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Laurids Bruun: Oanda - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleOanda
publisherGyldendal'scher Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080110
projectid3adcebb3
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VI.

Pat und Jim blieben an der Tür stehen, für den Fall, daß Dick und Cate zurückkommen würden. Draußen schimpfte Cate, und einige Bewohner waren hinzugekommen, die Grobheiten sagten; Dicks Stimme war nicht zu hören.

Kurz darauf aber erklangen draußen von neuem Schritte; jemand tastete über den Gang, und eine hohe befehlende Stimme ließ sich hören, die Pat zu kennen meinte. Jetzt wurde an die Tür geklopft, eine Hand tastete am Drücker und die Tür ging auf.

Fielding trat in die Stube, von Advokat Tillny gefolgt. Pat vergaß zu grüßen, so erstaunt war er.

»Was ist hier vorgegangen,« fragte Fielding und blickte ihn scharf an.

»Dick und sein Negermädchen wurden an die Luft gesetzt. Wir dulden hier keine Farbigen.«

»Ausgezeichnet!«

Fielding nickte Oanda zu; sein scharfer Blick schweifte von der Kranken im Bett zu den Kindern und zu Annie, die auf dem Sofa lag, ohne etwas von ihrer Umgebung zu merken. Darauf wandte er sich an Tillny und sagte:

»Ich verstehe recht gut, daß Goodwill hier nichts ausrichten konnte.«

Der Advokat nickte und schnappte nach Luft.

»Wieviel seit Ihr hier in der Stube?« fragte Fielding.

»Jetzt nur noch Nelly und ich und die Kinder und Annie – und Tonny.«

»Ist die Gesundheitspolizei hier gewesen?«

»Nicht seitdem wir hier wohnen.«

»Das ist gegen jedes Gesetz!«

Tillny schüttelte feierlich den Kopf. Darauf begrüßte er Oanda, die auf dem Bettrand saß, mit Nellys Hand in der ihren, und sagte:

»Was müssen Sie von einer Gesellschaftsordnung denken, gnädiges Fräulein, die solche Verhältnisse duldet?«

Oanda sah ihn mit betrübten Augen an.

»Wir müssen versuchen zu helfen,« sagte sie leise.

Der Advokat nickte feierlich.

»Darum sind wir hergekommen. Herr Cunning hat uns geschickt.«

Fielding wandte sich von den Fenstern ab, die er in Augenschein genommen hatte, und sagte halb väterlich, halb verweisend:

»Die Lage wird dadurch nicht besser, daß Sie das Gift auch mit einatmen.«

Oanda hörte ihn nicht; sie war in Gedanken versunken und streichelte Nellys magere Hand.

»Nur gut, daß ich es gesehen habe,« sagte sie, als spräche sie mit sich selbst.

»Gewiß, gnädiges Fräulein,« Tillny versuchte, ihren Blick zu fangen, »aber Fielding hat recht: was kann es nützen, daß Sie das Gift mit einatmen.«

»Ist dies die einzige Wohnung dieser Art?« fragte sie und blickte auf. Der kindlich weiche Mund bebte vor Schmerz.

»Ach, nein,« seufzte er, »von dieser Sorte gibt es hunderte.«

Da beugte sie den Kopf wie unter einer Bürde, die zu schwer war.

»Was soll ich nur tun? – Was soll ich nur machen?«

Fielding sah sie an und dachte: »Je eher man sie aus der Illusion reißt, um so besser.«

»Sie, gnädiges Fräulein,« sagte er kalt und scharf, »können überhaupt nichts tun.«

Darauf wandte er sich an Tillny:

»Die Frau muß ins Krankenhaus, das Kind ins Säuglingsheim, und die Erwachsenen müssen dem Armenpfleger übergeben werden.«

»Nein!« sagte Pat, der neben dem Tisch stand.

»Nein!« zischte Eddie und suchte Fieldings Blick, um ihm ihre Verachtung zu zeigen.

»Reden Sie sich doch keine Schwachheiten ein,« sagte Jim außerordentlich erwachsen und bohrte die Hände in die Taschen.

Fielding drehte sich um, für ihn war die Sache erledigt.

Oanda aber richtete sich auf und sah ihn mit dunklen Augen an.

»Wollen Sie die, die zusammenhalten, trennen? – Dann nehmen Sie ihnen ja das einzige, was sie noch besitzen.«

Fielding antwortete nicht.

»Sie hören doch, daß sie nicht wollen.«

»Das wird die Polizei schon regeln!« sagte er kurz.

»Die Polizei – hat die etwas mit Nächstenliebe zu tun?«

»Ich verstehe Sie, Fräulein Oanda,« sagte Tillny, »Sie, die eines armen Gefangenen wegen solch weite Reise gemacht hat – Frauen Ihres Schlages hat die menschliche Gesellschaft nötig, und keine Polizei.«

Oanda seufzte tief.

»Was ist Tsing-Kais Sache gegen das, was ich jetzt gesehen habe.«

Die Backenfalten des Advokaten erschlafften zu milder, warmer Menschlichkeit.

»Sie haben auf Ihrer teuren, einsamen Insel gesessen und davon geträumt, den Präsidenten aufzusuchen.«

Oanda nickte.

»Sie meinten, daß der, der über alle herrscht, helfen kann, weil er die größte Verantwortung trägt?«

Verantwortung – nein, daran hatte sie nicht gedacht. Sie sah ihn an und sagte eindringlich:

»Er muß das wärmste Herz und den stärksten Willen haben – sonst kann er doch nicht Präsident sein?«

»Sonst kann er nicht Präsident sein,« lachte Fielding und versuchte zu ergründen, wo Tillny mit seinem Geschwätz hinaus wollte.

»Gerade so muß die Welt sich in der Betrachtung einer edlen Frau spiegeln,« sagte der Advokat mit Wärme. »Ach ja,« seufzte er, »wenn sie so wäre, würden wir alle wie auf Ihrer fernen, glücklichen Insel leben.«

Tillny beobachtete die Wirkung seiner Worte und fand den Augenblick günstig.

»Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen – einen Vorschlag, der von vornherein Goodwills Billigung hat, der ja Ihrer Mutter versprach, sich Ihrer in der Fremde anzunehmen.«

Oanda blickte fragend auf.

»Sehen Sie, kleines Fräulein – bei Goodwill können Sie ja nicht wohnen.«

»Warum nicht?«

»Weil er unverheiratet ist.«

»Was schadet das?«

Der Advokat suchte nach Worten.

»Die Menschen würden Sie im Verdacht haben –« sagte er diskret.

»Daß ich ihn heiraten wollte?«

»Ja eben.«

»Aber das will ich ja gar nicht.«

»Man würde es trotzdem glauben.«

»Das ist nicht meine Schuld.«

»Man würde es Sie aber entgelten lassen.«

Oanda sah ihn verständnislos an.

»Was wäre denn dabei? Er ist doch weder so häßlich noch so schlecht.«

Während Tillny nach einer Antwort suchte, fuhr Oanda fort:

»Ich möchte übrigens auch gar nicht bei ihm wohnen, sein Gott ist nicht mein Gott.«

»Um so besser! – Also, gnädiges Fräulein, wollen Sie meiner Frau und mir das Vergnügen machen, unser Gast zu sein, solange Sie in den Staaten bleiben? Ich werde mich mit Leib und Seele für Ihre Sache interessieren und verspreche Ihnen, daß Sie beim Präsidenten vorgelassen werden.«

Aha, dachte Fielding.

Oanda wandte sich zu Nelly um und nahm ihre Hand.

»Ich will meiner kranken Schwester helfen.«

»Das sollen Sie auch,« beeilte der Advokat sich zu versichern. »Ich verspreche Ihnen, daß Pat und seine Familie eine neue und bessere Wohnung bekommen, daß sie nicht voneinander getrennt werden, daß das Kind bei der Mutter bleibt, in gesunder Umgebung. Wenn Sie bei uns wohnen, können Sie Ihre kranke Schwester besuchen, so oft wie Sie wollen.«

Nelly versuchte den Blick des Rechtsanwalts festzuhalten, der zwischen ihr, Oanda und Pat hin und her wanderte, während er sprach; ihre großen klaren Augen forschten nach dem Preis. Wollte er ihrer Freiheit zu Leibe?

»Wir nehmen keine Almosen,« sagte sie unsicher.

Pat verstand sie und fühlte wie sie; er blickte verstohlen in das Gesicht des Advokaten, beobachtete die Backenfalten, die sich vor Wohlwollen rundeten. Konnte man sich auf ihn verlassen?

»Nein, wir nehmen kein Almosen,« sagte er.

»Von Almosen ist hier auch gar nicht die Rede,« versicherte der Advokat in etwas gekränktem Ton. »Ihr Mann soll Arbeit bekommen und Ihre Kinder feste Anstellungen.«

»Ist das ein Wort?« Pats Augen fingen an zu leuchten.

Tillny machte eine würdige Handbewegung und sagte:

»Hier sind Zeugen.«

Eddie konnte nicht länger an sich halten; sie sprang an die Seite des Advokaten und sah ihn mit ihrem verführerischsten Blick an:

»Ach, Herr, ich möchte so gern singen lernen, so daß ich eine Stellung im Chor des Edentheaters bekommen könnte, dort kriegt man fünfundzwanzig Dollar im Monat und Kleidung.«

Jim blickte sie verächtlich an.

»Ich bleibe bei der Zeitung,« sagte er mürrisch.

»Alles wird aufs Beste geordnet werden,« versicherte der Advokat.

Oanda dachte an die Heilsarmee-Annie, die auf der Chaiselongue lag, ohne ihre Umgebung zu beachten; vielleicht schlief sie.

»Und Annie dort, die ihren Freund verloren hat, was können wir für sie tun?«

»Wir müssen ihr einen neuen verschaffen,« sagte Fielding ironisch.

»Annie bleibt bei mir,« sagte Nelly.

Jetzt ging die Tür auf, und Nomura kam mit der Medizin. Ohne etwas zu sagen, trat er ans Bett, goß Tropfen auf ein Stück Zucker und reichte es Nelly.

»Sie müssen jetzt ruhen!« sagte er, deckte sie zu und sah die andern an.

»Gut,« sagte Tillny, »wir gehen,« – er nahm Oandas Hand – »und Sie kommen mit mir, nicht wahr?«

Oanda beugte sich über Nelly.

»Liebe Schwester, soll ich noch etwas für dich tun, ehe du einschläfst?«

Nelly warf einen bekümmerten Blick auf Pat und die Kinder.

»Sie haben nichts zu essen bekommen,« sagte sie.

»Sorge dich darum nicht, Nelly,« sagte Pat, »das werde ich besorgen.«

»Kommen Sie mit, Doktor?« fragte Fielding.

»Ich bleibe hier, bis sie schläft.«

Oanda strich der Kranken sanft übers Haar.

»Gute Nacht,« sagte sie, »ich komme morgen früh wieder zu Ihnen.«

Nelly drehte den Kopf zu ihr um und sah sie an, bis ihr plötzlich Tränen in die großen, klaren Augen traten.

»Dank!« flüsterte sie, wandte sich ab und bohrte ihren Kopf ins Kissen.

Pat leuchtete den anderen mit einem Lichtstummel.

Als Oanda die Tür erreicht hatte, berührte jemand ihren Arm. Sie drehte sich um. Es war Jim.

»Sie müssen morgen kommen,« flüsterte er, ohne sie anzusehen, »sonst glaubt sie Ihnen nie mehr; so ist sie.«

»Ich komme bestimmt! – Gute Nacht, Jim!«

Sie reichte ihm die Hand, Jim sah zu ihr auf, alle Großtuerei war wie weggeblasen. Er wußte nicht, was er mit ihrer Hand machen sollte und ließ sie fallen.

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