Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Laurids Bruun: Oanda - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleOanda
publisherGyldendal'scher Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080110
projectid3adcebb3
Schließen

Navigation:

III.

Aus der Ferne ertönte eine Automobilhupe. Ralph horchte und ging zur Fuchsbaumhecke, um besser zu hören. Jetzt erklang sie wieder, näher als vorher, und kurz darauf mehrmals hintereinander.

»Jetzt fährt er durch die Arbeiterstadt!« sagte Fielding, und trat neben Ralph.

Das Gespräch stockte. Mehrere Herren waren Ralph und Fielding neugierig gefolgt, um besser zu sehen.

»Von hier können Sie das Auto nicht sehen,« sagte Ralph etwas gereizt, »ich warte nur darauf, daß die Flagge hochgehen soll.«

»Da ist sie!« sagte Fielding.

Die mächtige Stars und Stripes ging auf dem Hauptgebäude der Fabrik in die Höhe. Es war die einzige Flaggenstange, die bisher leer gestanden hatte, und im nächsten Augenblick stimmte ein Blasorchester die Nationalhymne an.

Ohne ein Wort zu sagen, begaben Ralph und Fielding sich zum Wintergarten. Als sie an dem Pfarrer vorbeigingen, der an der Tür stand, sah dieser fragend auf. Ralph nickte kurz, und Goodwill schloß sich ihnen strahlend an.

Die Gesellschaft verstreute sich über die Terrasse. Einige reckten die Hälse, andere nestelten diskret an ihrer Toilette und legten ihr Gesicht in verbindliche Falten. Auch Eleanor hatte sich erhoben; ihre Augen fielen auf die Zeitung mit Oandas Porträt, und ohne es sich selbst klar zu machen, sammelte sie die Exemplare zusammen, die überall herumlagen, und legte sie im Wintergarten hinter einen großen der Pflanzenkübel, wo sie niemand sehen konnte.

Gleich darauf ertönten taktfeste Hochrufe von der Einfahrt, wo die Arbeiter versammelt standen, um den Präsidenten zu empfangen. Eleanor konnte durch die offenstehenden Glastüren sehen, wie das große Automobil vor der Flügeltür hielt, wo Ralph zum Empfang stand, hinter ihm Fielding und Goodwill.

Sie kehrte zur Terrasse zurück und sagte:

»Er kommt!«

Alles erhob sich erwartungsvoll. Jetzt hörte man aus dem Wintergarten eine laute, redegewandte Stimme mit kräftigem Metallklang, ein kurzes harmonisches Auflachen, und gleich darauf stand eine mittelgroße, elastische Gestalt mit breiten Schultern, einem hochgetragenen Kopf, einem Lächeln, das zwei solide Zahnreihen entblößte, und einem kalt musternden Blick in den blauen Augen, in der Tür.

Es war Präsident Jackson.

Der Präsident begrüßte Frau Fennimore wie einen guten, alten Bekannten, ihren Sohn etwas zurückhaltender, und darauf von der übrigen Gesellschaft, wen er persönlich kannte.

Inzwischen strömten Arbeiter und Leute aus der Stadt vor der Buchsbaumhecke zusammen. Die Tribüne auf dem Lagerplatz wurde gestürmt. Alle möglichen Leute waren hergekommen, um der Enthüllung des berühmten Sohnes der Stadt beizuwohnen, doch waren die Arbeiter der Fabrik, mit ihren sonntäglich gekleideten Frauen und Kindern, in der Mehrzahl und hatten die vordersten und besten Plätze besetzt.

Hopkins kam aus dem Wintergarten mit einem Haufen Pressevertretern und Photographen, die vom Bahnhof gekommen waren. Er führte sie längs der Buchsbaumhecke zu einigen kleinen Tischen, die ihnen rechts von Ralphs Statue reserviert waren.

Nachdem der Präsident seine persönlichen Bekannten begrüßt hatte, nahm Ralph Eleanor bei der Hand und führte sie ihm zu.

»Herr Präsident,« sagte er, »darf ich Ihnen Fräulein Eleanor d'Acosta aus Alabama vorstellen?«

Der Präsident sah mit einem munter verständnisvollen Blick von ihr zu Ralph, drückte ihr herzlich die Hand und sagte:

»Ich habe so viel Gutes von Ihnen gehört, gnädiges Fräulein, daß ich schon von vornherein Ihr Freund bin.«

»Und ich der Ihre,« lachte Eleanor.

»Wie geht es dem Minenkönig?«

»Danke, meinem Vater geht es gut.«

»Das freut mich. Das letzte Mal, als ich ihn sah, war er auf der Ausstellung in St. Louis.«

»Sie waren zusammen in der Jury,« nickte Eleanor,

»Ganz recht! Ach ja, das ist jetzt schon manches Jahr her. Grüßen Sie ihn von mir, wenn Sie schreiben.«

Der Advokat und seine Frau hatten sich genähert. Der Präsident bemerkte, daß sie vorgestellt zu werden wünschten, und sah Ralph auffordernd an,

»Advokat Tillny und Frau!« sagte Ralph kurz und formell, »Frau Tillny ist Vorsitzende des Frauenstimmrechtsvereins hier in der Stadt.«

Der Präsident gab ihr die Hand und sagte verbindlich:

»Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, gnädige Frau. Ich habe Ihre Tätigkeit mit Interesse verfolgt.«

Frau Adelaide errötete und sagte geehrt:

»Vielen Dank, Herr Präsident! Ja, ich darf wohl sagen, daß hier in der Stadt für die große Wohlfahrtssache der Frauen ehrliche und bedeutende Arbeit geleistet wird, sowohl in Rede wie in Schrift.«

»Gestatten Sie mir,« unterbrach Tillny sie sanft, »Ihnen meine große Bewunderung auszusprechen, die ich für den ersten Redner des Staates hege.«

»Zu viel Ehre!« Der Präsident neigte den Kopf und fragte nach einem hastig forschenden Blick: »Selbst Politiker?«

»Nicht aktiv, Herr Präsident.«

Fielding, der herangetreten war, als Tillny vorgestellt wurde, sagte munter:

»Politisch interessiert ist das richtige Wort, nicht wahr, Herr Advokat?«

»Soweit mein Beruf es erlaubt und mit sich bringt,« antwortete Tillny mit einem zurückweisenden Lächeln.

Ralph erwartete mit Ungeduld, daß er seinen Vormund unter vier Augen sprechen konnte.

Der Präsident verstand ihn, zeigte auf die Springbrunnenanlage und sagte:

»Das alles ist neu, seit ich das letzte Mal hier war.«

Er ging auf den runden Platz zu, Ralph an seiner Seite,

»Prachtvoll! Wenn ich an die alte Rinne denke, wo Ihr Vater und ich als Knaben spielten.«

»Ja, das alles ist neu. Und die Statuen dort,« – Ralph drehte sich um und zeigte auf die Hecke – »die Apostel der Stahlindustrie mit Bessemer in der Mitte.«

Der Präsident blickte dorthin.

»Ich habe bereits in den Zeitungen darüber gelesen.« Er benutzte die Gelegenheit, um das Publikum zu mustern. »Die Leute sehen etwas mißmutig aus,« sagte er vertraulich, »wie ist die Stimmung?«

Ralph antwortete nach kurzer Ueberlegung:

»Es ist keine Empfehlung für Sie, daß Sie mein Freund sind.«

»Warum nicht?«

»Meine Dagos sind aufgehetzt worden. Sie haben einen Fachverein gebildet und wollen morgen die Arbeit niederlegen.«

Der Präsident blickte hastig auf.

»Das jetzt vor dem Fest?«

Ralph nickte ernst.

»Sie benutzten die Gelegenheit und stellten mir vor einer halben Stunde ihre Bedingungen.«

»Sie wissen doch,« sagte der Präsident scharf, »daß die Fabrikstädte in diesem Staat für die Wahl entscheidend sein werden?«

»Ja.«

Der Präsident wandte seinen Blick von den vielen neugierigen Gesichtern ab und ging weiter, indem er über den Park sah, als ob von dem die Rede sei.

»Sie schrieben,« sagte er schnell und geschäftsmäßig, »daß die Arbeiter politisch interesselos seien; hätten Sie nicht mit ihnen verhandeln können?«

»Das war auch meine Absicht, aber jemand ist mir zuvorgekommen, um Sie durch mich zu treffen, oder umgekehrt, das weiß ich nicht. Jedenfalls konnte ich nichts anderes tun, als Gewalt gebrauchen.«

»Gegen wen?«

»Gegen einige entlassene Arbeiter.«

»Und wer steht hinter ihnen?«

»Ich glaube, daß Advokat Tillny einen Finger mit im Spiel hat.«

»Im Interesse des Trusts?«

»Ich habe die Spur bisher noch nicht finden können. Offenkundige politische Verbindungen hat er nicht, und die Frauenstimmrecht-Interessen seiner Frau fordern, daß er sich neutral verhält. Irgend etwas aber ist im Gange, und ich denke, daß wir es noch vor Abend erfahren werden.«

Der Präsident runzelte die Brauen. »Es wird eine schwierige Festrede werden!« sagte er.

»Ja,« sagte Ralph ernst, »Sie dürfen nicht zuviel über meine Verdienste sagen.«

Sie waren um den Springbrunnen herumgegangen. Indem sie sich der Gesellschaft von der anderen Seite näherten, drückte das Gesicht des Präsidenten wieder eitel Wohlwollen aus.

Weder Ralph noch der Präsident hatten bemerkt, daß mehrere Arbeiter sich durch die Platanenallee herangedrängt hatten.

Niemand schien sie überhaupt bemerkt zu haben, außer Advokat Tillny, der jetzt auf sie zueilte.

Nachdem er einige Worte mit ihnen gewechselt hatte, knöpfte er seinen Rock, hob die Schultern und ging mit festen, fast feierlichen Schritten auf den Präsidenten zu, der gerade überlegte, ob er irgendeinen aus der Gesellschaft, mit Rücksicht auf die Wahl, durch eine Anrede beehren sollte.

Ralph blickte auf, und sofort war es ihm klar, daß etwas Ernstes im Anzuge sei. Er sah jetzt die Arbeiter, die bei der Rednertribüne stehen geblieben waren; es waren Pat und Tonny und noch einige, die früher nicht dabei gewesen waren.

»Herr Präsident,« begann der Advokat, »der Vertrauensmann der Arbeiter hat mich gebeten, in einer Sache ihr Fürsprecher zu sein, die den Arbeitern sehr am Herzen liegt. Wollen Sie mich anhören, Herr Präsident?«

Das Lächeln auf dem Gesicht des Präsidenten erstarrte. Er zögerte einen Augenblick und warf einen prüfenden Blick auf die Arbeiter, die die Augen auf ihn gerichtet hielten, ernst, fast drohend, wie ihm schien.

»Eine öffentliche Angelegenheit?« fragte er.

»Ja.«

Darauf wandte er sich an Ralph und fragte höflich:

»Wenn unser Wirt es gestattet?«

Ralph versuchte seinen Unwillen zu verbergen; er sah Tillny fest in die Augen und sagte:

»Das steht nicht auf dem Programm, Herr Advokat.«

»Ich weiß es, Herr Cunning,« antwortete Tillny mit Würde. »Aber die Zeit des Präsidenten ist kostbar.« Er sah auf seine Uhr und fügte hinzu: »Das Fest soll um vier Uhr beginnen, und es fehlen noch zwanzig Minuten.«

Ralph verglich die Zeit mit seiner Uhr und sagte nach kurzem Zögern:

»Wenn der Präsident es wünscht?«

»Gut!« Der Präsident machte eine zustimmende Handbewegung. »Nutzen wir die Zeit aus. Ich bin bereit, Sie zu hören.«

Letzteres sagte er so laut, daß alle es hören konnten. Es war an die Wähler gerichtet, und die Wähler quittierten dadurch, daß sie zusammenrückten und die Hälse reckten, während die Vertrauensmänner an der Rednertribüne in gespannter Erwartung nähertraten, damit ihnen kein Wort entginge.

Der Reisesekretär des Präsidenten, ein junger, magerer Mann mit einer goldenen Brille, hatte sich bescheiden im Hintergrund gehalten, abwartend, daß man ihn brauchte. Jetzt machte der Präsident ihm ein Zeichen, er eilte an seine Seite und zog Blockbuch und Tintenstift aus der Tasche, um zu stenographieren, was der Advokat sagen würde.

Tillny sah es und sagte mit einem beruhigenden Lächeln zum Präsidenten und zum Sekretär:

»Ich werde mich so kurz wie möglich fassen.«

Die Journalisten, die leise zusammen gesprochen hatten, wandten sich jetzt ihren Tischen zu und hielten sich bereit.

Der Advokat drehte sich halb um, damit auch das Publikum auf der anderen Seite der Hecke seine Rede hören konnte, und begann mit lauter, deutlicher Stimme, als ob er vor der Schranke stände:

»Herr Präsident! In dem Kreise von ehrenwerten und tüchtigen Arbeitern, die Sie hier vor sich sehen, sowie auch zwischen den Millionen von Arbeitern in den Vereinigten Staaten, gibt es Menschen, denen der Segen des Familienlebens nicht vergönnt ist, weil die Grundlage fehlt. Ich meine, daß die Bedingungen, die die Gesetze an die Gültigkeit der Ehe stellen, nicht mehr der Zeit entsprechen. Mancher gesetzestreue Bürger sieht sich vor die Wahl gestellt, entweder auf das häusliche Glück zu verzichten, worauf doch der moderne Staat beruht, oder sich auf ein Zusammenleben einzulassen, das vom Gesetz nicht anerkannt wird, ein Zusammenleben, ohne gesetzmäßige Trauung und dadurch ohne Recht für die Kinder, ohne Recht auf Unterstützung in Not und Krankheit, Ich meine die Fälle, und davon gibt es tausende, wo die Frau von ihrem Mann verlassen worden ist und einem anderen nicht angetraut werden kann, weil es ihr nicht möglich ist zu beweisen, daß ihr angetrauter Mann nicht mehr am Leben ist. Tausende von Männern ziehen jährlich nach Westen, Norden und Süden, um als Minenarbeiter, Goldgräber bessere Lebensbedingungen zu suchen. Es ist ihre Absicht, ihrer Familie Geld zu schicken und sie später nachkommen zu lassen. Die Zeit vergeht, Geld und Briefe werden seltener und seltener, schließlich bleiben sie ganz aus. Und die Frau, die außerstande ist, selbst Nachforschungen anzustellen, geschweige denn ihren Mann aufzusuchen, versöhnt sich schließlich mit dem Gedanken, daß er wie ein Held auf dem Felde der Pioniere gefallen ist. Da lernt sie einen anderen kennen, sie möchte ihren Kindern einen Vater geben, doch kann sie nicht die nötigen Beweise schaffen, sie kann also nicht getraut werden. Und der Mann, der sie liebt, kann ihr nicht das Heim geben, das sie beide erstreben. Nicht, ohne daß sie die Gesetze umgehen – und das Gesetz wird umgangen.

Herr Präsident! Die Arbeiter dieser Stadt haben beschlossen, für ihre Genossen im ganzen Lande zu handeln. Sie wollen Sie bitten, Herr Präsident, diesem Zustand abzuhelfen, sofern Sie durch die Wahl der hohen Stellung, die Sie jetzt so würdig ausfüllen, erhalten bleiben. Sie bitten Sie, einen Gesetzentwurf anzunehmen, wodurch ihr Recht, eine Familie zu stiften, ihr Menschenrecht auf ein ruhiges, häusliches Glück, gesichert wird. Ein Gesetz, das festlegt, daß jedes Zusammenleben mit ehelichem Charakter rechtlich als vollgültige Ehe anerkannt werden soll, sofern nachgewiesen werden kann, daß nur Gründe formaler Natur die Trauung unmöglich gemacht haben, mit anderen Worten, daß auch in diesem Fall höhere Gewalt entbindet, laut der alten römischen Rechtsregel, daß über sein Vermögen hinaus kein Mensch verpflichtet werden kann.«

Der Advokat machte dem Präsidenten eine Verbeugung, als Zeichen, daß er fertig sei. Darauf wandte er sich zu den Arbeitern um. Eine tiefe Baßstimme rief von der Tribüne: »Gut gesprochen, alter Knabe!«, und der Beifall brach los,

Tillny grüßte und nickte.

Der Präsident sah ein, daß man ihn in eine schwierige Lage gebracht habe; doch bewahrte er sein Lächeln, hob die Hand, als Zeichen, daß er sprechen wolle, und sagte:

»Herr Advokat, meine Mitbürger und Freunde! Sie alle werden begreifen, daß ich nicht stehenden Fußes zu dieser Frage Stellung nehmen kann –«

Während er sprach, bewachten die scharfen Augen in seinem lächelnden Gesicht den Ausdruck der vielköpfigen Menge, die ihn anstarrte. Er fühlte, daß seine Worte tot zu Boden fielen und schlug gleich einen anderen Weg ein.

»Sie wissen, meine Freunde,« sagte er eindringlich, »daß es nicht in der Macht des Präsidenten liegt –«

Da rief ein Wähler mit tiefer Baßstimme:

»Wollen Sie – oder wollen Sie nicht?«

»– etwas zu versprechen,« fuhr er mit erhobener Stimme fort, »dessen Erfüllung von der gesetzgebenden Versammlung abhängt ...«

»Keine Ausflüchte!« erklang es vom anderen Ende der Tribüne, und die erste Stimme wiederholte:

»Wollen Sie – oder wollen Sie nicht?«

Der Präsident suchte den Schreier, um ihn durch seinen Blick zu lähmen, der Mann aber hatte sich gleich nach seinen Worten geduckt.

»Das aber kann ich Ihnen versichern,« rief der Präsident und schlug nachdrücklich mit seiner Hand aus, »daß ich mit denen fühle, denen durch die Verhältnisse das Familienglück versagt ist, nach dem wir alle streben, weil es das schönste ist, was das Leben zu bieten hat.«

»Wollen Sie – oder wollen Sie nicht?« ließ der Baß sich wieder hören.

Der Präsident merkte jetzt, daß er einem planmäßigen Angriff ausgesetzt war und faßte sofort einen Entschluß. Er kehrte sich dem Publikum ganz zu und schleuderte mit verdoppelter Kraft heraus, als ob er auf einer Wahltribüne stehe:

»Und das kann ich Ihnen versichern, daß ich so innig wie Sie wünsche, daß dieses Gesetz geändert wird.«

Aus Rücksicht auf die Presse, die dasaß und jedes seiner Worte festnagelte, um sie am nächsten Morgen der gesamten Presse in den Vereinigten Staaten auszuliefern, versuchte er einen Vorbehalt einzuschmuggeln. Zuerst fügte er mit bewegter Stimme hinzu:

»Wie jeder gerecht denkende Mensch empfinden muß.«

Und darauf in einem gottergebenen Ton – er kannte ja die Unbarmherzigkeit des Lebens:

»Soweit es in meiner Macht steht!«

Sofort aber ertönte wieder der Baß:

»Wollen Sie – oder wollen Sie nicht?«

Diesmal wurde der Ruf auch von anderen aufgenommen, bis die Worte dem Präsidenten wie Steinwürfe entgegenkam: »Wollen Sie – oder wollen Sie nicht?«

Es gab keinen Ausweg für ihn. Also gut: mit vollem Dampf voran, das Risiko laufen und sehen, was man dabei gewinnen konnte!

Er machte einen Schritt vorwärts und rief mit Wärme in seiner klangvollen Stimme:

»Also, Mitbürger und Freunde! Ich verspreche euch, daß ich den Antrag, den der Advokat in eurem Namen ausgesprochen hat, dem Hause vorlegen und meine beste Stütze angedeihen lassen will, falls ich als Präsident wiedergewählt werde!«

»Hört! – Hört!« Der Beifall strömte ihm entgegen.

Bevor er sich noch ganz gelegt hatte, wandte der Präsident sich an seinen Sekretär und sagte so laut, daß alle es hören konnten:

»Herr Sekretär, wollen Sie dafür sorgen, daß an rechter Stelle und zur rechten Zeit für diese wichtige Sache getan wird, was getan werden kann!«

Wieder brach der Beifall los! Jetzt aber wandte der Advokat sich ans Volk und rief mit Nachdruck:

»Arbeiter, laßt uns alsdann für dieses Versprechen dem Präsidenten bezeugen, daß wir seine Wahl mit besten Wünschen begleiten, Präsident Henry Jackson lebe hoch!«

»Hoch! – hoch! – hoch!« Es wurde mit Hüten und Mützen geschwenkt, und auf die mahnenden Blicke des Advokaten schloß sich auch die Gesellschaft auf der Terrasse der Huldigung an.

Der Präsident nickte und lächelte:

»Ich danke Ihnen, Herr Advokat,« sagte er, drückte ihm die Hand und rief zum Volke hinaus:

»Dank – herzlichen Dank!«

Der Präsident meinte, daß es das Beste sei, die günstige Stimmung gleich auszunutzen. Er schlug Ralph auf die Schulter und sagte:

»Und jetzt zur Tagesordnung! Es ist gewiß Zeit.«

Sie sahen beide auf ihre Uhr, und im selben Augenblick schlug die große Turmuhr der Fabrik vier.

»Auf den Glockenschlag!« sagte der Präsident und klappte seinen Uhrdeckel mit einem Knall zu.

Das Publikum setzte sich von neuem erwartungsvoll zurecht. Der Sekretär, der nach der Rede des Präsidenten an die Mitglieder der Arbeiterdeputation herangetreten war, um ihre Namen und Adressen zu notieren, drückte jedem einzelnen die Hand und zog sich darauf zurück.

Hopkins kam mit hocherhobenen Brauen vom Wintergarten; zwei Diener folgten ihm auf den Fersen. Er wollte nachsehen, ob die Rednertribüne und sonst alles in Ordnung sei. Auf dem Wege drängte er die Arbeiterdeputation höflich, aber bestimmt wieder in die Allee zurück. Er untersuchte, ob der Enthüllungsapparat funktionierte, forderte einige Journalisten auf, ihren Tisch etwas weiter zurückzurücken, damit das Sackleinen, wenn es zurückglitt, sie nicht träfe; er beauftragte seine Diener, den Photographen bei der Aufstellung der Apparate zu helfen, und zog sich darauf mit einem letzten Feldherrnblick ebenso feierlich zurück, wie er gekommen war.

Indessen hatte Ralphs Gesellschaft sich zwischen dem Wintergarten und dem Springbrunnen gruppiert, wo die Diener für die Damen Stühle in einem Halbkreis bereitgestellt hatten.

Nachdem alle Platz genommen hatten, führte Ralph den Präsidenten zur Rednertribüne. Der Präsident stieg die Stufen hinauf, zog sein Taschentuch heraus und legte es zugleich mit einem kleinen Zettel, den niemand sah, vor sich hin.

Er wartete, bis Ralph zu den Zuhörern zurückgekehrt war, wo er sich hinter Frau Jennimores und Eleanors Stühle stellte.

In dem Augenblick, als der Präsident begann, erblickte Ralph hinter der Rednertribüne Nomura, der sich von der Allee durch das Kontorpersonal einen Weg bahnte. Hinter ihm sah er Oandas Kopf.

Ralph hatte die ganze Zeit erwartet, daß sie kommen würde. Oftmals hatte sein Blick die Zuschauer auf der Tribüne gestreift. Seit jenem Vormittag bei Tillny hatte er sie nicht wieder gesehen; aber jedes Wort ihrer ernsten Unterhaltung lebte in seiner Erinnerung, und sein Herz kam in so heftige Bewegung, daß es ihn quälte und demütigte. Er fühlte ihre Augen auf sich gerichtet und blickte hastig zum Präsidenten hin. Ob Eleanor sie gesehen hatte, dachte er bei sich. An ihrem Kopf oder Rücken, die er gerade vor sich hatte, konnte er keine Anzeichen von Erregung sehen.

 << Kapitel 26  Kapitel 28 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.