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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
projectidb68dc3dc
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6.

– Bist du Prometheus, der die Wunden fühlet?
Bist du der Geier, der sein Herz durchwühlet?
J. Ch. v. Zedlitz's Todtenklänge.

Keine halbe Stunde nach dieser Begebenheit rollte ein Wagen auf dem Wege nach der Stadt, ein großer dreisitziger Wagen, in dem aber, den Kutscher abgerechnet, nur ein Einziger Platz genommen hatte. Es war Otto; seine Lippen waren blaß, denn der Tod hatte sie ja berührt. Allein jagte er dahin, seine letzten Worte an Wilhelm waren auch seine einzigen gewesen.

»Er muß närrisch geworden sein!« sagte einer der Freunde.

»Er hat wieder einmal seinen Raptus,« versetzte ein Anderer, »wie damals beim Examen, als er in der Mathematik nur ein Blatt weißes Papier abgab, weil er sich von dem die Aufsicht führenden Professor beleidigt fühlte.«

»Ich ärgere mich über meinen thörichten Scherz in vollem Ernste!« sagte Wilhelm. »Ich hätte ihn besser kennen müssen! Er hat einen merkwürdigen, unglückseligen Charakter. Gebet mir die Hand darauf, daß kein Wort über den Vorfall gesprochen wird. Es würde nur zu allerlei Gerede Veranlassung geben und ihn tief verletzen. Das verdient er sicherlich nicht, denn er ist sonst ein vortrefflicher, herrlicher Mensch.«

Sie gaben einander die Hand darauf und fuhren nach der Stadt.

Noch am Abend desselben Tages wollen wir Otto aufsuchen. Wir finden ihn auf seinem Zimmer. Schweigend, mit gekreuzten Armen stand er vor einem Kupferstiche, einer Copie von Horace Bernet's bekanntem Gemälde, welches Mazeppa darstellt, wie er, auf ein wildes Pferd gebunden, durch den Wald jagte. Wölfe blicken mit glühenden Augen durch das Dickicht und zeigen ihre scharfen Zähne.

»Mein eigenes Leben!« seufzte Otto, »auch ich bin an ein solches wildes Pferd gebunden, welches rastlos mit mir dahinjagt. Und keinen Freund, nicht einen einzigen! Wilhelm, ich könnte dich morden! Sie Alle könnte ich in ihrem Blute sehen! O, allmächtiger Gott!« Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und warf sich auf einen Stuhl, aber die Augen hefteten sich immer wieder auf das Bild, welches ihm einen mit seinem eigenen Seelenzustande so verwandten Moment vorhielt.

In diesem Augenblicke ging die Thür auf, und Wilhelm stand vor ihm.

»Wie geht es Ihnen, Zostrup?« fragte er. »Wir sind doch noch immer dieselben alten Freunde, wie sonst?« Bei diesen Worten wollte er ihm die Hand reichen, aber Otto zog die seinige zurück. »Ich habe nichts gethan, was Sie in dem Grade erzürnen könnte!« fuhr Wilhelm fort. »Das Ganze war ein Scherz! Geben Sie mir die Hand, und wir wollen dann kein Wort weiter darüber verlieren!«

»Nie reiche ich dem die Hand, welchen ich hasse!« erwiderte Otto, und seine Lippen wurden weiß, wie seine Wangen.

»Zum zweiten Male sagen Sie mir heute diese Worte!« rief Wilhelm, und das Blut stieg ihm ins Gesicht. »Wir waren Freunde; weshalb können wir es nicht länger sein? Hat man mich bei Ihnen verleumdet? Welche Lügen hat man über mich verbreitet? Sagen Sie es mir offen und ehrlich, und ich werde mich zu vertheidigen wissen.«

»Sie müssen sich mit mir schießen!« sagte Otto, und sein Blick wurde finsterer. Wilhelm schwieg. Einen Augenblick herrschte Stille. Otto unterdrückte einen tiefen Seufzer. Endlich unterbrach Wilhelm das Schweigen und sagte mit ernster bewegter Stimme: »Ich besitze einen hohen Grad von Leichtsinn, treibe oft Scherz und fasse Alles von der heiteren Seite auf, allein trotzdem habe ich Herz und Gefühl. Sie müssen erkannt haben, wie lieb Sie mir vor den meisten Andern gewesen sind. Sie sind es mir noch, wie sehr Sie mich auch beleidigen. In diesem Augenblicke ist Ihr Blut in Wallung. Wenn auch nicht jetzt, so werden Sie es doch nach einigen Tagen selbst am Besten einsehen, wer von uns der eigentliche Beleidiger ist. Sie verlangen, ich soll mich mit Ihnen schießen. Ich will auf diese Forderung eingehen, falls Sie zur Wiederherstellung Ihrer Ehre dieser Genugthuung bedürfen; allein Sie müssen mir auch einen annehmbaren Grund angeben; ich will wissen, weshalb wir unser Leben auf das Spiel setzen. Lassen Sie erst einige Tage darüber hingehen, überlegen Sie reiflich Alles mit Ihrem Verstande, wie mit Ihrem Herzen! Von Ihnen selber wird es dann abhängen, ob wir Freunde bleiben sollen, wie zuvor. Leben Sie wohl!« Wilhelm ging.

Jedes seiner Worte war Otto zu Herzen gedrungen. Einen Augenblick stand er schweigend und in sich gekehrt, dann erbebten unwillkürlich seine Glieder, Thränen entströmten seinen Augen; es war ein förmlicher Weinkrampf, in den er mit zurückgebogenem Kopfe verfiel. »Gott, wie unglücklich bin ich!« waren die einzigen Worte, die sich über seine Lippen drängten.

Einige Augenblicke verstrichen. Endlich hatte er sich ausgeweint und wurde ruhiger. Plötzlich sprang er dann auf, schob den Riegel vor die Thüre, ließ die Fenstervorhänge herab, zündete ein Licht an und blickte noch einmal spähend umher; sogar das Schlüsselloch wurde verhängt. Nun zog er den Rock aus und entblößte seinen Oberkörper ...

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