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O Mensch!

Hermann Bahr: O Mensch! - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleO Mensch!
publisherS. Fischer Verlag
printrunNeunte Auflage
year1916
correctorreuters@abc.de
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Fünftes Kapitel

Jeden dritten Tag ging nun Fräulein Annalis nach dem Essen mit dem Herrn Hofrat Stelzer spazieren. Der Herr Hofrat kam zum schwarzen Kaffee, nahm mit dem Kammersänger die letzten politischen Ereignisse durch und ließ sich geduldig immer wieder vorzählen, wie viele Millionen Deutsche es gibt; dies war nämlich des Kammersängers ewige Replik auf alles. Erhitzte sich gegen das Ende zu das Gespräch, so spielte der Kammersänger seinen letzten Trumpf aus, ging von den Deutschen zu den Germanen über und ließ diesen Namen so durchs Zimmer dröhnen, daß er jeden Einwand in die Flucht schlug. Der Herr Hofrat zog dann seinen enttäuschten Mund noch mehr zusammen, sein armes Lächeln trocknete ganz ein, und er wurde still. »Ja ja, Herr Hofrat!, sagte der Kammersänger triumphierend. Das vergeßts Ihr immer! Es gibt Germanen, es gibt noch Germanen!« Und er klopfte mit seiner kurzen fleischigen Hand dem Hofrat auf die Schulter, was dieser nicht sehr gern hatte, und zog den Schluß: »Und solang es noch Germanen gibt, irgendwo in der weiten Welt, braucht uns hier ja nicht bang zu werden. Da können wir noch immer ruhig schlafen.« Was Fräulein Annalis nun gewöhnlich benützte, um zu mahnen: »No dann kannst aber ja du jetzt auch ruhig schlafen gehen. Es wär Zeit! Wann dir dein Nachmittagsschlaferl fehlt, bist abends ganz unausstehlich!« Worauf der Kammersänger stets erklärte: »Das haben auch nur die Deutschen, diesen tiefen männlichen germanischen Schlaf, der wie ein inneres Bad ist! Das Beste kommt dem Deutschen nämlich immer im Schlaf. Bei mir zum Beispiel kann man das eigentlich gar keinen Schlaf nennen, sondern ich arbeite dann, es arbeitet in mir fort, meine besten künstlerischen Einfälle hab ich im Schlaf!« Und Fräulein Annalis drängte: »Dann geh aber jetzt schon endlich und leg dich arbeiten!«

Fräulein Annalis und der Hofrat schritten dann den engen Weg zur Kirche hinab, und unten an der Bahn entlang, bis diese über die Wien setzt. Hier ist alles durcheinander: noch sind aus der alten Zeit, wo das ein Dorf von Weinbauern war, liebe kleine Häuser geblieben, gelb oder weiß oder blau getüncht, mit ein paar Blumenstöcken in den engen Fenstern, aber daneben sind andere, die sich schon eher als Villen benehmen, eine halb schweizerisch, die nächste mehr barock, keines ganz sicher, ob es eigentlich ein Jagdhaus oder ein Waldschlößl, mehr ländlich oder mehr fürstlich sein soll, alle vor dreißig oder vierzig Jahren erbaut, damals als der Ort auf einmal den Ehrgeiz bekam, eine Sommerfrische zu werden; mitten unter ihnen aber auch schon solche trostlose Zinshäuser mit vier Stöcken, wo die Staubtücher, aus braunen Fenstern herab, auf billige Karyatiden ausgebeutelt werden, vorgeschoben von der nachdrängenden großen Stadt, die rings alles verschlingen will. So steht hier Vergangenheit und Gegenwart durcheinander, erschreckt weichen Gärten und Wiesen vor den Steinwürfen der Zukunft zurück, und der Ort kann sich noch immer nicht recht entscheiden, was aus ihm werden soll. Auf einmal aber ist man an den letzten Häusern, der Hügel tritt vor und drängt den Weg an den Fluß, der Weg wird zur Landstraße, mit einer schönen alten Allee, die Stadt ist verschwunden, rings kommt von allen Bergen herab hier der Wald zusammen, überall ist nur Wald und wieder Wald zu sehen, auf den Höhen wacht der Wald, aus den Tälern winkt der Wald, es ist eine Welt von Wald.

Diesen Weg ging Fräulein Annalis, in ihrer Furcht, dick zu werden, jeden zweiten oder dritten Tag, und jetzt ging der Herr Hofrat meistens mit. Sie widmete sich dabei hauptsächlich dem Gehen, er aber sprach. Er sagte ihr zunächst alles, was er gern beim Kaffee dem Kammersänger gesagt hätte, der einen aber ja nie zu Wort kommen ließ. Alle Behauptungen des Kammersängers nahm er nun der Reihe nach vor, um ihr darzutun, wie leer und nichtig und wesenlos alle Grundsätze des Kammersängers, worüber man sich übrigens ja keineswegs wundern und was man dem Kammersänger ja keineswegs verdenken könne, da doch selbst, wer jahrelang im Brennpunkt unseres politischen Lebens gestanden, manchmal alle Mühe habe, sich in den Irrgängen dieser vielfältigen Probleme zurecht zu finden. »Es gibt in Östreich, ließ er nicht ab, ihr immer wieder zu beteuern, es gibt kein halbes Dutzend von Menschen in Östreich, denen nach ihrer Stellung, nach ihrer Erfahrung zuzutrauen wäre, daß sie halbwegs einen Überblick über den Komplex dieser Fragen gewonnen haben könnten. Soll es einen da befremden, wenn es gar den anderen selbst an den einfachsten Grundbegriffen zur richtigen Erkenntnis des Notwendigen fehlt? Befremden kann einen höchstens, daß sie mit dem größten Mut von Dingen reden, über die sie nichts wissen können.« Und mit seinem bekümmerten Lächeln fragte er die fest neben ihm ausschreitende Freundin: »Meinen Sie nicht, Fräulein Annalis?«

»Wenn alle wählen dürfen, sagte Fräulein Annalis, dürfens wohl auch mitreden. Wenn man ihnen das eine erlaubt, kann man ihnen doch auch das andere nicht verwehren.«

»Sehr richtig, sagte der Hofrat, schadenfroh. Aber sie sind für das eine so wenig reif wie für das andere. Man tut jedoch noch stolz mit unserer Entwicklung, die darin besteht, daß die politischen Angelegenheiten denjenigen, die vielleicht noch in der Lage wären, irgend etwas davon zu verstehen, prinzipiell abgenommen werden, um ausschließlich in die Hände derjenigen zu gelangen, die ganz sicher vor dem Verdachte sind, auch nur das Geringste davon verstehen zu können. Dies eben ist ja der Grund, weshalb ich nicht mehr mittu! Ich habs aufgegeben. Schuhe läßt man beim Schuster machen und schneidern läßt man beim Schneider, nur in der Politik läßt man die Politiker nicht mehr zu.«

»Man fragt aber nicht den Schuster, sagte Fräulein Annalis, ob einem der Schuh paßt, sondern das weiß man selbst, ohne darum erst ein Schuster werden zu müssen. So ähnlich wirds halt in der Politik auch sein, denk ich mir.«

»Nun ja, sagte der Hofrat, gekränkt. Mir kanns ja recht sein, mir ist schon alles recht, ich tu ja nicht mehr mit, Gott sei Dank! Wir werden's ja sehen! Warum lachen Sie?«

»Ihr seid alle gleich, sagte Fräulein Annalis, vergnügt. Jeder glaubt, er allein weiß ganz genau, wies zu machen wäre. Aber keiner machts! Jeder sagt, ich gebs auf, ich tu nicht mehr mit. Ja, wenn in einem Land niemand mehr mittun will, dann ist es schwer. Da wär mir doch noch einer lieber, ders nicht so genau weiß, aber es halt schließlich auf gut Glück einfach irgendwie probiert, so gut oder so schlecht es eben geht.«

»Ja das ist die Anschauung aller politischen Dilettanten«, sagte der Hofrat.

»Sehns, sagte Fräulein Annalis, Sie sind genau wie der Ignaz! Der nennt auch jeden, der eine andere Meinung hat, einen Trottel. Denn Trottel oder Dilettant, ihr meints doch beide damit dasselbe. Jeder hält bei uns jeden anderen für einen Trottel. Ja vielleicht habts alle recht! Aber dann müßt man halt irgendwie mit den Trotteln auszukommen suchen, irgendwas muß doch zu finden sein, was auch den Trotteln eingeht, und das wär, wenn wir schon einmal aus lauter Trotteln bestehen, offenbar für uns das Richtige! Denn von einer Gescheitheit, die nur bewirkt, daß einer den anderen verachtet, haben wir nichts.«

Nach einiger Zeit sagte der Hofrat: »Es steckt vielleicht eine ganz wahre Beobachtung, in dem was Sie sagen. Auch in anderen Ländern wird gestritten, aber doch von einer gemeinsamen Grundanschauung aus. Keiner machts dem anderen recht, einer zieht nach links, der andere nach rechts, dem gehts zu langsam und dem wieder scheint alles überstürzt – auch in anderen Ländern. Nur haben dort doch schließlich alle das Gefühl, den selben Strang zu ziehen. Sie sind Gegner, aber doch mit dem gemeinsamen Gefühl, einander zu brauchen. Sie wollen irgendwas erreichen, nur jeder in seiner Art. Bei uns aber will jeder hauptsächlich erreichen, daß der andere nichts erreicht. Jedem scheint es zunächst das Wichtigste, die anderen zu vernichten. Es kommt ihm gar nicht darauf an, sie zu seiner Meinung zu bekehren. Er würde dann vielmehr lieber seine Meinung selbst sofort verlassen und sich wieder eine andere suchen, von der aus er aufs neue den Kampf mit den bekehrten Gegnern eröffnen kann. Es wird immer über unsere Nationalitäten gejammert, aber in jeder scheint auch noch jeder einzelne wieder sozusagen eine Nation für sich zu sein, jeder denkt und fühlt in seiner eigenen Sprache, die jedem anderen durchaus unverständlich bleibt, er will gar nicht hören, was der andere sagt; und auch wenns dasselbe wäre, was er selbst will, so wärs ihm nicht weniger verhaßt, denn gar nicht das, was der andere sagt oder meint oder will, haßt er so sehr als vielmehr den Tonfall oder die Klangfarbe des anderen, und überhaupt halt alles, was ihn daran erinnert, daß es auch noch andere Menschen auf der Welt gibt als ihn selbst, das vertragen wir nicht. Über dies alles bin ich mir längst klar, ich kanns nur nicht ändern.«

»Und der Ignaz ist sich auch klar, sagte Fräulein Annalis, und der Höfelind auch, und mir scheint, daß sich sogar der Prinz Adolar über manches klar ist. Wenn man einen von euch reden hört, denkt man sich, das muß doch ein beneidenswertes Land sein, wo sich alle fortwährend so damit beschäftigen, was eigentlich fehlt, und sich alle so klar darüber sind, was nottät! Zum Schluß aber versichert einem jeder, daß ers nur leider nicht ändern kann. Was nutzt mir dann aber eure Klarheit?«

»Es fehlt uns an einer gemeinsamen mittleren Denkart, sagte der Hofrat. In anderen Ländern ist man konservativ oder liberal, Schutzzöllner oder Freihändler, und so weiter, wie der eine lieber Whist spielt und der andere lieber Kegel schiebt, wie der eine lieber ans Meer und der andere lieber ins Gebirg geht, im Hauptberuf aber ist man vor allem ein Bürger dieses Landes, während bei uns die Whistspieler erklären, ihr eigenes Land nur unter der Bedingung überhaupt erst anerkennen zu können, daß zunächst das Kegelschieben verboten werden muß. Unter uns ist keine Verständigung möglich, weil jeder vom anderen verlangt, sich zunächst selbst auszurotten.«

»Dann hat doch der Nußmensch recht, sagte Fräulein Annalis, der alles damit erklärt, daß die Menschen nicht genug miteinander reden.«

»Er solls nur versuchen! sagte der Hofrat. Zum Reden gehört irgendein gemeinsames Gebiet von Begriffen oder wenigstens Empfindungen. Das haben wir aber nicht. Was Ihr Bruder denkt oder fühlt, ist mir so fremd, daß ich mir diese ganze Art zu denken und zu fühlen überhaupt gar nicht vorstellen kann, und jedes Wort, das wir einander sagen, hat für mich einen anderen Sinn als für ihn. Eher kann ein Hund mit einem Pferd sprechen als ein Östreicher der einen Partei mit einem der anderen. Östreich ist ein Land, wo man nur Monologe halten kann.«

»Fast möcht man wünschen, sagte Fräulein Annalis, daß wir einmal alle recht elend wären! In der Not kämen wir vielleicht zusammen.«

»Nun ja, sagte der Hofrat. Vielleicht ist das auch der geheime Gedanke unserer Regierungen. Bis jetzt zeigt sich aber noch kein Resultat. Je schlechter es uns allen geht, desto mehr freut sich jeder, daß es dem anderen auch schlecht geht. Wenn irgendwo bei uns an einem ein Unrecht verübt wird, verlangt er nur, daß es auch an allen anderen verübt werde. Der ganze sogenannte nationale Kampf geht ja schließlich um nichts als eine gleichmäßige Verteilung des Unrechts. Wenn man in anderen Ländern eine Nation, eine Klasse, eine Partei braucht, muß man ihr einen Gewinn bieten. Bei uns wäre das ganz falsch. Bei uns nimmt man der anderen etwas weg, der anderen Nation, der anderen Klasse, der anderen Partei. Das ist der Preis, um den jede für alles zu haben ist. Instinktiv weiß das bei uns auch jeder Mensch. Deshalb raunzt ja jeder jedem vor, denn es ist das einzige Mittel, um sich bei uns noch einigermaßen beliebt zu machen, wenn man sich recht unglücklich und vom Schicksal geschlagen stellt. Das bereitet allen eine solche Freud, daß man ihnen für einige Zeit beinahe sympathisch wird.«

»Es scheint, sagte Fräulein Annalis, Sie möchten sich auch bei mir beliebt machen?«

»Wieso?« fragte der Hofrat, der sich nicht so leicht von seiner Politik trennen konnte.

»Raunzen Sie mir nicht auch immer vor?« fragte Fräulein Annalis.

»Pardon, sagte der Hofrat. Ich kann mir denken, daß es Sie langweilen muß.« Wenn seine Gedanken einmal eine Richtung hatten, fand er sich nicht so leicht wieder heraus. Erst nach einiger Zeit sagte er, unvermittelt: »Und natürlich wärs mir auch sehr recht, nebenbei, mich, wenn wir schon bei diesem nicht ganz passenden Ausdruck bleiben wollen, bei Ihnen beliebt zu machen.«

»Nebenbei«, sagte Fräulein Annalis, in ihrem undurchsichtigen Ton.

»Ich weiß überhaupt gar nicht, sagte der Hofrat, wie wir immer wieder ins Politisieren geraten, das ich so verschworen habe! Mir liegt wahrlich anderes auf dem Herzen. Aber Ihr Bruder läßt einen ja nicht ausreden.«

»No ja, sagte Fräulein Annalis, vielleicht das nächste Mal! Heut stehts wirklich nicht mehr dafür, denn da sind wir ja schon gleich wieder bei der Elektrischen.« Fräulein Annalis teilte das immer so ein, daß der Hofrat sich erst bei der Elektrischen, mit der er heimfuhr, wieder erinnerte, was er ihr eigentlich alles hatte sagen wollen. Wenn er dann heimfuhr, dachte er die ganze Zeit daran. Und wenn er das nächste Mal wieder herausfuhr, auch. Aber da kam er jedesmal mit dem Kammersänger wieder in Streit, und weil der doch keinen ausreden ließ, sollte wenigstens Fräulein Annalis hören, wie leicht es ihm war, die Behauptungen ihres Bruders zu widerlegen, wenn er auch leider einen solchen Baß freilich nicht überschreien konnte. So begab es sich, daß er jedesmal bei der Elektrischen wieder verschwor, nie mehr ein Wort von Politik mit ihr zu reden, da er ihr doch wahrhaftig viel Wichtigeres zu sagen hätte. Und sie sagte dann immer: »Wie Sie wollen, Herr Hofrat! Mir kommts darauf an, Bewegung zu machen, damit ich nicht dick werd; und zu zweit geht sichs besser. Was dabei geredet wird, ist nicht so wichtig.« Da fuhr der Hofrat dann traurig heim, den Rockkragen aufgeschlagen, weil es ihm in der Elektrischen immer zog, und mit seinem erfrorenen Lächeln um den grauen Mund.

Abends fragte der Kammersänger: »Na? Wars schön, bei deinem Rendezvous mit der Amtsperson?«

Fräulein Annalis sagte: »Ein Rendezvous ist immer schön. Mit wem, ist Nebensache.«

Der Kammersänger sagte: »So ein Hofrat ist immer noch dümmer, als man glaubt. Und er laßt einen ja nicht ausreden! Ich werd dir erklären, worin der Fehler eigentlich bei ihm liegt. Paß auf! Du wirst es gleich verstehen!« Und so lernte Fräulein Annalis die Politik von allen Seiten kennen.

Aber am Ende kniff der Kammersänger dann seine schlauen kleinen Bauernaugen ein und fragte: »No und sonst? Was habts denn sonst noch g'red't?«

»Eine Menge«, sagte Fräulein Annalis.

»Ich bin ja nicht neugierig«, sagte der Kammersänger.

»Die ganze Politik bringt er mir halt nach und nach bei«, sagte Fräulein Annalis.

»Ich bin nicht neugierig, sagte der Kammersänger. Aber ich laß mich nicht gern dumm machen. Verstehst? Denn du wirst mir doch nöt einreden wollen, daß d' dich jetzt auf deine alten Tag plötzlich für Östreich interessierst! Hast nix Gescheiteres zu tun? Wär mir leid! Also nur nicht glauben, daß man mir alles vormachen kann! Ich bin kein Tenor!«

»Mein Gott, sagte Fräulein Annalis, wenn einen jemand interessiert, interessiert einen alles, was ihn interessiert. Und ihm tuts halt wohl, sich einmal auszusprechen. Wen hat er denn sonst als mich?«

»Bitte, bitte! sagte der Kammersänger. Du brauchst dich ja nicht zu entschuldigen! Und glaub nur ja nicht, daß ich irgendeine Rücksicht von dir verlang! Von mir aus kannst dir den Hofrat einsieden! Mir sind Preiselbeer lieber, aber Weiberleut habn halt schon einmal einen besonderen Geschmack! Bitte, bitte! Nur keine Rücksichten, bitte!«

Fräulein Annalis sagte: »Wenn ich je denken könnt, daß es dir irgendwie nicht recht wär –«

Da schlug dann der Kammersänger immer mit seinem tiefsten Baß drein: »Mir? Was denn? Woher denn? Warum soll mirs denn nicht recht sein? Ich laß einem jeden Menschen seine Freiheit, da solltst mich doch schon kennen! Von mir aus kann sich ein jeder auf seine Manier das Haxl brechen! Nur Heimlichkeiten vertrag ich nicht! Wannst du dir das gar so verlockend vorstellst, Frau Hofrätin zu werden, ich werd deinem Glück nicht im Wege stehn, ich nicht! Wann's bloß auf mich ankommt, mein liebes Kind, ich hätt wahrhaftig gar keinen Grund, es dir nicht zu gönnen, und mancher an meiner Stell wär vielleicht eher froh und möcht das eher noch unterstützen, verstehst?«

»Ich versteh, sagte Fräulein Annalis. Ich weiß ja, daß du mir ein Opfer bringst.«

»Davon ist doch nicht die Rede!« sagte der Kammersänger, weinerlich.

»Eine ledige Schwester im Haus, sagte Fräulein Annalis, das möcht sich mancher zweimal überlegen, du hast ganz recht.«

»Hab ich dich das je fühlen lassen?« brüllte der Kammersänger

»Nein, sagte Fräulein Annalis. Du nicht!«

»Wer denn?« schrie der Kammersänger.

»Vielleicht bin ich schon von selber so gescheit, sagte Fräulein Annalis, ohne daß mirs erst jemand zu verstehen gibt.«

»Auf einmal jetzt? schrie der Kammersänger. Elf Jahr bist bei mir und jetzt auf einmal –! Aber das sag ich dir! Wann ich merk, daß dir der blöde Hofrat solche Flöh ins Ohrwaschl setzt, so schnell is noch keiner g'flogen, wie der dann fliegt! Du kannst von mir aus machen, was du willst, aber nur –«

»Nur so lang es dir paßt, sagte Fräulein Annalis. Mein lieber Ignaz, das weiß ich schon. Es ist gar nicht nötig, daß du so schreist.«

»Mit dir kann man ja nicht reden, weil du einem jedes Wort im Mund verdrehst! Da seids eine wie die andere!« Und er schlug die Tür hinter sich zu, sie hörte ihn noch draußen zanken und fluchen, im ganzen Haus herum, mit der Köchin und dem Hies.

Als sie das nächste Mal mit dem Hofrat wieder in der schönen alten Allee ging, durch diesen schallenden, festlich beflaggten und beleuchteten, strahlenden und tanzenden Herbst, sagte der Hofrat mitten in einer politischen Erklärung auf einmal: »Nun ja. Doch weiß ich, daß dies alles umsonst ist, Östreich wird nicht mehr anders, ein Narr, wer sich einbildet, da noch helfen zu können! Ich habs aufgegeben. Ich möchte nur die paar Jahre noch in aller Ruh irgendwo sitzen und mich ein bissel freuen, über den Herbst und auf den Frühling. Das ist noch das einzige! Aber so ganz allein kann ichs halt nicht, da kommen mir immer die bösen Erinnerungen wieder nach. Und der Zorn über mein vergeudetes Leben! Allein dürfte man halt nicht sein.«

Fräulein Annalis sagte: »Ja der Herbst ist merkwürdig, heuer. Täglich tut er, als wärs zum letztenmal, unwiderruflich zum letztenmal, aber auf allgemeines Verlangen gibt er dann morgen immer noch eine ganz allerletzte Abschiedsvorstellung und brennt immer noch ein neues Feuerwerk ab. So ein Gaukler!«

Der Hofrat fuhr fort, Betrachtungen über die Nutzlosigkeit des öffentlichen Wirkens und über das Glück einer vom öffentlichen Lärm abgekehrten, in stiller Freundschaft verankerten, entsagenden Existenz anzustellen, und Fräulein Annalis fuhr fort, diesen unerschöpflichen Herbst zu bewundern, der jeden Tag mit neuer Kraft die dunklen Nebel des Morgens leuchtend zerriß.

Bis der Hofrat fragte: »Warum antworten Sie mir nicht, Fräulein Annalis?«

Da sagte Fräulein Annalis: »Haben Sie mich denn gefragt? Was wünschen Sie zu wissen?«

»Hören Sie denn nicht, fragte der Hofrat, daß alles, was ich sage, nur eine einzige Frage ist, schon die ganze Zeit her?«

Da sie schwieg, fuhr er fort: »Ich möchte versuchen gut zu machen, was ich gefehlt habe. An Ihnen und an mir, an uns beiden. Ich glaub, es wär noch nachzuholen. Wenn wir beide nur den guten Willen haben. Es ist nie zu spät. Wollen Sie, Fräulein Annalis?«

»Das ist sehr lieb von Ihnen, sagte Fräulein Annalis. Ich dank Ihnen schön, Herr Hofrat!«

Aus ihrer Stimme war nicht zu hören, an ihrer Miene war nicht zu sehen, was sie meinte. Mit ihren großen, weit ausholenden Schritten ging sie, sich ein wenig wiegend, durch das raschelnde Laub. Die Bäume bog der Wind, die Blätter fielen, in einem gelben und roten Feuerregen gingen sie nebeneinander dahin.

Dann sagte Fräulein Annalis: »Es macht einem ja doch Freud. Einmal im Leben muß man auch erfahren, wie einem zumute ist, wenn man einen Antrag kriegt. Es gehört dazu.« Und nach einiger Zeit fragte sie, lachend: »Denn das war doch ein Antrag, nicht? Sie möchten mich zur Frau Hofrätin machen! oder irr ich mich?«

Der Hofrat sagte, leise: »Es ist der einzige Wunsch, den ich noch habe.«

»Übertreiben Sie nur nicht!« sagte Fräulein Annalis.

Nach einiger Zeit sagte der Hofrat: »Nun müssen Sie mir antworten, Fräulein Annalis.« Und da sie noch immer schwieg, durch das raschelnde Laub schreitend, sagte er noch, mit dem mühsamen hochmütigen Lächeln aus seiner parlamentarischen Zeit: »Es wäre denn, daß auch Sie der Ehe so feindlich gesinnt sind wie Ihr Bruder!«

»Nein, Herr Hofrat! sagte Fräulein Annalis. Ehefeindlich bin ich gar nicht. Nein, ganz im Gegenteil! Ich sags offen, ich kann mir nichts Schöneres denken, als verheiratet zu sein! Nämlich so, wie ich mir's denk! So verheiratet zu sein, wie ich mirs denk, das ist sicher wunderschön, und eine Frau, der das fehlt, lebt doch nur halb.«

Der Hofrat hielt den Atem an, sie hörten eine Zeit nur das Laub unter ihren Schritten rascheln.

»Aber, sagte Fräulein Annalis dann, es ist halt nicht einer jeden bestimmt, da kann man schon nichts machen! Ich glaub nicht, daß es mir noch einmal beschieden sein wird. Ich glaub nicht, Herr Hofrat.«

»Sie trauen mir nicht mehr, sagte der Hofrat. Sie können mirs halt noch immer nicht verzeihen! Aber hab ich denn nicht genug gebüßt, all die langen Jahre?« Und ganz leise sagte er noch: »Ich bin ein anderer geworden, Annalis! Jetzt können Sie mir schon trauen. Jetzt bin ich ganz anders, als ich damals war.«

»Ich auch, sagte Fräulein Annalis. Und gerade deshalb, lieber Herr Hofrat!« Sie blieb stehen; an den Bäumen, auf der Erde brannte das Laub, in seinen Flammen stand ihre große stille Gestalt. Sie neigte das schwere Haupt ein wenig, wie horchend. Dann sagte sie: »Nein.« Und langsam schritt sie wieder aus.

Auf einmal sagte sie noch: »Denn eher könnte ich mir das noch mit einem wildfremden Menschen denken! Ich wills ja gar nicht verschwören. Wer weiß? Vielleicht heiratet der Ignaz einmal, dann wär ich allein, das könnt ich mir kaum vorstellen, ich muß wen haben, für den ich sorgen kann, sonst is es gar zu langweilig. Also vielleicht sag ich mir dann: wie du dir die Ehe denkst, das ist dir nun einmal nicht bestimmt, du mußt es schon billiger geben! Und es ist ja gar nicht ausgeschlossen, daß ich dann noch einen find, mit dem mir ein ganz angenehmes freundschaftliches Beisammensein möglich scheint. Wenig ist immer noch mehr als nichts, der Mensch wird bescheiden.«

»Und mit mir, sagte der Hofrat, mit mir könnten Sie sich aber ein solches stilles und geduldiges Beisammensein nicht denken?«

»Warum denn nicht? sagte Fräulein Annalis. Aber mit Ihnen, Herr Hofrat, wär mir das halt nicht genug. Verstehen Sie das nicht?« Sie sah ihn lächelnd an und sagte: »Mir scheint, Sie bemerken gar nicht, wie schmeichelhaft das für Sie doch ist? Eigentlich hab ich Ihnen jetzt eine Liebeserklärung gemacht.«

»Nun ja«, sagte der Hofrat, mit seinem zerrinnenden Lächeln.

»Schauns, sagte Fräulein Annalis, ich weiß nicht, ob ich einmal in den Himmel komm. Wenns mir nicht bestimmt ist, werd ich mich auch zu trösten wissen. Vielleicht gibts überhaupt keinen Himmel, vielleicht gibts für mich keinen. Wenn ich aber in den Himmel käm und der wär nicht so, wie man ihn mir versprochen hat, oder ich ihn mir versprochen hab, nein nur das nicht! Da dank ich lieber ganz! Ich kann ertragen, daß es keinen Himmel gibt, und ich kann ertragen, daß ich in den Himmel nicht hineingelassen werd, aber daß ich in den Himmel komm, und der Himmel wär nicht so, wie ich ihn mir gedacht hab, das ist das einzige, was ich nicht ertragen könnt.«

»Phantastische Hoffnungen, sagte der Hofrat, erfüllt das Leben nie.«

»Redt's Euch nur nicht immer auf das Leben aus! sagte Fräulein Annalis. Damals, vor zwanzig Jahren, hätte das eine Ehe werden können, zwischen uns. Denn damals hab ich den Glauben gehabt, und Sie auch!«

»Welchen Glauben?« fragte der Hofrat, ratlos.

Fräulein Annalis sagte: »Damals hab ich geglaubt, Sie sind mehr als ich oder stärker, oder wie man das nennen soll, Sie können mir helfen, daß einmal alles das aus mir wird, was aus mir werden kann! Und auch Sie haben sich das damals zugetraut. Drum wars ja so wunderschön.«

»Es war wunderschön«, sagte der Hofrat.

»Heut aber, sagte Fräulein Annalis, heut weiß ich, daß ich mehr bin als Sie – sinds mir nicht bös, daß ich Ihnen das sag! Aber Hand aufs Herz, mein lieber Herr Hofrat, was könnten Sie mir heute noch geben? Ich hab alles, was ich brauch. Oder ich bild mirs wenigstens ein, das kommt auf dasselbe hinaus. Ich hab ganz allein aus mir alles gemacht, was überhaupt aus mir zu machen war. Und das ist ein Gefühl, das ich nicht hergeben möcht.«

»Und Sie meinen, eine Ehe, sagte der Hofrat, ist nicht möglich –«

»Wenn nicht alle zwei, sagte Fräulein Annalis, alle zwei des festen Glaubens sind, daß die Frau den Mann braucht, um von ihm erst zu erfahren, was aus ihr werden soll. Und der Mann wieder, denk ich mir, braucht die Frau, um an ihr zu zeigen, was er kann, wie der Maler eine Leinwand braucht, oder ein Lied einen Text. Sonst hat das Heiraten doch gar keinen Sinn!«

Nach einiger Zeit sagte der Hofrat: »Gewiß ist das eine sehr schöne Auffassung der Ehe, die Ihnen alle Ehre macht, Fräulein Annalis! Und besonders dieser Vergleich von Mann und Frau mit einem Lied und seinem Text scheint mir in einem ganz tiefen Sinn wahr, vielleicht wahrer, als Ihnen selbst bewußt ist. In der Tat hat nämlich der Mann etwas Grenzenloses in seinem Streben, das wirklich mit dem wogenden Wesen der Musik gut verglichen werden kann, und wie diese nun den Text verlangt gleichsam als einen Rahmen, um darin eingespannt und festgebunden und eben dadurch erst wirklich geformt zu weiden, mag der Mann, der sich sonst leicht ins Allgemeine schlechthin unbegrenzt verliert, in einem gewissen Sinn allerdings in der Sorge für die geliebte Frau ganz ebenso die für ihn so notwendige Begrenzung und seine wahre Bestimmung erst erfahren.«

»Über das wogende Wesen der Musik, sagte Fräulein Annalis, solltens lieber nichts reden, Herr Hofrat! Mir machts ja weniger, aber denken Sie sich, wenn das der Ignaz höret! Und man darf doch auch auf einem Vergleich nicht so lang herumtrampeln!«

»Nun ja«, sagte der Hofrat. Er bemerkte jetzt, daß sie ja ganz abgekommen waren. Einige Zeit schritt er nachdenklich neben ihr, bis er sich wieder zurecht fand und sagte: »Jedenfalls ist es ein sehr schöner und fruchtbarer Gedanke, das Wesen der Ehe in die gegenseitige Hilfe zu setzen. Und dies gerade bestätigt mir aber doch nur meinen Wunsch.« Und er sagte, ganz leise: »Denn ich, Fräulein Annalis, ich hab nicht alles, was ich brauch, ich kann das nicht von mir behaupten, ich bin nicht so glücklich wie Sie, ich brauche Hilfe. Sie können mir helfen. Warum wollen Sie's nicht? War denn nicht das gerade die wirkliche Ehe, ganz in Ihrem Sinn?« Er sah sie nicht an, sondern durch die dunklen Gläser gerade vor sich auf den lohenden Weg hin, indem er, ein wenig vorgebeugt, mit aufgezogenen Schultern neben ihr ging.

»Ja, Herr Hofrat, sagte Fräulein Annalis, das war alles recht schön, aber Sie vergessen nur eins! Denn da müßt nämlich ich erst ein Mandl werden und Sie ein Weibl, damit's stimmt! Aber dazu hab ich für meinen Teil wenigstens halt gar keine Lust!«

»Sie helfen doch so gern! sagte der Hofrat. Ihrem Bruder und dem alten Radauner und überall, wo nur irgendeiner ist, der Hilfe braucht. Warum wollen Sie gerade mir nicht helfen?«

»Helfen und heiraten ist doch noch ein Unterschied, sagte Fräulein Annalis. Sehen's, ich stell mir das so vor: ein Mann, was ein richtiger Mann ist, denkt immer nur an sich, sich will er durchsetzen, alles und alle benützt er nur für sich, und darum ist es für ihn so was merkwürdig Schönes, wenn er einmal, ein einziges Mal in seinem Leben, ein Wesen trifft, bei dem er aufhört, nur an sich zu denken; und eine Frau wieder, eine richtige Frau, denkt ihr ganzes Leben nicht an sich, immer ist sie für andere da, und deshalb ist sie dem einzigen so dankbar, der sie davon erlöst; dankbar bis in den Tod, denk ich mir, muß eine Frau wohl dem sein, der ihr etwas ist, während sie sonst ihr ganzes Leben damit verbringt, anderen etwas zu sein. Und eigentlich besteht also die Ehe darin, daß ein Mandl in einem einzigen Fall zum Weibl wird, ein Weibl aber sich endlich auch einmal als Mandl benehmen darf. Diese Verwandlung ist das Hauptvergnügen dabei. Wir zwei müßten uns aber, damit diese Verwandlung möglich wird, schon vorher verwandeln, und da, Herr Hofrat, möcht einem ja doch davon am End ganz schwindlig werden, nicht?«

»Gegen Ihre Theorie, sagte der Hofrat, wäre doch Beträchtliches einzuwenden. Sie scheint mir nämlich auf einer ganz unzulässigen Verallgemeinerung zu beruhen.«

»Ja jetzt schauns, sagte Fräulein Annalis, wenn wir aber in der Theorie nicht einmal einig sind, dann kanns doch nicht gehn!«

»Nun ja«, sagte der Hofrat.

»Nun ja«, sagte Fräulein Annalis ebenso, ganz in seinem Ton.

»Ich hätte mir nicht nachgeben sollen, sagte der Hofrat. Es war besser für mich, wir hätten uns nicht wieder gesehen. Ich hab mir's anders gedacht.«

»Man denkt sichs meistens anders, als es dann ist, sagte Fräulein Annalis. Das geht andern auch so! Ich zum Beispiel, schauns, ich hab mich jetzt die ganze Zeit nur auf den Moment gefreut, wo ich Ihnen das einmal werd sagen können. Denn überlegen Sie sich doch nur! Man war einmal ein kleines dummes Mädl, viel zu dumm und zu klein für einen Mann, und dann vergehen zwanzig Jahre, bis man sich wieder sieht, aber inzwischen hat sich jetzt alles umgekehrt, das Mädl ist nach und nach halt doch ein bissl größer geworden, der Mann aber nicht, sondern im Gegenteil, und jetzt steht er auf einmal so vor ihr, wie sie damals vor ihm. Darauf hab ich mich schon sehr gefreut, sinds mir nicht bös, Herr Hofrat, daß ich Ihnen das sag! Mein Bruder hat schon recht, der Mensch is und bleibt ein Luder. Und so sehr hab ich mich darauf gefreut, so schön hab ich mir diesen Moment gedacht, daß mir schon angst und bang geworden ist, ich werd Ihnen deshalb am End nicht nein sagen können, ich werd Sie heiraten, bloß weil das doch ein zu schönes Gefühl sein müßt, jeden Tag in der Früh wieder den Unterschied zu sehen, zwischen damals und heut, und jeden Tag in der Früh mit meinen eigenen Augen zu sehen, wie sich seitdem alles langsam ganz umgedreht hat! Und ich hätt Sie sicher geheiratet, nur um diesen Moment jeden Tag zum Frühstück zu haben, aber – ja, sehnst Man denkt sich halt alles ganz anders, als es dann wird! Denn jetzt, jetzt hat es sich herausgestellt, daß mich das eigentlich gar nicht gefreut hat, worauf ich mich immer so gefreut hab! Also nicht einmal das hätt ich, wenn wir heiraten möchten!« Und ganz leise sagte sie dann noch: »Leid war mir, statt daß ich mich gefreut hätt, darüber! Leid ist mir um uns, daß wir nicht mehr wie damals sind! Schöner wärs, wenn ich das dumme Mädl geblieben war!« Dann lachte sie laut auf. »Aber da laßt sich schon einmal nix machen, Herr Hofrat! Und teilweise heiraten könnten wir ja, wenn Sie damit einverstanden sind! Da hätt ich nichts dagegen.«

»Teilweise? fragte der Hofrat. Inwiefern meinen Sie das, Fräulein Annalis?«

»Wozu, sagte Fräulein Annalis, wozu heiraten denn die meisten Männer? Gar in Ihrem Alter! Daß sie halt eine Person sicher haben, zum Sekkieren! Eine die's anraunzen können und vor der sie sich nicht zu genieren brauchen, wenns recht zuwider sind! Also diesen Teil der Ehe, Herr Hofrat, übernehm ich ganz gern. Und wenn Sie wollen, daß ich manchmal mit Ihrer Köchin verrechnen soll, damit sie Sie nicht mehr betrügt, als der liebe Gott unbedingt will, und daß jemand von Zeit zu Zeit neue Hemden für Sie bestellt, das auch, Herr Hofrat, recht gern! Nur wo sozusagen das Sakrament der Ehe beginnt, da müssen Sie mich halt schon entschuldigen, Herr Hofrat, tut mir leid!«

»Sie haben sich Ihren Humor bewahrt«, sagte der Hofrat.

»Ich bin überhaupt keine ernste Natur, sagte Fräulein Annalis. Mein Bruder beklagt das auch.«

Als Fräulein Annalis dann heimkam, fand sie die Köchin in Tränen, der Gärtner hatte gekündigt und der Hies war nirgends zu finden. Es ergab sich, daß dem Kammersänger das Abendblatt nicht ins Zimmer gebracht worden war, worüber er nun in solchen Zorn geraten, daß er alle der Reihe nach an ihrer Ehre gekränkt hatte. Die Köchin gab dem Gärtner, der Gärtner dem Hies die Schuld, und alle drei zankten sich so, daß sie fest entschlossen waren, keinen Tag länger in diesem Haus zu bleiben.

Fräulein Annalis war neugierig, denn sie wußte, daß es, wenn sich der Kammersänger über was ärgerte, ja doch immer was ganz anderes war, worüber er sich eigentlich ärgerte. Was das aber war, erfuhr man nicht, wenn man ihn fragte. Fräulein Annalis ließ also die Köchin weinen, den Gärtner murren, den Hies verschwunden sein und setzte sich still erwartungsvoll in ihr Zimmer, ohne sich um ihren Bruder zu kümmern, den sie drüben auf dem Klavier mit seinen ungeschickten dicken Fingern Bach mißhandeln hörte, ein Zeichen, daß es diesmal sehr arg war.

Sie sahen sich erst abends beim Essen. Sein großes, weites, kindisches Gesicht hatte den drohenden Ernst, den es sonst immer erst mit dem Zylinderhut aufsetzte. Die kleinen Augen hatten sich verkrochen, in Wolken stand seine Stirne; und der ungeheuere Schlitz seines Munds glich einem offenen Grab. Er sprach nichts. Er saß starr, gleichsam auf einem Thron, wie er zu sitzen pflegte, wenn er bei reichen Juden eingeladen war; ein gutes Modell für einen Buddha, hatte Höfelind einmal gesagt, der Ausdruck stimmt und der Bauch ist auch da.

Als er Fräulein Annalis bat, ihm das Salz zu reichen, tat er dies mit einer streng bemessenen Feierlichkeit und setzte hinzu: »Wenn es dir nicht zu viel Mühe macht!«

Da er nichts sprach, aß er um so mehr. Auch dies war ihr ein Zeichen, daß sich große Dinge vorbereiteten.

Nach dem Essen stand er auf und gab ihr kund, daß eine neue Köchin, ein neuer Gärtner und ein neuer Diener aufgenommen werden müßten; und zwar unverzüglich. Und er fragte: »Willst du so freundlich sein, das für mich zu besorgen? Wenn es dir nicht zu viel Mühe macht!« Und er setzte noch hinzu, seine tiefe Kränkung kaum mehr beherrschend: »Ich hätte dich nicht damit behelligt, wenn nicht unglücklicherweise diese Woche gerade der Ring wäre. Diese meine Nebenbeschäftigung als Wotan stört mich in den wichtigsten Dingen. Ich kann dir ja gar nicht sagen, wie peinlich es mir ist, dir ein solches Opfer zuzumuten!« Und durch dieses Wort erbittert, verlor er den seinen satirischen Ton und fing plötzlich zu brüllen an: »Ich will kein Opfer! Von keinem Menschen! Ich hab das Gott sei Dank nicht nötig!«

»Aber eine neue Köchin willst, sagte Fräulein Annalis Und die kann ich dir ja bringen.«

»Das ist riesig lieb von dir«, sagte der Kammersänger, den schwarzen Kaffee trinkend, indem er mit der linken Hand die Untertasse hielt, mit dem Daumen und dem Zeigefinger der rechten aber die Schale, die anderen drei Finger steif wegspreizend, was bei feierlichen Anlässen seine Gewohnheit war. Dann begann er wieder: »Du wirst mich nicht für so kleinlich halten, daß ich das Haus alarmier, bloß weil man einmal vergessen hat, mir das Abendblatt ins Zimmer zu schicken. Das kann vorkommen, obwohl ich mir immerhin Gedanken darüber machen könnte, warum es in meinem eigenen Haus nicht möglich sein soll, meine Wünsche zu respektieren. Ich habe mir aber längst abgewöhnt, mich als die Hauptperson in meinem Haus zu betrachten.« Sie sagte nichts, und so fuhr er fort: »Oder bist du darin vielleicht anderer Meinung?« In diesem vorwurfsvoll nachsichtigen Ton gefiel er sich sehr.

»Ich bin immer deiner Meinung«, sagte Fräulein Annalis.

Das schlug seiner Haltung den Boden aus, und er schrie plötzlich: »Das verlang ich doch gar nicht! Wann hab ich denn das verlangt? Ich weiß nicht, warum ihr mir auf einmal alle einreden wollts, daß ich weiß Gott was für ein Tyrann bin!«

»Wer denn? fragte sie. Wer will dir das einreden?«

Er wälzte sich empor, schreiend: »Alle! Ihr alle miteinand! Du sagst es ja nicht, aber das ist noch ärger! Und dabei kann ich aber nicht einmal erreichen, daß ich zur rechten Zeit das Abendblatt krieg, mit meiner ganzen Tyrannei! Also gut, also gut, das ist offenbar zu viel verlangt, ein Mann hat ja darüber kein Urteil, ein Mann versteht ja vom Haushalt nichts. Also gut, ich verzichte, bitte! Nur, mein liebes Kind, eins muß ich mir doch ausbitten: anlügen laß ich mich von meinen eigenen Leuten nicht! Wenn ich ganz bescheiden frag, warum ich denn eigentlich das Abendblatt nicht krieg, bloß aus Wißbegierde, weils mich interessiert, was denn eigentlich in diesem Hause so Wichtiges vorgeht, daß es ganz unmöglich ist, auch noch an mich zu denken, und es schiebt dann die Köchin die Schuld auf den Gärtner und der Gärtner auf den Hies und der Hies auf die Köchin und ich kann absolut in meinem eigenen Haus die Wahrheit nicht erfahren, da reißt mir schließlich die Geduld, begreifst du das nicht? Unaufrichtigkeit vertrag ich nicht! Das ist es! Alles in der Welt vertrag ich eher als Unaufrichtigkeit.« Er stand vor ihr, mit schwappendem Bauch, hielt ihr seinen dicken kurzen Zeigefinger vor die Nase hin und wiederholte, bekümmert: »Unaufrichtigkeit!«

»Ich werd morgen annoncieren«, sagte Fräulein Annalis.

Er wurde weinerlich. »Wenn du glaubst, mir ein besonderes Vergnügen damit zu machen, daß ich mich gleich auf einmal an drei neue Gesichter gewöhnen soll!«

»Eine neue Köchin mit dem Gesicht der alten wird aber halt nicht so leicht zu finden sein«, sagte sie.

»Du wirst überhaupt keine finden, fuhr er zu klagen fort. Ich weiß doch, wie das ist, da werden jetzt wieder die gewissen Gastspiele beginnen! Man gießt ein schmutziges Wasser nicht aus, bevor man nicht weiß, woher man ein frisches nimmt! Das wäre meine Meinung, aber ein Mann versteht ja von diesen Dingen nichts.«

Fräulein Annalis sagte, himmlisch sanft: »Mein lieber Ignaz, erinner dich! Ich war spazieren, als das Unheil ausbrach. Ich war gar nicht da.«

»Das weiß ich schon, sagte der Kammersänger. Du bist ja jetzt meistens nicht da. Bitte, das ist dein gutes Recht, ich möchte doch um Gotteswillen nicht deinen Herrn Hofrat irgendwie verkürzen! Aber da du schon so liebenswürdig warst, schließlich doch wieder heimzukommen, so hältst du dich ja vielleicht zu mir bemühen und mit mir besprechen können, ob es eigentlich ratsam ist, daß man gleich auf einmal das ganze Haus entleert. Meinst du nicht?«

»Es war ein Mißverständnis, entschuldige! sagte sie. Ich meinte, du hättest ihnen gekündigt. Und was du einmal beschlossen hast, das ist doch unwiderruflich.«

»Der Unaufrichtigkeit in unserem Haus hab ich gekündigt, sagte der Kammersänger. Und darin werd ich in der Tat unerbittlich sein. Nach jeder Richtung hin, mein Kind!« Aber dann ließ er etwas von seiner Strenge nach, die Wolken auf seiner Stirne verzogen sich, und es klang auf einmal ganz gemütlich, als er sagte: »Wennst aber schon durchaus annoncieren willst, annoncier mir gleich auch um eine neue Gräfin!« Seine lustigen kleinen Augen krochen zwinkernd heraus. »Ja ja! Die Frau Gräfin liegt draußen! Und diesmal ist das definitiv!« Er schob seinen Bauch an ihren Stuhl und fragte: »Ja was sagt da die Fräuln Annalis jetzt?«

»Du tust grad, als wenn das ein Weihnachtsgeschenk für mich war! sagte sie. Es kommt aber selten was Besseres nach.«

»Du bist ein undankbares Geschöpf, sagte der Kammersänger. Ich habe sie wirklich geliebt.« Und er holte sich eine seiner schweren Zigarren.

»Also dann werden wir jetzt vier neue Gesichter im Haus haben, sagte Fräulein Annalis. Aber deshalb ist es ja gar nicht nötig, daß ich erst annoncier. Es sind genug vorgemerkt.«

»Gemüt ist nicht deine starke Seite«, sagte er.

»Wir sind aus Oberöstreich, wie der Herr Kammersänger Ignaz Fiechl in solchen Fallen zu bemerken pflegt«, sagte sie.

Er ärgerte sich. »Damit ist doch nur das äußere Gemüt gemeint, das gewisse wienerische Gemüt. Darauf pfeifen wir, wir in Oberösterreich! Aber du hast drinnen auch keins!«

»Warst schon drinnen?« fragte sie. Da brüllte sein Baß plötzlich: »Ja!«

Achselzuckend sagte Fräulein Annalis: »Der Mensch is halt, wie er is, da kannst schon nix machen.«

Er aber brüllte: »Nein!«

»Was nein?« fragte sie.

Und er brüllte noch mehr: »Du bist nicht, wie du bist! Das is es ja!«

»Sondern wie denn?« fragte sie.

Der Kammersänger ging eine Zeit auf und ab, bis er die Ruhe fand, ihr ins Gesicht zu sagen: »Falsch bist! Du bist durch und durch falsch! Du bist kein deutsches Mädchen!« Seine Stiefel knarrten, indem er zornig, knieweit watend, durch das Zimmer schritt.

Sie schwieg. Er schrie: »Warum sagst denn nix? Nicht jetzt, mein ich, sondern die ganze Zeit schon! Warum hast denn nix g'sagt? Da tut man doch 's Maul auf und redt! Glaubst vielleicht, ich hätt dir deinen Hofrat nicht gegönnt? Bitte, bitte, meinen Segen könnts haben! Ich heirat ihn ja nicht, sondern du! Du mußt die Suppen ausessen, nicht ich, folglich is es ja ganz gleich, ob sie mir schmeckt oder nicht! Du bist alt genug, da hat ein jeder das Recht, so dumm zu sein, als er will und kann! Aber sagen hättst mirs müssen, das ist das wenigste, was ich verlangen kann! Nicht daß man in der ganzen Stadt davon redt und nur ich bin der Trottel, der nix davon weiß! Und daß es dann noch heißt, sie muß sich für den Bruder opfern, sie kann ihm das nicht antun, da verzichtet sie lieber auf ihr Herzensglück, die arme Person! Solche blöde Sachen muß ich mir dann noch anhören! Von mir aus heiratst morgen! Es wird schon noch wer zu finden sein, der mir das bißl Wirtschaft führt! Bild dir nur nicht ein, daß du mir unentbehrlich bist!«

»Dann werdens also fünf neue Gesichter im Haus sein«, sagte Fräulein Annalis.

»Laß die Dummheiten, wenn dein Bruder mit dir redt!« schrie der Kammersänger und warf sich in den Bauch.

»Ich zähl ja nur«, sagte sie milde.

»Ich muß von fremden Leuten erfahren, fuhr er klagend fort, was in meinem eigenen Haus vorgeht, und steh noch als der Egoist da vor der ganzen Stadt! Mein liebes Kind, das ist mir höchst unangenehm! Ich kann mir ungefähr denken, wie das wieder gegen mich ausgenützt werden wird, von den guten Herrn Kollegen! Die suchen ja nur eine Gelegenheit! Vergiß nicht, daß das Publikum mit Recht verlangt, zu seinen Künstlern mit einem gewissen moralischen Respekt aufblicken zu können! Davon leben wir ja schließlich, das ist bares Geld für mich, mein liebes Kind! Und ich sitz aber da und hab keine Ahnung davon und muß erst von fremden Leuten erfahren, was um mich vorgeht! So falsch bist du gegen mich! Und feig bist auch, sammt deinem Herrn Hofrat!«

»Also von deiner fremden Gräfin hast du's erfahren!« sagte sie.

Da war er so verblüfft, daß er auf einmal ganz ruhig wurde. Und ganz ruhig fragte er verwundert: »Ja is es denn wirklich wahr?« Und ganz ruhig sagte er, still vor sich hin: »Ja natürlich, wenn du glaubst, daß es für dich gut ist! Du mußt das ja wissen! Da kann ich ja gar nichts sagen.« Und er fing wieder durch das Zimmer zu waten an, indem er noch sagte: »Für uns Männer ist das ja sogar sehr tröstlich, daß man wie der Hofrat ausschaun und doch noch eine Frau finden kann.« Dann kam er auf sie zu, schüttelte den Kopf und klagte still: »Warum hast mir denn aber nix gesagt? Sagen hättst es mir müssen! Das ist der einzige Vorwurf, den ich dir mach. Dann hätten wir die Geschichte ruhig unter uns in Ordnung gebracht und mir wär der Krawall mit der Gräfin erspart geblieben.«

»Was war denn mit der Gräfin?« fragte sie.

»Hinausgeschmissen hab ich sie«, sagte er.

»Warum?« fragte sie.

»Weil sie frech geworden ist, sagte der Kammersänger. Kommt heraus und ist aufgeregt und jammert mir vor, daß man schon in der ganzen Stadt davon spricht, und ich kann erst die längste Zeit gar nicht erfahren, was sie will und wie, das ist doch bei ihr so, daß man nie weiß, was sie denn eigentlich will, sie spricht ja keinen Satz aus, es fallt ihr ja dazwischen immer schon wieder was anderes ein, unausstehlich ist sie mir, wenn sie redt! Endlich aber krieg ichs doch heraus, nämlich daß du und der Hofrat alle zwei steinunglücklich seids, weil ihr durchaus heiraten möchts, und es geht aber nicht, nämlich meinetwegen, weil du glaubst, daß das ein zu großes Opfer für mich wär, wenn du dich von mir trennst, und da willst lieber du mir ein Opfer bringen, und lauter solchen Unsinn halt eine Stund lang!«

»No ja, sagte Fräulein Annalis, aber du behauptest doch, daß sie frech geworden ist?«

»Ja natürlich! sagte der Kammersänger, gereizt. Denn wie ich dann endlich weiß, um was es sich eigentlich handelt, und ich sag, daß ich halt mit dir reden werd, sagt sie, nein, um Gotteswillen nicht, da kennt sie dich, du wirst ja schwören, daß es alles nicht wahr ist, weil du doch willst, ich soll ja nicht das Gefühl haben, daß du mir ein Opfer bringst, und was weiß ich, was sie mir noch alles von deinem Edelmut vorgesumst hat, und kurz und gut, es gibt nur ein Mittel, wenn ich nicht dein Unglück will, und das ist, ich heirat sie! Das heißt, eigentlich hat sie gemeint, wir sollten uns zunächst nur einmal verloben, nur damit du nicht mehr das Gefühl hast, an mich gebunden zu sein, und wenn dann ihr erst einmal verheiratet seids, dann wird man ja sehen, denn wenns uns nicht paßt, könnten wir ja die Verlobung dann noch immer wieder lösen! Aber das kenn ich schon!« Er trat ganz dicht an die Schwester heran und sagte, kleinlaut: »Denn weißt, Annalis, sie hat mich doch immer schon mit dem Heiraten sekkiert, nämlich weil es wegen der Kinder nicht geht, es ist ihr so peinlich vor ihren erwachsenen Mädeln, und also was hätt ich mich da denn erst noch lang mit ihr herumstreiten sollen? Um Ruh zu haben, hab ich ihr halt einfach erklärt, daß davon nicht die Red sein kann, so lang du bei mir bist, du stehst allein in der Welt, du bist einmal an mich gewöhnt, es wär abscheulich von mir, dich auf deine alten Tag jetzt fortzuschicken, und kurz und gut, ich tus halt nicht, deinetwegen! Was sagt man nicht alles, um Ruh zu haben, und es war doch auch das einfachste, denn ich hab sie ja nicht kränken wollen, man ist in solchen Sachen eben immer zu gutmütig! Aber alles hat seine Grenzen, und wenns jetzt dazu kommt, daß du wirklich am End heiratest, da hab ich ihr lieber gleich den Standpunkt klar gemacht. Es ist ja wirklich eine Frechheit ohnegleichen, die reine Erpressung ist es! Man darf eben mit Weibern nicht zartfühlend sein, es rächt sich immer!«

»Also, fragte Fräulein Annalis langsam, alles aus zwischen euch?«

»Aus! sagte der Kammersänger. Gott, es wär auch nicht mehr länger gegangen, sie schleppt immer ihre Mädeln mit, als obs noch kleine Kinder wären, die nichts ahnen, und wie die zwei doch alles der Mama nachmachen, haben sie sich halt auch in mich verliebt, alle zwei, das is mir ungemütlich, auf so eine Ensembleliebe kann ich mich nicht einlassen, während die Gräfin in ihrer Arglosigkeit –«

»Arglos ist sie?« fragte sie.

Er fragte: »Glaubst du, daß sie nicht arglos ist?«

»Du kennst sie ja sicher besser als ich«, sagte sie.

»Kurz, die Mädeln sind immer zutunlicher geworden, fuhr er fort, und die Gräfin findet gar nichts dabei, jetzt was soll ich da tun? Die Mädeln kriechen an mir herum, daß mir manchmal schon ganz spaßig zumut wird, und ich kanns ihnen aber doch nicht verbieten, da macht sich ein Mann ja lächerlich! Mein Kind, das ist eine saudumme Situation! Aber die Gräfin will absolut nicht begreifen, wie leicht da doch einmal etwas passieren kann! In dieser Beziehung ist sie wirklich so merkwürdig unverdorben!« Er stand nachdenklich, mit vorgeschobenem Bauch, erhitzt, der ganze Mensch ein Teig, der aufgeht.

»Auch du, sagte Fräulein Annalis, bist eigentlich in mancher Hinsicht ja noch ziemlich unverdorben.«

»Ich? sagte der Kammersänger erstaunt. Inwiefern? Wenn ich unverdorben wär, wer weiß, was sich da mit den Mädeln schon alles begeben hätt! Das war noch mein Glück! Das größte Glück aber is–« Er hielt ein, wurde plötzlich wieder sehr vergnügt und sagte, sich die fleischigen kurzen Hände reibend: »Es ist das allergrößte Glück für mich, daß sie so dumm war, sich in diese Geschichte zu mischen. Denn da bin ich doch jetzt völlig im Recht, wenn ich mit ihr gebrochen hab. Das muß doch jeder einsehen, nicht?«

»Ja, sagte Fräulein Annalis. Du hast schon in Liebessachen, scheints, einen besonderen Schutzengel, der dir beisteht. Aber wenn du sie jetzt los bist, könnten wir ja wirklich heiraten, ich und der Hofrat, ohne weitere Gefahr für dich.«

Der Kammersänger, der das inzwischen schon ganz vergessen hatte, zog wieder die Falten auf seiner Stirn zusammen, die Furchen an seiner kurzen Nase vertieften sich, und die Lippen quollen auf. Er sagte: »Natürlich! Von mir aus kannst machen, was du willst! Man kann keinen Menschen zwingen, gescheiter zu sein, als er ist.«

»Ein Bruder, sagte Fräulein Annalis, war doch aber eigentlich dazu da, daß er einem einen Rat gibt.«

Er kam wieder in Wut. »Ich will nicht vor der ganzen Stadt als der Tyrann dastehen!«

Sie gab nicht nach. »Ich möcht doch aber hören, wie du darüber eigentlich denkst.«

Er schrie: »Ich will kein Opfer von dir, ich will keine Opfer!«

Da sagte sie langsam: »Ich aber auch nicht.«

Der Kammersänger blieb stehen und sah sie verwundert an. »Was heißt das?«

Fräulein Annalis sagte: »Du willst von mir kein Opfer und ich will von dir keins. Glaubst du denn, daß die Gräfin nicht auch über mich in der ganzen Stadt herumredt? Die ganze Stadt glaubt, du hättst sie schon längst geheiratet, wenn ich nicht wär! Sie kann sich ja auf dich berufen, du hast ihr das doch selbst gesagt!«

»Aber doch nur, um Ruh vor ihr zu haben!«

»Das können aber die Leut nicht wissen. Die Leut werden sagen –«

»Was geht dich denn an, was die Leut sagen?«

»Ich will auch nicht als Egoistin dastehn, in der ganzen Stadt!« sagte Fräulein Annalis.

»Aber blöd heiraten und dich für dein ganzes Leben unglücklich machen, das willst? schrie der Kammersänger. Das ist dir lieber? Nur aus Angst vor einer albernen Rederei? Nur damit nicht am End der sagt und damits nicht am End dort heißt, was? Das ist echt! So seids ihr! Das ist die weibliche Logik!«

Sie ließ ihn durch das Zimmer schnauben. Als er außer Atem war, sagte sie: »Denk doch einmal ein bißl nach und stell dir das nur vor! Auf der einen Seite der Hofrat in seiner Verlassenheit und Einsamkeit, dem ich also doch etwas sein könnte, bei dem mein Leben einen gewissen Sinn hätte, und auf der anderen Seite du, der mich ja nicht braucht, dem ich fast eher eine Last bin, für mein Gefühl – verstehst du nicht, daß ich mich da doch schließlich fragen muß, ob es nicht für uns alle drei besser ist, wenn ich zum Hofrat geh?«

Ihre Worte stiegen langsam empor, eins hinter dem anderen, und der letzte Ton blieb noch lange schweben.

Der Kammersänger stand im Erker am Fenster, in den Garten blickend. »Man kann ja mit dir nicht reden, du verdrehst einem das Wort im Mund.« Und zum Fenster hinaus, in den Garten hinein sprach er noch: »Wer sagt denn, daß ich dich nicht brauch?« Und dann ganz leise noch, wie der lauschenden Nacht ins Ohr: »Vielleicht mehr als er.«

Sie saß, die Nacht kam leise bis zu ihr, still wars.

Bis Fräulein Annalis sagte: »Es kann schon sein, daß auch du mich brauchst, aber du willst doch kein Opfer!«

»Ihm aber bringst eins, was?« Und er fragte, noch immer am Fenster: »Wo bleibt da die Logik? Wo?«

»Der Unterschied ist nämlich der, sagte sie still, daß er mein Opfer will, und du willst es nicht.«

Er nahm ihren stillen Ton auf, um zu fragen: »Und du?« Er wartete. Sie blieb schweigen. Er trat aus dem Erker ins Zimmer zurück, um wieder zu fragen: »Was willst denn eigentlich du? Du?« Und dann schlug sein Zorn wieder aus und er schrie: »Opfer, Opfer! Was heißt denn das überhaupt? Es handelt sich doch einfach darum, bei wem du lieber bist, bei ihm oder bei mir!«

»Das wär aber doch egoistisch, nicht?« fragte sie.

»Ja Kind, egoistisch oder nicht, in den Hauptsachen muß man schließlich ein Egoist sein, das geht schon nicht anders! Denn schließlich, wenn du dich schon durchaus opfern willst, is mir auch lieber, du opferst dich mir, als du opferst dich ihm! Da bin schließlich ich auch ein Egoist!«

»Du?« sagte Fräulein Annalis, in einem Ton der höchsten Überraschung.

»No natürlich! Und wer denn nicht? Wer ist denn kein Egoist, in den Dingen nämlich, auf die's ankommt? Weiberleut, Weiberleut! Ihr habts ein unheimliches Talent, die einfachsten Sachen zu verwursteln!« Und jetzt trat er vor sie hin und fragte, herrisch: »Also bei wem bist lieber? Ich hab ja noch Wichtigeres im Kopf, mein liebes Kind, ich kann nicht mein ganzes Leben damit verbringen auszudividieren, was du eigentlich willst, ich bin kein Nußknacker! Bei ihm oder bei mir?«

»Jetzt wennst mich so fragst –« sagte sie zögernd. »Wie soll ich dich denn sonst fragen? Fixlaudon, braucht man mit dir eine Geduld! Bei wem bist lieber?«

»Lieber, sagte sie, lieber wär ich ja natürlich schon bei dir.« Einen Atemzug wartete sie. Er stand und regte sich nicht. Nur den gelinden Flügelschlag der Nacht hörten sie durchs Fenster. Dann sagte sie: »Ich bin halt doch sehr an dich gewöhnt, weißt!«

Nun ließ er wieder seine Stiefel hart durchs Zimmer knarren. »Sixt, so seids! Fängst dir eine lange G'schicht an, ohne jeden Sinn und ohne jeden Grund, und wenn ich nicht noch grad im rechten Moment dazu komm, hättst alles verpantscht! So seids! Denn ihr seids euch eben nie klar, über nichts! Ihr wißts ja selber nie, was ihr eigentlich wollts!«

»Das wird es sein«, sagte sie, wieder in ihrem dicht verschleierten Ton.

Er aber fuhr fort: »Und jetzt werd ich natürlich noch das Vergnügen haben, das erst auch dem Herrn Hofrat auszudeutschen! Also gut, also gut! Denn ich versteh ja, daß dir das peinlich wär! Und wer weiß, was du mir da wieder für einen Pallawatsch machest. Also gut, ich werd schon mit ihm reden, was bleibt mir denn übrig? Ich red schon mit ihm!« Und er nahm seine feierliche Haltung an, wie auf den Photographien mit den Orden.

»Wozu?« fragte sie.

»Ja die Sache muß doch rückgängig gemacht werden, sackerlotl«

»Is sie schon«, sagte sie.

Er schrie: »Wieso?«

Sie sagte: »Er weiß schon, daß ich nicht dran denk, von dir weg zu gehen!«

Er brüllte: »Und das ganze war also wieder bloß ein blöder Tratsch von der Gräfin? Ich hab mirs doch gleich gedacht!«

Sie beteuerte: »Aber da kann ich ja nichts dafür.«

Und er schob sich, watend und knarrend, durch das große deutsche Zimmer auf und ab, im Dampf der Zigarre, der in weißen Wogen um ihn floß, mit dem feurigen Pfahl im ungeheuren Schlitz seines schwarzen Mundes irgendeinem teuflischen Gespenst gleich. Lange ging er so, schnaubend, rasselnd, in Wolken eingehüllt. Dann blieb er stehen und sagte, still und erstaunt: »Du bist schon eine merkwürdige Person! Am End tust doch meistens das Richtige, dabei benimmst dich aber, als ob man nur ja nichts davon merken sollt! Als obs eine Schand wär! Man wird ganz irr an dir. Ich kenn mich oft schon gar nicht mehr mit dir aus. Warum hast denn kein Wort gesagt?« »Du hast ja doch auch kein Wort gesagt!« antwortete sie.

Ei sagte verwundert: »Was hätt ich denn sagen sollen?«

»No halt, ob es dir recht ist, wenn ich bei dir bleib.«

Er fragte, gekränkt: »Das hast du nicht gewußt?«

Sie sagte: »Woher denn?«

Er wiederholte: »Ja woher?« Gekränkt ging er wieder von ihr weg und murrte vor sich hin: »Da lebt jemand neben einem Jahr um Jahr und sieht einen Tag für Tag, und wenns dann aber einmal darauf ankommt, stellt sich heraus, daß er nichts von einem weiß, gar nichts! Traurig ist das, mein liebes Kind! Aber so seids ihr halt einmal!« Und mit einem Anfall seiner Wut auf Wien, das ihm ja zuletzt immer an allem schuld war, fuhr er fort: »Und natürlich in einer Stadt, wo jeder einem jeden in einem fort von seinen Gefühlen vorraunzt, wird man einen anständigen Menschen ja nie verstehen, denn ein anständiger Mensch bimmelt mit seinen Gefühlen nicht herum, sondern halt 's Maul! Aber du bist eben auch schon ganz verwienert!« Und plötzlich hielt er an, schlug mit seiner fleischigen Faust auf den Tisch und schrie vor Zorn: »Warum soll mirs denn auf einmal nicht recht sein, wenn du bei mir bleibst? Warum denn? Fixlaudon! Spürst denn das nicht? Das muß ein Mensch doch spüren! Aber du bist wohl eine gottverlassene Gans!«

»Man hört's halt doch gern, sagte sie, wenn mans auch ohnedies weiß.«

Er sagte: »Eitel seids, das is es.«

Langsam kam er an ihren Stuhl heran und trat hinter sie, die Hand ausstreckend, wie um ihr in die Haare zu fahren. Sie saß in Erwartung, leise das schwere Haupt ein wenig neigend. Er ließ aber seine Hand sinken und sagte nur: »Soll ich dirs vielleicht noch schriftlich geben, daß d' eine Gans bist?«

Sie sagte: »Nein jetzt wirds nicht mehr nötig sein, jetzt glaub ich dir's schon.«

Er war noch immer hinter ihr, und in ihr dichtes Haar hinein sprach er: »Oder soll ich dir vielleicht den Freudenbecher engagieren? Der versteht sich auf Ovationen besser als ich. Wenn du das schon durchaus brauchst, daß man dir jeden Tag eine Liebeserklärung macht!« Und er schob die Hand unter den Rock an die Brust, den Freudenbecher nachahmend, und sagte, mit der gläsernen Stimme« des Claqueurs: »Hochzuverehrendes Fräulein Annalis! Meine Devotion!«

So stand er, Antwort von ihr erwartend. Aber sie schwieg, unbeweglich, unter dem Helm ihres dichten Haars. Er hielt die Hand noch immer im Rock an der Brust und rang es sich ab, daß das Zittern seiner tiefen Stimme nicht zu hören war, als er schnaubend und ächzend sagte: »Ich könnt mir das ja gar nicht denken, Annalis! Was sollt denn aus mir werden, wenn ich dich nicht mehr hätt! Das war doch kein Leben, ohne dich! Also jetzt weißt du's, wenn du's schon durchaus wissen willst! Gans!«

Dann ging er langsam von ihr weg zur Tür hin und sagte dort noch, wieder ganz Tyrann: »Jetzt sei so gut und tu mir aber den einzigen Gefallen, daß die G'schicht mit der Köchin und mit dem Gärtner wieder in Ordnung kommt! Den Hies kannst mir überlassen, den hau ich einfach, bis er Vernunft annimmt. Schließlich darf man doch auch von den Leuten nicht zu viel verlangen. Ihr übertreibts das, da werdens dann natürlich ganz stuf. Daß einmal einer was vergißt, kann jedem passieren. Und du wirst am End auch einmal ohne das Abendblatt leben können! Was heut drin steht, is ja morgen so nicht mehr wahr, also wozu? Ich sags immer: Solange sich der Deutsche nicht von der volksverdummenden Macht der Zeitung emanzipiert, wird ihm nicht zu helfen sein! Aber Weiberleut! Da kann man sich heiser predigen! Weiberleut, Weiberleut!«

Sie hörte noch des kaiserlichen und königlichen Kammersängers feierlich wuchtigen Schritt auf der Stiege knarren, dann fiel oben die Tür zu. Nun wars ganz still um sie. Nur im Garten ging leise die Nacht ums Haus. Da lehnte sich Fräulein Annalis in ihren Stuhl zurück und ließ die Hände sinken. Schlaff hing sie so, das sprachlose Gesicht schloß sich zu, nur die großen grauen Augen lauschten der Nacht, die ruhelos in den knackenden Ästen schlich.

Nun war das auch wieder vorbei, dachte sie. Nun hatte sie doch alles, wie sie sichs immer gewünscht! Sie hatte sich an dem Hofrat rächen und es ihm vergelten können. Und auch die Gräfin war ja nun erledigt. Und so wird sie wohl nichts mehr von ihrem Bruder trennen. Alles ist ausgegangen, wie sie sichs gewünscht hat.

Da tropfen die kleinen dünnen Klänge von oben herab! Der Ignaz sitzt am Klavier und quält seine dicken dummen Finger, Bach zu spielen. Das ist immer ein Zeichen, daß er nachdenkt und sich von frommen oder zärtlichen Empfindungen bewegt fühlt; vor lauter Empfindung greift er dann falsch, mit seinen kindischen Tatzen. Und dann wild er wild und schimpft. Aber das macht ja nichts, sie weiß es doch. Er kanns ihr halt nur nicht zeigen, es steckt zu tief, er bringt nicht heraus, was er für sie fühlt. Wozu denn auch? Sie weiß es doch! Und ihr gehts doch ebenso, sie zeigt es ihm auch nicht. Warum können sichs die Menschen nicht zeigen? Oder sind vielleicht nur die Menschen in Oberöstreich so? Aber nein, der Hofrat doch auch! Was quält und grämt sich der ab, weil niemand sieht, wie gut ers doch eigentlich meint! Vielleicht gehts allen so. Vielleicht meinens alle gut, aber keiner erfährts vom andern je, weils doch keiner je dem anderen zeigt, wie wenns eine Schande war! Jeder verkriecht sich mit seinem Gefühl und versteckt's bei sich, um sich nur ja niemals ertappen zu lassen. Schad ist das. Schad ist, daß kein Mensch den Mut hat, sein Gefühl dem anderen aufzumachen. Schad. Aber man kanns halt nicht, aus Angst, sie möchten einen auslachen; das will man doch nicht. Warum aber eigentlich die Menschen einen auslachen, der ihnen zeigt, daß er sie gern hat –? Vielleicht glaubt man das auch nur, sie sind vielleicht gar nicht so. Aber man glaubts halt einmal, und so traut man sich nicht! Sie selbst doch auch nicht! Sie hätt doch auch lieber mit dem Hofrat heulen mögen, so leid hat er ihr getan! Aber nein, nur sich nichts merken lassen! Eher hätt sie sich die Zunge abgebissen! Und so wird er jetzt noch meinen, daß sie sich über ihn lustig macht, während ihr doch eigentlich ganz traurig dabei war! Obwohl sie gar nicht weiß warum, da doch jetzt alles genau so gekommen ist, wie sie sichs die ganze Zeit gewünscht hat! Da wünscht man sich was, und wenns dann aber in Erfüllung geht, is's einem auch wieder nicht recht. Das heißt, recht is es ihr schon, aber leid tut er ihr halt! Er hats ja verdient, aber leid tut er ihr doch. Obwohl sie sehr froh ist, daß er ihr jetzt ganz gleichgültig ist. Denn schrecklich wärs, wenn das noch einmal von vorn angefangen hätt! Zwei alte Leut! Sie hätten sich wirklich schämen müssen! Aber merkwürdig ist es doch, daß etwas, das einmal so stark in einem gewesen ist, einfach mit der Zeit spurlos verschwinden kann! Für sie ist es ja ein Glück! Man müßt's nur vorher wissen, das könnt einem manches ersparen! Aber freilich, wenn einem alles erspart blieb, was hätt man dann schließlich noch? Denn gerade die traurigen Sachen bleiben einem schließlich noch am längsten; eigentlich hat man von ihnen noch am meisten. Weil in der Erinnerung das Traurige ja nach und nach ganz schön wird, so daß man zuletzt wirklich fast eine Freud daran hat. Und diese Freud ist halt jetzt auch weg. Jetzt hat es sich doch umgekehrt, jetzt sitzt er verlassen da, wie damals sie. Sie könnt ihn fast beneiden. Wie dumm von ihr! Da kam ja schließlich noch heraus, daß es für den Menschen um so besser wär, je trauriger er is! Dumm ist das schon, aber es könnt sein, daß es wahr ist! Und was soll sich also der Mensch dann aber eigentlich wünschen? Das Gescheiteste wird noch sein, man nimmts, wie's kommt, und es is einem alles recht! So weit will einen der Herrgott offenbar bringen, daß man am End zu allem sagt: is recht! Wie ein Dackel, der sich auch nicht mehr den Kopf zerbricht, sondern sich denkt: Mein Herr wird schon wissen, warum! Und obs einem im Augenblick weh tut oder wohl, kommt ja zuletzt auf eins heraus, schön ist es doch, eigentlich ist alles ganz gleich schön! Man braucht nur manchmal erst eine Zeit, bis mans merkt. Alles is schön und könnt gar nicht schöner sein, und wie's is, is's recht, nur der Mensch sollt ein bissel g'scheiter sein.

Sie schrak auf. Über dem Weinberg schlug es rot aus der Nacht. Der Himmel brannte. Träumte sie? Was war ihr? Aber schon erlosch der Schein. Sie hatte sich wohl getäuscht. Oder es waren die Funken einer Lokomotive gewesen, auf der Bahn drüben. Sie horchte. Sie hörte nichts. Und schon lag alles wieder in den schwarzen Armen der Nacht.

Wie's is, is's recht, dachte sie, und das is nicht dem Menschen seine Sach, daß er darüber nachfragt, er kanns doch nicht ändern, er soll froh sein, daß es ihn nix angeht, wenigstens hat er keine Verantwortung nicht!

Und ihre schweren Schultern schüttelnd, schritt sie langsam der Tür zu. Da klirrte das Fenster im Erker. Sie wendete sich um, horchend. Wie ein kleiner Vogel flog ein lichtes Lachen zu ihr herein. Ihr wurde froh. »Ja Nusserl! sagte sie. Ich hab schon gedacht, du bist bös auf mich, weil man dich gar nicht mehr sieht! Aber komm doch herein!« Und wie sie den Knaben bloß mit einem Hemd und der kurzen Hose bekleidet sah, fing sie zu schelten an: »Du dummer Bub, mit deinen Faxen! Wo's jetzt abends schon so kalt wird! Erfrierst uns ja noch einmal!«

Er sprang in den Erker. »Nein, sagte er. Ich wollt, mir wär kalt!« Ganz atemlos war er und zitterte noch vom Laufen.

»Was hast denn? fragte sie. Wie schaust denn aus?«

»Man muß es doch von hier gesehen haben! Lichterloh hats gebrannt! Aber jetzt is schon alles wieder gut. Gott sei Dank!« Und er wiederholte, mit seinem flirrenden Lachen: »Gott sei Dank!«

»Wo hats gebrannt?«

»Die Krähenhütte, hinterm Himmelhof. Der arme Uhu! Die Stange hat schon gebrannt. Und oben das arme Viech an der Kette, und kann nicht los! Grad hab ichs noch erwischt! Da schauns!« Und er zeigte lachend die Blasen an seinen geschwärzten Händen.

»Das ist jetzt in dieser Woche zum viertenmal, daß es hier herum brennt, sagte sie. Man könnt wirklich Angst kriegen.«

»Unten an der Stange –«, sagte der Nußmensch, aber gleich brach er ab, Fräulein Annalis ansehend, mit seinen großen, kindisch glotzenden Augen. Dann bat er: »Nicht wahr, Fräulein Annalis, aber Sie sagen doch nichts? Keinem Menschen, nicht wahr? Sie tut mir ja so leid!« »Erzähl nur!« sagte sie.

»An der Stange hat man deutlich sehen können, daß das Feuer gelegt war. Eigens um den Uhu zu verbrennen. Dann hat sie sich wahrscheinlich ruhig hingesetzt, um es sich gemütlich anzusehen. Und erst wie sie Leut kommen gehört hat, ist sie davon. Ich war unter den ersten, da hab ich was zwischen den Bäumen laufen gesehen, zum Tiergarten hin und an der Mauer entlang. Es hats Gott sei Dank niemand gemerkt. Aber sie war's sicher.« Und er wiederholte traurig: »Sie war's.«

»Dein Trotterl?« fragte Fräulein Annalis.

Er ließ seinen langen schmalen Kopf hängen. »Mein Trotterl! Das arme!« Und wieder bat er: »Aber nichts sagen! Gelt, Fräulein Annalis? Keinem Menschen! Sonst quälen sie's noch mehr! Und wozu denn? Das hilft doch alles nichts! Und sie kann ja nichts dafür!«

»Einmal wird sie doch erwischt werden, sagte Fräulein Annalis. Und wir können uns ja nicht unsere Häuser anzünden lassen!«

»Die paar Hütten!« sagte der Nußmensch, verächtlich.

»Wenn sie mit den Hütten fertig ist, sagte Fräulein Annalis, wird sie mit den Häusern anfangen. Meinst nicht?«

»Mir is immer noch lieber, ein paar Häuser brennen ab, als daß sie noch mehr gepeinigt wird. Hab ich da nicht recht, Fräulein Annalis?«

Sie sagte: »Ich hab aber auch recht, wenn ich nicht verbrennen will. Das mußt mir schon erlauben!« Sie setzte sich behaglich.

Er lachte vergnügt. »Nein nein! Sie können ganz ruhig sein! Da geb ich schon acht. Die ganze Nacht bin ich jetzt immer auf und schau nach, drüben und hier. Es kann nichts geschehen, ich war gleich da!«

»Du hast es also gewußt?«

»Nein, sagte er. Ich hab nur Verdacht gehabt. Gleich wie vorige Woche der Heustadl von der Frau Zach abgebrannt ist. Da war mein erster Gedanke: sie hats getan! Ich weiß selbst nicht warum. Aber ich spür so was halt, durch die Luft durch. Wenn man Menschen gern hat, kennt man sie so, daß sie nichts tun können, ohne daß man es erfährt. Daher weiß ja der liebe Gott alles.« Er streckte den langen Kopf vor und ließ seine großen Augen glotzen. Aber dann fing er leise zu lachen an und sagte lustig: »Aber der Polizei ist dieses Verfahren noch unbekannt. Daher weiß sie gar nichts. Das ist noch ein Glück!« Und er fuhr im Erzählen fort: »Da bin ich also furchtbar erschrocken! Denn ich kann ja nicht zu ihr, sie lassen mich nicht hinein! Ja wenn ich zu ihr könnt und mit ihr reden könnt! Aber wenn sie mich nur von weitem sieht, lauft sie ja vor mir davon, als wär ich leibhaftig der Teufel. Und wie ich mir nun gar nicht mehr zu helfen gewußt hab, bin ich zu dem geistlichen Herrn hin und habs ihm gesagt, damit er mich mit ihr reden laßt, nur ein einziges Mal noch! Aber das ist halt auch ein armer armer Mensch! Er hat so geweint, schrecklich! Nur meint er, es muß sein. Denn sie müssen, sagt er, alle zwei büßen. Es muß mit ihr schlecht ausgehen, früher wird es nicht gebüßt sein. Büßen, büßen, sagt er in einem fort. Ich weiß gar nicht, aber er laßt sich's nicht ausreden, daß das nötig ist. Es hat alles nichts genutzt, obwohl ich ihm doch erklärt hab, daß das ja nicht so sein kann, weil es doch ein Unsinn war, daß, wenn einmal was Böses geschehen ist, daß deswegen dann immer wieder und wieder was Böses geschehen muß, fort und fort! Ich glaub ja gar nicht, daß es was Böses war, was er getan hat. Aber damit er nur Ruh gibt, hab ich gesagt: Also gut, ich glaubs ja nicht, denn wenn ein Mensch geboren wird, das kann doch nichts Böses sein, aber meinetwegen; nehmen wir an, es war schlecht von Ihnen, nun schön, was dann? Sagt er: Da hilft nur Reue und Buße! Ich aber sag: Nein, sondern am besten ist dann, man tut, als wär das Böse nie geschehen, dann wirds bald vergessen sein, und was vergessen ist, ist vergangen; es hat keine Macht mehr über uns! Sagt er, das wär leicht, aber so leicht darf sichs der Mensch nicht machen! Oho, sag ich, darauf gerade kommt doch alles an, daß sich's der Mensch so leicht als möglich macht, dann wird er wie ein Vogel sein und kann fliegen. Er glaubt mir aber nicht, nein, ganz wild ist er geworden, mit dem Stock hat er mich fortgejagt. Er tut mir furchtbar leid! Er eigentlich fast noch mehr als das Kind. Was soll ich aber tun? Ich kann ihnen nicht helfen! Wie soll ich ihnen denn helfen, wenn ich sie gar nicht verstehen kann? Denn er spricht immer von der Macht des Bösen. Und das Trotterl hat doch auch immer selbst von sich gesagt: Ich bin ein böses Kind! Und das lassen sie sich halt nicht ausreden! Ich aber weiß gar nicht, was ich noch sagen soll, weil ich ja nämlich überhaupt gar nicht verstehe, was sie denn damit eigentlich meinen, mit dem Bösen, sondern mir kommt vor, das, was sie das Böse nennen, gibts doch überhaupt nicht! Ich wenigstens habs noch nirgends gefunden, mein Lebtag nicht! Und es braucht sich doch einer auch nur einmal die Welt ordentlich anzuschauen, um zu wissen, daß es da nichts Böses geben kann! Jetzt, wie sind aber die Menschen dann dazu gekommen, sich das einzubilden? Ich kann mirs nicht erklären, und das ist es, was mich so quält! Wie sind die Menschen nur dazu gekommen, sich das auszudenken? Irgendwo muß in der Welt noch ein Fehler sein, den ich nicht finden kann! Irgendeine Störung irgendwo, die schuld ist, daß die Menschen die Welt mißverstehen. Irgendwo muß da noch ein Fehler sein!« Ängstlich sank seine Stimme klagend herab. Er saß hockend, den langen Kopf mit den stieren Augen vorgehängt, steif und starr, einem geheimnisvollen heiligen Vogel gleich. Und so sprach er zum drittenmal: »Irgendwo muß ein Fehler sein!« Und wieder saß er und sann, unbeweglich vorgestreckt, bis er dann begann, sich langsam auszufragen: »Aber wo? Bei mir? In meinem Denken? Nein, bei mir nicht. Mein Denken stimmt, denn es macht mich froh, also kanns doch nicht falsch sein. Was froh macht, muß richtig sein. Denn nur aus Freude und zur Freude kann Gott die Welt erschaffen haben. Nämlich, in mir ist Freude, das ist ganz sicher. Wäre nun aber in mir Freude, in Gott aber nicht, so wäre Gott ja geringer als ich, sein Geschöpf. Wie kann der Schöpfer etwas hervorbringen, das mehr enthält als er selbst? Nein. Ich habe die Freude von ihm. Sie hilft mir nun, mir die schönste Welt auszudenken. Diese, die allerschönste, die ich mir ausdenken kann, muß aber doch die wirkliche sein. Oder sollte ich bessere Gedanken haben als Gott? So viel wie ich muß er doch auch noch können! Oder gibt es keinen Gott? In mir gibt es sicher einen, das weiß ich, in mir bewegt er sich. Wie die Mutter in ihrem Leib das Kind, so kann ich ihn spüren. Und woher wär denn sonst die schöne Welt in mir als von ihm? Also da könnte man nur noch höchstens annehmen, daß Gott bloß in mir sitzt, in mir allein; und er hätte mit den anderen Menschen und ihrer schlechten Welt nichts zu tun. Nicht wahr, das ist doch logisch? Ich habe bei mir drin eine wunderschöne Welt, in der es nichts Böses gibt. Ihr muß die wirkliche Welt draußen entweder gleichen, wie ich glaube, und dann ist die Meinung der Menschen von der bösen Welt falsch. Oder wenn die wirkliche Welt meiner inneren nicht gleicht, dann wären also ihrer zwei, nämlich die schlechte draußen und meine schöne. Ein drittes gibt es nicht, das ist doch klar! Warum sich aber der liebe Gott gerade nur mich allein ausgesucht haben sollte, das wäre doch wirklich ein schlechter Spaß von ihm!« Und sein leises schwirrendes Lachen flackerte durch den hohen Raum, an den Wänden hin, einem huschelnden Irrlicht gleich. Dann sagte er noch: »Nein, die Welt ist durch und durch schön, das ist gewiß, nur manche Menschen denken schlechte Dinge hinein. Aber wie kommen sie dazu? Das weiß ich nicht, ich geh herum und kanns nicht finden!« Traurig fragte seine liebe Stimme das und bat um Hilfe.

Indessen dachte Fräulein Annalis darüber nach, ob er eigentlich mehr einem Pferd oder mehr einem Storch ähnlich sei. Er hatte, wie er so, nachdenklich hockend, im Dunkel saß, von beiden etwas, je nach der Seite, von der sie ihn ansah. Und in Gedanken zeichnete sie sich einen Kentauren von besonderer Art, nämlich ein braves lustiges kleines Maultier, das plötzlich in einen ernsten feierlichen strengen Ibis überging. Auf einmal aber fuhr sie mit ihrer tiefen Stimme durch das Schweigen und fragte lachend: »Aber Nusserl! Sie werden mir doch nicht erzählen wollen, daß es keine grauslichen Menschen gibt?«

»Nein!« rief er, laut und fest.

»Nein?« schrie sie, lustig entsetzt, und schlug die Hände zusammen.

»Nein! wiederholte er langsam und leise, schwer und ernst. Es gibt nur Menschen, die sich irren.« Und flehentlich beschwor er sie: »Glauben Sie mir doch! Es kommt alles bloß daher, weil die Menschen noch nicht wissen, wie schön sie sind! Ich weiß nicht, warum sie das vergessen haben.« Er sann wieder nach und sagte dann noch, traurig: »Das ist es ja, was ich mir nicht erklären kann. Da muß noch irgendein Geheimnis irgendwo stecken. Irgend etwas gibts, was schuld ist, daß der Mensch sich selbst nicht sehen kann. Das muß ich noch finden. Denn nichts Schöneres, Fräulein Annalis, nichts Schöneres läßt sich denken, als der Mensch ist, aber der arme Kerl weiß es nicht!«

Nach einer Weile sagte Fräulein Annalis: »Ich glaub, der Mensch ist ein Luder.«

Der Nußmensch nickte. »Ein Luder ist er gewiß auch, das macht ja nichts.«

»Er ist und bleibt ein Luder«, bekräftigte Fräulein Annalis.

»Darf er ja, soll er nur! sagte der Knabe, vergnügt. Nämlich um das Schöne, was er ist, nicht abzuwetzen, weil ja schad drum war, hängt er sich was um, einen ganzen Mantel von List und Spott und allerhand verschmitzten Sachen, so mit Quadrateln und Zirkeln, wie's jetzt modern sind, nicht wahr?« Er lachte herzlich, aber dann wurde das weiße horchende Gesicht gleich wieder ernst. »Nur, Fräulein Annalis, nur darf man nicht vergessen, daß in dem Mantel drin erst der Mensch steckt. Machens das Luder auf, und Sie werden sich wundern!«

»Ich dank schön! sagte Fräulein Annalis, abwehrend. Warum macht sich denn das Luder nicht von selber auf?«

»Ja das tut es nicht«, sagte der Nußmensch, traurig. Lange schwieg er. Dann sagte er noch leise: »Vielleicht schämt es sich. Drum mein ich ja auch, man muß dem Menschen angewöhnen, nackt zu gehen. Denn solang es für eine Schande gilt, seinen Leib zu zeigen, glaubt er halt, er darf auch seine Seele nicht zeigen. Wenn aber einmal Leib und Seele nicht mehr verboten sind, dann kommt der Mensch aus seinem Versteck, der wunderschöne Mensch.« Er wartete still, bevor er, nach einem Atemzug, noch sagte: »Ich glaub wenigstens. Ich glaub sicher.«

Und so traurig war seine Stimme dabei, daß er daß Fräulein Annalis erbarmte. Sie stand auf, trat hinter ihn und sagte: »Nusserl, mach dir nicht unnütze Sorgen!«

»Ich nicht, sagte der Knabe. Meine sind die einzigen Sorgen, die was nützen können. Doch um Fleisch und Brot sorgt sich der Mensch, aber um seine Seele nicht! Das ist es ja, was ich nicht verstehen kann!«

»Du denkst zu viel nach, sagte Fräulein Annalis, aber das Leben läßt sich nicht erdenken. Das ist mehr als unser armer Verstand.«

Er erwiderte: »Ich denke nicht für mich nach. Was ich für mich brauche, weiß ich. Der Verstand hats mir nicht gegeben, das kann er nicht; es war in mir schon lange vor ihm da. Das Traurige ist aber, daß man, um den anderen Menschen mitzuteilen, was man weiß, dazu den Verstand benutzen muß. Drum gehts so schwer. Ich denke nicht für mich nach, sondern nur, wie man wohl den Menschen das was ich weiß, übersetzen könnte.«

»Nein, sagte Fräulein Annalis, das kann man eben nicht.«

»Kann man wirklich nie zu den anderen Menschen hinüber?« fragte der Knabe

»Nein«, sagte sie.

»Nie?«

Fräulein Annalis ließ seine bange Frage langsam verhallen, bevor sie sagte: »Es geschehen keine Wunder mehr.«

»Dieses Wunder wird geschehen.« Ganz leise sagte der Knabe dies, aber in seiner Stimme war es so licht, als wär der Christbaum angezündet.

Fräulein Annalis traute sich nichts mehr zu sagen. Still stand sie, froh beklommen, und ließ den Knaben im bloßen Hemd mit der kurzen Hose. Dann erwehrte sie sich doch endlich, indem sie sprach: »Der Ignaz hat ja recht, ein bißl verrückt bist schon.«

Er antwortete: »Ja. Ich geb mir auch alle Mühe.« Aber seine Stimme war weit weg von ihren Worten.

Da stieß es draußen in den Ästen an. Und ein Rascheln, ein Flattern, ein Prasseln war durch die schwarze Nacht hin. Der Garten schrie zornig im Schlaf auf.

Hastig sagte der Knabe: »Ich muß fort.«

Erschreckt fragte Fräulein Annalis: »Warum denn? Wohin?« Und sie bat ihn: »Bleib doch noch ein bißl, ich hör dich gern.«

Er sagte gierig: »Ich muß fort.«

Sie fragte: »Was hast denn heut noch vor?«

Er sagte wieder: »Ich muß fort.«

Sie fragte wieder: »Wo willst denn noch hin?«

Er schwieg horchend. Nur seine Hand antwortete, zum Fenster zeigend: »Hinaus!« Und er sah sie lächelnd an und fragte: »Hören Sie nicht?«

Sie horchte.

Er fragte wieder, zärtlich lauschend: »Hören Sie die Nacht nicht rufen?«

Schon aber war der Garten verstummt und schlief wieder ein.

Horchend stand der Knabe, nickte zum Garten hin und sagte froh: »Er weiß schon, daß ich komm!«

Dann trat das Menschenkind zu dieser stillen Frau. Schüchtern stand es vor ihr da. Doch es mußte, mußte sie bei beiden Händen nehmen. Sie lachten alle zwei. Der Knabe sprach: »Nicht wahr, Fräulein Annalis, wie wunderschön doch alles ist!«

Sie sagte: »Ja es is wohl wunderschön, wenn eins so verrückt is!«

Und dann lachten sie sich an, bis im Garten die Nacht noch einmal rief.

Er sagte: »Hören Sie? Immer kommt er jetzt um diese Zeit! Man kann sich auf ihn verlassen, er ist sehr pünktlich, der Herr Wind!« Seine großen Augen glommen, seine Stimme glitzerte. »Ich hab herausgekriegt, daß er im Tiergarten wohnen muß. Da liegt der große Kerl den ganzen Tag und schlaft. Manchmal hört man ihn schnarchen. Die Leute wundern sich, weil sie nicht wissen, was es ist. Plötzlich hört mans oft. Man glaubt, es donnert, aber die Sonne scheint und der Himmel ist blau. Nur im Tiergarten donnerts, hinter der Mauer. Haben Sie's nie gehört? Das ist der dicke Riese, der Herr Wind, der unter den alten Bäumen liegt; und wenn er im Schlaf die Brust hebt, krachts. Aber die Bäume stehen um ihn herum, und kein Blatt mag sich regen, aus Angst, ihn zu wecken. Abends aber wacht er auf und niest. Einmal, zweimal. Dann dreht er sich um und will noch ein bißl schlafen. Wer die Nacht wartet auf ihn und ist schon ungeduldig und klopft. Er schimpft und brummt. Und dann, bum bum, setzt er sich auf, die Nacht klopft wieder, da flucht er. Und gähnt noch einmal und streckt sich und schreit herum. Und dann hört man ihn dumm und schwer zur Mauer tappen. Jetzt schaut er über die Mauer, wo denn die Nacht eigentlich ist. Aber die lacht ihn aus und versteckt sich, da kriegt er eine Wut. Und bum über die Mauer, sie aber husch davon. Und jetzt gehts los, er immer zornig schimpfend hinter ihr und kann sie nicht erwischen, aber sie tanzt und springt und lacht. Und er brüllt und haut und stampft herum, er stiefelt und stolpert und strudelt, er stöhnt vor Gier, dann steht er und bittet und bettelt und brodelt verliebt: sie soll doch gut sein, er hat sie so lieb! Und fleht und flennt und fletscht und wimmert und winselt und weint und schnappt und schnalzt und schnauzt. Und fangt doch das schwarze Katzerl nie! O Fräulein Annalis, es ist wohl schändlich, wie sie's mit ihm treibt! Hören Sie? Sie lockt ihn schon wieder, gleich wacht er jetzt auf und es geht los! Adieu, Fräulein Annalis! Zu wunderschön ist das! Adieu, adieu!«

Und schon war er durchs Fenster. Und nur noch einmal: »Adieu, Fräulein Annalis, adieu!« Und die helle Stimme verklang in der tiefen Nacht.

Still wars rings. Fräulein Annalis stand noch immer am Fenster. Still wars rings. Kein Stern am Himmel, kein Laut im Busch, atemlose Nacht. Ihr bangte, so still wars rings.

Da fing der Kammersänger oben wieder seine dicken Finger zu peinigen an. Wie von ganz weit her kamen die kleinen Klänge. Sie schienen sich zu ängstigen, in der tiefen Einsamkeit der Nacht.

Unwillkürlich sprach Fräulein Annalis bei sich die Worte zu dem alten Lied: »Mein gläubig's Herze, frohlocke, sing, scherze!«

Aber die Bangigkeit wich nicht von ihr. Zum erstenmal verstand sie jetzt Höfelinds Angst um den seltsamen Knaben. Zärtlich sprach sie, durchs Fenster in die Nacht hinaus, wie einen Segen für das schweifende Kind: »O Mensch!«

Da schlug, von der Mauer auf der Höhe her, ein Stoß ein und rüttelte zornig an der Nacht. Der Garten fuhr auf. Ein Brausen und ein Pfeifen und höhnisches Lachen war in der Luft.

Und morgen wird das letzte gelbe Laub auf allen Wegen liegen, dachte sie.

Sie ging durch das Haus, um alle Fenster zu verwahren. Dabei stellte sie sich vor, wie jetzt der verliebte Herr Wind dem flüchtigen Fräulein Nacht nachlief. Und zwischen ihnen der dumme liebe Bub!

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