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Laurids Bruun: Oanda - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleOanda
publisherGyldendal'scher Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080110
projectid3adcebb3
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VI.

Zwischen den Zuschauern auf der anderen Seite der Hecke wurde es plötzlich unruhig.

»Laßt sie laufen!« rief einer. »Schlagt sie nieder, die Spürhunde!« schrie eine erbitterte Frauenstimme. »Die Polizei!« warnte die tiefe Baßstimme von vorhin.

Es wurde gerufen, gepfiffen und gejohlt. Die Tribüne wurde gestürmt, während die Polizei den Weg vor dem Eingang zur Allee räumte.

Ralph und Fielding traten zur Hecke, um zu sehen, was los sei.

Ralph fragte den obersten Polizeibeamten. Bevor er aber eine Antwort erhalten hatte, kamen drei große Männer in Zivil aus der Platanenallee, mit einigen Arbeitern zwischen sich. Ralph erkannte sie sofort. Sie waren in Pats und Tonnys Begleitung gewesen, als sie ihm den Vergleich anboten.

Fielding beobachtete alles scharf, was vorging. Er sah, wie Tonny die Farbe wechselte; seine schwarzen Augen irrten hin und her, als lauere er auf eine Gelegenheit, fortzukommen. Auch Pat und die anderen, die hinter der Rednertribüne standen, waren wie vom Blitz getroffen.

Fielding machte dem obersten Polizeibeamten ein Zeichen. Einen Augenblick später war der Eingang zur Allee besetzt, während zwei Männer zur Terrasse eilten, um der Deputation jeden Fluchtversuch abzuschneiden.

Die beiden zivilgekleideten Detektive führten ihre Gefangenen vor Fielding, während der eine in ruhig erklärendem Ton sagte:

»Sie hatten Bomben bei sich.«

Der Präsident blickte von den gefangenen Arbeitern zu ihren Kameraden hinter der Rednertribüne, und von dort über die johlende Menge auf der Tribüne. Darauf trat er vor, wandte sich an Fielding und die Detektive und sagte gebieterisch:

»Ich bitte um eine Erklärung!«

»Dies sind die entlassenen Arbeiter,« sagte Fielding, »die vor einer Stunde die Erlaubnis bekamen, ihr Arbeitszeug in der Fabrik zu holen. Ich fand ihr Auftreten verdächtig und veranlaßte, daß man ihnen folgte.«

Der eine Detektiv trat vor und meldete:

»Wir sahen sie in die Fabrik hineingehen, folgten ihnen und untersuchten sie.«

Ralph erinnerte sich, daß er Fielding gleich nach dem Abgehen der Arbeiter vermißt hatte. Warum hatte Fielding ihm nichts gesagt, wenn er ahnte, daß die Sache so ernst sei, sondern hatte auf eigene Faust Veranstaltungen getroffen?

Es war, als ob Fielding seine Gedanken gelesen hätte.

»Ich wollte Ihnen das Fest nicht verderben,« sagte er, »bevor es dringend notwendig war.«

Darauf fragte er den Detektiv:

»Welche Art Bomben?«

»Sprengbomben, die auf Zeit eingestellt werden.«

Der Präsident wandte sich an den vordersten der Arbeiter:

»Warum haben Sie es getan?«

Der Arbeiter blickte mit braunen, stumpfen Augen in seinem seltsam gefühllosen Gesicht zu ihm auf.

»Wir haben die Nummer gezogen,« sagte er.

»Ich frage, was Sie durch das Verbrechen erreichen wollten?«

»Den Mann zugrunde richten, der uns alle zugrunde gerichtet hat.«

Er sagte es, ohne sich zu bedenken, als ob es eine seltsam überflüssige Frage sei.

»Entsetzlich!« sagte Goodwill unfreiwillig.

Die Gesellschaft, mit Frau Schultz und ihrem Sohn an der Spitze, hatte sich zurückgezogen, als die Unruhen begannen. Bei dem Wort »Bombe« wäre Frau Schultz beinah in Ohnmacht gefallen. Mehrere Damen, die im Wintergarten standen, suchten zwischen den Palmen Schutz, ängstlich und zugleich neugierig. Eleanor war die einzige, die standhielt.

Oanda wandte sich an Goodwill.

»Was sind Bomben?« fragte sie.

»Höllenmaschinen; die Männer wollten die Fabrik in die Luft sprengen, all' die neuen Maschinen, die kostbaren Häuser. Und das an diesem Festtag!«

»Wer ist Ihr Anführer?« fragte der Präsident nach kurzer Ueberlegung.

Der Arbeiter schwieg, Ralph aber deutete auf Tonny:

»Dort steht der Wortführer.«

Fielding wandte sich an den Advokaten und sagte so laut, daß alle es hören mußten:

»Und dort sein juristischer Ratgeber.«

»Ich weise jede Verantwortung von mir ab!« rief Tillny. »Ich habe immerfort zur Versöhnlichkeit ermahnt. Herr Nomura und Pat, die dort stehen, können bezeugen, daß ich es war, der zu dem Vergleichsangebot geraten hat, das Herrn Cunning vor einer Stunde gemacht wurde, das er aber zurückgewiesen hat.«

Nomura nickte feierlich und sagte:

»Das ist wahr.«

»Ja, das ist wahr,« sagte Pat und trat vor seine Kameraden.

Aus der Zuhörerschaft erklang jetzt derselbe tiefe Baß, der vorhin den Präsidenten unterbrochen hatte:

»Wir wollen keinen Vergleich mit dem Mann, der uns auf die Straße gesetzt hat!«

»Nein,« ertönte es ringsum, »keinen Vergleich! Nieder mit ihm!«

»Er hat elfhundert Mann entlassen!« schnitt eine gellende Stimme durch den Lärm.

Der Präsident sah Ralph an und wiederholte fragend:

»Elfhundert Mann?«

Ralph wurde blaß vor Zorn.

»Das Vergleichsangebot war ein Bluff,« rief er, »es war darauf berechnet, mich in den Augen der Oeffentlichkeit an meinem Festtag zu demütigen, oder mich zu einer Massenentlassung zu zwingen, die als Angriff gegen einen anderen gebraucht werden sollte.«

»Gegen wen?«

»Gegen Sie, Herr Präsident!« sagte Fielding.

Weder wurde aus dem Haufen der Zuhörer gerufen und geschrien. Einige protestierten und versuchten ein Hoch auf den Präsidenten durchzusetzen; andere riefen: »Hört, hört!« und »Nieder mit ihm!«

Ralph wartete, bis der Lärm abgenommen hatte. Dann rief er:

»Der Angriff aber ist vorausgesehen worden. Der Werkführer ist der Arbeitsniederlegung mit zwölfhundert neuangestellten Arbeitern entgegengetreten.«

»Pfui!« – »Streikbrecher!« – »Sie sollen es nur wagen!« – »Keiner soll lebendig von hier fortkommen!«

Als der Lärm sich gelegt hatte, sagte Fielding:

»Das sogenannte Vergleichsangebot stammt also von Ihnen, Herr Advokat?«

»Ich protestiere!« Tillny wandte sich an die Zuhörer: »Es ist eine schändliche Auslegung einer loyalen Handlung. Pat kann bezeugen, daß ich jederzeit zu Versöhnlichkeit geraten habe.«

Pat wischte sich den Schweiß von der Stirn und bezeugte:

»Ja! Keine Gewalttätigkeiten, das hat Herr Advokat immer gesagt!«

»Sonst kann ich euch nicht zu eurem Recht verhelfen,« fügte der Advokat hinzu, »das habe ich gesagt.«

»Zu welchem Recht?« fügte Fielding herausfordernd.

Tillny würdigte ihn keines Blickes. Er sah den Präsidenten an, als ob dieser ihn gefragt habe, und sagte:

»Das Recht auf gute Lebensbedingungen für die streng arbeitende Bevölkerung. Meine Arbeit als Geschäftsführer in dem neuen Arbeiterviertel spricht für meine Absichten.«

»Der Zeuge des Advokaten,« rief Fielding, »der schwarze Pat genannt, ist Inspektor in seinem Arbeiterviertel und vermietet die Wohnungen.«

»Und seltsam genug,« schob Ralph ein, »haben alle meine entlassenen Arbeiter bei Tillny Obdach gefunden.«

»Und Rat und Stütze!« fügte Fielding hinzu.

»Beweise!« rief Tillny erregt.

»Haben Sie nicht im Namen der Arbeiter vor einer halben Stunde den Präsidenten aufgefordert, ihren Ehegesetzvorschlag zu unterstützen?«

»Das ist eine ganz andere Sache.«

»Aha! Und in wessen Diensten, wenn man fragen darf?«

»In wessen? Keine Beleidigung, wenn ich bitten darf.«

»Im Dienst der Prinzessin! Sie hat ja in Ihrem Hause gewohnt und Sie haben Ihr Interesse für sie offen bekannt.«

Der Advokat war wieder ruhig geworden. Er strammte seine Backenfalten aufs Feierlichste und hob die Arme beschwörend gegen den Präsidenten.

»Den Schutz, den ich einer fremden, wehrlosen Frau, die in ihren tiefsten sozialen und persönlichsten Interessen getroffen ist, gewährt habe, will man als Waffe gegen mich anwenden!«

»Keineswegs,« sagte Fielding trocken, »ich stelle nur eine Tatsache fest.«

Tillny fand es ratsam, der Spur, die Fielding verfolgen wollte, auszuweichen. Er kehrte sich ihm voll zu und sagte, indem seine ganze stattliche Gestalt gekränkte Würde ausdrückte:

»Ich fordere Rechenschaft von Ihnen in meinem eigenen Namen und in dem der Arbeiter; wie kommen Sie dazu, zu behaupten, daß das Vergleichsangebot als Angriff auf den Präsidenten verwendet werden sollte?«

Fielding trat einen Schritt näher an ihn heran und fragte höflich:

»Soll ich offen sein?«

»Ja.«

Fielding hielt seinen Blick fest und sagte langsam, laut und mit herausfordernder Ruhe:

»Sie haben die Prinzessin gebraucht, um Ralph Cunning zu treffen, zu diesem Zweck haben Sie sie der Zeitungsreklame ausgeliefert. Und Sie wollten den Angriff der Arbeiter gegen Ralph Cunning dazu benutzen, um Stimmung gegen den Präsidenten, seinen Freund und Vormund, zu machen.«

Tillny versuchte sich mit Aufbietung seiner ganzen Kraft zu fassen, und es glückte ihm, denselben ruhigen, sachlichen Ton anzuschlagen, wie sein Gegner.

»Was sollte mich dazu bewegen, Ralph Cunning, mit dem ich in bestem Einvernehmen stehe und dessen Gast ich bin, anzugreifen? Oder den Präsidenten, für den ich die tiefste Achtung und Bewunderung hege?«

Fielding wandte sich zur Gesellschaft. Der, den er suchte, stand ein Stück entfernt.

»Vielleicht kann Herr Edwin Schultz,« sagte er, »uns eine Erklärung über den Grund geben, da Herr Advokat Tillny sich weigert.«

»Ich?« Schultz richtete seinen kühlen, stechenden Blick auf ihn.

»Mein Sohn,« rief Frau Fennimore zornig, »Ralphs bester Freund?«

»Ja, Sie! Der Chef des Stahltrustes!«

Ralph drehte sich um, blickte von Schultz zu Tillny, und ein großes Licht ging ihm auf.

»Ich protestiere!« rief Schultz beleidigt mit seiner knarrenden Stimme.

»Wogegen?« fragte Fielding.

»Gegen – gegen die Beleidigung, daß –«

Der Advokat kam ihm schleunigst zu Hilfe:

»Wenn ich Sie recht verstehe, erdreisten Sie sich zu behaupten, daß ich von dem Trust bestochen worden bin, um Herrn Cunning niederzuschlagen und die Wiederwahl des Präsidenten zu verhindern.«

»Bestochen habe ich nicht gesagt, das ist ein häßliches Wort. Ich stelle nur fest, daß Sie die Sache nicht besser eingefädelt und geschickter an den Fäden gezogen haben könnten, wenn der Trust Sie zu aktivem Handeln engagiert hätte.«

Fielding wandte sich an den Präsidenten und fügte bedeutungsvoll hinzu:

»Ich nehme an, daß Sie verstehen, was ich meine, Herr Präsident.«

»Vollkommen!« nickte der Präsident.

Oanda hatte mit großen Augen zugehört und sich Mühe gegeben, zu verstehen, was um sie herum vorging. Ralph drehte sich um und wurde von dem Ausdruck in ihrem Gesicht ergriffen. Er sah den dämmernden Schmerz in ihrem bewegten Gemüt. Ein unbegreifliches Mitleidsgefühl führte seine Seele noch näher der ihren zu. Ohne es selbst zu wollen, sprach er zu ihr und wußte selbst nicht, was er sagte, bevor er seine Worte hörte:

»So sieht die schöne zivilisierte Welt aus, aus der Sie mich verdrängen wollen, um meinen Platz einzunehmen. Ja, wenn Sie mir Ihre Insel statt dessen geben würden!«

Oanda verstand ihn nicht gleich, als er aber ihrem Blick auswich, überrascht über die Worte, die ihm entschlüpft waren, da ging etwas in ihrem Inneren vor. Eine Ahnung wurde in ihrem Herzen geboren, und ihre Augen bekamen einen wunderbaren Glanz.

Eleanor sah es und erblaßte; gleich darauf aber schoß das Blut ihr heftig in die Wangen. Sie suchte eine Waffe, um einen Schlag zu führen, und sie fand eine.

Sie trat neben Ralph, als ob sie ihn durch ihre Nähe stärken wollte, und sagte:

»In der Zeitung steht, daß die Prinzessin zwischen Arbeitern verborgen gelebt hat. Darum wußte sie wohl auch von den Bomben Bescheid!«

Oanda verstand nicht, worauf sie anspielte; doch sah sie den Zorn in dem schönen Gesicht, den Haß, der ihr aus den schwarzen Augen entgegenfunkelte, und es schmerzte sie, weil sie nicht wußte, wodurch sie diesen Haß verdient hatte.

»Fräulein Oanda,« fragte der Präsident, und sah sie scharf an, »kennen Sie diese Leute?«

Oanda sah die Männer an, auf die er zeigte.

»Pat? Tonny? Das sind ja meine Freunde, meine Brüder.«

Ihre Worte erbosten Eleanor noch mehr, sie wußte selbst nicht, warum. Blaß vor Zorn, trat sie dicht an sie heran:

»Haben Sie nicht gesagt: Was sollen wir mit den toten Maschinen, was sollen wir mit den dunklen, stinkenden Häusern? Laßt sie uns niederreißen, haben Sie das nicht gesagt?«

»Ja.«

Ralph sah Oanda an, und er sah Eleanor an. Er betrachtete die, die alles vernichten wollte, was er geschaffen hatte, wenn es in ihrer Macht stand, und die, die flammend vor Zorn das verteidigte, was seines war und was auch das ihre werden sollte. Er fühlte, daß der Kampf in seinem eigenen Herzen vorging und daß es fast davon gesprengt wurde.

Nomuras scharfe Augen hatten den Präsidenten beobachtet, um zu deuten, was hinter dem klaren, blaugrauen Blick vorging. Er fühlte, daß der Augenblick kritisch sei, trat vor und sagte:

»Die Prinzessin hat nichts gewußt.«

»Haben Sie denn etwas gewußt?« fragte der Präsident schlagfertig.

Nomura zögerte einen Augenblick.

»Gewußt und nicht gewußt,« sagte er, »ich bin Arbeiterarzt.«

Ralph wandte sich an Tonny, der sich zwischen seinen Kameraden zu ducken versuchte:

»Sie waren es, der mir drohte: ›Wenn Sie es nur nicht bereuen.‹ Sie wußten also Bescheid?«

Tonny schwieg und wich seinem Blick aus.

Eleanor hatte nicht die Absicht, die Uebermacht, die sie über ihre Feindin besaß, preiszugeben. Sie wandte sich an Pat und fragte:

»Wie lange hat sie bei Ihnen gewohnt?«

Pat blickte zum Advokaten, vom Advokaten zum Präsidenten, bevor er antwortete.

»Zwei Wochen,« sagte er mürrisch. »Sie zog vom Advokaten Tillny zu uns.«

Eleanor wandte sich an Oanda und fragte höhnisch:

»Und Sie wußten nicht, was in dem Hause Ihrer ›Brüder‹ und ›Freunde‹ verhandelt wurde?«

Oanda antwortete nicht. Pat hatte den Gesichtsausdruck des Präsidenten beobachtet und beeilte sich, ihr zu Hilfe zu kommen.

»Herr Präsident,« sagte er eindringlich, »sie hat nichts gewußt. Ich verhinderte, daß sie etwas erfuhr.«

»Warum?« fragte Eleanor.

»Weil sie nichts damit zu tun haben sollte.«

»Haben die anderen ihr nichts gesagt?«

»Niemand hat ihr etwas gesagt.«

»Können Sie für die anderen bürgen?«

»Wir fürchteten, daß sie uns hindern würde, wenn sie etwas erführe.«

»Hier haben wir das Geständnis!« stellte Fielding fest.

Ralph stand neben Oanda. Ob sie ihn gesucht hatte, oder ob er unbewußt zu ihr gekommen war, keiner von beiden wußte es. Er stand neben ihr und sagte in tiefem Schmerz:

»Können Sie sehen, wozu Sie mißbraucht worden sind?«

Sie sah ihn an, als sei sie plötzlich weit, weit fortgerückt. Darauf wurde ihr Blick schwer von zurückgedrängten Tränen. Sie streckte die Hand aus, um ihn um Verzeihung zu bitten. Sie berührte seinen Arm und flüsterte mit einem ersterbenden Lächeln um die Lippen:

»Ich will dir meine Insel als Ersatz geben.«

Sie wußte nicht, was sie gesagt, nicht einmal, daß sie gesprochen hatte. Sie schloß die Augen im Schmerz, und Tränen quollen unter den Lidern hervor. Einen Augenblick öffnete sie sie wieder, Kälte durchschauerte sie, sie faltete die Hände vor der Brust, und plötzlich warf sie sich vor dem Präsidenten auf die Knie.

»Sie, der Sie über alle herrschen,« sagte sie flehend, und nahm seine Hand in ihre beiden Hände, »ich bitte Sie im Namen meiner Mutter und meines Vaters –«

Sie wandte ihren Kopf zu Ralphs Statue um, als ob jemand sie gerufen habe.

Der Präsident neigte sich über sie und versuchte seine Hand freizumachen.

»Entzünden Sie das Licht in seinem Herzen!« bat sie. »Sie, der Sie ihn von Kind an kannten und immer sein Freund gewesen sind. Entzünden Sie das Licht, damit er die Menschen wieder liebt wie damals, als er noch ein Knabe war.«

»Stehen Sie auf!« Das Lächeln wich von dem Gesicht des Präsidenten; an seine Stelle trat ein unbeholfener Ausdruck. »Sie kennen die Welt nicht!«

Er hob sie auf, um sie zur Wirklichkeit zurückzuführen,

Oanda aber ließ sich nicht mehr führen, sie strich sich über die Stirn, als ob sie sich einen Schleier von den Augen riß.

»Nein, nicht die tote Welt,« – ihr Blick war in die Ferne gerichtet – »aber die leuchtende, lebendige Welt! Ach, wenn ihr sie kennen würdet, wie ich!«

Darauf atmete sie tief auf, ihr Blick kehrte zurück, und sie sah wieder den Präsidenten an,

»Ihr gönnt einander das Leben nicht, darum ist es so dunkel in euren Herzen. Der eine will den anderen ausschließen und stirbt selbst daran.«

Sie wandte sich an Ralph und sah ihn mit blitzenden Augen an.

»Wüßtest du, wie schön es im Licht ist, dann würdest du die Menschen nicht zu deinen Feinden machen, dann würdest du lieber Unrecht leiden, als mit ihnen kämpfen. Denn jedesmal, wenn Ihr anderen Unrecht tut, dann kehrt das Unrecht sich gegen euch selbst und löscht das Licht in euren Herzen.«

Sie blickte über die Hecke hinüber, an der Tribüne vorbei, wo die Menschen sie mit großen Augen anstarrten und gespannt jedem ihrer Worte lauschten. Sie sah zu dem freien Land hinüber, das sanft zu den waldbekleideten Bergen am Horizont anstieg.

»Seht!« rief sie. »Seht die Berge dort drüben! Seht den Wald, die grünen Wiesen! Ist dort nicht Platz für uns alle? Seht das blaue Band, das sich dort schlängelt, das ist der Fluß. Ach, jetzt sehe ich ihn nicht mehr, eure dunklen Häuser verschließen mir den Blick.«

Sie erschauerte und faltete die Arme über der Brust.

»Spürt Ihr nicht die Kälte von all den toten Dingen, die euer Leben drücken? Eure Gedanken und Wünsche sind ebenso grau und verkommen, wie die armen, elenden Kinder, die sich auf euren Straßen herumtreiben.«

Die Menge drüben drängte sich über die Landstraße. Einige kletterten auf die Hecke, um besser zu hören und zu sehen; andere drängten sich durch die Allee ganz bis zur Terrasse. Die Polizei wollte eingreifen, Fielding aber verhinderte es, um die Stimmung nicht noch gereizter zu machen, solange der Präsident Gast war.

Indem Oandas Blick über die Menge glitt, sah sie Nelly, die ganz bis dorthin gelangt war, wo Pat und die Arbeiter standen. Erst vor wenigen Tagen hatte der Arzt ihr erlaubt, auszugehen. Pat hatte sie nicht mit zum Fest nehmen wollen, weil er fürchtete, daß es zu viel für sie sein würde. Sie aber hatte Eddie überredet, sie zu begleiten. Jetzt stand sie da, und ihre großen Augen leuchteten Oanda aus dem totblassen Gesicht entgegen.

»Nelly,« rief Oanda, »bist du da, Mütterchen?«

Darauf wandte sie sich an Ralph.

»Kannst du dich erinnern, daß ich dir sagte, daß sie glückliche Augen hätte? Jetzt kannst du es selbst sehen! Alles würde ich hingeben, alles würde ich hinnehmen, damit du so glücklich werden kannst, wie sie.«

Sie sah ihn an mit dem ersterbenden Lächeln, das ihm so weh tat.

»Ich gebe dir meine Insel als Ersatz! Sieh – dort liegt sie vor deinen Augen!« Sie zeigte auf die Berge, die gegen den klaren, kühlen Himmel in der Abendsonne erröteten. »Dort drüben jenseits der Stadt und der Fabrik, fern von allem, was ihr Gesetz nennt, liegt sie in dem Licht dessen, der sich eine Menschenseele auserwählt, die gegen die Dunkelheit kämpfen soll.«

Sie wandte sich an den Präsidenten, faßte seine Hand und bat mit bebender Stimme:

»Sie, der Sie über alle herrschen – führen Sie uns zum Licht hinauf!«

»Was wollen Sie?« Der Präsident versuchte vergeblich, ihre Worte mit einem Lächeln abzutun.

»Haben Sie Tsing-Kai nicht auf meine Bitte freigegeben? Sie sind es, der auserwählt ist!«

»Nicht er!« erklang Nellys durchdringende Stimme, »Du bist aus einer anderen Welt gekommen und hast unsere Not gesehen, du sollst uns führen.«

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