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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
projectidb68dc3dc
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29.

Und hab' ich einsam auch geweint,
So ist's mein eigner Schmerz.
Goethe

In der letzten Zeit war Otto nur selten bei Herrn Berger gewesen. Das Haus des Comptoirchefs vermochte ihm kein Interesse abzugewinnen. Seine Besuche wurden deshalb seltner. Geschäftssachen hatten ihn indeß eines Tages dahingeführt.

Der Zufall oder das Schicksal, wie man es nennt, sobald sich auch nur ein Schatten von Folgen offenbart, wollte, daß in dem Augenblicke, in welchem sich Otto wieder fortbegeben wollte, Maren durch das Vorzimmer kommen mußte. Von allen Damen war sie allein zu Hause. In drei Wochen sollte sie nach Lemvig zurückkehren. Sie sprach ihr Bedauern darüber aus, daß sie nur so selten Herrn Zostrups Gesellschaft genossen hätte.

»Ihre alten Freunde haben Sie vergessen!« fügte sie etwas ernst hinzu. Nach ihrer Versicherung hatte sie sich in der Hauptstadt übrigens recht gut amüsirt und mit Ausnahme der ausgestopften Vögel alles gesehen; aber auch diesen hatte sie für morgen ihren Besuch zugedacht. Siebzehnmal war sie im Theater gewesen und hatte zweimal die Nachtwandlerin gesehen. Dagegen hatte sie keiner Aufführung des Freischützes beigewohnt, obwol sie, der Wolfsschlucht wegen, gerade diese Oper am liebsten gehört hätte. Bei Aarhuus gäbe es nämlich eine Stelle im Walde, der man den Namen Wolfsschlucht beigelegt hätte. Diese wäre ihr bekannt, und sie wünschte nun zu sehen, ob sie der auf dem Theater gliche.

»Ich soll doch Rosalien von Ihnen grüßen?« fragte sie endlich.

»Sie bleiben ja noch drei Wochen hier,« entgegnete Otto, »da ist es also noch zu früh, vom Abschied zu reden.«

»Allein Sie kommen ja fast niemals her,« versetzte sie. »Sie haben sich einen angenehmeren Umgangskreis gesucht! Des Barons Schwester wird Sie gewiß öfter zu sehen bekommen; sie soll ein schönes und sehr kluges Mädchen sein; vielleicht darf man bald gratuliren?«

Otto wurde blutroth.

»Mit Beginn des Frühlings gedenken Sie eine Reise in das Ausland zu unternehmen,« fuhr sie fort; »wir werden Sie deshalb in Jütland nicht willkommen heißen können, ja vielleicht werden Sie nie wieder nach Ihrer Heimat zurückkehren! Das wird die alte Rosalie betrüben. Sie hat Sie so unglaublich lieb. Alle Briefe, die ich hier bekommen habe, enthielten Grüße an Sie, Herr Zostrup. Ich habe eine große Menge an Sie auszurichten. Allein Sie haben mir durch Ihr Ausbleiben nie Gelegenheit gegeben, sie Ihnen zu bestellen, und ich darf einem jungen Herrn doch keinen Besuch abstatten. Aus alter Freundschaft gestatten Sie wol, daß ich die Erste bin, welche den Lieben in der Heimat Ihre Verlobung anzeigt?«

»Wie können Sie nur auf einen solchen Gedanken verfallen?« erwiderte Otto. »Ich besuche viele Familien, zu denen junge Damen gehören; sollte das Herz daran Theil haben, dann würde es schlimm mit mir bestellt sein. Ich hege große Achtung vor Fräulein Sophie, ich führe die nämliche Sprache gegen dieselbe, wie gegen Sie. Das ist das Ganze. Ich merke, daß auch Sie bereits den Einwirkungen der Kopenhagener Luft unterlegen sind; in der Hauptstadt geht man stets darauf aus, die Leute zu verloben. Sie haben sich von den andern Damen hier im Hause anstecken lassen. Wie können Sie an solche Geschichten nur glauben!«

Maren scherzte nun zwar auch darüber; als er sie aber verlassen hatte, setzte sie sich in einen Winkel, bedeckte das Gesicht mit ihrer kleinen Schürze und weinte – – – vielleicht, weil sie nun bald die lebhafte Hauptstadt verlassen sollte, deren königliches Theater sie siebzehnmal besucht hatte, ohne die Wolfsschlucht gesehen zu haben.

»Verlobt!« wiederholte Otto bei sich selbst und dachte an Sophie, an den Vetter und an seine eigene Kindheit, die wie eine schwere Gewitterwolke seinen Lebenshimmel verdunkelte. Viele Gedanken bewegten seine Seele. Er gedachte auch jenes Weihnachtsabends, an dem er zum ersten Male mit Sophie zusammentraf, bei welcher Gelegenheit sie ihm als Lebensparze die Glücksnummer reichte. Er bekam dreiunddreißig, sie vierunddreißig. Die Aufeinanderfolge der Zahlen diente zu einer Art Vereinigung zwischen ihnen. Er gewann damals den Stammbaum und wurde dadurch in den Adel, dem auch sie angehörte, erhoben. Der ganze Scherz erhielt Bedeutung für ihn. Von Neuem überlas er den beigefügten Vers. Immer und immer wieder tönte ihm der Schluß desselben vor Ohren:

»Empfang' den Adel jetzt aus meiner Hand,
Sei treu und wahr auch stets im neuen Stand!«

»O Sophie!« rief er laut, und die Flamme, welche, ohne daß er es erkennen wollte, schon längst in seiner Seele geglimmt hatte, loderte hoch empor. »Sophie, dich muß ich an mein Herz drücken!« Er verlor sich in liebliche Träume, die aber bald durch finstere Gestalten gestört wurden. »Kann sie denn glücklich werden? Kann ich es? Ihre Weihnachtsgabe, jenes Bild, welches eine durchbrochene Eisdecke darstellte, auf der der treue Hund vergebens wartete, ist bedeutungsvoll. Es zeigt mir die Erfüllung meiner Hoffnungen. Ich sinke und werde nie zurückkehren!«

Das Bild des Vetters mischte sich in seine Träume. Das feine Gesicht mit dem kleinen Bärtchen guckte naseweis und geschwätzig hervor, und er sah, wie Sophiens Augen auf dem Vetter ruhten, während ihre weiße Hand mit den braunen Locken spielte, welche über ihre Wangen hinabflossen.

»O, Sophie!« seufzte Otto und entschlummerte.

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