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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
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27.

Seht, ein Fest wie zu Johanni!
Aber wie? Im Februar?
Kommt nur, seht das lust'ge Völklein.
Dr. Balfungo.

In Dänemark bilden die Studenten weder Burschenschaften noch Landsmannschaften und tragen keine bestimmte Farben. Nicht nur das Katheder bringt die Professoren mit ihnen in Berührung. Wenn von einem Unterschiede zwischen ihnen und jenen überhaupt die Rede sein kann, so ist es nur der, welcher stets zwischen jüngern und ältern Gelehrten herrschen wird. Deshalb halten sie gemeinschaftliche Zusammenkünfte, deshalb nehmen sie gegenseitig an ihren Freuden Theil. Wir wollen nun einen Abend im Studentenverein zubringen und uns selbst überzeugen, in wie weit Fräulein Sophie Recht hat, wenn sie sich wünscht, ein Mann zu sein, nur um Student werden und Aufnahme in den Verein finden zu können. Wir wählen einen bestimmten Abend, nicht nur um einen Glanzpunkt hervorzuheben, sondern auch deshalb, weil uns dieser Abend mehr als eine bloße Beschreibung wird bringen können.

Oft war im Vereine davon die Rede gewesen, eine gemeinschaftliche Fahrt nach dem Thiergarten zu veranstalten. Man hatte zu diesem Ausfluge das Dampfschiff Caledonia miethen wollen. Allein während der Sommermonate ist die Anzahl der Vereinsmitglieder schwächer, da die größere Mehrzahl zum Besuche ihrer Familien nach den Provinzen geflattert ist. Der Winter versammelt sie dagegen alle wieder. Diese Zeit ist demnach für große Unternehmungen die geeignetste. Die lange besprochene Fahrt nach dem Thiergarten wurde deshalb auf den Fastnachtsmontag, den vierzehnten Februar 1831, festgesetzt. So lautete auch die Einladung an die Professoren und die älteren Mitglieder. »Es ist mir zu kalt!« entschuldigte sich Einer. »Muß man selbst für einen Wagen sorgen?« fragte ein Anderer. Nein, der Thiergarten war nach Kopenhagen gezaubert. Im Studentenvereine selber, in dem rothen Hause in der Ballhausstraße Nr. 225 erhob sich der Thiergartenhügel mit seinen grünen Bäumen, seinen Schaukeln und Sehenswürdigkeiten. Seht, auf einen solchen Einfall konnten nur die Schüler der schwarzen Schule gerathen!

Der Abend des vierzehnten Februar erschien. Die Gäste versammelten sich in den Zimmern des ersten Stockwerks. Mittlerweile waren in der Oberetage alle Vorbereitungen beendet. Diejenigen, welche die Gaukler vorstellten, hatten ihre Plätze eingenommen. Eine mächtige Knallkugel ahmte den Signalschuß des Dampfschiffes nach, und nun ging es stürmisch die Treppen hinauf nach dem Thiergarten, zu dem zwei große Säle mit Geschmack und Genialität umgeschaffen waren. Große Tannenbäume verbargen die Wände, man trat in einen vollständigen Wald hinein. Die Thüre, welche die beiden Säle verband, war mit Hilfe von weißen Tüchern so decorirt, daß man durch ein Zelt zu schreiten meinte. Leyerkasten spielten, Trommeln wirbelten, Trompeten schmetterten, und aus Zelten und von Tribünen herab überschrien die Ausrufer einander. Es war ein Lärm und Geschrei, ein Gewühl und Gedränge, daß man sich in der That in den Thiergarten versetzt glaubte. Die Haupteffectstücke des wirklichen Thiergartens fanden sich auch hier, und zwar waren sie nicht etwa nachgemacht, sondern man hatte sich die Originale selbst zu verschaffen gewußt. Meister Jakels eigene Puppen waren für den Abend gemiethet. Ein Student, der sich durch sein täuschendes Nachahmungsvermögen hervorthat, ließ die hervorragendsten Schauspieler in den Jakel'schen Masken auftreten. Die Festung Frederikssteen war dieselbe, welche wir uns draußen angesehen haben. »Die ganze Cavallerie und Infanterie, hier ein Kerl ohne Bajonnet, da ein Bajonnet ohne Kerl!« Der alte Jude saß unter dem Baume und sang einen Vers, um sein fünfzigjähriges Thiergartenjubiläum zu verkündigen. Einer aß brennendes Werg, ein Anderer zeigte einen Bären. Polignac stand als Wachsfigur vor einem Wachsfigurencabinette. Die Magdalenenstiftung hatte ihre Büchse nicht vergessen; der Tambourmajor schlug Wirbel, und wirkliche warme Waffeln dufteten aus der Nachbarbude. Selbst die Quelle sprudelte in dem vordersten Zimmer. Wurde sie auch nur aus einer Theemaschine unterhalten, die zwischen Steinen und Moos verborgen stand, so lieferte sie doch echtes Quellwasser, welches frisch aus der Christiansborger Quelle geholt war. Von überraschender Wirkung war aber die große Anzahl niedlicher Mädchen, die sich um dieselbe gruppirt hatten. Mehrere der jüngsten Studenten mit weiblichen Zügen waren in Damenkleidung erschienen; einige konnten wirklich hübsch genannt werden. Wer hat die Schöne mit dem Tambourin gesehen und sie wieder vergessen können? Man schaarte sich um die Damen, die alten Professoren machten ihnen förmlich den Hof, und was das Schönste war, ein paar Damen, die weniger Glück machten, wurden auf die andern eifersüchtig.

Otto war sehr aufgeräumt; der Lärm, das Volksgewühl, die verschiedenen Menschen, alles war naturgetreu wiedergegeben. Hier kam der Stockmeister mit seiner Gattin und der kleinen Enkelin; dort drehten sich drei niedliche Amackerinnen umher, und da wanderte die ganze Botanisirgesellschaft unter Führung ihres wirklichen Professors. Otto setzte sich in eine Schaukel. Ein verlaufener Clarinettenspieler und ein Trommelschläger betäubten ihn mit Disharmonien. Eine junge Dame, eine der Schönheiten, in weißem Kleide und mit einem leichten Tuche um die Schultern, kam auf ihn zu und warf sich ihm in die Arme. Es war Wilhelm. Otto fiel seine sprechende Aehnlichkeit mit Fräulein Sophie auf. Deshalb stieg ihm das Blut in das Gesicht, als die Schöne den Arm um ihn schlang und ihre Wange an die seinige schmiegte. In dieser Gestalt trat ihm mehr von Sophien als von Wilhelm entgegen. Obwol Wilhelms Züge gröber waren und dieser seine Schwester auch an Größe übertraf, so sah Otto doch Sophie verkörpert in ihm, und deshalb wurde sein Auge durch diese markirten Bewegungen, durch dieses Umhertummeln mit den andern Studenten auf das empfindlichste beleidigt. Als Wilhelm sich ihm auf den Schooß setzte und die Wange an die seinige drückte, fühlte er sein Herz fieberhaft klopfen und sein Blut mit Feuersglut durch seine Adern rollen. Er stieß ihn fort, aber die Schöne wurde nicht müde, ihn mit immer neuen Liebkosungen zu überhäufen.

Nun begann auf einem kleinen sogenannten Krähwinklertheater eine Vorstellung der damals beliebten »Kellerleute,« einiger dramatisirter Schnurren, die in vieler Beziehung mit der Glasbrenner'schen Muse Aehnlichkeit haben. Die Dame drückte Otto fest an sich und flog tanzend mit ihm in die Menge hinein. Die Wärme, der Lärm und besonders das allzu übertriebene Schnüren wirkten dergestalt auf Wilhelm ein, daß ihm unwohl wurde. Otto führte ihn nach einer Bank und wollte ihm das Kleid öffnen, allein alle junge Damen eilten herbei und schoben, ihrer Rolle getreu, Otto bei Seite, umringten die Kranke und verbargen sie, während ihr das Kleid, um ihr Luft zu verschaffen, im Rücken aufgetrennt wurde; aber kein Herr durfte davon Augenzeuge sein.

Gegen Abend wurde ein Lied angestimmt, ein Schuß wurde abgefeuert, und der letzte Vers verkündigte:

»Der Schuß ist gefallen, das Schiff muß nun fliehn
Zur Stadt in des Abends Grauen. –
Kommt, Freunde, laßt nach den Tischen uns ziehn
In bunter Reih' Herren und Frauen.Fastelabendlied im Thiergarten zu singen, von Felix Purelli

Und nun stürmten Alle in dampfschiffartiger Eile wieder die Treppen hinab, und bald saßen sie in bunter Reihe um die gedeckten Tische.

Wilhelm war Otto's Dame, der Baron wurde Baronesse angeredet, man stieß mit den Gläsern an, und der Gesang begann.

»Ein Hoch dem treuen Landesvater,
Ein Hoch von seinen Musensöhnen!«

Daran reihte sich das patriotische Lied:

»Ich kenn' ein Land im hohen Nord,
Wo es sich herrlich lebet!«

Es schloß mit den Worten:

»Ein Hurrah
Dem König und seinen Rescripten!«N. David.

In der Freude muß alles Frohe mit herangezogen werden, und das that man. Hier herrschte Jugendlust in jugendlichen Herzen!

»Nichts gleicht dem Studentenleben,
Nichts dem Loose, das es bringt!«

so lautete der Refrain des nächsten Liedes, welches mit dem Toaste schloß:

»Hoch das Mädchen unsrer Träume,
Das der Mund nicht nennen darf!«H. C. Andersen.

Da war es, als ob Feuer und Flammen in Wilhelms Adern glühten. Er stieß mit seinem Glase so heftig an das Otto's, daß es zerbrach und der Wein über das Tischtuch floß.

»Ein Hoch den Damen!« rief einer der Senioren. »Die Damen sollen leben!« klang es durch die verschiedenen Zimmer, welche alle als Speisesäle dienen mußten.

Die Damen erhoben sich, stiegen auf ihre Stühle, einige sogar auf den Tisch, verneigten sich und dankten für den Toast.

»Nein, nein!« bat Otto seinen Freund flüsternd, indem er ihn hinabzog. »In diesen Kleidern ähneln Sie Ihrer Schwester so auffallend, daß es mich unangenehm berührt, wenn Sie so aus Ihrer Rolle fallen.«

»Und Ihre Augen,« entgegnete Wilhelm lachend, »ähneln einem Augenpaare, das mein Herz verwundet hat. Die erste Liebe soll leben!« rief er Otto zu und stieß wieder mit ihm an, daß die Hälfte des Weines verschüttet wurde.

Der Champagner schäumte, und unter Lärmen und Lachen, in denen sich die höchste Carnevalsfreude aussprach, wurde ihnen in einem lustigen Liede das Bild des Thiergartens, aus dem sie eben erst zurückgekehrt waren, aufs Neue vor Augen geführt.

Standen Bäume nicht im Saale,
Wie im Parke schlank und licht?
Floß die Quelle nicht im Thale,
Hörten wir ihr Plätschern nicht?
Zelte, Gauklerbuden standen
Aufgerichtet allerwärts,
Alles, alles war vorhanden,
Eins nur fehlt', ein Frauenherz.

Vor der Bude als Trompeter
Steht der flotte Musensohn,
Jener ruft Gewalt und Zeter,
Kommt dann mit der Bürste schon,
Putzet dir die Stiefel gratis
Doch mein Lied ist nun wol satis.Dr. Balfungo.

»Das Mädchen lebe, deren Augen meinen gleichen!« flüsterte Otto, der sich von der allgemeinen Munterkeit mit fortreißen ließ.

»Auf ihr Wohl haben wir zwar schon angestoßen!« erwiderte Wilhelm, »aber die Gesundheit der Dame seines Herzens kann man auch zweimal trinken!«

»Sie denken also noch immer an Eva?«

»Sie ist schön und niedlich. Wer weiß, was für ein Ende es genommen hätte, wenn sie hier geblieben wäre. Nun aber hat sich Mama in der Rolle des Schicksals gefallen. Jetzt muß sie und die andere hohe Nemesis die Geschichte lenken. Ich wasche meine Hände in Unschuld.«

»Sind Sie wirklich völlig geheilt?« fragte Otto. »Wenn Sie nun aber Eva im Sommer wiedersehen – –?«

»So hoffe ich nicht krank zu werden!« versetzte Wilhelm. »Ich besitze eine starke Constitution! Aber jetzt müssen wir zum Tanze hinauf!«

Alle verließen stürmisch die Tische und begaben sich wieder nach der Oberetage hinauf. Jetzt sah man hier nur den grünen Wald; Theater und Buden waren fortgeräumt, bunte Papierlampen hingen in den Bäumen; ein großes Orchester spielte, und ein halbbacchantischer Ball begann im Walde. Wilhelm war Otto's Tänzerin, allein schon nach dem ersten Tanze suchte sich die Dame einen lebhafteren Cavalier aus.

Otto zog sich nach der Wand zurück. Die nach der Straße hinausführenden Fenster waren hinter Tannenzweigen verborgen. Sein Auge folgte Wilhelm, über dessen große Aehnlichkeit mit Sophien er sich verstimmt fühlte. Zufällig glitt seine Hand zwischen die Zweige hinein und berührte das Fensterbrett. Auf demselben lag ein kleiner todter Vogel.

Um die Illusion noch zu erhöhen, hatte man eine große Menge lebendiger Vögel gekauft, die während der Thiergartenscene zwischen den Bäumen umherfliegen sollten, aber die armen Thierchen waren sämmtlich vor Schreck über den wilden Lärm gestorben. In allen Fenstern und Winkeln lagen sie todt umher. Einen dieser Vögel hatte Otto gefunden.

»Sehen Sie, er ist todt!« sagte er zu Wilhelm, der eben wieder an ihn herangetreten war.

»Nun, das ist ja schön!« erwiderte er, »so haben Sie doch etwas, um ihre sentimentale Laune zu befriedigen!« Otto würdigte ihn keiner Antwort.

»Wie wäre es, wollen wir einen Schottischen versuchen?« fragte Wilhelm lachend, und der Wein und das jugendliche Blut glühten in seinen Wangen.

»Ich wünschte, Sie recht bald wieder in Ihren eigenen Kleidern zu sehen!« sagte Otto. »Sie ähneln, wie gesagt, Ihrer Schwester in einem Grade ...«

»Ich bin auch meine Schwester,« unterbrach er seinen Freund in seiner tollen Ausgelassenheit. »Und zum Dank für deine reizende Vorlesung, deine vortreffliche Unterhaltung und deine fesselnde Liebenswürdigkeit will ich dich mit einem Küßchen belohnen!« Mit diesen Worten berührte er Otto's Stirn mit seinen Lippen. Dieser schob ihn zurück und verließ die Gesellschaft.

Mehrere Stunden vergingen, ehe er einzuschlafen vermochte. Am Ende mußte er selbst über seine Verstimmung lächeln. Was schadete es, daß Wilhelm seiner Schwester ähnelte?

Am nächsten Morgen stattete ihr Otto einen Besuch ab, und Alle hörten mit lebhaftem Interesse seiner Schilderung des lustigen St. Johannistages im Februar zu. Er verschwieg auch nicht, wie sehr Wilhelm seiner Schwester geähnelt, und welch ein unangenehmes Gefühl dies in ihm erregt hätte, und man lachte. Während seines Berichtes mußte er aber unwillkürlich eine Vergleichung anstellen. Welch einen großen Unterschied entdeckte er jetzt! Sophie besaß doch eine Schönheit von ganz anderer Art! Nie hatte er sie so aufmerksam betrachtet. Der Küsse, welche ihm Wilhelm gegeben, geschah natürlicherweise keine Erwähnung, aber Otto gedachte ihrer, dachte jetzt ganz anders über dergleichen als früher, und – Amors Wege sind gar wunderbar! Wir werden ja sehen, wie die Sachen nach vierzehn Tagen stehen.

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