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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
projectidb68dc3dc
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35.

Sage mir,
Was mein Herz begehrt? –
Mein Herz ist bei dir,
Halt' es werth!
Westöstlicher Divan von Goethe.

Wieder steht dort in dem Zimmer
Jener Mann, heimtückisch lauernd.
Reiseerinnerungen von B. S. Ingemann.

Nach einigen Tagen war die Röthe wieder auf Eva's Wangen zurückgekehrt. Bei ihrem ersten Ausgange begab sie sich mit den Uebrigen auf das Feld, um das Rapsstroh brennen zu sehen. Es war in zwei ungeheuere Haufen zusammengefahren. Zur festgesetzten und in der ganzen Gegend bekannt gemachten Morgenstunde, damit Niemand glauben möchte, es wäre Feuer ausgebrochen, wurde das Stroh angezündet. Es lag auf dem nächsten Felde in unmittelbarer Nähe des Gutes, auf welchem der Raps auf einem ausgespannten Segel ausgedroschen war.

Auf einem Gemälde des Landschaftsmalers Dahl erblickt man den brennenden Vesuv, aus dessen Krater die glühende Lava herabströmt. Der Hintergrund zeigt den Meerbusen bis nach Neapel und Ischia. Es gehört zu den effectvollsten Gemälden. Obgleich das flache Dänemark, das an großen Naturscenen arm ist, keine so glänzende Situation aufzuweisen hat, so bot dieser Morgen hier doch ein Gemälde von ähnlichem Farbenspiel dar. Wir wollen es uns etwas näher ansehen. Den Vordergrund nimmt eine Hecke von Haselnußstauden ein, deren Nüsse büschelweise herabhängen und mit ihrem hellen Grün stark gegen die dunkeln Blätter abstechen. Blaue Cichorienblumen und blutrother Mohn bedecken die Grabenborde neben dem hohen Stege, über welchen die Damen hüpfen. Die zarte Sylphengestalt ist Eva. Auf dem Felde, aus dem nur die gelben Stoppeln hervorragen, stehen Otto und Wilhelm; zwei prächtige Jagdhunde umkreisen sie wedelnd. Linker Hand gewahrt das Auge einen kleinen, mit Schilf und Wasserlilien fast zugewachsenen See. Gelbe Wiesenblumen bilden um ihn gleichsam Rabatten. Vorn, wo der Wald eine Biegung macht, liegt wie eine Scheune hoch, das zusammengefahrene Stroh. Der Knecht schlägt Feuer an und setzt die Schober an ihrem äußersten Rande in Brand. Schnell wie die herabströmende Lava läuft nun das rothe Feuer die Riesenhaufen hinan. Es knistert und braust in ihnen. In einem Augenblick sieht man nur noch zwei brennende Hügel; hoch schlägt die rothe Flamme in die blaue Luft empor, hoch über den Wald hinaus, der jetzt nicht mehr zu sehen ist. Ein dicker schwarzer Rauch steigt in die klare Luft und schwebt hoch oben, wie eine Wolke über der Gegend. Aus den Flammen und dem Rauche trägt der Wind große Feuerballen in die Höhe, welche sprühend und knisternd auf den Wald zu getrieben werden. Es sieht ängstlich aus, wie sie an den nächsten Bäumen hängen bleiben und Zweige und Blätter versengen.

»Laßt uns weiter zurücktreten,« sagte Sophie, »die Hitze wird hier zu drückend!« Sie zogen sich bis an den Graben zurück.

»Was für eine Menge Nüsse,« rief Wilhelm, »und von diesen soll ich nicht eine einzige bekommen! Wenn sie reif sind, bin ich schon längst fort!«

»Allein Sie bekommen Trauben und andere köstliche Früchte!« erwiderte Eva lächelnd. »Wir müssen uns mit dem Schönen in der Heimat begnügen!« –

»Ja, in der Heimat ist es auch schön, sehr schön!« rief Wilhelm. »Hier gibt es herrliche Blumen, wilde Nüsse, und da haben wir sogar den Vesuv vor uns!« Mit diesen Worten wies er auf die brennenden Haufen.

»Nein!« versetzte Sophie, »mir scheinen sie mehr einem Scheiterhaufen zu gleichen, auf welchem sich die Hindu-Wittwen lebendig verbrennen lassen! Ein solcher Tod muß entsetzlich sein!«

»Jedenfalls muß er schnell eintreten!« erwiderte Eva.

»Möchtest du dich wirklich verbrennen lassen, wenn du eine Hindu-Wittwe wärest, z. B. des Herrn Zostrup oder Wilhelms,« sagte sie leicht hingeworfen, »wenn er todt im Feuer läge?«

»Verlangte es die Landessitte, und hätte ich wirklich die einzige Stütze verloren, die ich in der Welt besäße, ja, dann würde ich es thun!«

»O, nein, nein!« rief Louise.

»Im Grunde ist es erhaben!« meinte Sophie.

»Der Schmerz ist dabei vielleicht nicht einmal das Peinlichste!« sagte Otto und pflückte zerstreut einige Nüsse von der Hecke; »ich kenne ein Märchen von schmerzlicheren Brandwunden.«

»Wie lautet es?« fragte Wilhelm.

»In großer Gesellschaft läßt es sich nicht erzählen; man darf es einander nur unter vier Augen mittheilen. Bei Gelegenheit will ich es einmal erzählen.«

»O, ich kenne das Märchen, welches Sie meinen,« entgegnete Wilhelm. »Sie können es ja einer meiner Schwestern erzählen, welcher Sie es gerade am liebsten anvertrauen wollen. Ich für mein Theil werde oder muß es vielmehr Eva mittheilen!«

»Es ist noch zu früh am Tage, um Märchen anzuhören,« versetzte Louise, »laßt uns lieber ein Lied singen!«

»Nein, dann müssen wir noch vor Abend weinen!« erwiderte Wilhelm, und sie kamen um den Gesang, wie um das Märchen.

Die Mutter erschien endlich auch in Begleitung ihres alten treuen Lieblingshundes Wasser; die Beiden wollten doch auch sehen, wie herrlich sich das Feuer ausnähme. Das Rapsstroh ging auf die Neige; der andere Brand, von dem das Märchen zu erzählen wußte, ja, der kam noch nicht zum Ausbruch, aber man konnte jede Stunde am Tage darauf gefaßt sein.

Am Abend schritt Otto allein durch die große Kastanien-Allee. Hell schien der Mond durch die Zweige der Bäume. Als er in den mittleren Hof schritt, liefen ihm Wilhelm und Sophie, nur auf den Fußspitzen leise auftretend, entgegen. Schweigen gebietend, hob Sophie die Hand auf.

»Kommen Sie!« flüsterte sie ihm zu, »das ist eine Scene zum Malen! – In der Leutestube, in welche man vom Hofe aus ganz gut durch das Fenster hineinblicken kann, geht es lustig her!«

»Ja, kommen Sie!« bat auch Wilhelm.

Otto schlich sich leise hin. Ein Lichtschimmer fiel durch das Fenster.

In der Stube wurde gelacht und laut gesprochen. Einer schlug auf den Tisch, ein Anderer stimmte das alte Volkslied an:

»Und ich will reisen ins Preußenland,
Hurrah!
Und als ich kam ins Preußenland
Hurrah!« – –

Otto blickte zum Fenster hinein.

An einem langen hölzernen Tische saßen einige Knechte und Mägde; am Ende desselben stand Sidsel in gebückter Stellung. Ihr Antlitz war glänzend roth; sie stieß einen Fluch aus und lachte. Niemand dachte daran, daß man sie belauschte. Aller Augen waren auf einen großen Kerl gewandt, der mit aufgeschlagenen Hemdärmeln und einem zinnernen Becher in jeder Hand dastand. Es war der deutsche Heinrich, der ihnen seine Kunststücke vormachte. Otto erbleichte. Wäre vor seinen Augen ein Todter von der Leichenbahre aufgesprungen, es hätte ihm keinen größeren Schrecken einjagen können.

»Hokuspokus Larifari!« rief Heinrich und reichte einem halberwachsenen Burschen, der zwischen dem Knaben- und Jünglingsalter stand, den einen Becher. »Hast du dir schon eine Liebste angeschafft, so verwandelt sich das Korn in diesem Becher in Mehl, bist du dagegen noch ein Gelbschnabel, so wird nur Grütze daraus!«

»Na, Anders Peersen!« sagten alle Mädchen und lachten, »nun werden wir ja sehen, ob du ein echter Mann bist!«

Sophie sprang fort.

Das schallende Gelächter und Händeklatschen verriethen den Ausgang.

»Ist das nicht derselbe, dessen Kunststücke wir im Thiergarten mit ansahen?« fragte Wilhelm.

»Freilich!« erwiderte Otto. »Er ist mir wahrhaft widerwärtig!« Nach diesen Worten folgte er Fräulein Sophie.

Als sich spät Abend die Uebrigen zur Ruhe begaben, schlug Wilhelm noch seinem Freunde Otto vor, mit ihm eine kleine Runde zu machen, wie er es nannte. »Ich glaube, Meg Merrilies, wie meine Schwester Sidsel nennt, hat des Gauklers Herz gewonnen, obwol er recht gut ihr Vater sein könnte. Als sie zusammen die Allee hinuntergingen, hatten sie sich viel zuzuflüstern. Vermutlich soll er diese Nacht in einer der Scheunen schlafen. Ich möchte doch nachsehen. Aller Wahrscheinlichkeit nach liegt er da und raucht noch eine Pfeife und kann uns das ganze Gehöft in Brand stecken. Wollen wir nicht hinabgehen? Wir nehmen Wasser und Fingal mit!«

»Lassen Sie ihn schlafen!« erwiderte Otto, »er wird doch nicht so närrisch sein, Tabak im Stroh zu rauchen. Aufrichtig gesagt, möchte ich von ihm nicht gesehen werden. Er war wiederholentlich auf dem Gute meines Großvaters, wo ich mit ihm gesprochen habe, und seitdem plagt er mich. Nein, ich mag ihn nicht sehen!«

»So gehe ich allein!« sagte Wilhelm.

Otto's Herz klopfte heftig; er stand am offenen Fenster und schaute über den dunklen Wald hinaus, der vom Monde hell beschienen vor ihm lag. Unten im Hofe hörte er Wilhelm die Hunde locken. Auch eine andere Stimme unterschied er, die wol dem Verwalter angehören mochte; dann wurde es wieder still. Otto dachte an den deutschen Heinrich und an Sophie, an den guten und bösen Engel seines Lebens. Er malte es sich aus, wie sie ihm die Hand reichte, wie sie seine Braut wäre, und ihr Heinrich nun jene Vergangenheit enthüllte, bei deren Erinnerung ihm das Blut in den Adern stockte. Ihm war zu Muthe, als stände ihm an diesem Abend noch etwas Böses bevor. »Ich fühle es im Voraus!« sagte er laut.

Wilhelm kam noch immer nicht.

Auf diese Weise verfloß fast eine Stunde. Endlich kehrte Wilhelm, von beiden Hunden, die bis an den Bauch schmutzig waren, begleitet, von seinem Streifzuge zurück.

»Trafen Sie Jemand?« fragte Otto.

»Es war allerdings etwas da,« erwiderte Otto, »wenn auch nicht in der Scheune. Die dummen Hunde verläugneten ganz ihre Natur. Es war, als ob sich Jemand die Mauer entlang und durch das Röhricht im Waldgraben schliche. Die Hunde setzten hinein, schauen Sie nur, wie sie aussehen. Augenblicklich kamen sie indeß wieder zurück, winselten und ließen Schwanz und Ohren hängen. Es war mir nicht möglich, sie wieder hineinzubringen. Da wurde der Verwalter abergläubisch; aber sicherlich ist es doch der Gaukler gewesen, oder einer der Knechte, der ein Stelldichein hatte. Wie übrigens Jemand in das Röhricht hineingehen kann, ohne bis an den Hals zu versinken, ist mir unerklärlich!«

Alles war draußen wieder ganz still. Die Freunde traten an das offene Fenster, hielten sich umschlungen und blickten in die schweigende Nacht hinaus.

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