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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
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21.

Die Poesie braucht nicht immer Schmerzen, der Regenbogen
wölbt sich auch im unbewölkten blauen Himmel.
Jean Paul.

Abermals befinden wir uns in Kopenhagen, wo wir Otto begegnen und jeden Tag Wilhelm, Fräulein Sophie, so wie ihre vortreffliche Mutter, deren Aufenthalt daselbst nur wenige Wochen dauern sollte, erwarten können. Um über ihre Ankunft Erkundigung einzuziehen, beschloß Otto der Familie, bei der sie abzusteigen gedachten, einen Besuch abzustatten. Wir kennen das Haus schon, wir haben in demselben das Weihnachtsfest mitgefeiert; hier hatte Otto seinen adeligen Stammbaum erhalten.

Wir wollen mit den einzelnen Gliedern der Familie erst etwas nähere Bekanntschaft machen. Der Mann selbst war, was man einen guten Kopf nennt, hielt sich einen ausgezeichneten Weinkeller und war, wie einer der Freunde versicherte, ein guter L'Hombrespieler. Aber die Seele des Hauses, der belebende Genius, der alles, was Geist und Jugendlichkeit besaß, in diesen Kreis hineinzog, war die Frau. Schön konnte man sie keineswegs nennen, allein unter dem Zauber ihrer natürlichen Lebhaftigkeit, ihres Geistes und ihres einfachen Wesens hatte man dies in wenigen Minuten vergessen. Eine seltene Leichtigkeit in der Auffassung komischer Züge aus dem Alltagsleben, und dazu eine gutmüthige Originalität in der Schilderung derselben, ließen es ihr nie an einem reichen Unterhaltungsstoff fehlen. Es machte den Eindruck, als hätte die Natur aus Zerstreutheit ein nichtssagendes Gesicht geschaffen, dann sich aber bemüht, den Fehler dadurch wieder gut zu machen, daß sie demselben eine Seele einhauchte, die selbst durch matte blaue Augen, bleiche Wangen und gewöhnliche Formen ihre Schönheit zu enthüllen vermochte.

Als Otto eben in das Zimmer eintreten wollte, vernahm er Musik. Er lauschte. Es mußte Weyse oder Gerson sein.

»Es ist der Professor Weyse!« sagte der Diener, und Otto öffnete, ohne anzuklopfen, leise die Thür.

Die Astrallampe brannte auf dem Tische. Auf dem Sopha saßen zwei junge Damen. Die Frau des Hauses nickte Otto ein freundliches Willkommen zu, legte dann aber, um ihn zum Schweigen zu ermahnen, lächelnd den Finger auf den Mund und wies auf einen Stuhl. Still setzte er sich und lauschte den sanften Tönen, die wie Geisterhauch von dem Fortepiano, an dem der Künstler saß, zu ihm herüber drangen. Es war, als hätten die entschlummernden Gedanken und Gefühle der Seele, die in jeder Brust, selbst bei den verschiedensten Völkern etwas Verwandtes haben, Stimme und Sprache erhalten. Die Phantasien verhallten langsam in einem sanften geisterhaften Piano. So leicht hat Raphael die Madonna di Foligno auf die Wolke hingehaucht; sie ruht auf derselben, wie die Seifenblase auf einem Sammetkissen ruht. Das Dahinsterben der Töne ließ sich dem Liebesgedanken der Braut vergleichen, wenn sich ihr Auge schließt und der lebendige Traum ihres Herzes unmerklich in den Schlaf hinübergleitet und verschwindet.

Auch hier schwiegen die Töne,

»Der Bettelvogt von Ninive
Zog hinab zum Genfersee,
Hm, hm!«Ein altes deutsches Volkslied.

begann der Künstler wieder mit einer Originalität und Laune, daß sich die ganze Gesellschaft dadurch mit fortreißen ließ. Nur zu früh brach er auf, nachdem er noch durch seine eigenen Schätze, wie durch die komischen Seiten des Volkslebens aus der Welt der Töne Alle bezaubert hatte. Erst nach seinem Aufbruche bekam die Bewunderung Sprache. Seine Phantasien hallten noch in jedem Herzen nach.

»Er verdiente einen europäischen Ruf zu haben!« sagte die Frau des Hauses. »Aber wie Wenige in der Welt kennen Weyse und Kuhlau!«

»Es ist in der That ein Unglück für einen Künstler,« bemerkte Otto, »aus einem kleinen Lande zu stammen. Seine Werke bleiben nur Manuscripte für seine Freunde. Unser Hörsaal erstreckt sich nur von Skagen bis Kiel. Da ist die Thüre schon verschlossen!«

»Man muß sich damit trösten,« entgegnete der Vetter des Hauses, den wir schon durch seine Verse zum Weihnachtsbaum kennen, daß alles Große und Gute doch einmal Anerkennung findet. Die Völker wollen sich mit allem Herrlichen im Reiche des Geistes bekannt machen, ob es nun in einem kleinen oder in einem großen Lande blüht. Darüber ist dann freilich der Künstler oft gestorben, allein dafür muß ihm in einer andern Welt Ersatz werden.«

»Indeß glaube ich,« versetzte die freundliche Wirthin, »daß sich der Künstler schon hienieden, wo sich nun einmal nach dem Laufe der Dinge der Unsterbliche vor dem Sterblichen beugen muß, etwas voraus wünschte.«

»Gewiß!« erwiderte Otto. »Die großen Männer des Zeitalters gleichen den Bergeshöhen. Sie sind es, die das Land schon in der Ferne kenntlich machen und ihm ein Ansehen verleihen, während sie selbst kalt und unwirthlich sind. Man kennt nicht einmal ihre Höhe vollkommen.«

»Sehr schön!« sagte die Frau des Hauses. »Sie reden wie ein Jean Paul.«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür, und die Gesellschaft wurde durch das Eintreten Sophiens, Wilhelms und ihrer lieben Mama überrascht. Man hatte ihre Ankunft erst am nächsten Abende erwartet. Sie waren den ganzen Tag durch Seeland gereist.

»Wir wären noch rechtzeitig zum Mittagessen eingetroffen,« erzählte Sophie, »wenn nur mein Bruder in Roeskilde hätte fertig werden können; aber bald hatte er vergessen, die Pferde zu bestellen, bald verhinderte dieser und jener kleine Unglücksfall unsere Abreise. Ganze sechs Stunden mußten wir da aushalten! Mama faßte da eine gewisse Inclination; sie verliebte sich förmlich in ein junges Mädchen, die hübsche Eva!«

»Ja, sie ist allerliebst!« versicherte die alte Dame. »Habe ich nicht Recht, Herr Zostrup? Sie und mein Wilhelm hatten mir ja bereits ein Interesse für sie eingeflößt. Sie hat etwas so Edeles und Feines, wie man es selten bei der niederen Volksklasse antrifft. Sie verdiente in der That, bei gebildeten Menschen Aufnahme zu finden!«

»Otto, was sollen unsere Herzen sagen,« rief Wilhelm lachend, »wenn es schon meiner Mutter so ergeht?«

Man versammelte sich um den Theetisch. Wilhelm redete Otto mit dem vertraulichen Du an, wozu ihn dieser ja selbst aufgefordert hatte. »Wir wollen mit vollen Theetassen anstoßen und die Brüderschaft erneuern!«

Otto lächelte, aber merkwürdig wehmüthig und ohne ein einziges Wort zu erwidern.

»Das Andenken an den alten Großvater hat ihn überschlichen!« dachte Wilhelm und klopfte ihn darauf freundlich auf die Schulter, indem er sagt: »Der Kammerjunker und seine Damen lassen dich grüßen. Ich glaube, die Mamsell würde dich, wenn es sich irgend thun ließe, am liebsten in ihr Nähkästchen legen.«

Otto blieb still, aber seine Seele war in seltsamer Erregung. Es würde schwierig sein, den Beweggrund, der eben auf Otto's besonderer Eigenthümlichkeit beruhte, völlig klar darzulegen. Es griff dies in die Mysterien der Seele ein. Bei den Einzelnen nennt es die Menge Eigenheit, der Psychologe aber findet darin eine tiefere Bedeutung, die der Verstand nicht zu ergründen vermag. Man hat Beispiele, daß sich Männer, die leiblich und geistig vollkommen kräftig waren, bei dem Dufte einer Rose ohnmächtig fühlten; Andere wieder verfielen bei der Berührung eines Stückchens Löschpapier in einen krampfartigen Zustand. Es läßt sich dies nicht erklären, sondern gehört zu den Räthseln der Natur. Eine ähnliche, gleichsam lähmende Empfindung erfüllte Otto, als er zum ersten Male das trauliche Du aus Wilhelms Munde vernahm. Es kam ihm so vor, als ob sich das geistige Band, welches sie an einander knüpfte, mit einem Male lösete und Wilhelm ihm fremd würde. Es war ihm geradezu eine Unmöglichkeit, das Du zu erwidern. Indeß fühlte er zugleich das Unrichtige in seinem Betragen, machte sich Vorwürfe über diese Eigenheit und suchte sie zu bekämpfen; aber obgleich er sich Gewalt anthat und sich auch wieder eine gewisse Gesprächigkeit bei ihm einstellte, so kam doch kein Du über seine Lippen. »Deine Gesundheit, Otto!« sagte Wilhelm und stieß mit der Tasse gegen die seinige.

»Gesundheit!« wiederholte Otto lächelnd.

»Es ist ja wahr!« begann der Vetter, »ich versprach Ihnen neulich, einmal meine Anzeigensammlung mitzubringen; der erste Band ist geschlossen.« Nach dieser Einleitung zog er ein Buch aus der Tasche, in welches eine Sammlung der originellsten Bekanntmachungen, wie man sie noch täglich in den Zeitungen finden kann, eingeklebt war.

»Ich habe auch eine für Sie aufgehoben!« bemerkte die Wirthin, »ich fand sie vor Kurzem und dachte gleich an Sie. Hören Sie nur: »Eine Frau wünscht sich ein Kind auf Flasche!«

»Hier ist auch eine sehr ergötzliche!« sagte Wilhelm, der in dem Buche geblättert hatte: ›Ein Knabe, auch mosaischer Religion, kann sofort als Tischlerlehrling eintreten; wenn er aber nicht alles essen will, was im Hause fällt, so kann nicht auf ihn reflectirt werden.‹ – »Das ist allerdings eine harte Bedingung für den armen Jungen!«

»Fast jeden Tag,« erzählte der Vetter, »kann man lesen: ›Zur heutigen oder morgenden Theateraufführung ist in der dritten Etage dieser oder jener Straße ein guter Platz zu haben,‹ und wenn dieselbe auch noch so weit vom Theater entfernt ist.«

»Theater!« rief der Herr vom Hause, der eben aus seinem eigenen Zimmer kam, um am Theetische Platz zu nehmen. »Man kann sofort hören, wer das Wort führt; nun ist er schon wieder beim Theater! Dieses Menschenkind kann von nichts Anderem reden. Es sollte wirklich eine Strafe ausgemacht werden, die er zu erlegen hätte, so oft er das Wort Theater ausspräche. Und würde sie auch nur auf zehn Pfennige festgesetzt, so bin ich doch vollkommen überzeugt, daß er noch vor Ablauf des Monats sein ganzes Taschengeld und Rock und Stiefeln obendrein als Buße bezahlen müßte. Es ist eine wahre Sucht bei dem Menschen! Unter meinen jungen Freunden,« fügte er mit einem ironischen Lächeln gegen Wilhelm hinzu, »kenne ich keinen, der ein solches stehendes Steckenpferd hätte, wie unser guter Vetter!«

»Hier thust du ihm denn doch Unrecht!« nahm seine Gemahlin den Vetter in Schutz. »Außerdem warne ich dich: lege ihm keine Strafe auf, sonst mußt du in einem seiner Lustspiele figuriren. Wie er im Theaterwesen lebt, so lebst du übrigens in der Politik, Wilhelm im Generalbaß, und Herr Zostrup in gelehrten Materien! Auf diese Weise ist jeder von euch ein kleiner Nagel in den Rädern der Welt. Wer den Andern verachtet, beweist damit nur, daß er sein Rad für das erste hält, oder glaubt, daß die Welt wie ein Schiebkarren, nur auf einem Rade gehe! Nein, sie ist eine künstlichere Maschine.«

Als die Gesellschaft gegen Abend aufbrach, gingen Otto und Wilhelm mit einander.

»Ich glaube nicht,« begann Letzterer, »daß du mich schon mit dem Du angeredet hast. Es ist dir doch nicht wieder Leid geworden?«

»Es war ja mein eigener Wunsch, meine eigene Bitte,« erwiderte Otto. »Ich habe auf die Wahl meiner Worte nicht geachtet.« Darauf versank er in Schweigen. Wilhelm selbst schien mit fremden Gedanken beschäftigt, die ihm wol den plötzlichen Ausruf eingeben mochten: »Das Leben ist doch eine rechte Segensgabe! Nie muß man sich eingebildeten Sorgen hingeben! »Carpe diem«, sagt der alte Horaz.«

»Das wollen wir!« entgegnete Otto, »aber jetzt müssen wir zunächst an unser Examen denken!«

Scheidend drückten sie einander die Hände.

»Ich habe doch kein Du gehört!« sagte Wilhelm zu sich selbst. »Er ist ein Original, und gleichwol habe ich ihn lieb! Darin besteht vielleicht meine Originalität.«

Er trat in sein Zimmer, welches die Wirthin zu seinem Empfange aufgeputzt hatte. Außerdem hatte sie Bücher und Papiere nach ihrer Art in die zierlichste Ordnung gebracht, was in Wilhelms Augen freilich eine entsetzliche Unordnung war. Selbst die Lampe hatte einen neuen Platz erhalten, und das sollte ordnen heißen!

Freudig lächelnd setzte er sich an das Clavier. Wie lange war es doch schon her, daß er auf seinem Lieblingsinstrumente gespielt hatte! Er machte erst einige Läufe, aber bald verlor er sich in Phantasien. »Das ist eine hübsche Melodie!« rief er plötzlich, »allein sie ist nicht meine eigene Composition! Aus welcher Oper ist sie eigentlich? Sie verwebt sich wunderbar mit meinen eigenen Gefühlen!« Er spielte sie wieder. Es war ein Thema aus Tancred. Also von Rossini, gerade von dem Componisten, den unser musikalischer Freund am wenigsten liebte. Wie hätte er also wol errathen können, wer diese Töne, die jetzt eine so ergreifende Sprache zu seinem Herzen redeten, geschaffen habe? Sein ganzes Wesen fühlte er von einem Wohlsein, von einer Lebensfreude durchdrungen, deren Quelle ihm unbekannt war. Seine Gedanken weilten bei Otto mit einer Wärme, die dessen sonderbares Benehmen nicht verdiente. Alle seine Lieben schwebten ihm in so liebenswürdiger Gestalt vor. Es war dies einer von jenen Augenblicken, die alle Guten kennen. Man fühlt sich als ein Glied in der großen Liebeskette, welche die Welt zusammenhält.

So lange die Rosenknospe noch geschlossen ist, scheint sie geruchlos, doch bedarf sie nur eines Morgens, und sie öffnet sich; ein süßer Athem entströmt ihrem Purpurmunde. Es ist nur ein einziger Augenblick, es ist der Anfang eines neuen Daseins, welches schon längst in der Knospe selbst verborgen lag, aber man gewahrt den Zauberstab nicht, der die Verwandlung hervorrief. Vielleicht berührte sie dieser Leben schaffende Geist erst in der verflossenen Stunde; vielleicht schloß der letzte Abendstrahl, der auf die Blätter fiel, diese Kräfte in sich! Die Rosen des Gartens müssen sich öffnen und die des Herzens folgen denselben Gesetzen. War dies Liebe? Aber sie ist ja, wie der Dichter singt, ein Leiden; sie ist der Krankheit der Muschel zu vergleichen, unter welcher sich die Perlen bilden. Allein Wilhelm war nicht krank; er fühlte sich im Gegentheile voller Kraft und Lebenslust. Des Dichters Bild von der Muschel und der Perle klingt schön, beruht aber nicht auf Wahrheit. Die meisten Dichter stehen mit der Naturgeschichte auf dem Kriegsfuße und versündigen sich deshalb gar oft gegen dieselbe. Die Perle ist nicht etwa eine krankhafte Bildung; wenn ein Feind die Muschel angreift, schleudert sie zu ihrer Verteidigung Tropfen von sich, welche sich in Perlen verwandeln. Es ist also gerade eine Kraft und nicht eine Schwäche, aus der das Schöne hervorgeht. Es ist völlig verkehrt, in der Liebe eine krankhafte Erscheinung oder wol gar ein Leiden zu erblicken. Sie ist vielmehr eine Lebenskraft, die Gott der menschlichen Brust eingehaucht hat. Sie erfüllt unser ganzes Wesen, wie der Duft jedes Blatt der Rose erfüllt, und offenbart sich dann unter den Kämpfen des Lebens als eine werthvolle Perle.

Diese Gedanken stimmten zwar völlig mit denen Wilhelms überein, aber trotzdem war er sich darüber noch nicht völlig klar geworden, daß er von ganzer Seele liebte, wie man nur einmal zu lieben vermag.

Am folgenden Vormittage stattete er dem Professor Weyse einen Besuch ab.

»Sie reisen, wie ich höre, nach Roeskilde?« sagte Wilhelm gesprächsweise. »Hier in unserer Frauenkirche habe ich Sie freilich schon oft auf der Orgel gehört, indeß hätte ich auch wol Lust, Sie einmal in der dortigen Domkirche zu hören. Würden Sie mir wol, wenn ich die Reise dorthin unternähme, daselbst etwas vorphantasiren?«

»Sie kommen doch nicht!« versetzte der Künstler.

»Ich komme gewiß!« erwiderte Wilhelm und hielt Wort. Zwei Tage nach diesem Gespräche rollte er durch die Straßen Roeskildes.

»Ich komme einer Wette halben!« erzählte er dem Wirthe, obschon es bei demselben keiner Entschuldigung bedurft hätte. »Ich soll Weyse auf der Orgel spielen hören!«

Mit bewunderungswürdiger Anmuth und Zartheit hat Bulwer in seinem Romane »Der Pilger am Rhein« eine ganze Elfenwelt hervorgezaubert. Die kleinen Geister schweben darin wie ein Lufthauch über die materielle Wirklichkeit dahin, daß man sich fast gezwungen sieht, an ihr Dasein zu glauben. Ein Genius, stark wie der, welcher Bulwer begeisterte, herrlich wie jener, der Shakespeare den Duft zuathmete, den wir über den Sommernachtstraum ausgebreitet finden, erfüllte auch Wilhelm. Weyse's Töne, die tiefen Melodien der Orgel in der alten Domkirche hatten ihn ja nach dem stillen Städtchen getrieben! Des Herzens mächtige Töne hatten ihn gerufen! Durch sie gewann selbst das Alltägliche eine Färbung, einen Ausdruck der Schönheit, dem ähnlich, welchen uns Byron in Worten malt, Thorwaldsen in hartem Stein und Corregio in Farben darstellt.

Wir besitzen von Goethe ein reizendes Gedicht: »Amor als Landschaftsmaler.« Der Dichter sitzt auf einer Felsenspitze und blickt vor sich in den Nebel hinein, der, wie ein grau grundirtes Tuch gespannt, alles in die Breite und Höhe deckt. Da kommt der Liebesgott und lehrt ihn ein Bild auf den Nebel malen. Der Kleine zeichnet nun mit seinem Zeigefinger, der so röthlich war wie eine Rose, ein Bild, wie es uns nur die Natur und ein Goethe geben können. Wäre der Dichter hier, so könnten wir ihm zwar keinen Felsen als Ruheplatz anbieten, aber doch etwas durch Sagen und Lieder eben so Herrliches. Er würde dann singen: Ich setzte mich auf den moosbewachsenen Stein über dem Hühnengrabe. Der Nebel glich einer aufgespannten Leinwand. Der Liebesgott begann seine Zeichnung auf demselben. Zu oberst malte er eine herrliche Sonne, deren Strahlen ein blendendes Lichtmeer ergossen. Goldfarbig ließ er die Ränder der Wolken schimmern und die Sonnenstrahlen hindurchdringen. Nun malte er die feinen leichten Zweige frischer duftender Bäume und deutete mit flüchtigen Umrissen eine ganze Reihe von Hügeln an. Halbverborgen lag hinter diesen ein Städtchen, über welchem sich eine mächtige Kirche erhob. Stolz ragten ihre zwei Thürme mit hohen Spitzen in die Luft empor. Unter der Kirche aber, bis weit hinaus, wo dunkle Wälder den Horizont begrenzten, zeichnete er einen Meerbusen so natürlich, daß man zu erkennen glaubte, wie er mit den Sonnenstrahlen spielte, daß man zu hören meinte, wie die Wellen gegen die Küste plätscherten. Nun fügte er Blumen hinzu. Sammetartig leuchteten die Fluren und Wiesen, und jenseits des Meerbusens verloren sich die finstern Wälder in einen bläulichen Nebel. »Ich verstehe mich auf das Malen!« sagte der Kleine, »allein das Schwerste bleibt doch noch übrig!« und nun zeichnete er mit den zarten Fingern gerade da, wohin die Sonne ihre hellsten Strahlen sandte, ein anmuthiges und liebliches Mädchen mit dunkelblauen Augen und mit Wangen so roth, wie die purpurrothen Finger, welche das Bild hinzauberten. Und seht, ein sanfter Lufthauch erhob sich, die Blätter der Bäume begannen leise zu rauschen, die Fläche des Wassers kräuselte sich, das Gewand des Mädchens wehete, das Mädchen kam näher, das Bild selbst war Wirklichkeit! In solchen Farben zeigten sich Wilhelm die alte Königsstadt, die Thürme der Domkirche, der Fjord, die fernen Waldungen und – Eva.

Die erste Liebe eines reinen Herzens ist heilig! Das Heilige kann wol angedeutet, aber nicht in Worte gefaßt werden – –! Wir kehren zu Otto zurück.

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