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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
projectidb68dc3dc
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30.

– Andre leben wir,
Noch Andre denken wir zu sein; wir scheinen
Noch Andre – Andre macht die Zeit aus uns.
Schefer.

»Wenn die Knospen aufbrechen, dann brechen wir auch auf!« hatten Otto und Wilhelm oft gesagt. Nach ihrem Plane wollten sie gleich bei Beginn des Frühlings nach Paris reisen, aber unterwegs zuerst den Rhein besuchen und die Strecke von Köln bis Straßburg auf dem Dampfschiffe zurücklegen.

»Ja, den Rhein muß man zuerst sehen!« hatte Vetter Joachim gesagt; »wenn man die Schweiz und Italien schon bereist hat, vermag er nicht mehr zu fesseln. An seinem Anblicke muß man sich zuerst weiden, aber freilich muß man ihn nicht im Frühlinge besuchen, sondern erst gegen den Herbst. Wenn das Weinlaub sein volles Farbenspiel erhalten hat und die schweren Trauben an den Reben hängen, seht, dann treten die alten Ruinen recht hervor, dann feiert der Rhein seine Galatage. Bereisen Sie ihn erst um diese Zeit, so haben Sie auch noch den andern Vortheil, daß Sie dann gegen den Winter in Paris eintreffen, und das muß man; dann kommt man nicht post festum, dann hat dort die Freude, das Theater, die Soiréen, kurz alles, was die beau monde zu interessiren im Stande ist, den Gipfelpunkt erreicht.«

Obgleich Otto sonst kein großes Gewicht auf die Worte des Vetters legte, ging er doch dieses Mal merkwürdigerweise auf die Ansichten desselben ein. »Es würde in der That das Klügste sein, die Reise erst gegen den Herbst anzutreten,« meint er, »es würde ihnen gewiß auch nur zum Vortheile gereichen können, wenn sie sich noch etwas gründlicher darauf vorbereiteten.«

»Das ist stets gut,« sagte Joachim, »was indeß in der Fremde selbst weit ersprießlicher ist, als alle Vorbereitungen in der Heimat, läßt sich in die wenigen Worte zusammenfassen: »Gebt allen Verkehr mit Landsleuten auf!« In der Gegenwart reist alle Welt. Paris ist jetzt nicht weiter von uns entfernt, als Hamburg vor ungefähr dreißig Jahren. Während meines Aufenthalts in Paris lebten daselbst sechzehn oder siebzehn Landsleute. O, wie die zusammen klebten! Ihrer eilf wohnten in demselben Hotel, tranken zusammen Kaffee, gingen zusammen aus, besuchten zusammen den Restaurateur und saßen im Theater auf einer Bank neben einander. Das ist das Allerthörichste, was man thun kann. Meiner Ansicht nach ist das Reisen für Jeden vorteilhaft, vom Fürsten an bis zum Handwerksburschen herab. Allein wir lassen zu Viele reisen! Wir sind nicht reich und sollten deshalb in diesem Punkte Einschränkungen eintreten lassen. Der plastische Künstler, der Dichter, der Polytechniker und der Arzt, die müssen reisen; weshalb indeß die Theologen außer Land sollen, das mag der liebe Gott wissen! Schon zu Hause können sie närrisches Zeug genug lernen. Kommen sie nun erst gar in katholische Länder, dann ist es völlig aus mit ihnen. Was sollen ferner die Bücherwürmer in der Fremde? Wie angemauert sitzen sie in der Diligence und auf ihren Zimmern, durchstöbern die Bibliotheken ein wenig, bringen uns aber nach ihrer Rückkunft nicht so viel Nutzen, daß man sich eine Prise Tabak dafür kaufen könnte. Die, welche am meisten kosten, bringen dem Lande gewöhnlich am wenigsten Nutzen und Ehre. Gottlob habe ich meine Reise selbst bezahlt und brauche mit meiner Meinung deshalb nicht zurückzuhalten!«

Wir wollen nun hören, was Fräulein Sophie sagt und deshalb einige Tage überspringen.

»Wir behalten Sie also noch bis zum August?« sagte sie eines Tages, als sie sich mit Otto allein befand. »Das ist vernünftig! Auf diese Weise können Sie noch einige Zeit bei uns in Fühnen verweilen und Kräfte zur Reise sammeln. Die Reise wird Ihnen in vieler Beziehung von Nutzen sein.«

»Ich hoffe es,« erwiderte Otto. »Vielleicht kann ich es noch dahin bringen, eben so interessant, eben so liebenswürdig, wie Ihr Vetter zu werden!«

»Das wäre doch zu viel von Ihnen verlangt!« entgegnete Sophie nickend. »Sie werden sich seine Laune, seine Leichtigkeit, die Welt aufzufassen, nie aneignen können. Sie werden nur gegen die Verderbheit der Pariser eifern, nur die melancholische Größe der Schweiz und die Einsamkeit in den ungarischen Wäldern auffassen.«

»Sie wollen mich zu einem Menschenhasser machen, der ich durchaus nicht bin!«

»Wenigstens besitzen Sie ein angeborenes Talent für diesen Charakter!« versetzte Sophie. »Etwas wird ja auf der Reise doch wol abgeschliffen werden, und auf diese Veränderung freue ich mich eben.«

»Um Ihnen zu gefallen, mein Fräulein,« fragte Otto, »muß man demnach ein leichtes flatterhaftes Gemüth besitzen?«

»Freilich!« entgegnete Sophie ironisch.

»So beruht es also doch auf Wahrheit, was Ihr Herr Vetter mir versichert hat!« sagte Otto. »Will man bei den Damen Glück machen, so muß man wenigstens etwas leichtfertig, genußsüchtig und flatterhaft sein, das allein ist im Stande interessant zu machen. Er hat sich allerdings mit der Welt bekannt gemacht, er besitzt in allen Stücken Erfahrung.«

»Ja, vollkommen!« sagte Sophie laut lachend.

Otto schwieg und runzelte die Augenbrauen.

»Ich wünsche Sonnenschein!« sagte Sophie und hob lächelnd den Zeigefinger. Otto blieb unverändert, und nun runzelte sie die Stirn.

»Sie müssen sich noch sehr verändern!« sagte sie halb ernst und hüpfte zum Zimmer hinaus.

Drei Wochen verstrichen, während große Ereignisse im Reiche des Herzens vor sich gingen. Es wurde zwar noch ein diplomatisches Geheimniß beobachtet, allein die Augen plauderten es durch ihre mimische Sprache aus; nur der Mund schwieg, und der ist allerdings die entscheidende Macht.

Otto besuchte das Haus des Comptoirchefs. Maren war gerade den Tag vorher abgereist. Vergebens hatte sie drei Wochen lang auf seinen Besuch gewartet.

»Sie vergessen Ihre wahren Freunde völlig!« sagten die Damen. »Maja war ebenfalls recht böse auf Sie, obwol sie uns dennoch Grüße an Sie aufgetragen hat. Nun segelt sie auf der salzigen See.«

Dies war jedoch nicht der Fall, da sie bereits gelandet war. In diesem Augenblicke fuhr sie gerade über die braune Haide, dachte an Kopenhagen, an die dort genossenen Freuden, aber auch an den verlebten Kummer – es ist betrübend, von einem Jugendfreunde vergessen zu werden! – Otto war so schön, so klug – sie träumte in ihrem Grame gar nicht davon, wie schön und klug sie selbst in der Heimat erscheinen würde. Schönheit und Klugheit hatte man schon vor ihrer Abreise an ihr entdeckt; nun war sie noch in der Hauptstadt gewesen, und das verleiht ein ganz besonderes Ansehen.

Vögel umflatterten ihren Wagen; vielleicht sagte ihr das Gezwitscher derselben schon, was zwei Jahre später in Erfüllung gehen sollte. »Du wirst Braut, des Secretärs niedliche Braut, sollst sowol ihn wie die Spieldose bekommen, wirst die feinste Dame in der Stadt und doch zugleich die vortrefflichste Mutter. Deine erste Tochter wird Maja heißen – es ist ein schöner Name und wird dich an vergangene Tage erinnern.«

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