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Laurids Bruun: Oanda - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleOanda
publisherGyldendal'scher Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080110
projectid3adcebb3
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II.

Pat ließ Oanda und Nomura zuerst eintreten. Am liebsten hätte er gesehen, daß Dick und Tonny draußen geblieben wären, besonders Dick; man wußte nie, worauf der verfallen konnte. Pat hatte das Gefühl, daß es besser gewesen wäre, wenn Oanda nicht mitgekommen wäre. Da sie aber nun einmal da war, fühlte er sich verantwortlich dafür, daß nichts Unangenehmes eintrat.

Oanda rang nach Luft, während sie darauf wartete, daß Pat die Gasflamme über dem Tisch anzündete. Die drückende, unreine Luft benahm ihr den Atem, und sie blickte erstaunt auf Annie, die mit dem Kopf auf der Tischplatte und ausgestreckten Armen dalag, im Schlaf stöhnend.

Nomura sah sich nach den Fenstern um und ging hin, um sie zu öffnen.

»Sie sind zugenagelt,« sagte Pat,

»Warum?«

»Des Gestankes wegen, der von draußen hereinkommt. Alle werfen ihren Abfall aus den Fenstern, so daß der Schmutz unten im Hof einen Meter hoch liegt und wie die schlimmste Kloake stinkt.«

»Die Gesundheitspolizei?«

»Was die wohl hier soll?« Pat grunzte. »Soll etwas geschehen, muß der ganze Kasten niedergerissen werden.«

Oanda blickte sich in der Stube um. Nicht die Armut war es, die sie entsetzte, denn es fehlte ihr die Voraussetzung, um sie zu beurteilen; auf ihrer Insel war alles einfach und zweckmäßig gewesen, dort kannte man weder Not noch Ueberfluß. Es war der Schmutz, der jahrealte, verhärtete Schmutz an Decke und Wänden und die giftige Luft, die ihr fast Uebelkeit verursachten, die sie so entsetzten.

Da fiel ihr Blick auf die schlafende Frau in dem niedrigen Bett. Das ist Pats kranke Frau, dachte sie und trat näher.

Nelly atmete pfeifend, und ihre Stirn zuckte nervös. Der nackte, magere Arm, der auf der Decke lag, war nach dem Korb des Kindes ausgestreckt.

Aus dem verzerrten Gesicht sprach ein Gemisch von seelischer Stärke und körperlicher Schwäche, das Oanda gleich zu Herzen ging. Wie können wir ihr nur helfen, fragte sie, als ob ihre Mutter neben ihr stünde. Sie ging zwischen Kommode und Bett und beugte sich über das Kind im Korb. Vorsichtig hob sie die Decke, erblickte den grauen, geschwollenen Kopf auf dem mageren Hals, die winzig kleinen, welken Hände, die sich vorm Mund ballten, und ein Schauder durchfuhr sie.

»Ach, nein,« rief sie, als wehrte sie sich, das zu glauben, was sie sah; und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Nelly schlug die Augen auf, starrte sie an, als ob sie einen Geist sähe, fuhr mit einem Satz in die Höhe und beugte sich über den Korb, als ob jemand ihr Kind bedrohte.

Sie blickte Oanda zornig an, während das Blut ihr flammengleich ins Gesicht schlug.

»Machen Sie, daß Sie wegkommen,« rief sie befehlend und bohrte ihre fieberdunklen Augen in Oandas Blick. »Ich habe nicht nach Ihnen geschickt, weder meinetwegen noch wegen des Kindes!« Sie atmete krampfhaft. Als sie Pat am Fußende des Bettes mit einem fremden Herrn erblickte, drohte sie ihm mit ihrer geballten Faust und sagte mit Zorn und Kummer in ihrer gellenden Stimme:

»Wie konntest du mir das antun?«

Pats kleine Augen ließen die ihren nicht los, bevor er sie davon überzeugt hatte, daß er ohne Schuld sei. Sie wischte sich mit dem Rücken ihrer Hand den Schweiß von der Stirn und legte sich erschöpft in das schmutzige Kissen zurück.

»Nelly,« sagte er tonlos, »ich bin entlassen worden.«

Sie starrte ihn an, ihre Augen wurden groß und klar.

»Warum?« fragte sie schließlich.

»Ich bin zu alt geworden,« wollte er entgegnen, aber er brachte es nicht über die Lippen, denn wenn es wirklich der Fall war, würde ja alles aus sein.

»Der neuen Maschinen wegen,« seufzte er.

Nelly blickte von ihm zu Oanda und von ihr zu Nomura, dessen scharfe Augen im Begriff waren, die Diagnose zu stellen. Sie versuchte einen Zusammenhang zwischen Pats Worten und der Anwesenheit der Fremden zu finden. Plötzlich wurden ihre Augen blank und schimmernd. Sie richtete sich auf dem Ellenbogen auf und lachte hysterisch:

»Und dann wird solch alte Maschine wie du zum Teufel gejagt! Mögen auch Frau und Kinder verhungern, was kümmert's die andern?«

Oanda konnte den Blick nicht ertragen, der sie aus den leidenden Augen traf, sie wandte den Kopf fort.

»Ja, sehen sie sich nur um, meine Dame – so sieht es bei denen aus, die schuften, damit ihr gut und vornehm leben könnt, ohne euch die Finger zu beschmutzen! – so grau und elend sind unsere Kinder, damit eure fett und rosig wie Ferkel sein können.«

Sie drehte sich mit einer heftigen Bewegung zum Korb um, riß das Kind heraus und drückte den Säugling an ihre magere Brust, während sie Oanda mit funkelnden Augen ansah.

»Solange ich noch einen Tropfen Milch habe, soll keiner ihn mir nehmen!«

Der Husten überfiel sie wieder. Ihr Körper wand sich im Krampf, und sie preßte den Säugling so fest an sich, daß er anfing zu schreien.

Pat schob Oanda beiseite, sprang herzu und legte seinen breiten Arm schützend um ihren Rücken, während er das Kind aus ihren Armen zu lösen versuchte.

»Nelly – Nelly,« murmelte er zärtlich, »laß das Kind los!«

Er entrang ihr den Säugling und blickte auf, als ob er sagen wollte: Ist da keiner, der ihn mir abnimmt?

Oanda streckte die Arme nach ihm aus und nahm ihn vorsichtig an sich; Nellys Blick wich nicht von ihr, während sie sich beim Hustenanfall krümmte; Oanda verstand sie und beeilte sich, das Kind wieder in die Wiege zu legen.

»So – so!« Pat klopfte sie vorsichtig auf den Rücken, »sie ist hier, um dir zu helfen, Nelly, und der Arzt auch.«

Nomura drängte sich an Oanda vorbei.

»Lassen Sie mich heran!« Er schob Pat beiseite und hielt Nelly so, daß sie endlich Linderung bekam. Einige Augenblicke hing sie nach Atem ringend über seinen Arm. Darauf hob sie die Hand und trocknete sich seufzend Stirn, Augen und Mund.

Nomura legte sie zurück und deckte sie zu.

Oanda beugte sich über sie, nahm ihre heißen Hände in die ihren und sah mit Augen, die voll Tränen standen, in den Blick, der jetzt matt und schwach war.

»Warum darf ich dir und deinem Kind nicht helfen?«

Nelly lauschte diesen Worten, die ihr wie aus einer andern Welt zu kommen schienen; sie sah die Tränen in Oandas Augen, sie sah den weich bewegten Mund so nah dem ihren, und ihr bleiches Gesicht erschlaffte in maßlosem Erstaunen.

Die Heilsarmee-Annie war bei Nellys Husten erwacht. Sie hob den Kopf und blickte sich trüben Auges um. Dick hatte sich in eine Ecke zurückgezogen, als er sie entdeckte; er wollte keine Szene, während die Dame zugegen war.

Annie sah, daß die Stube voller Menschen war; sie hörte eine fremde Frauenstimme und es gelang ihr, sich aufzurichten. Sie erblickte Pat – und Tonny, her rittlings auf seiner Chaiselongue saß; im selben Augenblick entdeckte sie auch Dick, der sich längelang auf sein Bett gestreckt hatte.

»Dick!« schrie sie auf und taumelte auf ihn zu.

Dick fluchte ärgerlich und kehrte ihr den Rücken zu.

»Oh, Dick, ich bin so unglücklich gewesen – es hat so lange gedauert.«

Er schüttelte ihre Hand, die auf seinem Rücken lag, von sich ab.

»Was gehts dich an? Ich trinke solange es mir gefällt.«

»Natürlich,« sagte sie nachgiebig, »wenn ich nur weiß, daß dir nichts geschieht. Ach, Dick, ich bin Tag und Nacht durch die Straßen geirrt, um dich zu suchen.«

»Kannst dich meinetwegen auf der Straße herumtreiben bis man dich wegfegt! – Wenn ich es nicht will, findet mich keiner.«

»Natürlich, Dick, so'n forscher Kerl wie du. Ich wollte dir nur sagen, daß ich für die Marine-Marie singen soll, die ist vorgestern eingesteckt worden.«

Dick drehte sich halb um.

»Wenn ich das gestern gewußt hätte,« er stieß ärgerlich mit dem Fuß nach der Bettdecke – »aber so geht's immer: wenn man euch Frauenzimmer braucht, seid ihr nicht da – und wenn man euch zum Teufel wünscht, hängt ihr an einem wie Kletten.«

Annie suchte in ihrer Tasche, fand einige Geldstücke und reichte sie ihm.

Er zählte sie, steckte sie ein und wandte sich ihr gnädig ganz zu. Er erzählte, daß man ihn im »Stern« hinausgeschmissen habe, als er kein Geld mehr gehabt hätte; er habe unter einem alten Prahm am Fluß geschlafen und weil er kein Geld mehr hatte, wäre er morgens zur Arbeit gegangen. Er erzählte, was sich bei Cunning zugetragen hatte.

Annie wollte nicht glauben, daß die Dame Pat bei der Hand genommen und gesagt hätte, daß er und seine Kameraden mitessen sollten; als sie hörte, daß die fremde Dame neben Nellys Bett keine Dame vom Wohlfahrtsausschuß sei, die der Arzt ihnen auf den Hals geschickt hätte, sondern ein Gast von Fabrikant Cunning, wurde sie fast nüchtern vor Verwunderung. Sie ging ans Ende der Bretterwand, um sie genauer zu betrachten.

Nomura kniete neben dem Bett, das Ohr auf Nellys entblößtem Rücken, während Oanda neben Pat stand und erstaunt zusah.

Annie kehrte zu Dick zurück und flüsterte:

»Was 'ne schöne Dame!«

Dick erzählte, warum Oanda mitgekommen sei; als er aber von Ralphs Vermögen erzählen wollte, das eigentlich ihr gehörte, machte Tonny ihm ein Zeichen und murmelte zwischen den Zähnen:

»Laß sein! – Sonst verdirbt sie uns noch das Ganze.«

Annie hatte sich auf die Erde gesetzt und blickte Dick mit großen, feuchten Augen an, beseligt, daß er zu ihr sprach; sie nickte oder schüttelte den Kopf, wie es sich gerade traf; sie hatte eine unklare Vorstellung von seinen Worten, sie fühlte ihn nur.

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