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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
projectidb68dc3dc
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22.

Für des Dichters Phantasie nimmt der Mensch die erste Stelle ein; doch nur dann werden wir ihm die Kunst zu idealisiren zuschreiben, wenn uns sein Genie wirkliche Menschen und Dinge so klar und ungeschmeichelt vor Augen zu stellen weiß, daß wir sie lebendig vor uns zu sehen glauben.
H. Hertz.

Wir überspringen einige Wochen. Es war gegen das Ende des Septembers, das examen philosophicum stand nahe bevor. Die Vorbereitungen auf dasselbe hatte Otto als Entschuldigung vorgeschützt, daß er der Familie seines Curators, des Comptoirchefs Berger noch keinen Besuch abgestattet hatte. Dieser wurde jedoch dadurch eingeleitet, daß er, als er sich behufs einer notwendigen Besprechung eines Tages zu ihm begab, seine Frau im Geschäftszimmer desselben antraf. Wie wir wissen, sind fünf Töchter hier im Hause, nur eine ist verlobt, und doch sind es gebildete Mädchen, häusliche Mädchen, wie die Mutter bei mehr als einer Gelegenheit versicherte.

»So habe ich doch endlich einmal die Ehre, Ihre Bekanntschaft zu machen,« begann Frau Berger. »Wenn nun auch Ihr Besuch mir und den Kindern nicht gilt, so kommen Sie diesmal doch nicht eher fort, als bis Sie eine Tasse Kaffee mit uns getrunken haben. In den Wohnzimmern sieht es allerdings ein wenig unordentlich aus, weil die Mädchen mit der Anfertigung ihrer Wintermäntel beschäftigt sind, allein wir wollen uns vor Ihnen nicht geniren und Sie völlig als ein Glied der Familie betrachten. Nun müssen Sie uns aber auch hübsch fleißig besuchen! Jeden Donnerstag speist unser Schwiegersohn bei uns; wollen Sie dann auch vorlieb nehmen? Begleiten Sie mich jetzt gefälligst, damit ich Sie meinen Töchtern vorstellen kann.«

»Ich habe noch auf dem Comptoir zu thun!« sagte Herr Berger. »Den Donnerstag sehen wir Sie also verabredetermaßen bei uns. Wir essen um drei Uhr, und beim Kaffee wird Laide musiciren.«

Frau Berger führte nun Otto in die Wohnstube, in die er vier ihrer Töchter mit einer Nähterin in voller Thätigkeit fand. Die fünfte Tochter, Namens Julie, war, wie er hörte, ausgegangen, um Proben für die nöthigen Stoffe auszusuchen. Schon gestern wäre sie den ganzen Tag auf den Beinen gewesen, hätte aber nur unechte Proben erhalten.

Die Mutter nannte ihm nun jede Tochter bei Namen: ihre charakteristischen Eigenthümlichkeiten lernte er natürlicherweise erst später kennen.

Alle fünf Schwestern gaben sich dem Wahne hin, außerordentlich verschieden zu sein, während sie sich in jeder Beziehung glichen. Adelaide oder Laide, wie sie auch genannt wurde, war allerdings die hübscheste. Da sie sich dessen wohl bewußt war, wollte sie, um ihre Figur sehen zu lassen, nicht einen Mantel, sondern eine Tunica. Christiane war, was man ein praktisches Mädchen nennen konnte; sie wußte alles zu benutzen. Alwilde litt beständig an Zahnschmerzen. Julie hatte die Einkäufe zu besorgen und Fräulein Gretchen, ja, das war eben die Braut. Sie war auch musikalisch und stand in dem Rufe witzig zu sein.

Uebrigens waren es recht hübsche und niedliche Mädchen, die durchaus nichts Lächerliches an sich hatten. Fräulein Gretchens Bräutigam, der Herr Copist Schwan, besaß ebenfalls eine witzige Ader und galt für ungemein lebhaft. Jeden, mit dem er in einem leidlich freundschaftlichen Verhältnisse stand, nannte er »Herr Petersen«, und das war doch sehr ergötzlich.

»Eben hat Vater Herrn Zostrup eingeladen, Donnerstag unser Mittagsgast zu sein!« erzählte die Mutter. »Ich denke, wenn wir etwas zusammenrücken, wird auch noch ein Plätzchen für ihn in der Loge übrig bleiben, so beschränkt der Raum auch ist!«

Otto bat, sich seinetwegen nicht zu geniren.

»O, es ist eine große Loge!« versetzte die Mutter, verschwieg aber wohlweislich, wie Viele auf deren Benutzung schon Anspruch machten. An Damen aus der Familie erschienen in derselben allein elf. In drei Abtheilungen mußten sie nach dem Theater gehen, damit die Leute nicht, wenn sie alle auf einmal kämen, argwöhnen möchten, es fände ein Auflauf Statt. Als sich eines Abends achtzehn Personen in die Loge hineingepreßt hatten, einige zwölfjährige Kinder ungerechnet, die auf dem Schooße gesessen oder vor ihnen gestanden hatten, war die Gesellschaft gemeinschaftlich nach Hause gegangen. Während sie nun vor der Thüre auf Einlaß wartete, strömten die Leute zusammen, weil sie nicht anders glauben konnten, als daß es hier Lärm gäbe oder Jemand von den Krämpfen befallen wäre. Man fragte: »Was ist denn hier los?« und Fräulein Grete antwortete schnell: »Es ist geschlossene Gesellschaft.« Seit diesem Abende gingen sie indessen nur gruppenweise nach Hause.

»Es ist wirklich eine gute Loge!« bekräftigte Fräulein Alwilde, »wenn wir nur andere Nachbarn hätten; die Thüre bleibt in fortwährender Bewegung, wodurch ein den Zähnen sehr empfindlicher Zug erregt wird. Außerdem schwatzen sie so laut, daß ich neulich von dem hübschen Liede über Dänemark nicht ein einziges Wort vernehmen konnte.«

»Verloren Sie dadurch aber viel, mein Fräulein?« fragte Otto lächelnd, und bald waren sie Beide, als wären sie alte Bekannte gewesen, in heftigen Streit gerathen. »Ich halte nicht gar viel auf diese patriotischen Floskeln, mit denen sich der seiner Schwäche bewußte Dichter auf das schöne Gefühl der Vaterlandsliebe bei dem Volke stützt. Sie werden mir zugestehen müssen, daß bei uns die Menge augenblicklich Beifall klatscht, sobald nur die Worte »Vaterland« oder »Christian der Vierte« ausgesprochen werden. Der Dichter muß etwas mehr bieten. Das ist ein etwas zu grobkörniger Patriotismus. Man sollte meinen, Dänemark sei das einzige Land in der Welt.«

»Pfui, Herr Zostrup!« rief Frau Berger, »haben Sie denn Ihr Vaterland nicht lieb?«

»Ich meine es gerade recht zu lieben!« erwiderte er, »da es sich aber wirklich durch so viel Vortreffliches auszeichnet, so wünsche ich, daß nur das Erste gelten, nur das Erste geschätzt werden soll.«

»Ich stehe im Grunde auf Herrn Zostrups Seite,« bemerkte Fräulein Gretchen, die ihren Mantel auseinander trennte, um ihn wenden zu lassen, damit sie ihn, wie sie sich ausdrückte, auch auf der andern Seite abtragen könnte. »Ich finde, er hat Recht. Indeß muß man berücksichtigen, daß alles, was auf der Bühne gut gesprochen wird, immer eine ganz andere Wirkung hervorbringt. Es verhält sich damit ähnlich, wie mit den Kleiderstoffen; sie können von geringer Güte und nicht sehr geschmackvollem Muster sein, trägt sie aber eine schöne Figur, so nehmen sie sich doch ganz gut aus!«

»Ich ärgere mich gar oft über das Publikum!« entgegnete Otto. »Es klatscht am unrechten Orte Beifall und verräth bisweilen eine merkwürdige Unschuld!«

»Das sind die Herren im Reiche der Geister!« citirte Fräulein Gretchen lächelnd.»Wir sind die Herren im Reiche der Geister,
Wir sind der Stamm, der nie vergeht!«
Studentengesang von Christian Winter.

»Nein, nur die Nachbarn!« erwiderte Otto schnell.

In diesem Augenblicke kehrte Fräulein Julie zurück. Sie hätte in so vielen Kaufläden Nachfrage gehalten, berichtete sie, daß sie sich gar nicht mehr als Mensch fühlte.

Von allen Regalen hätten sie sich das Zeug herabreichen lassen und es schließlich doch nur dahin gebracht, acht kleine Lappen herauszufinden: schöne Proben nach ihrer Versicherung; und nun konnte sie vortreffliche Auskunft geben, wo man die verschiedenen Zeuge erhalten könnte, wie breit sie wären und was die Elle kostete. »Und wem begegnete ich?« fügte sie hinzu. »Denkt euch nur, mitten in der Oststraße kam der Schauspieler – ihr wißt ja, meine Inclination! Er ist auch außer dem Theater eine wirklich reizende Erscheinung.«

»Dem begegnetest du?« rief Laide. »Das Mädchen hat auch stets Glück!«

»Ich stelle dir hier Herrn Zostrup vor!« sagte die Mutter, denn es schien, als hätte ihn die junge Dame über ihrer Begegnung und ihren Proben völlig vergessen.

Julie verneigte sich und versicherte, sie hätte ihn schon früher gesehen. Er gehörte zu dem Zuhörerkreise des Bischofs Mynster und hätte neulich dicht neben ihrem Stuhle gestanden. Damals hätte er einen olivengrünen Rock getragen.

»Nun, dann kennt ihr euch ja schon!« meinte die Mutter. »Sie ist die Frömmste von meinen Kindern, Herr Zostrup! Wenn die Andern für Spindler und Johanna Schoppenhauer schwärmen, so schwärmt sie für den Pfarrer, der sie eingesegnet hat. Meinen Sohn werden Sie wahrscheinlich schon kennen. Er wurde ein Jahr vor Ihnen Student! Er sieht Sie bisweilen in der Studentenverbindung!«

»Dann werden Sie ihn von einer liebenswürdigeren Seite kennen gelernt haben, als er zu Hause zu zeigen pflegt,« bemerkte Adelaide. »Gott sei es geklagt, gegen seine Schwestern besitzt er wenig Galanterie!«

»Liebe Laide, wie kannst du nur dergleichen behaupten!« rief die Mutter. »Du bist stets so unbillig gegen den guten Hans Peter! Wenn Sie ihn erst näher kennen lernen, Herr Zostrup, werden Sie ihn gewiß lieb gewinnen; er ist ein völlig solider junger Mensch von unverdorbenem Gemüthe. Entsinnst du dich noch, Laide, wie er an jenem Abende im Theater pfiff, als das unmoralische Stück gegeben wurde? Und wie verdrießt ihn jedes Mal die Aufführung des Rothkäppchens! O, der gute Junge! Uebrigens werden Sie bei uns bald eine alte Bekannte treffen. In ungefähr vierzehn Tagen wird eine Dame aus Jütland zum Besuch kommen, um sich den Winter über bei uns aufzuhalten. Können Sie dieselbe nicht errathen? Ein kleines Fräulein aus Lemvig!«

»Maren!« rief Otto.

»So ist es!« entgegnete die Mutter. »Sie soll eine ausgezeichnete Stimme haben!«

»Ja, in Lemvig vielleicht!« meinte Adelaide etwas spöttisch. »Und was für einen entsetzlichen Namen sie hat! Wir müssen sie umtaufen, sobald sie kommt. Wir wollen sie Mara oder Massa nennen!«

»Weshalb nicht lieber gleich Massa-Carrara!« sagte Gretchen.

»Nein, sie soll Maja heißen, soll einen Namen aus den Bremer'schen Alltagsgeschichten führen!« schlug Christiane vor.

»Ich stimme für James Vorschlag!« entschied die Mutter. »Wir taufen sie also um und machen aus ihr eine Maja!«

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