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Laurids Bruun: Oanda - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleOanda
publisherGyldendal'scher Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080110
projectid3adcebb3
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VII.

Aller Blicke wandten sich auf Nelly. Sie hatte sich mit der linken Hand an den Sockel von Ralphs Statue geklammert, mit der Rechten fuchtelte sie durch die Luft; sie stand dort in ihrem langen grauen Mantelkragen, mit entblößtem Kopf, das dünne, schwarze Haar hing ihr in Stirn und Schläfen, ihr schmächtiger Körper war wie eine Feder gespannt, die dunklen Augen traten unter der weißen Stirn aus ihren Höhlen und hefteten sich auf Oandas, als ob sie die Macht hätte, sie zu sich heranzuziehen.

Alle Arbeiter kannten sie. Sie strömten herbei von der Hecke und aus den Alleen.

»Ja, ja,« schrien sie, »die Prinzessin soll uns führen!«

Ralph stand an Oandas Seite, seine ganze Seele war wie verzaubert von dem Licht in ihren Augen.

Eleanor sah es.

»Ralph!« rief sie und griff in Todesangst nach seinem Arm.

»Komm! – Sie ist ja besessen.«

Er schüttelte sie von sich ab und nahm Oandas Hand.

»Was willst du?«

Oanda beugte den Kopf vor ihm, als sei sie eine Blume, die gepflückt würde.

»O, Ralph!« sagte sie aus der Tiefe ihres Herzens.

Die Arbeiter aber ließen nicht ab. Die Prinzessin, die sie liebten, hatte gerufen. Nelly, die sie alle kannten, hatte für sie geantwortet. Man wartete – man war zu allem bereit.

Tonny vergaß seine Schuld und drängte sich zu Oanda durch.

»Was wollen Sie?« fragte er mit blanken Angen.

»Wo wollen Sie uns hinführen?« sagte Pat und berührte ihr Kleid.

Sie stand da, als ob sie träumte; ihre Augen waren bis an den Rand von dem gefüllt, was aus ihrem Herzen emporstieg. Und sie lächelte dazu, als ob sie über ein Glück weinen müßte, das zu schwer zu tragen war.

Langsam drangen Rufe und Fragen ihr ins Bewußtsein. Sie sah sich, um, als ob sie aus einem wunderbaren Traum erwachte, von dem sie sich nicht trennen konnte. Ein lauschender Ausdruck trat in ihre Züge. Sie drehte sich zu den Arbeitern um und fragte:

»Die Bomben? Wo sind die Bomben geblieben?«

»Die Polizei hat sie!« wurde zurückgerufen.

Sie wandte sich an den Präsidenten und sagte bittend:

»Sie, der Sie auserwählt sind, sagen Sie den Leuten, daß sie die Bomben wieder an die Stelle legen, wo sie sie gefunden haben. Sagen Sie, daß man sie anzünden soll, damit all die toten Maschinen in die Luft gesprengt werden.«

Es wurde still – Hunderte hielten den Atem an, in einer Ahnung dessen, was sie nicht gleich erfassen konnten. Darauf brach ein Rasen und Toben los, als ob ein Fluß einen Damm, der von monatelangem Unwetter mürbe geworden ist, durchbricht.

»Ja, ja, laßt uns die Maschinen in die Luft sprengen!«

Die Menge schwenkte mit den Hüten, sie war außer sich, brach über die Hecke; die Polizei wich zurück, wie Pfähle in einem baufälligen Zaun.

Der Präsident breitete die Arme mahnend gegen die Brandung aus. »Sie weiß nicht, was sie sagt,« rief er.

Oanda aber hörte ihn nicht. Ihr Gesicht und das flammende Haar strahlten von dem Licht in ihren Augen.

»Was sollen wir mit den toten Maschinen?« rief sie. »Irgendwo müßt ihr anfangen, das zu töten, was euch drückt und verbittert.«

Sie wandte sich an die Menge und breitete ihre Arme aus, als wolle sie sie alle an sich ziehen. Ihre Augen waren wie die eines Menschen, der vor unermeßlichem Glück der Erde entrückt ist.

»Laßt uns alle Freunde werden, wir wollen nichts anderes als leben und glücklich sein.«

Fielding sprang vor und versuchte, sie zu überschreien.

»Hört nicht auf sie! Der Wahnsinn leuchtet ihr aus den Augen!«

Die Arbeiter aber hörten ihn nicht. Sie waren wie ein Bienenschwarm zur Frühjahrszeit, der der Sonne entgegenjubelt und summend darauf wartet, daß die Königin ihn führen wird.

»Wir wollen glücklich sein!« riefen einige – »Fort mit den toten Maschinen!« riefen andere.

Oanda legte ihren Kopf gegen Ralphs Schulter, als ob sie das, was aus ihrem Herzen heraufflutete, nicht mehr allein tragen könne.

»Ralph,« bat sie, »komm mit mir zu meiner Insel.«

Da aber stand Nelly neben ihnen. Sie hatte auf jedes Wort, auf jeden Blick von ihr, dem leuchtenden Engel, achtgegeben.

»Nein, nicht ihn sollst du lieben!« sagte sie und zog Oanda an sich, »uns alle sollst du lieben! – Laß ihn, Oanda! – zu uns gehörst du!«

Und der Schwarm durchbrach Hecke und Zaun. Er verlangte seine Königin und summte aus Angst, daß er sie verlieren könnte.

»Uns gehörst du!« wurde geschrien; einige Frauen mit wahnwitzigen Augen zerrten an ihr, um sie mitzuziehen.

»Herr Präsident!« rief Fielding, »machen Sie Gebrauch von Ihrer Autorität!«

Der Präsident riß sich aus dem tiefen Erstaunen, das auch ihn gelähmt hatte.

»Freunde!« rief er, »Brüder und Schwestern – das ist Tollheit! – Es ist etwas Schlimmeres, Verbrechen ist es!« Er schleuderte die Worte mit der ganzen Kraft seiner Lungen heraus: »Es wird Dunkelheit über euch bringen, schlimmer als vorher.«

»Gebt die Bomben her!« gellte eine Stimme durch den Lärm, »fort mit den toten Maschinen!«

Der Schwarm summte und jubelte und scharte sich um Oanda.

»Hinaus zu den grünen Wiesen!« schrie Nelly und zog sie am Kleide, »komm, komm!«

»Haltet ein, Leute!« rief der Präsident, »das ist Aufruhr. Die Polizei muß ihre Pflicht tun.«

»Die Polizei!« wurde höhnisch geantwortet, »sie soll es nur versuchen!« und ein Sturm von Gelächter und Zorn brach los.

Fielding war zum Wintergarten gegangen, hatte Verbindung mit der Dienerschaft bekommen und seine Befehle gegeben. Und jetzt kamen die Schutzleute im Eilmarsch über die Landstraße von dem Fabrikviertel.

»Absperren!« wurde kommandiert.

Es wurde gepfiffen und Antwort gegeben. Die Polizei jagte die Menge vor sich her. Der Schwarm aber ließ sich nicht zersplittern. Er hatte die alten Verhältnisse gesprengt, weil ein Lichtstrahl die Dunkelheit im Bienenkorb gespalten und ihn gerufen hatte. Jetzt scharte er sich um seine Königin und verlangte von ihr zur Sonne geführt zu werden.

Während Ralphs Gesellschaft zum Wintergarten flüchtete, ergriff der Schwarm Oanda, hob sie auf seine Schultern und trug sie zwischen sich, um sie aus der Dunkelheit zu erretten, die die Flucht der Königin bedrohte.

Oanda streckte die Arme nach Ralph aus.

»Komm mit zu meiner Insel!«

Der Präsident hatte die Rednertribüne erreicht.

»Hütet euch vor Aufruhr!« rief er mit der voller Kraft seiner Lungen. »Laßt nicht die Frau, die Ihr liebt, durch das Gesetz getroffen werden.«

Sein Blick begegnete Pats. Und Pat begriff, daß die Frau, die er anbetete, in Gefahr sei. Er sah einen Schimmer von Fieldings Kopf, der über der Menge ragte. Er sah, daß er auf seinem Posten war und wußte, daß ein Blick seiner kalten Augen genügen würde. Er eilte hinzu; bevor aber seine mächtigen Arme diejenigen erreicht hatten, die sie trugen – wurde er durch einen Ruf zurückgehalten.

Einer war ihm zuvorgekommen, und der Schwarm öffnete sich vor ihm, weil sein Gesichtsausdruck ihn dazu zwang. Es war Ralph.

»Arbeiter – Freunde! – Ihr Wille geschehe! – Alles gehört ihr!«

Es wurde still. Die Männer, die sie getragen hatten, ließen sie los.

Oanda stand wieder auf der Erde. Sie sah ihn an, der mit ganzer Seele nach ihr verlangte. Und siehe, seine Augen leuchteten.

Sie konnte nicht sprechen, sie konnte nichts fühlen; sie sah ein Wunder, das ihr Herz selig erbeben machte, sie sah, daß das Licht in ihm entzündet war.

Er stand bei ihr, seine Augen in den ihren; sie fühlte seine Hände auf den ihren brennen und hörte seine Stimme.

»Geliebte,« bat er aus tiefster Seele, »laß mich an deinem Werk teilhaftig werden!«

Da brachen ihr die Tränen aus den Augen; sie faltete die Hände vor der Brust; jetzt aber waren sie nicht mehr allein, sie umschlossen die seinen.

Und der Schwarm fand die Sprache wieder. Das Ziel war erreicht, bevor er noch eigentlich geflogen war. Statt ihn zur Sonne hinaufzuführen, hatte die Königin das Licht zu ihm herabgebracht. Der Schwarm summte in seliger Erwartung. Und mit dem Licht wurde im Herzen der Bienen die Hoffnung auf neuen Honig entzündet.

Die Sonne war im Begriff unterzugehen. Das Licht fiel auf Ralph Cunnings Statue, wie sie dort in ihrem dunklen Schmuck stand und suchend ins Weite blickte. Die Strahlen trafen sein Gesicht, so daß es zu lächeln schien. Auf einer fernen Insel aber – dort, wo die Sonne unterging – war eine Frau, die das Lächeln in ihrem Herzen fühlte, während sie am Webstuhl saß, die blinden Augen dem Licht zugewandt.

 


 

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