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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
projectidb68dc3dc
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15.

Sein abgetragener Rock war alt,
Keinen besseren er begehrte.
Gleich dem, der einst deckte des Täufers Gestalt,
Als er auf Erden lehrte.
C. J. Boye.

Nicht nur Otto's eigene Angelegenheiten, sondern auch die Stadt da drüben, wie der Pfarrer Kopenhagen nannte, sollten den Gegenstand ihres Gespräches bilden. Nur ein einziges Mal in der Woche gelangte der »Viborger Sammler« zu ihm, und die Kopenhagener Blätter gebrauchten sogar einen ganzen Monat, ehe sie den Kreis aller Leser durchlaufen hatten. »Man möchte doch gern mit der Zeit gleichen Schritt halten!« meinte er.

Gestern am Begräbnißtage des Großvaters wäre es ihm nicht schicklich erschienen, seinen Drang, den lieben Otto von der »Stadt« erzählen zu hören, zu befriedigen, allein heute, sagte er, ginge es schon an, und deshalb hätte er Otto's Besuch nicht erst abwarten, sondern ihm selbst einen abstatten wollen.

»Du hast doch wol unsern guten König gesehen?« war das Erste, wonach er sich erkundigte. »Der Herr segne den Gesalbten! Er ist doch immer noch gesund und rüstig wie sonst, mein guter König Friedrich?« Und darauf konnte er sich nicht versagen, einen Zug zu erzählen, der ihm sein ganzes Herz abgewonnen hatte und, wie er überzeugt war, einen Platz in den Jahrbüchern der Geschichte verdiente. Es hatte sich das Ereigniß bei der letzten Anwesenheit des Königs in Jütland zugetragen. Er hatte alle Hauptorte des Landes bereist und bei dieser Gelegenheit auch die Westküste besucht. Als der König ein Wirthshaus verließ, wäre ihm die alte Besitzerin nachgelaufen und hätte den Landesvater schließlich noch gebeten, zum Andenken seinen Namen mit Kreide an einen Balken zu schreiben. Da die vornehmen Herren seiner Begleitung sie hätten zurückweisen wollen, wäre sie so dreist gewesen, den König am Rocke zu zupfen, der auch, sobald er ihren Wunsch vernommen, ihr freundlich zugenickt und gesagt hätte: »Herzlich gern!« Darauf wäre er wirklich zurückgekehrt und hätte seinen Namen an den Balken geschrieben. Dem alten Manne traten bei dieser Erzählung Thränen in die Augen; er weinte und betete für seinen König. Dann fragte er, ob der alte Baum im Regentsgaard noch stände und erkundigte sich nach einigen alten Bekanntschaften aus seiner Studentenzeit.

Im Grunde genommen, blieb er selbst der eigentliche Erzähler. Jede Frage, die er an Otto richtete, berührte Eines oder das Andere aus seinem eigenen Leben; beständig kehrte er dabei zur Quelle, zu seiner Studentenzeit, zurück. Da hätte man sich anders geregt als heut zu Tage, das wäre ein anderes Leben, eine andere Bewegung gewesen, meinte er. Sein wahres Schönheitsideal war die Königin Mathilde. »Ich sah sie oft zu Pferde,« erzählte er, »obwol es damals bei uns nicht Sitte war, daß Damen ritten. In ihrem Lande erregte es keinen Anstoß, hier gereichte es jedoch zum Aergerniß. Gott verlieh ihr Schönheit, eine Königskrone und ein Herz voll Liebe. Die Welt gab ihr, was sie geben kann, ein Grab in der Nähe der kahlen Haide.«

Zwar wurde in Folge der unaufhörlichen Rückkehr zu seinen eigenen Erinnerungen seine Ausbeute an Neuem nicht sehr groß, allein er fühlte sich trotzdem befriedigt. Kopenhagen schien ihm eine ganze Welt, eine königliche Stadt, aber leider nahmen auch Sodom und Gomorrha darin mehr als eine Straße ein.

Otto lächelte über den Ernst, mit welchem er dies Urtheil fällte.

»Ja, das kenne ich besser als du, mein Junge!« fuhr der Pfarrer fort. »Der Teufel geht zwar nicht darin umher, wie ein brüllender Löwe, aber er hat doch in dieser Stadt seine größten Fabriken errichtet. In guter Kleidung geht er einher und verbirgt den Pferdefuß und die Klauen. Vertraue nicht auf deine Kraft! Wie die Katze in der Fabel schleicht er, »pede suspenso« listig und vorsichtig. Im Grunde genommen, gleicht der Teufel einem jütländischen Bauerburschen. Dieser kommt, ohne etwas zu besitzen, in die Stadt, läuft umher und putzt den jungen Leuten Schuhe und Stiefel, wodurch er endlich so weit kommt, einige Groschen bei Seite legen zu können. Da er zu sparen versteht, vermag er sich mit der Zeit den Keller des Hauses, in welchem du wohnst, zu miethen und einen kleinen Handel anzufangen. Das Geschäft blüht, es gedeiht! Nun ist er im Stande, das untere Stockwerk zu miethen. Der Verdienst wächst in Folge dessen, er wird ein gemachter Mann, und ehe du dich dessen versiehst, kauft er das ganze Haus. Siehe, das ist der Lebenslauf eines jütländischen Bauerburschen, und ähnlich geht es mit dem Teufel. Zuerst nistet er sich im Keller ein, dann bekommt er das untere Stockwerk und schließlich das ganze Haus!«

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