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Laurids Bruun: Oanda - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleOanda
publisherGyldendal'scher Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080110
projectid3adcebb3
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III.

Oanda kam aus dem Wald gelaufen, die Bambustür schlug hinter ihr zu. Gleich darauf stand sie auf der Veranda, beide Arme voll Blumen.

»Fühl' Mutter! Riech' Mutter! Wie sie nach dem Regen heute Nacht duften!«

Die Blinde beugte ihr Gesicht über die Blumen und küßte sie. Sie badete Augen und Wangen in der frischen, kühlen Fülle, während sie den Duft einatmete. Darauf blickte sie lächelnd auf:

»Was willst du mit all' den Blumen? – Du hast ja beide Arme voll.«

»Ich will die Veranda schmücken.« – Oanda sah sich prüfend um und bekam im selben Augenblick eine Idee. »O, ich weiß, was ich tun will – ich will einen Blumenbogen über der Gartentür machen – wie auf dem Bild, weißt du, als der Präsident erwartet wurde. Ich will eine – wie heißt es doch noch?«

»Eine Ehrenpforte –«

»Ja, ja – eine Ehrenpforte will ich machen.«

»Warum freust du dich diesmal so sehr auf Wilkins Kommen?«

»Ich freue mich auf seine Frau und auf die kleinen Mädchen, die noch nie hier waren.«

»Wenn deine Ehrenpforte nur nicht welk wird, bevor das Schiff da ist.«

»Es kommt heute noch, das weiß ich bestimmt.«

Pieter hatte unten im Garten die Gartenpforte klappen hören, als er sah, daß es Oanda war, kehrte er noch einmal um.

»Guten Morgen, Oanda!«

Sie lief ihm entgegen.

»Ach, Pieter, ich freu mich so sehr! – Sieh nur!« Sie hielt ihm die Blumen hin.

Er merkte kaum die bunte Pracht, spürte kaum den kräutrigen Duft, der ihm entgegenschlug, er sah nur sie, wie sie dort im Licht stand, den Sonnenhut wie einen Rahmen um ihr lachendes Gesicht. Ihr flammendes Haar klebte mit kleinen Schweißperlen an der klaren Stirn und hing ihr in widerspenstigen Locken um Ohren und Wangen; die blauen Augen waren dunkel und funkelten von Lebenslust; und hinter den Lippen, die noch vom hastigen Lauf zitterten, schimmerten die weißen Zähne.

Oanda erwachsen – dachte er, und sein Blick schweifte von ihrem runden Halse zu ihrer Brust. Ja, es war die Brust eines jungen Mädchens. Fest und gewölbt hob und senkte sie sich beim atmen, im Takt mit dem Beben der Lippen. Weiß der Kuckuck, auch Hüften hatte sie bekommen. Seltsam, daß ihm das noch nicht aufgefallen war. Aber so war es stets: die Blinde sah mehr als er mit seinen beiden gesunden Augen.

Wie sie dort stand und ihn anlachte, wußte er nicht recht, ob er sich über die Verwandlung freuen oder betrübt sein sollte. Das Kind würde nie wiederkehren, das war sicher, und würde das, was an seine Stelle getreten war, ihm das Kind ersetzen? Unsinn, tröstete er sich selbst, sie ist und bleibt Oanda, mag sie auch heiraten und Kinder bekommen. Daß sie aber fortreisen, daß er sie nicht jeden Tag vor Augen sehen und ihr helles Lachen hören sollte, das schnitt ihm so ins Herz, daß er laut aufseufzte, ohne es selbst zu wissen.

»Warum siehst du mich so an?«

»Habe ich dich angesehen?«

Er wurde ganz verwirrt und merkte jetzt selbst, wie ganz anders alles schon geworden war.

»Ich dachte nur, was du mit all' den Blumen machen willst, denen du das Leben genommen hast.«

Sie zog ihn mit sich zur Gartentür, und da sie keinen Arm frei hatte, mit dem sie zeigen konnte, reckte sie sich auf den Zehen und beschrieb einen Bogen mit dem Kopf, um ihm begreiflich zu machen, was sie beabsichtigte.

»Ich will eine Ehrenpforte bauen, zum Empfang für Frau Wilkins und die kleinen Mädchen.«

Sie begab sich zu dem kleinen Hof hinter dem Hause, wo eine Scheune mit einem Strohdach lag. Dort hatte Toko zwischen dem Hühner- und Schweinestall seine Werkstatt, und etwas weiter unten, am Bach, der Garten und Wald trennte, war sein Bassin für die Schildkröten.

»To–ko!« rief sie.

»Er ist mit dem Kanu unterwegs.«

»Dann mußt du mir helfen, Pieter! Ich muß zwei Bambusstäbe haben, einen für jede Seite der Gittertür, um die ich Lianen schlingen« – sie machte eine bezeichnende Bewegung mit dem Kopfe – »und Blumen einflechten will. Du sollst sehen, es wird wunderhübsch!«

Jetzt trat Sakala auf die Veranda, wo Helen sich erhoben hatte und im Begriff war, die Matte zusammenzurollen; die Tagesarbeit war beendet.

Sakala war eine Waise, die Helen zu sich genommen hatte. Schwarzes krauses Haar umrahmte das runde Gesicht mit den sanften, traurigen Augen. Sie war treu und anhänglich wie ein Hund, und da sie anstellig war, konnte sie Helen und Oanda bei der häuslichen Arbeit helfen.

Sakala kam mit dem Teig in einer großen, flachen Holzschüssel. Helen probierte ihn und ging mit ihr in die Küche, um ihr beim Backen zu helfen.

Während Pieter die Bambusstangen in der Scheune holte, ging Oanda über den Rasen zu dem runden Tisch unter dem großen Bougainville, der in purpurrotem Flor stand. Dort wollte sie die Blumen binden.

Sie stutzte – auf dem Tisch lagen die Papierlaternen, die Wilkins voriges Jahr mitgebracht hatte. Pieter hatte sie für das Fest seiner fünfundzwanzigjährigen Rückkehr zur Insel bestellt. Das Fest war eine Ueberraschung und wurde zu einem großen Gedenktage, so schön war es gewesen. Überall in den Bäumen hatten die Laternen mit kleinen Oelflammen gehangen, und zum erstenmal hatte sie Raketen gesehen. Herrlich, herrlich! – Für alle Bewohner der Insel war es ein wunderbares Erlebnis gewesen.

Oanda konnte Pieters Rückkehr nicht mehr erwarten. Sie legte die Blumen auf den Tisch und eilte hinter ihm her. Im selben Augenblick bog er um die Ecke des Hauses, mit den Bambusstangen in der Hand.

»Warum hast du die Laternen geholt?« rief sie, »willst du für die kleinen Mädchen ein Fest machen?«

»Du mußt deine Nase auch in alles stecken,« sagte er ärgerlich.

Oanda lachte und schwenkte ihn herum.

»Wenn es eine Ueberraschung sein soll, hättest du die Lampen nicht mitten im Garten hinlegen dürfen!«

»Ich suchte sie heute morgen hervor, während du fort warst, und habe sie dann ganz vergessen, weil mir etwas einfiel, was ich noch auf die Listen schreiben wollte.«

Er machte sich frei und wurde ernst.

»Es handelt sich übrigens gar nicht um die kleinen Mädchen, sondern um etwas viel Wichtigeres.«

Er wartete, bis auch sie ernst geworden war, und flüsterte, indem er zur Veranda hinübersah:

»Uebermorgen sind es zwanzig Jahre her, seit wir deine Mutter draußen auf dem Riff fanden – Toko und ich. Ich habe eine Ueberraschung für deine Mutter, aber du darfst es ihr nicht sagen.«

»Nein, nein!«

»Wilkins bringt es mit. Verflucht, daß er gerade diesmal so spät kommt!«

»Sag, was es ist!« Sie trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.

»Ein großes, weißes Marmorkreuz für das Grab, das übers Meer leuchten soll.«

»Ein Kreuz – ?«

»Mit goldener Schrift: ›Gelobt sei der, der sein Leben läßt für einen anderen!‹«

»O, Pieter!« Ihre Augen wurden dunkel, und das Blut schoß ihr in die Wangen.

»Das Kreuz ist für den Toten, die Laternen und das Fest aber sind für die Lebenden. Denn es ist doch ein Freudentag, nicht wahr?«

»Ja – ja.«

»Und Champagner bringt er mit.« Pieters Augen wurden groß und rund.

»Was ist das?«

»Das ist Wein, der schäumt und siedet, wenn man ihn einschenkt – wie das Wasser beim Riff.«

Oanda sah ihn mit großen Augen erwartungsvoll an.

»Man trinkt ihn in der Welt bei großen Festen.«

Da fiel ihm ein, daß sie ja erwachsen sei, und er fügte hinzu:

»Diese Welt wirst du auch einst zu sehen bekommen.«

»Ich?«

»Möchtest du sie sehen?«

Das kam so nachdenklich, daß auch sie nachdenklich wurde. Sie blickte zu der Klippe hinaus, wo sie heute morgen gesessen und ihren alten Traum von dem Schiff, das kommen würde, geträumt hatte. Nicht Wilkins Schiff, sondern das Schiff mit den vollkommenen Menschen unter goldenen Segeln.

»Ich weiß nicht recht,« – ihre Augen wurden träumend – »ich möchte wohl die Menschen sehen, die all' die großen wunderbaren Dinge in der Welt erfunden haben – und die jungen, stolzen Männer, denen die Frauen ihre Herzen schenken, wie in den Büchern steht.«

Pieter sah sie an – sah das Kind vor seinen Augen schwinden. Darauf atmete er tief, rückte sich den Büchsenriemen zurecht und sagte: »Ich muß jetzt gehen, Oanda, ich will Tauben schießen.«

Er reichte ihr die Bambusstangen und lief durch den Garten, ohne sich noch einmal umzusehen.

Oanda sah ihm verwundert nach. Fehlte ihm etwas? – Da fiel ihr ein, wieviel sie noch zu tun hatte, und sie begab sich eilig an die Arbeit.

Erst hielt sie die Stangen gegen die Gittertür, dann band sie sie mit den Lianen fest, und während sie so beschäftigt war, dachte sie an all' das, was Pieter in Aussicht gestellt hatte – das Kreuz und das Fest – und die Ehrenpforte – und die Welt – ob sie sie wirklich jemals zu sehen bekommen würde?

Sie holte sich einen Stuhl von der Veranda, um die Querstange festzubinden, die den Bogen tragen sollte. Es war eine mühsame Arbeit, in die sie sich ganz vertiefte.

Als sie schließlich fertig war, lief sie zu dem runden Gartentisch, um die Blumen zu holen. Im selben Augenblick aber hörte sie Ruder plätschern, und ging statt dessen zum Bach hinunter, der am Garten vorbeifloß, von dunklem Laub beschattet; nur mitten im Lauf spiegelte sich ein blauer Himmelsstreifen.

Ja, es war der zurückkehrende Toko. Die Lippen in seinem dichten, dunklen Bart bewegten sich, er sprach mit sich selbst, während seine Augen auf einen halbverfaulten Baumstamm achtgaben, der mit der Strömung auf sein Boot zutrieb; er schien einen guten Fang getan zu haben.

Jetzt drehte er das Kanu mit einem kräftigen Ruderschlag herum, so daß der Baumstamm vorbeitrieb und das Boot auf das Ufer zuglitt, wo neben dem Schildkrötenbassin eine Landungsstelle war.

Als er aufblickte, sah er Oandas hellen Hut zwischen den Büschen.

»Hallo!« Er winkte mit dem Ruder. »Eine große Schildkröte und fünf kleine!«

Oanda brach sich durch die Büsche Bahn und eilte längs des Ufers auf ihn zu.

Er sprang an Land, wobei das Wasser hoch aufspritzte, und zog das Kanu noch näher ans Bassin heran, während er sang:

»Schildkröten – Schildkröten – groß und klein – Toko kriegt sie alle!«

Er reichte ihr die kleinen Schildkröten Stück für Stück; sie strich über ihre blanke Schale, bevor sie sie ins Bassin warf. Die große mußte sie mit beiden Händen heben. Sie schlug mit Kopf und Füßen um sich, aber es half ihr nichts, sie plumpste ins Wasser mit lautem Aufklatschen. Oanda schüttelte die Wassertropfen von sich ab, hielt aber plötzlich inne.

Stimmen erklangen – rasche Fußtritte – Unruhe auf dem Felde auf der anderen Seite des Hauses. Man rief und sprach, Mädchen und Männer durcheinander.

Toko richtete sich auf und sah sie an. Im selben Augenblick wußten sie beide, daß das Schiff gekommen sei.

Sie eilten in den Garten. Mädchen und Männer kamen aus dem Kokoshain angelaufen und scharten sich um den Grabhügel. Einige liefen hinauf, reckten sich und blickten übers Meer, während sie sprachen und den anderen Zeichen zumachten,

Toko ging voran. Als er merkte, daß Oanda ihm nicht folgte, drehte er sich um:

»Kommst du nicht mit?« fragte er erstaunt.

»Ich muß erst die Ehrenpforte fertig machen!« rief sie ihm zu.

Er sah sie mit offenem Munde an.

»Geh' nur. Ich will erst die Blumen festbinden.«

Er eilte hinter den anderen her. Als er sie beim Grabhügel erreichte, drängten sich die Eingeborenen um ihn. Er überlegte einen Augenblick, dann rannte er auf den Kokoshain zu, und alle anderen hinter ihm her, so schnell die Beine sie tragen konnten. Hier war kein Irrtum möglich – das Boot mußte bereits am Strande sein. Wie aber ging es zu, daß keiner das Schiff draußen auf der Lagune gesehen hatte?

Oanda kam mit den Blumen im Arm angelaufen; ihr Herz klopfte vor Erwartung. Wenn sie nur rechtzeitig fertig würde!

Als sie am Hause vorbeikam, aus dem der Duft des frischen Backwerkes drang, rief sie:

»Mutter – Mutter! Das Schiff ist da!«

Sakala kam auf die Veranda heraus, mit rotem Kopf, die Hände weiß von Mehl; sie sollte von Helen sagen, daß sie noch nicht vom Backherd fortgehen könnte.

Oanda hatte sich einen Stuhl neben die Gartentür gerückt und war bereits dabei, die Blumen zu befestigen.

Sakala horchte auf den Lärm im Hain und wünschte, daß sie auch mit zum Strand hinunterlaufen könnte. Sie stand eine Weile und sah Oanda mit offenem Munde zu. Da rief Helen nach ihr, und sie eilte wieder in die Küche.

Jetzt war es wieder ganz still. Oanda reckte sich auf den Zehen und band voller Eifer. Während sie die Blumen nach Form und Farbe wählte, träumte sie, daß es das Schiff mit den goldenen Segeln sei, die wunderbaren, seltsamen Menschen aus der Welt, die endlich zur Insel gekommen wären.

»Seht, man hat uns erwartet!« würden sie zueinander sagen, wenn sie die Ehrenpforte erblickten. »Bist du die Prinzessin von dieser Insel?« – »Ja – und dies ist meine Mutter, und dies ist Pieter, und dies Toko, und alle diese sind meine Geschwister.« Da kehrte sie zur Wirklichkeit zurück und seufzte.

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