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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
projectidb68dc3dc
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32.

Es ist gar süß, von lieber Hand
Zur Ankunft sich begrüßt zu sehn,
Gar süß, wenn unser Auge fand
Nur treue Freunde uns umstehn.
Dann wird's so traulich, wird's so stille
Um uns und in der eignen Brust!
Henriette Hauck.

Otto bestellte sofort einen Wagen und langte ungefähr zur Speisezeit der Familie auf dem Gute an. In dem mittelsten Hofe hielten zwei Kaleschen und ein sogenannter holstein'scher Wagen; zwei fremde Kutscher mit breiten Tressen um die Hüte, unterhielten sich, als Wilhelm in das Thor hineinfuhr, auf das Lebhafteste. Sein Postillon stieß in das Horn.

»Still doch!« rief ihm Otto zu.

»Heute sind Fremde auf dem Gute!« entgegnete der Postillon, »ich will ihnen nur ankündigen, daß hier noch Einer dazu kommt!«

Otto blickte bald nach dem Garten, bald nach den Fenstern, ob er keine der Damen entdecken könnte. Nur aus einer Seitenthüre guckte ein weiblicher Kopf hervor, dessen Haar unter die Mütze zurückgestrichen war. Otto erkannte die zusammengewachsenen Augenbrauen. »Daß ich sie zuerst erblicken muß!« seufzte er, und der Wagen rollte in den innersten Hof. Die Hunde bellten, die Truthähne kollerten, aber kein Wilhelm ließ sich blicken. Der Kammerjunker, der vortreffliche Nachbar erschien und dicht hinter ihm Sophie; Beide riefen lächelnd: »Willkommen!«

»Prächtig! Da haben wir ja gleich unsern Mann!« rief der Kammerjunker; »ihn können wir zu unserer Komödie gebrauchen!«

»Es ist herrlich, daß Sie kommen!« sagte Sophie, »Sie kommen uns wie gerufen!« Sie reichte ihm die Hand, die er an seine Lippen drückte. »Wir wollen heut' Abend lebende Bilder stellen!« erzählte sie. »Der Pfarrer hat noch nie dergleichen gesehen. Auf Wilhelm müssen wir leider verzichten, da er in Svendborg ist und erst in zwei Tagen zurückkehrt. Sie müssen die Rolle des Offiziers übernehmen, während der Kammerjunker die Nachtwandlerin vorstellt, die mit dem Lichte in der Hand zum Fenster hineinsteigt. Wollen Sie unsere Bitte erfüllen?«

»Alles, was Sie verlangen!« versetzte Otto.

»Bewahren Sie aber reinen Mund!« entgegnete Sophie und legte den Finger auf den Mund. In diesem Augenblick kam die Mama die Treppe hinab.

»Lieber Zostrup!« sagte sie und drückte ihm mit wahrer Innigkeit beide Hände. »Ich habe mich schon förmlich nach Ihnen gesehnt! Wilhelm ist verreist, und Sie müssen deshalb schon zwei Tage lang mit uns vorlieb nehmen!«

Otto schritt durch den langen Gang, in welchem die alten Familienbilder hingen; es war, als ob auch diese ihm ein freundliches Willkommen zunickten. Nur eine einzige traumreiche Nacht schien ihm seit seiner letzten Anwesenheit hierselbst verflossen zu sein. Ein Jahr im Strome der Zeit ist ja auch nicht so viel als eine Winternacht im Leben des Menschen.

Hier war alles so gemüthlich und heimisch; Keiner hätte es den Bäumen da draußen angesehen, daß sie seitdem schon einmal blätterlos und schneebedeckt dagestanden hatten. Ueppig grün wiegten sie sich in der Sonnenwärme, gerade wie damals, als Otto zum letzten Male aus diesem Fenster schaute.

Ihm wurde wie im vorigen Jahre die rothe Kammer angewiesen. Die Mittagsglocke läutete.

Auf dem Gange begegnete ihm Louise.

»Zostrup!« rief sie freudig und ergriff seine Hand. »Seit Jahr und Tag habe ich Sie nicht gesehen!«

»Ja, in diesem Jahre ist viel geschehen!« sagte der Kammerjunker. »Besuchen Sie mich nur bald, dann sollen Sie sehen, was ich mir zu meinem Vergnügen habe machen lassen. Denken Sie sich nur: eine Kegelbahn! Fräulein Sophie hat auch schon einen Stamm mitgeschoben.«

Der Kammerjunker führte die Mutter zu Tische. Otto näherte sich Sophien.

»Wollen Sie nicht der Schwester des Kammerjunkers den Arm bieten?« flüsterte sie.

Mechanisch verneigte sich Otto vor Fräulein Jakoba.

»Wählen Sie sich lieber eine von den Jungen!« sagte dieser, »das wünschen Sie doch lieber.«

Otto verbeugte sich abermals, und ein schneller Blick, den er dabei nach Sophie hinüberwarf, belehrte ihn, daß sie bereits den Arm des alten Pfarrers angenommen hatte. Lächelnd führte er Jakoba zu Tische.

Die durch ihr Nähkästchen bekannte Mamsell nahm den Platz zu seiner Linken ein. Er betrachtete nun die Gesellschaft, die außer den bereits Erwähnten, aus einigen ihm unbekannten Herren oder Damen bestand. Ein Stuhl stand noch leer, wurde aber bald besetzt; ein junges Mädchen, bescheiden in seinem Putze, aber sonst ganz wie Louise gekleidet, trat ein.

»Weshalb erscheinst du erst so spät?« fragte Sophie.

»Das weiß nur Eva und ich!« sagte Louise und sah die Eintretende freundlich lächelnd an.

Eva setzte sich. Vielleicht fühlte sich Otto nur durch die vollkommene Uebereinstimmung in ihrem und Louisens Anzuge aufgefordert, diese Beiden so genau zu betrachten und unwillkürlich Vergleichungen anzustellen. Sie trugen Beide ein einfaches dunkelbraunes Kleid und hatten den Hals mit einem kleinen seladongrünen seidnen Tuche verhüllt. Louise war für ihn eine anmuthige Erscheinung, ohne daß sie gerade schön genannt werden konnte; Eva dagegen war idealisch; ein gewisses Etwas in ihrem Wesen erinnerte ihn an die blaßrothen feinen Hyacinthen. Nach einer schönen Mythe wird jeder Mensch von einem unsichtbaren Engel umschwebt, der ihm trotz aller Verschiedenheit dennoch vollkommen ähnlich ist. Eva war der Engel, Louise dagegen das menschliche Wesen in seiner ganzen Reinheit. Otto's und Sophiens Augen trafen sich. Welche Kraft, welche Schönheit war in Sophie verkörpert! Ihr Geist, das mußte er einräumen, überragte weit Louisens Geist, und an Schönheit war sie eine Prachtblume, und nicht wie Eva eine feine, leicht zu brechende Hyacinthe. Aus diesen Augen sog er Beredsamkeit und wurde interessant, wie der Vetter, obschon er nicht in Paris gewesen war.

Des Kammerjunkers Gespräch drehte sich nur um Ferkel, allein das war ebenfalls unterhaltend; seine Begeisterung schöpfte er vielleicht aus derselben Quelle, wie Otto. Er erzählte von der Kraft des grünen Buchweizens und theilte zur Bestätigung mit, daß Schweine, welche von demselben fräßen, wie toll würden. Das müßte wol auch der Geschichte von den Teufeln, die in die Säue gefahren wären, zu Grunde liegen. Nur kohlschwarze Schweine wären im Stande, den grünen Buchweizen zu verdauen, hätten sie jedoch eine einzige weiße Stelle am Körper, so würde diese Stelle bestimmt krank. »Nicht wahr? Höchst merkwürdig!« schloß er seinen Vortrag.

In der Begeisterung artete seine Rede allmählich in ein förmliches Schreien aus, was Fräulein Jakoba zu der Bemerkung veranlaßte, man müßte fast glauben, daß er selbst von dem grünen Buchweizen gekostet hätte.

Otto schnitt aus der grünen Melonenschale inzwischen einen Mann aus und ließ ihn auf dem Rande seines Weinglases reiten: das lenkte Sophiens Aufmerksamkeit von dem Kammerjunker ab. Der ganzen Gesellschaft gefiel das Ausgeschnittene, und die Mamsell stammelte schüchtern die Bitte hervor, er möchte es ihr für ihr Nähkästchen schenken.

Gegen Abend setzten die Vorbereitungen zu den lebenden Bildern alles in Bewegung.

Eva sollte Hero darstellen. Mit einer Fackel in der Hand sollte sie auf einem Tische knien, der zu einem Ballone drapirt war. Das arme Mädchen fühlte sich über die ihm zugedachte Rolle ganz unglücklich. Sophie lachte Eva jedoch wegen ihrer Furcht aus und gab ihr die Versicherung, sie würde Bewunderung erregen, und deshalb sollte und müßte sie diese Rolle übernehmen.

»Thue meiner Schwester schon den Willen!« sagte Louise bittend, und nun zeigte sich Eva bereit, löste ihr langes braunes Haar auf und ließ Sophie die Draperie ordnen.

Otto mußte eine Offizieruniform anziehen. Er stellte sich in ihr den Schwestern vor.

»Aber das Gold ist ja nicht an den Kragen geheftet!« sagte Sophie und begann sofort dem Uebelstande abzuhelfen. »Sie können den Waffenrock dreist anbehalten, während ich die Arbeit verrichte,« fuhr sie fort. Wenn ihre zarte Hand dabei hin und wieder Otto's Wange berührte, durchzuckte ihn gleichsam ein elektrischer Schlag, und das Blut strömte ihm glühend durch die Adern. Wie gern hätte er nicht gewagt, diese Hand an seine Lippen zu drücken!

Ein lautes Gelächter erscholl, als der Kammerjunker in einem weißen Unterrocke, der kaum seine Kniee bedeckte, und in einer weiten weißen Damennachtjacke erschien. Fräulein Sophie mußte ihm die Locken ordnen. Sie nahm sich dabei sehr anmuthig aus; als ihre Hand ihm das Haar von der Stirn strich und dann über seine Wange hinabglitt, küßte er dieselbe. Sie versetzte ihm dafür zur Strafe einen leichten Schlag ins Gesicht und ermahnte ihn, sich nicht zu vergessen. »Wir sind Damen!« versetzte er entschuldigend und erhob sich in seinem ganzen Staate. Alle lachten, nur Otto vermochte es nicht, sondern fühlte eher Lust, ihn zu prügeln. Nachdem sich die Zuschauer in einem dunkeln Zimmer versammelt hatten, wurden die Flügelthüren geöffnet.

In einem weißen Gewande, das Haar über die Schultern herabwallend und eine Fackel in der Hand, starrte Eva als Hero über das Meer hinaus. Keines Künstlers Phantasie hätte es sich schöner auszumalen vermocht. Die großen dunkelblauen Augen drückten Wehmuth und Liebe aus. Es war vollkommen Eva's natürlicher Blick, nur mit dem Unterschiede, daß man sie hier in völliger Ruhe sah. Die feinen schwarzen Augenbrauen hoben noch den Ausdruck; die ganze Gestalt war wie hingehaucht.

Ein neues Bild folgte, Faust und Gretchen in der Laube, hinter welchen Mephistopheles mit seinem diabolischen Lächeln stand. Des Kammerjunkers Mamsell stellte Gretchen dar. Bei Oeffnung der Saalthüre ergriff sie mit lautem Geschrei die Flucht; sie konnte unmöglich sitzen bleiben, es war ihr doch gar zu bange. Die Gruppe war gestört, man lachte und fand es höchst belustigend; indeß der Kammerjunker verstand durchaus keinen Spaß, er schalt laut und fluchte, sie müßte unter allen Umstanden wieder herein. Darüber wuchs das Gelächter der Zuschauer und wurde auch keineswegs schwächer, als der Kammerjunker, sein Costüm als Nachtwandlerin vergessend, halb in den Rahmen trat, in welchem die Bilder gestellt wurden, und die Mamsell wieder auf die Bank drückte. Diese Gruppe war nur wenige Augenblicke sichtbar, denn die Thüren wurden gleich wieder geschlossen. Die Zuschauer klatschten, allein es ließ sich auch ein Pfeifen hören. Gelächter und Gespräch durchbrausten das Zimmer. Obgleich schon wieder ein neues wunderbar liebliches Bild im Rahmen erschien, war es doch unmöglich, die Ruhe völlig herzustellen. Es war Sophie als Correggio's Magdalene. Ihr reicher Haarwuchs wogte über die Schultern und runden Arme hinab, und vor ihr lag ein Todtenkopf neben dem heiligen Buche.

Otto's Blut begann schneller zu kreisen; noch nie hatte er Sophie schöner gesehen. Das Publikum konnte indeß die vorangegangene komische Scene noch immer nicht vergessen, weshalb sich auch hier und da ein unterdrücktes schwaches Lachen hören ließ.

Dies machte sich endlich bei dem folgenden Bilde Luft, in welchem sich der Kammerjunker als Nachtwandlerin, die Hand vor dem ausgegangenen Lichte haltend, am offenen Fenster zeigte.

Alle Mitspielenden erhielten einen stürmischen Beifall.

»Das ganze Arrangement ist von Fräulein Sophie ausgegangen!« rief der Kammerjunker, und nun ertönte ihr Name von den Lippen des Publikums.

Erst zwei Tage später traf Wilhelm ein. Er schlief mit Otto in einem Zimmer zusammen. Dieser erzählte von den lebenden Bildern und bemerkte auch, wie schön Eva als Hero gewesen wäre.

»Das läßt sich denken!« erwiderte Wilhelm, ohne jedoch weiter darauf einzugehen. Ueber den Kammerjunker und die gestörte Gruppe brach er in lautes Gelächter aus!

Otto erwähnte Eva's noch einmal, allein Wilhelm glitt in seinen Antworten leicht darüber hin. Otto konnte nicht dahinter kommen, wie die Verhältnisse jetzt standen.

»Wollen wir jetzt nicht schlafen?« fragte endlich Wilhelm; sie wünschten einander gute Nacht, und es wurde stille.

Der Schlaf, wie ihn uns Tieck als einen alten Mann mit einem Kasten, aus welchem er seine Traummarionetten nimmt, dargestellt hat, begann nun seine nächtlichen dramatischen Märchen, die so lange anhielten, bis die Sonne zu den Fenstern hineinschien.

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