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O Mensch!

Hermann Bahr: O Mensch! - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleO Mensch!
publisherS. Fischer Verlag
printrunNeunte Auflage
year1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel

»O Mensch!« sagten alle drei, durchs Fenster zur Sonne hin, die nun endlich doch aus dem sinkenden Nebel trat. Am Fenster standen alle drei, links Höfelind, rechts Radauner, mitten Fräulein Annalis, am breiten langen Fenster, der Sonne zu. Um sie standen die sieben Bilder an der weißen Wand. In die Mitte des weiten Zimmers war das Bett gerückt, mit dem kranken Knaben. Und die drei Menschen und die sieben Bilder und die weiße Wand und das arme Bett und das große Zimmer sogen sich mit Sonne voll.

Zur Sonne waren die drei gekehrt und segneten sie, mit dem Zeichen, das der Knabe sie gelehrt, und sprachen dazu, wie er es sie gelehrt: »O Mensch!«

Oft hatten sie's sonst im Scherz getan, Spott in ihren Augen. Jetzt riefen sie's aus Not, und Angst in ihren Augen. Und wie der Ruf empor stieg, wars, als riefen die sieben Bilder und die weiße Wand und das arme Bett mit: »O Mensch!«

Bis sich der alte Radauner, ächzend und schnaubend, aus der Kette riß und schrie: »Trotteln sind wir! Trottelhaft ist das! Solche Trotteln!« Und er schob sich an seinem Stock wieder zum Bett.

Fräulein Annalis hielt noch immer die Hände gefaltet zur Sonne hin. Leise sagte sie: »Wer weiß? Vielleicht hilft's.«

Der Alte schnaufte: »Der stirbt, und wir hupfen um die Sonn herum! Hoho! Und der stirbt!«

Höfelind rannte zur Tür. Und die Tür auf. Und hinaus. Da stand er auf dem Balkon in der Sonne. Die weiße Sonne schlug den Nebel, bis an die Stadt unten wich er zurück. Und die weiße Sonne zog in den Garten ein. Auf den starren Wiesen, in den kahlen Ästen stand Reif. Die weiße Sonne, der weiße Reif; und nur tief unten hielt der Nebel noch die bange Stadt mit seiner grauen Hand zu.

Höfelind ins Zimmer zurück. Und herum, wie ein Hund, der seinen Herrn verloren hat. Und hinaus, hinab. Dann kam er wieder mit dem großen Buch zurück. Der Alte, höhnisch: »Kannst es noch nicht auswendig?« Der Alte ließ nicht von den Augen des Knaben. »Die Sonne wird ihn wecken, gewiß!« sagte Fräulein Annalis. Höfelind schlug das Buch auf, bis er das Wort fand, und starrte das fremde Wort an. Seit es der Arzt gestern ausgesprochen hatte, ließ es ihn nicht mehr aus. Er mußte das tückische Wort immer mit seinen Augen sehen, mit seinen Ohren hören, immer wieder. Er hatte gleich, als es der Arzt gestern nannte, nachgeschlagen in dem dicken Buch. Da stand es, ein fremder, seltsamer, hämischer Name: Leukämie. Und diese geilen, sumpfigen, glitschenden Buchstaben hatten die böse Kraft, einen Menschen zu töten! Er saß stier über dem Buch auf seinen Knien. Und buchstabierte das eiternde Wort laut; jede der schwammigen und schweißigen Silben ließ er durch das weiße Zimmer rinnen. Der Alte riß ihm das Buch weg. Und schrie: »Du machst uns noch alle toll! Marsch, in den Garten!«

Höfelind antwortete höhnisch: »Leukämie.«

Fräulein Annalis nahm ihn an der Hand. Gehorsam ließ er sich führen. Sie zwang ihn, sich in den Korb auf dem Balkon zu setzen. Er sagte vor sich hin: »Leukämie, Leukämie, Leukämie.« Er sah die weiße Sonne scheinen und sah die verglasten Wiesen und sah Busch und Baum vom Frost gestirnt, aber er hatte von der weiten Welt nur noch dieses eine gräßliche Wort behalten, das er gestern zum erstenmal gehört. Und er sah es seitdem überall kriechen, wie einen schillernden, triefenden Wurm, und die Welt umwinden und seine Schwären auf Busch und Baum und Wesen und bis an die weiße Sonne spritzen.

Vor drei Tagen war Radauner erwacht, es ging schon auf Mittag. Der Knabe brachte sonst um sieben das Frühstück. Radauner rief Höfelind an, der nebenan schlief. »Euer Hochwohlgeboren, sagte er, sind verpflichtet, mir den Kaffee zu kochen. Wenn Euer Hochwohlgeboren einen beherbergen und Euer Hochwohlgeboren haben aber die Laune, sich einen Koch zu halten, der nur kocht, wenn es ihm gefällig ist, müssen Euer Hochwohlgeboren auch die Folgen auf sich nehmen!« Und er tobte schimpfend um seinen Kaffee, Höfelind schimpfte mit, und beide hatten ihren Spaß an der Wirtschaft des unverbesserlichen Knaben, der sich einstweilen wohl wieder einmal mit dem Herrn Wind, seinem guten Freund, irgendwo herumtrieb; sie waren es ja gewohnt, sie wunderten sich nicht mehr, und man hatte doch zur Aushilfe Fräulein Annalis. Die benutzte gleich die Gelegenheit, wieder einmal aufzuräumen. Wenn der Nußmensch da war, ging das ja schwer. Er war dann immer hinter ihr her, um ihr klar zu machen, die Menschen sollten lieber den Staub in ihren Seelen aufwischen als in ihren Zimmern. Er sagte: »Wenn der Herr Höfelind einmal seinen Pinsel nicht findet, wird er wütend. Aber daß er Gott noch nicht gefunden hat, macht ihm nichts. Ist Gott nicht wichtiger als ein Pinsel?« Oder: »Sie regen sich auf, wenn ein Stuhl nicht dort steht, wohin er gehört; ist denn ein Stuhl wichtiger als ein Mensch?« Oder, wenn sie mit dem Besen in die Spinnweben fuhr: »Und dann sind Sie aber gegen's Militär und gegen den Krieg! Warum denn? Entweder darf man töten oder man darf es nicht. Wenn man Spinnen töten darf, weil sie häßlich aussehen, da gibts doch eine Menge Menschen, die noch viel häßlicher aussehen. Der Unterschied ist nur, daß die Spinne nicht schreit, wenn man ihr weh tut. Und so gehts überall: wer schreit, tut einem leid, aber der geduldigen und ergebenen, still leidenden Wesen erbarmt sich niemand, ist das nicht schrecklich ungerecht?« Und so fortwährend hinter ihr her; es war schwer, in seiner Begleitung Ordnung zu machen. So tat sie's gern, wenn er fort war, und flog auch diesmal wieder durchs Haus. Am andern Tag fiel ihr ein, doch auch einmal nach der kleinen Kammer oben zu sehen, in der er schlief, wenn er sich zuweilen entschloß, zur Abwechslung einmal daheim zu nächtigen. Sie trat ein, da lag er im Bett. Ganz still lag er, die großen glotzenden Augen offen, lächelnd da. Sie erschrak. Er sagte: »Ja denken Sie, Fräulein Annalis, ich kann nicht aufstehn! Schon seit zwei Tagen nicht. Schon seit zwei Tagen lieg ich so. Komisch ist das! Ich kann mich nicht rühren, nicht einmal die Hand kann ich heben, schaun Sie!« Lächelnd hob er seine Hand, doch gleich sank sie herab. Und er sagte, mit seinem flitternden, flockigen, flaggenden Lachen: »Komisch, gelt? Ich weiß nicht, was es ist. Ich muß liegen und kann mich nicht rühren. Es macht aber nichts. Das ist auch ganz schön! Ich habs noch gar nicht gewußt. Wunderschön ist es, so ganz still zu liegen, und merkwürdige Sachen gehen vor, Fräulein Annalis! Nämlich da drinnen in mir. Ein Mordsspektakel ist da. Geigen und Harfen; und geblasen wird auch, und stärker als es selbst der Herr Wind kann.« Er hätte noch mehr gesagt, aber seine Stimme fiel ihm herab, wie früher seine arme Hand. Nur das Lachen in seinen großen glotzenden Augen, das losch nicht aus.

Und Höfelind gleich um den Arzt, der ratlos stand; der Knabe lachte. Und Höfelind in die Stadt. Ärzte, Professoren. Einstweilen trug Fräulein Annalis mit dem Alten das Bett in das große Zimmer. Der Knabe lachte den Alten aus, für sein Stöhnen und Stolpern auf der engen Stiege. Sie rückten das Bett in die Mitte des Zimmers; rings standen die sieben Bilder an der weißen Wand, und der Knabe wollte seine kranke Hand ein wenig heben, zu seinem eigenen Bild hin, um mit starren Fingern sich selbst zu begrüßen, aber die Hand blieb auf der weißen Decke, schlaff, nur die großen gierigen Augen fanden das Bild, und sie verließen es nicht mehr, so lag er vor diesem gütigen Spiegel und sah sich in seiner Kraft und Lust darin. Sie mußten das Fenster öffnen. »Sonst ist die Sonne beleidigt«, sagte er. Und er rief immer nach der Sonne. »Was hat sie denn, wo bleibt sie denn?« Auch in der Nacht rief er aus dem Schlaf um die Sonne. Sie kam aber nicht, sie konnte nicht, der Nebel ließ sie nicht durch. Alles war rings grau verschneit, von diesem unbeweglich stehenden, still am Hause lehnenden Nebel. Und dann Höfelind aus der Stadt zurück, mit Ärzten und Professoren. Der Knabe lachte. Und ein leises Surren und Summen lateinischer Namen, durch das weiße Zimmer hin. Bis unter den weisen Männern jenes Wort aufsprang. Die weisen Männer standen im Kreis, bogen die Hälse vor und zogen nachdenklich die Rücken an; so sahen sie, vom Bett des Knaben aus, mit ihren runden hohen Rücken einer Versammlung geköpfter Menschen gleich; das freute den Knaben. Und in ihren langen schwarzen Röcken verfinsterten sie das Zimmer, da leuchteten die sieben Bilder an der weißen Wand noch mehr. Jenes Wort aber, den fremden Namen seiner Krankheit, tuschelten sie nur, als ob sie sich schämten. Doch die hellen Ohren des Knaben fingen es ein. Er freute sich sehr und spielte damit. Er sagte: »So eine wunderschön klingende Krankheit hab ich, Fräulein Annalis! Sie muß wie eine Orchidee aussehen, mit einer langen gesprenkelten Zunge, nicht? Denn so klingts, nicht? Ja sehn Sie! Ich such mir halt immer was Feines aus, Fräulein Annalis!« Die geköpften Menschen gingen fort, und während Höfelind über dem großen Buch saß und darin von der Krankheit mit dem tückischen Namen las, schaukelte der Knabe noch immer das seltsame Wort und ließ es tönen und freute sich. »Was wissen denn die lateinischen Eseln? schrie der alte Radauner, grimmig. Was wissen denn die?« Aber der Knabe bat: »Lassen Sie mir doch das schöne Wort! Es funkelt wie ein Türkensäbel mit eingelegten bunten Steinen. Hurra!« Dann war er eingeschlafen. Er wachte noch einmal auf und bat Fräulein Annalis, den Speck für die zwei großen Amseln nicht zu vergessen, den sie sich vom Fenster zu holen gewohnt waren, seine zwei großen Amseln. Dann schlief er wieder ein. Nun schlief er seit zehn Stunden. Sie wichen nicht von seinem Bett. Jetzt aber hatte die weiße Sonne den Nebel zerschlagen, und die weiße Sonne stand an seinem Bett.

Die zwei großen Amseln saßen auf dem Fensterbrett beim Speck. Die eine kam manchmal ganz frech herein, bis ans Bett. Zu den Füßen des schlummernden Knaben, oben auf der Stange des Betts, stand sie dann, ein wenig schief, mit eingezogenem Hals, erhobenem Schnabel, steifen Flügeln und sah den Knaben an und ließ heimlich ein paar dunkle Töne tropfen, wie Tränen. Dann rief die andere vom Fenster her, und nun stürzten beide hinaus, um die Spatzen von den Drähten fortzujagen. Die Drähte des Telephons waren ganz verreift, wie aus Schnee gesponnen. Die Spatzen zerstoben, scheltend und schimpfend. Die silbernen Fäden schwangen. Die zwei großen Amseln setzten sich wieder aufs Fensterbrett zum Speck.

Nun hatte die weiße Sonne den Nebel hinab bis an den Fluß gedrängt, und der alte Turm der lieben Kirche trat hervor, in der weißen Sonne leuchtete das Kreuz.

Der Alte schlich hinaus. Er kam zurück, behutsam einen Teller mit Nußbutter in seiner unsicheren Hand. Er sagte leise zu Fräulein Annalis: »Das wird ihn freuen. Er hat sichs immer gewünscht, mich zur Nußbutter zu bekehren.« Er kostete davon und sagte dann: »Sie schmeckt übrigens wirklich gut.«

Fräulein Annalis bat: »Gehn Sie doch noch einmal hinüber und sagens dem Ignaz, er soll nicht toben, daß ich noch immer nicht komm, aber ich kann nicht!« Unentschlossen stand sie. Dann wiederholte sie: »Ich kann nicht, ich kann nicht weg von hier!«

Der Alte stellte den Teller hin und ging. Sie trat ans Bett, die Hand auf der Stange. Die dicke von den zwei großen Amseln kam wieder und saß auf der Stange neben ihrer Hand. Und beide sahen still den schlafenden Knaben an. Die Sonne streichelte mit ihren weißen Fingern sein banges Gesicht.

Höfelind trat vom Balkon herein und stand, nach seinen sieben Bildern sehend, irr vom einen zum anderen. Auf dem Bild des Knaben blieb sein Blick. Plötzlich vergaß er sich und sagte laut, mit seinem ziellosen Grimm: »Ein Maler kann doch mehr! Was man einmal gemalt hat, das ist da, das bleibt. Dagegen die berühmte Natur! Nichts kann sie, und was sie macht, zerfällt!« Und immer noch vor dem Bild des Knaben: »Da, Fräulein Annalis, der da, der von mir! Der ist unsterblich! Während der dort –« Er wendete sich, aufs Bett zeigend, auf den Knaben: »Der dort!« Da brach seine Stimme. Fräulein Annalis bat ihn durch einen warnenden Blick auf den Knaben. Er nickte nur und schwieg und biß sein Weinen zusammen. Und er trat ans Fenster, überall der gleißende Reif in der sonnigen Weite, von den Bergen rings ein Starren wie von blinkenden Lanzen und überall wie ein Klirren in den silbernen Wellen der sonnbewegten Luft!

Fräulein Annalis mit der Amsel am Bett, Höfelind am Fenster in seinem zornigen Hohn, der Alte, von drüben zurück, müd und still in der Ecke, verschnaufend. Und die sieben Bilder an der weißen Wand. Und auf dem armen Gesicht des Knaben die Sonne.

Da schlug der Knabe die großen glotzenden Augen auf. Sie schienen sich zu wundern und mußten erst suchen, bis sie das Zimmer erkannten. Dann grüßten sie die dicke Amsel und Fräulein Annalis und den wankenden Höfelind. Und die frohe Stimme des Knaben sagte: »Das is lieb von Ihnen, Herr Radauner! Und Sie werden sehen, Sie werden sich an die Nußbutter so gewöhnen, daß Sie nichts anderes mehr mögen! Und es is doch viel vernünftiger, gesünder und besser. Dank schön, Herr Radauner! Dank schön!«

Und er nickte mit der Hand grüßend der dicken Amsel zu. »Jetzt sagens selbst, Fräulein Annalis, ob sie nicht lacht! Weil Sie mirs immer nicht glauben wollen! Schaun Sie's nur an! Ganz deutlich lacht sie! Wie ein Mensch, nur ein bißl ernster; denn die Tiere denken halt mehr nach! Ja du, du! Dir wird schon leid sein um mich, und ein bißl bang nach mir! Aber tröst dich, es gibt noch mehr Speck auf der Welt!« Der Vogel lief die Stange lang, sprang herab und dann auf dem Boden tripp und trapp ans Fenster, und hinauf und in den flirrenden Schein hinaus, mit der Schwester zusammen. Der Blick des Knaben mit und ihnen nach. Da fand er die silbernen Blumen in den Ästen, an den Drähten. Es taute jetzt. Der Reif ging langsam auf, Flocken trieben von den Bäumen, wie Blüten im Wind schwammen die zergehenden weißen Sterne.

»Es blüht«, sagte der Knabe.

Er schien wieder einzuschlafen. Plötzlich aber fing dann seine Stimme zu streiten an, heftig widersprechend: »Nein. O nein. Das beweist noch gar nichts gegen mich, damit bin ich noch lang nicht widerlegt! Wenn ich sterbe, folgt daraus noch lang nicht, daß der Mensch sterben muß. Ich weiß, daß der Mensch nicht sterben muß. Ganz gewiß nicht. Ich habs nur nicht rechtzeitig erfahren, das ist es. Es war schon zu spät. Gleich müßt mans den Menschen sagen!«

Er lag mit geschlossenen Augen und nickte lächelnd. An seinem Mund war ein Sonnenstrahl. In diesen floß der Klang seiner dunkelnden Stimme, die mitleidig sagte: »O Mensch!«

Aus dem stummen Garten schrien die Spatzen auf den Drähten, verschreckt; und ihr auffliegender Schwarm glich einer Wolke, das Fenster entlang. Gleich aber wars wieder still und licht. Aus dem zerrinnenden Reif erschienen die braunen Äste.

Der Knabe sagte: »Gleich müßt mans halt wissen, vom Anfang an. Ich habs zu spät erfahren. Da war ich schon an den Tod gewöhnt, man läßt sich zu leicht was einreden! Ist es aber einmal im Kopf, da hilft nichts mehr, dann ist es da. Denn was der Mensch denkt, das wird dann auch. So stark ist der Mensch! Darum muß ich sterben, weil ich als kleines Kind schon geglaubt hab, daß ich einmal sterben werd. Ich hab das Richtige zu spät erfahren, und so nutzt's mir nix mehr, obwohl ich jetzt weiß, daß es ja gar nicht nötig war! Aber, Herr Höfelind, ich behalt ja doch recht! Glauben Sie nur deswegen nicht, daß Sie recht haben, Herr Höfelind, mit dem Tod! Es kommt bloß daher, weil ich halt überhaupt ein bissel schlampert bin, der Herr Radauner hat mirs ja immer gesagt.« Und er sah den Alten zärtlich an, und seine liebe Stimme sagte, streichelnd und schmeichelnd: »Ja der gute Herr Radauner, ja, ja!«

Der Alte kniete vor dem Ofen und schob Holz hinein. Sie heizten Tag und Nacht, weil der Knabe nicht litt, daß sie die Fenster schlossen. Die großen Scheite krachten im Ofen.

Höfelind sagte barsch: »Red keinen Unsinn! Du hast dich verkühlt; das ist alles, man treibt sich nicht ungestraft in der Winternacht herum! Schwitz noch ein bißl, schlaf dich ordentlich aus, und morgen wird alles wieder gut sein!«

Der Knabe sagte lächelnd: »Das weiß ich schon, daß morgen alles gut sein wird. Ganz gewiß! Morgen wird alles gut sein! Nur der erste Schritt ist halt nicht so leicht, da hinüber. Aber morgen wird dann alles gut sein. Ja, Herr Höfelind!« Seine Stimme tat ihnen so weh, daß keines ein Wort sprechen konnte. Aber der Knabe sagte, lächelnd: »Seid nicht betrübt! Es macht nichts. Ich bleib ja doch da. Der Mensch geht nicht weg, er zieht sich nur um. Ich werd halt anders aussehen, das nächste Mal. Was liegt dran? Aber wir werden sicher beisammen sein. Immer wieder. Schad ist nur, daß man sich dann nicht erinnert. Aber vielleicht werden die Menschen das auch noch lernen. Das wär dann freilich schön!«

Er nickte, seine Wangen glänzten, und er sagte noch: »Der Mensch kann nicht verloren gehen. Nichts geht verloren. Der liebe Gott gibt schon acht. O der ist sehr genau! Fast wie die Fräuln Annalis!« Ein wenig zog er die schweren Lider von seinen Augen auf, und ein Strahl glitt zum Fräulein Annalis hin. Und seine frohe Stimme sprach: »Seid nicht betrübt! Mir ist nicht bang. Wohin mich's auch verwehen wird, Gott findet mich, er läßt nichts verloren gehen, er findet mich schon. Seid nicht betrübt! Warum denn? Er verwandelt mich nur. Das macht ihm halt Spaß! Er dreht die Welt, er gibt ihr keine Ruh, heute bist du Mensch und morgen Wurm, damit du dich nur nicht zu langweilen brauchst. Seid nicht betrübt, das wär doch dumm!«

Er sagte noch: »Ich bin müd, aber schön müd. Schön is es, so gut müd zu sein. Es is halt alles schön!«

Er schlief wieder ein.

Jetzt waren die Blüten des Reifs zerronnen. Die Wiese grünte, der Garten bräunte. Und die kahlen Äste tränten. Die Sonne war blaß. Die Vögel schwiegen. Und kein Hauch, kein Laut als das langsame leise Tropfen von den braunen Ästen.

Bis tief in den Nachmittag hinein schlief er.

Schon hatte die Sonne den Rand des Waldes oben erreicht. Der Nebel stand jetzt schwarz auf der Stadt, einer Mauer gleich, die langsam in die Höhe wuchs, immer empor, über der Stadt. Aber er wagte nicht, aus der Stadt auszufallen, ins Land hinein. Dieses blieb im Schutz des Sonnenscheins. Irgendwo hinter der Welt blies Wind; es war zu hören, aber noch standen alle Bäume still und ließen ihn klopfen, hinter den Bergen. In den nassen Wegen bohrten die schwarzen Amseln nach Regenwürmern. Spatzen schwirrten schrillend. Bis dann irgendwo, weit, auf einmal wieder der Wind ungeduldig ans Tor schlug, weit. Da schienen Amseln und Spatzen aufzuhorchen, und der triefende Garten mit allen Bäumen und rings das ganze Land bis zur Stadt hinab, an der großen Mauer des schwarzen Nebels; und alles schwieg in Furcht. Noch aber war das letzte Licht der lieben Sonne da.

Spät am Nachmittag erwachte der Knabe noch einmal. Die Scheite krachten im Ofen, es sprang rot durchs Zimmer, bis zur weißen Wand. Die Luft ergraute, nun wurden auch die sieben Bilder still. Aber die kahlen Bäume schienen auf einmal größer und ganz nah. Sie sahen zum Fenster herein und lauschten. Hinter ihnen aber stand unbeweglich der schwarze Nebel auf der Stadt. Und kein Laut als das leise Tropfen in den tränenden Ästen. Bis dann hinter den Bergen wieder der Wind ans Tor schlug. Und im Ofen krachten die Scheite wieder, und der rote Schein sprang auf. Dann war es wieder still. Und wieder nur das leise Weinen der kahlen Äste.

Der Knabe versuchte sich aufzusetzen, um sein Bild besser zu sehen. Lange sah er's an. Und nickte dann und sagte: »Ja das war mein Fehler. Deshalb muß ich sterben. In meinem Bild steht schon der Tod geschrieben.« Seine Stimme war heiß, die großen Augen stierten. Er sank zurück. »Warum haben Sie mich so gemalt? O lieber Herr Höfelind, drum muß ich sterben! Weil ich auch hab ein eigenes Gesicht haben wollen!« Und er quälte sich, es ihnen besser zu sagen. »Das ist der Fehler. Jetzt weiß ich es. Dem Menschen ist es nicht genug, daß er das Menschengesicht hat. Er will noch ein eigenes für sich. Aber da kränkt sich Gott und wird zornig. Gott hat den Menschen erschaffen, um an ihm einen Menschen zu haben, aber der Mensch will mehr sein, der Mensch macht einen Herrn aus sich, den Herrn Radauner oder Höfelind. Und da sagt Gott dann: Nein, das will ich ja nicht, den kann ich gar nicht brauchen, ich will meinen Menschen, den ich erschaffen hab! Und voll Zorn zerschlägt er den Menschen. Nämlich das, was daran nicht von Gott ist, zerschlägt er, das was der Mensch in seiner Eitelkeit selbst aus sich gemacht hat. Das was hier gemalt ist, Herr Höfelind! Und Sie sind noch stolz darauf, o weh! Der Mensch schämt sich des göttlichen Menschengesichts, jeder will sein eigenes Gesicht, eigens eins für sich allein. Und Sie helfen ihm noch dabei, Herr Höfelind! O weh! Denn da schickt Gott dann den Tod, der wischt ihm das eigene Gesicht wieder weg. Bis einst alle Menschen dasselbe Gesicht haben werden, das eine göttliche Menschengesicht! Dann braucht der liebe Gott den guten Tod nicht mehr. Das sollten Sie malen, Herr Höfelind, das eine göttliche Menschengesicht! So ein Bild, wo nichts drauf ist als der bloße Mensch! Denn mit diesen da, was soll man denn mit diesen da machen? Da wird man nur traurig davon! Wenn aber der Mensch einmal das Menschengesicht erblickt, das wird noch schöner als die Sonne sein!« Und seine kranken Hände faltend sprach er noch: »Ja komm nur, guter Tod, und wisch mich ab, ich freu mich schon!« Dann schlief er wieder ein.

Fräulein Annalis nahm seine Hand. »Er fiebert«, sagte sie.

»Nein«, sagte Höfelind, an seinen roten Borsten nagend, vor den sieben Bildern an der weißen Wand. Der alte Radauner nahm ihn und zog ihn von den Bildern weg, knurrend: »Das Fieber schwätzt aus ihm. Das ist ia sehr gut für ihn, vielleicht schwitzt er seine Dummheit aus! Auch Euer Hochwohlgeboren sollten einmal schwitzen!«

Aus dem Schlaf sprach der Knabe: »Was liegt dran? Der Mensch lebt.« Und mit seinem glitzernden Lachen sprach er noch: »Schön wars! Und jetzt erst! Immer schöner!« Dann schlief er wieder fort.

Die beiden Amseln kamen aufs Fensterbrett und sangen. Im Garten war Lärm, die Spatzen schrien so. Und der Wind wieder am fernen Tor, hinter den Bergen. Und dann ein Stoß, der Wind brach in den Garten ein. Und plötzlich wieder alles still. Die Amseln schwiegen. Die Spatzen fort. Die Sonne schwand. Und wieder nur noch das leise langsame Tropfen in den nassen Ästen.

Da hatte Fräulein Annalis auf einmal Angst und nahm die Hand des toten Knaben.

Es kratzte an der Tür. Sie fürchteten sich. Freudenbecher, von der Ungeduld des Kammersängers hergeschickt, schob sein Bocksgesicht herein. Sie machten ihm ein Zeichen. Er trat an das Bett, die dünnen gelben Haare sträubend, schlug die Hacken zusammen und sagte, die Hand auf seinem Herzen: »Meine Devotion!« Der Alte schlich aus dem Zimmer.

Fräulein Annalis zog den schluchzenden Höfelind auf den Balkon. Sie hörten im Garten Schritte. Der Alte kam, ein kleines Brett unterm Arm. Und er setzte sich hin und fing zu malen an. Es dunkelte schon. Aber er malte.

Höfelind lachte höhnisch. »Er hat recht. Morgen wirft er's wieder weg, aber heute malt er. Es ist das Einzige.«

Und Fräulein Annalis sprach, in Tränen lächelnd: »O Mensch!«

Ende

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