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Hans Christian Andersen: O. Z. - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleO. Z.
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20071128
projectidb68dc3dc
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9.

Sie sieht, ob das Tischtuch ist fein und weiß,
Geht, nach den Betten zu sehen
Und die Leuchter mit Licht zu versehen.

Sie waltet bescheiden mit sorgender Hand,
Bis der Sonne Strahlen enteilen.
Wenn die Erde sich hüllt in ihr Nachtgewand,
Will des Hauses Lust sie erst theilen.

Oehlenschläger.

Louise war eine stille geschäftige Hauselfe, welche besonders die Blumen zu ihren Lieblingen erwählt hatte. Gutmüthig lächelte sie zu den Neckereien ihrer Schwester, ruhig hörte sie selbst einen leichtsinnigen Spott an; nur wenn Jemand travestirend in Das eingriff, was ihrer Seele heilig war, wurde sie aus ihrer Ruhe gebracht und entwickelte eine Art Beredsamkeit.

Wir müssen jetzt die beiden Schwestern ein wenig näher kennen lernen und wollen deshalb zu einem der nächsten Tage übergehen.

Durch ein achttägiges Zusammenleben auf einem Gute wird zwischen Fremden oft eine größere Vertraulichkeit hergestellt, als durch ein häufiges Zusammentreffen in den großen Gesellschaftskreisen einer Stadt während eines ganzen Winters. Otto fühlte sich bereits wie zu Hause; er wurde wie ein naher Verwandter behandelt. – Wilhelm erzählte von der schönen Eva, und Sophie erkannte in ihr einen romantischen Charakter, während Mama das arme Kind bedauerte und Louise wünschte, sie auf dem Gute bei sich zu haben, da ein Wirthshaus doch kein passender Ort für ein ehrbares Mädchen wäre. Dann plauderte man von den Winterfreuden, die Kopenhagen darbot, von Kunst und Theater. Hierüber konnte Luise nicht viel mitreden, obgleich sie doch auch schon ein Stück, nämlich Dyreke, gesehen hatte; die liebenswürdige Natur der Darstellerin hatte ihr tief zu Herzen gesprochen.

Einige Tage waren verflossen, die Witterung war ungünstig. Die Jugend, der es nicht an Stoff zur Unterhaltung fehlte, versammelte sich um den Tisch. Alle, die Brüder oder Söhne besitzen, welche sich der akademischen Laufbahn gewidmet haben, werden aus Erfahrung wissen, in wie hohem Grade dieselben vorzüglich von den physikalischen und astronomischen Vorlesungen ergriffen werden, in denen sich gleichsam die Welt vor ihrem Geistesauge erweitert. Wie wir wissen, hatten die Freunde gerade in diesem Sommer dergleichen Vorlesungen gehört und waren, wie die Meisten, davon erfüllt worden, von der Betrachtung des Wassertropfens mit seinen unzähligen Infusionsthierchen an bis zur Entfernung und Größe der Sterne und Planeten.

Den Meisten von uns sind dies bekannte Lehren; auch den Damen des Gutes war es nicht etwas durchaus Neues, flößte ihnen jedoch ein lebhaftes Interesse ein, zum Theil vielleicht wegen Otto's fesselnder Beredsamkeit. Das graue regnerische Wetter lenkte das Gespräch auf die physische Erklärung der Entstehung unseres Erdballes, wie sie die Freunde aus Oersteds Vorlesungen aufgefaßt hatten.

»Auch die nordischen und griechischen Mythen stimmen hierin überein!« sagte Otto. »Wir müssen uns denken, daß der Raum von einem ewigen unendlichen Uebel erfüllt war, in welchem sich die Zusammenziehungskraft geltend machte. Der Nebel verdichtete sich in Folge dessen zu einem Tropfen; unser Erdball war nichts als ein enormer eiförmiger Tropfen. Auf dieses große Weltenei wirkten nun Licht und Wärme und riefen nicht nur ein Geschöpf, sondern Millionen ins Dasein. Diese mußten wieder sterben, mußten neuen weichen, allein ihre todten Körper sanken als Staub gegen den Mittelpunkt. Dieser wuchs, das Wasser selbst verwüstete, und bald erhob sich ein Punkt über die Meeresfläche. Auf ihm entwickelte die Sonne Moos und Pflanzen, neue Inseln tauchten auf, immer größere Entwickelung und Veredlung zeigte sich im Laufe der Jahrhunderte, bis die Vollendung erreicht wurde, welche wir jetzt schauen.«

»Allein so lehrt die Bibel es uns nicht!« wandte Louise ein.

»Moses hat seine Schöpfungsgeschichte erdichtet!« versetzte Otto, »wir halten uns an die Natur; sie gibt uns größere Offenbarungen als der Mensch.«

»Die Bibel gilt Ihnen doch als ein heiliges Buch?« fragte Louise und erröthete.

»Als ein ehrwürdiges Buch!« erwiderte Otto. »Sie enthält die tiefsten Lehren, die fesselndste Geschichte, aber daneben auch gar vieles, was schlechterdings nicht in ein heiliges Buch gehört!«

»Wie können Sie nur dergleichen behaupten!« rief Louise.

»Tasten Sie nicht die Religion an, wenn sie unter Ihren Zuhörern sitzt!« sagte Sophie. »Sie ist ein frommes Gemüth, welches glaubt, ohne nach den Gründen zu fragen!«

»Ja,« bemerkte Wilhelm, »sie wurde im vergangenen Winter auf mich und wie ich glaube, zum ersten Male recht böse, weil ich äußerte, Christus sei ein Mensch gewesen!«

»Wilhelm!« unterbrach ihn das junge Mädchen, »rede nicht davon! Ich fühle mich bei dem bloßen Gedanken daran unglücklich. Das Heilige kann und will ich nicht zu mir in das Alltagsleben herabziehen lassen. Es liegt einmal in meiner Natur, daß ich eine Sünde zu begehen glaube, wenn ich anders denke, als ich gelernt habe und mein Herz mir erlaubt. Es ist profan, und redet ihr auf diese Weise noch länger von religiösen Dingen, so verlasse ich das Zimmer!«

In demselben Augenblicke trat die Mutter ein. »Das Fest hat begonnen!« sagte sie. »Ich habe mein blankestes Markstück hergeben müssen! Kennen Sie, Herr Zostrup, den alten Gebrauch, der in diesem Landestheile beim Brauen des Bieres für das Erntefest beobachtet wird?«

Ein durchdringendes Geschrei, wie von einer Horde Wilder klang plötzlich zu ihnen empor.

Die Freunde gingen hinab.

Mitten in der großen Brauerei stand ein Kessel, um welchen sämmtliche Mägde des Gutes, von der Meierin an bis zur Schweinetreiberin hinab, tanzten. Die eisenbeschlagenen Holzschuhe stampften auf das unebene Steinpflaster. Die meisten Tänzerinnen waren ohne Jacken, trugen aber lange Hemdsärmel und das enganliegende Mieder. Einige schrien, Andere lachten, und alle diese Töne verschmolzen zu einem seltsamen Geheul, während die Mädchen Hand in Hand um den Kessel tanzten, in welchem das Bier gebraut werden sollte. Die Braumagd warf nun das blanke Markstück hinein, worauf alle Mägde wie wilde Mänaden einander die Mützen abrissen und sich in bacchantischer Wildheit um den Kessel herum balgten. Dadurch sollte das Bier an Stärke gewinnen und bei dem bevorstehenden Erntefeste berauschender wirken.

Unter den Mägden fiel besonders eine durch ihren kräftigen Körperbau und ihr langes schwarzes Haar auf, welches ihr, da ihr die Mütze abgerissen war, wild um das rothe Gesicht hing. Die dunkeln Augenbrauen waren zusammengewachsen. Alle schienen ihre Wuth hauptsächlich gegen sie zu richten, und in der That prägte sich in ihrem ganzen Wesen mehr und mehr etwas Thierisches aus. Beide Arme hatte sie hoch emporgehoben und mit ausgespreizten Fingern drehte sie sich wirbelnd im Kreise umher.

»Das ist ein häßlicher Anblick!« flüsterte Otto; »sie nehmen sich Alle wie Wahnsinnige aus!«

Wilhelm dagegen lachte darüber. Die wilde Lustigkeit löste sich endlich in ein glückseliges Gelächter auf. Das Mädchen mit den zusammengewachsenen Augenbrauen ließ die Arme sinken, allein noch immer lag etwas Wildes in ihrem Blicke, was das wallende Haar und die entblößte Schulter nur noch mehr hervortreten ließ. Entweder hatte eine der Andern sie ungeschickter Weise in die Lippe gekratzt, oder sie selbst hatte sich in bacchantischer Wildheit so in dieselbe gebissen, daß das Blut hervorquoll. Zufällig blickte sie nach der offenen Thür, in welcher beide Freunde standen. Otto verzog das Antlitz wie immer, wenn etwas einen unangenehmen Eindruck auf ihn hervorbrachte. Sie schien seine Gedanken zu errathen und lachte laut auf. Otto trat bei Seite; es war, als sagte ihm ein gewisses Vorgefühl, welchen Schatten jene Gestalt einst in sein Leben werfen würde.

Als er mit Wilhelm darauf wieder zu Sophie und Louise zurückkehrte, erzählte er, welchen unangenehmen Eindruck das Mädchen auf ihn gemacht habe.

»Ach, das ist Niemand anders als meine Meg Merrilies!« rief Sophie. »Finden Sie nicht auch, daß sie ungeachtet ihrer Jugend etwas von den Walter Scott'schen Hexen an sich hat? Wenn sie erst älter wird, muß sie ein vortreffliches Hexenexemplar abgeben! Sie sieht jetzt schon wie eine hohe Dreißigerin aus, und denken Sie nur, sie soll nicht älter als zwanzig Jahre sein! Sie ist ein wahres Hühnenweib!«

»Die Aermste!« sagte Louise. »Alle urtheilen nach dem Aeußeren. Ihre Umgebung haßt sie und, wie ich glaube, nur deshalb, weil ihre Augenbrauen zusammengewachsen sind und das ein Merkmal sein soll, daß sie ein AlpIn Thiele's dänischen Volkssagen heißt es über diesen Volksaberglauben: »Wenn ein Mädchen um Mitternacht die Haut, in welcher sich das Füllen befindet, wenn es geworfen wird, zwischen vier Stöcken ausspannt und darauf nackend durch dieselbe hindurchkriecht, so wird sie ohne Schmerzen Kinder gebären können, aber alle Knaben, denen sie das Leben schenkt, werden Wehrwölfe und alle Mädchen Alpe. – Am Tage sind sie daran kenntlich, daß die Augenbrauen über der Nase zusammengewachsen sind! Nachts schlüpft der Alp durch das Schlüsselloch hinein und setzt sich dem Schlafenden auf die Brust.« Auch in Deutschland findet sich der nämliche Aberglauben. Grimm bespricht denselben und erzählt: »Sagt man zu dem drückenden Alp':

Trud, komm morgen,
So will ich borgen!

so weicht er alsbald und kommt am andern Morgen in Gestalt eines Menschen, etwas zu borgen.«

sei. Sie sind böse gegen sie, und von der Klasse Menschen, zu welcher sie gehört, kann man doch unmöglich erwarten, daß sie Hohn mit Gutmütigkeit vergelten soll. Um sich nicht zu der allgemeinen Zielscheibe herzugeben, hat sie dies abstoßende Wesen angenommen. Wenn wir in einigen Tagen das Erntefest feiern, werden Sie sich selbst überzeugen, wie jedes Mädchen einen Tänzer bekommt; mag sich aber die arme Sidsel putzen, so viel sie will, so steht sie doch allein.«

»Die Unglückliche!« seufzte Otto.

»Gottlob fühlt sie es nicht!« sagte Wilhelm; »sie kann es überhaupt nicht fühlen, dazu ist sie viel zu roh, viel zu verstandlos!«

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