wir danken Ihnen!«

Dann griff er sich an den Hals und fügte hinzu:

»Könnten Sie uns nicht etwas zu trinken verschaffen? Die Kehle ist uns ganz ausgetrocknet.«

Oanda eilte auf die Kokospalme zu, kletterte den schrägstehenden Stamm hinauf, mit gestreckten Armen, indem sie ihre Sandalen gegen die Rinde stemmte, bis sie oben die großen, schweren Blätter erreichte, die träge in der Sonne hingen und die mächtigen Nüsse beschatteten. Sie brach drei ab und warf sie hinunter. Eins, zwei, drei war sie selbst wieder unten und sammelte die Nüsse auf. Toko reichte ihr sein Messer. Mit einem einzigen Schnitt löste sie eine Scheibe der gelbgrünen Schale, so daß der klare Saft ihr über die Finger spritzte, und reichte die Nuß dem Langen, der sie gleich an die Lippen setzte und trank. Die anderen beiden kamen schnell herbei und jeder bekam eine Nuß.

»Ah!« sagte der Lange mit einem tiefen Seufzer und sah sie dankbar mit seinen grauen Augen an, »vielen Dank, mein Fräulein, das hat wohlgetan!«

»Wunderbar!« sagte der Kurzbeinige und atmete tief auf, während er übers ganze Gesicht strahlte.

Der Gelbe sagte nur »danke«; seine schmalen, schwarzen Augenritzen blickten von ihr zur Palme und über den Garten; er blickte durch die kleinen, blanken Augengläser, als ob er die Dinge mit seinem Blick hastig an sich reißen wollte. Seine Augen waren immerwährend in Bewegung, seine schmalen Lippen aber waren so fest zusammengepreßt, daß es schien, als hätte er Mühe, sie beim Sprechen zu öffnen.

Der Lange trank wieder, bis kein Tropfen mehr übrig war; darauf trocknete er sich den Mund und sagte:

»Tausend Dank, Fräulein Pieter!«

Sie lachte mit schimmernden, weißen Zähnen und sagte:

»Ich heiße Oanda.«

»Wunderschöner Name! Haben Sie gehört, Goodwill: Oanda! Verzeihung, Fräulein Oanda!« fügte er hinzu und nahm seinen Hut wieder ab. »Ich bin Fielding aus Pennsylvania – und das ist Herr Goodwill. Er ist Missionar und auf der Heimreise von Kanton begriffen. Und das da ist Doktor Nomura aus Tokio. Wir haben achtundvierzig Stunden in einem offenen Boot zugebracht. Als wir von Hongkong nach Manila kamen, lag das Schiff eine Woche im Hafen, um zu laden, darauf stachen wir in See, um nach den Staaten zurückzukehren. Eines Nachts aber brach Feuer an Bord aus, und wir mußten alle Mann in die Rettungsboote, nachdem wir den Proviant unter uns verteilt hatten. Wir hatten ein kleines Segel und ruderten abwechselnd. Das Meer war still, und schließlich kamen wir zu dieser Insel. Was aus den andern Booten geworden ist, mögen die Götter wissen. Entschuldigen Sie, mein Fräulein, wenn Sie kein Fräulein Pieter sind, dann sind Sie vielleicht eine Tochter von Herrn Wilkins?«

Wieder lachte Oanda.

»Wilkins wohnt gar nicht auf unserer Insel. Ich bin die Tochter meiner Mutter.«

Der Lange zog die Oberlippe hoch.

»Ausgezeichnet! Haben Sie gehört, Goodwill: Die Tochter ihrer Mutter! Wer ist denn aber Herr Pieter?«

»Dem gehört die Insel.«

»Ah – Herr van Zanten und Pieter sind also ein und dieselbe Person. Sagten Sie aber nicht, Fräulein, daß die Insel Ihnen gehörte?«

»Ja, Pieter und Mutter und mir – und all' meinen Geschwistern gehört die Insel.«

»Wieviele Geschwister haben Sie denn?«

»Das weiß ich nicht so genau. Ich glaube sechs- oder siebenhundert.«

»Sechs- oder siebenhundert, Goodwill!«

»Ja, aber liebes kleines Fräulein,« – der Kurzbeinige sah mit einem ungewissen Lächeln zu ihr auf – »Sie meinen doch nicht –«

»Und dann ihren Eltern und all' den Alten.«

»Ah, ich verstehe,« Goodwill wurde so interessiert, daß er auf seinen kurzen Beinen hin und her trippelte. »Es ist ein kommunistischer Staat. Eine ganze Insel von Brüdern und Schwestern im Herrn. Ah, das ist wundervoll! Aber – dann muß hier ja auch ein Geistlicher sein – ein Kollege?«

»Ein Geistlicher –?«

»Ja, oder ein Gemeindevorsteher oder etwas derartiges?«

Oanda verstand ihn nicht.

»Sind die Bewohner denn keine Christen? Glauben Sie nicht an Gott?«

Komische Frage, er hätte ebensogut fragen können, ob sie an die Sonne und den Mond glaubten.

»An unsern christlichen Gott – und seinen Sohn Jesus Christus?«

»Meinen Sie den Christus, der das Licht sandte, als die Dunkelheit in der Welt herrschte? Aber das ist lange, lange her.«

»Ausgezeichnet, Fräulein!« entschied der Lange, »die Insel gehört also nicht den Staaten, das ist klar, sonst würde mir der Name auch bekannt sein. Ist sie englisch oder deutsch oder französisch?«

Oanda blickte von einem zum anderen. Hatte sie es ihnen nicht schon genügend gesagt?

»Die Insel gehört van Zanten.«

Herr Fielding schlug seinem Reisegefährten auf die Schulter.

»Goodwill,« sagte er, »wir haben das Glück gehabt, eine Insel zu entdecken. Schade, daß wir keine Flagge da haben. Na, einerlei. Wir verfassen ein Okkupationsdokument – Sie und Nomura sind Zeugen.«

Er zog sein Notizbuch und schrieb:

»Ich, Tom Andrew Harris Fielding, Inspektor des Gefängniswesens im Staate Pennsylvania, strandete heute auf einer herrenlosen Insel, von den Bewohnern, van Zantens Insel genannt. Ohne auf Widerstand bei den Eingeborenen zu stoßen – im Gegenteil, sie haben uns mit einer Ehrenpforte und Blumenguirlanden empfangen – nahmen wir die Insel im Namen der Staaten in Besitz und verpflichteten uns, sobald es uns irgend möglich sei, dem Präsidenten von dem Okkupationsakt Mitteilung zu machen. Datum. Unterschrift.«

Er klappte das Buch zu und steckte es in die Tasche.

»So, Fräuleinchen – jetzt ist die Insel im gesetzmäßigen Besitz der Staaten, und ich werde die Ehre haben, Sie im Namen des Präsidenten zu dem zu ernennen, was Sie am liebsten sein wollen, mit allen dazugehörigen Rechten, falls Sie uns so schnell wie möglich etwas zu essen verschaffen.«

Oanda sah ihn mit großen Augen an. Die Staaten? Der Präsident?

»Ich will meine Mutter holen,« sagte sie und lief ins Haus.

»Allerliebste Kleine, nicht wahr, Goodwill?«

Der Lange blickte ihr nach. Dann ging er durch den Garten, von den anderen gefolgt, während Toko sie von weitem mit scharfen Augen bewachte.

Als Oanda in die Küche kam, war Helen im Begriff, ihre Hände vom Backen zu säubern.

»Mutter – Mutter!« Sie schlang die Arme um Helen und sprach so schnell, daß sie kaum Luft bekommen konnte:

»Es ist gar nicht Wilkins und seine kleinen Mädchen. Es sind drei Herren aus den Staaten, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie seltsam sie aussehen. Der eine trägt einen Hut wie den, der bei Pieter im Schrank liegt, und eine zusammengerollte Matte auf der Schulter. Er hat eine große Nase und zeigt die Zähne, wenn er spricht. Der andere ist klein und dick und lacht mit den Augen. Er sieht aus, wie der Ziegenbock, den Wilkins Toko mal mitbrachte. Weißt du noch – sein Bart aber ist gestutzt und Hörner hat er nicht. Und der Dritte ist ganz gelb und welk, wie an der Luft getrocknet, er spricht nur mit seinen schwarzen, schmalen Augenritzen, sein Mund ist wie eine schiefe Linie unter der Nase.«

Helen und Oanda traten auf die Veranda, und als die Fremden ihrer ansichtig wurden, eilten sie auf sie zu. Schon von weitem nahmen sie die Hüte ab, und der Lange, der voran war, sagte:

»Sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen, gnädige Frau.«

Er streckte ihr die Hand hin. Als sie sie nicht ergriff, blickte er erstaunt in ihre großen, strahlenden Augen, und war sich im selben Augenblick darüber klar, daß sie blind sei.

Helen spürte es; sie tastete durch die Luft und faßte seine Hand.

»Ich bin blind,« sagte sie erklärend.

Fielding murmelte einige bedauernde Worte, während er das weiße Gesicht prüfend betrachtete, das durch die Aufregung sanft gerötet war. Von der natürlichen Hoheit ergriffen, die über ihrer Gestalt lag, wie sie dort still und aufrecht in ihrem einfachen weißen Kleide stand, drückte er ihre Hand noch einmal. Darauf stellte er seine Reisegefährten vor und erzählte von ihrem Geschick.

»Ich heiße Sie willkommen!« sagte Helen und streckte ihnen die Hand hin.

Goodwill faßte sie hastig mit seinen beiden Händen.

»Wie tut es mir leid, gnädige Frau,« sagte er und brach verwirrt ab, während Nomura ihre andere Hand wortlos drückte.

Das wird der Japaner sein, dachte Helen; sie sah sie alle vor sich, wie Oanda sie beschrieben hatte.

»Bitte, nehmen Sie Platz – Sie werden gleich etwas zu essen bekommen.«

Sie deutete mit der Hand auf die Stühle, und Oanda rückte sie zurecht. Darauf rief sie Toko und gab ihm einen Bescheid für Sakala.

»Wie gemütlich Sie hier wohnen, mitten im Ozean!« sagte Fielding, nachdem sie alle Platz genommen hatten, »Sie sind aus den Staaten, gnädige Frau?«

»Nein, aber mein Mann war Amerikaner.«

»Ach, Sie sind Witwe?«

»Mein Mann kam ums Leben, als wir vor zwanzig Jahren hier auf der Insel strandeten.«

»O, wie traurig!« Goodwill faltete seine kleinen, kurzen Hände. »Stranden und zu gleicher Zeit den Gatten verlieren, das ist doppelter Schiffbruch!«

»Welch ein Glück, daß Sie zu einer Insel mit zivilisierten Menschen kamen. Ich nehme an, daß Herr Pieter schon damals hier wohnte.«

»Ja. Ihm danke ich mein Leben – und das meiner Tochter.«

»Liebe, gnädige Frau,« Goodwill rückte seinen Stuhl näher an den ihren heran, »wieviel mögen Sie hier durchgemacht haben!«

»Hier nicht.« Helen richtete ihre Augen auf ihn, mit einem Lächeln, das alle in Erstaunen setzte. »Van Zantens Insel ist eine glückliche Insel.«

»Goodwill,« – Fielding schlug jetzt einen heiteren Ton an – »wir haben eine glückliche Insel gefunden.«

»Aber die Wilden?«

Oanda fing an zu lachen, und Fielding lächelte mit seinen langen Zähnen.

»Hier gibt's keine Wilden,« sagte Helen und lächelte ebenfalls.

»Verzeihung – ich meine die Eingeborenen.«

»Goodwill meint,« sagte Fielding erklärend, »daß Sie es sind, die die Insel glücklich gemacht haben.«

Goodwill heftete seine runden Augen mißbilligend auf Fielding. Seine Heiterkeit schien ihm unangebracht.

»Es ist Ihnen also geglückt, gnädige Frau – und Herrn van Zanten – dieser schönen Insel den Segen der Zivilisation und des christlichen Glaubens zu bringen?«

Oanda beugte sich über Helens Stuhl und sagte:

»Er hat mich vorhin gefragt, ob ich an Gott glaube.«

»Ausgezeichnet, ausgezeichnet!« Fielding lachte und schlug seinem Kameraden aufs Knie. »Sie sind zu spät gekommen, mein guter Goodwill, hier hat man keine Verwendung mehr für Sie.«

»Gnädige Frau,« sagte Goodwill sehr würdevoll, »diese Entdeckung freut mich sehr.«

Dann saß er eine Weile und sann, bis ihm ein Licht aufging.

»Ah, ich verstehe,« sagte er strahlend, »Herr van Zanten ist Missionar und hat sich auf dieser Insel niedergelassen, um die Einwohner zu bekehren.«

»Nein, er war Kaufmann und kam hierher, um mit den Produkten der Insel zu handeln.«

»Aber gnädige Frau,« – Goodwill sah bedenklich aus – »wer nimmt denn die kirchlichen Handlungen vor, Taufe und Begräbnis?«

»Niemand.«

»Aber, mein Gott, dann sind Sie ja keine Christen!« Er blickte in die leeren Augen, die ihn anstrahlten, und zog sich unwillkürlich etwas zurück.

»Nein, nicht im eigentlichen Sinne.«

»Aber, meine gnädige Frau –«

Fielding unterbrach ihn: »Ich will Ihnen nämlich sagen, gnädige Frau, obgleich Goodwill eben erst mit dem nackten Leben aus China entkommen ist – in Kanton, wo Aufruhr war, trachteten die undankbaren Menschen ihrem Seelsorger nach dem Leben – glaubt er doch hartnäckig, daß eine glückliche Insel nicht ohne das Christentum sein kann.«

»Ja, wahrlich,« sagte Goodwill würdevoll und richtete sich auf. »Wer aber hat Ihre Tochter getauft, die wie ich annehme, hier auf der Insel geboren ist?«

»Sie ist gar nicht getauft –«

»Gnädige Frau, das ist eine große Verantwortung.«

Goodwill hob den Kopf und versuchte einen Ueberblick über die Insel zu nehmen. Darauf nickte er feierlich und sagte, als ob er eine große Bürde auf sich nähme:

»Hier liegt eine große Aufgabe, die ihrer Lösung harrt.«

»O nein,« sagte Helen sanft, »hier auf der Insel sind alle gläubig.«

Goodwill stützte seine Hände mit Nachdruck auf die Lehne des Korbstuhls.

»Aber, gnädige Frau, das ist ja das reine Heidentum, und« – fügte er mit priesterlicher Autorität hinzu – »ich sehe mich gezwungen, hierüber Bericht zu erstatten.«

Fielding blickte verstohlen auf Goodwill, dessen Augen vor Eifer rund waren. Er amüsierte sich und sagte mit der unschuldigsten Miene von der Welt:

»Auch ich kann mir nicht vorstellen, daß eine Insel ohne Gefängnis glücklich ist, weil ich zufällig Inspektor des Gefängniswesens bin!« Er beugte sich zu Helen und sagte erklärend: »Ich bin besuchsweise auf den Philippinen gewesen, weil in Manila eine Zentralisation für dreitausend Gefangene ist, mit einem so bewunderungswürdigen Kontrollsystem, daß sie ihresgleichen in den Staaten nicht hat.«

»Was ist ein Gefängnis?« fragte Oanda.

Fielding sah sie interessiert an.

»Das ist ein großes Haus mit einer hohen Mauer, wo man Verbrecher einsperrt, um sie zu nützlichen und zufriedenen Bürgern zu machen. Stellen Sie sich vor, eine van Zanten-Insel für Verbrecher.«

»Aber wohlgemerkt,« fiel Goodwill ein, »eine Insel, wo selbst der hartgesottenste Sünder Zugang zum Trost der Religion hat.

»Nicht wahr, Goodwill, auch die geistliche Aufsicht war in dem dortigen Gefängnis vorzüglich?«

»Freilich, freilich, alle Einrichtungen, die Sie mir zeigten, waren so vortrefflich« – Goodwill verweilte mit Behagen bei der Erinnerung – »daß ich mir nichts besseres wünschen kann, als einer Gefangenenorganisation, die so organisiert ist, beizutreten.«

»Was sollte aber dann aus Ihren teuren chinesischen Seelen werden?«

Goodwill blickte ihn verstohlen an; das lange Gesicht aber war ganz ernst.

»Ja, was kann man da machen? Wie soll man in seinem Beruf wirken, wenn man mit Feuer und Schwert vertrieben wird?«

Oanda, die von einem zum andern gesehen hatte, fing an zu lachen, sie wußte selbst nicht warum sie Goodwills runde Augen so komisch fand.

Fielding sandte ihr einen hastigen Blick hinter Goodwills Rücken und zog die Oberlippe hoch. Im selben Augenblick öffnete Nomura seinen Mundspalt und sagte mit dürrer Stimme, langsam und mit Nachdruck:

»Die Chinesen verstehen die Güter der Weißen nicht zu schätzen.«

Alle wandten sich dem Japaner zu, der inzwischen wieder so aussah, als ob er seinen Mund gar nicht geöffnet hätte.

»Allerdings,« sagte Fielding trocken, »Ihr Japaner habt sie besser auszunutzen verstanden.«

»Herr Nomura,« sagte Goodwill erklärend, »hat in den Staaten seinen Doktor der Medizin gemacht und kehrt jetzt dorthin zurück, nachdem er fünf Jahre segensreich an den Krankenhäusern in Manila gewirkt hat.«

»Nicht wahr, Doktor?« sagte Fielding, »auch das Aerztewesen war im dortigen Gefängnis erstklassig?«

»Ja, erstklassig!« Nomura zögerte einen Augenblick, ob er noch einen Satz hinzufügen sollte. Dann sagte er mit Nachdruck:

»Ich meine wie Herr Goodwill, auch ich würde gern in den Dienst solches Gefängniswesens eintreten.«

»Ausgezeichnet,« stellte Fielding fest, »alle wollen auf die glückliche Gefängnisinsel.«

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