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Laurids Bruun: Oanda - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleOanda
publisherGyldendal'scher Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080110
projectid3adcebb3
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V.

Draußen in der Halle begegnete Frau Tillny Oanda, die von ihrem Zimmer herunterkam.

»Liebste, Sie sind es? Guten Morgen!«

Sie küßte ihr mütterlich die Wange und zog sie mit sich ins Wohnzimmer.

»Ich dachte, daß ein Naturkind, wie Sie, frühzeitig aufstehen würde.«

Oanda sah sie erstaunt an.

»Ich bin schon den ganzen Morgen unterwegs gewesen.«

»So ist's recht. Und wo sind Sie denn gewesen, Prinzessin?«

Sie zog sie an den Händen neben sich ins Sofa.

»Ich bin bei Nelly gewesen.«

»Wer ist Nelly?«

»Das ist ja Pats kranke Frau!« sagte Oanda und wunderte sich, wie kurz von Gedächtnis alle Menschen hier waren. – »Ach, Sie sollten Sie auch besuchen!«

»Ich?«

»Es ist dort ja schrecklich schmutzig, und es riecht häßlich, aber man vergißt es, wenn man mit ihr spricht. Und nun ist ja ihr Sohn Jim hier bei uns,« sie fing plötzlich an zu lachen. »Er sieht so komisch aus in einer Jacke, die ihm viel zu kurz ist.«

»Wer?«

»Jim, natürlich.«

Frau Adelaide sah verständnislos auf.

»Wer ist jetzt hier?«

»Jim!« Oanda blickte sie an; vielleicht sieht sie nicht gut, dachte sie – »er steht doch draußen und macht die Tür auf und zu.«

»Ach so, der Kleine! Ich habe gar nicht bemerkt, daß es ein neuer ist, die wechseln immerwährend.«

»Was sehen Sie eigentlich?« fragte Oanda erstaunt, »wenn Sie die Menschen nicht sehen?«

Frau Adelaide warf ihr einen strengen Blick zu; dann aber besann sie sich und sagte:

»Gewiß, das ist ein Fehler, solch kleiner Bursche ist ja auch ein Mensch.«

Sie nahm eine Feder von Oandas Kleid; sie war von Nellys Bettdecke.

»Aber Liebste, wo sind Sie denn gewesen,« fragte sie mißbilligend. »Wo ist eigentlich Ihr Gepäck?«

»Im Hotel.«

»Wir wollen danach telephonieren.« Sie musterte Oandas Kleid und strich die Falten glatt. »Wo ist das gearbeitet?«

»Ich hab' es in St. Franzisko gekauft. Goodwill hat es mit mir besorgt.«

»Der Missionar?« Frau Adelaide lachte herzlich. »Ja, so sieht es aus. Damit können Sie hier nicht gehen. Führte er Sie zu einem großen Magazin und sorgte für Ihre Bekleidung?«

»Ja, es war ein ungeheuer großes Haus mit vielen Fenstern und Spiegeln. Eine ältere Dame führte mich umher, während Goodwill unten wartete.«

Frau Adelaide lachte wieder.

»Wie man sich dort im Magazin wohl amüsiert hat!«

»Warum?«

»Man glaubte natürlich, daß Goodwill Sie entführt habe.«

»Meinen Sie, daß er mich heiraten will?«

»Ja«

»Aber das will ich nicht,« sagte Oanda sehr bestimmt, »ich will Goodwill nicht heiraten.«

»Wartet jemand auf der Insel auf die Prinzessin?« neckte Frau Tillny.

»Alle warten auf mich.«

Frau Adelaide lachte und klopfte ihr die Wange.

»Ich meine ein Liebster, ein Freund!«

Oanda überlegte, »Nein, es ist keiner da, den ich heiraten möchte.«

»Aber wie sitzt ihr Haar wieder, Kleine.« Sie hob es von den Ohren und strich es aus der Stirn. »Hat Goodwill das vielleicht auch arrangiert?«

»Ja. Er führte mich zu einer Dame, die sich nur mit Frisieren beschäftigt. Stellen Sie sich vor, da saß eine ganze Reihe von Damen in großen weißen Mänteln, die sich das Haar waschen und bürsten ließ; einige konnten es ganz abnehmen. Wie das zuging, weiß ich nicht. Sie wollte auch mit einem großen, blanken, glühenden Gegenstand etwas an meinem Haar machen – aber das wollte ich nicht.«

»Ach, seufzte Frau Adelaide, »es gibt noch sehr, sehr viel, liebe Kleine, was Sie lernen müssen, bevor ein zivilisierter Mensch aus Ihnen wird; aber geben Sie mir nur freie Hand, und Sie werden sehen, nach einer Woche gucken alle jungen Herren auf der Straße sich die Augen nach Ihnen aus.«

»Warum tun sie das?«

»Weil sie Sie so hübsch finden und gern mit Ihnen flirten wollen.«

»Was ist flirten?«

»Das ist Lächeln und Locken –« Frau Adelaide ließ ihre Hände in den Schoß sinken. In ihre Augen kam ein eigener Glanz, der strenge Mund wurde weich, und das Lächeln, das zuerst bitter war, wurde wehmutsvoll, indem Erinnerungen in ihr aufstiegen und sie gesprächig machten: »Flirten ist, Dinge sagen, die nichts bedeuten, und doch so viel bedeuten können, daß Sie dabei erröten. Flirten ist, wenn man in den Herzen ein- und ausschlüpft wie Sperlinge in einer Rosenhecke – wenn man Fesseln schlingt, leicht und fein wie von Morgentau gesponnen – plötzlich aber, wenn man meint, daß man gefangen ist, durchbricht man sie mit einem Wort und ist wieder frei – Flirten ist, als ob man Seifenblasen macht, die wie Glück aussehen, aber die ebenso zerbrechlich sind wie das Glück, – als ob man mit Funken auf einem Heuboden spielt, die sich im nächsten Augenblick entzünden können, so daß das ganze Haus in Flammen steht.«

Oanda hatte sie betrachtet, während sie sprach. Sie gefiel ihr besser jetzt als vorhin.

»Warum flirtet man,« fragte sie.

Frau Adelaide seufzte tief, strich sich über die Stirn und war wieder die Alte.

»Beim Spielen sucht man den Richtigen,« sagte sie.

»Ach, das ist wie beim Blumentanz auf unserer Insel, wenn die Jungen sich einen Gefährten suchen.«

»Ja, das ist gewiß etwas Aehnliches.«

Oanda wunderte sich, daß Frau Tillny sich wieder ganz verändert hatte.

»Wie alt sind Sie?« fragte sie.

Frau Tillny lachte nachsichtig und sagte mit einem Seufzer: »So alt, daß ich an diesem Spiel nicht mehr teilnehme.«

»Jetzt sorgen Sie für Ihr Haus, nicht wahr?« fragte Oanda.

»Nein, das besorgt Fräulein Smith – die Dame, die Sie gestern in Ihr Zimmer führte und Ihnen heute morgen die Honneures machte.«

»Was heißt Honneurs machen?«

»Das heißt, an Stelle der Wirtin empfangen.«

»Warum tun Sie das nicht selbst?« Oanda rückte vertraulich näher, »das würde ich an Ihrer Stelle tun. Dann könnte Fräulein Smith ihre Zeit zu etwas Besserem verwenden.« – Sie ließ ihren Blick durchs Zimmer schweifen, während sie überlegte. »Ich finde, hier drüben tun so viele die Arbeit von andern, anstatt ihre eigene. Was tun Sie denn?«

»Ich arbeite für die Selbständigkeit der Frau!« sagte. Frau Adelaide streng und richtete sich auf.

»Ach, erzählen Sie mir davon,« bat Oanda interessiert. »Ist die Frau nicht selbständig?«

»Wie man's nimmt – sie kann kommen und gehen, wie es ihr paßt, sich kleiden und essen –«

»Sie sagten doch vorhin,« unterbrach Oanda, »daß ich nicht mit diesem Kleid gehen könnte.«

»Das ist etwas anderes – das ist etwas, was die Sitte betrifft.«

Damit aber ließ Oanda sich nicht abspeisen. »Ach,« sagte sie ärgerlich, »es gibt so viele Dinge, die man nicht darf.«

»Zum Beispiel, Prinzessin?« Frau Adelaide sah sie lächelnd an.

»Man darf im Park nicht mit einem runden Reifen spielen. Das sagt Ihr Mann.«

Frau Adelaide brach in ein Gelächter aus. »Nein, das ist wahr.«

»Und man darf eine kranke Frau nicht besuchen, wenn sie in einem schmutzigen Haus wohnt und nicht mit ihrem Mann getraut ist.«

»Was ist das für Unsinn?«

»Das hat Goodwill gesagt, als ich bei Nelly war. Und es gibt so viele Dinge, die einen nichts angehen und in die man sich nicht mischen darf, das sagt Goodwill auch.«

»Ja, das ist wahr!« Frau Adelaide machte wieder ein strenges Gesicht. »Die Männer haben eine Menge Regeln aufgesetzt, die wir befolgen müssen, wie sie verlangen. Sie sind Gesetzgeber und Richter und Polizeibeamte. Das wollen wir Frauen ja gerade ändern. Dafür arbeite ich, darum halte ich Versammlungen, auf denen ich rede, und dafür schreibe ich. Wir wollen gleiches Recht für die Männer, nicht nur für unsere eigene Person, sondern auch im Staat. Wir wollen weibliche Gesetzgeber und Richter und Polizeibeamte – ja, es soll auch ein weiblicher Präsident gewählt werden können. Warum sollte ich nicht ebenso gut Präsident sein können wie ein Mann?«

Sie warf den Kopf in den Nacken und sandte Oanda einen fragenden Seitenblick.

Oanda betrachtete sie aufmerksam.

»Ich weiß nicht recht,« – sagte sie zögernd.

Frau Adelaide zog ihren Blick zurück und sagte höhnisch:

»Es kommt gar nicht auf die Klugheit, sondern aufs Geld an.«

Oanda beugte sich vor und fragte ängstlich:

»Ist der Präsident denn nicht der klügste und der beste Mann in den Staaten.«

»Ach, Sie wissen ja gar nichts,« sagte Frau Adelaide ärgerlich und schüttelte den Kopf. »Es ist wirklich zu beschwerlich, Ihnen alles zu erklären. Der Präsident ist derjenige, der es versteht, die verschiedenen Geldinteressen bestens zu vereinigen.«

»Ist das wirklich wahr?« fragte Oanda und sah sie tief enttäuscht an.

»Der Präsident ist natürlich auch klug und gut,« räumte Frau Adelaide ein, »sonst würden die Kapitalisten ja auch nicht mit ihm zufrieden sein.«

Was fehlt mir nur, dachte sie, daß ich hier sitze und all den Unsinn ernst nehme.

»Darauf kommt es aber auch gar nicht an,« fuhr sie fort, »für Frauen gilt es nur, daß sie gleiches Recht mit den Männern bei der Gesetzgebung und in der Regierung bekommen.«

»Dafür bin ich auch,« sagte Oanda und nickte nachdenklich.

»So ist's recht,« – Frau Tillny klopfte ihr die Wange, »Sie sind ein kluger und guter Mensch, das hab ich Ihnen gleich an den Augen angesehen. Sie sollen mich zu meinen Versammlungen begleiten. Und wenn Sie mich reden gehört haben und etwas von den Dingen verstehen – und erst einmal ordentlich gekleidet sind – ich werde die Prinzessin so herausputzen, daß sie unwiderstehlich wird –«

»Was dann?«

»Dann sollen Sie selbst eine Rede halten und dürfen in meiner Zeitschrift schreiben, das ist eine große Ehre.«

»Vielen Dank. Darum bin ich auch hergekommen.«

Frau Adelaide sah sie erstaunt an.

»Deshalb find Sie hergekommen?«

»Herr Tillny hat mir geraten, alles aufzuschreiben, was ich dem Präsidenten sagen will, damit ich nichts vergesse.«

»Sieh mal einer an – Herr Tillny ist gar nicht so töricht – obgleich er ein Mann ist.«

»Sind die Männer hier drüben in Amerika weniger wert als die Frauen?«

»Was meinen Sie selbst?«

Oanda sah sie an und verglich sie mit dem Advokaten. Sie dachte an Ralph und die schöne Eleanor; aber da war ja auch noch Pat und Nelly.

»Das weiß ich noch nicht recht,« sagte sie zögernd, »aber oben auf meinem Zimmer habe ich nichts zum Schreiben, darum kam ich herunter.«

Frau Adelaide ging zu ihrem Schreibtisch und zog eine Schublade heraus.

»Hier, meine Kleine,« sagte sie, »ist ein ganzes Buch und Löschpapier und eine Feder. Ich werde den Jungen damit zu Ihnen hinaufschicken.«

»Jim?«

»Heißt er Jim?«

Sie ging an den Tisch, um zu klingeln.

»Aber warum?« sagte Oanda erstaunt, »ich kann es doch selbst mitnehmen.«

»Dazu sind die Dienstboten da,« sagte Frau Tillny belehrend. »Was sollten die sonst tun?«

»Darüber habe ich auch schon nachgedacht.« Oanda erhob sich interessiert. »Was tun sie eigentlich alle?«

Sie betrachtete Frau Adelaidens feinen weißen Hände.

»Kochen Sie auch nicht selbst?« fragte sie.

»Ich?« Frau Adelaide schüttelte den Kopf und blickte zur Decke, »Kind, Sie haben noch viel zu lernen!«

Jetzt schlug eine Uhr halb, Frau Tillny sah auf ihre Armbanduhr und verglich.

»Ich muß mich beeilen,« sagte sie, »ich habe um zwölf eine Sitzung und muß mich erst umkleiden. Schreiben Sie indessen oben auf Ihrem Zimmer; wenn Sie den Gong hören, kommen Sie zum Frühstück herunter, und wenn wir gegessen haben, fahre ich wieder aus. Dann werde ich eine Dame aus einem Modemagazin mitbringen, die Maß von Ihnen nehmen und Sie wegen Ihrer Aussteuer beraten kann. Auf Wiedersehen.«

Sie klopfte Oandas Wange, nickte ihr mit einem mütterlichen Lächeln zu und ging hinaus.

Oanda blieb in Gedanken versunken stehen. Dann trat sie ans Fenster und blickte über den Park, bis ihre Augen sich mit Tränen füllten. Hinter den herbstlich bunten Baumkronen sah sie ihre heimatliche Insel, den Garten mit dem schrägstehenden Kokosstamm und dem errötenden Bougainville über dem runden Tisch, und ihre Mutter, die ihre Hände über den Webstuhl streckte, während sie mit ihren blinden Augen in die Welt blickte.

Da wurde an die Tür geklopft. Oanda trocknete ihre Augen und sah sich um.

Es klopfte wieder, Oanda sagte: »Herein« – und Jim stand in der Tür.

»Ach Sie sind es,« rief er erleichtert, trat näher und schloß die Tür hinter sich.

»Hören Sie mal,« sagte er vertraulich. »Können Sie mir nicht sagen, was ich machen soll?«

Oanda sah ihn erstaunt an.

»Was ist denn los?«

Jim trat ganz dicht an sie heran und flüsterte:

»Herr Cunning ist draußen und hat nach dem Advokaten gefragt. Hier ist seine Karte. Herr Tillny aber hat mir gesagt, daß ich ihn nicht stören soll.«

Oanda wurde ganz rot vor Bewegung.

»Lassen Sie mich,« sagte sie. Ging schnell an ihm vorbei und öffnete die Tür zur Halle.

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