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Gutenberg > Hermann Bahr >

O Mensch!

Hermann Bahr: O Mensch! - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleO Mensch!
publisherS. Fischer Verlag
printrunNeunte Auflage
year1916
correctorreuters@abc.de
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Zweites Kapitel

Der alte Radauner saß im Gras. Er hatte noch immer den Pinsel in der Hand. Der Abend kam geschlichen. Der Maler wußte gar nicht, daß er noch immer den Pinsel in der Hand hielt. Wer unten am grünen Zaun vorüberging, sah von ihm nur seinen ungeheuren schwarzen Hut und von dem Hause nur das vorhängende steile Dach. Ein alter schwarzer Hut schien auf der Wiese zu sitzen, und hinter ihm ein großmächtiges Dach; und die zwei saßen beisammen und waren still und gehörten zusammen. Der Abend trat immer näher und legte leise seinen Mantel um den alten Herrn. Der hatte noch immer den Pinsel in der Hand und schwieg vor sich hin, das Brett mit den Klecksen ansehend, das er doch nicht mehr sehen konnte. Er fühlte nur das gute große Dach hinter sich und rings den lieben stillen Abend. Sein Kleefeld, das er immer malte, jahraus, jahrein, zu allen Zeiten, lag schon ganz im Dunkel. Aber er wußte doch, daß da vor ihm unten sein altes Kleefeld lag. Jetzt schlief es schon. Er aber saß unter seinem ungeheuren schwarzen Hut.

»Und wozu?« klang es höhnisch hinter ihm.

»Bist du zurück?« fragte der Alte, ohne sich umzusehen.

»Kein Mensch weiß, wozu!« klang es klagend her.

Der Alte hörte den kurzen stoßenden Schritt Höfelinds über den Kies stampfen. Höfelind trat aus dem Garten auf die Wiese. Seine Stimme war plötzlich ganz anders, als er jetzt sagte: »Schau den Abendstern! Schau!« Seine Stimme wurde wieder höhnisch, und er sagte heiser, an den roten Borsten seiner Lippe kauend: »Ich entdecke jetzt den Abendstern.« Und ungeduldig bat er, drängend: »So schau doch!«

»Laß mich malen«, grunzte der Alte.

»Schwindel nicht, du siehst ja nix mehr«, sagte Höfelind.

»Ich höre den Klee, das genügt«, sprach es unter dem alten schwarzen Hut hervor. Und plötzlich fing es dort zu schnauben und zu husten und zu röcheln an, und der Alte fragte lachend: »Weißt du noch immer nicht, daß man am besten malt, wann man nicht malt? Dummer Kerl! Aufpassen, mit geschlossenen Augen, und fest den Pinsel in der Hand, und die inneren Ohrwascheln aufmachen, bis du's spürst, da rinnt's dann aus dir in den Pinsel und du brauchst es dann am andern Tag nur hinzuspritzen!«

»So spritz morgen den Abendstern hin, sagte Höfelind. Bitte schön!«

»Was geht mich denn dein Abendstern an? fragte der Alte, zornig. Ich hab meinen Klee. Ich bleib schon auf der Erd.«

»Da haben Euer Hochwohlgeboren sehr recht«, sagte Höfelind, mit irgendeinem leeren Hohn, der sich erst ein Opfer zu suchen schien.

»Weil ich, weil ich, schnaufte der Alte, durcheinander lachend und hustend, weil ich nämlich kein Genie bin!«

»Sei froh!« sagte Höfelind.

»Und weil, und weil –« Der alte Maler schüttelte sich vor Lachen. »Und weil ich was weiß! Das wißt's ihr alle nicht! Dort, junger Herr!« Er stand auf, seinen Knüttel aus dem Gras hebend, um sich an ihn zu lehnen, so daß er dann fast auf ihm zu sitzen schien. Und indem er mit einer feierlichen Gebärde seiner großen alten Hand auf das schlafende Feld im Dunkel wies, sagte er, langsam, drohend, schwer: »Dort, der Klee, junger Herr! Der hat Genie! Und da drüben –« Er wendete sich langsam um, hob den Knüppel und schwang ihn zum Berg hin. »Die vier Pappeln da droben! Ja, junger Herr, die haben Genie! Wie die vier zusammenstehen, so daß es absolut nicht anders sein kann, nie und nimmer, das is Genie! Und der gelbe Fleck, den der Nußbaum gestern in der Nacht auf einmal gekriegt hat, während wir mit unseren tauben Sinnen glauben, daß noch Sommer ist – so zur rechten Zeit einen gelben Fleck kriegen, das is Genie! Wir aber sind Trotteln. Und der einzige Unterschied, verehrter Herr, zwischen den gescheiten und den dummen Menschen ist der, daß die gescheiten Menschen wissen, daß wir Trotteln sind, während die dummen Menschen es noch immer nicht glauben wollen, daß wir Trotteln sind, obwohl sich der liebe Gott doch wirklich so viel Mühe gibt, es ihnen klarzumachen! Mir sagt jeder Apfelbaum und jeder Rosenstrauch: Du Trottel, kannst du das? Aber du, verehrter Herr, schaust den Abendstern an und bist ganz gerührt und merkst gar nicht, was er zu dir spricht! Du Trottel, sagt auch er. Und weiter nichts. Aber wer hört die Stimme der Natur?« Und er nahm sein Brett und sein Zeug, trug es sorgsam und schob sich, schnaufend, den Oberleib zurück, um gemächlich seinen Bauch auszubreiten, sehr auswärts schreitend, langsam, den Knüttel ins Gras bohrend, zu Höfelind hin, der still im Dunkel stand, den Abendstern anstarrend, wie verstört.

Der Alte fragte: »Wo warst denn überhaupt?«

Achselzuckend sagte Höfelind: »Lido!« Er spie das Wort aus, höhnisch auflachend.

»In den vier Tagen?« fragte Radauner verwundert.

Mehr als genug! sagte Höfelind. Alles Kitsch! Und vorige Woche in Trafoi: Kitsch! Und vor vierzehn Tagen in Katwyk: Kitsch! Man ahnt nicht, wie reich an Erfindung der Kitsch ist. Wie man aber ein bißl daran kratzt, kommt überall derselbe Kitsch heraus. Die Natur ist auch eine Schwindlerin, ich versichere Euer Hochwohlgeboren!« Er wendete sich um und sah sein Haus mit dem steilen Dach wie eine brütende Henne im Garten sitzen. »Ja, sagte er dann, nickend. Man hätt die Natur vom Olbrich umbauen lassen müssen! Das steht da und fragt nicht, wem's gefällt! Die Natur ist kokett und wedelt jeden Handlungsreisenden an, bis er bravo sagt!« Er sah auf das Haus. »Ja! sagte er dann noch einmal, nickend. Aber der Olbrich ist tot! Er hat's wahrscheinlich nicht mehr ausgehalten in dem universalen Kitsch!«

»Ich interview dich ja nicht, sagte der Alte. Du redst, als obs d' interviewt würdst. Du hast dir das schon so angewöhnt, daß d' gar nicht mehr anders kannst! Du bist ein armes Vieh, mitsamt deinem vielen Geld! Aber wenn's dir ein Vergnügen macht, laß dich nicht stören!«

»Komm! sagte Höfelind, kurz. Komm hinauf! Aber sag nix!« Er zog die Oberlippe zwischen die Zähne und biß an ihren roten Stacheln. »Ich weiß das alles selbst, du brauchst mir gar nichts zu sagen! Wozu? Kein Mensch weiß das so gut wie ich! Aber komm nur mit! Vielleicht tu ich dir dann wenigstens leid!« Und er schrie: »Ich renn ja nicht zum Vergnügen in der ganzen Welt herum! Ich lauf nur vor mir selbst davon! Ich möcht auch lieber still auf der Wiesen sitzen!« Und er packte den Alten, um ihn ins Haus zu ziehen.

»Halt, halt! sagte der alte Radauner. Da können wir nicht hinein, ich hab den Schlüssel nicht. Wir müssen durchs Fenster in den Keller steigen. Geh voraus und hilf mir! In der Früh war das heut ein rechtes Kreuz. Meinen Bauch allein da durchzudringen, is nicht so leicht!« Er schlug sich auf den Bauch und lachte gröhlend.

»Is der Nußmensch wieder einmal weg?« fragte Höfelind, ruhig.

»Seit gestern nachmittag hab ich nicht das Vergnügen gehabt, sagte der Alte. Es is nur ein Glück, daß die Fräuln Annalis wieder zurück ist. Die hat mich gespeist, wie Hermann, mein Rabe, den alten Moor. Wenn er sich nur angewöhnen könnt, wenigstens die Schlüssel dazulassen! Aber dann vergißt er halt alles!«

»Nun ja«, sagte Höfelind.

Sie krochen durchs Fenster in den Keller. »Gib mir nur auf mein Brettl acht! bat der Alte. Es wär schad! Ich glaub, heut war ein guter Tag für mich.« Im Fenster steckend, ließ er seine kurzen Beine hängen und sagte vergnügt: »Das nutzt dem Klee alles nix, ich werd ihn doch noch erwischen! Da gibt's Trotteln, die gehn auf die Jagd, weil das so aufregend ist! Meine Jagd is aufregend, meine! Das sollen s' einmal probieren, statt auf ein armes Haserl paffen! Aber da gehört etwas mehr Mut dazu!«

»So komm doch!« sagte Höfelind, ungeduldig, und hob den Alten aus dem Fenster.

»Gib mir nur auf mein Brettl acht!« bat der Alte, indem er sich von Höfelind in den Keller ziehen ließ.

»Was sind denn da überall für Steine?« fragte Höfelind, durch den dunklen Keller tappend.

»Ja jetzt schleppt er jeden Stein mit, den er findt, sagte der Alte. Das ist das neueste. Ich weiß nicht.«

Als er dann in dem großen Zimmer oben das Licht aufdrehte, prallte Höfelind selbst zurück. Da standen an der weißen Wand die sieben Bilder. Höfelind hielt sich die Hand vors Gesicht, wie gegen die Sonne.

Die sieben Bilder, keines noch eingerahmt, standen an der weißen Wand, schmal und lang, alle genau gleich groß, und jede der sieben langen Gestalten schien ein leibhaftiger Mensch zu sein, in einem Fenster stehend, aber viel wirklicher, als jemals ein Mensch sein kann, und so gräßlich stark, wie böse Träume sind.

Und in dem weiten Raum, der ganz leer war, bis auf die sieben Bilder an der weißen Wand, sagte Höfelind, plötzlich den Arm des Alten zerrend, mit seiner heiser höhnenden Stimme: »Und siehst du nicht das rote Blut in ihren Adern rinnen? Bis aufs Blut muß man malen können!« Er warf seine Stimme durch das weite Zimmer, daß sie zu zerbrechen und klirrend an der weißen Wand abzuspringen schien. »Kann man! Kann man! Bis aufs rote Blut!« Aber schon hatte er wieder Angst und bat: »Sag nix! Sag nix! Wozu?« Er sah von den sieben Bildern weg und sagte: »Auch wollen Euer Hochwohlgeboren gefälligst bemerken, daß es weiter gar keine Kunst ist! Man nimmt eine Sauce tartare und legt einen Hummer hinein, das is das Rezept, Euer Hochwohlgeboren können's nachmachen! Aber schau dir die Sauce gut an, was da alles drin is!« Und plötzlich fing er zu zählen an, mit dem Finger auf jedes der sieben Bilder zeigend: »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben!« Dann lief er wieder zum ersten zurück und begann wieder zu zählen: »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben!« Und er zählte sie noch ein drittes Mal dem unbeweglichen Alten vor: »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben!« Dann zeigte er an der leeren Wand weiter: »Acht, neun, zehn, elf, zwölf! Zwölf werden's! Dann ist das Personal der Menschheit komplett! Mehr existiert nicht! So klein, Euer Hochwohlgeboren, is die Welt, in diesem Zimmer hat sie Platz! Jetzt noch acht, neun, zehn, elf, zwölf, und dann is Schluß! Und dann kann meinetwegen der Vesuv alles verschütten, es liegt nix mehr dran, wenn nur dieses Zimmer übrig bleibt! Denn hier wird dann die ganze Menschheit versammelt sein!« Und er lief wieder die weiße Wand ab, erst die sieben Bilder und dann im Leeren weiter zählend. »Oder man kann's auch die Arche Noah nennen! Dort war auch von jedem ein Exemplar! Aber hier ist von jedem das Urexemplar! Verstehst? Das, was der liebe Gott eigentlich wollen hat, und was ihm nur halt noch nie gelungen is bis zum heutigen Tag! Aber mir ist es gelungen!« Plötzlich aber sank seine Stimme herab, als er sich verbesserte: »Mir wird's gelingen, es muß.« Dann stand er, den roten Kopf vor, einem Stier gleich, der losspringen und aufspießen will. Und er sagte, höhnisch: »Und dann werd ich die zwölf Bildln verbrennen! Dann is der Herr Jason blamiert, ich aber setz mich hin und mal dafür drei. Drei sind auch genug! Und dann muß die ganze Menschheit enthalten sein! Ein Mandl, ein Weibl und das dritte überhaupt nur eine leere Sauce! Urmandl, Urweibl und Ursauce! Denn bloß auf die richtige Vereinfachung kommt alles an! Und zur richtigen Vereinfachung kommt's doch wieder nur auf die richtige Sauce an! Der liebe Gott aber hat's umgekehrt versucht, der hat's mit der Vervielfältigung versucht, das war sein Irrtum! Und alle sind's ihm nachgetappt! Bis ich gekommen bin, aus der Welser Gegend! Ja, du glaubst, ich bin der Höfelind! Weißt du, wer ich bin? Erschrecken S' nicht, Euer Hochwohlgeboren! Ich bin der Antichrist! Ich bin der, der die Welt noch einmal erschafft, und besser! Und der liebe Gott hat's doch viel leichter gehabt, denn vor ihm war noch gar nix da! Vor mir aber war schon seine da, seine verpfuschte Welt, und ich muß mir immer erst die Augen auswischen von ihrem Dreck!« Und er ließ sich nieder, in den Knien durch das weite Zimmer hopsend, und schrie: »Denn ich bin der Antichrist!«

Da nahm ihn der Alte stumm, zog ihn empor und durch die kleine Tür auf den Balkon. Schon standen jetzt überall die Steine rings um das stille Haus, und die Nacht war da. Höfelind erschrak. »Verstehst denn nicht? bat er leise den alten Freund. Wenn mir das mißlingt, muß ich verrückt werden!« Der Alte sagte: »Ja. Aber wart's doch ab, hast ja Zeit, bis das zwölfte fertig ist! Warum denn jetzt schon?« Und dann brummte er noch, hustend und spuckend: »Es wär doch schad! Trottel!«

Eine Zeit schwiegen sie. So still war die junge Nacht um sie, daß sie zuweilen plötzlich erschraken, als hätten sie darin das Flirren der Sterne gehört. Bis dann aus dem Dunkel, an der Westbahn drüben, ein Ächzen schoß.

Da fragte Höfelind leise voll Angst: »Wär wirklich schad?« Er schielte durch die kleine Tür, die halb offen geblieben war, aus dem Dunkel ins weiße Zimmer auf seine sieben Bilder hin. Und wie er so, voll Angst, nach ihnen sah, schien ihm ein ungeheurer Lärm von der weißen Wand her in die stille Nacht zu dringen, ein Schreien und Lachen wilderregter, irrvergnügter Menschen. Und es fiel ihm plötzlich ein, wie er gestern früh in der Gondel vom Lido zur Station gefahren, es war noch Nacht und weithin nichts zu hören als der Ruderschlag, plötzlich aber hatten von dort drüben aus ihrem einsamen Haus her die Narren so furchtbar durch die Nacht gelacht. Das war es wohl, das klang ihm immer noch nach. Er hatte zwei Nächte schlecht geschlafen, das war es, das war alles! Und plötzlich wiederholte er seine Frage jetzt: »Wär wirklich schad? Warum schließlich? Jason muß doch weiterzahlen, also versorgt wären wir, ich weiß übrigens gar nicht, ob er nicht sehr entzückt davon war! Maler Höfelind verrückt geworden, welche Reklame! Oder glaubst du am End, die Leute würden sich gar nicht wundern? Vielleicht! Aber jedenfalls, warum wär schad? Warum eigentlich? Bestehst du darauf, daß es wirklich alle zwölf sein müssen? Hast an den sieben wirklich nicht genug? Schmeichler!«

Radauner setzte sich in einen der roten Strandkörbe. Er sah durch die kleine Tür auf die sieben Bilder an der weißen Wand. Und er sagte langsam, mit seinem alten Kopf nickend: »Es wär doch schad, es wär doch schad! Da sind doch ganz feine Sacherln drin. Besonders in dem, zu dem dir der Nußmensch g'sessen is.« Und er zog mit seinem großen Daumen in der Luft die Linie nach und sagte dann, schmatzend: »O ja.«

»Ja, sagte Höfelind, der is die Jugend. Da hat eben das Modell geholfen, dann is 's leicht! Er hat das zufällig, er ist nicht ein junger Mensch, sondern der junge Mensch. Und sonst will ich ja gar nix! Ja wenn ich lauter solche Modelle hätt! Aber wenn ich solche Modelle hätt, wenn's überhaupt solche Modelle gäb, dann wär's ja unnötig, daß ich mich erst plag. Denn nur weil's keine gibt, nur dadurch allein bin ich ja zu der ganzen Geschichte gekommen. Um das Versäumnis der Natur nachzuholen!«

Er trat an das grüne Geländer, das mit Pelargonien und Fuchsien besetzt war. Nun hatte sich die Nacht noch vertieft. Gleichsam auf der Hut vor ihr, schien das steil in die starre Luft ragende Dach jetzt noch größer, wie um Wacht zu halten in der geheimnisvollen Nacht. Auf dem Berg im Norden standen die vier Pappeln, noch schwärzer als die Nacht. Hinter ihnen schrie schrill ein großes weißes Licht im braunen Qualm der Bahn. Vor ihm schwammen tief unten die vielen kleinen gelben Lichter durch den Dunst der fernen Stadt wie gefallene Sterne. Im Südosten aber zog langsam ein heller Nebel durch das Tal; nur die Kuppe des Hügels dort blieb über dem niedrigen lichten Dampf, und der Wald auf dem Hügel hatte sich zum Schlafen hingelegt.

Höfelind sah der Nacht zu. Dann sagte er: »Ich kann mir schon denken, daß du deinen Klee malst, auch ohne ihn zu sehen. Denn was man weiß, sieht man, auch wenn es unsichtbar ist. Dort hinter den Pappeln ist nichts zu sehen! Ich aber sehe die goldene Kuppel von Otto Wagner. Weil ich weiß, wie stark sie ist. Seit ich das einmal empfunden hab, kann ich sie sehen, auch wenn sie nicht zu sehen ist. So stark ist sie! Oder mein Wissen von ihr ist so stark! Es käme nun also bloß darauf an, einmal den Menschen ganz erkannt zu haben. Dann kann man ihn malen, auch ohne Modell. Eigentlich malen kann man überhaupt nur auswendig. Das ist es! Ich weiß das jetzt wenigstens, und wenn meine Bilder schließlich gar nichts sein werden als Zeichen, daß ich das weiß, dann ist das auch schon genug. Einer wird's dann schon einmal machen. Nach uns kommen auch noch Menschen, die wollen auch was zu tun haben, man darf nicht so neidig sein!«

Aus dem roten Korb kam die dunkle Stimme des alten Radauner. »Ich würde dir raten, versuch einmal, mit der linken Hand zu malen.«

Höfelind trat zum Korb und sah den Alten fragend an.

Der Alte fuhr fort: »Mit der rechten Hand kannst schon zuviel. Du plagst dich also nicht mehr, darum langweilt's dich, und da fangt dann das Gehirn mit zu reden an. Da kommst dann auf solche Sachen! Das Gehirn muß beim Maler schweigen. Deshalb ist das Malen ja so gesund! Und eigentlich kann nur ein Maler vernünftig sein. Also versuch's einmal mit der linken Hand! Das heißt, das war meine Meinung. Aber jeder soll machen, was er will!«

»Also wenn man's kann, sagte Höfelind vergnügt, meinst du, dann geht's nicht mehr, dann kann man's erst nicht? Es könnte schon sein.«

»Wie die Finger sich einmal einbilden, daß sie frech werden dürfen, sagte der alte Radauner, dann geht's nicht mehr. Weil es dir dann an der Andacht fehlt! Die Andacht hat der Mensch nur, solang er sich plagen muß. Und allein durch die Andacht, die man drin spürt, wirkt ein Bild. Du wirst schon noch draufkommen.« Und er sah wieder auf die weiße Wand zu den sieben Bildern hin und sagte noch: »Übrigens kannst ja mit deinen Fingerübungen schon ganz zufrieden sein!« Und er zog wieder mit seinem großen harten Daumen in der Luft die Linien nach. Plötzlich sprang er aus dem Korb, riß seinen alten schwarzen Hut vom Kopf und schlug mit der Krempe aufs Geländer los. »Du Viech!« Und er schrie den lachenden Höfelind an: »Du könntest der größte Maler sein! Da schau hin, was da für Sacherln drin sind, du verdienst das ja gar nicht! Einfach überhaupt der größte Maler, sag ich dir! Aber du hast Probleme!« Und röchelnd und schnaubend und gröhlend wiederholte er: »Pro-pro-pro-bläme! Vertrotteltes Hundsviech du! Damit kann man nicht malen. Mit den Problämen! Ä, ä, ä!« Und er riß seinen bösen alten Mund auf, um ihm die Zunge zu zeigen.

»Hoffentlich ärgert's den Jason auch so, sagte Höfelind, kurz. Dann war ja der Hauptzweck erreicht.«

»Undankbar bist, donnerte der Alte fort. Gegen den Jason. Und dumm dazu! Der macht sein Geschäft ja doch, da is mir gar nicht bang. Ich bin früher, sagt er.« Und er lachte hustend, das Zitat wiederholend: »Ich bin früher! Dagegen kommst nicht auf! Denn es nutzt nix, er is wirklich immer früher! Und sei doch froh! Wem sonst verdankst es denn, daß du dir erlauben kannst, ganz nach Belieben verrückt zu sein? Ganz ohne Staatsunterstützung und bei deiner Jugend! Ein Lausbub von kaum vierzig Jahren! Schimpf mir nicht auf den Jason!«

»Weißt, was er mir gestern telegraphiert hat?« fragte Höfelind.

Der Alte sah neugierig auf. Höfelind erzählte: »Ob ich einverstanden wär, wenn er mir den Thron von Serbien anbieten läßt. Er behauptet, er kann's machen.«

»Natürlich kann er's, gröhlte Radauner, begeistert. Jason kann alles. Er wird dafür einen serbischen Minister zum Dramaturgen nehmen.«

»Er verlangt nur mein Versprechen, sagte Höfelind, daß ich nicht am End wirklich annehm. Das scheint ihm in sein Kalkül nicht zu passen. Es soll nur wieder einmal eine schöne Reklame sein!«

»Das wundert mich eigentlich, sagte Radauner vergnügt. Er wird sicher nächstens auch Regenten unternehmen. Wie er das letztemal da war, hat er mir einen langen Vortrag darüber gehalten, aus Anlaß der Revolution in Portugal, die hat ihn sehr aufgeregt.« Und lachend fing der Alte plötzlich an, auf dem Balkon Jasons unsicheren, ein wenig humpelnden Gang und seine langsamen, feierlichen Gebärden und die fette nasale Stimme nachzumachen, indem er ihn sagen ließ: »O! Die Herren Könige sind alle schlecht bedient! Und vor allem, die Herren Könige werden falsch herausgestellt! Ich denke, das müßte doch zu machen sein! Das müßte doch nicht so schwer sein, einen König so herzurichten, wie ihn die Phantasie des Publikums, also respektive der Bevölkerung verlangt! Wenn man einen Mann fände, der halbwegs das Physische dazu hat, kann das doch nicht so schwer sein! Und dann überlassen Sie die Presse nur mir, das andere macht dann schon die Presse, man muß nur die Presse behandeln können!« Und in seinem eigenen Ton sagte der Alte dann noch: »Aber du wirst halt nicht das Physische dazu haben, mit deinem roten Schädl, armer Kerl! Schad! Mich hättst als Kronprinzen mitnehmen können.«

Trocken sagte Höfelind: »Du machst den Schuft ganz gut nach.«

»Warum is er denn ein Schuft? sagte Radauner. Ihr seid's alle ungerecht gegen ihn! Der Mensch is einfach so, wie die heutige Zeit die Menschen braucht. Ja dann schimpft's meinetwegen über die Zeit! Da bin ich dabei! Aber daran is er ja nicht schuld!«

»Mich hat er ganz gemein betrogen!« sagte Höfelind. Radauner lachte nickend. Höfelind fuhr fort: »Ich habe doch keine Ahnung gehabt, daß es da in Berlin einen Theaterdirektor Jason gibt, was weiß denn ich vom Theater? Seit ich damals das Bild von der Rahl gemalt hab, war ich in keinem mehr. Das hat mir gerade genügt, ich danke schön!« Und er pfiff vor sich hin, in Erinnerung.

Radauner zeigte nach der weißen Wand, auf eins der sieben Bilder. »Das ist sie ja doch auch wieder! Nein, du hast noch lange nicht genug von ihr!«

»Jetzt schon, sagte Höfelind. Seit sie dort an der Wand steht, hab ich Ruh vor ihr. Ob jetzt dieses schlechtere Exemplar von meinem Bild, das sie ist, noch irgendwo herumspaziert oder nicht, das kann mir gleich sein. Das Original hab jetzt ich! Ich, Euer Hochwohlgeboren! Und bis ich nur einmal das Original von jeder Menschenart an meiner Wand hab, dann werd ich überhaupt Ruh haben. Das ist ja der Sinn von der ganzen Malerei dort an der Wand! Und dann bin ich bereit, auch mit der linken Hand zu malen, ganz wie Euer Hochwohlgeboren wünschen!«

»Ich kann mir schon denken, was du eigentlich willst, sagte der Alte langsam. Manchmal glaub ich auch, jetzt hab ich den Klee, und jetzt nagel ich ihn aufs Brettl an, daß er mir nicht mehr auskommen kann. Aber am nächsten Tag in der Früh, ja da schaust dann! Is dir da das Luder nicht heimlich in der Nacht schon wieder ganz anders worden! Ich muß aber schon sagen, mich freuet auch das Leben nicht halb so viel, wenn der Klee nicht so ein Luder wär!«

»Dich freuen halt Ludern überhaupt, sagte Höfelind. Daher auch die Liebe zum Jason.«

»Ja, sagte Radauner lachend. Und du hast ihn aber für einen Mäcen gehalten!«

Höfelind erzählte wieder, achselzuckend: »Eines Tages kommt ein Herr zu mir, schaut wie ein Brasilianer aus, kennt alles, was ich je gemalt hab, also das schmeichelt einem doch, man ist ja hier nicht so verwöhnt, wo die wenigsten noch einen Ölfarbendruck von einer Radierung unterscheiden können, und kurz und gut, er zieht einen Vertrag heraus, auf zehn Jahre, ich kann malen, was ich will, es liegt auch nix dran, wenn ich gar nix mal, aber was ich mal, gehört ihm! Wie soll ich da auf die Idee kommen, daß der Jason eigentlich Jakobsohn heißt und ein Theaterdirektor aus Berlin is, der sein Geschäft vergrößern und jetzt auch noch dazu Bilderhändler werden will?«

»Du hast es noch nicht zu bereuen gehabt, sagte der Alte. Der Jason ist sicher ein Gauner, aber was geht das dich an? Du verdienst ja dabei! Alle schimpfen's auf den Jason, und alle verdienen's dabei! Solche Gauner könnten wir mehr brauchen!«

»Ich mag ihn halt einmal nicht«, sagte Höfelind, achselzuckend.

»Is ja gar nicht wahr! sagte der Alte, lachend. Im Gegenteil! Du wärst ja steinunglücklich, wenn du nicht jeden Tag auf ihn schimpfen könntst. Und schimpfen tust nur, weil du wehrlos gegen ihn bist! Innerlich, mein ich. Der Mann hat dich ja förmlich berückt! Und nur damit man das nicht merkt, und weil du dir's selbst nicht zugeben willst, tobst so gegen ihn! Bitte, erinner dich an den berühmten Einbruch! Damals hast g'sagt, er is ein Genie!«

Höfelind mußte lachen. Eines Nachts war eingebrochen worden. Höfelind erwachte von einem Geräusch und riß das Fenster auf, aber im Garten war alles still. Er ging zum alten Radauner hinüber, der hatte nichts gehört. Er mochte wohl bloß geträumt haben! Er ging zurück und schlief wieder ein, um wieder aufzufahren, denn im Garten wurde geschossen. Er lud seinen Revolver und ging mit dem Alten hinab, da standen alle Türen und das Tor weit auf. Die Schüsse hatten die Nachbarschaft geweckt, die Polizei kam. Alle unteren Zimmer waren ausgeräumt, die sämtlichen Möbel aber auf der Wiese nebenan in schönster Ordnung aufgestellt. Sie suchten den Garten ab, kein Mensch war zu finden. Also natürlich große Aufregung. »Rätselhafter Einbruch beim Maler Höfelind!« in allen Zeitungen. Und in jeder Zeitung sein Porträt und ein langes Interview mit ihm. Er war mit allen seinen berühmten Bildern unbekannt geblieben, aber jetzt zeigte man sich auf der Straße den Maler mit dem rätselhaften Einbruch. Und aus der ganzen Welt kamen besorgte Depeschen an ihn, und alle Depeschen waren in allen Zeitungen zu lesen. Man erfuhr dadurch in Wien erst, wie berühmt er draußen war, und wurde stolz auf ihn. Als aber nach einem halben Jahr Jason dann wieder einmal kam, gestand er, daß der Einbruch von ihm arrangiert worden war. »Ein Künstler muß von Zeit zu Zeit an sich erinnern, sagte er. In der Kunst ist man vergeßlich.« Und er fragte ganz verwundert, in seinem gurrenden, an den Gaumen schlagenden Ton: »O! Haben Sie sich denn das nicht gleich gedacht, daß das von mir ist? Solche Sachen sind immer von mir!« Die Depeschen waren natürlich auch von ihm. »Ich lasse mich meine Leute was kosten, sagte er. Nur nicht am falschen Ort sparen wollen!«

Sie saßen nun in der stillen Nacht beisammen, sich von den Streichen Jasons erzählend. Es verging ja kaum ein Monat je, ohne daß er wieder was Neues ersonnen hätte, das den Namen Höfelind wieder durch alle Zeitungen trug. Selbst erfuhr Höfelind gar nicht alles, er merkte nur an der scheuen Bewunderung, wie seltsam, ja fast unheimlich er allmählich den Leuten schon wurde. Eine ganze Legende wob Jason um ihn. Und in einem fort stand er in der Zeitung.

»Sein Meisterstück, sagte Höfelind vergnügt, war aber doch die letzte Geschichte mit der Kammersängerin Hobichler.«

»Ja! sagte der Alte, vor Vergnügen hustend. Dieses kleine Judenmädl aus Arad hat er für eine Japanerin ausgegeben!«

»Jetzt das, sagte Höfelind, wird man nie erfahren, wie das eigentlich war! Sie behauptet ja, ihn düpiert zu haben, er soll selbst steif und fest an die Japanerin geglaubt haben. Er aber schwört –«

»Mit dem großen Ehrenwort!« lachte Radauner, schnaubend.

»Mit einer ganzen Batterie von Ehrenwörtern, sagte Höfelind, daß er von allem Anfang an im Einverständnis mit ihr, ja daß es überhaupt sein Einfall gewesen sei, von ihm selbst zur Düpierung des Publikums ausgeheckt. Aber jetzt haben die zwei das ja noch übertrumpft! Er hat doch jetzt überhaupt die ganze Person gepachtet. Für eine phantastische Gage, die er ihr zahlt, muß sie singen, wo er will, und er vermietet sie in der Welt herum. Kaum ist dieser neue Vertrag geschlossen, was tut er? Er beredet sie plötzlich, zu erklären, sie hätte die Stimme verloren. Die Schwellungen der Hobichler werden eine ständige Rubrik in den Zeitungen, bis man dann auf einmal von einem geheimnisvollen Operateur in Kiew hört, von dem sie sich zum Schein operieren läßt, worauf die Zeitungen, als sie nun in Monte Carlo zum erstenmal wieder singt, behaupten, ihre Stimme habe nicht nur nicht gelitten, sondern durch die Operation einen ganz neuen Glanz und einen noch viel edleren Ton bekommen. Der kleine Doktor in Kiew aber kriegt den portugiesischen Christusorden und übersiedelt nach Berlin. Er ist ein gemachter Mann, Jason nimmt sicher Prozente von ihm. Jetzt bin ich nur neugierig auf die nächste Nummer! Er wird vielleicht ein Erdbeben arrangieren, das ganz Wien verschlingt, und bloß meine Bilder allein werden durch ein Wunder gerettet weiden.« Er sprang auf und stampfte auf dem Balkon herum, an der Lippe kauend, mit den Fingern schnalzend, plötzlich wieder von seinem ratlosen Hohn gequält. Der alte Radauner saß noch immer still versunken, in Andacht vor Jason.

Dann sagte der Alte: »Also ich finde das alles halt herrlich! Und es wär doch wirklich jammerschad um seine Begabung, wenn aus ihm ein anständiger Mensch geworden wär.«

»Herrlich! wiederholte Höfelind höhnisch, an den roten Borsten seiner Lippe beißend. Nur darf man nicht selbst daran beteiligt sein! Verstehst du das nicht?«

»Nein, sagte der Alte trocken. Du malst, und er läßt dich ja malen, was du willst. Was du willst und wie du willst, und so viel oder so wenig du willst, und je verrückter, desto mehr freut er sich. Ich möcht sehen, wenn's dir im Ministerium ein Stipendium von lumpigen tausend Kronen geben hätten! Da käm jeden Tag ein anderer Hofrat heraus und stecket seine Nasen in dein Bild hinein, obs auch der kaiserlich königlich österreichischen Normalkunstanschauung entspricht und ob nicht beim Rafael die Haxln mehr Waden haben! Während der Berliner Jud – der laßt sich alles gefallen, muckst nicht und zahlt! Zahlt, bitte! Such dir einen Grafen oder Fürsten, der so nobel wär! Machen alle den Mäcen, aber wann's zahlen sollen, hört die Noblesse auf! Und du mußt ja zugeben, ausgemacht is das ja noch gar nicht, daß er mit dir auf seine Rechnung kommt! Vielleicht erlebt ers gar nicht, daß du stirbst! Und was dann? Vielleicht bist boshaft und stirbst überhaupt nicht, der Nußmensch behauptet ja, daß das Sterben bloß eine schlechte Gewohnheit is, haha!« Und er lachte krächzend und stieß seinen Knüppel auf. Dann sagte er noch, ruhig boshaft: »Und wenn er auf seine Rechnung kommt, junger Herr, dann is das nicht dein Verdienst, sondern seins. Deine Bilder werdens nicht machen, da sind's doch viel zu gut dazu, sondern seine Reklame wirds machen, vielleicht! Sein wir nur ehrlich!«

»Gewiß!« sagte Höfelind kurz. Er ging auf und ab, zappelnd und stampfend. Auf seiner Stirne schwollen die dicken blauen Adern an, unter den kurzen Stoppeln seiner roten Haare. Und er fragte, höhnisch: »Und kannst du nicht verstehn, was das für ein dreckiges Gefühl für mich ist?« Er lachte. »Auf einmal bin ich jetzt wer! Jetzt bin ich plötzlich der berühmte Höfelind! Ja war ich denn nicht immer schon derselbe, der ich jetzt bin? Waren denn nicht immer schon Werke von mir da, mit meiner ganzen Kraft angefüllt und mit allem, was ich kann und was ich will? Warum hats denn aber niemand bemerkt? Bis auf die paar Kollegen und Literaten, die sich gedacht haben, daß man vielleicht an mir hinaufklettern kann! Aber sonst? Niemand! Nichts! Und jetzt auf einmal? Auf einmal bin ich wer, auf einmal kann ich was und wirke, seit Jason! Also nicht ich wirke, sondern er wirkt; was er mit mir treibt und um meine Bilder herum treibt, das wirkt! Diese lächerlichen und lügnerischen Dinge bewirken, daß das, was ich bin und was ich kann und was ich will, erst den anderen sichtbar und nun erst auf sie wirksam wird. Ich kanns also nicht, meine Bilder könnens nicht, wie's ja die Summe der Frau Hobichler auch nicht kann. Wir brauchen alle den Jason, irgendeinen Jason, dann gehts erst. Also nicht der, der's kann, kann's, aber einer, der keine Ahnung davon hat, der kanns. Wär der Jason zu dir gekommen statt zu mir, so wärst du der große Künstler, nicht ich! Und wenn er morgen zur Fräuln Annalis kommt, so wird sie die große Sängerin sein statt der Hobichler! Das ist der Ruhm! Wozu hat man dann eigentlich Talent? Ohne Jason nutzt's nix, und mit Jason braucht man ja keins! Also wozu?«

»Dazu, sagte der Alte, daß der Jason zu einem kommt! Daß der Jason eben nicht zu mir gekommen ist, sondern zu dir, das ist dein Talent.«

»Es scheint!« sagte Höfelind, höhnisch.

»Brauchst gar kein Gesicht zu schneiden! sagte der Alte. Es ist eben ein Irrtum, daß das Kunstwerk wirkt. Es wirkt nicht und kann gar nicht wirken und soll auch nicht wirken. Wirken tut immer nur irgendein Jason, der dahintersteckt. Das war immer so, und so wirds immer sein! Beim Goethe hat der Jason halt Karl August geheißen! No die Nasn war anders, aber sonst merk ich keinen größeren Unterschied, als zwischen einem Ölfunserl und unserer elektrischen Beleuchtung. Der Jason is ein elektrischer Mediceer, das Elektrische geniert dich halt an ihm!«

»Mich geniert, sagte Höfelind, ernst und schwer, daß ich überhaupt schon nicht mehr weiß, wer ich bin. Ich bin jetzt wer dank dem Herrn Jason, und ich wirke jetzt dank dem Herrn Jason. Also gut, das könnt mir ja gleich sein, durch wen. Aber wenn ich manchmal zufällig höre, was von mir wirkt und wie, wenn ich einmal mit Leuten von mir und meinen Sachen red oder gar so dumm bin und les, was in der Zeitung über mich steht, da muß ich ja sagen: Ja bin denn das ich, und haben sich die Leute nicht aus mir viel mehr einen Höfelind zurechtgemacht, den es gar nicht gibt? Und der wirkt, nicht ich! Die Leut schaun meine Bilder an, aber was sie darin sehen, das bin ja gar nicht ich! Nein, weißt, was sie sehen? Was der Jason über mich in den Zeitungen schreiben laßt! Den Höfelind aus dem Sagenkreis des Jason sehn's! Lies doch, hör doch, was über mich geschrieben und geredet wird! Der mystische Maler Höfelind, der Maler der vierten Dimension – ich! Oder bin ich denn wirklich ein Geisterseher? Sind das Gespenster?« Er zeigte durch die Türe zur weißen Wand hin und sagte dann, grimmig: »Während mir eigentlich immer mehr und mehr vorkommt, daß die sogenannten wirklichen Menschen Gespenster sind, ich aber will sie erlösen, dazu mal ich! Jetzt sag das aber einem von den Schmöcken und gib dir alle Müh, ihm zu erklären, daß du die in der Wirklichkeit verborgene, von der Wirklichkeit verschüttete Wahrheit ausgraben willst, weiter gar nichts, die Grundabsicht der Natur, die ihr nur nie gelingt, weiter gar nichts, den Urtrieb, der nur in der Wirklichkeit immer verkümmert! Begeistert drückt er dir die Hand und geht hin und schreibt, was ihnen der Jason über mich eingeredet hat! Neulich war einer da, ganz ein netter junger Mensch, dem hab ich's so deutlich gemacht, wie zweimal zwei vier ist, und hab ihm gesagt: Schaun S', is Ihnen das noch nie aufgefallen, wie viele Menschen einander ähnlich sehen, und daß oft hundert Menschen, tausend Menschen, wenn man sie nebeneinanderstellt, alle dasselbe Gesicht haben, nur einer ein bißl deutlicher und der andere wieder etwas mehr verwischt, und daß also offenbar die Natur selbst mit sich nicht zufrieden ist, denn sonst hätt das ja keinen Sinn, daß sie immer wieder dasselbe Gesicht noch einmal macht, aber sie glaubt halt immer, das nächstemal wirds besser sein, und so langs nicht endlich so ist, wie sie sichs ursprünglich gedacht hat, gibt sie nicht nach, sondern muß es immer wieder machen, und da hat sie sich schließlich den Künstler erschaffen, der soll ihr helfen, vielleicht kanns der besser als sie; seitdem plagt sich die Natur nicht mehr allein, sondern die Künstler plagen sich mit, bis vielleicht doch einmal einer kommen wird, der nicht bloß weiß, was die Natur will, sondern es auch kann, und der nun einfach die zehn, zwölf Menschen ausführt, die der Natur vorschweben, denn mehr als zehn, zwölf sinds gar nicht; zehn, zwölf Fälle der Menschheit gibt's, die die Natur in einem fort dekliniert, also das mein ich, weiter gar nichts; darum nenn ich die zwölf Bilder das Personal der Menschheit, is Ihnen das jetzt klar? Sonnenklar, sagt der Jüngling. Hättst aber lesen sollen, was er dann geschmiert hat! Die Leute sehen ja nicht, was ich mal, die Leute sehen nur, was der Jason sagt!«

Der Alte nickte nachdenklich. »Ja, weil ihnen nämlich der Jason immer nur genau das sagt, was's haben möchten! Das macht er ihnen vor. Natürlich haben's das gern. Er macht ihnen den Höfelind vor, den's brauchen können. So wie's D'bist, könnens dich nicht brauchen. So wie einer ist, können's keinen brauchen. Also sei froh!«

»Gott erhalte mir meinen Verstand, nur noch ein paar Jahr!« sagte Höfelind.

»Amen! sagte der Alte. Da kann man gar nicht oft genug darum beten!« Und plötzlich laut auflachend, fuhr er fort: »Aber vielleicht –« Und er fing wieder zu schnauben und zu prusten an, indem er seinen Knüttel auf den Stein des Balkons stieß. »Aber vielleicht kommts auch daher, daß du schon nur noch das malst, was der Jason von dir sagt, haha!«

Höfelind riß seine bösen und gierigen Augen auf, die unter den dicken struppigen Brauen hervor wie ganz winzige Stacheln standen, und schrie: »Was heißt das?« Aber dann mußte er auf einmal lachen und sagte lustig: »Vielleicht! Hast recht, das könnt ja auch sein. Vielleicht hat der Jason auch mir eingeredet, wie ich eigentlich bin und was ich eigentlich mal, und ich bin jetzt wirklich schon so und mal wirklich so. Ihm ist alles zuzutrauen! Warten wir's halt ab!« Er ging zur Türe, sah hinein und sagte noch, ganz beruhigt: »Es is schon ein Elend mit dem Malen!«

»Ja, sagte der alte Radauner. Wenn man übers Malen redt, is es ein Elend. Warum redst denn? Beim Malen muß mans Maul halten!«

Höfelind sagte: »Ich red, weil ich mal, während ich red. Verstehst das nicht? In mir malts derweil weiter! Und auf die Art kann man wenigstens auch in der Nacht malen. Was soll ich denn sonst tun?«

»Ja das is die neuche Art von Malerei, sagte der Alte. Ich bleib aber schon lieber bei der meinigen.«

»Eigentlich, schloß Höfelind das Gespräch ab, wenn mans genau nimmt, da heißts: die Intellektuellen von Berlin und die Intellektuellen von Wien, aber eigentlich is es immer nur der Jason, der alles macht! Man nennts die Bewegungen in der Kunst, aber wenn man hinschaut, steckt überall zuletzt ein Pferdedieb, der jetzt mit Romantik, jetzt mit Mystik, einmal mit Impressionismus und nächstens wieder mit Idealismus handelt, was ihm g'rad in die Hand kommt! Und Europa lebt geistig davon!«

»Da schau dein Haus an, sagte der alte Radauner. Mit dem steilen Dach und den zwei langen Schornsteinen, grad auf den Himmel los! Schau's an, Viech!« Seine alte Stimme war zärtlich und zornig.

»Ja,« sagte Höfelind zurücksehend, das steile Dach hinauf, das die zwei Schornsteine wie lebendige Hände zum Himmel hielt. Und seine harte Stimme war matt und voll Neid, als er noch einmal sagte: »Ja! Das steht da!«

»No, wenn nur dem Haus steht! sagte der Alte. Dann gib Ruh und laß Europa wackeln, unter den Pferdedieben! Der Olbrich hats wackeln lassen.«

»Ja, der Olbrich!« wiederholte Höfelind, neidisch.

Nun kroch der weiße Streif von tiefem Nebel, langsam seine Fühler ausstreckend, immer weiter nordwärts, bis der Hügel mit dem Haus ganz in einen magischen Ring geschlossen war. Die Bäume im Garten, der Zaun, die Wiese schienen sich zu fürchten und um Schutz an das Haus zu drängen, wie um sich unter das steile Dach zu stellen; alles schien plötzlich viel näher als bei Tag. Vom Weg zum Weinberg kam ein guter stiller Schein aus der alten Laterne an der Ecke her.

Sie schwiegen lang. Bis auf einmal der Alte dann aus seinen Gedanken herauf sagte: »Aber ich versteh nur nicht, warum du jetzt mit Fleiß so liederlich bist!« Er hob den Knüttel, ins Zimmer zeigend, auf eins der sieben Bilder. »Die gute Dame hat keine Knochen unter ihrem Kleid! Auch Gespenster müssen Knochen haben. Wenigstens wenn man sie malt.«

»Du hast ganz recht, sagte Höfelind. Es is schlecht. Wenn du's bemerkst, is es schlecht.«

»Du kannst es doch«, sagte der Alte, kopfschüttelnd.

»Euer Hochwohlgeboren sind sehr gütig, sagte Höfelind. Ich hab aber gemeint, das Haar und der Blick von ihr ist so stark, daß man dadurch die ganze Dame sieht, auch ihre Knochen, ohne daß ich sie erst malen muß.«

»Das sind lauter so neuche Sachen, die man nicht versteht, klagte der Alte. Das Malen ist doch kein Betrug. Dann wärs leicht.«

»Wenn das Malen keine Täuschung wär, sagte Höfelind, dann wärs leicht, dann! Eine gemalte Dame hat ja doch keine Knochen, auch wenn ich ihr Knochen mal, sondern ich erlaube mir, Euer Hochwohlgeboren darauf aufmerksam zu machen, daß es Farben sind. Auch du bist ein Betrüger, weil du bewirkst, daß ich deine Kleckse für einen Klee halte. Es kommt nur darauf an, wer sich am besten aufs Betrügen versteht. Ich bin ein um so besserer Betrüger, je weniger ich dazu brauche, daß mir mein Betrug gelingt. Das Ideal wär, gar nichts hinzumalen, aber so stark zu sein, daß ich dich zwinge, zu glauben, daß du alles siehst. Aber freilich, wenn du's bemerkst, daß ich ihr keine Knochen gemalt hab, dann is es schlecht. Ich darf sie nicht malen, aber du mußt sie sehen, das ist für mich das Abc der Malerei.«

»Schad um dich«, sagte der Alte.

Da blickten sie beide plötzlich auf, horchten und sahen sich an. Vom Weg zum Weinberg her kam ein Schall geflogen. Es war ein leises Lachen. Aber es schien, als könnte kein Mensch auf dieser bösen Welt so lachen. Es war, als hätte der tiefe Wald hinter der alten Mauer oder das nasse Gras im Traum aufgelacht.

»Hörst ihn? sagte der Alte vergnügt. Hat mich fast verhungern lassen und lacht noch! Der Mörder!«

Noch einmal schlug derselbe lichte Schall im Busch.

»In diesem Lachen ist der ganze Mensch!« sagte der Alte, horchend.

»Samt seinen Knochen, nicht?« fragte Höfelind, höhnisch. Der Alte blickte fragend auf. Dann verstand er erst und sagte: »A so! Du willst noch mehr streiten?«

»Nein! sagte Höfelind hart. Ich danke. Aber ich sehe seine Knochen, wenn ich ihn lachen hör. Und das wärs! Ein Mensch ist auf der Welt, um ihr ein Lachen zu bringen, und der andere Mensch ist auf der Welt, um einen tückischen Mund zu haben, an dem man lernt, wie bös die Natur sein kann, und der dritte, um uns durch seine schönen Schultern dann wieder mit ihr zu versöhnen. Also da mal ich das Lachen, den bösen Mund oder die Schultern, aber die sonstigen Beigaben, die er noch außerdem hat, mal ich nicht. Wer streiten werd ich darüber mit keinem mehr! Denn ich weiß es jetzt.«

»Wie ein Marabu! Schau ihn an!« sagte der Alte, auf die Gestalt zeigend, die nun vom Weinberg her auf dem schmalen Weg erschien, im matten Licht der Laterne. Ganz langsam kam sie, sich wiegend, hielt immer nach ein paar lässigen Schritten wieder und schien dann, den langen Kopf vorgeneigt, die Hände in den Hüften, was in dem ungewissen Licht dem Rumpf eine merkwürdige Breite gab, nachdenklich auf einem Bein zu stehen, bis sie sich dann, die Hände senkend, doch allmählich wieder mit schlenkernden Schritten langsam vorwärts schob, um gleich wieder stillzustehen, wie auf Stelzen.

»Und er beeilt sich nicht im geringsten! sagte der Alte, vergnügt. Du hast ganz recht, dir dieses Exemplar zu halten. Denn seit ich weiß, daß es solche Menschen gibt, denk ich mir, warum solls denn dann nicht auch solche Bilder geben?« Und ins Zimmer zeigend, lachte der Alte wieder so stark, daß ihn das Schnaufen und Husten fast erwürgte. Höfelind schlug die kleine grüne Türe zu, da war die weiße Wand nicht mehr zu sehen.

Der Alte, beide Hände vor dem Mund als Trichter, blies in die stille Nacht hinaus: »Hallo!«

Der steife Vogel auf dem schmalen Weg im Schein der alten Laterne bog sich leicht vor und schien dann nur den Flügel ein wenig zu wetzen. Plötzlich hörten sie den heimlich gurrenden Laut jenes Lachens wieder, und dann schoß er auf einmal los, sie sahen den jungen Menschen über den Zaun springen, und kaum im Garten, zog er gleich seine graue Jacke aus und stand in der Schwimmhose da. Wollüstig hielt er der Nacht seinen nackten Leib hin und sog ihre Luft ein.

Er rief hinauf: »Es hat mich schon wieder einer erwischt! Bis in den Wald kommt die Polizei sogar! Und sie behaupten halt, die Schwimmhosen nutzt nichts! Das kann man ihnen nicht begreiflich machen! Sie sagen: in der Schwimmhosen, das is genau soviel wie nackt!« Er lachte wieder, mit seinem leisen pfeifenden Lachen, das etwas von einer Vogelstimme hatte. »Das heißt, wenn ichs ihnen erklär, sieht es ja jeder ein! Aber sie können halt nicht, sie müssen sich halt an die Vorschrift halten. Und ich möcht ihnen doch keine Unannehmlichkeiten machen, da zieh ich schon lieber die dumme graue Jacken an. Das sind schrecklich arme Menschen!« Er trat ärgerlich auf die Jacke, dann hob er sie plötzlich auf, legte sie schön zusammen, und sie streichelnd, sagte er zu ihr, als war sie ein Kind in seinem Arm: »No, du kannst ja aber nichts dafür! Sei nur ruhig, es geschieht dir nichts! Und jetzt hopp, jetzt darfst dafür springen, hopp!« Die graue Jacke flog auf den Balkon. Er sah ihr nach und sagte, sich vergnügt erinnernd: »Und dann, nachdem ich ihn beruhigt hab und er fort war mit seinem Säbel, bin ich einfach über die Mauer gestiegen, in den Tiergarten hinein!« Und er wiederholte, ganz stolz: »Ja! In den Tiergarten! Stundenlang kann man da gehen und glaubt rein, das muß die ganze Welt sein!«

»Dich wird schon noch einmal ein Wildschwein fressen!« sagte der alte Radauner.

»Mich doch nicht!« rief der junge Mensch mit seinem leisen, zwitschernden Lachen. Ihm schien das furchtbar komisch vorzukommen. »Mich könnens doch nicht fressen! Ich freß sie ja auch nicht!«

»Glaubst, daß sie das berücksichtigen? sagte der alte Radauner. Wenns d'aber Pech hast, und es is grad kein Vegetarianerschwein?«

»Das weiß ein Tier doch ganz genau, mit was für einem Menschen es es zu tun hat«, sagte der junge Mensch, fest überzeugt.

»No ja, dir sieht mans ja freilich an!« sagte der Alte, mit einem Blick auf den armen, kärglichen Leib des Knaben. Aber da schob dieser schon seinen langen schmalen Kopf zwischen den Pelargonien durch, er war auf den Balkon geklettert und seine großen schweren Augen glotzten aus ihren dicken Lidern hervor. »Wars schön in Venedig?« fragte er Höfelind.

»Du hast wieder vergessen, die Schlüssel da zu lassen«, sagte Höfelind.

»Nein, sagte der junge Mensch. Ich hab die Schlüssel verloren.«

»Da mußt aber morgen in aller Früh den Schlosser holen, sagte Höfelind. Das geht ja nicht.«

»Da brauch ich doch keinen Schlosser! sagte der junge Mensch, ganz beleidigt. Das mach ich schon allein.«

»Das ist das Unglück, daß du alles kannst, sagte der Alte. Da glaubst, du darfst auch alles.«

»No, darf ichs denn nicht?« fragte der junge Mensch.

»Jüdl nicht so!« sagte Höfelind.

»Ich sprech alle Sprachen«, sagte der Knabe, lachend. Und nachdenklich fügte er dann noch hinzu: »Und warum denn nicht? Jüdln is auch ganz schön.«

»Und mich hättst heut einfach wieder verhungern lassen!« schrie der Alte plötzlich, sich zornig erinnernd.

»Nein!« rief der junge Mensch, ganz erstaunt.

»Ja glaubst, von den vier Äpfeln in der Früh werd ich fett?« schrie der Alte.

»Ich hab doch eigens einen ganz großen Topf mit frischer Nußbutter für Sie hingestellt!« beteuerte der junge Mensch, sanft klagend.

»Laß mich mit deiner Nußbutter aus! tobte Radauner. Friß was du willst, aber mach anständige Menschen nicht verrückt! Wie oft soll man dir das noch sagen?«

»Ich hab halt gemeint –«, sagte der junge Mensch und lachte listig.

»Was? schrie der Alte. Was hast gemeint?«

»Ich hab gemeint, erklärte der junge Mensch in der Schwimmhose langsam, ich hab gemeint: wenn er einen rechten Hunger kriegt und es is sonst nix da, no, da wird er halt vielleicht doch einmal die Nußbutter kosten! Und wenn Sie's nur erst ein einziges Mal gekostet haben werden, dann sehn Sie sicher ein, daß ich recht hab! Es gibt doch auf der Welt nichts, was besser schmeckt! Ich begreif Sie nicht! Wie kann man denn so eigensinnig sein!«

»Also du wirst kochen, was ich will, nicht umgekehrt!« sagte der Alte, wütend.

»Du kochst doch so ausgezeichnet«, sagte Höfelind, begütigend. »Du kannst es ja, wenn du willst.«

»Ich kann schon, sagte der junge Mensch, nachdenklich. Aber soll man denn gegen seine Überzeugung kochen? Das find ich unrecht.«

»Du wirst kochen, was mir schmeckt, sagte der Alte. Daran hast du dich zu halten. Sonst bist du kein Koch!«

Der junge Mensch dachte nach und sagte: »Sie sind auch ein Maler und halten sich aber beim Malen nicht an mich, sonst wären Sie ein schlechter Maler; aber Sie malen nicht, damit es mir gefällt, sondern so, wies richtig is. Folglich –«

»Folglich, schrie der Alte, kann ich alle Tag die Fräuln Annalis bitten, mir was zum Essen zu schicken, wenn ich nicht verhungern will? Du Trottl!«

»Nein, sagte der junge Mensch, mit seiner klaren und hellen Stimme. Warum soll ich denn ein Trottel sein, weil ich klarer denke als Sie? Oder wenn ich kochen muß, was Ihnen schmeckt, dann müssen Sie mich beim Malen fragen, wie ichs gemalt haben will! Es is mir aber lieber, Sie malen so, wie es richtig is, und ich koch so, wie's richtig is. Bitte, wählen Sie!«

Höfelind lachte. Das ärgerte den Alten noch mehr, und er wütete noch ärger. »Du bist natürlich auch der Meinung, daß Kochen und Malen dasselbe is?, schrie er Höfelind an. Schaut dir gleich!«

»Was richtig is, muß doch überall richtig sein«, sagte der junge Mensch, seelenvergnügt.

Der Alte schob ächzend seinen Bauch zur Türe hin und sagte, mit dem Knüttel aufschlagend: »Das ist ein Narrenhaus, der Fiechl hat ja recht! Aber wenn ich noch ein einziges Mal kein ordentliches Essen krieg, zieh ich aus! Höfelind, schreib zusammen, was ich schuldig bin, morgen wird gerechnet!« Die Türe krachte zu, der Alte ging im weißen Zimmer auf und ab, vor den sieben Bildern, seinen Knüttel schwingend.

Er wohnte seit Jahren bei Höfelind. Sein Klee wurde nicht gekauft. Aber er hätte sich um keinen Preis was schenken lassen. Höfelind schrieb auf. Und immer von Zeit zu Zeit, wenn der Alte sich einmal über ihn ärgerte, mußte Höfelind ihm die Rechnung zeigen, und er rechnete genau nach. Wenn er fand, daß es stimmte, sagte er: »Du kannst es auf der Bank beheben lassen!« Er hatte vor zwanzig Jahren von einem Verehrer zehntausend Gulden geerbt und freute sich, daß sein Vermögen mit Zinseszinsen auf der Bank lag. Er sagte stets: Nur keinem Menschen was schuldig sein!

»Er is doch nicht am End wirklich bös?« fragte der junge Mensch, und seine glotzenden großen Augen wurden ängstlich. Er stand wieder, die Beine zusammengepreßt, mit geschlossenen Füßen, daß er von weitem einem Storch glich. Dann wurde sein langes weißes Gesicht listig, und er sagte, mit seinem leisen, schwirrenden Lachen: »Ich weiß schon! Morgen koch ich ihm alles, was er gern hat! Aber wie einem nur Leichen schmecken können!« Er dachte nach und sagte mit Verachtung: »Aber er is halt ein alter Herr! Und so muß ich also entweder einem Tier unrecht tun, oder er glaubt, daß ich ihm unrecht tu! Das ist sicher falsch eingerichtet in der Welt, nicht?« Er sah Höfelind fragend an und sagte dann noch, bittend: »Er wird doch nicht wirklich bös sein?«

»Er hat sich halt, scheints, noch immer nicht ganz an dich gewöhnt, sagte Höfelind. Es ist auch nicht so leicht.«

»Ich geh lieber hinein, sagte der junge Mensch, und red noch mit ihm.«

»Laß ihn nur jetzt, es is besser«, sagte Höfelind, abwehrend.

»Ich denk mir halt, sagte der junge Mensch, wenn jemand bös is, muß man so lang mit ihm reden, bis er wieder gut wird. Man muß nur richtig reden. Dann geht doch alles!«

»Ja du denkst dir allerhand«, sagte Höfelind still und sah den nachdenklichen Knaben an, fast mit Neid. Es war ihm seltsam, wie stark er in dieser stillen Nacht auf seinem Balkon, von weißem Nebel umkreist, jetzt wieder den Reiz des wunderlichen jungen Menschen empfand! Er bemerkte doch sonst eigentlich Menschen überhaupt nur, soweit sie zum Malen waren. Allenfalls für den alten Radauner hatte er irgendein Gefühl. Das war aber auch mehr ein Gefühl für seine eigene Jugend. Damals sah er in dem Alten das, was er selbst einmal zu werden rang: den einsamen Künstler, von dem der schnöde Haufen der Gemeinen nichts weiß, den unbeugsamen Künstler, an dem alles Gebot des gierigen Pöbels spurlos abrinnt, den gewaltsamen Künstler, von dem es wie ein Sturm über die verdorrte Menschheit fegt, wie der Blitz in ihren dumpfen Schlaf schlägt! Das gab dem Alten seine Macht über die Jugend, daß sich an ihm so gut ihr eigener Wahn und ihr eigener Wunsch, alle ihre Hoffnungen und Empörungen, alle ihre Vermessenheiten und Beherztheiten aufhängen ließen, wie Wäsche zum Trocknen. Und so was vergißt man nicht leicht; und dann war aus dem Lehrer ein Freund geworden – sie wohnten doch zusammen, sie konnten sich erlauben miteinander grob zu werden, sie hatten gegenseitig vor ihren Arbeiten eine Art duldsamer Hochachtung, also das nennt man doch wohl Freund? Und es war ihm wirklich angenehm, wenn er durch Europa flog, und es fiel ihm einmal sein Haus ein, zu wissen: da sitzt der alte Radauner und malt an seinem Klee! Das gehörte schon dazu, es hätte ihm was gefehlt; also das ist es doch wohl, was man einen gern haben nennt? Und ebenso hatte er ja auch Fräulein Annalis gern, und an manchen Tagen sogar den Kammersänger; schließlich warens Oberösterreicher! Jedenfalls brachten sie ihn nicht in diese sinnlose Wut wie sonst die meisten Menschen, und das nennt man wohl einen gern haben. Er hatte wenigstens nie noch ein anderes Gefühl für Menschen kennen gelernt als entweder einen unüberwindlichen Ekel, ja einen körperlichen Schmerz in ihrer Nähe, oder wenn er einmal bei irgendeinem davon verschont blieb, eine gewisse Dankbarkeit dafür. Und erst an diesem wunderlichen Knaben erfuhr er nun, daß man vielleicht einen Menschen noch anders gern haben könnte. Zum erstenmal war es ihm nun, als ob einem ein Mensch etwas sein könnte. Wenn der Alte gestorben wäre oder auch Fräulein Annalis, wär ihm ja sicher leid gewesen, es hätte ihm was gefehlt. Der alte grüne Ziehbrunnen, der noch im Garten war, hätte ihm auch gefehlt, um den wär ihm auch leid gewesen, obwohl er längst nicht mehr benutzt wurde. Er brauchte ihn nicht; er hatte ihn nur gern. Und er brauchte den alten Radauner auch nicht und Fräulein Annalis auch nicht, er hatte keinen Menschen je gebraucht, er hatte noch gar nie daran gedacht. Und jetzt zum erstenmal in seinem Leben fiel ihm ein, daß man vielleicht für einen Menschen das Gefühl haben könnte, ihn zu brauchen. Nicht das was er sagt oder das was er tut, kein Wort von ihm und keinen Dienst von ihm, sondern nur, daß er da ist, daß er in der Nähe ist; oder vielleicht nicht einmal das, sondern nur, daß man weiß, er ist auf der Welt, es gibt ihn. So wie er das Malen braucht! Nicht das was er malt. Meistens mag er das ja gar nicht. Und während er malt, haßt er ja das Malen sogar. Und doch weiß er, daß er das Malen braucht. Und daß man schließlich, wenns gar nicht mehr anders geht, weiß: du kannst dich ja hinsetzen und wirst halt malen!, das tut ihm wohl. Und so tuts ihm wohl zu wissen, daß irgendwo dieser närrische junge Mensch nackt im Wald liegt, Nüsse frißt und Unsinn denkt. Und daß er jetzt vor ihm auf dem Balkon hockt, mit seinem dummen glotzenden Gesicht, tut ihm wohl. Wies Leute gibt, denen es wohl tut, einen Dackel bei sich zu haben. Er hat das früher nie verstanden. Und er wundert sich, daß er jetzt auf einmal anfängt, es zu verstehen. Seit ihm der Zufall dieses komische Tier ins Haus geschneit hat. Der Zufall. Oder sein Schicksal? Er glaubte nicht an Fügungen, nein! Oder wars am Ende auch eine Erfindung Jasons? Um den Hausrat des mystischen Meisters komplett zu machen! Aber dann wärs ja schon längst in der Zeitung gestanden! Der Nußmensch Meister Höfelinds, das hätten sich die nicht entgehen lassen. Vielleicht gabs doch neben Jason auch noch ein Schicksal.

Jetzt wars schon bald ein Jahr, daß er ihn bei sich hatte. Er mußte bei der Erinnerung noch lachen. Radauner war nachts erwacht, durch ein Geräusch geweckt. Er hörte im Garten leise mit Heftigkeit reden, öffnete das Fenster und sah den Wächter von der Schließgesellschaft, der einen Menschen am Kragen hielt. Die Laterne des Wächters stand auf dem Boden, sein großer Hund neben ihm. Sie bemerkten Radauner nicht, und er konnte zuhören. Der Wächter sagte zu dem Menschen, den er hielt: »Also schauns, seins doch vernünftig und tun Sies mir zuliebe! Was habens denn von den paar dummen alten Leuchtern? Das is ein Maler, der da wohnt, Maler brauchen solche Sachen zum Malen, für ihn wär das sicher sehr unangenehm, wenn er morgen sieht, daß sie auf einmal weg sind! Während für Sie, da habens doch gar keinen Wert! Und wenn ich Ihnen doch schon sag, daß ich sie Ihnen ja abkauf! Was wollens denn noch? Mehr sinds nicht wert!« Der fremde Mensch zerrte, der Wächter hielt ihn mit aller Kraft, Radauner rief vom Fenster: »Was is denn da eigentlich los?« Der Wächter ließ den Menschen aus und sagte: »Nur geschwind! Schauns, daß's weiter kommen!« Der verlor in der Eile die Leuchter und entwich ins Dunkel. Der Wächter hob die Leuchter auf und sagte langsam: »Nix! Was soll denn sein?« Dem Alten kams verdächtig vor und er holte Höfelind aus dem Bett. »Aber nein, gnädiger Herr! schrie der Wächter herauf. Es is ja nix! Ich bitte, ich bin ja der von der Wach- und Schließgesellschaft!« Der Alte schrie: »Es war doch aber noch jemand da!« Als ob er ihn nicht verstanden hätte, fragte der Wächter herauf: »Was war? Wie, bitte?« Radauner ärgerte sich und schrie: »Der Mensch, der Sie fast umgeworfen hätt!« Der Wächter antwortete nicht, spähend und horchend. Radauner brüllte: »Es war doch ein fremder Mensch da!« Da hörten sie ein leises Pfeifen, wie wenn eine Amsel gelacht hätte. Und der Wächter sagte: »Nein, der ist nicht mehr da! Bitte, der ist schon fort!« Höfelind rief hinab: »Kommens einmal herauf!« Der Wächter sagte: »Bitte schön, gleich!« Sie hörten ihn langsam um das Haus gehen und dann wieder unter ihrem Fenster fragen: »Bitte schön! Darf mein Hund mit?« Und dann war er eingetreten, in der Hand die Laterne, mit seinem großen ruhigen Hund, die Leuchter bringend. »Es war gar nix. Wo gehören denn die Leuchter hin, bitte?« Radauner fragte: »Wo sind sie denn her?« Der Wächter sagte: »Der muß durchs Fenster in den Keller gestiegen sein. Wie ich gekommen bin, hat er grad über den Zaun wollen, um wieder fortzugehen. Da hab ich ihn gepackt.« Und Höfelind vergaß den Ton nie, in dem der junge blasse Mensch dann zu Radauner sagte, als ob er sich entschuldigen müßte: »Ich hab ihm ja die Leuchter ersetzen wollen! Aber da haben Sie uns gestört! Ich hätt sie ihm ja bezahlt!« Radauner sagte: »No wenn er das weiß, wird er ja morgen wiederkommen!« Der Wächter sagte ruhig: »Sie müssen das Fenster im Keller zumachen.« Radauner wurde wütend und sagte: »Sie haben ihn ja ganz fest gehabt! Und wozu habens denn den großen Hund? Ich wär einstweilen um die Polizei gegangen, oder wir hätten telephoniert. Jetzt is er fort! Sie haben ihm ja noch geholfen, daß er entwischen kann!« Der Wächter streichelte seinen großen Hund und sagte: »Wenn einer die paar alten Leuchter nimmt, das muß schon ein armer Kerl sein!« Radauner sagte: »Sie dürfen aber nicht einem Dieb noch helfen, dazu sind wir nicht bei Ihnen abonniert.« Der Wächter sagte: »Sie können mich ja bei der Gesellschaft anzeigen.« Höfelind sagte: »Ziehen Sie sich aus!« Gleich stellte der Wächter die Laterne weg und zog sich aus, gehorsam, ohne zu fragen. Radauner mußte lachen und fragte ihn: »Wissen Sie denn, warum Sie sich ausziehen sollen?« Der Wächter antwortete: »Ja.« Radauner fragte wieder: »Warum?« Der Wächter sagte: »Weil es der Prophet will.« Radauner schrie: »Wer?« Der Wächter sagte: »Der Prophet Josua.« Radauner brüllte: »Wer is denn das?« Der Wächter antwortete, wie man einen Spruch aufsagt: »Wer ihn kennt, fragt nicht, und wer fragt, darf ihn nicht kennen.« Da schob Höfelind den Alten weg und sagte zu dem armen schmächtigen Leib, der nackt vor ihm neben dem großen schwarzen Hund stand: »Ja, das ist er, ich hab ihn gefunden, das ist mein Jüngling!« Er hatte den Jüngling gefunden, das sechste von den sieben Bildern an der weißen Wand. Er hatte ihn gesucht, seit Monaten, verzweifelnd. Er hatte gewußt, daß er ihn finden mußte. So stark war er tief bei sich gewiß, daß es seinen Jüngling gab. Und da stand er jetzt vor ihm! Arm und karg, einem jungen Ast im Frühling gleich, bebend in der Kälte mit seinen jungen warmen Trieben. Wie er ihn immer gesucht und nirgends gefunden, aber tief in sich selbst gesehen hatte, so stand jetzt sein Jüngling vor ihm da!

Und Höfelind ließ ihn nicht mehr fort. Er hatte dem schimpfenden Radauner gesagt: »Sie sollen mir das Haus unter meinen Füßen wegtragen, meinetwegen! Dann geh ich auf die Wiesen mit ihm und mal ihn dort! Malen muß ich ihn, alles andere ist mir jetzt gleich!« Er kannte das. Damals mit der Rahl wars auch so gewesen! Dagegen half nichts, bis sie fertig, bis sie gemalt war. Dann erst hatte er Ruhe vor ihr. Wenn er ihn gemalt haben wird, dann mag der auch wieder mit seinem großen Hund und der Laterne die Häuser abgehen. Dachte er damals. Aber jetzt hat er ihn doch längst gemalt! Da steht er drinnen an der weißen Wand, lebendiger als er hier auf dem Boden vor ihm hockt! Also was will er denn noch? Sonst vertrug er doch Menschen nicht mehr, sobald sie erst einmal von ihm gemalt waren! Dann immer nur rasch weg damit! Und er hätte sich nie gedacht, daß der nach Monaten noch, nachdem er ja längst gemalt war, in seinem Hause sitzen und den alten Radauner ärgern und alles auf den Kopf stellen würde, noch immer! Und jetzt könnte er sich eigentlich sein Haus ohne ihn ja gar nicht mehr denken, denn der paßte doch so gut hinein, wirklich als wär er selbst auch von Olbrich! Aber soll man sich an einen Menschen so gewöhnen? Gar an ein so törichtes und läppisches Ding, wie es dieser lächerliche Knabe war, der phantastische Taugenichts, von dem der alte Radauner immer sagte, daß er sie noch einmal alle miteinander an den Galgen bringen würde? Er hatte ja wirklich etwas von einem gefährlichen fremdartigen Tier, das sich jetzt schmeichelnd dehnt, aber ohne daß man je weiß, ob es nicht im nächsten Augenblick auffahren und losspringen wird. Aber er hatte sich nun einmal an ihn gewöhnt! Vorgestern noch, in Venedig, abends auf dem Lido durch den Sand reitend, das Pferd halb im Wasser, ganz allein, während draußen weit das nächtigende Meer wie eine violette Mauer vor dem grauen Himmel stand, hatte er sich auf einmal gewünscht: Ja, wenn der Nußmensch mit wäre! Und jetzt lag der wieder vor ihm da, mit seinem weißen Leib in der Nacht kauernd, und er hörte sein starkes Atmen aus der schmalen Brust und war froh, einmal etwas Menschliches in der Nähe zu haben, das ihn nicht anwiderte.

»Du mußt doch auch einsehen, sagte Höfelind zu dem ruhenden Knaben, daß man den alten Herrn nicht um alle Bequemlichkeit bringen darf.«

»Ich meins doch nur gut mit ihm«, sagte der Nußmensch.

»Auf deine Art«, sagte der Maler.

»Meine Art ist sicher die richtige«, sagte der Knabe, eher in einem bittenden Ton.

»Er ist aber ein alter Herr, und du bist ein junger Bursch«, sagte Höfelind.

»Darum bin ich ja vernünftiger, sagte der Jüngling. Er kann doch nichts dafür.«

»Jedenfalls muß er sein Essen kriegen, wie er es haben will.«

Der Nußmensch nickte mit seinem langen schmalen Kopf und sagte demütig: »Ja.«

»Und wenn ich nicht da bin, sagte Höfelind, darfst du auch nicht einfach fortrennen und ihn ganz allein im Haus lassen. Das geht eben nicht.«

»Heut hab ich aber müssen«, sagte der Knabe.

»Früher war die Köchin da und der Diener. Aber jetzt bist du allein. Es is ja deine Schuld.«

Verwundert sagte der Knabe: »Der Herr Radauner hat sie ja hinausgeschmissen.«

»Ja, sagte Höfelind, und er hat ganz recht gehabt. Weil sie mit ihm zu frech geworden sind. Wer hat sie denn aber aufgehetzt?«

»Wer denn?« fragte der Nußmensch, unschuldig.

»Erinner dich nur!« sagte Höfelind.

Der Knabe dachte nach. Plötzlich sah er auf und verstand nun erst, was Höfelind meinte. Und als ob er ihn falsch verstanden haben müßte, fragte er, um sich zu vergewissern: »Ich?«

»Ich glaub schon«, sagte Höfelind.

»Verstehn denn auch Sie das nicht? klagte der Knabe, verwundert. »Nicht einmal Sie! Der Herr Radauner meint, daß das Aufhetzen is! Aber nein! Sondern die waren immer unglücklich, daß sie sich so plagen müssen, und über das Dienen überhaupt, und haben mir vorgejammert, und da hab ich ihnen gesagt, daß ich da doch ein ganz anderes Gefühl hab, nämlich sogar einen gewissen Stolz, daß ich einer bin, der dienen kann. Und ich hab ihnen klar gemacht, daß von zwei Menschen der, den man den Herrn nennt, der Schwächere is, einer der Hilfe braucht, der allein mit dem Leben nicht fertig wird, während der Diener einer is, der mehr kann, als er braucht, der mehr Kraft hat, als er für sich aufwenden muß, so daß ihm noch etwas davon bleibt, was er an einen anderen abgeben kann, nämlich an den sogenannten Herrn, der doch eigentlich eher ein Kind ist, hilflos, und wenn er uns nicht hätt, einfach verloren, nicht wahr? Denn denken Sie sich nur, wenn dem Herrn Radauner ein Schuhbandl reißt, oder wenn er bloß ein Postpaket machen soll, neulich zum Beispiel – also er kann es einfach nicht, er wär verloren!« Er lachte herzlich.

»Ja, eine Köchin kann manches, was der Herr Radauner nicht kann, und ich auch nicht, das is schon wahr. Aber glaubst du nicht, daß dafür doch der Herr Radauner und ich wieder manches können, was die Köchin vielleicht nicht kann?«

»Sicher, sagte der Nußmensch, nur mit dem Unterschied, daß der Herr Radauner das braucht, was er nicht kann und was die Köchin kann, während die Köchin das gar nicht braucht, was der Herr Radauner kann. Der Herr Radauner kann malen, muß aber außerdem noch jemanden haben, der kochen kann. Die Köchin kann kochen, malen kann sie nicht, aber sie hat auch gar nicht das Bedürfnis, daß gemalt wird, während der Herr Radauner das Bedürfnis hat, daß gekocht wird. Darum hab ich ja denen immer gesagt, wie dumm es ist, wenn sie sich beklagen, statt froh zu sein, weil wir doch, wenn wir nur ein bißchen darüber nachdenken, finden müssen, daß wir im Vorteil sind, denn eine Köchin kann schließlich auch ohne einen Herrn leben, aber kein Herr kann ohne eine Köchin leben, und überhaupt ist es doch so eingeteilt, daß Herren diejenigen sind, die die unnötigen Dinge können, und Diener diejenigen, die die notwendigen Dinge können, woraus sich ergibt, daß die Herrn vollständig in unserer Gewalt sind, denn wir können alles einstellen, auch die Tätigkeit der Herren, denn nicht wahr, es nutzt dem Herrn Radauner gar nix, daß er malen kann, denn wenn die Köchin nicht mehr will und nicht mehr kocht, so hörts auf, und obwohl der Herr Radauner malen kann, hängts eigentlich von der Köchin ab, ob er malen kann, denn er kann nur malen, wenn sie kocht, aber sie kann auch kochen, wenn er nicht malt. Deshalb haben wir eigentlich alles in unserer Gewalt, das hab ich denen klar gemacht! Und gerade deshalb hab ich aber auch immer gesagt, wir müssen die Nachgiebigen sein, grad weil wir die Starken sind, was uns nun einmal eine gewisse Verpflichtung auferlegt, und weil es eben, hab ich noch ausdrücklich gesagt, schon einmal so ist, daß überall in der Natur der Schwächere, der Hilflose den Starken tyrannisiert und dieser sich alles gefallen läßt, offenbar weil er dann erst ganz spürt, wie wunderschön das ist, stark zu sein und einer zu sein, der helfen kann! Nächtelang sind wir unten in der Küch gesessen, damit ich ihnen das klar mach. Aber das ist doch das Gegenteil von Aufhetzen! Nein, im Gegenteil, ich hab ihnen immer wieder gesagt: die Herrschaft muß euch leid tun, das sind Leute, die euch brauchen, die auf euch angewiesen sind, die ohne euch verloren wären, natürlich sind sie da manchmal ungerecht, eben im Gefühl ihrer Erbärmlichkeit, aber gerade deswegen habt ihr die Pflicht, mit ihnen Geduld zu haben, denn sie brauchen euch, und je stärker einer is, desto mehr muß er auch tragen! Das nennt man doch nicht aufhetzen!« Er hatte sich ganz heiß geredet, und sein weißes Gesicht glänzte von Erregung, in dem schmalen Streif von Licht, das aus dem Zimmer durch die drei kleinen Scheiben der geschlossenen Türe fiel.

»No ja, sagte Höfelind. Und das hat halt dann die Köchin eines Tags dem Herrn Radauner gesagt, und der Diener auch, und da hat er die zwei hinausgeschmissen. Sie werdens eben vielleicht in einem etwas anderen Ton gesagt haben als du.«

»Sie werden mich vielleicht nicht genau verstanden haben, klagte der Nußmensch, daher mags gekommen sein. Aber kann man ihnen das übel nehmen? Der Herr Radauner hat ja wieder sie nicht verstanden! Keiner hört halt dem anderen ordentlich zu, die Menschen reden nicht genug miteinander!«

»No du redest ja grad genug«, sagte Höfelind.

Die helle Stimme des Knaben hatte einen feierlichen Glanz, als sie sprach: »O nein. Die Menschen reden nie genug, sagt der Prophet Josua. Denn erst wenn sich die Menschen einmal ganz ausgesprochen haben werden, sagt er, wird es gut sein.« Er schwieg, sich innig erinnernd. Dann sah er lächelnd auf und sagte froh: »Ja damals hab ich das Reden gelernt! So lang mit einem Menschen reden, bis man ganz in ihm drin is! Das wärs, sagt der Prophet. Denn alle Menschen sind dieselben. Sie wissen es aber nicht, weil um jeden eine Wand is. Da muß man halt ein Loch in die Wand reden, sagt der Prophet. Dann gehts auf einmal. Was haben wir damals oft zusammen gelacht! Nämlich unser Gendarm, der den Schub geführt hat, hat das durchaus nicht glauben wollen. Da hat ihn aber der Prophet so beredet, bis er von Tag zu Tag immer stiller geworden ist und uns zuletzt alle noch um Verzeihung gebeten hat. Das waren wohl wunderschöne Tage! Wie aber dann der Prophet in seiner Gemeinde abgegeben wurde, da haben wir alle bitterlich geweint. Und der Gendarm am meisten!« Er lachte. Dann wurde seine Stimme von Sehnsucht schwer, und er sagte: »Ich muß nächstens wieder einmal reisen.«

»Und du hast vom Propheten nie wieder was gehört?« fragte Höfelind.

»Ich werd nie mehr was von ihm hören, sagte der Knabe. Ich werd ihn nie mehr sehn. Denn, hat er gesagt, es ist unnötig, jetzt bin ich aufgewacht und dann ist man sein eigener Prophet, weil ein Prophet, hat er gesagt, nichts ist als ein aufgewachter Mensch. Er hat uns erzählt, in Amerika solls jetzt schon so viele geben! Er selbst ist es ja auch erst in Amerika geworden. Und jetzt kommts nur noch darauf an, daß auch bei uns einmal in jedem der Prophet aufwacht. Dann, sagt er, wird auch bei uns das große Gelächter sein. Das weiß ich aber eigentlich noch nicht ganz genau, was er mit dem großen Gelächter meint. Überhaupt kann man ja diese Sachen nie mit dem Verstand ausdenken, sondern sie werden auf einmal in einem. Und eine gewisse Vorahnung bekomm ich schon manchmal nach und nach, auch von dem großen Gelächter. So zum Beispiel, früher hab ich das furchtbar ernst genommen, daß man sich in der Früh ganz nackt in die Sonne stellen soll und zuerst gegen Osten das Zeichen machen, dann aber die Hände falten und tief aus dem Bauch allen Atem holen und dazu sagen: O Mensch! Aber jetzt muß ich auf einmal immer, wenn ich es mach, ein bißl dabei lachen. Das erstemal bin ich darüber ganz erschrocken, aber ich sehe, das Lachen schadet nicht, sondern seit ich lach, wirkt es noch viel mehr, jetzt macht es mich erst wirklich für den ganzen Tag vergnügt und vollkommen. Warum versuchen Sie's nie?« Er sah Höfelind bittend an.

Höfelind sagte vor sich hin: »Vielleicht wünsch ich mir das gar nicht, vollkommen zu werden.«

»Nein?« fragte der Knabe ganz erschreckt. Er dachte nach, dann wurde sein weißes Gesicht listig und er sagte vergnügt: »O doch! Denn wozu malen Sie sonst?«

»Da hast du ja recht«, sagte Höfelind, wieder mit jenem Hohn, der in seiner Stimme immer auf der Lauer lag.

»Ich muß jetzt wieder einmal reisen«, wiederholte der Knabe, sehnsüchtig.

»Es wird wieder auf dem Schub enden«, sagte Höfelind.

Der Nußmensch sagte, nickend: »Ja das mein ich ja.«

»Wie du willst«, sagte Höfelind, achselzuckend.

»Es is zu schön! sagte der Nußmensch. Was man da alles erlebt! Und Menschen trifft man da, von allen Arten! Den ganzen Tag erzählen sie! Aber Sie kommen aus Venedig zurück und sind traurig!« Er sah ihn bittend an und sagte noch: »Das kann doch nicht das Richtige sein!« Er stand auf, holte seine graue Jacke und nahm aus allen Taschen Steine.

»Zieh sie lieber an! sagte Höfelind. Abends spürt man jetzt den Herbst schon recht.«

»Mir tut er nichts, sagte der Nußmensch, einen Stein neben den andern legend. Wir tun einander nichts, Kälte, Regen, Wind und ich, wir kennen uns zu gut.« Er lachte. »Ja Sie wollen mir das auch nicht glauben! Ihnen muß auch erst einmal der Prophet begegnen!« Er ließ seine Steine, trat zu Höfelind und sagte bittend: »Wenn nur ich Ihr Prophet sein könnt!«

»Versuchs«, sagte Höfelind.

Der Nußmensch dachte nach, schüttelte den Kopf und klagte: »Wie Sie mich gemalt haben, hab ichs ja geglaubt. Es hat aber auch nichts genutzt. Warum nutzt Ihnen das Malen nichts?«

Nach einiger Zeit fragte Höfelind: »Was is das wieder Neues, daß du jetzt alle Steine zusammenschleppst?«

»Ich weiß nicht, sagte der Knabe. Mir kommt nur immer vor, so ein Stein muß sich auch langweilen. Und wer weiß, wenn er merkt, man meints ihm gut – wer weiß?«

»Was?« fragte Höfelind.

Zwischen Ernst und Scherz sagte der Nußmensch: »Vielleicht tut er dann den Mund auf und redet auch, wer weiß? Vielleicht ist er nur bescheidener als die frechen Amseln! Ich hab halt so ein Gefühl, daß ich jetzt viel mit Steinen zusammen sein möchte. Denn jedes Geschöpf tut einmal den Mund auf, es muß nur erst Zutrauen kriegen.« Er nickte. Und dann fügte er, um sich zu entschuldigen, noch hinzu: »Und was liegt denn dran? Im Keller ist ja Platz!« Und er beteuerte zuversichtlich: »Nächstens werd ich ja überhaupt einmal ordentlich aufräumen, überhaupt im ganzen Haus. Bestimmt!«

Höfelind lächelte. Der Nußmensch sah zurück, über die Laterne hin, zum Wald empor und sagte beschämt: »Es is halt zu schön da oben!« Und dann mit der Hand im Kreise herumzeigend: »Und da unten auch! Und da drüben doch auch! Alles ist halt zu schön! Überall! Da kommt man dann halt natürlich zu nichts!« Er gab leise seine Hand auf Höfelinds Arm und gelobte: »Ich werde jetzt schon wieder mehr Ordnung halten. Und der Herr Radauner wird auch sein Essen kriegen, genau wie ers will. Man muß ja berücksichtigen, daß er halt ein alter Herr ist. Nur darf ich ihm doch sagen, daß es falsch ist, nicht? Ein Tierfresser, das ist gerade so eine Schande wie ein Menschenfresser. Einem Hund gibt man einen Maulkorb, wenn er beißt! Also da müßte doch der Mensch aber das gute Beispiel geben! Das darf ich ihm doch sagen, nicht? Und warum will er denn die Nußbutter nicht wenigstens einmal kosten?«

»Weil du so gewalttätig bist, sagte Höfelind, und alle Menschen zwingen willst!«

»Nein! O nein! sagte der Nußmensch. Ich will die Menschen ja nur zwingen, frei zu sein. Freiheit ist erst, wenn überall das Richtige geschieht. Und daß man die Menschen zum Richtigen zwingt, das gehört doch zur Freiheit! Sonst wär sie ja eine Schlamperei! Wer will denn das?«

»Wenn du ihn aber noch einmal so bös machst, sagte Höfelind, wirds Ernst und er zieht noch wirklich aus.

»Nein! sagte der Nußmensch, entsetzt. Das darf er einfach nicht. Er braucht uns ja!« Und er wiederholte noch aufgeregt: »Nein, nein! Ich werd schon alles tun, was er will! Es war gewiß heut zum letztenmal, daß ich mich vergessen hab! Aber heut is es halt nicht anders gegangen! Heut war so viel!« Er stieß seine großen glotzenden Augen vor und sagte noch einmal, langsam: »Heut war wohl viel!« Er ging von Höfelind weg und lachte. Sein seltsames fliegendes Lachen fiel in die dunkle Nacht hinab, als hätte ein Stern geschnuppt.

Dann fing er ganz sachte zu erzählen an: »Die Fräuln Annalis hat mir gestern eine Karte in die Oper geschenkt, weil ich doch ihren Bruder noch nie gehört hab. Und da bin ich dann die ganze Nacht herum! Ich hätt nicht schlafen können, ich hätt nicht sitzen können, ich hätt nicht zu Haus sein können. Ich hab in die Welt hinaus müssen! Weil ich das nicht verstehen kann! Es hat doch gar keinen Sinn! Haben Sie denn den Fiechl einmal gehört?«

Höfelind nickte.

Strahlend war das Gesicht des Knaben, als er sagte: »Nicht wahr? Was das für ein schöner Mensch ist! Wunderschön, wunderschön! Aber geht denn das, daß einer so was Schönes sein kann, aber nur manchmal abends, jede Woche nur ein paar Stunden lang, und dann schimpft er wieder so herum und sekkiert seinen Bedienten? Wo kommt denn einstweilen das Schöne hin, alles was er hat? Und die Leute doch auch, die dasitzen und ihm zuhören! Die sind doch auch so! Kaum ist es aus, haben sie wieder dieselben schlechten Gesichter wie früher. Geht denn das? Ich hab gleich davonlaufen müssen. Aber es war doch sehr gut für mich, denn ich hab da wieder einmal gesehen, wie schön ein Mensch sein kann, ohne daß man davon das geringste zu bemerken braucht. Also wenn der Fiechl nicht zufällig seine Stimme hätte, so daß er angestellt worden ist, um zu zeigen, was für schöne Sachen in ihm drin sind, so würde man das ja nie erfahren! Und so sind sicher in allen Menschen solche schöne Sachen drin, aber bei den meisten kann man halt nichts davon erfahren. Und da muß eben etwas erfunden werden, was bewirkt, daß man es bei jedem erfahren kann. Ich hab die ganze Nacht darüber nachgedacht. Es hängt offenbar damit zusammen, daß manche Menschen eine zu starke Rinde haben, da kanns nicht durch, das was Schönes in ihnen drin ist. Ich werd Ihnen das nächstens erst ganz erklären können. Denn ich weiß es zwar jetzt schon, doch weiß ich es noch nicht genug, aber ich weiß, daß ich es nächstens ganz genau wissen werd. Obwohl mir leid ist, daß ich es Ihnen noch nicht so sagen kann. Aber es wär doch schad darum, bevor es ganz fertig ist, nicht?«

»Ich werd halt warten«, sagte Höfelind lächelnd.

»Nicht wahr? sagte der Nußmensch froh. No und auf einmal war da die Nacht vergangen. Und in der Früh geh ich halt gar so gern auf den Friedhof, meinen Totengräber besuchen!« Er lachte, in die Nacht blickend, gegen Süden hin, wo er hinter dem Wald die zwei Kuppeln des kleinen Friedhofs wußte. »Der is so komisch! Wir streiten immer, weil ich sag, er soll sich um einen anderen Platz umschaun, denn es is sicher, daß sich die Menschen schon in der allernächsten Zeit das Sterben abgewöhnen werden, seit man darauf gekommen ist, daß man's gar nicht nötig hat und daß es nur ein Irrtum ist, wie sich jetzt herausstellt. Da wird er furchtbar bös! No es war ja für ihn auch recht unangenehm, aber für die Fiaker ist es auch unangenehm, daß wir jetzt das Automobil haben; mit jeder neuen Erfindung geht halt immer eine alte Industrie zugrund, sag ich ihm jeden Tag! Er glaubts aber nicht, und er meint auch, es wär schad, ohne Tod möcht ihn das Leben gar nicht mehr freuen! Das ist es ja, nichts gewöhnt sich der Mensch schwerer ab als eine schlechte Gewohnheit, und nur so, sagt der Prophet, ist es ja überhaupt zu erklären, daß die Menschen immer noch sterben, es machts halt einer gedankenlos dem anderen nach. Aber ganz sicher ist der Totengräber doch nicht mehr, und einerseits war er ja schon damit einverstanden, nur machts andererseits dem alten Mann zu viel Müh, jetzt erst wieder was Neues anzufangen, es stört ihn, deshalb ist er so dagegen. Ich hab halt noch nicht genug mit ihm geredet. No und da war ich heut in der Früh wieder bei ihm, er hat grad seinen Kaffee getrunken, wir sind auf der kleinen Bank vor dem Tor gesessen, schön is ja so ein Friedhof schon, gar jetzt in der lieben Herbstsonne! Er hat mir aber heut nicht ordentlich zugehört, weil grad heut im Extrablatt eine aufregende Geschichte gestanden ist, da haben wir sie zusammen gelesen. Ja und da – ja denken Sie!« Er sah auf und lachte mit seinem stillen rieselnden Lachen. Dann sagte er langsam, seinen verwundert fragenden Blick auf dem Maler: »Da hab ich aus der Zeitung erfahren, daß mein Vater tot ist. Und dann stand auch drin, daß meine Schwester gestorben ist.«

»Du hast mir nie von deiner Schwester erzählt«, sagte Höfelind.

»Ich hab ja bis heut selbst nicht gewußt, daß ich eine hab, sagte der Nußmensch. Und jetzt ist sie tot!« Er schwieg lange.

Als er aber wieder begann, war seine Stimme fest und stark. »In der Zeitung steht, daß gestern eine gewisse Baronin Furnian gesteinigt worden ist, es soll eine schlechte Person gewesen sein. Und wie wir diese Geschichte lesen, find ich, daß ihr Vater Trombetta geheißen hat. Es war sein ganzes Leben beschrieben, und darunter auch, daß er sich für einen Sohn des Kaisers Max von Mexiko ausgegeben hat. Also das stimmt doch zu auffallend, es muß derselbe Commendatore Trombetta gewesen sein, der im Jahr 1891 von Brindisi nach Kairo fuhr, mit dem Lloydschiff, auf dem meine Mutter Cameriera war. Wie oft hat sie mir ihn geschildert! Alle waren gleich in ihn verliebt, er soll so wunderschön gewesen sein. Und wie oft hat sie mir erzählt, daß eigentlich der Kaiser Max von Mexiko mein richtiger Großvater ist!« Er lachte und sagte vergnügt: »Gott, meine liebe Mutter war ja so furchtbar dumm! Da hat man sehen können, daß der Mensch wirklich keinen Verstand braucht. Sie hat gar keinen gehabt und war doch so was Gutes, so was Frohes, so was durch und durch Richtiges, daß man sich keinen Menschen anders wünschen möchte! Und dabei muß man nur auch noch denken: aus Prosecco, wo der gute Wein wächst, oben hinter Opcina, da war sie her, ja der Wein ist gut, aber ärmere Menschen als die gibts wohl auf der ganzen Welt nicht mehr! Und doch sieht man wieder, daß das alles nichts macht! Noch wie ich das letztemal bei ihr war, ein Jahr vor ihrem Tod, also da war ich doch schon ein erwachsener Mensch von vierzehn Jahren und hab doch schon ziemlich viel von der Welt gekannt und einen gewissen Blick, ein gewisses Urteil gehabt, und sie war schon krank, seit meiner Geburt ist sie immer krank gewesen, und was die Leute schön nennen, war sie wohl nie – und doch, man hat halt das Gefühl gehabt, so sollt der Mensch überhaupt sein! Und das hat gar nichts gemacht, daß sie so dumm war und gar nichts gewußt und alles geglaubt hat. Ich bin schon sehr froh, daß sie so war. Da hat man nur den kleinen Garten ansehen müssen! Zuletzt hat sie nämlich einen Bahnwächter geheiratet, zwischen Miramar und Grignano war das Wächterhaus, und wie sie sich den armen kleinen Garten da hergerichtet hat, das war so schön, daß man sie schon deswegen allein hat lieb haben müssen, das blaue Meer drunten war auch nicht schöner! Und das Meer hat doch viel mehr Gelegenheit, was zu zeigen. Aber man sieht, darauf kommts halt gar nicht an!« Er saß, sich still erinnernd. Und dann sprach er langsam in die tiefe Nacht hinein: »Und jetzt ist sie schon seit zwei Jahren tot! Und mein Vater ist jetzt auch tot! Und eine Schwester hab ich auch gehabt, und sie war sogar eine Baronin, aber ich hab es gar nicht gewußt, und sie ist auch schon tot!« Und dann sagte er mit seiner Vogelstimme noch: »Und da hab ich halt heut ganz vergessen für den Herrn Radauner zu kochen. So viel ist mir im Kopf durcheinandergegangen! Ich bin hinauf, hab mich nackt ins Gras gelegt, und wie mich dann der von der Polizei gestört hat, bin ich über die Mauer in den Tiergarten hinein. Da war alles wieder gut, ich glaub es doch nicht, daß der Mensch sterben muß, der Prophet hat sicher recht! Wenn man den Wald rauschen hört, weiß man es. No und da bin ich im Wald herum, und dann hab ich gemeint, es ist nur der Wald, der's so finster macht, und hab gar nicht bemerkt, daß auf einmal schon der Abend da war; zu schnell vergeht ein Tag! Aber jetzt werd ich schon wieder ordentlich sein, und kochen und alles, ganz gewiß!«

Der weiße Nebel war verloschen. Wolken zogen auf mit schwarzen Flügeln. Die Sterne verbargen sich. Die Nacht schien aus dem Tal aufzustehen und mit ihrer großen schwarzen Hand bis an den Himmel zu langen. Von der Bahn stieg ein Stöhnen in langsamen Stößen aus dem Dampf her. Die Luft war kalt, und sie saßen überall von unbekannten Drohungen umringt.

Der alte Radauner trat auf den Balkon heraus und sagte schimpfend: »Ich geh schlafen. Ihr seids ja Narren!« Und er schrie den Knaben an: »Du gar mit deiner Hendlbrust! In der Kälten! Marsch hinein!«

Der Nußmensch sammelte seine Steine. Höfelind sagte: »Du kannst ruhig sein, morgen wird ordentlich gekocht.«

Der Alte sagte: »Ich möcht ja ganz gern einmal die Nußbutter kosten. Warum denn nicht?«

»Nein, nein! sagte der Knabe, lachend. Lieber nicht!«

Eifersüchtig sagte der Alte: »Was habts Ihr denn überhaupt für Geheimnisse miteinand? Und ich kann einstweilen vor deinen Bildern spazieren gehen! Dieses Vergnügen überschätzt du!« Er wurde dann auf einmal ganz zärtlich. »Komm doch herein! Ich möcht gern noch ein bißl mit dir plauschen!«

»Ich bin müd«, sagte Höfelind.

»Jetzt auf einmal? sagte der Alte. No gut! Wie du willst, no gut! Ich kann ja auch mit dem Nusserl plauschen, was jedenfalls gemütlicher ist. Nusserl, komm!« Er winkte dem Knaben und wendete sich an der kleinen Türe noch einmal zu Höfelind um, murrend und schnaubend: »Müd, freilich! Ich weiß schon, was du bist! Du bist und bleibst ein Sonderling!« Und er knurrte noch aus dem Zimmer zurück: »Aber bild dir nur nicht ein, daß das was Besonderes is! Das kann jeder!«

»Ich weiß, sagte Höfelind. Dieses ganze Land besteht überhaupt nur aus Sonderlingen.«

»Aus Sonderlingen und aus Trotteln! sagte der alte Radauner. Es tut einem die Wahl weh. In anderen Ländern is doch auch noch dazwischen etwas!«

Höfelind stand auf und sagte: »Wir können aber wirklich noch ein bißl plauschen, wenn du willst.«

Der Knabe bat leise: »Darf ich nicht noch einmal hinab? Bitte! Ich komm dann wirklich gleich zurück. Nur bis zur Mauer! Der Himmel schaut zu merkwürdig aus, mit den fliegenden schwarzen Fetzen!« In seiner Stimme war eine solche Gier, daß Höfelind es ihm nicht versagen konnte.

Und schon war der Knabe durchs Geländer geglitten und ließ sich in den dunklen Garten hinab. Höfelind sah den schmalen Leib im Busch flimmern. Wie ein Irrlicht kams ihm vor.

Dann ging der Maler Höfelind zu seinem alten Freund Radauner hinein, in das leere Zimmer mit den sieben Bildern an der weißen Wand.

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