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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
projectidb68dc3dc
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12.

Die Reisenden rollen durch Wald und Flur,
Wie das Blatt, das der Sturmwind treibt.
Kaum läßt das Entschwundene eine Spur,
Nur ein Traum ist's, der uns bleibt.
B. S. Ingemann.

Als Otto den folgenden Tag, den letzten vor seiner Abreise, mit Wilhelm im Garten spazieren ging, gesellten sich Louise und Sophie, die einen Kranz von Eichenlaub in der Hand hielt, zu ihnen. Derselbe war für Otto, den sie ja jetzt verlieren sollte, bestimmt.

»Sophie wird wol morgen kaum so früh aufstehen,« ergriff Louise das Wort, »weshalb sie Ihnen schon heute ihren Kranz überreichen muß. Ich dagegen fehle, wie Sie wissen, nie am Kaffeetische und werde Ihnen erst dort meinen Strauß einhändigen.«

»Ich werde ihn sowol wie diesen Kranz aufbewahren, bis wir uns wiedersehen! Ich will sie als die Vignetten meines schönen Sommertraumes betrachten. Wenn ich nun wieder in Kopenhagen sitze, wenn der Regen herniederrauscht und nun der Winter mit seiner Kälte und trüben Witterung heranrückt, dann wird Fühnen mit seinen grünen Wäldern, mit seinen Blumen und seinem Sonnenscheine vor mir stehen. In meinem Herzen wird es sein, als ob es dort noch immer eben so ist, als seien Kranz und Strauß nur verwelkt, weil sie bei mir die Winterkälte umgibt!«

»In Kopenhagen treffen wir uns wieder!« sagte Sophie.

»Und ich werde Sie mit den Schwalben wiedersehen,« fiel Louise ein, »wenn meine Blumen knospen, wenn warmer Sonnenschein uns lacht. Nach meinem Urtheile gehören Sie dem Sommer, nicht dem kalten ruhigen Winter an!«

In der Frühe des nächsten Morgen erschien Sophie gleichwol am Kaffeetische. Es geschah Otto zu Ehren. Mama zeigte sich erst, als der Wagen schon vor der Thüre hielt. Wilhelm erbot sich, ihm das Geleit bis Odense zu geben. Es mußte also ein doppelter Abschied genommen werden, hier und dort.

»Immer bleiben wir Freunde, treue Freunde!« gelobte Wilhelm, als sie schieden.

»Treue Freunde!« wiederholte Otto, und fort rollte der Wagen, seinem Ziele, Middelfort, entgegen; so weit sollte Mama's eigener Wagen Otto, den sie Alle liebgewonnen hatten, bringen. Wilhelm war in Odense zurückgeblieben; sein Kutscher fuhr Otto, welcher mit demselben unterwegs ein Gespräch anknüpfte. Bei Vissenberg führte die Straße über die hohen waldbewachsenen Anhöhen, die den Namen der fühnischen Alpen erhalten haben. Die Sage weiß hier von Räubern zu erzählen, die in unterirdischen, unter der Landstraße fortlaufenden Gängen wohnten. Klingeln, welche in denselben aufgehängt waren, verkündeten durch ihr Geläut, sobald Jemand vorüberfuhr. Noch heutigen Tages werden die hiesigen Bewohner mit mißtrauischen Blicken angesehen. Vissenberg scheint eine Art ItriItri, Fra Diavolo's Geburtsort, liegt im Neapolitanischen an der großen Heerstraße zwischen Rom und Neapel. Die Einwohner stehen nicht ohne Grund im Verdachte, daß Hauptelement zu den Räuberbanden in den pontinischen Sümpfen zu geben. zwischen Kopenhagen und Hamburg zu bilden, Bei der dortigen Kirche lag ehemals ein Stein, auf welchem Knud der Heilige auf der Flucht vor den aufrührerischen Jütländern geruht haben soll. Dort, wo er gesessen hatte, zeigte der Stein die zurückgelassene Spur. Der harte Stein war weicher gewesen als die Herzen der Aufrührer.

Diese und ähnliche Sagen wußte der Kutscher zu erzählen; er stammte aus der dortigen Gegend, wenn auch nicht aus Vissenberg selbst, wo man erst vor einigen Jahren eine Falschmünzerbande ergriffen hatte. Jede Sage gewinnt an Interesse, wenn man sie an der Stätte hört, an welche sie sich knüpft. An dergleichen Erzählungen ist Fühnen namentlich reich.

Von jenem Hühnengrabe geht die Sage, zur Weihnachtszeit erhebe es sich auf vier rothen Pfählen, und man sehe dann im Innern den Tanz und die Lustbarkeit der Kobolde. Durch jenen Bauerhof soll jede Nacht eine glühende Kutsche mit kohlschwarzen Pferden fahren. Wo wir jetzt einen Teich sehen, in dem Schilf und Rohr wächst, stand einst eine Kirche, die sofort versank, als sie von Gottlosen entweiht wurde; noch heut zu Tage hört man um Mitternacht ihre Seufzer und Bußpsalmen.

Der ehrliche Kutscher mischte unter seine Erzählungen zwar auch einzelne Sagen, die anderen Gegenden der Insel angehörten, machte hier und da kleine Sprünge und putzte die Märlein auch wol mit seinen eigenen Gedanken aus, allein trotzdem hörte ihm Otto mit vielem Interesse zu. Endlich lenkte sich das Gespräch auch auf die Gutsherrschaft.

»Die ist allgemein beliebt!« gestand der Kutscher. »Sie können mir glauben, mein Herr, daß wir Alle große Stücke auf sie halten.«

»Und welche von den jungen Damen ist eigentlich die Beste?« fragte Otto.

»Ich dächte, mit Fräulein Louise würde jedem Manne am Besten gedient sein!« versetzte Jener.

»Indeß Fräulein Sophie ist doch weit hübscher!« wandte Otto ein.

»O ja, sie ist ebenfalls sehr gut, wenn sie nur nicht so gelehrt wäre! Sie kann Deutsch, ja, das kann sie! Auch richtige Komödie kann sie spielen! Ich durfte einmal mit den anderen Leuten oben in der großen Stube mit zusehen. Wir standen gleich hinter der Herrschaft; sie machte ihre Sache gar nicht so übel!«

Wie sehr die alten Sagen auch Otto interessirten, so schien es doch, als hörte er lieber das Geplauder des einfachen Mannes über die Familie, die ihm so lieb geworden war. Rede und Gedanken bewegten sich um die dortigen Verhältnisse. Wilhelm war und blieb ihm jedoch der liebste. Er erinnerte sich, mit welcher Sanftmuth ihm dieser die Hand zur Versöhnung gereicht, nachdem er selbst ihn von sich gestoßen hatte. Wie ein schöner kurzer Traum kamen ihm schon jetzt die fröhlichen Sommertage seines Besuches vor.

Otto fühlte sich plötzlich von dem Drange ergriffen, seine tiefe Dankbarkeit auszusprechen; selbst sein Stolz, dieser Grundzug seines Charakters, gebot es ihm. Wilhelms Anhänglichkeit, seinen Wunsch einer dauernden Freundschaft glaubte Otto nicht unbelohnt lassen zu dürfen. Aus diesem Grunde fügte er gewiß den wenigen Worten, welche er vor seiner Ueberfahrt über den kleinen Belt dem Kutscher mit zurückgab, noch die Nachschrift zu: »Wilhelm, wir wollen uns in Zukunft Du nennen; das ist vertraulicher.« – »Er ist der Erste, dem ich mein Du angetragen habe!« sagte Otto zu sich selbst, als der Brief abgesandt war. »Es wird ihn freuen; nun bin ich ihm doch auch einmal entgegengekommen; indeß, er verdient es auch!«

Wenige Augenblicke später verdroß es ihn schon wieder. »Ich bin ein eben so großer Narr als alle Uebrige!« schalt er und wünschte das Papier vernichten zu können. Er wurde an Bord gerufen. Der kleine Belt ist nicht breiter als ein Fluß. Bald befand er sich deshalb auf jütländischem Boden, die Peitsche knallte und die Räder drehten sich, dem Glücksrade gleich, auf und nieder, doch immer vorwärts der Heimat zu.

Spät Abends erreichte er die bestimmte Herberge. Von dem einsamen Zimmer aus flogen seine Gedanken in entgegengesetzter Richtung, bald nach den Sanddünen, zwischen denen das einsame Gut des Großvaters lag, bald nach dem lebhaften Edelhofe auf Fühnen, wo die neuen Freunde wohnten. Er hatte seinen Koffer geöffnet und den Kranz von Eichenblättern, sowie den ihn heute morgen erst überreichten Strauß, die beide oben auf lagen, herausgenommen.

Man pflegt zu behaupten, daß man Nachts von dem träume, was die Gedanken am meisten beschäftigt habe. Otto muß deshalb mit seinen Gedanken am meisten bei der Nordsee geweilt haben, denn von dieser und nicht von den jungen Damen träumte er die ganze Nacht.

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