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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
projectidb68dc3dc
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42.

»– Sinnend stand
Ein Mädchen sanft und milde.
Ich reichte dem freundlichen Kinde die Hand,
Doch scheu das liebliche Reh entschwand. – –
– Es wohnen die Mädchen vom Rheine zum Belt
Gar fein und lieblich in Schloß und Zelt;
Doch keines kann mir gefallen.«
Schmidt von Lübeck.

Der letzte Tag in der Heimat war gerade Fräulein Sophiens Geburtstag. Für den Nachmittag war die ganze Familie zum Kammerjunker eingeladen, wo Jakoba und die Mamsell durch ihre Kochkunst zu glänzen gedachten.

Ein Tisch voll Geschenke, sämmtlich von der Hand des Kammerjunkers, wartete Fräulein Sophiens. Es war das erste Mal, daß er ihren Geburtstag in dieser Weise feierte, und er hatte nun, sei es, daß die Idee in ihm selbst aufgestiegen oder ihm von Andern eingegeben war, den sehr guten Gedanken gefaßt, sie für jedes zurückgelegte Lebensjahr mit einer besonderen Gabe zu überraschen. Jedes Geschenk war mit Rücksicht auf das bestimmte Lebensalter ausgewählt. So nahm die erste Stelle unter den Geschenken eine Tüte voll Zuckerwerk ein, und den Beschluß bildete Seidenzeug zu einem prächtigen Mantel. Aber zwischen diesen beiden Geschenken lagen Werthstücke, von denen mehr als die Hälfte solid genannt werden konnte: goldene Ohrringe, eine Boa, französische Handschuhe und ein Reitpferd. Letzteres stand selbstverständlich nicht auf dem Tische. Was war das für eine Freude und Glückseligkeit! Später ging die Gesellschaft spazieren und löste sich allmählich in einzelne Gruppen auf.

Eva war die Einzige, welche der Einladung nicht gefolgt war. Sie blieb stets am liebsten zu Hause. Doch hätte sie sich heute vielleicht überreden lassen, hätte sie sich nicht so merkwürdig entkräftet gefühlt.

Still und einsam saß sie nun daheim in der großen menschenleeren Wohnstube. Die Dämmerung war schon eingebrochen; sie ließ ihre Arbeit ruhen; die schönen gedankenvollen Augen blickten vor sich hin. Gedanken, die wir nicht entschleiern dürfen, regten sich in ihrer Brust.

Plötzlich ging die Thüre auf, und Wilhelm stand vor ihr. Während des Spazierganges hatte er sich fortgeschlichen. Eva war, wie er wußte, allein zu Hause. Keiner konnte auf den Einfall gerathen, daß er ihr einen Besuch abstattete; Keiner hätte sich träumen lassen, was er ihr mittheilen wollte.

»Sie hier!« rief Eva, als sie ihn erblickte.

»Nothgedrungen habe ich Sie aufgesucht!« erwiderte er. »Ich habe mich von den Andern weggestohlen; Niemand weiß, daß ich hier bin. Ich muß mit Ihnen reden, Eva. Morgen reise ich ab; allein ich kann nicht ruhig und froh reisen, ohne zu wissen, was dieser Augenblick entscheiden muß!«

Eva erhob sich, ihr Antlitz war mit dunkler Röthe übergossen, ihr Auge blickte zur Erde. »Herr Baron!« stammelte sie. »Es ziemt sich nicht, daß ich hier bleibe!« – Sie wollte das Zimmer verlassen.

»Eva!« rief Wilhelm, und ergriff ihre Hand. »Sie wissen, daß ich Sie liebe! Mein Gefühl ist aufrichtig! Sprechen Sie ein Ja, und es soll mir heilig wie ein Eid sein. Dann reise ich fröhlichen Herzens, wie man reisen muß! Es soll in meinem Herzen stehen, vor meinen Ohren klingen, so oft Sünde und Versuchung an mich herantreten! Es wird mich aufrecht erhalten, wird mich gut und unverdorben zurückbringen! Eva, um Gottes willen, lassen Sie mich nicht als ein siecher lebensüberdrüssiger Schwächling zurückkehren.«

»O Gott!« seufzte sie und brach in Thränen aus, »ich kann ja nicht und – will auch nicht! Sie vergessen, daß ich nur ein armes Mädchen bin, das Ihrer Mutter alles verdankt! Mein Ja würde dieselbe betrüben und Sie selbst dereinst mit Reue erfüllen! Ich kann nicht –! Ich liebe Sie nicht!« fügte sie mit bebender Stimme hinzu.

Wilhelm stand sprachlos da.

Plötzlich ergriff Eva die Klingelschnur.

»Was machen Sie?« rief er.

Der Diener trat herein.

»Ich bitte, Licht zu bringen,« sagte sie, »jedoch erst müssen Sie mir helfen, diese Blumen in den Garten hinabzutragen; es ist ihnen gut, wenn sie im Nachtthau stehen!«

Der Diener gehorchte; sie selbst nahm einen der Töpfe und verließ das Zimmer.

»Ich liebe Sie nicht!« wiederholte Wilhelm still für sich und kehrte zu der Gesellschaft zurück, wo alles eitel Lust und Freude athmete.

Das Abendessen ward im Garten eingenommen; die Lichter brannten in der freien Luft, ohne daß die Flamme flackerte; es war ein Sommerabend, reizend wie der October des Südens. Die Resedastauden dufteten, und zwischen den hohen Kiefern, den Pinien des Südens, donnerten bei dem Toaste auf Sophien Kanonen.

Am nächsten Morgen lagerte auf allen Gesichtern, die gestern noch so fröhlich gelächelt hatten, Wehmuth und Trennungsschmerz. Der Reisewagen hielt vor der Thür. Die gute Mutter wie die Schwestern weinten; sie küßten Wilhelm und reichten Otto die Hand.

»Leben Sie wohl!« sagte Louise, »vergessen Sie uns nicht!« und ihr von Thränen umflorter Blick ruhte auf Otto. Eva stand stumm und bleich daneben.

»Sie werden meiner gewiß nicht vergessen!« flüsterte Otto, indem er Louisens Hand ergriff. »Ihre Schwester werde ich vergessen!«

Der Wagen rollte fort; Wilhelm warf sich in eine Ecke desselben. Otto schaute noch einmal zurück; Alle standen vor der Thür und wehten mit ihren Taschentüchern.

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