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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
projectidb68dc3dc
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24.

L'amour est pour les coeurs
Ce que l'aurore est pour les fleurs,
Et le printemps pour la nature.
Vigné.

Liebe ist gleich den Pocken eine Kinderkrankheit. Einige sterben an derselben, Andere werden von ihr entstellt, wieder Andere kennzeichnet sie mit größeren oder kleineren Narben, und der Ueberrest endlich verräth durch kein Zeichen, daß er auch einst an dieser Krankheit gelitten hat.
Der Goldmacher von C. Hauch.

»Seien Sie aufrichtig, Otto!« sagte Wilhelm, als dieser ihn eines Tages besuchte. »Sie können es nicht über sich gewinnen, Du zu mir zu sagen. So lassen Sie es meinetwegen sein! Wir bleiben trotzdem eben so gute Freunde. Es ist ja doch nur eine Form, obgleich Sie mir einräumen müssen, daß Sie hierin ein großer Narr sind.«

Otto setzte ihm nun auseinander, welch einen seltsamen Widerwillen er gefühlt, welch eine peinliche Empfindung sich seiner bemächtigt und es ihm unmöglich gemacht hätte.

»Und nun haben Sie den Märtyrer gespielt!« sagte Wilhelm lächelnd. »Hätten Sie es mir nicht gleich sagen können, welche Gefühle Sie beherrschten? So sind die meisten Menschen. Wenn sie keine Sorge haben, so geben sie sich einem eingebildeten Kummer hin; es ist ihnen lieber, im kalten Schatten, als im warmen Sonnenschein zu stehen, obwol die Wahl zwischen beiden doch von uns abhängt. Lieber Freund, bleiben Sie dessen eingedenk: jetzt schwimmen wir noch auf dem Strome! Bald werden wir aber in die großen Geschäftsflaschen hineingezwängt, in denen wir uns, den cartesianischen Teufelchen gleich, recken und strecken sollen, ohne je herauskommen zu können, bis wir aus dem Leben scheiden!« – Er legte seinen Arm vertraulich auf Otto's Schulter. – »Oft habe ich schon gewünscht, über einen Punkt mit Ihnen zu reden! Ich verlange keineswegs, daß Sie mir jedes Wort und jeden Gedanken beichten sollen; ich weiß bereits, daß ich im Stande sein werde, Ihnen den Beweis zu liefern, daß die Sache in einer Region liegt, wo dieselbe keinesfalls die Kräfte haben kann, die Sie ihr beilegen. In den kalten Zonen wirkt ein Biß nicht eben so heftig, wie in der warmen; ein Kummer in der Kindheit vermag uns nicht eben so tief zu erschüttern, wie in den reiferen Jahren. Welches Unglück Ihnen auch als Kind widerfahren ist, was Sie auch in Ihrer Wildheit – denn Sie gestehen selbst, daß Sie ausgelassen wild waren – was Sie auch in derselben gethan haben mögen, es kann und darf nicht auf Ihr ganzes Leben Einfluß ausüben. Ihr Verstand könnte es Ihnen besser sagen als ich. In unserm Alter leben wir im Lande der Freude oder gelangen nie in dasselbe!«

»Sie sind ein glücklicher Mensch!« rief Otto und schaute wehmüthig vor sich hin. »Ihre Kindheit schuf Ihnen nur Freude und Hoffnungen, meine aber, dessen müssen Sie eingedenk bleiben, verlebte ich in tiefster Abgeschiedenheit. Zwischen den Sanddünen der Westküste schlichen meine Tage einsam hin. Mein Großvater war finster und auffahrend; unser alter Pfarrer weilte mit seinen Gedanken nur in einer vergangenen Zeit, die ich nicht kannte, während Rosalie ihrerseits die Welt durch die Brille der Wehmuth betrachtete. Eine solche Umgebung mußte auf meine Lebensfreude nothwendig einen Schatten werfen. Sogar in Bezug auf die Kleidung sticht man ja merkwürdig ab, sobald man aus einer fernen Provinz nach der Hauptstadt übersiedelt. Erst dort erhält dieselbe einen andern Schnitt, und man schmilzt allmählich mit seiner Umgebung zusammen. In geistiger Beziehung findet dasselbe Verhältniß statt, nur ist man nicht im Stande, sein Wesen und seine Begriffe eben so schnell, wie den Schnitt der Kleider zu ändern. Noch befinde ich mich erst kurze Zeit in der Fremde, und wer weiß,« fügte er mit wehmüthigem Lächeln hinzu, »ob ich nicht auch noch in das richtige Gleichgewicht kommen und dann dieselbe Gleichgültigkeit und dasselbe Phlegma, wie die Menge zeigen werde, wenn mir erst einmal ein recht großes Unglück zustößt, welches mich ordentlich erschüttert.«

»Ein recht großes Unglück!« wiederholte Wilhelm. »Das hat in der That einen gewissen Sinn. Es wäre allerdings eine originelle Cur, indeß sind Sie ja auch ein origineller Mensch. Vielleicht könnten Sie dadurch wirklich in das rechte Fahrwasser gebracht werden. »Drehe nicht aus Spinneweben ein Ankertau!« sagt ein berühmter Dichter, dessen Namen ich mich nicht entsinne. Aber die Sentenz an sich ist gut; Sie sollten ihn sich auf Ihre Weste sticken lassen, damit Sie ihn gleich immer vor Augen hätten, so oft Sie den Kopf hängen lassen. Sehen Sie doch nicht so ernst aus; sind wir denn nicht Freunde? Von allen meinen jungen Bekannten sind Sie mir der liebste; gleichwol kommen Augenblicke vor, wo ich durchaus nicht weiß, wie wir mit einander stehen. Ich wär' im Stande, Ihnen jedes Geheimniß anzuvertrauen, bin aber durchaus nicht sicher, ob Sie sich gegen mich eben so offenherzig bezeigen würden. Zürnen Sie mir nicht, theurer Freund! Ich weiß wol, daß es Geheimnisse gibt, die von so zarter Natur sind, daß man sie nicht einmal seinem liebsten Freunde mittheilen darf. So lange wir unser Geheimniß bewahren, ist es unser Gefangener, lassen wir es uns aber entschlüpfen, ist es unser Herr. Und trotz alledem, Otto, sind Sie mir so lieb, daß ich auf Sie, wie auf mein eigenes Herz, vertraue! Dieses verschließt jetzt auch gerade ein Geheimniß, das mich mit Lebenslust und Freude durchströmt! Ich sehne mich danach, mich aussprechen zu können. Allein Sie müssen auf meine Freude eingehen, müssen sie mit mir theilen, oder kein einziges Wort sagen; in dem Falle haben Sie nichts, gar nichts gehört! Otto, ich liebe! Deshalb bin ich glücklich, deshalb ist Sonnenschein in meinem Herzen, Lebenslust in meinem Blute! Ich liebe Eva, die schöne liebenswürdige Eva!«

Otto drückte ihm die Hand, blieb aber stumm.

»Nein, nicht so!« rief Wilhelm. »Sprechen Sie doch ein Wort, begreifen Sie die Welt, die mir aufgegangen ist!«

»Eva ist schön, sehr schön!« entgegnete Otto langsam. »Auch bin ich überzeugt, daß sie gut und unschuldig ist! Was kann man mehr wünschen? Ich kann mir vorstellen, wie sie Ihr Herz völlig erfüllt. Aber wird sie es auch immer vermögen? Sie bleibt nicht immer jung, nicht immer schön! Wird sie dann Geist genug besitzen, um Ihnen alles sein zu können? Wird das augenblickliche Glück, welches Sie ihr und sich bereiten, wird es groß genug sein, um – ich will nicht gerade sagen den Kummer, doch aber die Unzufriedenheit aufzuwiegen, welche diese Verbindung in Ihrer Familie hervorrufen wird? Ueberlegen Sie um Gottes willen alles sorgfältig!«

»Lieber Freund!« versetzte Wilhelm, »nun redet wirklich Ihr alter Pfarrer aus Ihnen! Aber einerlei, ich kann die Beichte bestehen. Ich antworte: ja, ja, und noch einmal aus vollem Herzen, ja! Weshalb wollen Sie mich nun aus meinem Sonnenscheine in den Schatten versetzen? Weshalb ist es nöthig, daß ich in meiner Freude über die Schönheit der Rose daran erinnert werde, wie vergänglich Duft und Farbe sind, wie bald die Blätter abfallen werden? Mit dem Leben verhält es sich eben so! Soll man aber deshalb immer an das Grab, an das Finale denken, wenn der Akt eben erst beginnt?«

»Liebe ist nur eine fixe Idee!« bemerkte Otto, »sie läßt sich bekämpfen, sie ist lediglich von unserm Willen abhängig!«

»Für die Liebe haben Sie freilich kein Verständniß!« erwiderte Wilhelm. »Allein es wird Ihnen schon aufgehen, und dann werden gerade Sie weit heftiger erglühen, als wir Andern. Wer weiß, ob nicht eben sie der Kummer ist, von dem Sie vorhin redeten, das Unglück, welches Ihrem ganzen Wesen das verlorene Gleichgewicht wiedergeben könnte. Dieser Wunsch war ebenfalls ein Ausfluß Ihres unaufhörlichen Haschens nach dem Traurigen. Ich will Ihnen recht wünschen, daß Ihr Herz von Liebe erfüllt werden möge, wie das meinige in diesem Augenblicke. Dann würden alle Einwirkungen von den Dünen her verdunsten und Sie würden mit mir reden, wie das Vertrauen, welches ich Ihnen entgegenbringe, es verdient!«

»Nun, so will ich denn ganz offenherzig zu Ihnen sprechen!« rief Otto. »Sie machen das arme Mädchen unglücklich! Jetzt lieben Sie es freilich, aber Ihre Liebe kann nicht anhalten! Der Abstand zwischen Ihnen und Eva ist zu groß. Ich begreife, offen gestanden, nicht, wie Sie sich durch die blose Schönheit des Gesichts in dem Grade können hinreißen lassen. Ein Kellnermädchen! Ja, ich wiederhole diesen Ausdruck, der Ihren Ohren wehe thut: ein Kellnermädchen! Ueberall wird er wiederholt werden. Niemand kann einem Adel, den nur die Geburt verleiht, weniger Werth beilegen, als gerade ich; er ist völlig bedeutungslos, und es wird eine Zeit kommen, wo ihm jeder Werth abgesprochen werden und der Adel des Geistes der einzige sein wird. Ich sage es Ihnen, der Sie selbst ein Edelmann sind, offen heraus. Je größere Geistesbildung, desto mehr Ahnen! Eva aber besitzt nichts, kann außer ihrem hübschen Gesichte, das Sie gefesselt hat, nichts besitzen. Sie sind zum Diener einer Dienerin herabgesunken, und das heißt Sie und Ihren Geistesadel herabwürdigen!«

»Herr Zostrup!« rief Wilhelm heftig, »Sie beleidigen mich! Allerdings ist es nicht das erste Mal, nun aber bin ich dessen endlich überdrüssig! Ich habe bisher zu viel Gutmüthigkeit bewiesen, und das ist der unglücklichste Fehler, den ein Mensch besitzen kann!« Er setzte sich an das Clavier und hämmerte auf die Tasten.

Otto schwieg einen Augenblick, seine glühenden Wangen verriethen den Aufruhr in seinem Innern. Bald hatte er jedoch wieder Ruhe gewonnen und begann in einem scherzenden Tone: »Lassen Sie Ihren Zorn nicht an dem armen Instrumente aus, weil wir verschiedenen Ansichten huldigen. Sie spielen lauter Dissonanzen, die mich empfindlicher berühren, als Ihr Zorn!«

»Dissonanzen!« wiederholte Wilhelm. »Ist Ihr Ohr so ungeübt, daß es aus meinem Spiel keine Harmonien herauszuhören vermag? Sie haben für Vieles ein schlechtes Ohr!«

Otto wußte seinen Zorn mehr und mehr auf verschiedene Punkte zu lenken, über welche sie schon früher abweichender Meinung gewesen waren, führte jedoch das Wort mit solcher Milde, daß Wilhelms Zorn eher schwand, als zunahm.

Sie waren wieder Freunde, hüteten sich aber, Eva's auch nur mit einem Worte zu erwähnen.

»Ich wäre nicht treu und ehrlich gegen ihn, ließe ich ihn sich in diesen Mahlstrom stürzen!« dachte Otto bei sich selbst, als er wieder allein war. »Noch ist er gut und unschuldig, allein in seinem Alter und bei seinem Leichtsinn – –! Ich muß Eva warnen, und zwar bald, bald! Der Schnee, welcher einmal betreten ist, bewahrt nicht länger seine Reinheit! Wilhelm wird es mir kaum verzeihen, indeß ich kann nicht anders!«

Am nächsten Tage war es ihm unmöglich, die Reise nach Roeskilde zu unternehmen; am darauf folgenden Tage wollte er aber seinen Vorsatz zur Ausführung bringen, das hatte er sich fest vorgenommen.

Noch in früher Morgenstunde beschäftigte ihn Eva; auch Wilhelm beschäftigte sie, wenn gleich in ganz anderer Weise, doch begegneten sie sich in der Reinheit des Willens. Es gab aber auch noch einen Dritten, dessen Blut gleichfalls durch ihren Namen in Bewegung gesetzt wurde, einen Dritten, welcher zu sich sagte: »Die schöne Eva ist dort Kellnermädchen! Man muß mit ihr reden. Die Familie kann ja eine Lustreise dorthin machen!«

»Ihr lieben Kinder!« sagte die Frau des Comptoirchefs, »wir haben diesmal einen entzückenden Herbst, der den Sommer an Schönheit übertrifft. Vater will deshalb, wenn die Witterung so bleibt, mit uns eine kleine Vergnügungsreise nach Lethraborg machen. Wir werden auf derselben das herrliche Herthathal besuchen und in Roeskilde übernachten. Das werden für uns zwei köstliche Tage werden! Was habt ihr doch für einen guten Vater! Sollen wir nicht vielleicht Herrn Zostrup zur Theilnahme an der Fahrt auffordern? Wir sind sonst so viele Damen, und es nimmt sich doch immer gut aus, wenn man ein paar junge Herren in seiner Begleitung hat. Gretchen, du mußt eine Einladung schreiben! Du kannst dreist Vaters Namen darunter setzen.«

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