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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
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11.

Tanzet und stampfet,
Daß die Schuhsohlen abfallen.
Dänisches Volkslied.

Am folgenden Tage sollte das erwähnte Erntefest gefeiert werden. Die Heuernte war die Ursache dieser Lustbarkeit.Wenn auch die Leibeigenschaft aufgehört hat, so ist der Bauer nicht ganz frei und kann es nicht sein. Für Haus wie Grund und Boden muß er einen Tribut entrichten, und dieser besteht in Frohnen. Es kann vorkommen, daß er um einer ihm von der Herrschaft aufgegebenen Arbeit willen seine eigene liegen lassen muß. Der Wagen, den er schon angespannt hat, um sein eigenes Getreide heimzubringen, muß, wenn es befohlen wird, auf das Feld des Gutsherrn fahren, um dort Dienste zu leisten. Er bezahlt damit eine Art Abgabe, und für ihre treue Entrichtung wird ihm ein Herbst- und ein Erntefest veranstaltet, bei welch letzterem er ein gewisses Maß Branntwein und so viel Bier erhält, als er zu trinken vermag. Der Tanz findet gewöhnlich mitten auf dem Hofe statt, und die Tanzenden müssen für die Musik selber sorgen.

Auf dem innern Hofe sollte unter freiem Himmel drei Nachmittage hinter einander getanzt werden. Längs der Mauer wurden auf einige Holzklötze rohe Bohlen gelegt und dadurch Bänke gebildet. An den beiden Enden des Hofes standen zwei Tonnen des neulich gebrauten Bieres, welches einen größeren Zusatz von Malz als gewöhnlich erhalten hatte und dessen Stärke ja außerdem durch das Markstück und den magischen Tanz der Mägde um den Kessel herum wesentlich erhöht war. Eine große Kanne von Holz, die verschiedene Maß Branntwein faßte, stand auf einem Tische. Der gleichzeitig mit der Bewachung der Bleiche betraute Hirte versah an dem Schenktische das Amt eines Schaffners. Eine Brodfrau aus Nyborg erschien mit einem großen Vorrathe frischen Weißbrodes und schlug in dem Hofe ihren Verkaufstisch auf, denn nur für Trinkwaaren hatte die Herrschaft zu sorgen.

Paarweise traten nun die Gäste in den Hof. Die Männer trugen theils Jacken, theils lange Röcke, die bis an die Knöchel hinabreichten. Aus der Westentasche ragte ein kleiner Strauß voll Federnelken und Ambra hervor. Die Mädchen trugen ihr »Wohlgeruchslabsal«, wie sie ihre Sträuße nannten, in den zierlich zusammengefalteten Taschentüchern. Dem Zuge schritten zwei blutjunge Musikanten, in Frack und steifer Halsbinde, so wie der uns schon bekannte Peer Krüppel, mit dem Beinamen »Musikanti«, voraus. Sie spielten zwar Alle dasselbe Stück, aber jeder auf seine Weise. Gut und alt war es.

Nun wurde darum geloost, wer vor der Thür der Herrschaft und wer vor der des Verwalters tanzen sollte, und darauf loosten wieder beide Parteien um die Musikanten. Die Mädchen nahmen in einer Reihe auf den Bänken Platz, bis sie zum Tanze aufgefordert wurden. Die Galanterie entsprach dem Ballsaale, dem harten Steinpflaster. War doch nicht einmal das Gras ausgejätet worden; wenn sie indeß nur erst einen Tag getanzt hatten, war dieser Uebelstand beseitigt. »Nun, wie sitzest du da?« mit einer halbmürrischen Freundlichkeit gesagt, war die Aufforderung, und diese galt gleich für sieben Tänze. »Nur nicht traurig!«»Nur nicht traurig!« ... Eigentlich: Gräme dich nicht um der Grafen (Greverne) willen! Eine bei den fühnischen Bauern gäng und gäbe Redensart. Vielleicht wird unter Greverne das Wort Fedte grever, Speckgrieben verstanden, die beim Schlachten den Dienstleuten vorgesetzt werden und die man sich leicht überdrüssig essen kann. Davon hat man wol später diese Redensart auf alles übertragen, was irgend eine unbehagliche Empfindung hervorzubringen vermag. erscholl es, und nun drehte sich der größte Theil phlegmatisch im Kreise herum, wie im Schlafe oder bei einem aufgezwungenen Tanze; das Mädchen, die Augen unverwandt auf die eigenen Füße gerichtet, der Bursche den Kopf auf die eine Seite gelegt und die Augen in gerader Richtung auf das Kopftuch seiner Tänzerin. Ein Paar der Gewandtesten zeigten allerdings eine gewisse Lebhaftigkeit, die sich in einem so gewaltigen Stampfen auf das Steinpflaster äußerte, daß der Staub in die Höhe wirbelte. O, was war das für eine Freude! eine Freude, die sie schon seit Wochen beschäftigt hatte, sich aber noch immer nicht so recht herausarbeiten konnte. »Es kommt noch!« sagte Wilhelm, der mit seinen Schwestern und Otto an einem offenen Fenster Platz genommen hatte.

Die Alten hielten sich unterdessen an die Biertonnen und an den Branntwein. Letzter wurde sogar den Mädchen gereicht, und sie mußten wenigstens davon nippen. Wilhelm entdeckte bald die hübschesten derselben und machte sich das Vergnügen, diesen Rosen zuzuwerfen. Die Mädchen eilten auch sofort herbei, um die Blumen aufzusammeln, aber auch die Cavaliere machten Anspruch auf sie und waren natürlich die Stärkeren. Mit größter Unbefangenheit stießen sie deshalb ihre Damen bei Seite, und zwar so kräftig, daß sich einige derselben, statt Rosen zu bekommen, auf das Steinpflaster niedersetzten. Das war ein reizender Scherz! »Was bist du doch für ein armes Wesen! Da fiel sie dir gerade auf die Schulter und du konntest sie doch nicht festhalten!« sagte der erste Liebhaber zu seiner Dame und steckte die Rose ruhig in die Westentasche.

Alle tanzten, alle Mädchen wurden aufgefordert; sogar die Kinder hüpften draußen auf der Brücke nach ihrem eigenen Gesange umher. Nur eine Einzige stand verlassen: Sidsel mit den zusammengewachsenen Augenbrauen; sie lächelte, lachte laut, trotzdem erhielt sie keinen Tänzer. Da reichte Peer Krüppel einem der beiden jungen Burschen seine Geige und bat, ihm einen Tanz aufzuspielen, denn er wollte seine Beine auch etwas in Bewegung setzen. Die Mädchen zogen sich schnell zurück und schwatzten mit einander; aber Peer Krüppel schritt ruhig auf Sidsel zu, schlang die Arme um ihren Leib und wirbelte im schnellen Tanze mit ihr dahin. Als Sophie unwillkürlich darüber in ein lautes Gelächter ausbrach, richtete Sidsel ihren seltsamen Blick stechend und durchbohrend auf sie. Otto bemerkte es, und das Mädchen wurde ihm dadurch doppelt widerwärtig und abschreckend. Je dunkler es wurde, desto lebhafter ging es in der Versammlung zu; die beiden tanzenden Parteien schmolzen in eine zusammen. Als aber völlige Dunkelheit eingetreten war, die Biertonnen ihr letztes Glas hergegeben hatten, die Kanne wieder und wieder geleert war, zogen sie unter Gesang paarweise von dannen. Jetzt begann erst die Freude, die mächtige Wirkung des Bieres. Nun streiften sie im Walde umher und begleiteten, wie sie es nannten, einander nach Hause; allein das wurde eine Wanderung bis an den hellen Morgen.

Otto und Wilhelm waren in die Allee hinausgegangen, und von allen Seiten wurde ihnen für den lustigen Nachmittag ein dankbares »gute Nacht!« zugerufen.

»Nun wirkt der Zauber!« sagte Wilhelm, »des Bieres magische Kraft! Nun beginnt das Bacchanal! Reichen Sie dem hübschesten Mädchen die Hand, so gibt sie Ihnen gleich das Herz!«

»Schade,« erwiderte Otto, »daß die Mänaden des Nordens mit denen des Südens nur das Thierische gemein haben!«

»Sehen Sie nur, da geht die hübsche Schmiedtochter, dieselbe, der ich die schönste Rose zuwarf. Sie hat sich gleich zwei Liebhaber angeschafft, einen unter jedem Arm!«

»Ja, da geht sie!« rief plötzlich eine höhnische Frauenstimme dicht neben ihnen. Sidsel war es, die auf dem Fußtritte eines über einen Zaun führenden Steges saß und in der Dunkelheit, welche die Bäume und der Zaun noch erhöheten, fast gar nicht zu erkennen war.

»Hat Sie denn keinen Liebsten, Sidsel?« fragte Wilhelm.

»Hi, hi, hi!« entgegnete sie grinsend, »der Herr Baron und der andere Herr suchen wol auch nach einem Schätzchen! Bin ich hübsch genug dazu? Im Dunkeln sind alle Katzen grau!«

»Kommen Sie!« flüsterte Otto und zog Wilhelm von ihr fort. »Wie ein Unglücksvogel sitzt sie dort am Zaun!«

»Welch ein Unterschied,« bemerkte Wilhelm, während er seinem Freunde folgte, »welch ein erstaunlicher Unterschied zwischen diesem Unthiere, ja selbst zwischen den andern Mädchen und jener schönen Eva! Sicherlich ist sie in der nämlichen Armuth und in der nämlichen Umgebung geboren wie diese, und gleichwol verhalten sie sich wie Tag und Nacht. Was für eine Seele, was für ein angeborener Adel ist Eva nicht verliehen! Darin muß doch mehr als ein bloßes Naturspiel liegen.«

»Lassen Sie nur nicht die Natur ihr Spiel mit Ihnen treiben!« versetzte Otto lächelnd und erhob warnend die Hand. »Sie sprechen häufig von Eva!«

»Hier beruht es jedoch auf natürlicher Ideenverbindung,« erwiderte Wilhelm. »Der Contrast weckte wieder die Erinnerung in mir.«

Otto ging auf sein Zimmer; da der Mond hell hereinschien, öffnete er das Fenster. Gelächter und Gesang schallten vom nahen Walde zu ihm herüber. Es waren die jungen Burschen und Mädchen, deren jugendlicher Frohsinn sich auf ihrer Wanderung immer lebhafter äußerte. Still und gedankenvoll stand Otto an dem offenen Fenster. Vielleicht war es der Mond, der sein Antlitz so blaß erscheinen ließ. Woran dachte er? Etwa an die Abreise? Nur noch einen Tag wollte er hier, wo er sich so heimisch fühlte, weilen; allein seine Reise ging ja nach seiner wahren Heimat, zum Großvater, zu Rosalien und dem alten Pfarrer, die ihn Alle so lieb hatten. Lauschend und schweigend stand Otto da. Deutlicher trug der Wind den Gesang vom Walde herüber.

»Darin suchen sie ihre Freude, ihr Glück!« sagte er. »Auch ich hätte darin meine Freude, mein Glück finden sollen!« lag in dem Seufzer, den er leise ausstieß. Seine Lippen bewegten sich nicht, nur seine Gedanken redeten ihre stumme Sprache. »Ich hätte mit diesen auf gleicher Stufe stehen, meine Seele hätte an den Staub gefesselt sein sollen! Und doch, trotzdem wäre sie dieselbe geblieben, die mich jetzt erfüllt, die alle Welten umfassen möchte, wäre von demselben Gefühle des Stolzes durchdrungen gewesen, das mich zum Wirken und Handeln vorwärts treibt! Mein Schicksal schwankte, ob ich in die Genossenschaft jener zurückgestoßen oder zu dem Kreise erhoben werden sollte, den die Welt den höheren nennt. Das Nebelbild sank nicht in den Schlamm hinab, sondern stieg in die frische erquickende Luft empor. Und habe ich dadurch das wahre Glück erreicht?« Sein Auge starrte unbeweglich in die helle Scheibe des Mondes. Zwei heiße Thränen rollten über seine bleichen Wangen hinab. »Unendliche Allmacht! Ja, ich glaube an dich! Du lenkst alles! Auf dich will ich mein Vertrauen setzen!«

Ein wehmüthiges Lächeln glitt über seine Lippen; er trat in das Zimmer zurück, faltete seine Hände, betete, und seine Seele wurde still und ruhig.

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