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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
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43.

In one short speaking silence all conveys –
And looks a sigh and weep without a tear.
Barrett's Women.

»Erlaß uns unsere Schulden,
Wie selbst wir Andern gethan;
Entfern' von uns den Versucher,
Verschließ' uns des Bösen Bahn.«
A. v. Chamisso.

Wir begleiten die Freunde nicht, sondern bleiben vielmehr auf Fühnen zurück, wo wir eine noch kühnere Reise als sie unternehmen wollen, nämlich einundzwanzig Jahre in der Zeit zurück. Wir wollen die Begebenheiten bei Otto's Geburt jetzt kennen lernen. Wir müssen uns also aus dem Jahre 1830 in die Zeit von 1809 zurückversetzen. Wir bleiben in Odense, dieser alten Stadt, die ihren Namen von Odin erhalten haben soll.

Unter dem Volke erzählt man sich noch heutigen Tages eine Sage, die sich über die Wahl dieses eigenthümlichen Namens der Stadt gebildet hat. In geringer Entfernung von der jetzigen Stadt erhob sich vor Alters auf einem Hügel ein stattliches Schloß. Dort wohnte König Odin mit seiner Gemahlin. Zu jener Zeit war die Stadt Odense noch nicht vorhanden, aber man war gerade mit dem Bau des ersten HausesDasselbe soll in der heutigen Kreuzstraße (Korsgade) gestanden haben. zu derselben beschäftigt. Am Hofe herrschte über den Namen der neuen Stadt Uneinigkeit. Nach langem Schwanken einigte man sich dahin, daß der Name der Stadt aus den ersten Worten gebildet werden sollte, die der König oder die Königin am nächsten Morgen aussprechen würde. Schon früh am Morgen erwachte die Königin und schaute zum Fenster hinaus über den Wald fort. Das erste Haus der Stadt war gerichtet, die Zimmerleute hatten hoch über dem Sparrenwerk des Daches einen großen Kranz mit Flittergold aufgehängt. »Odin, seh'!« rief da die Königin erfreut. Deshalb wurde die Stadt »Odinseh« genannt, woraus denn im Laufe der Zeit Odense geworden ist.

Fragt man ein Kopenhagener Kind, woher wol die kleinen Kinder kommen, so lautet die Antwort: »Aus dem Peblinger See.« Die Odenser Kleinen wissen nichts von einem Peblinger See; sie bleiben dabei: »Wir sind aus dem Rosenbache geholt,« einem kleinen Bache, der erst in den letzten Jahren zu diesem freundlichen Namen gelangt ist, gerade so wie in Kopenhagen die jetzige »Chrystallstraße« in einem merkwürdigen Gegensatze zu ihrem früheren Namen steht. Der Rosenbach nun läuft mitten durch die Stadt, und soll in früheren Zeiten mit dem Bache Odense eine Insel gebildet haben, auf welcher damals die Stadt lag. Hiervon leiten wieder Andere den Namen Odense ab, als: Odins Ei oder Odins Oe (Insel). Wie es sich nun auch immer verhalten mag, der Bach hat noch immer den nämlichen Lauf und 1809, als er noch nicht zur Füllung des sogenannten Weidendammes am Westthore einen großen Theil seines Wassers hergeben mußte, war er, namentlich im Frühjahre, tief und wasserreich. Oft trat er aus seinen Ufern und überschwemmte die kleinen Gärten, welche ihn auf beiden Seiten umgaben. So läuft er halb verborgen durch die Stadt, bis er die Nordstraße erreicht. Nachdem er hier einen Augenblick zum Vorschein gekommen ist, taucht er unter die Straße selbst unter und strömt wie ein kleiner Fluß durch den Keller der alten Amtsstube, welche der berühmte Oluf BaggerEr war so reich, daß er, als ihn einst Friedrich der Zweite besuchte, das Zimmer mit Zimmet heizen ließ. In der zweiten Sammlung dänischer Volkssagen von Thiele findet sich mehr über diesen merkwürdigen Mann. Noch heutigen Tages leben Nachkommen von ihm in Odense, nämlich die Familie des Buchdruckers Ch. Iversen, die mehrere Merkwürdigkeiten, welche demselben gehört haben, besitzt. gebaut hat.

Es war in später Nachmittagsstunde an einem Sommertage des Jahres 1809. Obgleich das Wasser im Bache ziemlich hoch stand, waren doch zwei Waschfrauen am Ufer desselben mit dem Spülen ihrer Wäsche beschäftigt. Ihren Leib hatten sie durch vorgebundene Binsenmatten zu schützen gesucht. Rüstig schlugen sie das Zeug auf der Waschbank mit ihren Schlägeln. Sie waren in einem lebhaften Gespräche begriffen, allein die Arbeit ging ungestört fort.

»Ja,« sagte die Eine, »lieber ein wenig mit Ehren, als viel mit Unehren. Sie ist verurtheilt! Morgen soll sie mit der Fiedel gehen. Das ist wahr und gewiß. Ich weiß es von des Trompeters Karen und der Frau des Bettelvogts. Ueber Beider Zungen gehen keine Lügen.«

»O, mein Heiland!« schrie die Andere und ließ den Schlägel sinken, »Johanne Marie soll mit der Fiedel gehen? Das schöne Mädchen, das so rechtschaffen aussah und sich so hübsch kleidete!«

»Das war gerade ihr Unglück!« versetzte die Andere. »Sie wollte immer oben hinaus –! Nein, laß einem Jeden das Seine, predige ich meinen Kindern alle Tage. Jucken thut wohl, aber wenn es zu lange dauert, macht es Schmerzen! Lieber soll man arbeiten, bis Einem das Blut unter den Nägeln hervorspritzt!«

»Ei, sieh doch!« fiel die Andere ihr ins Wort, »da geht ja die ehrliche Haut, Johanne Mariens Vater. Das ist ein braver Mann; wie hat er sich über seine Tochter gefreut, und nun muß er ihr morgen selbst die Fiedel umhängen. Aber sollte sie denn wirklich gestohlen haben?«

»Sie hat es ja selbst eingestanden,« erklärte die Erste, »und der Oberst kennt in diesem Punkte keine Schonung. Ich glaube, der Profoß ging dort eben hinein!«

»Der Oberst sollte nur seinen eigenen Sohn im Zaume halten! Das ist ein schlimmer Bube; als ich neulich mit meinem Garne beschäftigt und lustig, wie immer war, nannte er mich »Weibsbild«! Hätte er »Weib« gesagt, so würde ich ihm das nicht sehr übel genommen haben, denn das braucht gar nicht so böse gemeint zu sein. Aber Weibsbild ist ein grober Ausdruck! – – O weh, da geht der ganze Plunder zum Kuckuk!« schrie sie plötzlich, als das Laken, welches sie um die Waschbank geschlungen hatte, losging und mit dem Strome fortschwamm. Schnell lief sie hinterher, und das Gespräch war abgebrochen.

Der alte Mann, den sie gesehen und bedauert hatten, lenkte seine Schritte nach dem nahegelegenen großen Hause, in welchem der Oberst wohnte. Sein Blick war zu Boden gesenkt; ein tiefer stiller Schmerz sprach aus seinem gerunzelten Antlitze. Leise klingelte er und verbeugte sich tief vor der schwarzgekleideten Dame, die ihm die Thür öffnete.

Wir kennen sie bereits; es war die alte Rosalie, damals freilich zwanzig Jahre jünger als zu der Zeit, in der wir ihr an der Westküste Jütlands begegneten.

»Guter alter Mann!« sagte sie und legte freundlich ihre Hand auf seine Schulter. »Oberst Zostrup ist zwar streng, aber unmenschlich ist er nicht, und das müßte er sein, ließe er Ihn morgen seinen Dienst verrichten. Der Oberst hat sich selbst dahin ausgesprochen, daß Er morgen zu Hause bleiben könnte!«

»Nein!« versetzte der Alte. »Der Herr wird mir Kraft verleihen! Gott sei Lob und Dank, daß Johanne Mariens Mutter ihre Augen geschlossen hat; sie braucht das Elend nicht mit anzusehen! Wir haben keine Schuld daran!«

»Braver Mann!« sagte Rosalie. »Johanne war stets so gut und ehrbar, und nun – –!« sie schüttelte traurig den Kopf. »Ich würde jede Bürgschaft für sie übernommen haben; aber sie hat ja selbst ihre Schuld eingestanden!«

»Das Recht muß seinen Gang gehen!« erwiderte der Alte, und Thränen strömten ihm die Wangen hinab.

In demselben Augenblicke öffnete sich die Thür, und Oberst Zostrup, ein hoher hagerer Mann mit einem scharfen Blicke, stand vor ihnen. Rosalie verließ das Zimmer »Profoß!« sagte er, »für morgen hat Er Urlaub!«

»Herr Oberst, meine Pflicht gebietet mir, zugegen zu sein, und wenn ich wagen darf, noch ein geringes Wort hinzufügen: die Leute würden mein Wegbleiben übel auslegen!«

Schon von früh an war am folgenden Tage der Platz, an welchem das Rathhaus und die Hauptwache liegen, mit Menschen angefüllt; sie wollten das schöne Mädchen mit der Fiedel gehen sehen. Die Zeit begann ihnen lang zu werden, und noch immer zeigte sich nichts von dem erwarteten Schauspiele. Die Schildwache, welche ihre abgemessenen Schritte vom Schilderhause taktmäßig hin und zurückging, vermochte ebenfalls keine Auskunft zu ertheilen. Die Rathhausthür war verschlossen. Alles schien deshalb eine gegründete Veranlassung zu dem Gerüchte zu geben, welches sich plötzlich verbreitete, daß die hübsche Johanne Marie bereits vor einer Stunde innerhalb des Rathhaushofes mit der Fiedel gegangen wäre und sich folglich Niemand mehr an dem Auftritte würde weiden können. Obgleich eine solche Vollstreckung des Urtheils der gesunden Vernunft völlig widersprach, da ja die Strafe eben in der Öffentlichkeit bestand, so fand das Gerücht doch vielfach Glauben und erregte großen Unwillen.

»Das ist nichtswürdig!« sagte ein Frauenzimmer aus der niedrigen Volksklasse, in der wir die eine Waschfrau wieder erkennen, »das ist nichtswürdig, die Leute so zum Narren zu halten! Wie ein Gaul habe ich mich gestern abgerackert, und nun soll man sich hier zwei Glockenstunden lang die Beine steif stehen, ohne etwas zu sehen zu bekommen!«

»Das dachte ich mir gleich,« versetzte eine andere Frau, »ein glattes Gesicht findet viele Freunde! Sie hat gewiß verstanden, die Großen für sich zu gewinnen!«

»Glaubst du nicht,« fragte eine Dritte, »daß sie mit dem Sohne des Obersten auf freundschaftlichem Fuße gestanden hat?«

»Früher würde ich nein gesagt haben, denn sie sah zu ehrbar aus, und an den Eltern ist nie etwas auszusetzen gewesen. Hat sie aber gestohlen, wie es jetzt an das Licht gekommen ist, so kann sie auch sonst noch schlimme Dinge begangen haben. Der Sohn des Obersten ist ein lockerer Zeisig. Im Geheimen zecht und schwärmt er! Wir Andern wissen mehr als der Vater; der hat ihn stets unter harter Zuchtruthe gehalten; übertriebene Härte macht aber böses Blut!«

»Gott sei mir gnädig, nun geht es los!« fiel ihr die zweite Frau ins Wort, als eine Abtheilung Soldaten aus der Wache abmarschirte und sich so aufstellte, daß sie einen freien Platz einschloß. Jetzt öffnete sich die Thüre des Rathhauses und zwei Polizeidiener so wie einige Wächter führten die Verurtheilte, der die Fiedel bereits umgehängt war, heraus. Letztere besteht aus einem hölzernen Joche, das dem Delinquenten über die Schulter gelegt wird; nach vorn zu geht von demselben eine Spitze aus, an welcher die Hände fest gebunden werden; oben sind zwei eiserne Bügel angebracht, von denen der vorderste eine kleine Glocke trägt, während von dem andern ein langer Fuchsschwanz über den Rücken des Verurteilten herabhängt.

Das Mädchen schien höchstens neunzehn Jahre alt zu sein und hatte eine ungewöhnlich schöne Figur; das Gesicht war edel und fein gebildet, aber todtenblaß; jedoch gewahrte man keinen Ausdruck von Schmerz oder Scham; das Mädchen machte vielmehr den Eindruck einer büßenden Magdalena, die still das Werk der Buße vollzieht.

Der alte Vater desselben, der Profoß, folgte langsam nach; sein Blick war fest, keine Miene verrieth, was in seiner Seele vorging; schweigend nahm er seinen Platz an einem der steinernen Pfeiler vor der Wache.

Ein lautes Gemurmel erhob sich unter der Menge, als sie das schöne Mädchen und den armen alten Vater erblickte, der selbst die Schande seiner Tochter mit ansehen mußte. Ein gefleckter Hund schlüpfte in den offenen Kreis hinein; des Mädchens einförmiger Gang mitten auf dem Platze, das unaufhörliche Läuten der kleinen Glocke und der Fuchsschwanz, der im Winde hin und her wehte, reizte den Hund so, daß er zu bellen begann und in den Fuchsschwanz beißen wollte. Die Wächter jagten ihn zwar fort, aber er kam bald wieder zurück, und wenn er sich auch nicht in den Kreis hineinwagte, so steckte er doch den Kopf vor und hörte mit seinem Gebell nicht auf.

Die Menge, welcher die Schönheit des Mädchens und der Anblick des alten Vaters schon ein gewisses Mitleid eingeflößt hatte, gerieth hierbei wieder in eine lustige Laune; man lachte, und fast das ganze Schauspiel war sehr ergötzlich.

Die Stunde war abgelaufen, die Fiedel sollte abgenommen werden. Der Profoß näherte sich, aber indem er die Hand nach dem Joche ausstreckte, schwankte der alte Mann und sank in demselben Augenblicke auf das harte Steinpflaster.

Allen Augenzeugen erpreßte dieser Auftritt einen Schrei, nur das junge Mädchen stand stumm und unbeweglich. Die Gedanken desselben schienen in weiter Ferne zu schweben; doch glaubten Einzelne bemerkt zu haben, wie es die Augen zudrückte. Das hatte indeß nur einen kurzen Augenblick gedauert. Ein Polizeidiener befreite es von der Fiedel; sein alter Vater wurde in die Wachstube getragen. Das Mädchen führten zwei Polizeidiener in das Rathhaus.

»So, nun ist es vorbei!« sagte ein alter Handschuhmacher, der sich unter den Zuschauern befand. »Der nächste Diebstahl bringt sie in das Zuchthaus!«

»O, darin haben sie es gar nicht so schlimm!« versetzte ein Anderer. »Dort singen und trällern sie den ganzen Tag und brauchen nicht für das Essen zu sorgen!«

»Freilich, aber das Essen ist auch danach!«

»Das ist gar nicht so übel! Manch armer Mensch würde Gott dafür danken, und Johanne Marie würde überdies das Beste bekommen. Ihre Tante ist ja Kochfrau in demselben, und das ist ja bekannt, Kochfrau und Inspector hängen stets zusammen. Die Geschichte wird, wie ich mir denken kann, dem Alten gewiß das Leben nehmen. Es gab einen ordentlichen Krach, als er auf das Steinpflaster fiel; er muß sich arg verletzt haben.«

Die Menge verlief sich.

Die schlimme Prophezeiung des Letzten ging in Erfüllung.

Drei Wochen später trugen sechs Soldaten einen gelben, aus Stroh geflochtenen Sarg aus einem ärmlichen Hause. Mit gebrochenen Augen und gefalteten Händen lag der alte Profoß im Sarge. Bleich wie der Todte, den man zur letzten Ruhe trug, saß Johanne Marie in der einsamen Kammer auf dem Rande ihres Bettes. Eine mitleidige Nachbarin ergriff sie bei der Hand und rief sie, da sie weder zu sehen noch zu hören schien, mehrmals bei Namen.

»Johanne, komm Sie mit in meine Wohnung. Esse Sie einen Teller Erbsen und friste Sie Ihr Leben, wenn nicht um Ihretwillen, so doch um des armen Kindes willen, welches Sie unter dem Herzen trägt!«

Das Mädchen stieß einen eigenthümlichen Seufzer aus. »Nein!« sagte es und drückte die Augen zu, »das ist nicht der Fall!«

Gutmüthig zog die Nachbarin es mit sich.

Wenige Tage waren erst vergangen, als eines Morgens zwei Polizeidiener in die ärmliche Kammer traten, in welcher der Profoß gewohnt hatte. Johanne Marie wurde wieder vor Gericht geladen.

Ein neuer Diebstahl war im Hause des Obersten begangen. Rosalie behauptete, das Fortgekommene schon seit einiger Zeit vermißt zu haben. Sie hätte indeß gemeint, daß es das Beste wäre, es zu vergessen. Des Obersten aufbrausendes Gemüth und seine Erbitterung gegen Johanne Marie, die nach seinem Dafürhalten die Schuld an dem Tode ihres alten braven Vaters trug, forderte sie wieder vor Gericht, damit die Sache genauer untersucht werden könnte.

Rosalie, welche, eingenommen von der Schönheit und dem anmuthigen Wesen des Mädchens, es noch immer lieb hatte, war diesmal ruhig, völlig überzeugt, daß es jeden Verdacht widerlegen könnte, da ja wahrscheinlich der Diebstahl erst in den letzten Tagen begangen worden war. Dahinter kam man auch bald, und so konnte also Johanne Marie schwerlich den Diebstahl verübt haben. Allein trotzdem gestand sie zur Verwunderung der Meisten sofort, daß sie die Thäterin wäre, und noch dazu gestand sie es mit einer Ruhe, die allgemeines Erstaunen erregte. Ihr edeles, schön gebildetes Gesicht schien blutlos, die dunkelblauen Augen strahlten in einem Glanze, wie man ihn bei Fieberkranken zu finden pflegt. Die Schönheit, die scheinbare Ruhe, und dennoch diese Verstocktheit im Laster brachten einen eigentümlichen Eindruck auf die Augenzeugen hervor.

Sie wurde zum Zuchthaus verurtheilt. Von den bessern Menschen verachtet und verstoßen, verbüßte sie in Odense ihre Strafe. Niemand hätte sich vorzustellen vermocht, daß unter einer so schönen Larve ein so verdorbenes Gemüth verborgen sein könnte.

Sie wurde an das Spinnrad gesetzt. Still und in sich versenkt, verrichtete sie die Arbeit, die ihr aufgegeben wurde. Nie nahm sie an der rohen Freude der übrig Gefangenen Theil.

»Verliere nur nicht den Muth, Johanne Marie!« sagte der deutsche Heinrich, der am Webstuhle saß. »Singe mit, daß das eiserne Gitter klirrt!«

»Johanne, du hast deinen Vater in die Grube gebracht!« sagte die Kochfrau, ihre Verwandte. »Wer hat dich verlockt, so böse Wege zu wandeln?«

Johanne Marie schwieg; die großen dunkeln Augen starrten still vor sich hin, während sie das Spinnrad drehte. Nach Verlauf von fünf Monaten wurde sie krank, todkrank, und gebar einen Knaben und ein Mädchen, zwei schöne wohlgebildete Kinder, nur daß das Mädchen so zart und fein war, daß sein Leben an einem Faden zu hängen schien.

Die sterbende Mutter küßte die Kleinen und weinte; es war das erste Mal, daß man sie in diesem Hause hatte weinen sehen. Die Kochfrau saß allein neben ihrem Bette.

»Zieh deine Hand nicht von den unschuldigen Kindern ab!« sagte Johanne Marie. »Theile ihnen, wenn sie größer werden, mit, daß ihre Mutter unschuldig war! Mein Erlöser weiß, daß ich nie einen Diebstahl verübt habe. Unschuldig bin ich und war es damals, als ich draußen vor der Wache zum Spott umher gehen mußte, ebenso wie ich es noch jetzt bin, wo ich hier sitze!«

»Mein Heiland, was sagst du da?« rief die Frau.

»Die Wahrheit!« erwiderte die Sterbende. »Gott sei mir gnädig! – meine Kinder –!«

Sie sank auf ihr Lager zurück und war todt!

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