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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
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3.

Wer blickt in meines Herzens Schattenreich?
A. v. Chamisso.

Im vorhergehenden Kapitel wurde eines jungen Studenten, Otto Zostrups, Erwähnung gethan, der nach Aussage seiner Commilitonen wegen seiner Tüchtigkeit neunmal das Prädicat prae caeteris erhalten hatte, aber auch einen Stolz besaß, der ihm abgewöhnt werden müßte. Wir wollen seine Bekanntschaft nicht bei den verabredeten Disputirübungen machen, obschon man da vor dem guten Lateiner Achtung bekommen würde; auch nicht in großer Gesellschaft, in der ihn sein einnehmendes Aeußere, der sprechende melancholische Blick interessant machen müßte; eben so wenig im Parterre des Hoftheaters, obwol ihn uns dort seine wenigen, aber stets treffenden Bemerkungen als einen jungen Mann von vielem Geiste zeigen würden; nein, wir wollen ihn zum ersten Male bei seinem Freunde, dem jungen Baron Wilhelm, aufsuchen. Es ist in den ersten Tagen des Novembers; wir finden sie beide mit der Pfeife im Munde; auf dem Tische liegen Tibull und Anakreon, die sie zum bevorstehenden phililogicum gemeinschaftlich lesen.

Im Zimmer steht ein Fortepiano mit einer Menge Musikalien, an der Wand hängen Weyses und Beethovens Brustbilder, denn unser junger Baron ist musikalisch, ja sogar Componist.

»Sehen Sie, nun haben wir schon wieder diesen schauerlichen dichten Nebel!« sagte Wilhelm; »draußen kann man ihn förmlich schmecken. Zu Hause scheute ich ihn wie die Pest, hier londonisirt er nur die Stadt!«

»Für mich hat es nichts Unangenehmes!« versetzte Otto. »Mir ist er ein alter Bekannter von der Nordsee. Es ist mir, als brächte er mir Grüße vom Meere und den Sanddünen!«

»Sehen möchte ich die Nordsee schon einmal, aber wohnen möchte der Teufel da! Welcher Marktflecken liegt dem Gute Ihres Großvaters am nächsten?«

»Lemvig!« entgegnete Otto. »Will man die Nordsee recht kennen lernen, so muß man die Aemter Thisted und Hjörring bereisen. Ich habe es gethan, habe meine Familie im Kloster Börglum besucht und außerdem noch einige kürzere Ausflüge gemacht. Nie werde ich einen Abend vergessen! Es herrschte ein Unwetter, von dem man sich mitten im Lande keinen Begriff machen kann. Ich ritt, damals nur noch Knabe und obendrein ein wilder Bube, in Begleitung eines Knechtes. Gerade, als wir uns zwischen den Sanddünen befanden, brach der Sturm aus. Das hätten Sie sehen sollen! Der Sand bildet den Strand entlang hohe Bänke, gleichsam als Dämme gegen das Meer! Diese sind nun mit Strandhafer und Sandhalm bewachsen; gelingt es aber dem Sturme ein Loch hineinzureißen, so wird der ganze Pflanzenwuchs vernichtet. Wir mußten Augenzeugen einer solchen Verwüstung sein. Es war, als hätte uns eine arabische Sandhose eingehüllt, und dazu brüllte die Nordsee, daß es meilenweit zu hören war. Der salzige Schaum flog uns mit dem Sande ins Gesicht!«

»Das muß herrlich sein!« rief Wilhelm mit funkelnden Augen aus. »Jütland ist jedenfalls der romantischste Theil Dänemarks! Seitdem ich Stern-Blichers Novellen gelesen habe, hege ich ein lebhaftes Interesse für dieses Land. Es scheint mir mit dem schottischen Flachland viel Aehnlichkeit zu besitzen. Es halten sich daselbst ja auch Zigeuner auf!«

»Landstreicher und Gauner nennen wir sie,« sagte Otto mit einem unwilligen Zuge um den Mund. »Sie entsprechen diesen Namen vollkommen!«

»Die Fischer an der Küste werden schwerlich besser sein. Lassen sie noch immer von der Kanzel bitten, daß Gott ihren Strand segnen möge? Schlagen sie die Schiffbrüchigen noch immer todt?«

»Ich habe unsern Pfarrer, der schon ein alter Mann ist, erzählen hören, er habe in den ersten Jahren nach Antritt seines Amtes in der Kirche beten müssen, daß, sollten einmal Schiffe stranden, dies doch in seinem Districte geschehen möchte. Ich selbst habe es jedoch nie gehört. Was man sich sonst noch vom Todtschlagen erzählt, so sind freilich die Meergänse, wie die Landratten die armen Küstenbewohner zu nennen belieben, eben kein weichherziges Volk; so weit geht es indeß heut' zu Tage doch nicht. Es starb in jenem Küstenstriche ein alter Bauer, über den allerdings das Gerücht im Umlauf war, er habe bei bösem Wetter seinem Pferde eine Laterne unter den Bauch gebunden und es dann am Strande auf und ab gehen lassen, damit der fremde Schiffer, der etwa draußen segelte, glauben sollte, das Licht rühre von einem kreuzenden Schiffe her, und er befände sich folglich noch in ziemlicher Entfernung vom Lande. Manches Schiff soll auf diese Weise zu Grunde gegangen sein. Aber sehen Sie, diese Geschichten werden jener Gegend schon seit der ältesten Zeit angeheftet und reichen weit über meine eigenen Wahrnehmungen hinaus; sie gehören jener goldenen Zeit an, wo man nach solch einer guten Strandung in der verfallenen Fischerhütte echte, von der See nur wenig beschädigte Shawls als Bettvorhänge benutzt finden konnte. Stiefel und Schuhe wurden mit der feinsten Pomade geschmiert. Wenn ihnen das Meer jetzt dergleichen an den Strand wirft, so wissen sie es zu größerem Nutzen in Geld umzusetzen. Allein die Strandaufseher passen scharf auf, jetzt soll dort ein wahres kupfernes Zeitalter sein!«

»Sie haben wol auch schon ein Schiff stranden sehen?« fragte Wilhelm mit steigendem Interesse.

»Unser Gut liegt nur eine halbe Meile vom Meere entfernt. In jedem Jahre ging es um diese Zeit, wenn der Nebel, wie heute, über Meer und Land lagerte und die Stürme zu rasen begannen, gar lustig zu. Bei meiner Wildheit im Knabenalter und bei der Einförmigkeit meines Lebens konnte ich mich ordentlich danach sehnen. Auf einer Reise nach dem Kloster Börglum erlebte ich einen Sturm. In der Morgenstunde herrschte völlige Windstille, die ganze Natur schien sich in graue Farbe gehüllt zu haben, und plötzlich bot sich uns der überraschende Anblick einer Fata Morgana dar. Ein Schiff, das noch nicht über den Horizont aufgetaucht war, zeigte sich auf dem Meere, aber mit völlig umgekehrter Takelage; während der Mast nach unten gerichtet war, stand der Rumpf nach oben. Dies nennt man dort das Todtenschiff, und so oft es sich sehen läßt, kann man mit Sicherheit auf Unwetter und Strandung rechnen. Etwas später am Vormittage erhob sich auch ein leiser Windhauch, und nach kaum einer Stunde hatten wir eine tüchtige Brise. Das Meer begann schon ganz artig zu brummen! Wir fuhren langsam zwischen Sanddünen hinauf, die wie Hügel und Thäler zur Winterzeit aussehen. Hier und da ragt ein schwarzer Pfahl hervor, der letzte Ueberrest eines Wrackes, dessen Geschichte man nicht kennt. Gegen Nachmittag artete der Wind zu einem Sturme aus, dem ähnlich, den ich mit meinem Knechte auf dem Ritte durch die Dünen erlebt hatte. Wir waren nicht im Stande weiter zu fahren, und mußten uns deshalb in eine der Hütten flüchten, welche sich die Fischer als Zufluchtsorte zwischen den weißen Dünen errichtet hatten. Dort blieben wir, und ich war Zuschauer einer Strandung, die ich nie, nie vergessen werde. Nicht einen Büchsenschuß vom Lande lag ein Amerikaner. Die Schiffbrüchigen kappten eben den Mast. Sechs bis sieben Mann klammerten sich im Wasser fest an denselben an. O, wie sie in dem spritzenden Schaume hin und her schaukelten! Der Mast bewegte sich der Küste zu. Zuletzt hingen nur noch drei Mann an ihm. Mit einem Male wurde er aufs Land geschleudert, allein die zurückrollende Welle riß ihn wieder hinweg, und nun zerschmetterte er den sich Anklammernden Arme und Beine, zerschmetterte sie wie Gewürm. Mehrere Nächte träumte mir davon. Hoch empor schleuderten die Wellen den Rumpf des Schiffes, bis nach einer Stelle, wo sonst die Wagen gefahren waren, und bohrten ihn tief in den Sand. Als wir später auf demselben Wege zurückreisten, waren Vor- und Hintersteven verschwunden und die Borde glichen zwei starken Bretterzäunen, durch welche der Weg führte. Noch bis auf die Stunde fährt man mitten durch den Rumpf.«

»Dort drüben in Ihrer Heimat muß ja jedes poetische Gemüth ein Byron werden,« sagte Wilhelm. »Auf dem Gute meiner Eltern fließt das Leben nur in Idyllen hin; ganz Fünen ist ein einziger Garten. Wir statten uns auf unsern Edelsitzen einander Besuche ab, bei denen es lustig hergeht, tanzen mit den Bauernmädchen bei dem Erntefeste, durchstreifen jagend die Wälder und fischen in den Landseen. Das Einzige, was uns zur Trauer mahnt, ist ein Leichenbegängnis und an romantischen Charakteren können wir nur einen kleinen buckligen Musikanten, eine kluge Frau und einen ehrlichen Schulmeister aufweisen, der noch immer, wie weiland Hieronymus, steif und fest in dem Glauben lebt, die Erde sei flach, und man müsse, falls sie sich einmal umdrehe, hinunterfallen, weiß der Teufel, wohin.«

»Ich liebe Jütlands Natur!« rief Otto, »liebe das offene Meer, die braune Haide und das buschige Moorland. Sie müßten das Wildmoor sehen! Was hat das für eine Ausdehnung! Fast beständig schwebt über seiner unzugänglichen Mitte, die Niemand kennt, ein nasser Nebel. Keine fünfzig Jahre sind es her, daß noch Wölfe in demselben hausten. Oft geräth es in Brand, kein Wunder, denn Schwefelwasserstoffgas durchdringt es, und meilenweit kann man dann das Feuer sehen.«

»Das sollte meine Schwester Sophie alles hören!« sagte Wilhelm. »Sie würden Glück bei ihr machen. Das gute Mädchen! Zu Hause gilt sie für den besten Kopf, aber sie hascht gern nach Effecten. Sie schwärmt für Hoffmann und Victor Hugo. Von Byron kann sie sich selbst im Schlafzimmer nicht trennen. Sie vermöchten sie durch Ihre Erzählungen von der jütländischen Westküste, von Haiden und Mooren dazu zu bewegen, eine Reise dorthin zu unternehmen. Man sollte wirklich nicht glauben, daß wir so romantische Gegenden in unserm eigenen Lande hätten!«

»Ist sie Ihre einzige Schwester?« fragte Otto.

»Nein!« erwiderte Wilhelm, »ich besitze zwei Schwestern; die andere heißt Louise. Sie ist von ganz entgegengesetztem Charakter. Ich weiß nicht, welche von ihnen man am meisten lieben muß. Haben Sie keine Geschwister?« fragte er Otto.

»Nein!« versetzte dieser mit dem früheren halbunwilligen, halb wehmüthigen Zuge. »Ich bin ein einziges Kind. Still und einsam ist es da drüben in meiner Heimat; nur mein Großvater befindet sich noch am Leben. Er ist ein gesunder, kräftiger und sehr ernster Mann. Er unterrichtete mich in der Mathematik, die er aus dem Grunde versteht. Bei dem Pfarrer lernte ich Lateinisch, Griechisch und Geschichte, während sich in der Religion Zwei meiner annahmen, der Pfarrer und meine alte Rosalie. Sie ist eine gute Seele. Wie oft neckte ich sie nicht und war ausgelassen, ja fast böse gegen sie. Trotzdem hatte sie mich gar lieb, war mir Mutter und Schwester und unterrichtete mich in der Religion eben so gut wie der Pfarrer, obgleich sie sich zur katholischen Kirche bekennt. Seit der Kindheit meines Vaters ist sie im Hause gleichsam eine Art Gouvernante gewesen. Sie hätten nur sehen sollen, wie wehmüthig sie lächelte, wenn sie mir das in der Geographie aufgegebene Pensum abfragte und wir dabei die Schweiz, ihr Geburtsland oder Südfrankreich berührten, in welchem sie einst als Kind gereist war. Die jütländische Westküste mag sich neben diesen Ländern freilich gar mager ausnehmen!«

»Sie hätte Sie ja aber katholisch machen können! Sollte Ihnen nicht wirklich etwas davon ankleben?«

»Rosalie war ein verständiges und gereiftes Mädchen. Zu ihren Lehren würde sich Luther selbst bekannt haben. Was dem Menschenherzen heilig ist, bleibt auch in jeder Religion heilig!«

»Aber der Madonna Altäre bauen,« rief Wilhelm, »eine Frau anbeten, die nicht die Bibel einmal zu einer Heiligen macht; das heißt doch der Thorheit die Krone aufsetzen! Und was sollen alle diese Beräucherungen und das fortwährende Glockengeläute! Mich könnte die Lust überfallen, dem Papste mit seiner ganzen Klerisei die Köpfe abzuschlagen! Ablaß verkaufen –? Aber was müssen das auch für Leute sein, die wirklich daran glauben! Ich will nicht einmal den Hut vor der Madonna abziehen!«

»Dann werde ich es wenigstens thun, und werde mich in meinem Herzen vor ihr beugen!« entgegnete Otto ernst.

»Habe ich es mir nicht gleich gedacht? Sie hat Sie katholisch gemacht!«

»In keiner Weise! Ich bin ein so guter Protestant wie Sie. Allein weshalb sollten wir wol die Mutter Christi nicht achten? Was das Cermonienwesen, den Ablaß und all diese priesterlichen Zusätze des Katholicismus betrifft, so bin auch ich dafür, Alle einen Kopf kürzer zu machen, die in solcher Weise Gott und den menschlichen Verstand herabwürdigen. Aber in vielen Punkten sind wir unbillig. Wir vergessen so leicht das erste und größte Gebot: »Liebe deinen Nächsten als dich selbst! Es fehlt uns an Toleranz. Wir feiern ein Fest zu Ehren der heiligen drei Könige. Was haben nun aber diese Könige gethan? Sie knieten vor Christi Krippe. Das ist der einzige Grund, um deswillen wir sie ehren. Zu Ehren der Mutter Gottes begehen wir indeß kein Fest, ja die Menge lächelt sogar bei ihrem Namen! – Wollen Sie meinen einfachen Schlußfolgerungen ein ruhiges Gehör schenken, so werden wir uns bald einigen und Sie werden vor der Madonna den Hut abnehmen und sich vor ihr verneigen. Nur zwei Fälle sind denkbar: Entweder war Christus ganz Mensch, oder, wie die Bibel uns lehrt, ein göttliches Wesen; ich will nun das Letztere annehmen. Er ist Gott selber, welcher auf eine uns unbegreifliche Weise von der Jungfrau Maria geboren wurde. Dann aber mußte sie, da Gott sie für würdig fand, die Mutter seines Sohnes, des Eingebornen zu werden, das reinste, das vollkommenste weibliche Wesen sein. Dadurch wird sie so heilig, wie es überhaupt ein Mensch nur werden kann, und tief müssen wir uns vor der Reinen, der Erhabenen beugen. Ich nehme jedoch an, daß Christus ein Mensch war wie wir, weil er uns meiner Ansicht nach sonst nicht hätte auffordern können, seinen Fußtapfen nachzufolgen, und es auch nichts Großes wäre, als Gott einem leiblichen Tode entgegenzugehen, von dem er jeden Schmerz fern zu halten vermochte. War er nun nichts weiter als Mensch, von Maria geboren, so verdient er unsere doppelte Bewunderung, so müssen wir vor seinem großen Geiste, vor seiner Licht verbreitenden und tröstlichen Lehre die Knie beugen. Dürfen wir dann aber wol vergessen, welch eine Einwirkung die Mutter auf das Kind ausgeübt hat; vergessen, wie erhaben und tief die Seele derjenigen gewesen sein muß, die zuerst zu seinem Herzen redete? Wir müssen sie achten und ehren! Wo sie auch nur in der Schrift auftritt, überall erblicken wir in ihr ein Beispiel zärtlicher Sorgfalt und Liebe. Mit ganzer Seele hängt sie an dem Sohne. Erinnern Sie sich, wie sie sich ängstigte und ihn im Tempel suchte, denken Sie an ihre sanften Vorwürfe. Ich habe in den Worten des Sohnes stets eine Härte gefunden. »Das sind die derben Ausdrücke der Orientalen,« sagte mein alter Pfarrer. »Der Erlöser war streng, streng, wie er es sein mußte!« Aber schon damals kamen mir seine Worte zu strenge vor. Sie dagegen war ganz Mutter, war es bei dieser Gelegenheit, wie später, als sie auf Golgatha weinte. Ehre und Achtung verdient sie sicherlich von uns.«

»Aber die verweigern wir ihr ja auch nicht!« erwiderte Wilhelm und fügte, indem er Otto auf die Schulter klopfte, lächelnd hinzu: »Es fehlt wirklich nicht viel, so stellen Sie nach römisch-katholischer Weise die Mutter über den Sohn. Die alte Rosalie hat einen Proselyten gemacht! Sie sind doch ein halber Katholik!«

»Nein, das bin ich nicht!« versetzte Otto, »und will es nicht sein!«

»Sieh, die Gewitterwolken ziehen!« tönte es plötzlich unten auf dem Hofe; die hübsche neapolitanische Volksmelodie erreichte das Ohr der Freunde. Sie traten in das Nebenzimmer und öffneten das Fenster. Unten im Wind und Regen standen drei arme Knaben und stimmten das Lied an. Der größte mochte vierzehn oder fünfzehn Jahre alt sein; seine tiefe rohe Stimme schien er mehr dem Einflusse der Witterung als seinem Alter zu verdanken zu haben. Die schmutzigen nassen Kleider hingen ihm in Fetzen um den Körper. Die Pantoffel an seinen nackten Füßen und der Hut, dessen Rand mit weißem Zwirn lose angeheftet war, konnten als Luxusartikel gelten. Die beiden andern Knaben hatten weder Schuhe noch Hut, aber ihre Kleider waren wenigstens ganz und rein. Der jüngste schien sechs bis sieben Jahre zu zählen; seltsam stach sein silberweißes Haar gegen das braune Gesicht, die dunkeln Augen und die langen schwarzen Augenwimpern ab. Mädchenhaft fein und weich klang seine Stimme gegen die der beiden Andern; sie glich dem sanften Lufthauche eines schönen Herbstabends gegenüber dem rauhen Winde des Novemberwetters.

»Das ist ein bildhübscher Knabe!« riefen die beiden Freunde gleichzeitig.

»Und eine reizende Melodie!« fügte Otto hinzu.

»Ja, allein sie singen leider falsch!« versetzte Wilhelm, »der eine singt einen halben Ton zu tief, der andere einen halben Ton zu hoch!«

»Gott sei Dank, entgeht das meinem Ohre!« sagte Otto. »Für mich ist es ein Ohrenschmaus, und der Kleine könnte ein Sänger werden! Armer Junge!« fügte er mit tiefem Ernste hinzu. »Nackte Füße, bis auf die Haut durchnäßt, unter solchen Umständen wird ihn der Große leicht zum Branntweintrinken verführen können. Vielleicht hat er schon vor Ablauf eines Monats die Stimme verloren. Dann ist die Nachtigall todt!« Schnell wickelte er einige Schillinge in Papier und warf sie hinab.

»Komm' herauf!« rief Wilhelm und winkte. Pfeilgeschwind wollte der größte der Knaben herausstürzen, aber Wilhelm rief hinab, der kleinste wäre gemeint. Die beiden andern blieben vor der Thür stehen, und der Kleine trat herein.

»Wessen Sohn bist du?« fragte Wilhelm. Der Knabe schwieg und schlug verlegen die Augen nieder. »Nun, du brauchst dich nicht zu schämen. Man kann es dir ansehen, daß du von gutem Blute stammst. Bist du nicht deiner Mutter Sohn? Ich werde dir Strümpfe schenken und obendrein ein paar Stiefel, die mir zu klein sind. Ertrinkst du in ihnen nicht, so sollen sie dein Eigenthum sein! Aber erst mußt du uns etwas vorsingen!« Er setzte sich an das Clavier und schlug an. »Nun, weshalb fängst du nicht an?« rief er etwas unwillig. Der Kleine senkte seine Blicke zur Erde.

»Wie? Weinst du, oder ist es der Regen, der dir in den schwarzen Augenwimpern steht?« fragte Otto und hob ihm den Kopf in die Höhe. »Wir wollen dir ja nur Gutes thun. Da hast du auch noch von mir einen Schilling!«

Aber der Kleine blieb trotzdem ziemlich wortkarg. Alles, was man von ihm herauszubringen vermochte, war, daß er Jonas hieße, und daß ihn seine alte Großmutter sehr lieb hätte.

»Nimm, hier hast du Strümpfe!« sagte endlich Wilhelm, »und sieh einmal, hier ist noch ein Rock mit Sammetkragen, hochlöblichen Angedenkens. Und nun erst die Stiefel! – du kannst gewiß mit beiden Beinen in einen einzigen hineinfahren. Sieh, das ist eben so gut, als hättest du zwei Paar zum Umwechseln. Laß uns einmal sehen, Probire, ob sie passen!«

Die Augen des Knaben strahlten vor Freude. Die Stiefel zog er an, aber die Strümpfe steckte er in die Tasche und das Bündel nahm er unter den Arm.

»Nun mußt du uns aber noch erst ein Lied vorsingen!« sagte Wilhelm, und der Kleine begann die alte wohlbekannte Melodie aus dem Weiberfeind: »Nicht Cupido kann man trauen!«

Der lebendige Ausdruck seiner dunkeln Augen, dazu der Knabe selbst in den nassen ärmlichen Kleidern, in den großen Stiefeln und mit dem Bündel unter dem Arme hatte etwas so Charakteristisches, daß, wäre es gemalt gewesen und der Maler hätte dem Bilde die Unterschrift »Amor auf der Wanderschaft« gegeben, Jeder den kleinen Gott, obgleich er nicht blind war, für getroffen erklärt hätte.

»Aus dem Knaben und seiner Stimme könnte etwas werden!« sagte Wilhelm, als der kleine Jonas überglücklich mit den beiden andern Knaben das Haus verlassen hatte.

»Das arme Kind!« seufzte Otto. »Der Gedanke an sein Schicksal hat mir meine ganze Laune verdorben. Ich fühle mich stets eigentümlich erschüttert, wenn ich Elend und Genie im Vereine erblicke. Einst erschien auf unserm Gute in Jütland ein Mann, der die Rohrpfeife blies und gleichzeitig Becken und Trommel schlug. Neben ihm stand ein kleines Mädchen und schlug die Triangel. Dieser Anblick entlockte mir Thränen; wenn mir auch das volle Verständniß fehlte, so ahnte ich doch dunkel das Unglück des unschuldigen Kindes. Ich war selbst nur noch ein Knabe.«

»Er gewährte in seinen großen Stiefeln einen so komischen Anblick, daß ich eher lustig als ernst gestimmt wurde,« sagte Wilhelm. »Schade ist es allerdings, daß so edeles Blut, wie es offenbar in seinen Adern rollt, daß ein so hübscher Junge ein roher Klotz werden und die schöne Stimme in ein ähnliches Gebrüll übergehen soll, wie es der lange Laban vor uns ausstieß. Wer weiß, ob nicht der kleine Jonas erster Sänger an der königlich dänischen Oper werden könnte! Ja, wer weiß, wie weit er es zu bringen vermöchte, wenn Geist und Stimme die gehörige Ausbildung erhielte. Ich hätte fast zu dem Versuche Lust, Jemandem in der Welt weiterzuhelfen, ehe ich noch selbst meinen Flug begonnen habe.«

»Wurde er zum Bettler geboren!« entgegnete Otto, »so lassen Sie ihn auch als Bettler leben und sterben und eröffnen Sie ihm nicht erst eine höhere Welt. Das ist besser, das ist wünschenswerther!«

Wilhelm setzte sich an das Clavier und spielte eine seiner eigenen Kompositionen. »Das ist schwer,« sagte er, »das kann nicht Jeder spielen.«

»Je einfacher, desto schöner!« erwiderte Otto.

»Ueber Musik dürfen Sie nicht mitsprechen!« versetzte der Freund. »Für diese haben Sie kein Verständniß. Italienische leichte Opern sind nicht schwierig zu componiren.«

Erst gegen Abend trennten sich die Freunde. Gerade, als Otto seinen Hut nahm, klopfte es an die Thüre, und Wilhelm ging hin, um zu öffnen. Draußen stand ein armes altes Weib mit bleichen, scharfgeschnittenen Gesichtszügen, das einen kleinen Knaben an der Hand hielt. Es war Jonas; also ein Besuch von ihm und seiner Großmutter.

Die andern Knaben hatten ihm sowol die Stiefel als auch die Kleider, welche er erhalten hatte, verkauft. Sie hätten ein Recht auf Theilung, behaupteten sie. Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit hatte die alte Großmutter veranlaßt, sich sofort mit dem kleinen Jonas zu den beiden guten Herren zu begeben, um ihnen zu klagen, wie wenig der arme Knabe von dem, was doch ihm einzig und allein zugedacht war, erhalten hätte.

Wilhelm sprach seine Ansicht über des Knaben hübsche Stimme aus und meinte, daß er bei dem Theater sein Glück machen könnte; dann dürfte man ihn aber freilich nicht in Wind und Regen barfuß umhertraben lassen.

»Allein das macht es ihm gerade möglich, manchen Schilling mit nach Hause zu bringen,« erwiderte die Alte. »Darauf sehen sein Vater und seine Mutter, denn Geld kann man immer brauchen.« Auch sie hätte übrigens schon daran gedacht, ihn beim Theater unterzubringen, doch hätte sie ihr Augenmerk auf das Ballet gerichtet, weil den Kindern zum Tanzen Schuhe und Strümpfe geliefert würden, die sie dann auch auf dem Heimwege benutzen dürften, und das wäre doch immer ein großer Vortheil.

»Ich will den Knaben in der Musik unterrichten!« versprach Wilhelm, »er kann mitunter zu mir kommen.«

»Und dann, mein guter Herr, bekommt er auch wol ein wenig abgelegtes Zeug,« bat die Großmutter, »ein Hemde oder eine Weste, wie es sich gerade trifft.«

»Werde lieber Schneider oder Schuster!« sagte Otto ernst und legte seine Hand auf des Knaben Kopf.

»Er soll ein Genie werden!« versetzte Wilhelm.

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