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Laurids Bruun: Oanda - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleOanda
publisherGyldendal'scher Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080110
projectid3adcebb3
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V.

Oanda war blutrot geworden und ihr Herz klopfte stark.

Der Präsident reichte ihr die Hand und sagte mit seinem freundlichsten Lächeln:

»Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Prinzessin!«

Oanda konnte vor Erregung nichts sagen. Sie behielt seine Hand in der ihren, während sie ihn mit einem tief bewundernden Blick in ihren dunklen Pupillen ansah. Der Präsident drückte ihre feste warme Hand noch einmal leicht und machte sich dann frei.

»Und Sie haben die weite Reise gemacht,« sagte er herzlich ermunternd, »um den Präsidenten aufzusuchen?«

Oanda hatte sich selbst wiedergefunden und nickte bejahend.

Der Präsident fühlte sich erleichtert und fuhr im selben Ton fort:

»Das ist hübsch von Ihnen. Ich werde für Sie tun, was ich kann.« Darauf fügte er anscheinend stark interessiert hinzu: »Erzählen Sie mir also, liebes Kind, was es mit dem Kuli auf sich hat?«

»Er heißt Tsing-Kai,« sagte Oanda und strich sich das Haar aus der Stirn, »und hat fünf kleine Geschwister, die in Kanton am Fluß wohnen.«

»Er selbst aber war in Manila?«

»Ja, um den Unterhalt für sie zu verdienen. Er hämmerte Gold in einer Werkstatt, denn die Amerikaner sammeln Gold im Fluß oben in den Bergen der Eingeborenen. Dann aber lernte er Opiumrauchen, wie sein Vater es getan hatte, bis er daran gestorben war; das ist ein Gift, das die Weißen den Chinesen verkaufen, und da konnte er nicht mehr arbeiten und konnte kein Geld mehr nach Hause schicken. Seine Mutter starb und die fünf kleinen Kinder blieben allein zurück. Sollte er sie zu Hause hungern lassen? Er hatte kein Geld, um zu ihnen zu reisen; darum schlich er sich nachts in die Werkstatt und nahm von dem Gold, das er hämmerte, denn keiner wollte ihm freiwillig etwas geben. Da aber hetzte man die Hunde auf ihn und fing ihn und wollte ihn nicht reisen lassen, obgleich er fest versprach, daß er zurückkommen und die Strafe sühnen wollte, wenn er nur erst zu Hause gewesen wäre, um für die Kleinen zu sorgen. Im Gefängnis aber brannten sie ihm, einem lebenden Menschen, ein Zeichen ein! Er entkam ihnen aber, obgleich sie auf ihn schossen, und schwamm nach einem Schiff hinaus, das nach China fahren sollte. Er versteckte sich im Lastraum, aber es entstand eine große Feuersbrunst und alle mußten das Schiff verlassen. Ein Boot nahm ihn auf, dasselbe, in dem Goodwill, Fielding und Nomura waren. In diesem Boot kamen sie nach Van Zantens Insel. Tsing-Kai sprang an Land und versteckte sich; als man ihn aber fand, und Fielding das eingebrannte Zeichen sah, sagte er, daß er ins Gefängnis zurückgebracht werden müßte, obgleich er nichts Böses getan hatte. Und als der dicke Wilkins mit seinem Schiff kam, nahmen sie Tsing-Kai mit an Bord und ließen ihn binden.«

Ralph hatte sich zurückgezogen, als Tillny Oanda vorstellte; er trat zu Eleanor, die neben dem Springbrunnen stand; sie aber war in den Vorgang so vertieft, daß sie, ohne ihn zu bemerken, näher an die anderen heranging, um zu hören, was sie sagten.

Während Oanda sprach, konnte Ralph sie unbemerkt beobachten. Ihre ganze Aufmerksamkeit war auf den konzentriert, mit dem sie sprach und auf das, wovon sie sprach. Ralph betrachtete ihre Augen und er mußte daran denken, wie sie damals in Tillnys Salon vor ihm saß und ihn gegen seine eigenen innersten Anklagen verteidigte. In den drei Wochen, die seitdem vergangen waren, hatte er sich wieder und wieder gefragt: Wie kam es, daß ich meine innersten Gedanken vor diesem unzivilisierten Kind bloßlegte, daß ich ihr erlaubte, in einer Gewissenssache zu richten, die ich nie einem anderen Menschen anvertraut, ja, von der ich kaum selbst gewußt hatte, bevor ich vor ihr saß und ihre wundersamen Augen mir forschend in die Seele blickten? Er hatte sich gründlich darüber geärgert und beschlossen, sie aus seiner Erinnerung auszulöschen. Die große Arbeit vor der Eröffnung der neuen Fabrik, die neuen Vorbereitungen zum Fest, der Kampf gegen die heimliche Untergrabung der Arbeiter gegen alles, was er aufzubauen versuchte, hatten die Begegnung aus seinem Gemüt verdrängt, so daß nur ein leiser Stachel zurückgeblieben war. Als er sie jetzt wieder sah, bemächtigte der Eindruck sich seiner von neuem; er wunderte sich nicht mehr, was an jenem Tage mit ihm geschehen war, er fühlte dasselbe unbeschreibliche Verlangen, ihre Hände zu ergreifen und ihr jeden Winkel seines Herzens zu offenbaren. Unwillkürlich schweifte sein Blick zu Eleanor, der Schönen und Strahlenden, wie Oanda sie genannt hatte; er hörte Oanda wieder mit ihrer tiefernsten, flüsternden Stimme fragen: »Was haben Sie mit ihr vor?« Und obgleich er in der dazwischenliegenden Zeit seine Pläne mit Eleanor fortgesetzt, wie er sie begonnen hatte, weil er nicht duldete, daß irgend etwas störend in sein Leben eingriff, obgleich sie nur noch auszusprechen brauchte, was sie täglich durch Blick und Händedruck versprach, das endgültige Ja, wozu sie sich an jenem Nachmittag im Wintergarten Bedenkzeit ausgebeten hatte – so stand Eleanor plötzlich wie eine schöne und fremde Blume vor ihm; seine Augen musterten sie prüfend, wie sie vorhin die seltene und prachtvolle Orchidee, die Frau Jennimore ihm zu seinem Geburtstag brachte, gemustert hatte, und mit Oandas Stimme und Worten klang es in seinem Herzen: »Wollen Sie sie glücklich machen oder wollen Sie sie nur gebrauchen? –« Als hätte er laut gesprochen, sah Eleanor im selben Augenblick hastig zu ihm auf; er fand kaum Zeit, den Ausdruck in seinen Augen zu verbergen.

Als Oanda geendet hatte, sagte der Präsident:

»Und da entschlossen Sie sich zu mir zu reisen?«

Ihre Augen wurden schwer; sie antwortete, ohne ihn anzusehen.

»Da begriff ich, daß die Welt anders sei, als ich gedacht hatte, und da beschloß ich hinüber zu reisen und sie mir selbst anzusehen.«

Eine Sekunde ruhten die Augen des Präsidenten scharf forschend auf ihr. Plötzlich aber wurde sein Lächeln lebendig und er fragte:

»Und was meinen Sie, nachdem Sie sie nun gesehen haben?«

Oanda beugte den Kopf und sagte betrübt.

»Was ist Tsing-Kais Unglück im Vergleich zu dem Schmerz, den Ihr euch gegenseitig zufügt, in einer Welt, wo alles so seltsam tot ist? An einem einzigen Tage habe ich mehr Kummer und Unglück gesehen als früher in meinem ganzen Leben.«

Sie hob den Kopf und sah ihm von neuem in die Augen.

»Meine Mutter sagt, daß es nur einen Gott, ein Licht in uns allen gibt, und dennoch verfolgt Ihr die, die nicht euren Willen tun. Ihr quält euch gegenseitig, bis Ihr wie gejagte Tiere werdet und Euch gegenseitig den Tod wünscht. Alle, ob sie arm oder reich sind, sehen aus, als ob sie kein Licht in ihrem Herzen haben. Doch, eine hatte glückliche Augen, die arme Nelly, die nichts weiter als ein krankes Kind besitzt.«

Ist sie geistesgestört? dachte der Präsident und blickte sie verstohlen an. Darauf fragte er:

»Wie kamen Sie darauf mich aufzusuchen?«

»Goodwill sagte, daß es nur einen gäbe, der Tsing-Kai retten könnte, der Präsident in dem weißen Hause.«

Er wandte sich an Fielding, der dicht dabei stand und interessiert zuhörte.

»Sie und Herr Goodwill also ließen den Kuli aufs Schiff bringen?«

»Ich nicht, Herr Präsident,« ereiferte sich Goodwill, »ich gab nur nach, weil Herr Fielding sagte, daß das Gesetz es vorschreibe.«

Fielding wandte sich an den Präsidenten und gab im amtlichen Ton eine Erklärung:

»Der Kuli ist ein entlaufener Sträfling, ich bin Inspektor beim Gefängniswesen; und der Schiffer Wilkins, ein Bürger aus den Vereinigten Staaten, konnte sich nicht weigern, den Burschen an Bord zu nehmen, da ich es ihm befahl, wie es meine Pflicht war.«

»Erlauben Sie, Herr Präsident,« Advokat Tillny straffte seine Backenfalten aufs Feierlichste, »die Insel gehört nicht den Vereinigten Staaten, und da kein Auslieferungstraktat mit derselben abgeschlossen ist, lag kein gesetzmäßiger Zwang für Herrn Fielding oder den Schiffer vor, den Befehl auszuführen. Alles dies habe ich mit den übrigen Punkten der Angelegenheit in dem Begnadigungsgesuch dargestellt.«

»Ich hatte kurz vorher,« sagte Fielding, »auf gesetzmäßige Weise die Insel für die Vereinigten Staaten in Besitz genommen.« Er erhob die Stimme und zeigte auf Nomura, der neben der Rednertribüne stehen geblieben war, »wobei ich Herrn Nomura, der dort steht, und Herrn Goodwill zu Zeugen nahm.«

»Ja, das heißt,« wandte Goodwill ein, »eigentlich war es ein Scherz – doch Fielding – und als Van Zanten später kam und protestierte, da machte ich geltend, wie Sie sich wohl erinnern, daß wir unter dem Gesetz des Gastrechtes ständen.«

»Ja, das ist wahr,« sagte Nomura, der sich genähert hatte, als Fielding seinen Namen nannte, »das hat Herr Goodwill gesagt.«

»Wer ist van Zanten?« fragte der Präsident, indem er sich an Tillny wandte.

»Der rechtmäßige Besitzer der Insel, Herr Präsident, Ein Holländer, der in seiner Jugend als Handelsagent zur Insel kam, sich ganz der Bevölkerung anschloß, die Tochter des eingeborenen Königs heiratete und später als das Königshaus ausstarb, auf einstimmigen Wunsch der Bevölkerung zum Herrscher der Insel ernannt wurde und seine Stellung unangefochten über zwanzig Jahre behauptete. Ich als Jurist stelle fest, daß die Frage von der Auslieferung des Kulis nach den auf der Insel herrschenden Gesetzen und nach den mit anderen Ländern abgeschlossenen Traktaten erst hätte gelöst werden müssen, und daß sowohl Herr Fielding wie der Schiffer jeglicher Rechtsgrundlage entbehrten, um den Flüchtling innerhalb des Gebietes der Insel festzunehmen.«

Fielding zog die Oberlippe hoch.

»Ausgezeichnet! – Die zwischen dem Herrn Van Zanten und dem Präsidenten der Vereinigten Staaten abgeschlossenen Traktate! Eigentlich sind wohl Schiffer Wilkins und ich hier die Strafbaren?«

»Zweifellos,« erklärte der Advokat, ohne sein Gesicht zu einem Lächeln zu verziehen, »hier liegt ein zweifacher Rechtsbruch vor. Der eine ist auf der Insel geschehen und gehört unter die Gesetze derselben. Der andere besteht darin, daß Sie und der Schiffer sich einer Handlungsweise schuldig gemacht haben, die unser gutes staatliches Verhältnis zum Ausland kränkt.«

»Ausgezeichnet!« lachte Fielding höhnisch, »die mit den Vereinigten Staaten freundschaftlich verbundene Van Zanten-Insel!«

»Erzählen Sie mir etwas von diesem meinem neuen Kollegen,« sagte der Präsident lächelnd zu Oanda, »der mir ebenso unbekannt ist wie sein Staat, mein Fräulein. Ach, fast hätte ich es vergessen, Sie sind ja eine Prinzessin. Ihr Vater ist also Herr Van Zanten?« Er beugte sich vor und legte seinen Kopf auf die Seite, »Sie bringen mir vielleicht sogar einen Gruß von ihm?«

»Nein – aber von meiner Mutter.«

Der Präsident sagte, ohne sein Erstaunen zu verbergen:

»Ah – von Ihrer Mutter?«

Oanda nahm das Paket, das Nomura für sie getragen hatte, und entfaltete die Matte, die ihre Mutter ihr mitgegeben hatte; sie betrachtete sie, bis ihr Tränen in die Augen kamen, und darauf hielt sie sie in ihrer ganzen Länge dem Präsidenten entgegen.

»Meine Mutter trug mir auf, Ihnen diese Matte zu geben.« Ihre Stimme bebte vor Bewegung. »Und Ihnen zu sagen, daß sie sie für denjenigen gewebt habe, der über das Schicksal der Menschen gebietet.« Sie hielt inne und sammelte sich, um sich an jedes Wort zu erinnern, das ihre Mutter ihr eingeprägt hatte. Darauf sagte sie langsam und feierlich, während sie über den Park ins Weite blickte: »So wie meine Finger im Blinden, Faden in Faden geflochten haben, indem sie sich zu dem Muster durchtasteten, so sitzt auch er am Webstuhl und knüpft im Blinden Schicksalsfaden an Schicksalsfaden, nach einem Muster, das er in seinem Herzen fühlt. Wenn er aber keine Liebe zu allem Lebenden hat, dann kann sein Herz nicht sehen und das Muster wird nicht deutlich werden.«

Der Präsident nahm die Matte und hielt sie vor sich ausgespannt. Sein Gesicht war ernst geworden; er betrachtete das kunstfertige Flechtwerk lange, das wundersam verschlungene Blattmuster, und suchte vergeblich in seinem Gedächtnis nach einer Stilart, einem Vorbild, das er mit dieser eigenartigen Arbeit vergleichen konnte.

»Sehr hübsch,« sagte er schließlich und gab die Matte seinem Sekretär. Darauf drückte er Oandas Hand: »Ich werde Ihnen einen Dankbrief für Ihre Mutter mitgeben.«

Ihre Augen ruhten auf ihm mit dem Ausdruck tiefster Erwartung, der ihn fast verwirrte. Er ertappte sich selbst darauf und sagte mit einer plötzlichen Eingebung:

»Für Sie, Prinzessin, habe ich eine Barmherzigkeitsgabe: Ihre Worte haben den armen Kuli freigesprochen. Er ist begnadigt!« Darauf nickte er seinem Sekretär zu und sagte: »Sorgen Sie dafür.«

»Dank!« Oandas Augen funkelten ihm in überströmender Freude entgegen. »ich wußte es ja.«

»Habe ich recht verstanden?« fragte der Präsident, »Ihre Mutter ist blind.«

»Sie hat ihr eigenes Kind niemals gesehen.«

»Und Sie Prinzessin, sind also ein Sproß des alten Königsstammes der Insel?«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen? –« Oanda blickte von ihm zu Goodwill, der vor dem Unvermeidlichen, das jetzt kommen mußte, zitterte.

»Erlauben Sie, Herr Präsident,« sagte er, »Fräulein Oandas Mutter ist eine Weiße.«

Der Präsident blickte verständnislos von ihm zu Tillny:

»Sagten Sie nicht, daß Herr Van Zanten eine Tochter des eingeborenen Königs geheiratet habe?«

»Allerdings,« nickte der Advokat, »diese Königstochter aber ist schon lange tot, und van Zanten ist nicht Fräulein Oandas Vater.«

Der Präsident betrachtete Oanda, er fand, daß ihre Augen plötzlich so bleich geworden waren; ein betrübtes Lächeln war in ihnen.

»Mein Vater starb, bevor ich zur Welt kam,« sagte sie. »ich sehe ihn heute zum ersten Male –«, sie zeigte auf Ralphs Statue: »Dort steht er!«

Während sie sprach, hatte Ralph sich genähert, er war sehr blaß, sein Gesicht war verschlossen, und der Blick seiner braunen Augen fest und streng.

Der Präsident folgte der Richtung von Oandas Blick, streifte darauf Goodwills nervös bewegtes Gesicht und wandte sich dann an Ralph.

»Fräulein Oanda,« sagte Ralph, »ist die Tochter von Ralph Cunning und einer Dame dänischer Herkunft. Sie fuhren zusammen mit einem Dampfer von Indien nach den Vereinigten Staaten, strandeten aber an Van Zantens Insel, wo der Vater nach ihrer Rettung starb.«

Darauf wandte er sich an Oanda, ihre Blicke begegneten sich zum ersten Male seit jenem Morgen, als er sie verlassen hatte, ohne ihre Hand zu nehmen. Ihr Blick war dunkel und schwer, und sie beugte den Kopf, als ob sein Blick sie niederdrückte.

»Kann das durch Beweise erhärtet werden,« fragte der Präsident und blickte forschend zu Ralph und Oanda.

»Ja,« sagte der Advokat, »die Uhr und die Brieftasche des Verstorbenen wurden gerettet und sind im Besitz der Mutter.«

Der Präsident überlegte einen Augenblick; darauf sagte er:

»Demnach hätte Ralph Cunning also einen Leibeserben.«

Darauf hatte Fielding gewartet und stand mit der Antwort bereit.

»Nein, Herr Präsident,« sagte er, »das Kind war illegitim.«

Dem Präsidenten entschlüpfte ein Seufzer der Erleichterung, der Advokat bemerkte es und beeilte sich hinzuzufügen:

»Ein parsischer Priester segnete ihre Verbindung auf Ceylon. Sie waren auf der Reise nach Amerika, um nach dem Gesetz getraut zu werden, als das Schiff strandete.«

Goodwill sandte dem Advokaten einen vorwurfsvollen Blick, das waren ja die Aufklärungen, die er ihm selbst gegeben hatte, als der Advokat neulich so hübsch von der Prinzessin sprach; jetzt benutzte er seine Worte zum Nachteil für Ralph, seinem Wohltäter und alten Schüler.«

»Nach dem auf van Zantens Insel herrschenden Naturrecht,« fuhr der Advokat fort, »besaß ihre Ehe volle Gültigkeit; und da es ihnen unmöglich gemacht war, nach dem in den Staaten geltenden Gesetz getraut zu werden, unterblieben die vorgeschriebenen Trauungsformalitäten unter dem Zwang einer höheren Gewalt.«

Der Präsident sah ihm scharf in die Augen und fragte geschäftsmäßig:

»Gibt es einen Präzedenzfall für diese Auslegung?«

»Nein, Herr Präsident,« sagte Fielding schnell, bevor der Advokat sich noch besonnen hatte.

Tillny blickte auf, als ob er sagen wollte: Wartet nur! – Darauf begann er im Rednerton mit erhobener Stimme, damit nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Arbeiter ihn hören konnten.

»Da Sie, Herr Präsident, vor einer halben Stunde zugesagt haben, den von mir im Namen der Arbeiter vorgebrachten Gesetzesvorschlag zu unterstützen, so darf ich wohl annehmen, daß Fräulein Oandas Recht von Gesetzes wegen anerkannt werden wird, falls Sie nicht schon vorher diese Ehe durch Bewilligung anerkennen wollen.«

»Aha!« Der Präsident sandte ihm einen vielsagenden Blick. Darauf wandte er sich an Oanda und sagte kühl:

»Ich sehe, gnädiges Fräulein, daß Sie noch andere und wichtigere Aufgaben hier drüben haben, als die Begnadigung des Kulis.«

Oanda war so mit dem beschäftigt, was in ihr selbst vorging, daß sie sein verändertes Wesen nicht bemerkte. Sie mußte sich seine Worte noch einmal zurückrufen, bevor sie sie ganz verstanden hatte. Darauf atmete sie tief auf und sagte:

»O, ich habe noch sehr viel anderes auszurichten. Ich habe alles niedergeschrieben, weil der Advokat mir sagte, daß ich nicht Zeit haben würde, Ihnen alles zu sagen. Meine Niederschrift aber ist noch nicht fertig.«

»Sie wünschen den Namen Ihres Vaters?« fragte der Präsident prüfend.

»Ach, ja!« Ihre Augen blitzten ihm entgegen, »Ich wußte ja, daß der Präsident niemals gegen Gottes Gesetz handeln würde.«

Er wandte den Kopf zur Seite und fuhr fort, ohne ihrer Freude zu achten:

»Und Sie fordern den Erbteil Ihres Vaters?«

»Ja, die ganze Welt soll wissen, daß ich seine Tochter bin.«

Er trat einige Schritte von ihr zurück und sagte mit einer Andeutung von Vorwurf in seiner Stimme:

»Sie wollen das Vermögen haben, das achtzehn Jahre lang mit Recht einem andern gehört hat, dem Verwandten und Namensvetter Ihres Vaters?«

»Ja.«

Der Präsident versuchte ihren Blick zu ergründen, der so offen und fragend in dem seinen ruhte:

»Sie wollen den Mann ruinieren, der dieses ganze große und segensreiche Werk geschaffen hat?«

»Ruinieren – was ist das?«

»Sie wollen ihn arm und gering machen.«

Oanda fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg; sie beugte den Kopf und flüsterte:

»Ich will ihn glücklich machen.«

Der Präsident beugte sich vor und sagte eindringlich:

»Indem Sie ihm sein Vermögen nehmen?«

Zu Ralph, der ihr so nahe stand, konnte sie es nicht sagen, denn er war ihr ja böse, hatte ihre Hand nicht genommen und sie nicht zu dem Fest ihres Vaters eingeladen. Dem Präsidenten aber, der über alle herrschte und Ralphs Freund war, ihm wollte sie es sagen; er sollte erfahren, was sie für den, der ihres Vaters Namen trug, tun wollte.

»Können Sie denn nicht sehen,« sagte sie erregt, »wie er, der in seinem Herzen so gut ist, leidet? Er hat es selbst gesagt: er liebt die Menschen nicht. So hart ist er durch den Besitz des Geldes geworden. Ach, ich will ihn glücklich machen, denn ich habe ihm versprochen, ihn diese Kunst zu lehren. Ich will sehen, wie er frei wird und wieder lächeln kann, und auch die anderen, die er leiden gemacht hat, so daß sie ihn mit bösen Gedanken und Taten verfolgen; auch sie will ich glücklich und frei machen.«

Der Präsident hatte mit wachsendem Erstaunen zugehört. Einen Augenblick hatte er die Absicht, sie zu unterbrechen. War es nicht unter seiner Würde, dies alles mit anzuhören? Etwas in ihrem Blick aber zwang ihn, ihre Worte ernst zu nehmen.

»Was würden Sie denn mit dem Geld tun, wenn Sie es bekämen?«

Oanda errötete vor Eifer.

»Ich will alles Unrecht wieder gut machen. Erst will ich die Arbeiter wieder anstellen, die er der Maschinen wegen verabschiedet hat, den schwarzen Pat und Dick und Tonny – und viele, viele andere. Alle die blasse, tote Gesichter haben und weder singen noch lachen können, will ich frei und glücklich machen, bis sie alles Böse, was ihnen geschehen ist, vergessen haben. Und wenn sie ihm, der ihr Herr ist, zulächeln, dann wird er die Menschen wieder lieben und glücklich sein, wie er als Knabe war.«

Ralph stand mit dem Rücken zu Eleanor und der Gesellschaft, unbeweglich, hocherhobenen Hauptes, den Blick über den Park gerichtet, als ob das Ganze ihn nichts anginge; trotzdem entging kein Wort seiner Aufmerksamkeit.

»Und wer soll die Maschinen versorgen?« fragte der Präsident lächelnd, während seine Hand nach der Uhrtasche griff.

»Was sollen wir mit den Maschinen? Was sollen wir mit ihrem toten Lärm? Sehen Sie, wie sie die Luft mit ihrem schlechten Atem verpesten! Er steigt in die Höhe und fällt dann auf die Häuser, so daß alles dunkel wird, ganz bis in ihre Herzen hinein wird es dunkel, das habe ich gesehen. Was sollen wir mit den hohen, stinkenden Häusern, wo der Schmutz an Hand und Fuß kleben bleibt? Ganz bis in die Seele dringt er. Ich habe gesehen, daß vor der Stadt große, grüne Wiesen sind. Laßt uns die Häuser niederreißen! Laßt uns ihnen das Licht zurückgeben, damit ihre kleinen Kinder rund und rosig werden können, wie auf der Insel meiner Mutter. Ich hätte nie geglaubt, daß soviel Dunkelheit in der Welt und in den Herzen der Menschen gedeihen könnte.«

Sie machte eine kurze Pause; darauf beugte sie sich vor und flüsterte, damit nur er es hören konnte:

»Glauben Sie nicht auch, daß die Stunde gekommen ist?«

Er sah sie an, gegen seinen Willen von ihrem seltsam bewegten Blick ergriffen.

»Die Stunde?« fragte er, flüsternd wie sie.

»Meine Mutter sagt, daß das Licht sich einen Menschen aussucht und zur Errettung der Menschheit sendet, wenn die Dunkelheit in der Welt überhand genommen hat.«

Sie schwieg und blickte tief prüfend in die scharfen, blaugrauen Augen.

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