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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
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17.

»Betracht' das ruhiger werdende Meer.
Noch beben die Wogen über der Tiefe,
Noch fürchten sichtlich sie den Sturm!«
– »Ueber mir schwebt der schattige Nebel,
Und thaubenetzt sind meine Locken.«
Ossian.

Noch immer hatte Otto die Sanddünen und den Strand nicht besucht, war noch immer nicht mit den Fischern und Bauern in Verkehr getreten, unter denen er sich sonst in allen seinen Freistunden umhergetummelt hatte.

Der schöne Sommertag trieb ihn endlich hinaus; sein Herz sehnte sich nach Sonnenwärme.

Lediglich die Wege zwischen den größeren Städten sind hier in leidlichem Zustande, oder richtiger gesagt, in so gutem, wie es die Gegend überhaupt gestattet. Die Seitenwege werden nur durch die nebeneinander hinlaufenden Geleise angedeutet. Um das Versinken der Räder in den tiefen Sand zu verhindern, ist an einzelnen Stellen Haidekraut gestreut. Wo dies jedoch fehlt und die Spuren sich kreuzen, wird ein Fremder schwerlich den Weg finden. Hier braucht keine Feldordnung ihre Grenzsteine zwischen den nachbarlichen Grundstücken aufzurichten.

Jeder Hof, jede Hütte, jede Anhöhe waren für Otto alte Bekannte. Er schlug die Richtung nach Harboöre, einem Kirchdorfe, ein, von dem sich wol behaupten läßt, daß es nur aus Sand und Wasser bestehe, und welches gleichwol nicht unfruchtbar genannt werden kann. Einzelne Gemeindeglieder treiben Ackerbau, die Mehrzahl jedoch sind Fischer, zu deren kleinen Häusern am Strande kein Grundbesitz gehört.

Zuerst begegnete ihm auf seiner Wanderung einer jener großen Planwagen, in welchen die sogenannten Aalmänner zwischen Johanni und Bartholomäi ihre Aale nach den südlich und östlich gelegenen Marktflecken fahren, von welchen sie dann als Rückfracht Aepfel und Gartenfrüchte mitnehmen, ein Artikel, der zu dieser Zeit bei den niedrigeren Leuten eine reißende Abnahme findet. Der Aalmann hielt, als er Otto sah und erkannte.

»Willkommen, Herr Otto!« begrüßte er ihn. »Sie haben leider in einer traurigen Angelegenheit herbeieilen müssen! Daß der Oberst Zostrup so plötzlich zum Abmarsch blasen mußte! Es ließ sich von ihm freilich nichts Anderes erwarten. Alt genug war er ja!«

»Der Tod fordert sein Recht!« entgegnete Otto und drückte dem Manne die Hand. »Ihm geht es doch gut, Morten Chränsen?«

»Den ganzen Wagen voller Aale; auch einige andere geräucherte Seefische führe ich noch bei mir. Eure Begegnung wird gewiß von guter Vorbedeutung sein, Herr Otto! Auf dem Lande wenigstens verkündigt ein Pfarrer etwas Gutes, wenn auch nicht auf der See, wie man hier zu Lande zu sagen pflegt. Ihr seid gewiß schon Pfarrer, oder wollt es doch werden?«

»Nein, ich studire nicht Theologie!« erwiderte Otto.

»Dann werdet Ihr wahrscheinlich Advocat werden wollen? Ich denke, Ihr seid klug genug, daß Ihr nicht so lange zu studiren braucht. Geht nur nicht an meinem Hause vorüber. Großmutter sitzt und spinnt Garn zu Aalreusen. Nun hat sie auch noch auf dem andern Auge den Staar bekommen, aber der Mund läuft ihr noch immer eben so schnell wie früher. Sie läßt sich nicht verblüffen, obgleich sie im Dunkeln sitzt. Mutter hat für Köder zu sorgen; die Angelhaken machen ihr Arbeit genug!«

»Aber Marie? Die muntre kleine Marie?« fragte Otto.

»Die Dirne? Sie ist heuer mit den andern Fischermädchen nach Ringkjöbing gezogen und hat sich zur Heu- und Kornernte verdungen. Wir glaubten, daß wir hier auch ohne sie auskommen könnten. Aber, Gott befohlen! Nun muß ich fahren!« Treuherzig schüttelte er Otto die Hand und setzte seine langsame Fahrt fort.

Die Brüder des Aalbauern waren gewandte Fischer, wie es ihr Vater gewesen war. Obgleich verheirathet, wohnten sie doch bei einander. Die Kinderschaar war nicht gering. Klein und Groß bildete hier eine einzige Familie, in welcher die blinde Großmutter die erste Stimme führte.

Otto näherte sich dem Wohnhause; vor demselben lag ein kleines Gärtchen mit Kartoffeln und Mohrrüben; auch für ein Beet mit Zwiebeln und Thymian war gesorgt. Zwei große Bullenbeißer mit scharfen Zähnen und nichts Gutes verkündenden Augen stürzten sich auf Otto los. »Wolf! Grumsling!« rief eine gellende Stimme, und mit gesenktem Schwanze zogen sich die Hunde leise knurrend nach dem Hause zurück. Hier saß auf dem Hausflur eine alte Frau in wollener krapprother Jacke; um den Hals hatte sie ein Tuch von dem nämlichen Stoffe und der nämlichen Farbe geschlungen, und auf dem Kopfe trug sie einen Männerhut von schwarzem Filze. Sie saß vor ihrem Spinnrocken. Es war, wie sich Otto sofort überzeugte, die blinde Großmutter.

»Gottes Frieden sei mit diesem Hause!« sprach er grüßend.

»Diese Stimme habe ich seit Jahr und Tag nicht gehört!« versetzte die Alte und erhob den Kopf, als wollte sie mit ihren erloschenen Augen sehen. »Seid Ihr nicht Oberst Zostrups Sohn? Eure Sprache gleicht der seinigen. Ich habe es mir wohl gedacht, daß Ihr an unserm Hause nicht vorübergehen würdet, falls Ihr hierher kämet! Ide soll den Köder stehen lassen und den Kessel aufsetzen, damit Ihr eine Schale Kaffee bekommen könnt, die Ihr sonst nicht verschmähtet. Oder seid Ihr etwa auf Eurer Reise hoffährtig geworden? Die hiesige Cichorie ist gut und schmeckt besser als die Bohnen des Kaufmanns.« Die Hunde knurrten Otto noch immer an. »Könnt ihr dummen Thiere denn mit sehenden Augen nicht sehen und des Obersten Otto nicht erkennen?« rief sie und theilte ein Paar kräftige Püffe unter sie aus.

Otto's Ankunft versetzte den kleinen Haushalt in große Bewegung. Willkommen war er, das konnte man jedem Gesichte ansehen.

»Ja,« begann die Großmutter von Neuem, »nun seid Ihr in der Stadt da drüben viel weiser geworden, könnt, wenn es verlangt wird, gewiß einen Kalender schreiben! Habt Ihr Euch denn dort schon eine Braut angeschafft, oder wollt Ihr sie Euch aus Lemvig holen? Denn eine Städterin wird sie wol sein müssen! Ja, ich habe Euch von Kindesbeinen an gekannt. Draußen auf der Mauer habt Ihr einmal den leibhaftigen Teufel mit Haut und Haaren aus lauter Heringsköpfen zusammengesetzt. Unser Ferkel habt Ihr in den Aalwagen mitten unter die Kisten und Kasten gesteckt. Vergeblich suchten wir einen ganzen Tag nach demselben, und so mußte es denn die Reise nach Holstebrø mitmachen. Ja, Ihr wart ein richtiger Wildfang! Als es dann an das viele Lernen ging, wurdet Ihr mit einem Male wie schwermüthig. Ja, ja, in den letzten Jahren haben Euch die Bücher hart mitgenommen!«

»Wie oft ist er mit meinem Manne in die See gestochen!« unterbrach sie eine der Schwiegertöchter. »Eine ganze Nacht sogar brachte er auf dem Meere zu! Ich weiß noch, wie sehr die französische Mamsell auf dem Gute darüber erschrocken war!«

»Hochmüthig wart Ihr nie!« ergriff die Großmutter wieder das Wort. »Zu frischem Fisch aßt Ihr mit uns gedörrten Fisch und trankt dazu eine Tasse Molken, mit etwas Wasser verdünnt, obwol Ihr es zu Hause besser gewohnt wart!«

Jetzt wurde der Kaffee aufgetragen und in große irdene Schalen geschenkt. Otto mußte seinen Theil trinken.

»Entsinnt Ihr Euch noch,« fragte die Großmutter, »wie gern Ihr zum Kaffee an einer getrockneten Flunder nagtet, wenn wir keinen Zwieback hatten? Heute haben wir jedoch frisches und gutes Weißbrod, welches erst gestern von Lemvig kam.«

Das Branntweinglas, das auf einem hölzernen rothgemalten Fuße ruhte, wurde vor Otto hingesetzt. Der Anker Branntwein unter dem Bette, welcher als Strandgut aufgefischt war, sollte auch seinen Antheil zu Otto's Bewirthung hergeben.

Otto erkundigte sich nach den verheiratheten Söhnen. Sie waren mit den Knechten nach dem Strande hinabgegangen, um auf den Fang auszuziehen. Großmutter wollte ihn hinunter begleiten, denn sie hatten die Fahrt noch nicht angetreten, weil sie ihnen erst die nöthigen Vorräthe bringen mußte.

Die Großmutter nahm ihren Stock, die Hunde sprangen voran und nun ging die Wanderung zwischen die Dünen hindurch der Stelle entgegen, wo ihre Hütte oder Bude aus einfachem Sparrenwerk mit Erdbekleidung aufgeführt war. Rings herum hatte man den Fischabfall, Köpfe und Eingeweide hingeworfen. Die Männer standen eben in Begriff, den Behälter mit dem Fischgeräthe an Bord zu bringen.

Vor ihnen lag die offene, in diesem Augenblicke, da der Wind von Osten her wehte, fast spiegelglatte See. Ein halb bäurisch gekleideter Reiter, mit Beinkleidern, die an den Seiten zugeknöpft waren, hielt in der Nähe.

»Haben Sie schon die große Neuigkeit gehört?« rief er Otto zu. »Ich komme gerade von Ringkjöbing. Bei dem Kaufmann Kohen habe ich die deutschen Zeitungen gelesen. In Frankreich ist eine Revolution ausgebrochen. Karl der Zehnte befindet sich mit der ganzen königlichen Familie auf der Flucht. Ja, in Paris geht es lustig zu!«

»Die Franzosen sind ein wildes Volk!« bemerkte die Großmutter. »Einem Könige und einer Königin haben sie zu meiner Zeit den Kopf abgeschlagen. Nun werden sie es mit den jetzigen eben so machen. Gottes Wege sind unerforschlich, daß er solche Gräuel gegen seine Gesalbten duldet!«

»Da wird es wieder Krieg geben!« meinte einer der Fischer.

»Dann blüht der Pferdehandel!« versetzte der Fremde, drückte Otto die Hand und setzte seinen Weg die Dünen entlang weiter fort.

»War das nicht der Roßkamm von Varde?« fragte Otto.

»Gewiß! Er besitzt große Sprachkenntnisse,« erwiderte der Fischer. »Deshalb erfährt er die Neuigkeiten vom Auslande stets früher als wir Anderen. Also schlägt man sich schon wieder in Frankreich! Das Blut fließt in den Straßen. So wird es in Dänemark nicht zugehen, bis der Türke sein Roß an den Busch im Viborger See bindet. Aber dann naht auch nach der Weissagung der Sibylle das Ende der Welt!«

Inzwischen waren alle Vorbereitungen getroffen, um auf den Fang ausziehen zu können. Falls etwa Herr Otto das hinterste Ruder führen wollte und Lust hätte, wieder einmal eine Nacht draußen auf dem hohen Meere zuzubringen, so wollte man ihm gern einen Platz im Boote einräumen; er hatte indeß Rosalien versprochen, noch vor Abend zurückzukehren. Die Großmutter sprach nun knieend mit den Andern ein Gebet, und bald glitt das flache Boot unter raschen Ruderschlägen vom Strande in die offene See hinaus. Frankreichs Schicksal war vergessen, nur der Fang beschäftigte die Fischer.

Die Alte schien auf die sich entfernenden Ruderschläge zu lauschen; unbeweglich ruhten die erloschenen Augen auf dem Meere. Eine Möve strich in ihrem Fluge dicht an ihr vorüber. »Das war ein Vogel,« sagte sie; »hier ist doch Niemand außer uns Beiden?«

»Nein, kein Einziger!« entgegnete Otto gleichgiltig.

»Ist auch Niemand in der Hütte, Niemand hinter den Dünen?« fragte die Großmutter von Neuem. »Nicht um des Proviantes willen, nicht um mein Antlitz am Strande zu kühlen, begleitete ich Euch, sondern um mit Euch unter vier Augen zu reden, was im Hause nicht möglich war. Wollt Ihr mir nicht Eure Hand geben? Seitdem der Alte im Grabe ruht, seid Ihr Euer eigener Herr; das Gut soll ja wol verkauft werden, und dann werdet Ihr schwerlich je wieder hierher nach der Westküste kommen. Der Herr hat mein Augenlicht verdunkelt, ehe er auch meine Ohren schließt und mich in sein Reich aufnimmt. Vermag ich Euch auch jetzt nicht mehr zu sehen, so lebt Euer Bild doch noch immer in meiner Erinnerung, wie ich es damals in mich aufnahm, als Ihr die hiesige Gegend verließet. Ihr werdet vermutlich schöner sein, allein heiterer seid Ihr nicht; plaudern könnt Ihr zwar, und ich habe Euch sogar lachen hören, aber es klang doch nur wenig munterer als in den beiden letzten Jahren Eures hiesigen Aufenthalts. Einst war es anders mit Euch bestellt, alles hatte bei Euch einen andern Zuschnitt als jetzt, kein Kobold hätte es mit Euch an Wildheit aufnehmen können!«

»Man wird mit den Jahren ruhiger!« erwiderte Otto und blickte die blinde Frau, die seine Hand noch immer fest hielt, erstaunt an. »Die übertriebene Lustigkeit, der ich mich als Knabe hingab, konnte unmöglich Bestand haben, und daß ich gerade in dieser Zeit ernst bin, dazu habe ich doch, wie Sie ja selber einsehen muß, hinreichenden Grund. Meine letzte Stütze ist mir genommen!«

»Allerdings, allerdings!« versetzte sie langsam und überlegend, dann aber schüttelte sie den Kopf. »Und doch liegt darin der Grund nicht. Glaubt Ihr nicht an des Teufels Macht? Unser Heiland verzeihe mir, glaubt Ihr nicht an die Kräfte böser Menschen? Es kann kein größerer Unterschied zwischen einem Menschenkinde und dem Wechselbalge stattfinden, das die Unterirdischen für dasselbe in die Wiege legen, als zwischen Euch in Eurem Knabenalter und Eurer ganzen Art und Weise während des letzten Jahres vor Eurer Abreise! Das kommt von den Büchern, kommt von dem vielen Lernen, sagte ich zu den Andern. Hätte ich mir diesen Trost auch nur selbst sagen können! Aber Ihr sollt wieder froh werden, der Kummer Eures Herzens soll vergehen, wie ein giftiges Unkraut. Ich weiß, woher er stammt, und besitze, wenn Gott seinen Gnadenbeistand dazu verleiht, ein Heilmittel gegen denselben. Wollt Ihr mir heilig versprechen, daß keine Seele auf der ganzen Welt erfahren soll, was wir in dieser Stunde sprechen?«

»Was in aller Welt habt Ihr mir zu sagen?« fragte Otto, von dem sonderbaren Ernste der Alten eigenthümlich ergriffen.

»Ich will von dem deutschen Heinrich, dem Comödianten, mit Euch reden! Ihr erinnert Euch gewiß noch seiner. Er trägt die Schuld an Eurem Gram. Ja, sein bloser Name bewirkt, daß Euer Puls heftiger zu schlagen beginnt. Ich kann es fühlen, wenn ich Euch auch nicht ins Gesicht blicken kann!«

»Der deutsche Heinrich!« wiederholte Otto, und seine Hand bebte wirklich. Sollte etwa Heinrich, als er vor drei Jahren hier war, dieser Alten, sollte er den Fischern hier gesagt haben, was Niemand wissen durfte, was den Frohsinn seiner Jugend ertödtet hatte? »Was habe ich mit dem deutschen Heinrich zu schaffen?«

»Nicht mehr, als ein frommer Christ mit dem Teufel zu schaffen hat!« entgegnete sie und schlug ein Kreuz vor sich. »Aber Heinrich hat Euch ein böses Wort ins Ohr geraunt, hat Euern frohen Sinn gebannt, wie man eine Natter bannen kann!«

»Das hat er Ihr mitgetheilt?« rief Otto und holte schneller Athem. »Sage Sie mir alles, was er Ihr erzählt hat!«

»Ihr werdet mir deshalb hoffentlich keine Verdrießlichkeiten bereiten,« sagte sie. »Ich bin unschuldig daran, und gleichwol habe ich dazu mitgewirkt! Es war nur ein einziges Wort, aber ein ungeziemendes Wort, und dafür muß man einst Rechenschaft ablegen am Tage des Gerichtes!«

»Ich verstehe Sie nicht!« versetzte Otto, und sein Auge spähte rings umher, ob Niemand sie hören könnte. Sie befanden sich ganz allein. Wie ein dunkler Punkt zeigte sich in weiter Ferne das Boot mit den Fischern.

»Entsinnt Ihr Euch noch, wie ausgelassen Ihr als Knabe wart? Denkt Ihr noch daran, wie Ihr einmal der Katze Schweineblasen an Schwanz und Beine bandet und sie zur Bodenlucke hinauswarft, damit sie fliegen sollte? Ich sage das nicht, um Euch wehe zu thun, denn wir hatten Euch trotzdem Alle lieb, allein wenn Ihr es gar zu arg triebet, konnte man ja wol im Aerger sagen: Vermag denn Niemand diesen Burschen zu zügeln? Seht, genau dieselben Worte sagte ich. Das ist meine ganze Sünde, aber sie haben mir seitdem schwer auf dem Herzen gelegen. Da erschien vor drei Jahren plötzlich der deutsche Heinrich in dieser Gegend und erhielt zwei Tage in unserm Hause Herberge. Gott verzeih' mir meine Sünden! Kunststücke konnte er machen, daß es eine Art hatte. Er verstand mehr als sein Vaterunser, mehr als einem Menschen zu wissen frommt. Bei einem Kunststücke solltet Ihr ihm behilflich sein; als er Euch aber den Becher gab, machtet Ihr Eure eigenen Künste, und er konnte das seinige nicht ausführen. Ihr hattet ihm zeigen wollen, daß Ihr auch etwas verstandet. Von dem Augenblicke an konnte er Euch nicht leiden, wenn er sich auch immer noch sanft und unterthänig stellte, da Ihr ein herrschaftliches Kind waret. Entsinnt Ihr Euch nun – aber nein, das habt Ihr gewiß vergessen – kurz und gut, Ihr hattet bei derselben Gelegenheit den Köder von den Angelhaken abgenommen und statt dessen meine Holzschuhe angebunden. Damals sagte ich im Zorne, und des Menschen Zorn ist niemals gut: »Vermag denn Niemand diesen Burschen zu zügeln? Er hat Euch ja vor sichtlichen Augen zum Narren gehabt!« sagte ich zu dem Comödianten. »Versteht Ihr keine Kunst, mit der sich diese wilde Katze zähmen läßt?« Da lachte er tückisch, ich aber dachte nicht länger daran. Am nächsten Tage aber sagte er: »Nun habe ich den Burschen zur Ruhe gebracht. Ihr könnt Euch darauf verlassen, daß er zahm geworden ist, und sollte er wieder einmal anfangen, ungeberdig zu werden, so braucht Ihr ihn nur nach den Worten zu fragen, die ihm der deutsche Heinrich ins Ohr geflüstert habe, und Ihr sollt sehen, wie mürbe er werden wird. Dieses Kunststück soll er nicht zu Schanden machen!« Ein Schauder fuhr zwar durch mein Herz, aber ich dachte später, es würde wol nichts zu bedeuten haben. – Ja, ja, seit jener Stunde waret Ihr nicht mehr derselbe wie sonst; der Grund liegt in dem Zauberworte, das er Euch ins Ohr raunte. Ihr seid nicht im Stande, das Wort auszusprechen, das hat er mir auch gesagt; aber durch dasselbe seid Ihr gebannt worden. Dies allein und nicht das viele Studiren trägt die Schuld. Aber ich will Euch erlösen. Habt Ihr Glauben daran, und den müßt Ihr freilich haben, so sollt Ihr wieder heiter und guter Dinge werden, und ich werde vor dem bösen Worte, zu dem ich mich unbesonnenerweise hinreißen ließ, ruhig im Grabe schlafen können. Wollt Ihr dieses hier jetzt, wo der Mond abnimmt, auf die Herzgrube legen, so wird mit der Abnahme der Mondscheibe auch Euer Gram mehr und mehr verschwinden!« Mit diesen Worten zog sie einen kleinen Lederbeutel aus der Tasche, öffnete ihn und nahm ein zusammengelegtes Papier heraus. »Hierin befindet sich ein Stück von der Holzart, aus welcher das Kreuz, an dem unser Erlöser starb, gezimmert war. Dieses Holz wird den Kummer aus Eurem Herzen ziehen und ihn tragen, wie es denjenigen trug, der den Kummer der ganzen Welt auf sich nahm!« Sie drückte in frommer Einfalt einen Kuß auf das Stückchen und reichte es dann Otto.

Nun wurde ihm alles, aber auch alles klar. Er erinnerte sich, wie er als ausgelassener Knabe es so einzurichten wußte, daß ein Kunststück Heinrichs mißlingen mußte, was zwar den Zuschauern großes Vergnügen bereitete, ihm aber auch Heinrichs ganzen Unwillen zuzog. Bald wurden sie wieder Freunde, und Otto erkannte in ihm den lustigen Weber aus der Fabrik, wie er das Haus, in welchem er seine frühste Kindheit verlebt hatte, zu nennen pflegte. Sie befanden sich allein; auf Otto's Frage, ob er sich seines Namens nicht mehr entsinnen könnte, schüttelte Heinrich den Kopf. Da entblößte Otto seine Schulter, um ihn den eingeätzten Namenszug lesen zu lassen, und vernahm nun jene entsetzliche Deutung, die seinem Frohsinn den Todesstoß gab. Heinrich mußte jedenfalls bemerkt haben, welchen Eindruck seine Worte auf den Knaben ausgeübt hatten. Er benutzte diese Gelegenheit nicht nur sich zu rächen, sondern auch sich gleichzeitig wieder als Hexenmeister in Ansehen zu bringen. Er hätte ihn gezähmt, flüsterte er der Alten zu, hätte den Burschen durch ein einziges Wort gezähmt. Bei jedem neuen muthwilligen Streiche Otto's mußten sofort Ernst und Schrecken bei ihm zurückkehren, sobald ihn Jemand fragte: »Was für ein Wort hat dir der deutsche Heinrich ins Ohr geflüstert?« – »Ja, fragt ihn nur,« hatte derselbe gesagt.

Auf eine ganz natürliche Weise lag demnach in der That ein Zauber in Heinrichs Worten, wenn auch nicht so, wie ihn der Aberglaube der Alten in denselben fand. Eine Erklärung des Zusammenhanges würde genügt haben, sie in ihrem Gewissen zu beruhigen; allein Otto konnte sich nicht dazu verstehen, eine solche abzugeben. Er drückte ihr deshalb nur die Hand und bat sie, ruhig zu sein. Außer dem Kummer über den Verlust seines geliebten Großvaters laste kein anderer auf seinem Herzen.

»Jeden Abend habe ich Euch in mein Gebet eingeschlossen! So oft ein böses Wetter im Anzuge war und sich meine Söhne auf dem Meere befanden, so daß wir Flaggen aushängen oder sie durch Feuerzeichen warnen mußten, dachte ich an jene Worte, die mir entschlüpften, und die der böse Heinrich auffing. Stets quälte mich die Furcht, daß Gott meine Sünde an meinen Kindern heimsuchen würde.«

»Sei Sie nur ruhig, liebe Alte!« sprach ihr Otto freundlich zu. »Bewahre Sie nur selbst das heilige Holz, auf dessen Kräfte Sie Ihr Vertrauen setzt. Möge es Ihr eigenes Herz von jedem Kummer befreien!«

»Nein, an meinem Kummer bin ich selbst Schuld, den Eurigen verschuldet dagegen eine fremde Macht! Nur den Kummer der Unschuld will das Kreuzesholz tragen!«

Das Schöne, welches ihr unbewußt in diesen Worten lag, rührte Otto. Er nahm deshalb das Geschenk an, verwahrte es, suchte sie noch einmal zu beruhigen und warf dann noch einen letzten Blick auf das grenzenlose, prächtige Meer.

Erst gegen Abend langte er wieder auf dem Gute an, wo Rosalie schon auf ihn wartete. Der letzte Auftritt mit der blinden Fischerfrau hatte ihn wieder in seine trübe Gemüthsstimmung versetzt. »Im Grunde genommen, weiß sie doch nichts!« sagte er zu sich selbst. »Dieser Heinrich ist mein böser Engel! Möchte ihn doch bald der Tod ereilen!« Es war ihm zu Muthe, als ob er dem Heinrich ruhig eine Kugel durch das Herz schießen könnte. »Hätte er nur erst unter dem Haidekraut sein Grab gefunden, dann wäre auch mein Geheimniß mit ihm begraben! Blut will ich! Ja, es liegt etwas Teuflisches in dem Menschen. Wäre doch Heinrich todt! Und doch, was würde es helfen? Es leben ja noch Mehrere, die meine Geburt kennen! – Meine Schwester! Meine arme zurückgesetzte Schwester, sie, die dasselbe Recht auf Geistesbildung hatte, wie ich! Wie bange ich vor einem Zusammentreffen mit ihr! Es wird bitter werden! Fort muß ich! Fort will ich! Hier ersticke ich. Ich habe ja Vermögen, ich will reisen. Das lebhafte Frankreich wird mir die Grillen verscheuchen, und – ich bin dann fort, weit von der Heimat entfernt. Im kommenden Frühling weile ich als ein Fremder unter Fremden!« Seine Gedanken gingen endlich in stille Wehmuth über. So erreichte er das Gut.

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