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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
projectidb68dc3dc
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5.

Hört nun der Pauken und Trompeten Klang,
Verstimmte Geigen, Schreien und Gesang.
Jetzt ist, Hurrah!
Der Doctor da!
Auf diesem Hügel wollen wir uns lagern!
J. L. Heiberg.

Nicht Schritt für Schritt wollen wir die Hauptpersonen in unserer Erzählung begleiten, sondern nur die hervorragenden Lebensmomente mittheilen, mögen sie nun groß oder klein sein, wir verweilen bei ihnen, wenn sie dazu beitragen können, das ganze Gemälde anschaulicher zu machen.

Der Winter war verstrichen; die Zugvögel hatten schon längst ihre alten Nester wieder aufgesucht, Fluren und Wälder standen üppig grün da, und was den Freunden eben so interessant war, sie hatten das examen philologicum glücklich bestanden. Wilhelm, der unmittelbar nach Beendigung desselben seine Schwester nach Hause begleitet hatte, war bereits wieder zurückgekehrt, sang mit dem kleinen Jonas, dachte schon an das philosophicum, erwog aber auch, wie er den Sommer, den hier im Norden eben so schönen wie kurzen Sommer genießen könnte.

Es war Johannistag. Die Kopenhagener waren nach ihren hübschen Landhäusern am Strandwege hinausgezogen, wo Reiter und Wagen vorbeisausten und die Landstraße unaufhörlich von Fußgängern belebt war. Der ganze Weg bot ein Bild des Pariser Lebens auf den Boulevards dar. Die Sonne brannte und der Staub wirbelte hoch in die Luft empor, weshalb Viele die angenehme Fahrt mit dem Dampfschiffe die Küste entlang wählten, von dem aus man das ganze Treiben auf der Landstraße überschauen konnte, ohne von Staub und Sonnenhitze zu leiden. Schiffe segelten vorüber, muntere Matrosen wetteiferten, um mit kräftigen Ruderschlägen das Dampfboot zu überholen, dessen schwarzer Rauch dämonenhaft halb über der Spitze des Mastbaums und halb in der Luft hinschwebte.

Mehrere junge Studenten, unter welchen sich auch Wilhelm und Otto befanden, verließen bei Charlottenlund, dem besuchtesten Lustwäldchen der Kopenhagener, das Schiff. Zum ersten Male war Otto hier, zum ersten Male sollte er den Thiergarten sehen.

Ein Sommernachmittag im Linkeschen Bade bei Dresden hat mit Charlottenlund ungemein viel Verwandtes, nur daß der dänische Wald größer ist, daß wir statt der Elbe den Sund vor uns haben, der hier eine Breite von drei Meilen erreicht, und wo oft mehr als hundert Schiffe unter allen nur denkbaren europäischen Flaggen vorübergleiten. Ein Musikchor spielte Stücke aus Preciosa, durch die grünen Buchen schimmerten die weißen Zelte wie Schnee oder Schwäne hindurch. Hier und da war ein Herd von Rasen errichtet, auf welchem man kochte und briet, so daß der blaue Rauch zwischen den Bäumen emporwirbelte. In langen Reihen hielten außerhalb des Waldes Bauernwagen, Kaffeemühlen genannt. Sie entsprechen, was die Billigkeit, die Ueberladung mit Passagieren und die dadurch hervorgebrachte malerische Gruppirung anlangt, dem Corricolo der Neapolitaner, wie dem coucou der Pariser. Auf einem Gemälde von Marstrand sind diese Scenen aus dem Volksleben in genialer Weise aufgefaßt. Lustig geht es nun zwischen Aeckern und Wiesen nach dem Thiergarten hinüber; die Freunde wanderten jedoch den Fußpfad entlang.

»Soll ich die Herren abbürsten?« riefen gleichzeitig fünf bis sechs kleine Jungen, die ungestüm die Freunde umdrängten, als sich dieselben dem Eingange zum Thiergarten näherten. Ohne erst eine Antwort abzuwarten, begannen sie sofort sämmtlich, ihnen den Staub von Kleidern und Stiefeln abzubürsten.

»Das sind Kirsten Piils Pagen!« sagte Wilhelm lachend. »Sie sorgen dafür, daß man rein und sauber auftreten kann. Aber nun sind wir blank genug!« Ein Sechsschillingstück belohnte die kleinen Savoyarden.

Die »Champs Elysées« der Pariser bei einem großen Volksfeste, wenn die Theater aufgeschlagen sind, die Schaukeln schweben, Trompeten und Trommeln die sanftere Musik zu übertäuben drohen und sich das Menschengewimmel wie ein einziger zusammenhängender Körper zwischen Buden und Zelten entlang bewegt, gewähren einen ähnlichen Anblick, wie ihn der sogenannte Thiergartenhügel darbietet. Man glaubt Neapels »Largo del castello« mit seinen tanzenden Affen, schreienden Bajazzos und dem ganzen betäubenden Jubel in einen nordischen Buchenwald versetzt zu sehen. Auch hier zeigen an den Bretterbuden große grelle Gemälde, welche köstlichen Schauspiele man in ihnen genießen kann. Die schöne Kunstreiterin steht auf dem Bretterbalcon und knallt mit der Peitsche, während der Clown in die Trompete stößt. Große bunte Papageien nicken von der Stange, auf der sie festgekettet sitzen, über den Köpfen der Menge. Hier steht ein Bergmann in seiner schwarzen Tracht und zeigt das Innere eines Bergwerks. Er dreht den Leierkasten, und die Puppen steigen nach der Musik auf und nieder. Wieder ein Anderer zeigt die prächtige Festung Frederikssteen: »Die ganze Cavallerie und Infanterie, welche erschrecklich viel gelitten haben! Hier ein Mann ohne Gewehr, da ein Gewehr ohne Mann! Hier einer ohne Bajonnet, da ein Bajonnet ohne einen, und doch sind sie froh und zufrieden, denn sie haben ihren Sieg verwunden. –Des Ausrufers eigene Worte. Holländische Waffelbuden, in denen hübsche Holländerinnen in ihrer Nationaltracht aufwarten, locken Jung und Alt. Hier ein Guckkasten, dort ein seltener dänischer Ochse u. s. w. Hoch zwischen die frischen Baumzweige empor fliegt die Schaukel. Sind es vielleicht zwei Liebende, die dort schweben? Ein Luftzug erfaßt des Mädchens Kleid und Shawl; fest schlingt der junge Mann seinen Arm um der Geliebten Leib; es geschieht nur der Sicherheit wegen, sie sitzt dann weniger der Gefahr ausgesetzt. Unten am Fuße des Hügels ist Alles mit Kochen und Braten beschäftigt; man glaubt ein Zigeunerlager vor sich zu haben. – Unter dem Baume sitzt der alte Jude, der heute gerade sein fünfzigjähriges Jubiläum feiert; seit einem halben Jahrhundert sang er hier täglich sein komisches Doctorlied. Jetzt, wo wir dieses lesen, ist er todt; das charakteristische Antlitz Staub, die sprechenden Augen sind geschlossen, sein Gesang verhallte Töne. Oehlenschläger hat uns das Bild desselben in seinem St. Johannis-Abendspiel aufbewahrt, und es wird eben so fortleben, wie Meister Jakel, unser dänischer Thespis. Hier auf dem Hügel steht sein kleines Theater; von Vater auf Sohn vererbten sich Marionetten und das Stück, welches jede Viertelstunde am Tage wiederholt wird. Die offene Natur ist der Zuschauerplatz, und nach jeder Vorstellung geht der Director selbst mit dem Teller umher.

Dies war das erste Schauspiel, welches die Freunde zu sehen bekamen. Nicht weit davon stand ein bäurisch gekleideter Taschenspieler mittleren Alters, der die Aufmerksamkeit durch sein gemeines, häßliches Gesicht ans sich zog. Seine Hemdärmel waren in die Höhe gestreift und zeigten dichtbehaarten, musculöse Arme. Die Menge, welche sich schnell verlief, als Meister Jakel den Teller umhergehen ließ, riß Otto und Wilhelm mit sich fort und schob sie bis an die niedere Schranke, welche vor des Taschenspielers Tisch errichtet war.

»Treten Sie herein, meine gnädigen Herren, meine hohen Herrschaften!« sagte der Taschenspieler mit einer Betonung der Worte, die seine deutsche Abstammung zu erkennen gab. Er öffnete die Schranke, und beide Freunde, die förmlich hineingestoßen wurden, nahmen auf der Bank Platz, auf der sie sich doch wenigstens außerhalb des Gedränges befanden.

»Wollen der wohlgeborene Herr so gütig sein, diesen Becher zu halten!« sagte der Taschenspieler und reichte Otto einen seiner Apparate. Otto blickte den Mann, welcher mit seiner Kunst beschäftigt war, scharf an, und erröthete plötzlich bis an die Stirn, während unmittelbar darauf Todesblässe sein Antlitz überflog. Seine Hand bebte, wenn auch nur einen kurzen Augenblick. Er raffte schnell seine ganze Seelenstärke zusammen, und Niemand hätte eine äußerliche Veränderung an ihm wahrzunehmen vermocht.

»Das Kunststück macht Ihnen alle Ehre!« sagte Wilhelm.

»Ja, in der That!« entgegnete Otto, obgleich er durchaus nichts gesehen hatte. Er fühlte sich auf das tiefste ergriffen. Nachdem der Mann noch einige Kunststücke gemacht hatte, näherte er sich mit dem Teller. Otto legte eine Mark hinein und erhob sich zugleich, um sich zu entfernen. Der Mann bemerkte das große Geldstück, ein Lächeln spielte um seinen Mund, er schaute Otto an, und ein eigentümlich boshafter Ausdruck lag in dem tückischen Blicke, mit dem er seinen laut ausgesprochenen Dank: »Herr Otto Zostrup sind stets gleich gnädig und gütig!« begleitete.

»Kennt Sie dieser Mann?« fragte Wilhelm.

»Man hat die Ehre!« grinste der Taschenspieler und ging weiter.

»Auf seiner Reise durch die jütischen Dörfer ist er auch auf meines Vaters Gute als Künstler aufgetreten!« flüsterte Otto.

»Also eine Bekanntschaft aus der Kindheit!« sagte Wilhelm.

»So ist es!« versetzte Otto, und sie bahnten sich einen Weg durch das Gewühl.

Sie trafen einige junge Edelleute, die mit Wilhelm verwandt waren, den Vetter, der die Verse zur Weihnachtsbescheerung verfaßt hatte, so wie auch einige Freunde vom Examenschmause, und die Gesellschaft vermehrte sich. Sie beabsichtigten, wie Viele an diesem Festtage zu thun pflegten, die Nacht im Walde zuzubringen und um Mitternacht aus Kirsten Piils Quelle zu trinken. Mit Eintritt der Dunkelheit begönne hier die Lust erst recht, versicherten sie. Otto hatte indeß schon vorher erklärt, gegen Abend wieder nach der Stadt zurückzukehren. »Daraus wird nichts!« sagte der Dichter, »machen Sie Miene sich zu entfernen, so binden wir Sie an einen von uns fest!«

»Dann nehme ich ihn auf dem Rücken mit mir!« erwiderte Otto, »und laufe trotzdem nach der Stadt. Was soll ich wol die Nacht über im Walde?«

»Lustig sein!« entgegnete Wilhelm. »Kommen Sie uns jetzt nicht mit Ihren Absonderlichkeiten, oder ich schlage auch einmal hinten aus!« Leierkasten, Trompeten und Trommeln brausten durch einander; Bajazzo brüllte und einige alte heisere Jungfern sangen und klimperten auf der Guitarre; es machte einen komischen oder rührenden Eindruck, je nachdem man sich aufgelegt fühlte. Der Abend begann zu dämmern, und nun wurde das Gedränge größer, die Freude geräuschvoller.

»Aber wo ist denn Otto?« fragte mit einem Male Wilhelm. Otto war im Gedränge verschwunden. Nachsuchen wäre vergeblich gewesen; man mußte sich auf den Zufall verlassen, der sie vielleicht wieder zusammenführte. Oder hatte er sich etwa absichtlich von ihnen getrennt? Niemand vermochte zu sagen, was ihn dazu veranlaßt haben könnte; Niemand ließ sich träumen, was in seiner Seele vorgegangen war.

Es wurde Abend, und bald glich der aus dem Thiergarten führende Landweg so wie der danebenhinlaufende Fußpfad zwei beweglichen bunten Bändern, während im Parke selbst das Gewühl merklich abnahm. Nun schien die Landstraße in den Thiergartenhügel verwandelt. Die Wagen jagten wie bei einer Wettfahrt an einander vorüber, das Volk schrie und sang, und wenn es auch nicht so melodisch wie die Barcarole der Fischer unter dem Lido klang, so sprach sich doch die ganze Carnevalsfreude des Südländers darin aus. Das Dampfschiff eilte die Küste entlang. Rings umher stiegen aus den Gärten der Landhäuser Raketen in die blaue Luft empor, des Nordens Moccoli nach dem Carneval des Thiergartens.

Wilhelm blieb mit seinen jungen Freunden im Walde, wo sie ja mit dem Schlage Zwölf aus Kirsten Piils Quelle trinken wollten. Männer und Frauen, Mädchen und Burschen der niederen Volksklassen und sonst noch andere junge lustige Leute pflegen hier in dieser Weise die Johannisnacht zu feiern. Noch immer lärmte die Musik, noch immer blieben die Schaukeln in Bewegung und brannten die ausgehängten Laternen, während der Neumond durch die dunkeln Baumzweige hindurchschimmerte.

Gegen Mitternacht erstarb allmählich der Lärm. Nur ein blinder Bauer saß noch immer da und kratzte auf den drei letzten Saiten seiner Geige. Einige Dienstmädchen gingen mit ihren Geliebten Arm in Arm und sangen. Um zwölf Uhr drängten sich Alle um die Quelle und tranken das klare eiskalte Wasser. In einiger Entfernung erklang in der schweigenden Nacht feierlich ein vierstimmiger Männerchor. Es war, als sängen die Waldgötter zum Preise der Quellnymphe.

Auf dem Hügel war es jetzt leer und still, Bajazzo und il padrone schliefen im luftigen Leinwandzelte unter einer und derselben Decke. Der Mond ging zwar unter, aber man befand sich in der Zeit der hellen Nächte. Einen schöneren Sternenhimmel kann man selbst in einer frostklaren Winternacht nicht erblicken. Wilhelms Gesellschaft war lustig, die Stunden flossen ihr leicht dahin. Unter vierstimmigem Gesange wanderte die Gesellschaft durch den Wald nach dem Meeresufer hinunter. Der Tag graute bereits; am Horizonte verkündete ein rother Streifen sein Kommen.

Die Natur sang ihnen die Mythe von der Schöpfung der Welt genau in derselben Weise vor, wie sie sie einst dem Moses sang, der diese Stimme Gottes in der Natur niederschrieb. Das Licht zerstreute die Finsterniß; Himmel und Erde wurden geschieden. Zuerst zeigten sich die Vögel in der klaren Luft, dann erhoben sich die Thiere des Feldes und zuletzt betrat der Mensch den Schauplatz der Welt.

»Der Morgen ist ordentlich schwül!« sagte Wilhelm. »Spiegelglatt dehnt sich die See vor uns aus. Wollen wir nicht ein Bad nehmen?«

Der Vorschlag wurde angenommen.

»Da sind auch schon die Najaden!« rief einer aus der Gesellschaft, als eine Schaar Fischer-Frauen und Mädchen in bloßen Füßen, die grünen Röcke aufgeschürzt und mit Körben auf dem Rücken, in denen sie die Fische nach Kopenhagen zu tragen pflegen, plötzlich an ihnen vorüberschritt. Die lustigen Brüder warfen der Schönsten einen Blick zu, so warm und blitzend, wie ihn nur die Sonne selbst auf sie zu werfen vermochte, die in diesem Augenblicke aufging und über den Sund ihre ersten Strahlen schoß, wo ein prächtiger Dreimaster alle Segel aufgehißt hatte, um jeden Windhauch auffangen zu können. Die Gesellschaft erreichte das Ufer.

»Da schwimmt schon Einer draußen!« sagte Wilhelm. »Wie schnell und sicher sind seine Bewegungen! Das ist ein ausgezeichneter Schwimmer!«

»Hier liegen seine Kleider!« fügte ein Anderer hinzu.

»Wie?« rief Wilhelm, »das ist ja Otto Zostrups Rock! Aber er kann ja gar nicht schwimmen! Ich habe ihn nie zu bewegen vermocht, mich ins Bad zu begleiten. Nun, wir wollen ihm nach und den eigenthümlichen Grund seiner Weigerung herauszubekommen suchen!«

»Er ist es sicherlich!« sagte ein Anderer. »Jetzt tritt er Wasser!«

»Dann muß er aber doch auch die Nacht im Walde zugebracht haben!« rief Wilhelm. »Das ist mir wirklich ein hübscher Vogel! Entläuft uns! Das soll ihm vergolten werden! Guten Morgen, Otto Zostrup!« rief er laut. »Haben Sie die ganze Nacht in der See gelegen, oder hätten wir Sie noch an anderen unpassenden Orten suchen müssen? Es gehört nicht zu den Sitten civilisirter Leute, seine Freunde ohne das geringste Abschiedswort zu verlassen. Da Sie sich jedoch einmal in der Rolle des Naturmenschen gefallen, so wollen wir Ihre Siebensachen mitnehmen. Es kann für Sie nicht genannt sein, uns in puris naturalibus im Walde aufzusuchen!«

Otto erhob zwar den Kopf, verhielt sich aber schweigend.

»Nun, wollen Sie nicht ans Land kommen?« rief Wilhelm. »Nur, wenn Sie vor einem Jeden von uns niederknien, erhalten Sie die einzelnen Stücke Ihres Anzuges zurück, damit Sie wieder fähig sind, sich als gebildeter Europäer zu zeigen!« Bei diesen Worten vertheilte er die Kleidungsstücke an die Uebrigen, bis Jeder eines derselben in der Hand hielt.

»Lassen Sie diese Narrenspossen!« rief Otto mit einem seltsamen Ernste. »Legen Sie die Kleider hin und gehen Sie Ihrer Wege!«

»Ganz wie Sie befehlen!« entgegnete Wilhelm. »Sie sind wirklich ein geriebener Fuchs! Sie können nicht schwimmen, sagen Sie! Nein, es hilft Ihnen alles nichts, Sie müssen knien!«

»Entfernen Sie sich!« rief Otto, »oder ich schwimme in den Strom hinaus und komme nie wieder!«

»Darin ließe sich immer eine gewisse Originalität erkennen!« versetzte Wilhelm. »Sie haben die Wahl, schwimmen Sie hinaus oder kommen Sie an das Land und beugen Sie Ihre Kniee!«

»Wilhelm!« schrie Otto mit einem ergreifenden Seufzer und schwamm augenblicklich in kräftigen Bewegungen hinaus.

»Da schwimmt er hin!« sagte einer aus der Gesellschaft. »Wie sicher er die Wellen durchschneidet! Er ist ein herrlicher Schwimmer!«

Lächelnd schauten sie über die spiegelglatte Fläche hin; immer weiter und weiter schwamm Otto hinaus.

»Aber wo will er eigentlich hin?« rief endlich, etwas ernst, einer aus der Gesellschaft. »Er muß ja die Kräfte verlieren, bevor er die Strecke wieder zurückzulegen vermag!«

»Er wird doch nicht toll geworden sein!« rief Wilhelm. »Laßt uns das Boot hier lösen und ihm nachrudern! Der Scherz kann einen bösen Ausgang nehmen!«

Sie lösten das Boot. In weiter Ferne schwamm Otto, Mit schnellen Ruderschlägen suchten sie ihn zu erreichen.

»Wo ist er geblieben?« schrie Wilhelm einen Augenblick später. »Ich sehe seinen Kopf nicht mehr.«

»Dort taucht er eben wieder auf!« rief ein Anderer, »aber die Kräfte scheinen den Schwimmer zu verlassen!«

»Vorwärts, vorwärts!« schrie Wilhelm, »er ertrinkt, wenn wir ihm nicht zu Hilfe kommen. Seht, er beginnt zu sinken!«

Alle Kräfte waren Otto verschwunden; sein Kopf sank und verschwand unter dem Wasser. Fast hatten ihn die Freunde erreicht. Schnell warfen Wilhelm und ein Paar der besten Schwimmer Stiefel und Röcke von sich, sprangen in die See und tauchten unter das Wasser. Es verging ein kurzer lautloser Augenblick. Da erschien einer der Schwimmer wieder auf der Oberfläche. »Er ist todt!« lautete die erste Schreckensmäre. Nach ihm tauchten Wilhelm und die drei Andern empor, welche Otto fest umschlungen hielten. Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre das Boot gekentert, als man ihn hineinhob. Todtenbleich lag er da, eine schön geformte Marmorstatue, das Bild eines jungen Gladiator, der in der Arena gefallen ist.

Die Freunde suchten ihn ins Leben zurückzurufen und rieben ihm vor Allem Brust und Hände, während zwei Andere nach dem Lande zurückruderten.

»Er athmet!« sagte Wilhelm.

Otto öffnete die Augen, seine Lippen bewegten sich; sein Blick wurde fester; eine starke Röthe überflog seine Brust und sein Antlitz. Er richtete sich in die Höhe, wobei ihn Wilhelm unterstützte. Mit einem Male stieß er einen tiefen Seufzer aus, schob Wilhelm heftig von sich und ergriff wie ein Wahnsinniger eines der Kleidungsstücke, welches er schnell über sich warf. Mit einem krampfhaften Zucken um die Lippen sagte er dann zu Wilhelm, welcher seine Hand erfaßt hatte: »Ich hasse Sie!«

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