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Laurids Bruun: Oanda - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleOanda
publisherGyldendal'scher Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080110
projectid3adcebb3
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V.

Von der Fabrik her erklang das Geräusch von Stimmen.

Oanda hob den Kopf und lauschte. Darauf ging sie zur Buchsbaumhecke, erhob sich auf den Zehenspitzen und guckte hinüber.

»Es sind die Arbeiter,« sagte sie, »sie kommen aus dem kleinen Haus und nicht aus dem großen.«

»Sie sind beim Werkführer gewesen und haben ihren Lohn bekommen,« sagte Ralph.

Sie stützte die Hände auf die Hecke und hob sich auf den Zehenspitzen, um besser zu sehen.

»Einer droht hier herüber,« sagte sie erstaunt und drehte den Kopf zu Ralph um, »drei Männer wenden sich um und sehen hierher.«

Die Stoppeln der kürzlich geschnittenen Hecke taten ihren Händen weh.

Während Ralph näher kam, sah sie eine Bank zwischen den Statuen und sprang hinauf.

»Wie müde sie aussehen!« sagte sie bekümmert. »Jetzt haben sie mich erblickt.« Sie hielt den Atem an vor Spannung. »Ich glaube, sie wollen Sie sprechen.«

»Kommt!« rief sie und winkte ihnen. »Kommt nur hierher!«

Goodwill eilte auf sie zu und faßte sie am Kleid.

»Aber das geht doch nicht! Kommen Sie sofort herunter.«

Oanda beachtete ihn nicht. Sie wandte sich an Ralph, der neben der Hecke stand.

»Haben die Leute Angst? Sie zögern?«

Es schien etwas Außergewöhnliches im Gange zu sein. Die Stimmen klangen zornig, ja drohend. Ralph wollte sich ungern sehen lassen, um sich nicht in etwas zu mischen, das Sache des Werkführers war; er war die letzte und höchste Instanz. Er wollte Oanda gerade bitten, von der Bank herunterzusteigen, als sie winkte und aus voller Kehle über die Hecke rief:

»Kommt doch hierher, ihr drei! Ihr braucht euch nicht zu fürchten.«

Ralph sprang neben sie auf die Bank und fragte einen Arbeiter, der mit seinem Eßgefäß in der Hand auf dem Heimwege war:

»Was ist da los?«

»Die drei Arbeiter sind entlassen worden.«

»Sie kommen, sie kommen!« rief Oanda und sprang von der Bank.

Ralph sah drei zornige Arbeiter aus der Gitterpforte kommen, mit einer Schar hinter sich.

»Rufen Sie den Werkführer!« befahl er.

»Jawohl.« Der Arbeiter kletterte über das Gitter zum Stapelplatz, um den Richtweg zum Kontor des Werkführers einzuschlagen.«

»Einer hat mich ganz böse angesehen.« Oandas Backen röteten sich vor Aufregung.

»Warum mischen Sie sich in etwas, was Sie nichts angeht?« sagte Goodwill zornig und blickte verstohlen zu Ralph auf, der mit einem ärgerlichen Ausdruck im Gesicht auf die Allee zuging.

»Warum geht es mich nichts an?«

Sie blickte erstaunt zu ihm auf.

»Sie sind doch nicht ihr Herr.«

Ralph erreichte die Pforte gleichzeitig mit den Arbeitern.

»Die drei Entlassenen sollen hereinkommen,« sagte er, öffnete die Pforte und wartete, bis sie durchgegangen waren. Die anderen können gehen!«

Er schloß die Pforte und ging vor den Männern zur Terrasse hinauf.

Der erste war ein Irländer, der den Namen »der schwarze Pat« führte.

Er zog den linken Fuß etwas nach und war klein, mit unförmig großen Händen, die jetzt, wo sie unbeschäftigt waren, schwer und linkisch herabhingen. Die niedrige, viereckige Stirn war voller Falten, in denen sich Schweiß und Kohlenstaub festgesetzt hatten. Die kleinen Augen lagen tief unter den schwarzen buschigen Brauen; das Untergesicht war von grauen Bartstoppeln bedeckt. Aus den breiten Kiefern, dem groben Mund und dem schweren Blick sprach versteinertes Leiden. Sein ganzer Körper war in beständig arbeitender Unruhe, so daß er von dem einen Fuß auf den andern trat und stoßweise und krampfartig atmete. Er war in Arbeitertracht. Als er das tiefe Mitleid in Oandas Augen sah, nahm er seine Mütze ab, und sein Blick blieb mit dumpfem Erstaunen an ihr haften.

Der andere – Dick Darling genannt – war ein junger Bursche in einem ausgewachsenen, zerlumpten Anzug und einem farbigen Hemd. Es hatte den Anschein, als ob er in seinen Kleidern übernachtete. Er war hochaufgeschossen mit schmalen Hüften und breiten, hängenden Schultern; ein kleiner Kopf auf einem dünnen Hals und schwarzes Haar, das in der Mitte gescheitelt war, mit einer Locke in der Stirn. Die dunklen Augen hatten einen stechenden Blick, entgegenkommend und böse zugleich; die Lippen waren schmal und hatten den Ausdruck eines lasterhaften Kindes. Seine schlappe Gestalt trug ein gewisses Yankeegepräge, so daß Goodwill dachte, er sei gewiß von besserer Herkunft.

Er grüßte die Gesellschaft mit ironischer Ehrerbietung und machte eine Extraverbeugung vor Oanda, um ihre Jugend und Schönheit zu ehren. Er hatte sie winken sehen und die anderen überredet, ihrer Aufforderung zu folgen.

Der dritte führte den Namen Tonny; er hieß Antonio und war Sizilianer. Er schien in den Dreißigern zu sein, war kräftig gebaut, mit einem hohen Brustkasten und einem starken roten Hals, der aus dem offenen, karierten Baumwollhemd hervorsah. Alles an ihm war in Unruhe; der Kopf mit dem dichten, schwarzen Kraushaar, das bis tief in die Stirn wuchs, das vortretende, gespaltene Kinn, schwarz von Bartstoppeln, die breitausladenden Kiefer, die blitzenden, schwarzen Augen, die blanken, roten Lippen, in die er mit seinen schimmernden, weißen Zähnen biß; sein ganzes brünettes Gepräge und die Ringe in den flachen, halbversteckten Ohren zeigten deutlich, woher er stammte. Er grüßte nicht, blickte nur herausfordernd von einem zum andern.

Goodwill zog sich unwillkürlich einige Schritte zurück, Nomura aber richtete Augen und Brille auf sie, als ob er eine Diagnose stellen wollte.

»Warum sind Sie entlassen worden?« fragte Ralph den schwarzen Pat, der ihm am nächsten stand.

»Er hat gesagt, daß ich zu alt sei.«

»Wie alt sind Sie?«

»Ich bin diesen Sommer fünfzig geworden.«

»Wie lange haben Sie hier gearbeitet?«

»Fünf und ein halbes Jahr.«

Ein großer, magerer Mann mit einem gestutzten Schnurrbart kam jetzt mit langen Schritten durch die Allee. Es war der Werkführer.

Pat zuckte zusammen, als er ihn sah; seine Hände wurden unruhig, seine Augen blutunterlaufen.

»Na, Braddon,« sagte Ralph und erwiderte den Gruß des Werkführers. »Was ist hier los?«

»Ich habe Befehl, für erstklassige Leute zu den neuen Maschinen zu sorgen.«

Er sagte es, wie etwas Auswendiggelerntes, während seine kleinen, wasserklaren Augen voll auf Ralph gerichtet waren.

»Schön. Und dieser Mann dort?«

»Ist zu alt, um sich den neuen Maschinen anzupassen.«

Ralph fühlte Oandas Blick auf sich. Er zögerte eine Sekunde, während er Pat betrachtete, der mit vorgebeugtem Kopf dastand und kämpfte, um sich ruhig zu verhalten.

»Dann lassen Sie den Mann bei den alten.«

»Das kann nicht angehen, Herr.«

»Warum nicht?«

»Weil er mir in Gegenwart der anderen gedroht hat.«

»Das tat ich nicht, Herr.« – Pats Stimme klang heiser vor Erregung – »ich forderte ihn nur auf, seine Kräfte mit mir zu messen, um ihm zu beweisen, daß ich noch bei Kräften bin,«

Ralph sah ihn streng an,

»Geben Sie ihm einen Monatslohn extra, da er fünf Jahre bei uns gewesen ist.«

»Herr« – Der Schweiß trat in Perlen auf Pats Stirn; er hob seine schweren Hände und sah Ralph mit einem Blick an, wie ein Hund, der Prügel bekommt. – »Wenn man mich hier entläßt, bin ich reif für den Schutthaufen.«

Sein Blick schweifte angstvoll von Ralph zu Oanda, als bäte er um sein Leben.

Oanda wollte etwas sagen, Goodwill aber, der es sah, faßte sie am Arm. Ralph überlegte einen Augenblick.

»Nehmen Sie eine Entschuldigung an, Braddon?«

Der Werkführer ließ seinen Blick vom einen zum anderen Arbeiter gleiten und sagte:

»Wenn alle drei sich entschuldigen.«

Dick Darling lüftete den Hut vor Ralph und sagte:

»Mir hat er den Abschied gegeben, weil ich ein paar Tage krank gewesen bin, ich habe ein altes Bronchitis-Leiden, womit ich sehr vorsichtig sein muß, wie der Arzt mir gesagt hat. Als ich heut morgen zur Arbeit kam, sagte der Werkführer, daß ich zum Teufel gehen sollte und zwar sofort. Und ich sagte, daß ich auf ihn warten wolle, denn früher oder später fährt er ja doch zur Hölle.«

»Haben Sie ein ärztliches Attest?« fragte Ralph ohne ihn anzusehen.

»Es ist ein altes Leiden, das sich hin und wieder einstellt; ein Attest kann ich leicht verschaffen.«

Er neigte den Kopf und blickte zu Oanda auf mit einem leidenden Lächeln um seine schmalen Lippen.

»Es ist schon das zweite Mal,« sagte Braddon, »das erste Mal drohte ich ihm, daß ich ihn verabschieden würde, wenn es sich wiederholte, diesmal dauerte es fünf Tage; ich schickte einen Mann zu ihm – er wohnt beim schwarzen Pat – dort war er vier Tage nicht gesehen worden und Pats Frau wußte nicht wo er war. Der Arzt sagt, daß er Quartalstrinker ist. So verhält es sich mit seinem alten Leiden.«

Dick blickte nachdenklich vor sich hin und sagte still:

»Ich weiß nicht, was ein Quartalstrinker ist. Ich weiß aber, was ein Gentleman ist,« – er blickte Braddon an – »und ein Ehrabschneider, und lieber würde ich meine eigenen Stiefelsohlen rein lecken als solchem Herren eine Entschuldigung machen.«

Er sah Oanda an, als ob er sie daran erinnern wollte, daß sie es sei, die sie gerufen hatte, und fuhr mit kläglicher Stimme fort:

»Ich will Ihnen nämlich sagen, gnädige Frau, wenn sich die Schmerzen in der Brust melden und wie der Teufel an einem zerren, dann ist das einzige Mittel, daß man sich etwas Kräftiges zu Gemüte führt. Zu Bett liegen nützt nichts, nur tüchtig saufen.«

Nomura beobachtete ihn mit Interesse. Dick bemerkte die blitzenden Brillengläser, die auf ihn gerichtet waren und wandte sich an ihn:

»Das ist ein gutes altes Rezept von einem gelehrten Arzt in St. Louis. Es mag ja sein, daß es einem etwas zu Kopf steigt, aber was schadet das?«

Er richtete sich in seiner Menschenwürde auf und sah Ralph offen ins Gesicht.

»Tue ich jemandem dadurch etwas zuleide? – Hab' ich den Werkführer dadurch belästigt?«

Sein Blick schweifte wieder zu Oanda; jetzt bat er nicht mehr um Barmherzigkeit, jetzt appellierte er an ihre Gerechtigkeit.

»Er lebt das Leben auf seine Weise, ich auf meine. Haben wir nicht alle die gleichen Rechte?«

Er fand, daß er seine Sache gut geführt habe, wandte sich an Braddon und machte eine Bewegung mit dem Arm:

»Wir beide sind fertig miteinander.«

»Sehr richtig,« sagte Ralph trocken, »wir sind fertig miteinander.«

Goodwill konnte nicht länger an sich halten.

»Wahrlich,« murmelte er, »hier harrt meiner eine große Aufgabe!«

Nomura räusperte sich und fragte:

»Wie lange haben Sie das Leiden?«

»Welches Leiden?« Dick blickte den kleinen Japaner vorsichtig von der Seite an.

»Die Bronchitis?«

»Es ist ein sehr altes Leiden.«

»Und dieser Mann da?« Ralph zeigte auf Tonny, der sich bisher damit begnügt hatte, seinen Beifall durch Blick und Mienen kund zu geben.

»Er forderte mich auf, die Kündigung zurückzunehmen, und als ich ihm sagte, daß er sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern möge, hetzte er die Arbeiter gegen mich auf und drohte mit Gewalt.«

»Haben Sie etwas dazu zu bemerken?« Ralph streifte die schwarzen, funkelnden Augen.

»Ich wohne beim schwarzen Pat,« begann Tonny mit hoher Stimme, »seine Frau ist krank und sie haben drei Kinder, zwei große, und ein kleines. Wovon sollen sie leben, wenn Pat entlassen wird?«

»Was fehlt Ihrer Frau?«

»Sie hat es auf der Brust,« antwortete Pat.

»Sind Sie nicht in der Krankenkasse?«

»Doch, aber der Arzt will, daß sie ins Krankenhaus soll.«

»Warum bleibt sie dann zu Hause?«

»Weil sie Angst hat, daß sie nie wieder herauskommt. Sie hat Tuberkeln. Sie muß kochen und außerdem mich, die Kinder und unsere Einlogierer versorgen.«

»Wieviel Einlogierer haben Sie?«

»Dick und Tonny und ein Mädchen von der Heilsarmee, das arbeitslos ist.«

»Wie kann sie ihre Arbeit versorgen, wenn sie krank ist?«

»Sie steht auf und macht ihre Arbeit und legt sich wieder hin.«

»Wieviel Stuben haben Sie?«

»Eine.«

»Eine?« Goodwill schüttelte den Kopf und blickte ängstlich auf Oanda. Sie sah es nicht, sie stand mit offenem Mund da und starrte den schwarzen Pat an.

»Und Sie haben drei Einlogierer?« Ralph versuchte die Wahrheit in den tiefliegenden Augen zu erforschen.

Pat nickte und Tonny sagte:

»Um die Miete zu decken und etwas zur Kost zuzuverdienen; Pat hat Schulden. Und jetzt wird er auf den Kehrichthaufen geworfen, weil die Fabrik neue Maschinen bekommen hat.«

»Was ist ein Kehrichthaufen?« fragte Oanda.

Tonny betrachtete sie mit seinen schwarzen, funkelnden Augen und sagte:

»Dort wirft man das Werkzeug hin, das abgenutzt ist.«

Ralph wandte sich an Nomura.

»Gehen Sie mit ihm nach Hause, Doktor, untersuchen Sie die Frau und sorgen Sie dafür, daß sie sofort ins Krankenhaus kommt. Das Kleinste können Sie ins Säuglingsheim schicken, und geben Sie mir später einen Bericht über die Verhältnisse.«

»Sehr wohl.«

Pat blickte von Ralph zu Nomura, sagte aber nichts.

Tonny sah ein, daß man den Augenblick ausnutzen mußte, während die Dame zugegen war, er sah, daß sie Tränen in den Augen hatte.

»Wird die Kündigung zurückgezogen?« fragte er.

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