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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
projectidb68dc3dc
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25.

Diese Dichterbriefe sind so vollkommen in dem Geiste Baggesens geschrieben, daß man sich fast versucht fühlen möchte, die Nachricht von seinem Tode für falsch zu halten, so viele Bestätigung dieselbe auch gefunden hat.
Monatsschrift für Literatur.

Schlank ist ihr Leib, der Tanne gleich,
Ihr Schritt so leicht, die Haut so weich,
Ein Blümchen ist sie hold und süß.
H. P. Holst.

»– Wo blieb die Rose denn? –«
Lulu von Güntelberg.

Den Abend vor Otto's Vergnügungsfahrt nach Roeskilde, zu der er die Einladung des Comptoirchefs angenommen hatte, besuchte er die Familie, in welcher sich Fräulein Sophie aufhielt. Ihre Mutter wäre schon, wie letztere erzählte, vor drei Tagen abgereist. Wilhelm hätte ihr bis Roeskilde das Geleit geben wollen, allein die Mutter hätte seine Begleitung abgelehnt.

»Wir haben heute einen Genuß gehabt,« sagte Sophie, »einen Genuß, den wir noch lange in Erinnerung behalten werden. Ist Ihnen schon das neue Buch, welches unter dem Titel »Geisterbriefe« erschienen ist, zu Gesicht gekommen? Es ist Baggesens Schreibweise in ihrer vollendetsten Schönheit, es bringt eine Musik, wie ich nie glaubte, daß sie in Worte gelegt werden könnte. Was für ein Dichter ist das! Durch ihn hat die dänische Dichtkunst auch ihre Julitage erhalten! Der natürliche Gedanke ist stets so bezeichnend, und doch zugleich so einfach ausgesprochen! Man wird zu dem Glauben verleitet, daß man selbst solche Verse schreiben könnte, so leicht fließen sie dahin!«

Man hält sie auf den ersten Blick für Prosa,« sagte die Frau des Hauses, »und doch sind es die schönsten meisterhaftesten Verse, die ich kenne. Sie müssen das Buch lesen, Herr Zostrup.«

»Vielleicht lesen Sie es uns heute Abend vor!« sagte Sophie bittend; »ich höre es gern noch einmal.«

»Bei dem zweiten Male wird man namentlich den einzelnen Schönheiten mehr Aufmerksamkeit zuwenden können,« meinte die Hausfrau.

»Ich bleibe und höre zu!« sagte ihr Gatte.

»Das muß in der That ein Meisterwerk sein,« rief Otto, »ein wahres Meisterwerk, da Sie sämmtlich von demselben in so hohem Grade hingerissen sind!«

»Es ist Baggesen selbst, und zwar, wie er in der andren Welt singen muß, in der alles Menschliche verklärt wird!«

»Es duften die Wiesen, bespült von den Wogen,
Und plätschernd durcheilet
Ein Bächlein den Wald in gewundenem Bogen,«

begann Otto, und das geistige Bravourstück entfaltete sich in seiner ganzen Schönheit, und in allen seinen Tönen mehr und mehr. Man befand sich mitten in dem Winterlager der Musen, in welchem der Dichter

»Auf dem Rücken die Leyer, das Schwert an der Seite
In den Kampf mit den Feinden der Musen sich stürzet!«

Otto's finsterer Blick hellte sich während des Lesens immer mehr auf und gewann einen immer lebhafteren Ausdruck. »Vortrefflich!« rief er, »das ist es, was ich selbst gedacht und gefühlt, aber nie in Worten auszusprechen vermocht habe!«

»Ich bin ein eigentümliches Mädchen!« bemerkte Sophie. »So oft ich einen neuen Dichter von hervorragendem Talent lese, halte ich diesen für den größten. So ging es mir mit Byron und Victor Hugo. »Kain« erschütterte mich. »Notre Dame« erfüllte meine ganze Seele. Einst konnte ich mir keinen größeren Dichter als Walter Scott denken, und über Oehlenschläger habe ich ihn doch vergessen, ja sogar Heibergs Lustspiele nahmen eine Zeit lang unter meinen Auserwählten den ersten Rang ein. Obwol ich mich also zur Genüge kenne und mir meiner Beweglichkeit völlig bewußt bin, so glaube ich doch bestimmt, daß ich mit diesem Werke eine Ausnahme machen werde. Von anderen Dichtern wurden mir Gegenstände der Außenwelt anschaulich gemacht, dieser dagegen veranschaulicht mir mein eigenes Innere, meine eigenen Gedanken, mein eigenes Ich, und deshalb werde ich für die Geisterbriefe stets das gleiche Interesse hegen.«

»Sie sind eine wahre Geistesnahrung!« sagte Otto. »Sie sind ein Wort zur rechten Zeit; in dem See muß Bewegung sein, wenn er sich nicht in einen Sumpf verwandeln soll!«

»Der Dichter führt ein schneidiges Schwert,« begann die Frau des Hauses, »und doch thun die Schläge, die er austheilt, nicht weh. Eine Wunde von einer scharfen Klinge schmerzt nicht so sehr, wie die von einem verrosteten schartigen Messer.«

»Wer mag nur der Dichter sein?« fragte Sophie.

»Möchten wir es nie erfahren!« erwiderte Otto. »Das Ungewisse verleiht dem Buche noch einen besonderen Reiz! In einem kleinen Lande, wie es das unsrige ist, hat es für den Autor etwas Gutes, nicht bekannt zu sein. Hier stehen wir ja fast auf einander und schauen uns bis in die Falten der Kleider hinein. Bei uns ist die Persönlichkeit oft das Ausschlaggebende, und dann kommen die Blätter, in denen Freund oder Feind einen Helfershelfer hat, welcher mit dem Adelspatent der Anonymität dem Ganzen das Siegel aufdrückt. Möchte man nie einen Schriftsteller kennen!

Was kümmert uns auch seine Person, wenn nur sein Buch vortrefflich ist!«

»– Schlag nieder diesen lockren Haufen,
Der deines Sängers Grab entweiht!«

las Otto, und die großartige Tondichtung war zu Ende. Alle waren von derselben ergriffen. Otto allein hatte einige kleine Einwendungen. Es gefiel ihm nicht, daß die Musen mit Pfeifen und Trommeln anrückten, und noch weniger, daß in einem Dichtwerke von so hinreißender Schönheit so viele ungehörige Ausdrücke wie »auf das Maul schlagen,« »Schlammkasten« und ähnliche vorkämen.

»Wenn jedoch der Dichter gerade das Plumpe bekämpfen will,« entgegnete Sophie, »muß er es ja auch bei seinem Namen nennen. Von dem prosaischen Schlamm zeigt er uns übrigens nur geringe Proben in einer Seifenblase. Wir sollen sie sehen, aber nicht hineingreifen. Ich finde, daß Sie Unrecht haben.«

»Die Begriffe von Idee und Form,« fuhr Otto fort, »scheinen mir ebenfalls nicht klar genug dargestellt; sie verschwimmen vollständig. Selbst Prosa ist eine Form!«

»Aber die Form selbst ist das Wichtigste!« versetzte die Frau des Hauses. »Es verhält sich mit der Poesie, wie mit der Bildhauerkunst; die Form ist es, welche erst Bedeutung verleiht.«

»Ich bitte um Vergebung!« unterbrach sie Otto. »Mit der Poesie ist es, wie mit dem Baume, den Gott wachsen läßt. Die innere Kraft spricht sich in der Form aus; beide werden gleich wichtig, allein das Innere halte ich doch für das Heiligere. Das ist hier auch der Gedanke des Dichters. Die Ansicht, welche er in Worte kleidet, ergreift uns eben so sehr, wie die schöne Form, in der sie vorgetragen wird.«

Nun erhob sich ein Streit über Form und Stoff, wie er später in ganz Kopenhagen geführt wurde.

»Ich werde stets die Geisterbriefe bewundern,« sagte Sophie, »werde stets für diese Verse schwärmen! Diese Nacht werde ich einzig und allein von diesem Kunstwerke träumen!« Wie wenig man kann, was man will, lehrte der Augenblick.

Wenn wir durch das Fernrohr einen Fixstern beobachten und uns im Anschauen verlieren, ist ein Härchen im Stande, uns den großen Körper zu verbergen, kann uns ein Stäubchen von unseren emporfliegenden Gedanken ablenken. Fräulein Sophie wurde während ihrer letzten Aeußerung ein Brief eingehändigt, welchen ein Reisender von der Mutter gebracht hatte. Sie befand sich bereits auf Fühnen und meldete ihre glückliche Ankunft.

»Und was theilt sie Ihnen sonst für Neuigkeiten mit?« fragte die Frau vom Hause.

»Mama hat ein neues Mädchen gemiethet, oder besser gesagt, hat sich eines liebenswürdigen jungen Mädchens, der niedlichen Eva in Roeskilde angenommen. Herr Zostrup und Wilhelm erzählten uns diesen Sommer einige Züge von ihr, die uns mit einem gewissen Interesse für dieselbe erfüllten. Wir sahen sie auf der Herreise, und schon damals wurde Mama von ihrem zurückhaltenden Wesen ganz eingenommen. Bei der Rückreise hat sie nun völlig Mama's Herz gewonnen. Es wäre auch wirklich Schade, wenn ein so schönes und ehrbares Mädchen in einem Wirthshause bleiben sollte. Es ist sehr hübsch! Nicht wahr, Herr Zostrup?«

»Recht hübsch!« erwiderte Otto und wurde blutroth, denn Sophie hatte ihre Frage in ganz eigenthümlicher Weise betont.

Schon in früher Morgenstunde des folgenden Tages begab sich Otto nach dem Hause des Comptoirchefs.

Der veränderlichen Witterung unseres Klima's zum Trotze erschienen alle Damen in ihren besten Kleidern. Auf jedem Sitze mußten drei Personen Platz nehmen. Hans Peter und der Bräutigam wurden neben dem Kutscher untergebracht. Es dauerte aber noch eine wahre Ewigkeit, bis die kalte Küche, die den Proviant für mehrere Tage liefern sollte, eingepackt war und die ganze Gesellschaft endlich zum Sitzen kam.

Als sie glücklich zur Stadt hinausgekommen waren, fiel es Christianen mit einem Male ein, daß sie ja die Regenschirme vergessen hätten, die sie vielleicht recht gut gebrauchen könnten. Der Kutscher mußte deshalb absteigen, um sie zu holen, und der Wagen hielt inzwischen bei der zum Andenken an die Aufhebung der Leibeigenschaft errichteten Freiheitssäule. Die arme Schildwache vor derselben mußte nun den Gegenstand für Fräulein Gretchens muntere Einfälle abgeben. Sie blickte einige Male auf ihre Uniform hinab. Schnell verglich sie dieselbe da mit einem Krähwinkler, der auf seinen Vortheil (Vordertheil) sähe. Ein Mann, der auf einem Fuder Stroh vorüber fuhr, nahm eine hohe Stellung ein. Es waren höchst drollige Bemerkungen.

Otto bemühte sich, dem Gespräche eine andere Wendung zu geben. »Haben Sie schon das vor Kurzem im Buchhandel erschienene Gedicht »Die Geisterbriefe« gelesen?« fragte er und entwickelte ihnen darauf die Schönheit und Tendenz derselben.

»Darin wird die gegenwärtige Richtung in der Literatur tüchtig gegeißelt!« bemerkte Herr Berger. »Der Mann soll witzig sein, ein neuer Baggesen!«

»Die »Kopenhagener Post« wird darin eine Pumpe genannt!« sagte Hans Peter.

»Ein herrlicher Einfall!« rief Gretchen lachend. »Auf wen ist denn aber die Schrift eigentlich gemünzt?«

»Auf die SoröerIngemann und Hauch. und den »heiligen Andersen,« wie er darin stets genannt wird.«

»Bekommt der auch etwas ab?« fragte Laide. »Das kann ihm für sein »Schwatz! Schwatz!« nichts schaden! Er war sehr unartig gegen die Damen.«

»Mir gefällt es, wenn sie sich unter einander zanken!« erklärte Frau Berger. »Heiberg wird wol auch etwas gegeißelt? Ist das der Fall, dann wird er schon eine witzige Antwort ertheilen.«

»Ja,« versetzte ihr Mann, »er weiß es stets so zu drehen, daß er die Lacher auf seiner Seite hat, und dann kann es uns völlig gleich sein, ob er Recht hat oder nicht.«

»Dieses Buch ist ganz für Heiberg,« meinte Otto. »Der Verfasser hat sich nicht genannt, ist aber ein tüchtiger Mann.«

»Mein Gott, wir haben den Dichter doch nicht etwa in eigener Person vor uns?« rief Julie und blickte Otto fragend an. »Ihnen ist dergleichen zuzutrauen, Herr Zostrup! Heiberg ist auch Ihr Lieblingsdichter. Ich kann mich noch recht gut all des Schönen entsinnen, was Sie über seinen Töpfer Walter und seine Psyche äußerten.«

Otto versicherte, er könnte auf die Ehre keinen Anspruch erheben.

Erst spät am Vormittage langte man in Roeskilde an. Eva empfing sie nicht. Die Vorkehrungen zu der Fahrt nach Lethraborg wurden getroffen; gegen Abend gedachte man wieder im Wirthshause einzutreffen, und dann würde Eva gewiß sichtbar werden.

Die Gesellschaft lustwandelte im Lethraborger Garten; die Aussicht von den Terrassen war schön, man schaute durch die Fenster hinein und wurde endlich darüber einig, daß es am Besten wäre, hineinzugehen.

»Es sollen sich im Schlosse sehr schöne Gemälde befinden!«, sagte der Bräutigam.

»Die müssen wir sehen!« riefen sämmtliche Damen.

»Besuchen Sie öfter die Christiansborger Bildergalerie?« fragte Otto.

»Das kann ich gerade nicht sagen!« versetzte Frau Berger. »Sie wissen ja, was man nahe hat, bekommt man selten zu sehen, wenn man sich nicht dazu zwingt, und das haben wir noch nicht gethan. Es werden auch schwerlich viele Menschen hinaufkommen; das Umherwandeln in den großen Sälen ist zu ermüdend.«

»Wir besitzen daselbst herrliche Stücke von Ruysdal!« erzählte Otto. »Salvator Rosa's prächtiger Jonas ist ebenfalls des Ansehens werth!«

»Wir müssen wirklich einmal hinauf, so lange noch unsere kleine Maja hier ist. Es kostet ja nicht mehr als zur Ausstellung, und diese haben wir voriges Jahr dreimal besucht. Die Aussicht von den Schloßfenstern soll sowol nach der Canalseite, als nach dem Walle zu überaus schön sein.«

Die Gesellschaft betrachtete nun das Innere Lethraborgs und machte darauf einen Spaziergang durch den Park und den daran stoßenden Wald. Die Laubbäume hatten zwar schon ihr gelbes Herbstgewand angelegt, aber das Ganze gewährte eine Abwechslung, die weit reicher war, als man sie im Sommer findet. Die dunkeln Tannen, die gelben Buchen und Eichen, deren äußerste Zweige hellgrüne Schößlinge getrieben hatten, boten einen höchst malerischen Anblick dar und bildeten einen prachtvollen Vordergrund zu der Aussicht auf das alte Leire, die jetzt zu einem kleinen Dorfe herabgesunkene Königsstadt, und über den Fjord hinweg auf die stattliche Domkirche.

»Der Anblick erinnert mich an die prachtvollen Decorationen in unserm Theater!« sagte Frau Berger, und sofort wandte sich die Unterhaltung wieder dem Theater zu.

»Und doch können sich die Decorationen auf dem königlichen Theater mit dieser hier nicht messen,« meinte Hans Peter, »eine solche sollten sie haben!«

»Ja, sie sollten so vieles haben,« versetzte Gretchen, »vor Allem auch einige andere Stücke! Ich begreife nicht, daß es unsern Dichtern so ganz an Erfindungsgeist fehlt. Erzähle doch deine originelle Idee zu einem Lustspiele, die du mir neulich mittheiltest!« sagte sie zu ihrem Bräutigam und streichelte ihm die Wangen.

»O,« erwiderte dieser und affectirte eine gewisse Gleichgiltigkeit, »das war ein Einfall, wie man deren so viele haben kann. Aber er ließe sich allerdings zu einem ganz leidlichen Stücke verarbeiten. Nach Aufgang des Vorhanges müßte man dicht vor den Lampen die Giebel zweier Häuser erblicken. Die schrägen Dächer müßten gerade bis auf die Bühne hinabgehen, so daß diese nur eine halbe Elle breit wäre und eine lange Wasserrinne zwischen den beiden Häusern vorstellte. Nun müßte in jeder Dachkammer eine ordentliche, aber unglückliche Familie wohnen, und diese müßten in die Dachrinne hinaustreten. Das ganze Stück dürfte nur in ihr spielen.«

»Allein was sollte denn eigentlich darin geschehen?« fragte Otto.

»Ja,« erklärte der Bräutigam, »darüber habe ich freilich noch nicht nachgedacht, aber sehen Sie, die Idee ist doch da! Ich zähle mich ja nicht zu den Dichtern, und habe auf meinem Büreau zu viel zu thun, sonst würde man auch wol so ein kleines Stück schreiben können!«

»Gott, die Idee sollte wirklich Heiberg haben!« rief Gretchen.

»Nein, dann würde er sie zu einem Singspiele benutzen,« entgegnete der junge Bräutigam, »und die kann ich nicht leiden.«

»O, das müßte köstlich werden!« rief Gretchen entzückt. »Ich sehe schon das ganze Stück vor mir! Herrlich, wie sie auf den Dächern umherklettern! Eine zu originelle Idee! Du lieber Freund!«

Abends traf die Familie wieder in Roeskilde ein.

Der Comptoirchef sah sich nach Eva um. Otto erkundigte sich nach ihr, Hans Peter that desgleichen, und alle drei erhielten dieselbe Antwort: »Sie ist nicht mehr im Hause.«

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