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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
projectidb68dc3dc
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38.

– – Wie entzückend
Und süß ist es, in einer schönen Seele
Verherrlicht uns zu fühlen, es zu wissen,
Daß unsre Freude fremde Wangen röthet,
Daß unsre Angst im fremden Busen zittert,
Daß unsre Leiden fremde Augen nässen.
Schiller.

»Wie bleich!« sagte Wilhelm am nächsten Morgen zu Otto. »Sehen Sie, das sind die Folgen der Nachtschwärmereien!«

»Wie meinen Sie das?« fragte Otto.

Wilhelm scherzte über sein Abenteuer.

»Das hat Ihnen ja nur geträumt!« versetzte Otto.

»Was?« erwiderte Wilhelm. »Sie erkühnen sich, das mir einbilden zu wollen? Ich bin ja völlig wach gewesen. Wir haben sogar davon gesprochen. Mich könnte wirklich die Lust begleichen, Ihnen eine moralische Vorlesung zu halten. Das hätte ich nur sein sollen! Auf welche Predigt hätte ich mich da von Ihnen gefaßt machen können!«

Sie wurden zum Thee gerufen. Otto befand sich in der höchsten Aufregung. Was würde er hören müssen? Was würde man sagen?

Sophie war sehr heiterer Laune.

»Haben die Herren vergangene Nacht etwas gehört?« fragte sie. »Haben Sie sich Beide dem Schlafe überlassen?«

»Selbstverständlich!« erwiderte Wilhelm und warf unwillkürlich einen Seitenblick auf Otto.

»Der Vogel hat das Weite gesucht!« erzählte sie. »Er ist dem Taubenschlage entflogen!«

»Was für ein Vogel?« fragte Wilhelm.

»Sidsel!« entgegnete sie, »und das Lustigste bei der ganzen Geschichte ist, daß ihr Louise die Flügel gelöst hat. Louise ist plötzlich als Stern auf dem romantischen Gebiete erschienen! Denkt euch nur! Diese Nacht ist sie auf den obersten Boden gestiegen, hat den Gefängnißthurm geöffnet, Sidsel eine moralische Predigt gehalten und sie darauf laufen lassen. Heute morgen kommt nun Louise, erzählt Mama ihr rührendes Abenteuer und berichtet allerlei herzbrechende Dinge!«

»Ich begreife in der That nicht,« sagte die Mutter, »woher du den Muth erhieltest, dich so spät aus deinem Zimmer zu entfernen, und noch obendrein zu ihr hinauf zu gehen. Uebrigens war es hübsch von dir! Laß sie nur immerhin laufen! Das ist, wie du ganz richtig sagst, auch das Beste. Wir hätten es schon gestern Abend thun sollen!«

»Ich habe sie so aufrichtig bedauert!« erklärte Louise. »Nun traf es sich gerade, daß ich noch etwas zu thun hatte, nachdem ihr Andern schon lange zu Bett waret. Alles war so still. Es war mir, als hörte ich Sidsel seufzen. Obgleich es gewiß nur auf meiner Einbildung beruhte, fühlte ich doch Mitleid mit ihr! Sie war so unglücklich! Deshalb ließ ich sie entfliehen!«

»Bist du denn närrisch geworden?« fragte Wilhelm. »Was sind das für Geschichten? Wie kannst du des Nachts auf den Boden laufen? Das ist ein ganz übel angebrachtes Mitleid!«

»Es ist eine schöne Handlung!« sagte Otto, bückte sich unwillkürlich und küßte Louisen die Hand.

»Ja, das ist Wasser auf seine Mühle!« rief Wilhelm. »In meinen Augen haben dergleichen Handlungen wenig Werth!«

»Wir wollen darüber Stillschweigen beobachten!« entschied die Mutter. »Der Verwalter soll ebenfalls keine weitern Schritte unternehmen. Wir erhielten ja den alten silbernen Becher wieder. Gerade sein Verlust hatte mich am unangenehmsten berührt. Wir wollen Gott danken, daß wir sie los sind! Die Aermste stürzt sich doch noch ins Unglück!«

»Befinden Sie sich noch immer unwohl, Herr Zostrup?« fragte Sophie und blickte ihn an.

»Ich habe nur noch ein wenig Fieber,« erwiderte er. »Ich werde recht weit spazieren gehen, dann wird mir hoffentlich wieder ganz wohl werden!«

»Sie sollten auch einige Tropfen nehmen!« rieth die Mutter.

»Du brauchst wegen seiner Gesundheit keine Furcht zu hegen!« tröstete sie Wilhelm. »Er muß sich nur Bewegung machen! Diese Krankheit führt noch nicht zum Tode!«

Otto ging in den Wald. Er fühlte sich so feierlich gestimmt, als befände er sich in einer Kirche, und sein Herz jubelte dankbare Loblieder. Louise war sein guter Engel gewesen. In ihm lebte die Gewißheit, daß sie sein Geheimniß nie verrathen würde. Sein Vertrauen zu ihr war unerschütterlich. »Befinden Sie sich noch immer unwohl?« hatte Sophie gefragt. Schon der bloße Ton ihrer Stimme hatte wie der Duft heilender Kräuter auf ihn gewirkt; ihr Auge hatte ihm Mitgefühl und – Liebe verkündet. »O Sophie!« seufzte er. Beide Schwestern schwebten ihm in so liebenswürdiger Gestalt vor Augen.

Er trat in den Garten und schritt durch die große Allee. Hier kam ihm Louise entgegen, und es hatte fast den Anschein, als ob sie ihn suchte. Außer ihr war Niemand in der Allee zu sehen.

Otto drückte ihre Hand an seine Lippen. »Sie haben mir das Leben gerettet!« sagte er.

»Lieber Zostrup!« erwiderte sie, »werden Sie nur nicht Ihr eigener Verräther. Sie kam ja glücklich fort. Meine kleine Unwahrheit hat, Gott sei Dank, das Ganze verdeckt. Uebrigens hege ich eine Vermuthung – ja, ich kann sie gar nicht wieder los werden. Sollte nicht alles auf einem Irrthum beruhen? Unmöglich kann sie die sein, für welche Sie dieselbe ausgaben! Sagen Sie mir, was Sie mir mittheilen dürfen. Hier von der Bank aus können wir Jeden bemerken, der die Allee betritt. Niemand kann uns hören!«

»Ja, Ihnen allein kann ich mich anvertrauen!« sagte Otto; »Ihnen allein will ich mein ganzes Herz ausschütten!« Er erzählte ihr nun, was wir bereits wissen: von der Fabrik, wie er das Haus genannt, in welchem ihn der deutsche Heinrich zuerst gesehen und jenen Namenszug in seine Schulter geätzt hatte; ferner von der Begegnung im Thiergarten und dem späteren Zusammentreffen bei dem Kreuze des heiligen Anders.

Louise bebte, teilnehmend ruhte ihr Blick auf Otto's blassem schönem Antlitz. Er zeigte ihr den Brief, den er gestern Abend erhalten hatte und gab ihr Heinrichs Worte genau wieder.

»Danach scheint es allerdings richtig zu sein!« bemerkte Louise. »Dennoch war es heute Morgen meine unumstößliche Ueberzeugung, daß Sie betrogen sind. Nicht ein einziger Zug derselben gleicht den Ihrigen! Kann zwischen Bruder und Schwester eine so große Verschiedenheit herrschen, wie zwischen Ihnen Beiden? Doch wenn es sich auch als Wahrheit herausstellen sollte, versprechen Sie mir, daß Sie nicht zuviel daran denken wollen. Es gibt einen gütigen Gott, der alles zum Besten lenken kann!« –

»Diese entsetzlichen Lebensverhältnisse,« sagte Otto, »haben mir die Munterkeit meiner Jugend geraubt. Sie greifen zerstörend in meine ganze Zukunft ein! Nicht Wilhelm, nein, Niemandem habe ich mich anzuvertrauen vermocht. Sie wissen alles! Gott wollte, daß ich mich Ihnen offenbaren sollte! Ich baue fest auf Sie!« Er drückte ihr die Hand. Schweigend, mit dem sichern Blicke der Zuversicht und der Treue blickten Sie einander an. »Ich verlasse bald mein Vaterland,« begann Otto von Neuem. »Möchte es für immer sein! Mit Angst werde ich in die Heimat zurückkehren, in der kein Glück meiner wartet! Ich stehe so völlig allein in der Welt!«

»Allein Sie besitzen Freunde, aufrichtige Freunde!« entgegnete Louise theilnahmvoll! Uns müssen Sie ebenfalls unter dieselben rechnen! Sie müssen mit Freuden an die Rückkehr nach Dänemark denken. Meine Mutter hat Sie so lieb gewonnen, als wären Sie ihr eigener Sohn. Wilhelm und Sophie – wir werden Sie als einen Bruder betrachten!«

»Sophie gleichfalls?« rief Otto aus.

»Sollten Sie daran zweifeln?« fragte Louise.

»Sie kennt mich nicht, wie Sie mich kennen! und thäte sie es – – –!« Er drückte die Hände auf die Augen und brach in Thränen aus. »Sie wissen alles! Sie wissen mehr, als ich ihr zu bekennen vermöchte!« seufzte er. »Ich bin unglücklicher, als Sie glauben! Nie werde ich Sie vergessen können, nie!«

»Um Gottes willen, fassen Sie sich!« sagte Louise und erhob sich. »Es könnte Jemand kommen! Sie würden die Aufregung, in der Sie sich befinden, nicht zu verhehlen im Stande sein! Alles kann noch gut werden! Vertrauen Sie dem himmlischen Vater!«

»Theilen Sie Ihrer Schwester nicht mit, was ich Ihnen gestanden habe! Sagen Sie es Niemandem! Ihnen allein habe ich jedes Geheimniß meiner Seele entschleiert!«

»Ich werde Ihnen eine gute Schwester sein!« entgegnete Louise und drückte ihm die Hand.

Still schritten sie die Allee hinab.

– Die Schwestern schliefen in einem gemeinschaftlichen Zimmer.

Als Sophie am Abende schon eine Weile zu Bett war, suchte Louise erst das Schlafzimmer auf.

»Du bist ja ein förmliches Nachtgespenst geworden!« sagte Sophie. »Wo bleibst du denn so lange? Hoffentlich wirst du doch diese Nacht nicht wieder den Boden ersteigen, du lächerliches Mädchen? Hätten sich Wilhelm, Zostrup oder ich auf dergleichen verlegt, so könnte man das natürlich finden, aber du!«

»Bin ich denn so völlig verschieden von euch?« fragte Louise. »Ich sollte meiner Schwester weniger ähnlich sein, als selbst Herr Zostrup, während ihr Beide doch so wesentlich von einander verschieden seid?«

»In unseren Anschauungen und in unserer Begeist'rung haben wir viel mit einander gemein!« versetzte Sophie.

»Er ist sicherlich nicht glücklich!« rief Louise. »Man kann es auch in seinen Augen lesen!«

»Allerdings, allein das macht ihn gerade interessant!« erwiderte Sophie. »Er bildet einen recht hübschen Schlagschatten im Alltagsleben!«

»Das sagst du so ruhig!« versetzte Louise und neigte sich über ihre Schwester hinab. »Ich möchte fast glauben, es wäre Liebe –!«

»Liebe!« unterbrach sie Sophie und richtete sich im Bette empor. Nun erschien ihr Louise mit einem Male in einem interessanten Lichte. »Wen sollte er deiner Meinung nach lieben?«

»Dich!« erwiderte Louise und ergriff die Hand ihrer Schwester.

»Vielleicht!« meinte Sophie. »Ich mache ihn auch zum Gegenstande meiner Neckereien. Als der Vetter noch hier war, ging es freilich besser. Armer Zostrup!«

»Und du, Sophie?« fragte Louise. »Hast du ihn wieder lieb?«

»Du scheinst mir ja eine förmliche Beichte abnehmen zu wollen!« erwiderte Sophie. »Er ist, wie alle junge Herren, verliebt. Auch der Vetter flüsterte mir, wie du dreist glauben kannst, allerlei schöne Dinge in die Ohren. Selbst der Kammerjunker flattert nach Kräften mit, die gute Seele! Ich bleibe aber meinem Vorsatze getreu, ein vernünftiges Mädchen zu sein! Du kannst dich darauf verlassen, Zostrup wird stets ein mürrischer Charakter bleiben!«

»Wenn nun der Kammerjunker um deine Hand anhielte, würdest du ihm das Jawort geben?« fragte Louise und setzte sich zu ihrer Schwester auf das Bett.

»Wie kommst du auf diesen Einfall?« fragte sie. »Hast du etwas gehört? Du jagst mir Furcht ein! O Louise, ich führe wol Scherzworte auf meinen Lippen und plaudere allerlei, aber trotzdem bin ich doch nicht in mir froh, das kannst du mir glauben!«

Sie redeten vom Kammerjunker, von Otto, und von dem französischen Vetter. Die Nacht war schon weit vorgeschritten. Heiße Thränen traten Sophien in die Augen, aber gleichzeitig lachte sie und schloß mit einem Citate aus Jean Paul. – Eine halbe Stunde später schlief und träumte sie; ihr runder weißer Arm lag auf der Decke, und leise bewegten sich ihre Lippen,

»Süß lächelnd, als ob eben
Ein Engel den Mund ihr küßt.«Christian Winther.

Louise drückte ihr Antlitz in das leichte Kissen und – weinte.

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