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Laurids Bruun: Oanda - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleOanda
publisherGyldendal'scher Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080110
projectid3adcebb3
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II.

Als Oanda durch den Park zurückfuhr, war das Wetter schön und klar geworden. Durch die herbstgoldenen Baumkronen fiel das Licht in zitternden Sonnenflächen über die breiten Alleen, wo üppige Ammen mit geputzten Kindern gingen, und elegant gekleidete Leute mit den Händen auf dem Rücken auf und ab spazierten, als gäbe es keine Not in hohen, düsteren Häusern und keinen Kampf gegen die Dunkelheit in ihrem eigenen Gemüt.

Plötzlich hielt das Auto. Advokat Tillny stand in der Allee, die Backenfalten zu lächelndem Wohlwollen gerundet und winkte ihr zu. Er war auf dem Nachhauseweg und stieg zu ihr in den Wagen.

»Wie ging es der armen Frau heute,« fragte er.

»Sie hat die ganze Nacht geschlafen,« sagte Oanda.

»Ich kann Sie durch die Nachricht erfreuen, daß für ihre Zukunft bereits gesorgt ist. Ich habe eben angeordnet, daß die Familie in das neue Viertel vor der Stadt, wo es Licht und Luft genug gibt, hinausziehen kann. Eine Schwester vom weißen Kreuz wird sie und das Kind pflegen, und eine Frau aus dem Nachbarhaus soll die Wohnung versorgen und Essen kochen. Was sagen Sie nun?«

»Tausend Dank!« jubelte sie und lachte ihm zu.

Der Advokat genoß ihre Freude und fügte hinzu:

»Ihr Mann bekommt in den nächsten Tagen Arbeit.«

»Und die Kinder?«

»Sind eben bei mir gewesen. Er ist ein aufgeweckter Junge, ich werde ihn in meinem Empfangszimmer verwenden; das Mädchen ist ein frisches Ding mit munteren Augen. Ich telefonierte beim Edentheater an, wo mehrere hundert junge Mädchen für die neue große Pantomime ›Das glückliche Land‹ gebraucht werden – darin soll sie ein Blumengeist sein und bekommt fünfundzwanzig Dollar im Monat. Na, sind Sie zufrieden mit mir?«

»Sehen Sie nur!« Oanda beugte sich aus dem Wagenfenster; einige Kinder spielten mit großen elastischen Metallreifen, die in der Sonne blitzten.

»Das möchte ich auch.«

»Möchten Sie mit so einem Reifen hier in dem Park laufen?«

»Ja,« nickte sie eifrig, »Sie nicht?«

»Das schickt sich nicht,« lachte der Advokat, »das ist nur für Kinder.«

Darauf zog er seine Gesichtsfalten stramm und sagte würdig:

»Erwachsene Menschen haben an ernsthaftere Dinge zu denken.«

Oanda zog den Kopf zurück und seufzte, sie konnte die Kinder nicht mehr sehen. Sie saß einen Augenblick nachdenklich mit ernsten Augen, dann fragte sie:

»Fielding sagte gestern, daß ich nichts erreichen könnte. Was meinte er damit?«

Der Advokat überlegte einen Augenblick, bevor er antwortete.

»Er meinte, daß Sie keine Stellung, keinen Namen haben. Nur die Führenden können etwas erreichen; aber er hat Unrecht, denn was haben Sie nicht schon alles erreicht? – Wären Sie gestern nicht bei Cunning gewesen, dann hätte man die Entlassung der drei Arbeiter mit einem Achselzucken abgetan, und der Teufel hätte sich um die kranke Frau geschert.«

Oanda sah traurig zu ihm auf. In der Sonne ging so viel Glanz von ihrem flammenden Haar, von der warmen Färbung ihrer Wangen, von ihren tiefen, meerblauen Augen aus, daß ihm einfiel, ihr Name bedeute »Die Leuchtende«, wie Goodwill gesagt hatte.

»Ach, nein,« sagte sie, »ich glaube nicht, daß er so ist.«

»Wer?«

»Er, der den Namen meines Vaters trägt.«

»Warum glauben Sie es nicht?«

»Ich glaube, daß er ein gutes Herz hat.«

Der Advokat dachte sich sein Teil dabei und betrachtete sie verstohlen, während sie das Getriebe draußen auf der Straße beobachtete. Dann berührte er ihren Arm und sagte:

»Ich habe Ihnen versprochen, Prinzessin, mich Ihres Chinesen anzunehmen. Wie hieß er doch noch?«

»Tsing-Kai,« sagte sie und wandte sich ihm dankbar zu.

»Richtig, Tsing-Kai. Wollen Sie mir auch erlauben, mich Ihrer eigenen Sache anzunehmen, die so viel wichtiger ist?«

»Welcher Sache?«

»Ihrer Mutter die Rechte einer gesetzlich getrauten Gattin zu verschaffen,« sagte er langsam und mit Nachdruck, »und Ihnen Ihre Rechte als Kind und Erbin.«

Oandas Gesicht leuchtete auf.

»Bekomme ich dann den Namen meines Vaters?«

»Ja – und den Namen eines großen Mannes – wenn es glückt.«

»Und Nelly – wollen Sie sich auch ihrer Sache annehmen?«

»Nelly?« Der Advokat suchte in seinem Gedächtnis, »wer ist Nelly?«

Oanda sah ihn erstaunt an.

»Das ist doch Pats kranke Frau, die auch nicht mit ihrem Mann getraut ist.«

»Ach so,« – er überlegte einen Augenblick, »ich werde mit ihrem Mann darüber sprechen.«

Darauf nahm er ihre Hand und sagte väterlich:

»Sind Sie jetzt froh? – Sie sind so hübsch, wenn Ihr Gesicht strahlt.«

Oanda aber wurde plötzlich ernst. Sie zog ihre Hand zurück und sagte:

»Nein, ich bin nicht froh.«

»Was fehlt Ihnen denn?«

»Ach, ich habe noch so viele Wünsche.«

Sie faltete die Hände über der Brust, während sie überlegte, und fragte dann:

»Das, was Ihr Gesetz nennt, entsteht das in dem Herzen des Präsidenten, der über alle herrscht?«

»Das nun gerade nicht« – Tillny lächelte vor sich hin, »der Senat und die Volksvertretung haben auch etwas zu sagen.«

»Aber er ist doch der Oberste – und Sie haben versprochen, mich zu ihm zu führen.«

»Ja, freilich.«

»Wie soll ich ihm nur alles sagen?«

»Ist es denn so viel?«

»Ich weiß selbst noch nicht, wie viel es ist. Es wird mit jedem Tag mehr.«

»Was wollen Sie ihm eigentlich sagen?«

Oanda zögerte einen Augenblick, während sie ihn prüfend ansah. Darauf sagte sie, und ihre Stimme bekam einen tief vertraulichen Klang:

»Ich will ihm erzählen, daß zu Hause auf meiner Insel das Licht überall ist; es scheint in den Herzen aller; hier drüben in der Welt aber kann man es vor der toten Dunkelheit nicht erkennen.«

Tillny schwieg; er war nicht sicher, ob er sie recht verstanden hatte, und wußte nicht, was er antworten sollte. Oanda fuhr fort:

»Ich soll ihm auch einen Gruß von meiner Mutter bringen.«

»Kennt Ihre Mutter den Präsidenten?« fragte er erstaunt.

»Nein, aber meine Mutter webt die feinsten Matten, die es gibt. Und sie hat eine gewebt, die ich dem Präsidenten mit einem Gruß übergeben soll, und ich soll ihm etwas sagen, was ich keinem andern sagen darf.«

Er blickte sie von der Seite an, wie sie dort saß und an ihre Mutter dachte; ihre halbgeöffneten Lippen bebten, und ihre Augen waren dunkel vor Sehnsucht. »Dieses Licht, von dem Sie so viel sprechen,« begann er vorsichtig, »was ist das eigentlich für ein Licht?«

Sie drehte den Kopf und sah ihn erstaunt an.

»Das Licht in unserm Herzen, das ist ja Gott.«

Er nickte, sagte aber nichts; sie meinte ein Lächeln in seinen Augen zu sehen.

»Daß Nelly nicht daran glaubt,« sagte sie eifrig, »kann ich verstehen, denn sie sieht ja nichts anderes als Dunkelheit. Aber Sie, der Sie alle guten Dinge besitzen –«

»Woher wissen Sie das?« sagte er bitter und halb gegen seinen Willen. – »Sie sehen nur, womit ich wirke.«

Was fehlt mir nur, dachte er erstaunt bei sich, daß ich diesen Unsinn ernst nehme. Da bekam er einen guten Einfall.

»Der Präsident ist ein sehr beschäftigter Mann,« sagte er, »und ich kann Ihnen nicht versprechen, daß er Sie mehr als einige Minuten empfängt. Wenn Sie so viel auf dem Herzen haben, würde ich es an Ihrer Stelle niederschreiben.«

»Ja, Prinzessin,« fügte er hinzu und nickte ermunternd, »das sollten Sie tun. Dann können Sie sich alles recht genau überlegen und vergessen nichts. Schreiben Sie nieder, was Sie vom Licht und der Dunkelheit wissen.«

Oanda dachte über seine Worte nach.

»Wie soll ich es schreiben?« fragte sie.

»Als ob Sie mit ihm sprächen – so wie Sie mit mir sprechen.«

Oanda nickte vor sich hin und sagte ernst:

»Ich will es versuchen.«

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