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Laurids Bruun: Oanda - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleOanda
publisherGyldendal'scher Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080110
projectid3adcebb3
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IV.

»Den Mann,« begann der Präsident, »dessen Andenken wir heute feiern wollen, habe ich nicht persönlich gekannt. Als ich als junger Advokat in diese Stadt kam, war er gerade nach New York gereist, um seine Stellung als jüngster Ingenieur bei der großen Firma, deren Chef er später wurde, anzutreten. Der Besitzer des Grund und Bodens aber, wo ich heute nach so vielen Jahren wieder stehe – der Vater unseres jungen Wirts – war sein Vetter und mein guter Freund. Er erzählte mir oft von seinem Verwandten in der großen Stadt des Ostens. Er hatte ihn seit ihren gemeinsamen Schuljahren bewundert und erwartete, daß er einer der größten in seinem Fach werden würde. Die Zeit verging, und den Namen des jungen, schweigsamen Ingenieurs, den niemand kannte, lernten nach und nach alle kennen. Eine riesenhafte Arbeit nach der anderen wurde ihm anvertraut. Bald durchbohrte er die trotzigen Felsen Alleghanys, und zwang sie, das Dampfroß auf ihren Schultern zu tragen; bald leitete er Flüsse aus ihren Betten oder spannte Brücken über den Mississippi, eine Arbeit, die an Kühnheit allem trotzte, was man bisher für möglich gehalten hat. Obgleich aber alle Zeitungen der Vereinigten Staaten seinen Namen mit Ehre nannten, blieb er stets derselbe schweigsame, unzugängliche Arbeiter. Niemand konnte von sich sagen, daß er ihm nahestand. Ja, selbst die mächtigen Leiter, für deren Interesse er arbeitete, standen nur so weit mit ihm in Verbindung, als die Geschäfte es notwendig erforderten. Man nannte ihn einen Sonderling. In Wahrheit aber hatte der Genius der Arbeit ihn verzaubert, so daß er keine lieblichere Musik kannte, als das Geräusch ihres ewigen Hammerschlages, kein anderes Glück, als der treue Diener der Arbeit zu sein. Alle hier in der Stadt waren stolz, ihn Mitbürger nennen zu dürfen. Und als mein Freund einen Sohn bekam, bat er seinen berühmten Verwandten, ob er dem Knaben seinen Namen geben dürfe. Er willigte ein, schrieb aber, daß er nicht zur Taufe kommen könne, weil er gerade im Begriff stehe, die größte Aufgabe, die er sich bisher gestellt habe, zu lösen. Wir bedauerten alle, daß er nicht kam, ja, dieser oder jener war vielleicht etwas gekränkt. Als wir aber kurz darauf durch die Zeitungen erfuhren, welche Aufgabe es war, die seine Gedanken beschäftigte, da erinnere ich mich, daß wir uns in Ehrerbietung seinen Gründen beugten und begriffen, daß vor solchem Ziel alle Ereignisse des Privatlebens klein und nebensächlich werden mußten. Es war die berühmte ›Himmelsbrücke‹, von der wir alle gehört haben, und die die meisten von uns unzählige Male auf ihren starken Armen getragen hat, indem sie uns in gerader Linie über schwindelnde Abgründe, ganz bis zu den Wolken hinauf getragen und uns abermals auf die ebene Erde jenseits der Berge geführt hat. Neun Jahre hat er dieses Riesenwerk in seinem Gehirn getragen, neun Jahre kämpfte er mit der Natur, mit dem Kapital, mit menschlichem Unverstand, ja, mit den Tausenden von Arbeitern, denen er den Unterhalt gab, und die, von Neidern verleitet, in der zwölften Stunde die ganze Arbeit vernichtet hätten, wenn er nicht durch die Wucht seiner Persönlichkeit bis zum letzten durchgehalten hätte. Als das Werk aber endlich vollbracht war, als alle wetteiferten, ihn zu ehren, als die Goldfürsten, die ihre Mittel zur Verfügung gestellt hatten und die jetzt die reiche Frucht seiner Arbeit ernteten, als sie ihn zum Ehrenmitglied ihres Klubs, in dem sonst nur Milliardäre aufgenommen wurden, gemacht hatten, als die Wissenschaft ihn feierte und die Zeitungen seinen Ruhm ausposaunten – da ging in seinem Gemüt etwas vor. Was es war, hat man nie erfahren.

Die Welt sah nur, daß Ralph Cunning kurz nach dem Eröffnungsfest seine Kontore und Zeichenstuben schloß, seine Ingenieure verabschiedete und fortreiste. Alles wurde versucht, um ihn zu bewegen, den Grund zu sagen – die Presse verfolgte ihn über den Atlantischen Ozean, fand seine Spur in Paris, und der einzige, dem es gelang, ihn in seinem Hotel zu sprechen, bekam von ihm den Bescheid, daß er nach einundzwanzigjähriger, rastloser Arbeit Ruhe haben wolle, und dabei blieb es. Er verbarg seine Wege mit Absicht, und man ließ ihn in Ruhe, nachdem er in seinem fünfunddreißigsten Jahre der Welt den Rücken gekehrt, der er von Geburt an angehört hatte. In Kairo wurde er wiedererkannt. Ein Arzt aus Boston meinte ihn in Bombay gesehen zu haben. Das war alles; und die Welt erfuhr nichts von ihm, bis man ein Jahr später in den Staaten hörte, daß ein Dampfer auf dem Wege von Singapore nach St. Franzisco untergegangen sei. Es wurde mitgeteilt, daß ein Name gleichlautend mit dem des berühmten Ingenieurs auf der Passagierliste gestanden habe. Alle Nachforschungen blieben vergebens. Der Dampfer war verschwunden, und man hat seither nichts von seinem Schicksal erfahren.

Das Gehirn, das in solch kurzer Zeit so strahlende Werke hervorgebracht, hatte aufgehört zu wirken. Das Licht war erloschen. Der aber, dessen Werk lebt, dessen Geist ist nicht tot. Die Himmelsbrücke zeugt noch heutigentags von dem Mann, der vor zwanzig Jahren von seinem Heimatort aufbrach und ein Jahr später sein Leben auf Erden lassen mußte. Sein junger Verwandter, der in der Taufe seinen Namen erhielt und uns heute hierher gerufen hat, um sein Andenken zu feiern, erbte auch das große Vermögen. Durch das umfassende Werk, das er mit diesen Mitteln geschaffen hat, lebt Ralph Cunnings Geist weiter an diesem Ort.

Indem ich mich nun an unsern jungen Freund, den zweiten Ralph Cunning wende, den ich von seiner Kindheit an kenne, drängt es mich ihm zu sagen, wie stolz ich bin, daß es mir beschert worden ist, seine Schritte zu leiten, bis er selbst die Verantwortung für sich übernehmen konnte.«

Der Präsident machte eine Pause und tat eine Wendung, so daß die Arbeiterdeputation hinter ihm sein Gesicht sehen konnte.

»Ich weiß, welchem Widerstand er begegnet ist,« fuhr er fort und lauschte auf die Stimmung auf der Tribüne, wo jetzt zwischen den Arbeitern Bewegung entstand, »wie er gegen die Macht ankämpfen mußte, die seinen Vater in die Knie zwang und seinen frühzeitigen Tod verschuldete.«

»Vielleicht,« fuhr er mit erhobener Stimme fort und drehte sich in einem Halbkreis von links nach rechts, »ist dieser oder jener zwischen euch, der ihn verurteilt; zu dem aber will ich sagen, daß er so steht, weil es seine Pflicht ist; und wenn er hart erscheint, so ist es, weil es keinen anderen Weg gibt, das hohe Ziel, das ihn beseelt, zu erreichen. Ich kenne den Adel und die Güte seines Herzens und weiß, daß niemand wärmere Gefühle für die, die als Arbeiter oder auf andere Weise ihr Schicksal mit dem seinen verbunden haben, nähren kann als er. Und ich möchte hierdurch aussprechen, daß mein Zutrauen zu ihm so groß ist, daß ich tun will, was in meiner Macht steht, um ihn an einen Platz zu stellen, der seinen reichen Fähigkeiten ein noch größeres Wirkungsfeld bietet. Er hat heute die Altersgrenze erreicht, die unsere Verfassung als Eintritt für das weltumfassende Amt eines Senators vorschreibt. Wenn es mir glückt, die hohe Stellung zu bewahren, die das Zutrauen der Nation mir gewährt hat, so soll er einer der ersten sein, auf dessen Mitarbeit ich baue.«

Zwischen den Arbeitern entstand Unruhe. Der Präsident machte abermals eine kleine Wendung auf sie zu und sagte:

»Ich bin überzeugt, daß die Sache, die ihr Arbeiter mir durch euren Vertrauensmann vor kurzem vorgelegt habt, ebenfalls seine Unterstützung finden wird.«

»Hört! Hört!« rief eine einzelne Stimme und zögernd folgten einige nach.

»Ich kann euch und eurer Sache keinen besseren Vertreter wünschen!«

Der Präsident machte eine Pause, um noch einmal die Stimmung zu prüfen, aber er fand keine Zustimmung.

»Ich kehre jetzt zu der Veranlassung dieses Festes zurück, die Enthüllung der Statue des Mannes, der die ökonomische Grundlage für den ganzen großartigen Betrieb geschaffen hat, dessen Einzelheiten wir in Kürze unter Führung unseres Wirtes kennen lernen sollen, und bei dessen Gedeihen jeder Arbeiter, jung oder alt, sein Teil beigetragen hat. Lassen Sie uns darum das Andenken des großen Toten feiern, wie sein junger Namensvetter es sich in der Dankbarkeit seines Herzens zum heutigen Tag ausgedacht hat, indem er ihn Seite an Seite mit den Großen der Technik stellte, die vor ihm waren, und in deren Schuld wir alle stehen – besonders ihr, die ihr an diesem Ort schafft. Man kann sein Andenken auf keine schönere Weise ehren, als indem man das Werk ehrt, in dem sein Geist zwischen uns weiterlebt, und ich spreche den Wunsch aus, daß es beständig wachsen möge, bis das große Ziel voll erreicht ist.«

Der Präsident entblößte sein Haupt, alle folgten seinem Beispiel und erhoben sich; darauf wandte er sich der Statue zu und sagte feierlich:

»Ralph Cunning, der das Werk schuf, dem eine bewundernde Welt den Namen die ›Himmelsbrücke‹ gab, den ein zu früher Tod daran hinderte, uns noch größere Wunder seines mächtigen Genies zu schenken – jetzt ziehe ich die Verhüllung von deinem Angesicht, das ein Künstler wiedererschaffen hat, so daß es von neuem über uns leuchtet, und bitte dich, aus der ewigen Ferne einen Blick auf das Werk zu werfen, das hier durch deine Mittel, in deinem Namen und von deinem Namensträger geschaffen worden ist.«

Hopkins trat heran und reichte dem Präsidenten die Schnur, während die Photographen ihre Apparate einstellten.

Der Präsident zog an der Schnur, die Leinwand löste sich und glitt von dem Sockel herab.

Und dort stand in dunkler Bronze die Statue von Ralph Cunning, wie der Bildhauer sie nach den wenigen Porträts geformt hatte, die noch von ihm existierten. Der junge Ralph Cunning hatte dem Künstler für die Gestalt Modell gestanden; der berühmte Ingenieur stand dort in der Haltung, die der junge Ralph einzunehmen pflegte, mit leicht gespreizten Beinen, aufrecht und elastisch, den energischen, nachdenklichen Kopf in den Nacken geworfen, als ob er weithin über die Himmelsbrücke blickte, die er zu bauen im Begriff war. Der Präsident schwang seinen Hut und rief:

»Möge Ralph Cunnings Andenken ewig unter uns leben! – Hoch!«

Die Gesellschaft, die sich der Rednertribüne genähert hatte, um besser zu sehen, rief hoch, und die Zuschauer auf der anderen Seite der Buchsbaumhecke, sogar die Arbeiterdeputation, gab ihren Beifall zu erkennen.

Als der Präsident von der Rednertribüne herabstieg, applaudierten die Gäste, die sich um ihn drängten.

Ralph drückte ihm schweigend die Hand.

Eleanor drängte sich neben ihn und sagte mit munteren Augen:

»Das war eine geschickte Rede, Herr Präsident.«

Der Präsident begab sich lächelnd und nickend zum Springbrunnen, und die Gäste vergaßen die Statue zu betrachten, indem sie sich um ihn scharten, um ihm die Hand zu drücken und Komplimente zu sagen.

Oanda trat vor die Statue und betrachtete in tiefen Gedanken das Bild ihres Vaters. Sie hatte noch nie ein Bild von ihm gesehen, und die Aehnlichkeit mit ihm, der seinen Namen trug, bewegte sie tief.

Hinter der Hecke blickten die Arbeiter und die Leute aus der Stadt neugierig nach ihr; man flüsterte von ihr, dieser und jener hielt eine »Evening News« in der Hand und verglich sie mit dem Bild in der Zeitung.

Da rief eine kräftige Stimme:

»Die Prinzessin lebe hoch!«

Tonny schwang seinen Hut und rief: »Hurra!«

Mehrere fielen ein und schließlich erklangen die Hochrufe von beiden Seiten der Hecke.

Der Präsident sah sich erstaunt um. Er begegnete Oandas Blick, wie sie dort stand, halb verlegen, halb froh bewegt, mit Tränen in den Augen und der Sonne auf ihrem flammenden Haar, das unter dem flachen Strohhut in Stirn und Schläfen flutete. Sie vergaß ganz den Mann zu grüßen, mit dem ihre Gedanken sich so lange beschäftigt hatten, und den sie endlich mit eigenen Augen zu sehen bekam. Sie fand, daß er freundlich und stark und klug aussah, und dennoch konnte sie gar nicht begreifen, daß er wirklich der Präsident sei.

Die Photographen benutzten die Gelegenheit, um eine Aufnahme von ihr zu machen, die Journalisten starrten sie interessiert an, sie aber schien nichts von dem zu bemerken, was um sie herum vorging.

Advokat Tillny näherte sich jetzt dem Präsidenten und sagte:

»Erlauben Sie, Herr Präsident, das junge Mädchen dort, das man die Prinzessin nennt, ist diejenige, die von Van Zantens Insel gekommen ist, um die Begnadigung des armen Kulis aus Manila zu erbitten.«

»Aha!« Der Präsident blickte zu seinem Sekretär hinüber, der sich eilfertig näherte.

»Ich habe in ihrem Namen ein Gesuch eingereicht,« fügte Tillny hinzu.

Der Sekretär beugte sich vor und sagte:

»Ich habe die Sache weitergegeben, Herr Advokat.«

Der Präsident blickte unverwandt auf die Augen mit dem merkwürdig leuchtenden Blick, deren Farbe er von weitem nicht erkennen konnte.

»Erlauben Sie, daß ich sie Ihnen vorstelle?«

Der Präsident nickte, ohne seinen Blick von ihr zu verwenden.

Tillny eilte auf Oanda zu, faßte ihre Hand und zog sie mit sich.

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