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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
projectidb68dc3dc
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23.

Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen.
Lessing.

Unsere Erzählung ist kein Phantasiegemälde, sondern die Wirklichkeit, in welcher wir leben, Blut von unserm Blute, und Fleisch von unserm Fleische. Unsere Tage, Menschen unserer Zeit wollen wir kennen lernen. Aber nicht nur das Alltagsleben, nicht nur die Moosarten der Oberfläche, nein, den ganzen Baum wollen wir beschauen, von der Wurzel bis zu den duftenden Blättern. Die schwere Erde soll die Wurzel drücken, des Alltagslebens Moos und Rinde soll den Stamm bedecken, die starken Zweige sollen sich mit Blättern und Blüten ausbreiten, während die Sonne der Poesie zwischen sie hindurchscheint und Farben, Duft und zwitschernde Vögel zeigt. Allein der Baum der Wirklichkeit kann sich nicht eben so schnell entfalten, wie der der Phantasie, wie der Zauberbaum in Tiecks Elfen. Der Natur müssen wir unser Vorbild entnehmen. Oft kann es wol den Anschein gewinnen, als ob in derselben ein Stillstand einträte, und dennoch ist es in Wirklichkeit nie der Fall. In ähnlicher Weise verhält es sich mit unserer Erzählung; während sich in den Wechselreden die Charaktere immer klarer entwickeln, findet, wie bei den einzelnen Zweigen des Baumes eine unwahrnehmbare Verwickelung Statt. Der Zweig, welcher hoch emporschießt, als ob er sich vom Mutterstamme trennen wollte, strebt nur aufwärts, um seine Krone zu bilden, um den Baum in seiner Ganzheit zu vollenden. Die von dem gemeinsamen Mittelpunkte abweichenden Linien sollen gerade die Harmonie hervorbringen.

Wir werden uns deshalb bald davon überzeugen, daß diese Scenen aus dem Alltagsleben keine Abschweifung von den Hauptbegebenheiten sind, noch etwas Episodisches, das sich füglich auch überspingen ließe. Um desto schneller zu dieser Einsicht zu gelangen, wollen wir noch einige Augenblicke in dem Hause des Comptoirchefs, Herrn Bergers, verweilen, wobei wir jedoch berücksichtigen müssen, daß wir in der Zeit schon drei Wochen vorgerückt sind. Wilhelm und Otto haben das examen philosophicum glücklich bestanden. Letzterer hatte einige Besuche abgestattet und galt bereits als alter Freund des Hauses. Der Bräutigam redete ihn in seiner witzigen Weise »Herr Petersen« an, und Gretchen machte sich über den melancholischen Blick lustig, den er nicht immer zu bekämpfen wußte. Sie nannte es, »Gesichter schneiden« und bat ihn, diese Miene an ihrem Begräbnißtage anzunehmen.

Die erste platonische Liebe der fünf Schwestern hatte ihrem Bruder gegolten. Von sämmtlichen war er mit Liebkosungen und Zärtlichkeit überschüttet, war er bewundert und angebetet worden. »Das kleine Mannsbild« nannten sie ihn; hatten sie doch kein anderes. Indeß war Hans Peter gegen die lieben Schwestern so unartig und hatte sie so zum Besten, daß sie ihn notwendigerweise aufgeben mußten, als eine von ihnen einen Verehrer fand. Auf ihn übertrugen sie nun alle ihre Liebe; jede schien ihren Theil an ihm zu haben. Er war ja Gretchens Bräutigam, sollte ihr Schwager werden; da war es ihnen doch wol gestattet, ihn mit dem vertraulichen Du anzureden und ihm selbst ein Küßchen in Ehren zu geben.

Seit Otto's Eintritt in die Familie begannen diese Strahlen jedoch eine andere Richtung zu nehmen. Otto war schön und besaß Vermögen; eines von Beiden reicht oft schon aus, ein weibliches Herz zu fesseln. Die Leichtsinnige läßt sich durch Schönheit, die Vernünftige durch Reichthum bestechen.

Maren oder, wie sie hier genannt wurde, Maja, war eingetroffen. Die Fräulein hatten schon die Zahl ihrer Schleifen beträchtlich vermindert, ihr Haar anders frisirt, und eines ihrer seidenen Tücher zur Schürze zerschnitten; aber allen diesen Bemühungen zum Trotz blieb sie immer die Dame von Lemvig. Die Aussprache konnten sie von keinen Schleifen befreien. Zu Hause nahm sie den ersten Platz ein, hier wurde ihr derselbe nicht zugestanden. Diesen Abend sollte sie zum ersten Male das Theater besuchen und das Ballet »Die Nachtwandlerin« sehen.

»Es ist französisch!« sagte Hans Peter, »frivol, wie alles, was wir aus jenem Lande haben!«

»Die Scene im zweiten Akte, in welcher sie zum Fenster hineinsteigt, ist es allerdings!« versetzte der Comptoirchef. »Sie gibt der Jugend ein erbauliches Beispiel.«

»Dafür ist der letzte Akt ganz allerliebst!« rief seine Gattin. »Der zweite Aufzug trägt freilich, wie Hans Peter sehr richtig bemerkt, ein ziemlich französisches Gepräge! O Himmel, er wird ganz roth, der liebe Junge!« Sie reichte ihm die Hand und nickte ihm lächelnd zu, worauf sich Hans Peter in sehr hübscher Weise über das Unmoralische auf der Bühne aussprach. Der Vater fügte noch einige treffende Bemerkungen hinzu.

»Ja, wären alle Männer wie du,« entgegnete Frau Berger, »und alle junge Leute wie Hans Peter, so würde sich auch Ton und Kleidung auf der Bühne ändern! Beim Tanze geht es oft ganz abscheulich zu; das Zeug ist so eng und unanständig, als hätten sie gar nichts an. Übrigens muß man doch zugestehen, daß »Die Nachtwandlerin« wirklich schön ist. Im Grunde genommen, ist sie ja auch unschuldig!«

Man vertiefte sich nun mehr und mehr in die Moral und blieb bei diesem Thema bis zur Kaffeestunde.

In Erwartung des bevorstehenden Genusses, wie in Folge der vielfachen Erzählungen von dem Verderben in diesem Kopenhagener Sodom, klopfte Marens Herz stärker. Sie mußte mit anhören, wie Otto die französischen Stücke vertheidigte, mit anhören, wie er von Ziererei sprach. Sollte er etwa schon verdorben sein? Wie gern hätte sie ihn die schöne Rede über Sittlichkeit halten hören, die Hans Peter hielt. »Armer Otto!« dachte sie. »So ist es, wenn man in der Welt allein steht und sich allein in ihr umhertummeln muß!«

Der Comptoirchef brach endlich auf; es war ihm unmöglich, in das Theater zu kommen, da er erst noch einige Geschäfte abzumachen hatte und später in den Club mußte, wo er gestern seinen Hut vertauscht hatte.

»Dann hast du dasselbe Mißgeschick gehabt wie Hans Peter!« versetzte seine Gattin. »Er hat gestern in einem der Collegien ebenfalls einen fremden Hut bekommen. Aber was ist denn das? Du hast ja seinen Hut!« rief sie plötzlich, indem sie ihre Blicke auf den Hut richtete, den ihr Mann in der Hand hielt. »Das ist sicherlich Hans Peters Hut; ich möchte darauf wetten, daß er den deinigen hat! Ihr müßt sie hier im Hause vertauscht haben; keiner von euch kennt den Hut des Andern, und so bildet ihr euch denn ein, die Verwechselung sei außer dem Hause geschehen!«

Eine der Schwestern brachte nun den Hut herbei, den Hans Peter bekommen hatte. Die Mutter hatte sich nicht geirrt, er gehörte wirklich dem Vater. Also eine Verwechselung im Hause, ein kleines Intermezzo, das seiner Geringfügigkeit halben natürlicherweise schon von Allen im nächsten Augenblicke vergessen war, nur nicht von den beiden zunächst dabei Betheiligten, denn für sie bildete es einen Lebensmoment, und für uns ist es, wie wir gleich sehen werden, ein bedeutungsvoller Abschnitt, der uns eben dazu bewogen hat, so lange in diesem Kreise zu verweilen. Als unsichtbare Geister wollen wir Vater und Sohn in einem entlegenen Zimmer belauschen. Sie sind allein; die Familie befindet sich bereits im Theater. Wir brauchen kein Bedenken zu tragen, ihren Worten zu lauschen; wir haben es ja mit zwei Moralisten zu thun, es ist Vater und Sohn, es handelt sich nur um Moral über Hüte.

Allein des Vaters Augen rollten, seine Wangen brannten, seine Worte fielen wie Schwerthiebe und mußten auf jedes so weiche Gemüth, wie es der Sohn offenbart hatte, Eindruck machen. Dieser jedoch stand gelassen, festen Blickes und mit einem Lächeln um die Lippen da, wie es nur die Moral zu verleihen vermag. »Du bist im Nebenzimmer gewesen,« entgegnete er ruhig, »wo es für dich nicht unschicklich ist, zu erscheinen, muß es auch mir gestattet sein!«

»Bube!« schrie der Vater und nannte den Ort mit einem bezeichnenden Namen; wir kennen ihn indeß nicht, kennen auch nicht seine Bewohner. Victor Hugo schließt sie in seinem schönen Gedichte »la prière pour tous« in das Gebet des Kindes ein. Das Kind betet für Alle, betet sogar für diejenigen, welche den süßen Namen der Liebe verkaufen!«»Prie – –
Pour les femmes échevetée!
Qui vendent le doux nom d'amour.«

»Laß uns Beide über dergleichen Vorfälle Schweigen beobachten!« versetzte der Sohn. »Ich bin in mehrere Geschichten eingeweiht. Ich kenne z. B. eine von der schönen Eva – –!«

»Eva!« wiederholte der Vater. – – –

Wir wollen nicht mehr mit anhören. Horchen ist eine schlechte Angewohnheit. Wir sehen, wie Vater und Sohn einander die Hände reichen. Es scheint eine Versöhnungsscene zu sein. Sie trennen sich; der Vater nimmt seine Geschäfte wieder auf, Hans Peter begibt sich in das Theater und ärgert sich über das Unmoralische im zweiten Akte der Nachtwandlerin.

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