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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
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7.

Städte schweben vorbei, nachdem wir kaum sie erblicket.
Die Reise durch Fühnen von Oehlenschläger.

Schon früh am folgenden Morgen, als Wilhelm noch im süßen Schlafe lag und von den lieben Geschwistern träumte, ließen sich bekannte Fußtritte auf der Treppe vernehmen, die Thür öffnete sich und Otto trat in das Schlafzimmer. Wilhelm schlug die Augen auf. Otto war bleich, eine schlaflose Nacht hatte seinen Augen und seiner Stirn das Gepräge eines tiefen Herzenskummers aufgedrückt.

»Zostrup!« rief Wilhelm froh überrascht und streckte ihm die Hand entgegen, ließ sie jedoch gleich wieder sinken. Otto ergriff sie und drückte sie fest in der seinigen, indem er mit tiefen Ernste hinzufügte: »Sie haben mich gedemüthigt! Werden Sie das als eine befriedigende Genugthuung anerkennen?«

»So bleiben wir also doch die alten Freunde!« rief Wilhelm. »Freunde müssen Nachsicht gegen einander üben. Sie waren gestern ein wenig sonderbar, morgen kann ich es werden. Darin wird meine Rache bestehen.«

Otto drückte ihm die Hand. »Lassen Sie uns über den gestrigen Vorfall nie wieder mit einander reden!«

»Wie!« wiederholte Wilhelm, eigenthümlich ergriffen von des Freundes seltsamem Ernste.

»Sie sind ein edeler und guter Mensch!« sagte Otto und beugte sich über ihn hinab; seine Lippen berührten Wilhelms Stirn.

Wilhelm ergriff seine Hand und schaute ihm treu ins Auge. »Sie sind nicht glücklich!« rief er, »aber wenn ich auch nicht im Stande bin, Ihnen zu helfen, so kann ich doch den Kummer eines Freundes redlich theilen, lieber Otto!«

»Und doch darf und muß gerade dieser Punkt nie unter uns erwähnt werden!« versetzte Otto. »Leben Sie wohl! Ich beabsichtige nach Hause zu reisen; nur auf einige Wochen, da ja doch einmal Ferien sind. Seit Beginn meiner Universitätsstudien bin ich nicht in Jütland gewesen. Selbst ein vierwöchentlicher Aufenthalt daselbst wird mich in meinem Studium nicht zurückbringen, da ich auf das philosophicum wohl vorbereitet bin.«

»Und wann gedenken Sie zu reisen?« fragte Wilhelm.

»Mit dem morgen abgehenden Dampfschiffe. Hier in der Stadt ist es heiß und schwül, mein Blut wird dick. Auch habe ich ja die Meinigen fast seit einem Jahre nicht gesehen!«

»Zostrup!« rief Wilhelm, dessen sich plötzlich ein neuer Gedanke zu bemächtigen schien. »Ich hätte nicht übel Lust, auch die Meinigen zu besuchen. Sie haben mich aufgefordert, doch zu ihnen zu kommen. Hören Sie, reisen Sie über Fühnen und bleiben Sie nur drei bis vier Tage bei uns. Meine Mutter wird Sie mit ihrem eigenen Gespann bis Middelfort bringen lassen. Sagen Sie ja, und wir reisen dann Beide zusammen noch heute Abend ab!«

»Das ist ein Ding der Unmöglichkeit!« erwiderte Otto. Allein schon eine halbe Stunde später, als sie Beide am Theetische saßen und Wilhelm seinen Wunsch von Neuem aussprach, gab Otto nach, unstreitig mehr aus einem dunklen Gefühle, Wilhelm gegenüber Verpflichtungen zu haben, als aus eigentlicher Lust. Gegen Abend wollten sie also aufbrechen, wollten Seeland in der schönen Sommernacht durchreisen.

Geputzte Familien lustwandelten zum Thore hinaus nach dem Sommertheater und nach Frederiksberg. Die Abendsonne vergoldete die Freiheitssäule, jenen schönen Obelisk, um welchen Wiedewelt's Bildsäulen stehen, deren eine noch immer weint

In den weißen Marmorkleidern,
Voller Kummer in dem Herzen,
Ohne Trost in ihren Schmerzen
Schaut sie nach der schwarzen See,Oehlenschläger

in der sich des Künstlers Augen schlossen. War es etwa die Erinnerung an des großen Künstlers frühen Tod, welche Otto's Blicke mit einem Male so finster werden ließ, als sein Auge auf den Bildsäulen ruhte, oder spiegelte sich in seinem Auge vielleicht die Finsterniß seiner eigenen Seele ab?

»Hier geht es lebhaft und lustig zu!« sagte Wilhelm, um ein Gespräch anzuknüpfen. »Der Stadttheil um die Westbrücke bildet aber auch unsere glänzendste Vorstadt. Sie macht eine ganze Stadt, einen kleinen Staat für sich aus. Droben auf dem Berge liegt das königliche Schloß, und dort zur Linken zwischen den Weiden die Dichterwohnung, in der einst der alte Rahbek und seine Kamma ihr stilles Leben führten.«

»Schloß und Dichterwohnung,« bemerkte Otto, »einst wird man ihrer mit gleichem Interesse gedenken!«

»Bald wird die baufällige Hütte niedergerissen werden,« fuhr Wilhelm fort. »Auf einem so schönen Platze, in so großer Nähe der Stadt, wird eine prächtige Villa errichtet werden, und nichts erinnert dann mehr an Philemon und Baucis.«

»Aber die alten Bäume um den Weiher werden geschont werden!« entgegnete Otto, »die Blumen werden noch immer im Garten duften und an Kamma's Blumen erinnern. Rahbek war kein großer Dichter, allein er besaß eine echte Dichterseele, arbeitete getreu in dem großen Weinberge und hatte die Blumen eben so lieb, wie seine Kamma.«

Frederiksberg lag den Freunden bereits im Rücken. Die weißen Mauern des Schlosses schimmerten nur noch hier und da zwischen den grünen Zweigen hindurch. Nach Süden zu breitete sich das große wohlhabende Dorf aus. Die Sonne war bereits untergegangen, als sie das bekannte Häuschen am Teiche erreichten, in welchem die wilden Schwäne nach ihrer Rückkehr vom Meere nisten. Hier ist der letzte schöne Aussichtspunkt. Von jetzt an begrenzen nur noch flache Felder und hier und da ein Hünengrab den Horizont.

Unwillkürlich richtete sich in der hellen Sommernacht der Blick aufwärts. Der Postillon blies einige Stücke auf seinem Horn, und der Wagen rollte der Stadt Roeskilde zu, dem dänischen St. Denis, wo Hroars Kilde (Quelle) noch immer sprudelt und ihre Gewässer mit denen des Issefjord vermischt.

Sie fuhren nach dem Wirthshause, um die Pferde zu wechseln. Ein junges Mädchen führte die jungen Herren in das Gastzimmer. Es ging mit dem Lichte vor ihnen her und seine schlanke Gestalt, so wie sein schwebender Gang fesselten sofort Wilhelm's Blicke. Er erlaubte sich, die Schulter desselben leicht mit seiner Hand zu berühren, was es veranlaßte, augenblicklich einen Schritt auf die Seite zu springen und sein schönes ernstes Auge fest auf ihn zu richten. Allein mit einem Male wurde der Ausdruck desselben milder, das Mädchen lächelte und erröthete zugleich.

»Sie sind ja des kleinen Jonas Schwester!« rief Wilhelm, die Jungfrau wiedererkennend, welche er auf dem Spaziergange in der Weihnachtszeit gesehen hatte.

»Auch ich,« sagte sie, »muß Ihnen für Ihre Güte gegen den armen Knaben von Herzen danken!« Eilig setzte sie das Licht hin und verließ mit einem sanften Blicke das Zimmer.

»Sie ist schön, sehr schön!« sagte Wilhelm. »Das war in der That ein angenehmes Zusammentreffen!«

»Sind Sie es wirklich, Herr Baron, der mir die Ehre erweist?« rief der hereintretende Wirth, ein ältlicher Mann mit jovialem Gesicht. »Wahrscheinlich haben der Herr Baron der lieben Familie auf Fühnen einen Besuch zugedacht? Nun, es ist auch schon ziemlich lange her, daß Sie sich dort haben blicken lassen.«

»Das ist unser Wirth!« sagte Wilhelm zu Otto. »Er und seine Frau sind Beide auf dem Gute meiner Eltern geboren.«

»Ja,« versetzte der Wirth, »in meiner Jugend habe ich manche Schnepfe und wilde Ente mit dem Vater des Herrn Baron geschossen! Aber Eva soll sogleich den Tisch decken, denn die Herren gedenken sicherlich hier zu Abend zu speisen, und für ein gutes Glas Punsch werde ich wol auch sorgen müssen, wenn der Herr Baron die Neigungen des seligen Herrn Vaters geerbt haben.«

Das junge Mädchen deckte im Nebengemach den Tisch.

»Die Kleine ist allerliebst!« raunte Wilhelm dem Alten zu.

»Und auch eben so fromm und unschuldig wie hübsch!« entgegnete er. »Das ist viel gesagt, da sie ein armes Kind ist und noch dazu aus Kopenhagen stammt. Sie bringt uns großen Nutzen, und meine Frau ist mit mir darin einig, daß sie sich nicht vor ihrer dermaleinstigen Verheirathung von uns trennen darf.«

Wilhelm lud den Wirth ein, mit ihnen ein Gläschen zu trinken; der alte Herr wurde dabei immer lebhafter und vertraute ihm nun, halb geheimnißvoll, an, was Eva gerade in den Augen seiner Frau so achtungswerth machte, und was ja wirklich sehr hübsch wäre. »Mein Mütterchen,« erzählte er, »war nach Kopenhagen gefahren, um eine Kellnerin zu miethen. Ja, da waren freilich genug zu bekommen, und überdies sehr schöne Frauenzimmer; aber Mutter hat nun so ihre eigenen Gedanken und Ansichten; gute Augen hat sie! Da kamen sie nun schaarenweise und auch die Eva meldete sich. Aber, du lieber Gott, wie ärmlich war sie gekleidet, wie schmächtig und schwach sah sie aus. Was für Nutzen hätte sie uns wol bringen können? Indeß ein hübsches Lärvchen hatte sie, und dann weinte das arme Mädchen und bat Mutter so dringend, sich seiner doch ja anzunehmen, denn zu Hause ginge es ihm gar nicht gut und es müßte durchaus fort von Kopenhagen. Nun fehlt es Muttern nicht an der nöthigen Zungenfertigkeit, – es ist Schade, daß sie heute Abend nicht zu Hause ist, wie würde sie sich gefreut haben, den Herrn Baron zu sehen – ja, was wollte ich doch eigentlich nur sagen? Richtig, sie schwatzte nun mit der kleinen Eva so lange hin und her, bis sie ihr richtig gestand, weshalb sie durchaus fort wollte. Sehen Sie, das Mädchen ist schön, und den jungen galanten Herren in Kopenhagen war sein glattes Gesichtchen längst aufgefallen, und den alten war es ebenfalls nicht entgangen. So ein alter Herr, ich wäre im Stande, ihn mit Namen zu nennen, aber das kann ja gleichgültig sein, ein schrecklich vornehmer Mann daselbst, der noch dazu Familienvater war, hatte den Eltern allerlei vorgeschwatzt, und für solche arme Leute spielen dreihundert Thaler eine so große Rolle, daß man sie fast entschuldigen kann. Allein Eva weinte und sagte, lieber wolle sie sich im Festungsgraben ertränken. Da hatten sie denn dem armen Kinde immer wieder zugesetzt, bis es von dem Dienste hier draußen bei uns hörte. Eva weinte, küßte Muttern die Hand, und so kam sie denn mit, und seitdem haben wir an Eva nur unsere Freude und unsern Vorteil gehabt.«

Einige Augenblicke später trat Letztere herein. Otto's Auge ruhte wehmüthig auf der schönen Gestalt; noch nie hatte er bisher ein Weib so prüfend angeschaut. Eva's Antlitz war außerordentlich fein, Nase und Stirn edel geformt, die Augenbrauen dunkel und in den schwarzblauen Augen lag etwas Wehmüthiges und doch wieder Glückseliges. Man konnte auf diesen eigentümlichen Blick den homerischen Ausdruck anwenden: »unter Thränen lächeln«. Sie meldete, daß angespannt wäre.

Ein feiner Beobachter würde augenblicklich bemerkt haben, welche große Veränderung des Wirths Erzählung bei den beiden Freunden hervorgerufen hatte. Wilhelm erlaubte sich keine Freiheiten mehr gegen die arme Eva, während Otto sich ihr mehr zu nähern suchte, und Beide reichten ihr beim Abschiede ein größeres Trinkgeld, als sie sonst gegeben haben würden. Sie stand mit Otto allein an der offenen Thür und war ihm beim Umhängen seines Reisemantels behilflich.

»Bewahren Sie Ihr Herz rein!« sagte er ernst. »Das ist mehr werth als äußere Schönheit!«

Das junge Mädchen erröthete und sah ihm überrascht nach. So hatte bisher keiner seiner Altersgenossen zu ihm geredet. Die Freunde rollten weiter.

»Armes Mädchen!« sagte Otto, »indeß glaube ich, daß es in die Hände guter Leute gerathen ist.«

»Eva hat einen wunderbaren Blick!« bemerkte Wilhelm. »Wissen Sie übrigens, daß zwischen Ihnen und ihr eine auffallende Ähnlichkeit stattfindet? Ich habe sie sofort bemerkt.«

»Das ist ein Compliment, das ich in der That nicht verdiene,« versetzte Otto lächelnd. »Uebrigens wünschte ich ihr wirklich ähnlich zu sein.« Noch vor drei Uhr erreichten die Freunde Ringsted.

»So weit bin ich noch nie in Seeland hineingekommen,« sagte Otto.

»Dann will ich Ihnen als Führer dienen,« versetzte Wilhelm munter. »Ringsted erfreut sich nur einer einzigen Straße und eines kleinen Ansatzes zu einer neuen. Wie schnell man aber in dieser Großstadt bedient wird, davon können Sie sich sofort selbst überzeugen. Mittlerweile kann man an Hagbarth und Signe denken; nicht weit von hier, bei Sigersted, hing sein Mantel an der Eiche, während Signekils Wohnung in Flammen stand. Jetzt ist da nur Feld und Wiese mit einem Hünengrabe in der Nähe, aber in dem Volksliede leben sie fort. Darauf eilen wir an dem freundlichen Soröe vorüber, das sich mit dem Walde in dem buchtenreichen See abspiegelt; indeß bekommen wir nicht viel davon zu sehen. Doch gibt es hier eine andere romantische Partie, eine alte in eine Ritterburg verwandelte Kirche, auf einem in den See vorspringenden Hügel, und dicht daneben den unheimlichen Richtplatz. Von dort gelangt man nach Slagelse, einem schon lebhafteren Städtchen, mit dem Kloster Antvorskov, dem Grabe Frankenaus und einer sogenannten lateinischen Schule, die sich durch die in ihr erzogenen Dichter einen Namen erworben hat. Dort haben Baggesen und Ingemann Latein geschwitzt. Als ich mich früher einmal bei der Wirthin nach den dortigen Merkwürdigkeiten erkundigte, vermochte sie mir nur zwei aufzuzählen: Bastholm's Bibliothek und die neue englische Stadtspritze. Der Vorhang des Theaters zeigt eine Allee mit einem Springbrunnen, dessen Strahl so gemalt ist, daß er gerade aus dem Souffleurkasten hervorzusprudeln scheint, oder soll das Ganze etwa die englische Feuerspritze darstellen? Ich weiß es nicht. Die Coulissen geben ein treues Bild des städtischen Marktplatzes, so daß sich die biedern Bewohner in allen Stücken heimisch angeweht fühlen müssen. Sehen Sie, das ist die neuere Geschichte des Städtchens! Aus der älteren und romantischen wird Ihnen wol bekannt sein, daß der heilige Anders hier den Pfarrdienst verrichtete. So einen Mann lasse ich mir gefallen! Er ist dafür auch von unsern ersten Dichtern besungen worden. Zuletzt langen wir in Korsör an, wo Baggesen geboren ist und Birckner sein Grab gefunden hat. In der neueren Geschichte dieses Seestädtchens spielt König Salomo und Jürgen Hutmacher, dieses allerliebste Lustspiel Heibergs, in welchem bekanntlich der Dichter die guten Korsöer geißelt, eine große Rolle. Außerdem hat die Stadt meines Wissens einst ein Privattheater besessen, welches aber bald zu Grunde ging. Die Coulissen wurden verkauft, ein Müller erstand sie und flickte seine Windmühlenflügel damit aus. Ein Flügel versteckte sich unter dem üppigen Grün eines Stück Waldes, ein anderer hatte sich in eine gemüthliche Stube verwandelt, oder zeigte sich als lange Straße mit stattlichen Häusern, und rastlos jagte eines hinter dem andern her. Möglicherweise beruht das Ganze auch nur auf Verleumdung. Meine Kenntniß stammt aus Slagelse, und Nachbarstädte pflegen nicht gut von einander zu sprechen.«

So plauderte Wilhelm ununterbrochen fort, und die Freunde rollten den beschriebenen Weg entlang. Sie hatten bereits Slagelse und das Dorf Landsgrav passirt, als Wilhelm dem Kutscher befahl, von der geraden Landstraße rechts abzubiegen.

»Wohin wollen Sie uns führen?« fragte Otto.

»Ich beabsichtige, Ihnen eine Freude zu machen!« erwiderte Wilhelm. »In dem langweiligen Korsör kommen wir doch früh genug an. Das Dampfschiff geht erst um zehn Uhr ab, und jetzt ist es noch nicht einmal sieben. Ich will Ihnen eine angenehme Überraschung bereiten, denn ich weiß ja, daß Sie doch ein halber Katholik sind. Ich führe Sie an eine Stelle, wo Sie sich ein paar hundert Jahre zurückversetzt glauben sollen und sich in ein katholisches Land hineinträumen können. Was meinen Sie, wird das Sie nicht sehr angenehm berühren?«

Otto lächelte. Die Freunde stiegen aus und gingen über einen Weizenacker. Der Ort, an dem sie Halt machten, lag ziemlich hoch. Die ganze Landschaft breitete sich auf einmal vor ihren Blicken aus; sie überschauten den Belt mit Sprogö und Fühnen. Die Gegend ringsum war freilich flach, allein die verschiedenen Schattirungen des Grün, der nahe Bach, der dunkle Waldstreifen in der Nähe von Korsör, der Meerbusen selbst, und dies Alles noch dazu in einer warmen Morgenbeleuchtuug, nahm sich effectvoll genug aus. Die Freunde schlugen nun den rechtsabführenden Weg ein, und vor ihnen stand auf einer Anhöhe ein großes hölzernes Kreuz mit dem Bilde des Gekreuzigten. Zum Schutze gegen den Regen hatte man über das Kreuz ein kleines Dach gebaut, wie man es noch heutigen Tages in Baiern sehen kann. Das hölzerne Bild des Erlösers war mit kräftigen grellen Farben bemalt, und ein verwelkter Kornblumenkranz hing um sein geneigtes Haupt. »Merkwürdig,« sagte Otto, »daß sich in unserer Zeit, im Jahre 1830, ein so echt katholisches Symbol mitten in dem lutherischen Dänemark erhalten hat! Und trotzdem – Sie werden mich freilich auslachen – finde ich es hübsch; ich gestehe, es rührt mich und stimmt mich zur Andacht.«

»Wie? Dieses grelle, geschmacklose Bild?« rief Wilhelm. »Sehen Sie nur, wie plump! Das Haar ist getheert, damit es nicht unter dem Regen zu leiden hat. Die Bauern hier haben indeß ihren ganz besonderen Aberglauben. Lassen Sie nämlich dieses Kreuz verfallen, so geht es nach ihrer Einbildung mit dem Ertrage ihrer Ländereien rückwärts. Hier auf dieser Anhöhe war es, wo der heilige Anders, der vorhin erwähnte, berühmte Pfarrer von Slagelse, erwachte. Er hatte Christi Grab besucht, da er aber zu lange im Gebet verweilt hatte, war das Schiff abgesegelt und hatte ihn zurückgelassen. Da kam plötzlich ein Mann und nahm ihn zu sich auf das Pferd, um ihn nach JoppeEin Hafen im mittelländischen Meere, in welchem die Kreuzfahrer landeten. zu bringen. Unterwegs fiel der heilige Anders in einen tiefen Schlaf. Als er aber erwachte, lag er hier und hörte die Glocken in Slagelse läuten. Durch einen Ritt auf einem Füllen, welches nur eine Nacht alt war, erwarb er der Stadt ihre großen Ländereien in der kurzen Zeit, in welcher sich König Waldemar im Bade befand. Er vermochte seinen Handschuh auf die Strahlen der Sonne zu hängen. Die Anhöhe hier, auf der er erwachte, wurde Ruhestatt genannt, und auf derselben das Kreuz mit dem Bilde des Erlösers errichtet. Noch immer steht es hier und erinnert uns an die Sage vom heiligen Anders.«

In diesem Augenblicke kletterte ein kleines Bauermädchen die Anhöhe hinan, blieb aber, als sie die Fremden sah, stehen.

»Fürchte dich nicht, Kleine!« sagte Wilhelm. »Was hast du denn da? Einen Kranz? Soll der auf das Kreuz gehängt werden? Komm nur, wir werden dir helfen!«

»Er sollte über dem Heiland hängen,« sagte die Kleine, welche den Kranz von schönen blauen Kornblumen vor Verlegenheit fast fallen ließ. Otto nahm ihr den Kranz ab und hängte ihn an die Stelle des verwelkten.

»Das war unser Morgenabenteuer!« sagte Wilhelm, und bald rollten sie in dem tiefen Sande auf Korsör zu, den Hügeln entgegen, von welchen Baggesen als Kind Sonne und Mond ins Meer hinabsinken sah und sich Flügel wünschte, um sie zu fangen.

Trübselig still liegt die Stadt an der flachen Küste; das alte Schloß dient als Packhaus, und hohes Gras wächst auf dem Walle. Bei einem Sturm, der von der See einherbraust, schlägt die Brandung gegen die äußersten Häuser. Hoch oben auf der Kirche ist ein Telegraph angebracht; das schwarze Holzwerk desselben gleicht Trauerflaggen, die über der sinkenden Stadt aufgehängt sind. Hier gibt es für den Fremden nichts zu sehen, nichts, als ein Grab: das des Denkers Birckner. – Die Freunde fuhren nach dem am Strande gelegenen Wirthshause. Nicht ein Mensch begegnete ihnen auf der Straße, außer einem Jungen, der mit einer Tischglocke vor den Häusern läutete.

»Das ist der Ruf zur Kirche,« erklärte Wilhelm. »Da der Thurm ohne Glocken ist, behilft man sich mit einem solchen wandelnden Glockenläuter. Gottlob, nun werden wir gleich beim Wirthshaus ankommen!«

»Baron Wilhelm!« rief da plötzlich eine kräftige Stimme, und ein Mann in grüner Jacke mit großen Brusttaschen, der mächtige, bis an die Stulpen bespritzte Reitstiefeln trug und in der Hand eine wuchtige Peitsche hielt, trat ihnen entgegen, lüftete nachlässig seine schwarze Mütze von Roßhaaren und reichte Wilhelm die Hand.

»Der Kammerjunker aus Fühnen!« sagte Wilhelm, »meiner Mutter Nachbar, einer der reichsten und thätigsten Rittergutsbesitzer auf ganz Fühnen.«

»Sie müssen mich schon an einem der nächsten Tage besuchen!« sagte der Kammerjunker. »Sie sollen das russische Dampfbad probiren, das ich mir auf meinem Gute habe einrichten lassen. Alle, die mir die Ehre ihres Besuches schenken, Damen wie Herren, müssen es ohne Ausnahme versuchen. Sie schwitzen, daß es eine wahre Lust ist!«

»Wie steht es mit den Kirschbäumen?« fragte Wilhelm. »Versprechen sie in diesem Jahre eine reichliche Ernte?«

»Nein, nein,« erwiderte der Kammerjunker, »auf die freuen Sie sich umsonst. Dafür wird aber die Apfelernte wahrscheinlich desto reichlicher ausfallen. All die alten Apfelbäume in dem Berggarten stehen in voller Pracht. Ich habe ihnen wieder neue Jugendkraft einzuhauchen verstanden. Vor zwei Jahren trugen sie alle zusammen nicht einen Scheffel. Aber ich ließ die Pferde, denen zur Ader gelassen wurde, unter die Bäume führen und das warme Blut über ihre Wurzeln spritzen. Nachdem ich diese Procedur einige Male vorgenommen hatte, zeigte es sich, daß es eine wahre Lebenseinimpfung gewesen ist.«

»Und wie steht es auf ...?« Wilhelm nannte ein fühnisches Rittergut, dessen adelige Herrschaft einen bekannten Namen führt.

»O,« erwiderte er, »beide Fräulein sind, wie Sie wol wissen werden, mit zwei Vettern verlobt. Sie heirathen ja stets in der Familie, was weder für Menschen noch für Vieh dienlich ist. Daher haben sie da drüben auch beständig eine ganze Apotheke im Hause, denn bald fehlt es ihnen hier bald da. In China pflegte man allerdings mit dem Vieh das Experiment vorzunehmen, immer nur Verwandtes zu paaren. Das gibt fettes und mürbes Fleisch, Knochen und Sehnen nehmen ab, und solches Vieh liefert doppelt so viel Talg wie gewöhnliches. Aber Herr mein Gott, das ist doch nicht des Menschen Bestimmung!«

»Wir haben hoffentlich guten Wind!« unterbrach ihn Otto, den diese Unterhaltung zu langweilen begann.

»Nein, er weht uns gerade entgegen!« versetzte der Kammerjunker. »Die Wetterfahne auf jenem kleinen Hause drüben lügt. Sie ist stets nach Nyborg gedreht, zeigt stets den Abreisenden guten Wind an. In Nyborg befindet sich ebenfalls eine Fahne, die eben so fest wie die hiesige steht und den Leuten dort gleichfalls von gutem Winde vorschwatzt. In meinen Augen gelten die beiden feststehenden Fahnen nur als eine Art Wegweiser, die sagen wollen: Dorthin geht der Weg. Nein, hätten wir günstigen Wind gehabt, so wäre ich mit dem Fährschiffe gegangen, nicht mit dem Plätscherkasten, wie die Seeleute das Dampfschiff nennen. – Der Wagen erwartet wol die jungen Herren in Nyborg?« fuhr er fort. »Ich schließe mich Ihnen an; ich habe meinen Braunen im Gasthofe bei Schalburgs stehen lassen. Den sollen Sie sehen! Sehnen hat er wie Stahlfedern, und seine Beine würden einem Tanzmeister Ehre machen. Dafür ist es auch mein Brauner!«

»Niemand weiß etwas von unserer Ankunft!« erwiderte Wilhelm. »Wir nehmen deshalb in Nyborg einen Wagen.«

»So wollen wir zusammen reisen!« entgegnete der Kammerjunker, »und dann müssen Sie mich mit dem jungen Herrn besuchen. Sie sollen auch in der schwarzen Kammer schlafen. Sie werden mir doch die Freude bereiten?« wandte er sich an Otto. »Schwärmen Sie für Alterthümer, so wird Ihnen mein Gut Vergnügen gewähren. Da gibt es Gräben, Thürme und Wachtstuben, ja, es fehlen auch Gespenster und Poltergeister nicht, wie man es von einem alten Gute mit Recht verlangen kann. – Die schwarze Kammer! Nicht wahr, Herr Baron, so ganz geheuer ist es darin nicht?«

»Der Henker bleibe bei Ihnen über Nacht!« sagte Wilhelm. »Spät kommt man erst zu Bette und dann darf man sich auch nicht einen Augenblick dem Schlafe überlassen. Sie, Ihre Schwester und die Mamsell bilden ein allerliebstes Kleeblatt! Nein, Zostrup, Sie können sich nicht vorstellen, welche Possen auf dem Gute des Kammerjunkers getrieben werden! Man muß darauf vorbereitet sein. Es soll dort umgehen. Wollen sich indeß nicht die Todten damit befassen, so thun es die Lebenden. Der Kammerjunker steht mit seinen Frauenzimmern im Complott. Neulich hatten sie mir sogar lebendige Maikäfer in mein Kopfkissen genäht. Das kribbelte und krabbelte, und ich plagte mich vergeblich ab, herauszubekommen, was es sein könnte. Außerdem hatten sie mir einen lebendigen Hahn unter das Bett gesetzt, und als ich endlich in der Morgendämmerung einschlafen wollte, begann das schreckliche Thier zu krähen.«

»Das hatten die Frauenzimmer angezettelt,« sagte der Kammerjunker. »Hatten sie nicht auch in der nämlichen Nacht eine Thürklingel am Kopfende meines Bettes anbringen lassen? Ich hatte nicht die geringste Ahnung davon. Der dicke Länder schlief mit mir in demselben Zimmer und hatte längs der Wand eine Schnur bis nach der Klingel gezogen. Mit einem Male erwachte ich von einem heftigen Geklingel. »Was Teufel ist das für eine Klingel?« schrie ich und schaute rings in der Stube umher, da es mir unbegreiflich war, woher die Töne kommen könnten. »Klingel?« fragte Länder, »hier ist ja gar keine Klingel!« Wirklich hatte auch das Klingeln plötzlich aufgehört. Ich glaubte deshalb geträumt, oder von dem Trinkgelage her noch einen kleinen Spitz zu haben. Aber mit einem Male begann das Geläute von Neuem. Länder nahm dabei die allerunschuldigste Miene an, und ich kann mich selbst nicht begreifen, ich glaubte wirklich, es beruhe auf Einbildung. Es wurde mir ganz eigen zu Muthe, ich verläugnete mein eigenes Gehör und sagte: »Nein, es hat mir nur geträumt!« Darauf fing ich zu rechnen und zu zählen an, um wieder zu vollem Verstande zu kommen. Aber fuhr nicht das Unwesen fort, daß ich hätte närrisch werden mögen?! Endlich sprang ich zum Bette hinaus und überzeugte mich dann auch von dem mir gespielten Streiche; Länders Kopf war aber von verhaltenem Lachen roth angeschwollen.«

»Ergötzen Sie sich auch an dergleichen Scherzen auf Ihrem Gute?« fragte Otto, sich an Wilhelm wendend.

»Nein, wenigstens nicht an so drastischen!« erwiderte der Kammerjunker. »Höchstens legen sie Einem dort ein Stück Holz oder einen Haubenkopf ins Bett. Fräulein Sophie unterhält uns übrigens mit anderen artigen Dingen, mit lebenden Bildern und Schattenspielen. Ich habe ja auch einmal mitwirken müssen. Ja, was mußte ich doch gleich vorstellen? – Richtig, ich trat, Gott helfe mir, als König Cyrus auf, trug eine Papierkrone und hatte Fräulein Sophiens Mantel um, das Futter nach außen, weil es aus Zobelpelz besteht. Ich sah wahrhaft teuflisch aus.« Die Passagiere des Dampfschiffs wurden jetzt an Bord gerufen, die Gesellschaft ging zum Schiffe hinab und bald flog es durch die Wogen des Belts.

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