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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
projectidb68dc3dc
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20.

Halt! rief da plötzlich mit Kraft und mit donnernder Stimme Patroklos.
Ilias.

Die Trennung von Rosalien, die Gastfreiheit der befreundeten Familie und ihre aufrichtige Theilnahme rührten Otto. Er dachte an die letzten Tage, an seinen ganzen Aufenthalt in der Heimat, den der Tod des Großvaters zu einem bedeutungsvollen Lebensabschnitte gemacht hatte. Der stille Abend und der einsame Weg stimmten sein Gemüth noch mehr zum Nachdenken.

Wie anregend und erheiternd war ihm nicht sonst ein Besuch in Lemvig gewesen! Damals gab er ihm wochenlang Stoff zur Unterhaltung mit Rosalien; jetzt knüpfte sich für ihn keine Bedeutung an denselben. Die Menschen daselbst waren ja dieselben geblieben; in ihm mußte also die Veränderung ihre Quelle haben. Er dachte an Kopenhagen, welches ihm so hoch stand, und an die dortigen Bekannten.

»Im Grunde genommen, ist der Unterschied doch nicht so groß!« dachte er bei sich. »In Kopenhagen gibt es zahlreichere gesellige Brennpunkte, verschiednere Interessen. Der Tag selbst mit seinen Ereignissen bringt Abwechselung in die Unterhaltung, und man kann sich seine Gesellschaft wählen. Die Masse dagegen hat stets etwas Spießbürgerliches, was selbst unter dem Ballkleide am Hofe hervorguckt. Es kommt eben so gut in dem Salon des reichen Großhändlers zum Vorschein, wie bei dem Branntweinbrenner, dessen Besitzungen ihn und zwei seiner Brennknechte wählbar machen können. Ueberall wird uns dasselbe Gericht vorgesetzt, nur mit dem Unterschiede, daß man es in den Landstädten auf irdenem Geschirr, in Kopenhagen auf Porzellan erhält. Besitzt man nur den Muth, in den sogenannten höheren Kreisen durch die blos äußerliche Glasur und Schliff zu dringen, welche man nur einem größeren Gesellschaftsleben, einem Leben mit der Welt verdankt, dann wird man bei mancher Dame von Stande, bei manchem Edelmanne, der nicht nur im Parquet des Theaters auf der ersten Bank sitzt, bald das leere klanglose Töpfergut finden. Wie bei der Kaufmannsfrau in Lemvig, kann auch in den höheren Cirkeln ein Déjeuner oder eine Soirée die Gemüther wie eine Weltbegebenheit vorher wie nachher beschäftigen. Ein Hofball, auf welchem der Sohn oder die Tochter figurirte, gilt für eben so wichtig, wie der glänzendste Ausfall eines Amtsexamens. Die Autoritäten in Lemvig nöthigen uns ein Lächeln ab, und doch läuft auch in Kopenhagen die Menge immer nur hinter den Autoritäten her. Es liegt darin ein gewisser Unschuldszustand. Wie mancher arme Offizier oder Student muß nicht am Tische des Reichen die traurige Rolle des Lemviger Ladendieners spielen und der Frau des Hauses dankbar die Hand küssen, weil sie auf Dankbarkeit Anspruch machen kann. Was thut nicht bei der Masse des Theaterpublikums »eine erschreckliche Brust.« Eine Kraft der Stimme, die recht durch das dicke Pfundleder des Geistes durchzudringen vermag, erregt einen wahren Beifallssturm, während Geschmack und Vortrag nur von den Einzelnen gewürdigt werden. Mit Sicherheit kann der Schauspieler auf Beifall rechnen, wenn er nur die Abgangsverse herzudonnern versteht. Der Komiker wird eher applaudirt werden, wenn er eine Plattheit einschaltet oder die Beine an einander reibt, als wenn seine Worte von Geist und Genialität sprudeln. Das massive Silberzeug im Hause erfüllt manche Frau mit der Dreistigkeit, Belehrungen zu ertheilen, obgleich sie erst selbst zu lernen nöthig hätte. Manche Dame rauscht, wie das kleine Fräulein von Holstebrø, stets in Seide einher und macht mit langem Shawl Staat, fragt man sie aber nach ihrem Wissen, so versteht sie sich höchstens auf die Schneiderei und hat nicht einmal das kleine Nebentalent, die Flöte blasen zu können. Wie Viele schreiben nicht wie Maren aus Anderer Blumenlesen ab, und werden auch nicht gerade Spieldosen prahlerisch vorgewiesen, so hört man doch viel Dosenmusik und muß auf Stimmen lauschen, die an Unbedeutendheit mit der des Secretärs wetteifern können.«

Solchen und ähnlichen Betrachtungen gab sich Otto hin, und sicherlich war es ein gutes Gefühl, welches ihnen zu Grunde lag. Wir müssen bei unserm Urtheile über ihn auf seine große Jugend Rücksicht nehmen. Erst seit einem Jahre kannte er Kopenhagen, sonst würde er sicher ganz anders gedacht haben.

Die Nacht breitete sich über die Haide aus; der Himmel war klar. Nur langsam bewegte sich der Wagen in dem tiefen Sande fort. Das einförmige Knarren der Räder, die gleichmäßige Bewegung, alles wirkte einschläfernd auf Otto. Wie ein feuriger Pfeil schoß eine Sternschnuppe am Himmel hin. Dieser Anblick hielt ihn einen Augenblick wach, bald aber ließ er den Kopf sinken und schlief tief und fest.

Es war schon eine Stunde nach Mitternacht, als er durch einen lauten Ruf geweckt wurde. Der Wagen hielt plötzlich still. Er fuhr empor. Gerade vor sich gewahrte er ein loderndes Feuer, und zwischen diesem und den Pferden standen zwei Gestalten, welche sich der Zügel bemächtigt hatten. Dicht daneben konnte er einen Karren erkennen, unter welchem auf einem Strohlager eine Frau, so wie einige Kinder schliefen.

»Wollt Ihr mir denn durchaus in den Suppenkessel hineinfahren?« fragte eine barsche Stimme, während die andere Person in einem Kauderwelsch schimpfte, welches für Otto unverständlich war.

Es war dem Kutscher wie ihm gegangen, nur daß derselbe ein wenig später eingeschlafen war, die Pferde waren aus dem Geleise gekommen, und wer weiß wie lange, über den pfadlosen Theil der Haide gefahren. Ein Trupp Zigeuner, die in diesen Gegenden noch immer nomadisch umherziehen, hatte hier sein Nachtquartier aufgeschlagen, Feuer angezündet und den Kessel darüber gehängt, um einige Stücke eines auf der Reise erbeuteten Lammes zu kochen.

Nach Aussage einer schon bejahrten Frau, die gerade einen Büschel Haidekraut unter den Kessel legte, wären sie nur ungefähr eine halbe Stunde von der Landstraße entfernt.

»Eine halbe Stunde?« wiederholte eine Stimme auf der andern Seite des Wagens, und Otto gewahrte dort jetzt erst einen Mann, der sich, in einen großen grauen Reitermantel gehüllt, in das Haidekraut hingestreckt hatte. »Nicht eine Viertelstunde ist es bis zur Landstraße, wenn man die Richtung kennt!«

Des Mannes Aussprache klang zwar ein wenig fremdländisch, war aber dafür rein und frei von jenem Kauderwelsch, welches die Uebrigen in ihre Rede mischten. Die Stimme schien Otto bekannt, sein Ohr lauschte auf die Betonung, und schneller rollte sein Blut durch die Adern. Sein Gefühl sagte ihm, daß es der deutsche Heinrich, der böse Engel seines Lebens wäre, und fester hüllte er sich in seinen Mantel, um sein Gesicht zu verbergen.

Ein halberwachsener Knabe erhob sich und bot sich zum Führer an.

»Aber zwei Mark muß der Bube erhalten!« sagte die Frau.

Otto nickte bejahend und schaute noch einmal nach dem Manne hin, in welchem er den deutschen Heinrich wiederzuerkennen glaubte. Nachlässig hatte sich derselbe wieder in das Haidekraut gestreckt und schien sich auf keine weitere Unterredung einlassen zu wollen.

Die Frau forderte und erhielt die Bezahlung voraus. Der Knabe drehte die Pferde seitwärts. In demselben Augenblicke loderte das Torffeuer hoch empor, ein großer Hund, mit einem losen Stricke um den Hals, sprang auf und verfolgte unter lautem Gebell den Wagen, der in der dämmernden Nacht über die Haide dahinfuhr.

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