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O Mensch!

Hermann Bahr: O Mensch! - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleO Mensch!
publisherS. Fischer Verlag
printrunNeunte Auflage
year1916
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080424
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Erstes Kapitel

»O Mensch!« sagte Fräulein Annalis, dem Diener zur Antwort. Aber dann besann sie sich auf die Vorschrift des Magiers, trat ans Fenster, kehrte sich der Sonne zu, gab sich ihr mit offenen Armen völlig hin, und als sie ganz eingesonnt war, wiederholte sie, mit einem scheinheilig feierlichen Gesicht, langsam: »O Mensch!« Der Diener stand unbeweglich an der Tür, bis sie ihm sagte: »Also dann gehns hinauf und richtens dem Herrn Kammersänger aus, daß ich schon wieder ›o Mensch‹ Hab sagen müssen, und wenn er jetzt nicht gleich kommt, fang ich allein zu essen an, es ist dreiviertel zwei!«

Sie sah dem Diener nach und mußte lachen. Vor fünf Jahren war der noch Brauknecht in Henndorf. Das verstand ihr Bruder wirklich, Menschen herzurichten! Nur sich selber nicht. Er hätte so gern dem König Eduard ähnlich gesehen. Es gelang ihm aber nur bei den Dienern.

Sie sah durchs Zimmer, ordnete die Körbe mit den Blumen und trat an den gedeckten Tisch. Wenn der Herr Kammersänger Ignaz Fiechl von den Ferien kam, war er noch strenger. Er zog mit der Ledernen seinen ganzen Übermut aus und mit den weißen Handschuhen alle seine Launen wieder an.

Dann aber setzte sie sich, wie plötzlich von aller Kraft verlassen, in den schweren weiten Stuhl, die Hände hingen über die Lehnen, und ihre großen grauen Augen waren fort, irgendwo draußen in der ruhig reifenden, heimlich herbstelnden Landschaft, die vor dem großen Fenster über Gärten und Wiesen, waldig umschlossen, mit hellen kleinen Häusern allmählich in den Dunst der Stadt sank. Wenn sie so saß, nach raschem Handeln oder auch mitten im Gespräch zuweilen plötzlich gleichsam entfernt und als wäre sie von ihrem Leib erlöst, sagte der Maler Höfelind immer, sie sei eine merkwürdige Kreuzung von Defregger und Feuerbach; das kommt davon, wenn eine Römerin in Henndorf geboren wird. Dies verdroß stets den Kammersänger sehr, der auf reine deutsche Rasse hielt, Römlinge verachtete, seine Schwester nicht verdächtigen ließ und in ihr ein wahres Urbild der Thusnelda fand, worauf der Maler immer vor Zorn einen noch röteren Kopf bekam und stampfend fortlief, in einem Atem Luther und Bismarck und Richard Wagner verfluchend. Am nächsten Tag versöhnten sich dann die beiden Nachbarn wieder, und am nächsten Abend entzweiten sie sich wieder. Der Kammersänger fand, daß den Deutschen einst der Erdkreis untertan sein wird, der Maler fand, daß der Künstler überhaupt keiner Nation angehört, und dem Fräulein Annalis war es nicht leicht, ihnen darzutun, daß dies alles für den Hausgebrauch ganz gleichgültig sei.

Sie schrak auf, als der Diener wiederkam, um zu melden: »Der Herr Kammersänger läßt dem gnädigen Fräulein sagen, es dauert nur noch eine Minute und, und –« Er zögerte. Fräulein Annalis fragte: »Und?« Ohne das Gesicht zu verziehen, schloß der Diener seine Meldung ab: »Und das gnädige Fräulein soll den Herrn Kammersänger mit ihren blöden Faxen auslassen, weil der magische Rußmensch doch ein Esel ist.«

Fräulein Annalis sah den Diener aus ihren großen grauen Augen an, aber in seiner glatten Maske regte sich nichts. Dann sagte sie: »Es ist gut.« Der Diener ging. Sie war wieder in dem großen Zimmer allein. Die Sonne sprang durchs weite Fenster auf den weißen Tisch, in die Teller und Gläser, über die Rosen in den Körben und den dunklen Lorbeer der rot und golden bebänderten Kränze, an die hell in Zirbel getäfelte Wand. Da schüttelte Fräulein Annalis ihre schweren Schultern und warf die Gedanken ab. Wie sie jetzt zur kleinen Türe schritt, um dort das Fenster nach der Küche aufzuschieben und anrichten zu lassen, war sie wieder die handfeste, noch halb bäurische, derb auftretende Frau, die morgens mit dem Korb am Arm einkaufen ging, von allen Handwerkern als gute Rechnerin gefürchtet war und die Mägde den ganzen Tag in Atem hielt.

Sie blieb am Fenster zur Küche, bis sie des Kammersängers feierlichen Schritt auf der Stiege knarren hörte. Dann trug sie die Suppe mit den dampfenden Tiroler Knödeln auf. Der Kammersänger trat ein, frisch rasiert, die Busennadel mit dem Namenszug des Prinzen Adolar in der kunstvoll geknüpften Krawatte, mit der schönsten seiner berühmten farbigen Westen über dem vordringenden Bauch, und sagte, sich die Nägel putzend, gekränkt und überlegen: »Du bringst ja die Suppe grad erst! Wozu hast du mich dann so gehetzt? So seids ihr Weiber!

Er sah auf den Lorbeer und die Rosen, verzog seinen breiten Mund und sagte verächtlich: »Gott, das Grünzeug! Und so fangt halt alles das jetzt wieder an! Die Zeit is schnell vergangen. Man hat doch eigentlich immer genau das Gefühl wie als Bub, wenns wieder in die Schul gehn hieß. Aber der Haupttreffer ist wieder falsch gezogen worden, also da hilft schon nichts. In Gottes Namen!« Er band sich die Serviette um den Hals, obwohl Fräulein Annalis immer behauptete, der König von England tue dies nicht. Nach den Knödeln wurde er milder und sagte, in den Garten zeigend, der zum Fenster herein seine roten und gelben Rosen hielt: »Es is ja hier auch ganz schön. Wenigstens solange man das Narrenhaus nicht sieht. Das verschandelt die ganze Gegend. Daß es dagegen kein Gesetz gibt! Aber wo man's nicht braucht, da gibt's überall Gesetze. Wir leben schon in einem ganz verkehrten Staat.«

»So schau halt nicht hin«, sagte Fräulein Annalis.

»Es nutzt mir aber nix, wenn ich nicht hinschau. Ich weiß es doch. Ich weiß, dort drüben ist das verrückte Haus. Ich brauch gar nicht hinzuschaun, ich weiß es, und das genügt, mir den ganzen Vormittag zu verderben.«

»Nachmittag ist das Haus ja auch nicht anders«, sagte die Schwester.

»Das Haus nicht, sagte der Kammersänger gereizt, aber ich. Ich bin nachmittags anders. Das kannst du nicht verstehen, es ist das Los aller künstlerischen Naturen, daß sie selbst von ihrer nächsten Umgebung unverstanden bleiben. Ich habe mich damit längst abgefunden. Aber wenn ich einmal den Haupttreffer mache, wird das erste sein, daß ich dem Höfelind sein Haus abkaufe. Dann wird es einfach eingerissen oder angezündet, bis kein Stein davon mehr auf dem andern ist. Ich hasse dieses Haus!« Wenn der Kammersänger Ignaz Fiechl sich ärgerte, ging sein braunes, offenes, kindliches Gesicht ganz auseinander und schien sich in einen einzigen ungeheueren Mund zu verwandeln, die kurze Nase verschwand, die flinken kleinen Augen sanken ein, der ganze Kopf war nur noch ein weites schnappendes Maul.

»Auf einmal wieder! sagte Fräulein Annalis, ruhig essend. »Du hast dich schon ganz beruhigt gehabt.«

»Ich?« fragte der Kammersänger, im höchsten Erstaunen.

»Du!« sagte Fräulein Annalis, gelassen.

»So?« fragte der Bruder.

»Ja«, sagte die Schwester.

»Nie!« sagte der Kammersänger.

»Du weißt es halt nicht mehr«, sagte Fräulein Annalis.

»Ich weiß«, sagte der Kammersänger, »daß ich mich zuweilen mit einer übermenschlichen Anstrengung beherrsche, um es dich nicht merken zu lassen, aus Rücksicht für dich also. Aber darauf achtet eine Frau ja nie, ich verlang's ja auch gar nicht. Wenn du aber deshalb nun so tust, als ob es mir ein Vergnügen wär, täglich in der Früh ein solches Schandmal einer durchaus ungermanischen Kunstrichtung zu sehen, so muß ich schon sagen, ich hätt mir einen besseren Dank von dir verdient. Denn wenn ich still bin und lieber nichts mehr davon sage, so geschieht das nur aus Rücksicht auf dich!«

»Ja du bringst immer Opfer«, sagte Fräulein Annalis.

»Es liegt in der Natur jedes wahrhaften Deutschen, Opfer zu bringen, erklärte der Kammersänger. »Das hängt mit dem Tiefsten der arischen Weltanschauung zusammen. Aber dafür könnt ich dann wohl auch verlangen, daß man mich wenigstens nicht noch reizt, zum mindesten nicht, wenn ich am Abend zuvor nach zwei Monaten zum ersten Mal wieder eine so schwere und stimmlich wie seelisch anstrengende Partie gesungen hab, wie der Hans Sachs ist, nämlich mein Hans Sachs. Wenn der Herr Kollege den Hans Sachs singt, der kann am andern Tag ruhig Häuser von Olbrich vertragen, aber es is auch danach. Ich nicht, ich kann's nicht, nach meiner Leistung kann man's nicht. Und daß das nicht einmal die eigene Schwester weiß, is traurig. Ein klein wenig könntest du schon auf mich Rücksicht nehmen und dich daran erinnern, daß ich nach solchen psychischen Erschütterungen Ruh brauch und verlangen darf, mit neuen Aufregungen verschont zu bleiben. Glaubst du nicht, mein liebes Kind?«

»Ich glaube schon, mein lieber Naz! sagte Fräulein Annalis. Besonders wenn du wie heut erst um fünf in der Früh nach Haus gekommen bist.«

»Hast du mich denn gehört?« fragte der Kammersänger, kleinlaut.

»Ein Toter hätt dich hören müssen«, sagte sie.

»Wir sind halt gestern etwas vergnügt gewesen, sagte er. Aber schließlich will der Mensch auch leben.«

Sie sah auf und sah ihn an. Wie jetzt ihr ernster Blick auf dem Bruder lag, der nichts merkte, hatte sie wieder jene seltsame Ruhe. Sie schien größer als sie war, und glich irgendeiner Urfrau, wie eingehüllt in Ewigkeit. Dann lachte Fräulein Annalis still und sagte vergnügt: »Darum kriegst du ja auch heut einen Nierenbraten mit Gurkensalat.«

»Bravo, sagte der Kammersänger. Du bist ja halt doch mein Annalisl! Wenn nur aber Gott dem Weibe nicht eine so geschwätzige Natur gegeben hätt! Laßt's mich doch nach meinem Hans Sachs ruhig essen und trinken! Das is so das einzige, was der Mensch hat.«

Und sie widmeten sich dem Essen. Der Diener glitt durchs Zimmer, mit weißen Handschuhen servierend. Durchs Fenster floß das Licht über den Tisch und ein Hauch der verblühenden Rosen.

Nach dem Essen trank der Kammersänger sein Glas aus, sah auf die alte Bauernuhr im Winkel und sprach: »Jetzt ist es gleich drei Uhr und du hast mir noch über den gestrigen Hans Sachs kein einziges Wort gesagt. Zweihundert Studenten haben mich am Türl erwartet. Die eigene Schwester aber findet es nicht der Mühe wert, mir auch nur wenigstens die Hand zu drücken.«

»Du hast mir ja verboten bei Tisch zu reden«, sagte sie.

Er wurde wieder zornig. »Über Sachen, die mich ärgern! Aber zwischen dem verrückten aus deines Herrn Höfelind und meinem Hans Sachs wird hoffentlich vielleicht doch noch ein Unterschied sein. Meinst du nicht?«

»Was soll ich dir denn über deinen Hans Sachs noch sagen, du dummer Naz?, fragte sie lächelnd. Darauf kommt's doch wirklich nicht an. Oder glaubst?«

Er hörte den zärtlichen Klang in ihrer tiefen Summe nicht und sagte: »Und du warst doch drin!«

Froh sagte sie: »Ich war drin.«

Er nickte. »Du warst drin! Hast aber natürlich auch nichts bemerkt. Sonst könntest du nicht sagen: mein Hans Sachs! No ja!« Er ging von ihr weg, durchs Zimmer hin. Und höflich belehrte er sie dann: »Nein, mein liebes Kind! Das war gestern nicht mein Hans Sachs, das ist ein Irrtum. Alle Achtung vor meinem Hans Sachs, der kann sich ja wirklich hören und sehen lassen, ich weiß schon. Aber das gestern, mein gutes Annalisl, das war doch wohl noch etwas mehr. Da ist es in mir aufgebrochen wie noch nie, mit einer unheimlichen Macht, und ein ganzer Mensch ist dagestanden, mir war selbst fast bang vor mir. Ein ganzer deutscher Mensch und in ihm das ganze deutsche Volk, mit allem was es nur vermag. So war's! Alle Achtung vor meinem Hans Sachs, aber der gestern, das war mehr. Von dem wissen nur drei Wesen: der liebe Gott, als er den wirklichen Hans Sachs erschuf, und Richard Wagner, als er seinen fand, und jetzt ich, seit gestern. Schade, daß es niemand von euch bemerkt hat! Aber von einer aus Kelten, Welschen, Juden und Tschechen vermischten Stadt kann man das ja wirklich nicht verlangen.« Dann rief er den Diener: »Hies! Wir nehmen im Salon den Kaffee.«

Er war gleich versöhnt, als er in den Salon trat. Die Dämmerung in diesem altdeutschen Zimmer mit den schweren alten Vorhängen und den kleinen bunten Scheiben, die großen Formen der reich geschnitzten Kasten und Stühle, der Glanz der Zinnkrüge auf den Borden über dem Kameeltaschensofa, die Stille der dicken Teppiche, die lange Reihe von alten Kränzen an der weißen Wand über den braunen Borden und alle die Truhen, Rüstungen, Waffen, Spindeln, Trinkhörner, Geweihe, Jagdtaschen und Handtuchweibchen um den alten grünen Kachelofen herum, gar aber der eingebaute Erker mit den zwei hohen alten Chorstühlen und den verschossenen Meßgewändern auf dem Klavier, den grünen Scheiben und der roten Ampel, dies nahm ihm immer gleich jede schlechte Laune wieder weg. Von allen guten Geistern des deutschen Volkes schien er sich hier umgeben und fühlte sich, wie er es auszudrücken pflegte, im sicheren Port. Hier hingen alle Bismarcks, die er sich nur verschaffen konnte, Wagner im samtenen Flaus, mitten unter seinen Gestalten, und endlich der Herr Kammersänger Ignaz Fiechl selbst, vielfach: als Student, zwischen zwei Schlägern, in Couleur, schwarz-rot-goldene Bänder und Bierzipfel rings, als Korporal mit den roten Aufschlägen der Rainer, als Bergsteiger in der Ledernen mit nackten Knien, als Wotan, König Heinrich, Marke, Hans Sachs und Landgraf, als Ritter vom Koburgischen Falken, das breite gelbe Band um den Hals, und immer wieder als Weltmann, das dicke Gesicht sehr ernst gefaltet, im hohen breitgeschweiften Zylinder, die weiße Nelke im Knopfloch, mit allen erdenklichen Westen. Und wenn er recht vergnügt war, ließ er alle Vorhänge schließen und das Licht in der Ampel anstecken. Ein sanfter roter Schein, von den grünen Scheiben gedämpft, floß dann über das dunkle Holz des großen deutschen Zimmers, und er saß im Lutherstuhl, trank noch eins und nannte das seine Gralsstimmung. Als aber Höfelind, der zynische Maler, einmal sagte, er trinke lieber Wein ohne Staub, hatten sie sich so gezankt, daß sie drei Wochen entzweit geblieben waren. Seitdem ließ er ihn nur noch in die Bauernstube, des Grals hielt er ihn nicht mehr für würdig.

»So fangt halt das jetzt alles wieder an!« sagte der Kammersänger beim Kaffee, sich im Lutherstuhle dehnend. Es war ihm aber nun offenbar gar nicht mehr unangenehm, daß es wieder anfing.

Dann blieb es in dem deutschen Zimmer lange still, bis auf einmal der Annalis liebe Stimme aus dem Dunkel kam. »Schau, sagte sie leise, wenn ich dir nur sagen könnt, was ich dir alles hab sagen wollen, als ich gestern in der Nacht herausfuhr. Bei Tag kommt's einem dann aber so dumm vor, und man schämt sich. Doch darfst du deswegen nicht gleich so von mir denken, weil ich dir nichts gesagt hab! Du kennst mich noch immer nicht. Und gar wenn man mit mir brummt, ist es ganz aus, da bleibt mir alles im Hals stecken. Ich geb ja zu, daß ich heut ein bißl verwurschtelt bin. Mir geht halt allerhand durch den Kopf.«

Er verstand nicht, daß sie gefragt sein wollte. Er nickte nur und sagte mahnend: »Mein liebes Kind, du hast mir aber auch über meinen neuen Anzug noch nichts gesagt!«

Sie sah ihn an und sagte mit hellem Erstaunen: »Ja! Es is wahr! Laß dich anschaun!«

Er nickte wieder. »Ja, das bemerkst du gar nicht. Und davon hab ich ja wirklich nichts, wenn du mir in der Nacht schöne Sachen sagen willst, während ich nicht da bin, sondern im Wirtshaus, was mir wahrhaftig kein Vergnügen macht, aber leider zur künstlerischen Anregung nun einmal unerläßlich ist.« Er stand auf und stellte sich hin, wie für den Photographen, indem er, sein gutmütiges Gesicht runzelnd, fragte: »Also wie gefällt er dir?« Er ging ein paar Schritte, drehte sich langsam um, ging wieder, blieb stehen, schloß den langen schwarzen Rock und ließ sich noch einmal ansehen.

»Wunderschön«, sagte sie.

Er antwortete gekränkt: »Du hast eben einmal keinen Sinn für Eleganz.«

»Aber wunderschön, wiederholte sie. Was willst denn noch?«

Der Kammersänger schüttelte den Kopf. »Wenn eine Frau sagt: wunderschön, das heißt, es interessiert sie gar nicht. Euch muß man kennen.«

Sie sagte lachend: »Mir bist halt in der Ledernen lieber. Ich bleib schon eine vom Land. Das wird sich nicht mehr ändern lassen, in meinen Jahren, ich glaub nicht.«

Sie trat in den Erker, ans Fenster, um über die lange weiße Mauer des Gartens nach dem Weinberg zu sehen.

Der Kammersänger sagte, wieder in seinem Lutherstuhl: »Um das handelt es sich nicht. Ich bleib auch einer vom Land. Es fällt mir nicht ein, ehrvergessen den Europäer zu machen, wie dein Herr Höfelind. Aber man muß den Leuten zeigen, daß man schon auch wer ist. Wenn sie sehen, daß ich mir einen ersten Schneider leisten kann, haben's noch einmal soviel Respekt.«

Vom Fenster her sagte sie: »No du leistest dir ja auch eine Gräfin.«

»Das gehört natürlich auch dazu, sagte er. Bist wieder einmal eifersüchtig?«

Da sie nicht antwortete und sich, still am Fenster, nicht regte, fragte er unmutig: »Was hast denn heut überhaupt? Gleich am ersten Tag! Du weißt, ich kann's nicht leiden, wenn eins so spissig ist.«

Nach einer Weile sagte sie: »Der Herbst kommt heuer bald. Dem Garten sieht man noch nix an. Aber in der Luft herbstelt's schon.« Sie hörte den Diener eintreten und fragte, sich umwendend: »Was ist?«

Der Diener antwortete: »Der Herr Radauner hat telephoniert, ob wir ihm nicht was zum Essen schicken könnten.«

»Aha! sagte der Kammersänger, vergnügt auflachend. Immer noch die alte Geschicht! Da strikt der Nußmensch wieder einmal.«

»Gleich«, sagte Fräulein Annalis und ging in die Küche.

Der Kammersänger zog sein lustiges Gesicht zusammen, warf die dicken Lippen auf, daß die beiden Furchen an der Nase sich noch vertieften, und sagte mit dem grimmigen Ernst, den er auf seinen Photographien hatte: »Wer ist für heut angemeldet?«

Der Hies antwortete: »Der Prinz Adolar kommt um fünf und gegen abend die Frau Gräfin.«

»Seine Kaiserliche Hoheit der Prinz Adolar heißt es«, verbesserte der Kammersänger.

»Seine Kaiserliche Hoheit der Prinz Adolar«, wiederholte der Hies.

»Du kannst dann der Frau Gräfin telephonieren, fuhr der Kammersänger fort, daß ich sie bitten laß, erst morgen gegen abend zu kommen. Sag, daß wir noch nicht ganz in Ordnung sind und meine Schwester noch auszupacken hat. Aber sehr höflich, Hies, verstanden?«

»Jawohl, Herr Kammersänger«, sagte der Hies, mit dem unverschämten diskreten Lächeln herrschaftlicher Lakaien.

Der Kammersänger gab ihm einen Tritt und sagte lachend: »Du machst dich, mein Hies! Du machst dich ganz gut heraus. Und du kriegst auch immer mehr schon das gewisse Watschengesicht, das dazu gehört! Bravo! Die Watschen wirst schon auch noch kriegen, da is mir nicht bang. So ein Kerl!« Und lachend stieß er noch einmal nach ihm, griff in die Tasche und warf ihm eine seiner Zigarren zu. »Hop! Aber aufpassen und mit Andacht! Es is eine von den ganz starken, die du so gern stiehlst!«

»Danke schön, Herr Kammersänger«, sagte der Hies, immer ganz herrschaftlich.

»Glaubst, ich weiß das nicht? Mein lieber Hies, ich weiß alles. Ich weiß, daß du meine Zigarren stiehlst, ich weiß, daß du dich in der Küch über mich lustig machst, und ich weiß, daß du mir, wenn dir morgen wer um einen Gulden mehr Lohn gibt, in derselben Stund noch aus dem Dienst gehst, und ich sitz dann da und kann mir wieder einen suchen. Denn du bist ein großes Luder, Hies! Ich aber auch, mein lieber Freund, und so passen wir ja ausgezeichnet zusammen, wir zwei verschlagenen Oberöstreicher wir! Du schaust auf dem Bock sehr gut aus, in der Frechheit nimmt's auch keiner mit dir auf, und ich hab meine Freud daran, wie du mir gelungen bist! Es is schon eine gesegnete Gegend, unser Landl!« Er lachte, sah den Hies an der Türe noch einmal von oben bis unten an und sagte dann, mit seiner kurzen fleischigen Hand winkend: »Ab, verehrter Herr, ab!«

Der Diener ging. Er wußte ganz genau, daß das alles nicht wahr war. Er hätte sich nie getraut, eine Zigarre seines Herrn zu nehmen. Er wußte, daß es ihm der Kammersänger nie verziehen hätte. Er war in der Stadt ganz unverdorben geblieben. Er wußte, daß der Kammersänger doch alles gleich bemerkt hätte. Er war dem Kammersänger hündisch treu. Er hätte sich für ihn erschlagen lassen. Er haßte die Stadt, wie sein Herr sie haßte. Aber er sah, daß sein Herr aushielt, um Geld zu machen, und so hielt er auch aus, um Geld zu machen; wenn sie einmal genug Geld haben werden, werden sie fortgehen, heim. Er sah, daß sein Herr vor den Leuten hier ganz anders tat. Also mußte man hier ganz anders tun. Er bemühte sich, es genau zu lernen; er machte alles nach. Bei sich aber blieb er immer gleich, hinter den Eisenstäben seines Oberösterreicher Mißtrauens. Sie waren die richtigen Oberösterreicher, er und sein Herr.

»Jawohl, Herr Kammersänger«, sagte der Diener und ging.

Ignaz Fiechl pfiff vor sich hin. Er hatte den Hies sehr gern. Das war einer, auf den man sich verlassen konnte. Der wär für ihn betteln und stehlen gegangen. Das gibt's doch heute nur noch zwischen der Salzach und der Enns. Was wußten denn die anderen noch von Treue? Denen zerfloß doch alles in diese wesenlose Humanität! Was geht mich die Menschheit an? Sich einen suchen, Herrn oder Freund, dem man die Treue hält! Und dann der ganzen Welt die Zähne gezeigt! Wie die damals, die dort die Donau hinab ins ungrische Land zogen, Hagen und Volker. Ihr Sinn ist bei uns aufgehoben. Die anderen sind längst alle verwelscht und verslawt. Nur wir bleiben noch treu.

Und dann fing der Herr Kammersänger Ignaz Fiechl wieder zu rechnen an, wie jeden Tag. In sieben Jahren ist seine Versicherung fällig. Das sind hundertfünfzigtausend Kronen. Auf der Bank hat er achtzigtausend. Zehntausend legt er jedes Jahr von der Gage weg, macht in diesen sieben Jahren siebzigtausend. Das waren also dann dreimalhunderttausend. Und in Gottes Namen noch zweimal Amerika, dann sind's viermalhunderttausend. Wenn er das Haus halbwegs geschickt verkauft, gibt's genug, um dafür einen stattlichen Hof in der Heimat einzutauschen. Sieben Jahre noch! Dann ist er gerade vierzig; im schönsten Alter. Sieben Jahre noch Kunstbetrieb und die Herren Journalisten anwedeln und sich von den Weibern beschmachten lassen, modisch aufgeputzt, einer von den Lieblingen der Stadt, die Faust im Sack geballt, noch die sieben Jahre! Dann aber heim, mit der Schwester und dem Hies, zum alten Vater, und die ganze Welt auslachen und ein Bauer sein. Seit er in die Stadt gekommen ist, vor fünfzehn Jahren, denkt er sich das jeden Tag und rechnet daran jeden Tag. Und jetzt sind's nur noch sieben Jahre bis dahin!

Wie er so saß, in seinem Lutherstuhl rauchend und rechnend, kam in sein großes, kindisch fragendes, weit offenes Gesicht mit den wachsamen kleinen Augen genau der Ausdruck unverzagter Güte, der an seinem Marke, seinem Sachs immer die Menschen so tief in der Seele traf.

Fräulein Annalis kam zurück. Der Kammersänger fragte lachend: »Ist der Nußmensch wieder einmal auf und davon?«

Achselzuckend ging sie wieder ans Fenster und sagte nur kurz: »Du weißt doch, wie er ist. Aber ich habe den armen Radauner schon nähren lassen.«

Der Kammersänger höhnte: »Das kommt davon, wenn man als Koch einen Chauffeur hat, der das aber eigentlich auch nicht ist, sondern mit Erlösungen hausieren geht, halb Kapuziner und halb Doktor Eisenbart, Kurpfuscher an Leib und Seele! Ich muß aber zugeben, daß das magische Hatscherl ja zu den Bildern des Herrn Höfelind und in das Haus des Herrn Olbrich völlig paßt. Wer diesen Stil aushält, von dem wundert's mich nicht, wenn er es auch verträgt, nackt im Gras zu liegen, nichts als Nüsse zu fressen und den Tod für überwunden zu halten; es ist nur konsequent!«

Er hörte sich gern reden. Er war es gewohnt, im Wirtshaus Studenten und Verehrern stundenlang seine Meinungen über Gott, die Menschheit und den Staat vorzutragen. Er glaubte sich eigentlich zum Redner geboren, nur rentiert sich das Singen halt besser. Sehr stolz war er auf sein reines Deutsch, ohne zu bemerken, daß es doch immer wieder in den schweren, dunklen, grollenden Klang der Oberösterreicher geriet. Die Bayreuther Art, sehr deutlich zu deklamieren und jeden Konsonanten für sich ausschwingen zu lassen, behielt er auch im Reden bei, so daß er schließlich bald an einen Landprediger, bald an einen akademischen Festredner erinnerte.

Da Fräulein Annalis ihn perorieren ließ, sagte er schließlich, um sie herauszufordern: »Ich würde meine Freunde wenigstens verteidigen! Oder solltest du von deinem Höfelind und deinem Nußmenschen auch schon wieder abgekommen sein? Zeit wär's!«

Fräulein Annalis antwortete nicht. Sie war auf einen Stuhl gestiegen, nahm die Humpen von den Borden und blies den Staub ab. Er fragte dann: »Hat denn übrigens der Radauner nichts gesagt, ob sie heut abend herüberkommen?«

»Nein«, sagte sie.

Er sagte ärgerlich: »Du hättest auch fragen können! Telephonier doch noch einmal! Es gehört sich. Wir haben gar keinen Grund, mit den Leuten unhöflich zu sein. Schließlich sind's unsere Nachbarn, und wenn die Manieren des Herrn Höfelind zuweilen manches wünschen lassen, so folgt daraus nicht, daß wir ihm das nachmachen müssen.« Und weinerlich fuhr er fort: »Und du weißt doch, daß ich das brauch, abends mit ein paar netten Menschen zusammen zu sein! Jetzt sind wir da zwei Monate unter den Bauern gesessen, es war ja ganz schön, aber mein liebes Kind, das genügt mir schließlich nicht, das kannst du nicht verlangen, schließlich bin ich ein Künstler, der ein gewisses Recht auf Anregung hat und sich auch wieder einmal aussprechen will! Wir könnten den Prinzen Adolar dabehalten, die Gräfin hab ich glücklich ausladen lassen, und wenn man die vier ein bißl durcheinander hetzt, kann's ganz lustig werden. Ein kaiserlicher Prinz, der durchaus den Tristan singen will, ein windischer Landstreicher, der den Magier und Welterlöser spielt, der so wie so komplett verrückte Höfelind und der alte Radauner, mit dem man nur über seinen Klee reden kann, ich denk, das wird genügen. Also vergiß nicht und telephonier dann das Narrenhaus noch an. Ja? Und laß das doch schon jetzt! Das ist auch so eine moderne Wahnidee, diese Todesangst vor jedem bißl Staub! Setz dich doch gemütlich zu mir! Was bist denn heut so zapplig?«

Hies brachte das Abendblatt. Der Kammersänger las das Repertoire. Er ballte die Zeitung zusammen und warf sie weg, knurrend: »Montag Cavalleria, Mittwoch Wiener Walzer, Donnerstag Traviata! Fünfundzwanzig Jahre nach Wagners Tod! Kunschtinstitut!«

Fräulein Annalis stieg vom Stuhl und ging in den Erker zurück ans Fenster. Dort sagte sie plötzlich: »Weißt, wer heute da war?«

»Wer?«

Sie kam aus dem Erker und trat an den Tisch. Langsam sagte sie: »Der Herr Hofrat Stelzer.«

Er fragte, nachsinnend: »Hofrat Stelzer?«

Sie sagte: »Ja, er is jetzt Hofrat. Weil er nicht mehr gewählt worden ist, haben's ihn zur Belohnung zum Hofrat beim Verwaltungsgerichtshof gemacht. Das hätten wir uns auch nicht gedacht, damals bei der Sedanfeier in Freilassing, wo du die siebzehn Knackwürste gegessen hast.«

»Der?«

Sie setzte sich zum Bruder und sagte still: »Ja. Er hat's halt immer verstanden. Er hat sich immer zur rechten Zeit umgedreht.«

Empört fragte der Kammersänger: »Was will denn der?«

»Uns wiedersehen, wahrscheinlich«, sagte Fräulein Annalis.

»Himmelherrgottsakra, der Hund!« Und der Kammersänger schlug mit seiner stumpfen fleischigen Hand auf den Tisch.

»Oder mich wiedersehen«, sagte sie lächelnd.

»Du hast ihn aber doch ordentlich hinausgelahnt?« Und der Kammersänger stieß mit dem Fuß aus.

Sie erzählte, ruhig: »Ich war gar nicht zu Haus, ich war grad einkaufen. Er hat mir aber ein eigenhändiges Schreiben dagelassen. Er will wieder kommen und fragt, wann es mir paßt.«

»Da laß nur mich antworten, sagte der Kammersänger schadenfroh. Ich werd dem Herrn Hofrat das schon besorgen.«

»Nein, sagte sie. Ich hab' ihm schon geschrieben, daß er nur telephonieren soll. Ich erwart ihn dann zu jeder Stunde, die ihm recht ist.«

»Annalis!« sagte der Kammersänger, starr.

Sie saß aufrecht und sah ihn mit ihren großen grauen Augen an, gelassen fragend: »Was?«

»Annalisl?« Er dehnte das Wort und ließ die letzte Silbe durch das Zimmer schweben. Dann sprang er auf und packte sie. »Ja, Annalis, hast du vergessen –?« »Nein«, sagte sie. Sie nahm seine Hand von ihrem Arm, stand auf und ging um den Tisch. »Es steht gar nicht dafür, daß du dich aufregst. Ich hab nichts vergessen. Sei ganz ruhig, ich weiß es noch genau, wenn's auch neunzehn Jahre her ist. Aber ich seh gar nicht ein, warum ich es einem Jugendfreund abschlagen soll, mich besuchen zu dürfen.«

»Schöner Jugendfreund! sagte der Kammersänger. Der Schuft hat dich elend verraten!«

»Ich bin dem Herrn Hofrat großen Dank schuldig, sagte Fräulein Annalis, lustig. Denn hätt er mich damals nicht sitzen lassen, so ging's mir heut gewiß nicht so gut, wie's mir jetzt geht. Ich denk mir wenigstens, daß es viel schöner ist, bei dir zu sein, als wenn er mich geheiratet hätt und ich jetzt seine Frau Hofrätin war. Glaubst nicht? Also dann schimpf aber nicht auf ihn, sondern sei froh! Hab ich nicht recht?«

Sie stand hinter dem Tisch und sah dem Kammersänger mit seinen kurzen dicken Beinen knieweit durch das Zimmer waten zu, bis es losging: »Weiberleut! Alle seid's gleich! Anspucken soll man euch! Ihr wollt's es ja nicht anders! Und wenn man euch dann nach zwanzig Jahren bloß den kleinen Finger zeigt, is alles vergessen und ihr zergeht's vor Rührung! Pfui Teufel!«

Sie setzte sich, nahm die Zeitung vom Boden und bog sie glatt, um zu lesen. »Wennst dann fertig bist und dich ausg'schimpft hast, laß mir's sagen.«

»Z'erst verspricht er dir das Blaue vom Himmel und verdreht dir den Kopf, dann wie sich's zeigt, daß der junge Herr ein reiches Mädl kriegen kann, ist die Trafikantin auf einmal zu schlecht für eine Advokatensfrau, dein Jammern und Flennen hat dir nix geholfen, der junge Herr kann seine Karriere nicht opfern! Natürlich! Handelskammersekretär, Gemeinderat, Landesausschuß, bis er richtig im Reichsrat sitzt und auf den Minister spitzt! No da muß aber doch ein Haar in der Suppen g'wesen sein! Und jetzt, wo er abgehaust hat, wo er siecht, daß nix mehr für ihn zu hol'n is, und wo die kleine Trafikantin die Schwester vom Kammersänger Fiechl is, a ja, da möcht er sich auf einmal erinnern, jetzt auf einmal, das schaut ihm gleich, und du hast ja offenbar die ganze Zeit bloß darauf gewartet, bis's ihm vielleicht doch wieder einmal gefällig sein wird! So muß man euch behandeln, ihr verdient's es nicht besser, so g'hört's euch! Ein Narr wär er g'wesen, wenn er dich damals g'nommen hätt! Wozu denn? Du hast ja geduldig gewartet, Jahr für Jahr! No und sixt, jetzt wirst belohnt! Jetzt is er ein alter Grasl, dem die Haar ausgehn, jetzt wird ihm bang, jetzt könnt er eine Pflegerin brauchen, auf die alten Tag! Und sixt, da denkt er jetzt an dich! Rührend, nöt? Und du gehst herum, als wenn's Christkindl vor der Tür wär!« Und er schrie: »Hör zu, wann dein Bruder dir was sagt! Das is wohl das wenigste, was ich verlangen kann!« Er stand vor ihr, sie saß unbeweglich, auf die Zeitung gebeugt. Er wurde zornig und riß ihr das Blatt weg. »Du wirst auch schon nicht mehr gescheit, Naz! sagte sie. Abends im Bett wirst dann jammern, um die Fortsetzung von dem Roman.« Und sie hob das Blatt auf und strich es sorgsam wieder glatt.

»Was er von dir will, will ich wissen!« brüllte der Kammersänger.

»Ich auch, sagte sie. Dazu muß ich aber doch mit ihm reden. Wann er kommt, wird er mir's sagen.«

»In mein Haus kommt er nicht, das garantier ich dir!«

Achselzuckend sagte sie: »Dann müßt ich halt zu ihm gehen. Wann dir das lieber ist!«

»Aber Himmelherrgottsakra, warum denn?« fragte der Kammersänger, wütend.

»Weil ich will, sagte Fräulein Annalis. Ich bin großjährig. Das könnt'st jetzt schon bemerkt haben.«

Der Kammersänger fing wieder durch das Zimmer zu waten an. Plötzlich sagte er, mehr weinerlich als zornig: »Das hat doch aber gar keinen Sinn!«

»Es muß nicht alles einen Sinn haben«, sagte sie.

Er schlug wieder seinen befehlenden Ton an. »Wo is der Brief von ihm?«

»Den Brief kannst haben, sagte sie. Er is in meinem Zimmer oben. Es steht aber nix drin, als daß er gestern in den Meistersingern war und dich gehört hat und den Wunsch hätt, uns nach so langer Zeit wieder einmal zu sehen.«

»Der war gestern drin?« fragte der Kammersänger.

»Ja«, sagte sie.

»Schreibt er da was Näheres drüber?« fragte der Kammersänger.

»Er schreibt, sagte sie, daß er seit einem Jahr immer drin is, wenn du singst.«

»Warum haben sie ihn denn eigentlich nicht mehr gewählt?« fragte der Kammersänger.

»Er hat doch die großen Reden gegen das allgemeine Wahlrecht gehalten, sagte sie. Da hat er sich eben einmal geirrt. Der Wind is anders gegangen.«

»No jetzt mit dem allgemeinen Wahlrecht, sagte der Kammersänger, da laßt's mich aus! Die Proleten werden 's nicht besser machen.«

»Vielleicht wirst auch noch Hofrat.«

»Ich mein ja nur, sagte der Kammersänger, ein Mensch kann doch seine Meinung haben. Es ist immerhin schad, wenn so kenntnisreiche Männer wie der Stelzer aus der Öffentlichkeit verdrängt werden. Gegen dich hat er sich ja gewiß nicht gut benommen, das hat aber mit seiner politischen Bedeutung nichts zu tun, die man ihm jedenfalls nicht abstreiten kann.«

»Und ins Theater geht er auch, wenn du singst«, sagte Fräulein Annalis.

»Wieso? fragte der Bruder, argwöhnisch. Was hat das damit zu tun?«

»Ich meine nur, sagte die Schwester, unschuldig. Das spricht doch auch für ihn.«

»Gewiß!« sagte der Kammersänger, ohne zu wissen, weshalb er so gereizt war.

»Und ich denk mir, sagte Fräulein Annalis, sanft, das wird wohl auch der eigentliche Grund sein, weshalb er uns wiedersehen will: es gilt offenbar dem verehrten Meistersänger.«

Er sah die Schwester an, ihr Ton gefiel ihm nicht, aber in ihren stillen grauen Augen, die ruhig über ihn weg in den Erker blickten, war nichts zu bemerken. Er fragte: »Warum ist er denn dann nicht gleich zu mir gekommen statt erst zu dir?«

»Vielleicht hat er sich gedacht, daß es dir am Ende nicht recht wär.«

Nun erinnerte sich der Kammersänger erst wieder und fing wieder zu toben an. »Das auch noch! Ich soll vielleicht noch springen vor Vergnügen, wenn der Schuft –« Er brach plötzlich ab und erklärte ruhig belehrend: »Denn da gibt's nichts, mein Kind! Damals war er ein Schuft. Wie er sich damals gegen uns benommen hat, das war eine Schufterei. Oder gegen dich halt. Mir persönlich hat er ja nie was getan. Das hätt ich ihm auch nicht geraten. Immerhin aber –« Er ging zur Wand und schob den großen Bismarck zurecht, der schief hing. Dann kam er zurück und fuhr fort: »Immerhin kommt es aber, ja vor, daß ein Mensch sich ändert. Das muß man auch bedenken. Schließlich war er damals kaum sechs- oder siebenundzwanzig, und wer weiß, wie ihm die Pittnerischen eingeheizt haben, daß er das Mädl nimmt, schön war sie ja nie! Gott, der alte Pittner hat seine Händ damals überall gehabt, und das reizt halt so einen jungen Menschen, plötzlich den reichen Herrn zu spielen und jede Tür offen zu finden. Ohne Luderei is noch keiner hinaufkommen, das darf man ja wirklich nicht so genau nehmen! Wie der Mensch sich dann benimmt, wann er einmal oben is, darauf kommt's an, da zeigt es sich erst, hinauf muß man schließlich irgendwie, denn unten bleiben, davon hat man auch nix.«

»Du hätt'st mich an seiner Stelle sicher auch nicht genommen«, sagte Fräulein Annalis, in ihrem verschlossenen Ton.

»Von mir ist nicht die Rede«, sagte der Kammersänger, ärgerlich.

»Aber nehmen wir an, sagte sie. Nehmen wir an, du hättest dich als junger Mensch in eine kleine Trafikantin, in die Tochter von einem armen Tierarzt auf dem Land verliebt! Ich möcht wissen!«

»Ich hätt mich nicht verliebt!« sagte der Kammersänger, gereizt.

»Aber nehmen wir an!«

»Ich kann nicht so was Dummes annehmen, sagte der Kammersänger. Ich hätt mich nicht verliebt, das gibt's einfach nicht, ich kenn mich doch. Das war bei mir ausgeschlossen, daß ich mich unpraktisch verliebt hätt. Außerdem hab ich mich überhaupt nie verliebt, das weißt du doch, sondern die Weiber haben sich immer in mich verliebt, dafür kann ich nichts, ich hab mir noch bei einer jeden gewünscht, ich wär sie wieder los!«

»Du hast halt Glück!« sagte Fräulein Annalis »Glück, meine liebe Annalis, Glück hast du gehabt, belehrte sie der Kammersänger. Von ihm war's ja gemein, dich sitzen zu lassen, aber was wär denn aus euch geworden? Er nix, du nix, schließlich wär er heut ein kleiner Advokat in Tamsweg oder in Vöcklabruck und du säßest mit einem Schippel von Kindern da! Der Mensch darf sich nur nix vormachen, mein liebes Kind!« Würdevoll trug der Kammersänger seinen stattlichen Leib durch das Zimmer hin und her, die linke Hand auf dem Rücken, während er die Finger der rechten alles demonstrieren ließ.

»Das beste wär vielleicht, sagte Fräulein Annalis, du gingest zu ihm, du!«

»Wieso? fragte der Kammersänger. Wie komm denn ich dazu?«

»Ich mein nur, sagte sie, weil mir vorkommt, daß ihr euch ausgezeichnet verstehen werdt's! Während ich – no ja, Frauen sind darin viel schwerfälliger, ich kann mich da noch immer nicht so hineinfinden, ich bin sicher ungerecht gegen ihn. Also hätt'st keine Lust?«

Ihr verdächtiger Ton war ihm unbehaglich. »Man weiß ja bei dir nie, was dahinter steckt!«

»Ich weiß es schon«, sagte Fräulein Annalis.

Er wurde zornig. »Bitt dich, tu nur nicht so! Du hast es wirklich nicht nötig! Du willst ja jeden Moment was anders! Zuerst warst ganz Seligkeit und Griesschmarrn, da wärst am liebsten noch heut zu ihm hingerannt! Und jetzt auf einmal möchst mich spötteln, weil ich einem Menschen nicht, was vor zwanzig Jahren g'schehn is, durchs ganze Leben nachtragen werd! Wo bleibt da der Zusammenhang? Weiberleut, Weiberleut!«

Hies trat ein, meldend: »Seine Kaiserliche Hoheit der Prinz Adolar.«

Der Kammersänger schrie: »Er soll hinauf, ich komm dann gleich, er soll nur einstweilen allein ein bißl üben! Und tanz mir nicht immer ins Zimmer herein, wenn ich grad was Wichtiges besprechen muß! Könnt'st auch schon wissen, daß der Prinz immer grad dann kommt, wenn man ihn am wenigstens brauchen kann! Mein Gott, dem geht's mit allem so! Aber du bist ja ka Prinz!« Und er brüllte noch mehr: »Also marsch, endlich! Ich will jetzt Ruh haben!« Und er schlug hinter dem Diener die Tür zu.

»Du hast ihn ja für fünf bestellen lassen«, sagte die Schwester.

»Und jetzt hab ich halt keine Lust, punktum!« sagte er, kurz. Plötzlich aber geriet er wieder in Wut, die sich immer mehr auf den unschuldigen Prinzen entlud. »Was glaubt denn der überhaupt? Ich pfeif darauf! Ein Künstler wie ich ist mehr als alle Prinzen miteinand, so weit sind wir doch heut schon, Gott sei Dank! Und wenn mir das vielleicht imponieren soll, weil er den Anarchisten macht – mein liebes Kind, wenn einer schon einmal ein Prinz is, is mir noch am liebsten, er is ein ordentlicher Prinz! Und nicht so einer, der mit den Juden schöntut! Da lach ich! Wenn die Prinzen jetzt den Tristan singen, wird nix übrigbleiben, als daß im nächsten Krieg ein Tenor kommandiert, in so einem Land leben wir! Ich kann dir nur sagen: ein Prinz, der mit Theaterleuten herumzieht, imponiert mir gar nicht! Gar nicht! Verächtlich ist mir das, wenn du's wissen willst! Einfach verächtlich! Er soll lieber schaun, daß unsere Kanonen in Ordnung sind! Wär g'scheiter, als daß er mir mit seiner Singerei die Ohren vollmacht!«

»Es hat dich ja niemand gezwungen, ihn anzunehmen, sagte Fräulein Annalis. Wenn er kein Talent hat, was plagst dich denn mit ihm? Schick ihn fort!«

»Er hat ja Talent« sagte der Kammersänger, plötzlich ganz ruhig.

»No also!« sagte sie.

»Er hat's doch aber gar nicht nötig!« sagte der Kammersänger, sich wieder erzürnend. Er hatte noch den Rest seiner ziellosen Wut abzuladen.

»Das geht dich ja nichts an«, sagte sie.

»Ich kann's aber nicht leiden, daß die Welt so schlecht eingeteilt ist!«

»Du kannst es aber nicht ändern.«

»Ich kann mich aber doch ärgern!« schrie der Kammersänger.

»Das kannst«, sagte Fräulein Annalis.

»Ich will mich aber nicht jeden Tag ärgern, schrie der Kammersänger. Dazu bin ich nicht da!«

»No so schick ihn weg!« wiederholte Fräulein Annalis.

Gelassen fragte der Kammersänger auf einmal: »Warum soll ich ihn denn wegschicken? Ich weiß gar nicht, was du immer gegen ihn hast. Er ist so ein netter Mensch!« »Naz! sagte Fräulein Annalis. Ich hab eine himmlische Geduld!«

»Ja, jetzt möcht'st auskneifen, sagte der Kammersänger. Das ist echt weiblich! Ich will aber jetzt endlich einmal hören, was du eigentlich gegen ihn hast.«

»Aber um Gotteswillen! sagte Fräulein Annalis. Wenn du dich jedesmal ärgerst, so oft er kommt!«

»So laß mich doch mich ärgern! sagte er, vergnügt. Vielleicht ärger ich mich gern. Und dir schad'ts ja jedenfalls nix!« Und er sah sie verschmitzt aus seinen schlauen kleinen Bauernaugen an und lachte mit dem wulstigen breiten Mund.

»Nein, mir schad'ts ja nix«, wiederholte Fräulein Annalis.

»Ich möchte dich nur aufmerksam machen, sagte der Kammersänger, sanft, daß wir jetzt seit einer Stunde reden, und ich weiß noch immer nix. Ich weiß noch immer nicht, was du eigentlich von mir willst. Das ist charakteristisch für die Art, wie Frauen wichtige Dinge behandeln. Wenn ihr einmal wirklich das Wahlrecht kriegts, kann das schön werden.« Und sehr strenge fügte er hinzu: »Kind, ich kann den Prinzen wirklich nicht länger warten lassen. Es wäre nicht höflich. Also du mußt jetzt schon so gut sein und dich endlich entschließen. Ich würde dir raten, dem Hofrat einen artigen Brief zu schreiben, daß es dir sehr leid tut, seinen lieben Besuch verfehlt zu haben, und so weiter und so weiter, und daß wir uns sehr freuen werden, ihn recht bald bei uns zu sehen, an dem und dem Tag, und so weiter und so weiter. Das scheint mir das Gescheiteste zu sein. Nur sich nicht mit alten Feindschaften abschleppen, das hat gar keinen Sinn! Und du machst dich auch nur lächerlich, wenn du ihm zeigst, daß du das noch immer nicht verschmerzen kannst. Denn so würde das doch aussehen, wenn du jetzt Geschichten machst! Hab ich nicht recht?«

»Du hast bekanntlich immer recht«, sagte Fräulein Annalis.

»Wenn du's nur einsehen möchst!« sagte der Kammersänger.

»Ich werd mir Mühe geben«, sagte sie.

»Zeit wär's«, sagte er. Und väterlich fügte er noch hinzu: »Also vergiß nicht den Brief heute noch zu schreiben! Heute noch, das gehört sich.«

»Ich hab ihn schon geschrieben«, sagte sie.

»Also dann is ja alles gut, sagte der Kammersänger. Wozu haben wir uns dann erst gestritten? Aber Weiberleut tun's halt schon nicht anders.« Er sah sie vergnügt an, neugierig, ob sie sich wehren würde.

»Nein, sagte sie, Weiberleut tun's schon nicht anders.«

»Du, du!« sagte er, mit dem Finger drohend.

»Was denn?« fragte sie.

Er sagte, kampfbereit: »Tu mir jetzt nur nicht noch einmal aufmucken!«

»Was hab ich denn gesagt?« fragte sie.

»Aber gedacht hast dir was, sagte er. Euch muß man kennen!«

»Denken ist erlaubt«, sagte sie.

»Aber merken darf man's nicht lassen! Sonst is es ärger, als wenn man was sagt. Sagen kannst meinetwegen, was du willst. Aber wannst nix sagst, sondern nur so schaust, daß ich merk, du denkst dir was, du möchst was sagen und sagst es bloß nicht, weils dich nicht traust, da werd ich wild. Euch muß man kennen!«

»Du kennst uns halt«, sagte Fräulein Annalis.

»Leider, sagte der Kammersänger. Es is kein Vergnügen. Und jetzt wollen wir halt in Gottesnamen die Gesangshoheit angehen!« Er wendete sich seufzend zur Türe.

Sie sagte: »Sei nicht wieder gar so grob mit dem armen Kerl!«

»Das verstehst du nicht, sagte der Bruder. Das is ein Prinzip! So einem Prinzen muß man zeigen, was ein Kammersänger is, und er soll Respekt vor der Kunst kriegen.«

Er ging aber noch immer nicht und stand unentschlossen an der Türe. Dann kam er zurück und sagte zur Schwester: »Annalisl, gelt, du bist doch g'scheit?« Sie regte sich nicht. Ohne sie anzublicken, fuhr er fort, sich verlegen räuspernd: »Denn weißt, Annalisl, ich hab halt nur Angst gehabt, dir steckt am End die alte G'schicht noch immer im Kopf, das wär doch dumm!«

Sie schüttelte sich. Er hob seine kurze dicke Hand, er hatte Lust sie bei den Haaren zu nehmen, in denen schon ein paar weiße Fäden waren. Dann aber zog er die Hand zurück und sagte nur: »No ja! Du bist eine Heimliche, da weiß man doch nie! Und Alter schützt vor Torheit nicht, heißt's ja. Es war aber doch eine Schand, nöt? Und was fanget denn ich an, wann du mir fortgingst? Wo man hier heraußen so schwer eine Köchin kriegt, nicht wahr?«

»No also das, sagte Fräulein Annalis, das war meine geringste Sorg, da wär mir nicht bang! Ich glaub, die Frau Gräfin lernet auch noch kochen, wenn's sein muß! Wenn sie mich dafür draußen hätt, lieber heut als morgen!«

Der Kammersänger machte sein Gesicht ganz feierlich, und seine lustigen kleinen Augen standen still, als er ihr versicherte: »Du weißt doch, daß ich nie, solange du bei mir bist, auch nur einen Gedanken an eine Trennung von dir zulassen werde. Was ich einmal versprochen hab, dabei bleibt's. Und übrigens tust du der Gräfin Unrecht, das hab ich ihr längst klar gemacht.« Und plötzlich wurde er wieder zornig und schrie: »Und außerdem heirat ich überhaupt nicht, wie oft soll ich euch das noch sagen? Und die Gräfin wär schon gar die letzte! Das fehlet mir grad noch!«

»Arme Person!« sagte Fräulein Annalis.

Er wurde noch zorniger. »Warum denn arm? Ich weiß gar nicht, was du willst! Sie denkt nicht daran!«

»No vielleicht doch«, sagte Fräulein Annalis.

Er wiederholte: »Sie denkt nicht daran, dazu kennt sie mich viel zu gut!«

Er ging von ihr weg und sagte dann noch, ruhiger: »Ich liebe die Gräfin. Also da is nix zu machen, das geht dich auch gar nix an. Sei froh! Schließlich is das noch immer das Gescheiteste, da hat man doch noch eher Ruh vor den andern. Aber heiraten? Nie! Das weißt du auch ganz gut! Jetzt bist einmal bei mir, jetzt bleibst schon bei mir. Wenn ich einmal eine Pflicht übernommen hab, die halt ich auch. Es liegt tief im deutschen Wesen begründet, eher sich selbst zu verderben als sein Wort zu brechen.« Er ließ diesen Satz erst ausklingen, bevor er, in einem gemächlicheren Ton, noch sagte: »Also darüber könntest du schon einmal beruhigt sein. Ganz abgesehen davon, daß du doch weißt, wie mir die Gräfin zuwider ist!«

»Das weiß ich gar nicht! rief Fräulein Annalis lachend. Woher denn?«

Er sagte: »No wenn du das noch nicht bemerkt hast, tust mir leid!«

»Grad hast du mir noch erklärt, daß du sie liebst!«

Er war schon sehr ungeduldig. »Jetzt fang nicht wieder an, die einfachsten Dinge zu verwickeln! Gewiß liebe ich sie, aber deswegen kann sie mir doch zuwider sein, das hat miteinander gar nix zu tun. Die ganze Stadt is in die Gräfin verliebt, voriges Jahr hat sich doch sogar einer erschossen wegen ihr, da frag wen du willst, jeder wird dir das bestätigen, daß sie eine ganz ungewöhnliche Frau is, wenn du's auch nicht zugibst, weil du halt eifersüchtig bist! Nur sympathisch ist sie mir halt nicht, aber das gehört doch auf ein anderes Blatt! Dagegen natürlich, wenn man ans Heiraten dächt, nein, ich dank schön! Da möcht ich doch um eine andere Nummer bitten! Aber ich heirat ja überhaupt nicht! Denn wenn ich einmal was versprochen hab, da gibt's nix! Das wär sehr dumm, wenn du dir da Gedanken machen möchst! Bleib nur schön bei mir, es is ganz gut, wie es is!«

»Und dann, sagte Fräulein Annalis langsam, wenn du doch vielleicht einmal heiraten willst, die müßt ja aus Linz sein.«

Er fragte verblüfft: »Was soll denn jetzt das wieder heißen?«

Sie sagte nachdenklich: »Oder aus Lambach. Das ging auch noch grad. Aber jedenfalls zwischen Linz und Lambach muß sie geboren sein, sonst gibt's ein Unglück.«

Er schrie, heftig zur Türe watend: »Laß mich mit deinen Dummheiten aus!«

»Denn nur, sagte sie, wenn eine zwischen Linz und Lambach geboren ist, kann sie so einen Oberöstreicher Schädl verstehen, wo immer ganz was anderes herauskommt, als eigentlich drin is.«

»Laß mich aus!« Und er schlug grunzend die Türe zu.

Fräulein Annalis sah ihm sinnend nach. Eigentlich, dachte sie, war sie ja genau so wie er. Sie hatten beide das, daß sie sich nicht aussprechen konnten. Sie konnten nicht laut denken. Auch sie fand, wenn in ihr etwas recht stark war, nie das Wort dafür, und was sie sprach, war immer nur so gesagt und hatte von ihren Gedanken, von ihren Gefühlen nichts. Und doch half es ihr sehr, mit dem Bruder zu reden, denn während sie stritt oder schalt und spöttisch, heftig oder ausgelassen war, konnte sie viel besser nachdenken als allein. Schließlich hatten sie dann immer nur Unsinn geredet, aber im Stillen war ihr alles klar geworden. Sie wunderte sich selbst, wie das eigentlich zuging. Wenn sie was auf dem Herzen hatte, sagte sie dem Bruder nichts davon; man bekam aus ihm ja doch kein vernünftiges Wort heraus. Sie ließ ihn nur reden, was ihm eben einfiel, und machte sich allenfalls den Spaß, ihn zu reizen, bis er wütend wurde. Er schrie dann, sie blieb ihm nichts schuldig, so zankten sie stundenlang. Und der Schluß war, daß sie dann das Richtige traf. Sie konnte dann alles so sicher entscheiden, als ob sie sich mit dem gescheitesten Menschen beraten hätte. Als es sich voriges Jahr um seinen neuen Vertrag mit der Hofoper handelte, war's doch auch so gewesen. Er hatte sie ja gar nicht angehört, sondern nur über den Direktor getobt und ihr geschworen, eher auf der Landstraße Steine zu klopfen als noch einmal in dieser vermaledeiten Stadt abzuschließen, was einfach eine Entehrung für ihn sei. Und dann war er in sein Zimmer hinauf und hatte sich eingesperrt und Punkt für Punkt alles so klug aufgesetzt, daß die Juristen staunten. Und ihr wieder war's doch heute genau so gegangen! Jetzt hatte sich's entschieden, und alle dumme Furcht war weg. Der Herr Hofrat sollte nur kommen, jetzt freute sie sich auf ihn! Er stellte sich wohl noch immer das verliebte kleine Mädl mit den blonden Zöpfen vor? Er mochte nur kommen, und dann konnten sie sich messen, sie war jetzt bereit! Und sie lachte sich selbst aus, ihren eigenen Schreck, als sie, vom Markt kommend, seinen Brief gefunden, und diese närrische Verwirrung, in der sie am liebsten gleich auf und davon gelaufen wäre. Und jetzt saß sie ganz ruhig und freute sich. Das kommt halt davon, wenn man einen so klugen Bruder hat, mit dem man sich über alles beraten kann! Es hilft, scheint's, beinah noch besser als das Mittel des Nußmenschen, die Hände zu falten, die Sonne anzurufen und sich vorzusagen: O Mensch!

Da stand nun jene ganze Zeit wieder in ihr auf. Als wenn's gestern gewesen wäre, sah sie sich in der engen Trafik, neben der alten Frau Majorin Schodoa mit der großen schwarzen Hornbrille und dem zahnlosen bösen Mund, die den ganzen Tag nachzählte und sich immer verrechnete. Im Winter war's ein bißchen kalt, der Wind schlug von der Brücke durch den Bogen herein, und die Herren konnten sich nicht angewöhnen, die Türe zu schließen; die Majorin hatte wenigstens den dicken Fußsack. Im Sommer war's ein bißchen muffig, aus den alten steilen Häusern der schmalen Getreidegasse roch es nach Käse, leeren Bierfässern und gebranntem Kaffee, der Schuster nebenan hatte Juchtenstiefel und fettgeschmierte Bergschuhe draußen hängen, und sie spürte noch heute, wie es ihr dann wohltat, eine Kiste gut abgelegener Virginier aufzumachen und den hellen Duft einzusaugen, weil sie ja schon einmal jetzt nicht mehr hinaus ins Heu durfte, wie früher daheim beim Vater, aber das ging halt jetzt nicht mehr, sie war schon ein großes Mädl, bald sechzehn, und mußte verdienen, sonst hätt der Ignaz nicht studieren können. Und es war ja noch ein großes Glück, daß die Frau Majorin sie nahm, in die beste Trafik der Stadt, die die feinste Kundschaft hatte. Da kamen die Herren vom Gericht, der Herr Oberfinanzrat, für den sie immer die ganz blonden Portorikos aussuchen mußte, der Domherr Zingerl, der dann oft den ganzen Vormittag bei der Frau Majorin sitzen blieb und die Zeitungen hier las, und alle Herrn Offiziere, mittags, nachdem sie auf der Brücke auf und ab gegangen waren, und dann noch einmal abends nach dem Befehl, bevor sie wieder auf der Brücke auf und ab gingen. Es war doch sehr lustig, man erfuhr alles in der Stadt, aber abends taten ihr schon manchmal die Knie sehr weh und dann mußte sie noch erst alles abzählen, die Frau Majorin zählte nach und verrechnete sich immer, sie glaubte es aber nicht, da war sie nicht angenehm. Und dann mußte sie die Frau Majorin noch nach Haus begleiten, ins Nonntal, weil sie sich fürchtete. Selbst wohnte sie auch vor der Stadt, aber auf der anderen Seite, in Mülln draußen. Manchmal wurde ihr der Weg recht weit. Bis dann die Zeit kam, wo der Julius jeden Abend auf sie wartete, vor dem Glockenspiel, am Hofbrunnen, und mit ihr ging; da war es gar nicht mehr weit. Und heut ist er ein Hofrat! Sonderbar kam ihr das vor. Hofrat Julius Stelzer. Wie alt das klang! Und Julius paßte doch gar nicht dazu, für sie blieb das ein ganz junger Name. Wie schnell das Leben vergeht! Vor zwei Jahren war seine Frau gestorben. Wie hatte sie diese Frau gehaßt, die ihr mit ihrem Geld alles nahm! Und die war nun tot. Und der Julius war jetzt ein Witwer, alle diese Worte kamen ihr so merkwürdig vor. Wenn sie damals, vom Nonntal zurück, atemlos vom Laufen, aus der Kaigasse zum Platz einbog, in Erwartung, endlich die Gestalt des wartenden Geliebten zu sehen, ungeduldig auf und ab mit dem großen Hut und seinen langen Turnerbeinen, und es hätte wer gesagt: das wird einmal ein Hofrat und ein Witwer sein! Da hätten sie gelacht! Das paßte doch gar nicht zu ihm, das hätte sie sich damals nicht denken können. Er mit seinen blauen Augen und dem blonden Schnurrbart! Und alles an ihm war damals wallend und flatternd, er schien immer eine Fahne zu schwingen. Darum hat sie's ja auch nie begreifen können. Nein, eigentlich begreift sie's heute noch nicht. Wenn er was sagte mit seiner jauchzenden Stimme und einen ansah aus seinen blauen Augen, da hätte man sich dafür foltern lassen, daß es wahr war. Und als er ihr dann damals den Brief schrieb, jenen so gescheiten Brief, daß es halt nicht geht und daß der Mensch doch vernünftig sein muß und daß man nicht im ersten Rausch eine Dummheit für sein ganzes Leben machen darf, da lachte sie ja nur und hielt es für einen Spaß, denn was da geschrieben stand, dazu konnte sie sich seine blauen Augen gar nicht vorstellen. Und er hätte ihr das auch sicher nie sagen können, das glaubte sie heute noch fest. Mit seinem eigenen Mund hätte er ihr das niemals ins Gesicht gesagt, schreiben kann man alles! Aber er reiste ja weg, er war ja feig. Und dann schrieb der alte Pittner ihrem armen Vater, und der holte sie. Und seitdem weiß sie, daß ein Mensch anders sein kann, als seine Augen sind. Es ist vielleicht ganz gut für sie gewesen, daß sie das so bald erfahren hat. Wenn sie geheiratet hätten und es hätte sich dann erst gezeigt? Denn nicht was er ihr tat, wie er an ihr handelte, traf sie so tief, sondern daß er der Mensch war, überhaupt so handeln zu können. Nein, es war ein Glück für sie, daß es noch aufkam. Einmal wär's ja doch offenbar geworden, schließlich hätte sie ihn doch gesehen, wie er wirklich war, hinter dem Schein seiner blauen Augen! Und was dann? Sie kannte sich, sie konnte sich nicht bescheiden. Verzichten, ja. Sich abfinden, nein. Niemals und nirgends. Wenn was für sie nicht ganz zu haben war, dankte sie. Auf halb und halb ließ sie sich nicht ein. Dann lieber gar nicht, man muß nicht von allem haben. Ihr schönes Gefühl für den Julius konnte man ihr ja doch nicht nehmen. Das blieb ihr, auch als sich zeigte, daß es diesen Julius, den sie geliebt hatte, ja gar nicht gab. Der andere, der dann plötzlich so gescheit war und das hektische Fräulein Pittner mit der spitzen Nase nahm, hatte doch nur die Augen von ihm. Um diese Augen war ihr wohl sehr leid, da hat sie manche Nacht geweint. Aber es ist ganz gut für sie gewesen, das nun zu wissen. Ihren Julius behielt sie; der andere, der sie verließ, ging sie nichts an. Und als dann später, weil man sich doch trösten muß und nun einmal Weiberleut, wie ihr Bruder sagte, ein hinfälliges Geschlecht sind, andere Männer kamen, war es doch immer nur ihr Julius noch, den sie immer wieder liebte, auch wenn er jetzt einen schwarzen Schnurrbart hatte. Und sie wußte jetzt von Anfang an, daß es ein Ende hat. Und wenn man das gleich weiß und so gescheit ist, vor dem Ende noch aufzuhören, dann geht's. Man muß nur von den Männern lernen und auch so gescheit sein wie sie. Das mögen sie freilich nicht und sind dann gekränkt. Sie kann ihnen aber nicht helfen, sie war damals auch gekränkt, so gleicht sich alles aus. Und dann taugen ja die Männer alle nichts außer allenfalls ihr Bruder, und der auch nur wenn er singt. Das weiß sie doch jetzt. Die Hauptsache ist, daß man das einmal weiß. Wenn man das einmal weiß, ist es mit den Männern ganz lustig. Sie hat doch seitdem manches erlebt, was sie nicht hergeben möchte. Man muß nur fest entschlossen sein, das zu wissen, und immer dabei bleiben. Und so mag der Herr Hofrat doch kommen! Es war ungefährlich. Ein Hofrat und ein Witwer! Nein, sie blieb schon ihrem Julius treu. Der Hofrat glaubt freilich sicher, daß sie noch immer das dumme Mädl mit den blonden Zöpfen ist. Tut mir leid, Herr Hofrat! Das gibt's so wenig mehr als den langen Julius mit den Turnerbeinen, der damals jede Nacht ungeduldig am Mozartdenkmal stand, in die schwarze Kaigasse spähend. Die zwei sind am selben Tag verschwunden. Aber im übrigen soll der Herr Hofrat herzlich willkommen sein!

Nein, sie fühlte sich ganz sicher. Es war gerade so, wie wenn plötzlich die Tür aufgegangen und die Frau Majorin Schodoa hereingekommen wär; die müßte nun schon über neunzig sein. Man hätte sich sehr gefreut und nach allem erkundigt und an alles erinnert, vielleicht ein bißchen wehmütig, wie schon Erinnern es immer ist, aber im Stillen doch eigentlich sehr froh, weil's hier auf dem grünen Berg über der Stadt ja wirklich viel schöner ist als in der dumpfen kleinen Trafik, wo's nach Schnupftabak und Juchten roch, während hier der Wind die roten Rosen ins Zimmer bringt. Das war alles vorbei, vorbei! Und froh war sie, daß es vorbei war! Sie hat nichts im Leben bereut, aber sie wünscht sich auch nichts zurück. Wie alles gekommen ist, war's am besten. Und jetzt möchte sie nichts, als daß es halt noch recht lang so bleibe, wie es ist. Und wenn es dann den Bruder einmal nicht mehr freut und er hat genug verdient, dann gehen sie nach Henndorf zurück, und da wird sie Hendln und Schweindln haben. Da passet doch ein Hofrat gar nicht hin!

Es klopfte. Eine Knabenstimme fragte: »Darf ich ein bißl zu Ihnen kommen, Fräuln Annalis?«

Sie rief: »Kommen's nur herein, Hoheit! Is denn die Stund schon aus?«

Der Prinz trat ein, verlegen lächelnd. »Der Herr Kammersänger hat mich weggejagt.«

»Aber nein!«, sagte Fräulein Annalis, lachend.

»Ganz im Ernst. Heute war es wirklich Ernst. Könnten Sie nicht dann vielleicht ein gutes Wort für mich sagen? Nicht wahr, Fräulein Annalis? Er hat ja ganz recht, ich seh's ja selbst ein. Ich weiß nicht, zu Haus kann ich's, da weiß ich auch alles genau, wie er's will, aber hier, wenn ich dann anfang, da geht's halt wieder nicht, ich weiß nicht, was das ist!«

»Sie müssen halt Geduld haben«, sagte Fräulein Annalis.

»Oh, ich hab schon Geduld, sagte der Prinz eifrig, sich neben sie setzend. Glauben Sie doch das nicht! Ich schon! Ich hätt Geduld genug.« Er sah sie lächelnd an und sagte leise: »Wenn nur der Kammersänger ein bißl mehr hätt! Aber er schreit gleich so fürchterlich. Und dann geht's halt gar nicht.«

»Ja daran müssen Sie sich gewöhnen, sagte sie. Er schreit mit allen.«

Der Prinz ließ seinen langen dünnen Hals hängen, im Sessel vorsinkend, und saß nachdenklich. Endlich sagte er: »Auf die anderen wirkt das halt vielleicht nicht so gräßlich. Aber er sollte doch vielleicht bedenken, daß ich –« Er hielt ein, wurde rot und entschuldigte sich: »Ich meine nur, nicht, Fräuln Annalis?«

»Sie meinen, weil Sie ein Prinz sind?« sagte sie. Er sagte traurig: »Ja.«

»Ja schaun's, Hoheit, sagte sie, verstehen Sie denn das nicht, daß er grad deswegen mit Ihnen noch mehr schreit, damit Sie nicht am End glauben, daß er, weil Sie ein Prinz sind, mit Ihnen weniger schreit?«

Der Prinz beugte sich noch tiefer vor, die schlaffen Arme auf den gekreuzten Beinen verschränkt, angestrengt nachgrübelnd. Plötzlich schoß es rot in sein langes gelbliches Gesicht einer alten Frau. Seine großen Augen verzagten, seine dünnen Lippen zuckten, und indem er sich mit dem Zeigefinger den starken Bug seiner heftigen Nase rieb, sagte er, in einem hochmütigen, enttäuschten und müden Ton: »Nein, Sie mißverstehen mich, so war's nicht gemeint! Nicht so, Fräuln Annalis! Nicht so!«

»Sind's nicht wieder gleich beleidigt, Hoheit, sagte sie, sondern sagen's, was's also eigentlich wollen!«

Er setzte sich auf, mit beiden Händen das linke Knie hebend, und sagte langsam, als ob er einen sehr verwickelten Fall darzulegen hätte: »Wenn ich meine, daß man mich anders behandeln muß als andere, weil ich ein Prinz bin, so mein ich das doch aber nicht so, als ob ich mich deshalb für etwas Besseres halten möcht, sondern im Gegenteil! Kennen Sie mich denn noch so wenig, Fräuln Annalis? Nicht daß man eine Rücksicht auf einen Prinzen nehmen soll, sondern daß man Nachsicht mit mir haben muß, Nachsicht mein ich, weil wir doch ganz falsch erzogen sind!« Er sprang plötzlich auf, um durchs Zimmer zu rennen, und sagte heftig: »Wenn ich hätt wie Ihr Bruder mit den Gassenbuben in die Volksschule gehen dürfen, wär ich vielleicht ein gerad so ein großer Künstler! Was aber aus ihm mit meiner Erziehung geworden wär, möcht ich auch wissen! Und statt mir zu helfen, wird mir dann das noch übel genommen! Ja es hat mich ja niemand gefragt, ob ich ein Prinz werden will! Aber da kann ich jetzt tun und reden was ich will, niemand glaubt, daß es mir Ernst ist!« Er hielt plötzlich ein, und seine liebe Knabenstimme fragte: »Geniert Sie's, wenn ich so herum renn? Ich muß ein bißl laufen.«

»Hupfen Sie nur!« sagte Fräulein Annalis. Wie er nach ein paar großen Sätzen seiner schwankenden Beine plötzlich immer wieder stehen blieb, um dann wieder auszugreifen, hatte das wirklich was von einem Heupferd. Dann fiel seine Stimme herab und er sagte, ganz entmutigt: »Und auch Sie nicht! Nicht einmal Sie, Fräuln Annalis, glauben mir!«

»Ich glaub Ihnen schon«, sagte Fräulein Annalis, sich wieder ganz in die große Ruhe hüllend, in der sie zuweilen dann gleichsam unsichtbar wurde.

Er sah sie an, schüttelte den langen Kopf und sagte traurig: »Niemand glaubt mir! Bei uns wird ja alles immer für eine bloße Spielerei gehalten.« Und er wurde wieder heftig. »Ich habe Sie hundertmal gebeten mich nicht Hoheit zu nennen! Warum sagen Sie mir nicht einfach Herr Doktor? Ich bin's, ich hab mich genug geplagt!«

»Weil's kindisch ist, sagte sie. Und es nützt Ihnen auch gar nix! Das ist erst recht eine Spielerei!«

»Sehn Sie!« klagte der Prinz.

»Was ein Mensch einmal ist, sagte Fräulein Annalis, das bringt er nicht mehr weg. Sie haben's doch erfahren! Was haben's denn erreicht, auf Ihrer Insel, mit dem Klub der neuen Menschen? Ausg'lacht sind's word'n, und gegraust hat Ihnen vor der Gesellschaft! Und schließlich waren Sie froh, daß man Ihnen verziehen und Sie wieder schön in Gnaden aufgenommen hat. Sie haben's mir ja selbst erzählt! So also, da könnten's doch jetzt schon einmal kuriert sein!«

»O nein!« sagte der Prinz rasch, treuherzig.

Sie mußte lachen. »Nein?«

»Daß das niemand verstehen kann!« sagte der Prinz. Er trat zu ihr und stand, den dünnen Hals vorgehängt, mit eingesunkener Brust. Und er quälte sich ab, es ihr zu erklären. »Natürlich war das ein Irrtum, damals! Man kann nicht in der jetzigen Welt, während ringsherum alles so bleibt wie's is, in irgendeinem Winkel eine freie Menschheit gründen. Es geht halt nicht. Vor allem schon deswegen nicht, weil man nicht die richtigen Leute dazu kriegt. Oder wenigstens ich nicht. Ich hab keine gefunden, vielleicht bin ich zu schwach dazu. Denn Fräuln Annalis, ich bin ja keine starke Natur, das weiß ich schon. Aber deshalb kann man doch das Richtige wollen. Und darauf kommt es an! Wenn einmal genug Menschen da sind, die das Richtige wollen, dann wird es sein. Und eigentlich glaub ich noch heut, daß schon jetzt genug Menschen da wären, die das Richtige wollen, aber sie finden sich nicht, einer weiß vom andern nichts, das ist das Schreckliche! Und wenn ich auch einseh, daß ich es damals ganz falsch angepackt hab, so folgt doch daraus nur, daß man es halt anders versuchen muß. Aber den Glauben, daß sich die Menschen einmal ohne Gewalt und vernünftig einrichten werden, wird mir niemand nehmen! Das weiß ich, denn wenn man etwas so stark spürt, muß es wahr sein. Glauben Sie nicht?« Er hing mit seinen bittenden Augen an ihr und wartete ängstlich.

Sie fragte: »No und wenn Sie jetzt wirklich den Tristan singen?«

Er verstand sie nicht und fragte bestürzt: »Wieso? Was hat das damit zu tun?«

»Das mein ich ja, sagte Fräulein Annalis. Was hat das damit zu tun? Wenn Sie wirklich den Tristan singen, was wird denn anders werden? Sie sagen, daß es Ihnen damals mißlungen ist, weil Sie's falsch angepackt haben. Aber glauben Sie, durch Ihren Tristan wird's gelingen? Wie hängt das überhaupt zusammen? möcht ich wissen.«

»O doch!« sagte der Prinz kleinlaut. Er sprang mit seinen knickenden Beinen durchs Zimmer. Plötzlich blieb er stehen und bat: »Sagen Sie mir die Wahrheit!«

»Ich sag Ihnen immer die Wahrheit, das könnten Sie schon bemerkt haben.«

Er beteuerte: »Ich kann sie wirklich vertragen. Da bin ich gar nicht so, wie Sie denken! Ich vertrag nur nicht, nie zu wissen, wie's eigentlich um mich steht. Weil doch jeder meint, einen Prinzen muß man anlügen. Das war's ja von jeher. Die Leute glauben immer, sonst werden sie gleich eingesperrt.« Er kam ganz dicht an sie heran. »Sagen Sie mir ehrlich, ob Sie glauben, daß ich's kann!« Und furchtsam fügte er aber gleich hinzu: »Natürlich jetzt noch nicht, das weiß ich schon. Aber wenn ich fleißig bin und mir alle Mühe geb wie bisher, mein ich. Ich möchte nur wissen, ob irgendeine Aussicht vorhanden ist, daß ich es einmal können werd!«

»Mein Bruder sagt ja, daß Sie Talent haben.«

Seine großen ängstlichen Augen erglänzten. »Wirklich? Glaubt er?«

Fräulein Annalis nickte.

»Aber, fragte der Prinz, meint er: überhaupt Talent? Oder meint er bloß: für einen Prinzen?«

Fräulein Annalis lachte. »Jetzt sagen Sie mir nur, Hoheit, warum Sie sich eigentlich so quälen? Wenn Ihnen das Singen Freud macht, so singen's doch und fragen's nicht lang und sind's froh, daß Sie nicht darauf angewiesen sind!«

»Sehn Sie! klagte der Prinz. Auch Sie weichen mir aus! Sogar Sie, Fräulein Annalis!« Und er schrie plötzlich: »Ich verlange, daß man mir die Wahrheit sagt! Ich bin kein Kind mehr! Das kann ich verlangen!« Aber gleich selbst über sich erschreckend sagte er rasch: »O Pardon! Ich mein nur.«

»Sehn's! sagte Fräulein Annalis. Wenn Ihnen was nicht paßt, möchten's einen doch auch am liebsten gleich verhaften lassen. Dann wundem Sie sich aber, wenn man vorsichtig mit Ihnen ist. Weiß man denn, ob es nicht die schuldige Ehrfurcht verletzt? Ich kenn ja 's G'setz nicht, aber das hohe C von einem Prinzen ist doch sicher auch gesetzlich geschützt. Und wann Sie daneben singen, werden Sie recht haben, und nicht der Wagner; ein Prinz hat doch immer recht! Ein Prinz kann ja gar nix falsch machen, denn dadurch, daß er's macht, wird's ja das Richtige! Jetzt is Ihnen dann aber das auch wieder nicht recht! Ja was wollen's denn eigentlich noch?«

Der Prinz sagte, mit einer hochmütigen Höflichkeit: »Früher haben mich solche Reden sehr aufregen können. Heute find ich, daß eigentlich gar nicht soviel Mut dazu gehört. Und ich wunder mich nur, daß auch Sie, Fräuln Annalis, sobald es sich um uns handelt, ungerecht und gehässig werden. Sogar Sie! Ich überschätze gewiß meine Herrn Brüder und meine Herrn Vettern nicht, aber das muß ich schon sagen, ich glaube nicht, daß es unter ihnen heute noch einen einzigen gibt, der irgendeinen Menschen verachten oder aburteilen würde, oder gar ihn hassen, bloß weil er einen schlechten Rock an hat oder weil er ein Arbeiter ist oder weil uns seine Manieren nicht gefallen. Uns aber wird dies von den gescheitesten Menschen angetan, und niemand scheint zu fühlen, wie ungerecht man gegen uns ist. Jedem Vagabunden räumt man ein, daß er schließlich auch ein Mensch ist. Aber niemand scheint zu bemerken, daß auch ein Prinz sozusagen ein Mensch ist.«

»Ein jedes Geschäft hat halt auch seine Schattenseiten«, sagte Fräulein Annalis, ungerührt.

Der Prinz fuhr fort: »Wenn ein Kellner, ein Hausknecht, ein Straßenkehrer plötzlich seine Stimme entdecken möcht und zu Ihrem Bruder käm, würde der ihm ganz deutlich seine Meinung sagen. Mir sagt er entweder Grobheiten, aber so, daß ich fühle, nicht weil's falsch war, sondern nur um mir zu zeigen, daß der Herr Kammersänger es sich erlauben kann, auch mit einem Prinzen grob zu sein. Oder wenn er mir keine Grobheiten sagt, dann weiß ich erst nicht, ob's gut war und ob er sich nicht vielleicht bloß wundert, daß es einen Prinzen gibt, der Noten lesen kann. Das ist unsere Tragik, Fräuln Annalis!«

»Hoheit, es gibt soviel Tragik auf der Welt! sagte Fräulein Annalis. Ihre wäre mir noch die liebste. Die muß sich schon ertragen lassen.«

»Ich würde mir jede andere eher wünschen«, sagte der Prinz.

»Ja, jeder wünscht sich die andere, sagte Fräulein Annalis. Die er nicht hat!« Sie sah ihn lächelnd an. »Ihnen geht halt nichts so sehr im Kopf herum, als wie schön es wär, wenn Sie kein Prinz wären!«

Der Prinz nickte. »Ja das wünsche ich mir!« Und sehnsüchtig wiederholte er, hoffnungslos: »Kein Prinz zu sein!«

»Und sehn Sie, sagte Fräulein Annalis, ich hab mir aber in meinem ganzen Leben noch nicht gewünscht, eine Prinzessin zu sein. Obwohl ich dann im Tiergarten spazieren gehen könnt, was ich mir schon sehr schön vorstell.« Und sie zeigte durchs Fenster über den Weinberg zur alten Mauer hin. »Abends kommen manchmal die Rehe jetzt bis an die Mauer und schauen ganz frech zu mir her. Da lockt's mich oft schon sehr. Aber ich sag mir halt: Du bist ja keine Prinzessin! Ich hab aber noch nie gesagt: Ach, wenn ich doch eine Prinzessin wär! Weil ich weiß, daß mir das doch auch gar nix nutzen möcht. Und so saget ich mir an Ihrer Stelle halt auch: Du bist ein Prinz, du bleibst ein Prinz, da gibt's schon einmal nix, und es hat ja doch auch wieder manches für sich! Nicht? Sein wir nur aufrichtig!«

»Glauben Sie denn aber nicht, fragte der Prinz, daß ich ein Mensch sein könnte? Ein einfacher Mensch wie die anderen!«

»Ja, glauben Sie denn, sagte Fräulein Annalis, daß ich nicht eine Prinzessin sein könnte?«

»Gewiß! rief der Prinz. Das sag ich ja!«

Fräulein Annalis lachte. »Nur eins fehlt mir halt dazu: ich bin keine! Vielleicht wär's auch viel schöner, wenn ich ein Aff war! Denken Sie sich: den ganzen Tag auf den Bäumen kraxeln können! Aber ich bin halt keiner! Und ein Aff in Schönbrunn denkt sich vielleicht wieder, wie schön das wär, in einem altdeutschen Zimmer zu sitzen und mit einem wirklichen Prinzen über den Tristan zu reden! Aber es nutzt ihm nix! Ein Aff bleibt ein Aff und ein Prinz bleibt ein Prinz! Da, Hoheit, hört sogar Ihre Macht auf!«

»Meine Macht! sagte der Prinz kläglich. Meine Macht besteht darin, daß ich niemals erfahren werd, ob ich eigentlich den Tristan singen kann oder nicht!«

»No und was war dann, fragte Fräulein Annalis, wenn Sie ihn wirklich singen? Der Ignaz glaubt ja, daß Sie's können werden. No und was dann? Was haben Sie dann erreicht? Ich meine: für die Menschheit? Denn warum sollen Sie nicht den Tristan singen, wenn es Ihnen Spaß macht? Das versteh ich ja! Aber wieso das ein neuer Weg zur Erlösung der Menschen sein soll, das versteh ich noch immer nicht! Denn das behaupten Sie doch?«

»Kommt es denn nicht vor allem darauf an, die Menschen einander zu nähern? fragte der Prinz. Ich glaub ja immer, die neue Menschheit ist schon da, nur weiß es noch keiner vom anderen und darum traut einer dem anderen noch nicht. Wenn die Menschen erst einmal beisammen wären, dann könnten sie sich verstehen und dann würden sie mit Erstaunen bemerken, wie weit alle schon sind! Die Menschen kommen aber nicht zusammen, weil jeder in irgendeinem Rang oder in irgendeinem Stand steckt, aus dem er nicht heraus kann. Es wird also nie gelingen, bevor nicht Einzelne das Beispiel gegeben haben, daß der Mensch heute keinen Rang und keinen Stand mehr braucht, sondern sich draußen viel wohler fühlt. So ein Beispiel will ich geben. Man soll empfinden: Da ist ein Prinz, der gar keinen Wert darauf legt, ein Prinz zu sein, sondern sich einfach menschlich betätigen will, wie irgendein anderer! Und das ist mir immer klarer geworden, daß alles jetzt nur darauf ankommt, Menschen heranzubilden, die bloß auf den Menschen Wert legen, möglichst viele solche Menschen, die nichts anderes sein wollen und alles abwerfen, worauf sie bisher stolz gewesen und worum sie bisher beneidet worden sind. Glauben Sie denn nicht, Fräuln Annalis, daß das herrlich wär?«

»A so denken Sie sich das«, sagte Fräulein Annalis und nahm den Mantel ihrer großen Ruhe wieder um. Ja, so mein ich das«, sagte der Prinz ganz feierlich und ihr Urteil erwartend

»Da möcht ich mich aber, sagte Fräulein Annalis langsam, an Ihrer Stelle nicht erst mit dem Singen plagen. Ziegel schupfen am Wienerberg wär leichter und war vielleicht noch ein besseres Beispiel.«

»Das liegt mir aber doch ferner«, sagte der Prinz, nachdenklich. Er trat in den Erker ans Fenster. Die letzte Sonne hing in den großen alten Bäumen des Tiergartens, der Weinberg unter ihnen schlief schon ein. »Ich muß vor allem heraus! sagte der Prinz. Heraus muß ich!«

Dann kam er wieder zu der ruhigen Gestalt der großen stillen Frau, legte leise seine Hand auf ihren Arm und sagte bittend: »Glauben Sie mir doch, daß ich's ehrlich meine! Kein Mensch glaubt an mich! Das ist so schrecklich!« Da sie sich nicht regte, zog er seine Hand wieder von ihr ab. »Und so steht man ganz allein! Warum hilft einem niemand?«

»Helfen kann man sich nur selbst«, sagte Fräulein Annalis.

Der Prinz schüttelte den Kopf. »Zu einem Bettler würden Sie das nicht sagen!«

»Mit einem Bettler ist es halt auch leichter«, sagte Fräulein Annalis.

Der Prinz nickte. »Ja jeder Bettler hat's besser als ich!«

»Nur nicht gleich wieder übertreiben, Hoheit!« sagte Fräulein Annalis.

»Glauben Sie denn, fragte der Prinz, ein seelischer Hunger tut nicht ebenso weh?«

»Lassen Sie's gut sein, Hoheit! Und sind's froh, daß's den andern nicht kennen!«

Der Prinz hatte plötzlich wieder seinen hochmütigen Ton. »Ich glaube bestimmt, daß die Not der Armen heute überschätzt wird. Mit ihnen hat man wenigstens Mitleid. Aber um unsere kümmert sich niemand! Ich habe ein viel menschlicheres Verhältnis zu den Menschen, als die Menschen zu mir. Ganz gewiß!«

»Das mag schon sein, sagte Fräulein Annalis. Aber Hoheit, Sie haben halt auch sonst keine Sorgen.«

»Ich will allen meine Hand bieten, klagte der Prinz, aber niemand nimmt sie!«

Fräulein Annalis fragte: »Was soll man denn aber eigentlich auch anfangen mit Ihrer Hand?«

»Ja, sagte der Prinz, beschämt. Das ist es ja! Glauben Sie denn, ich fühle das nicht selbst? Keinem Menschen etwas sein können! Können Sie sich nicht vorstellen, was das für ein entsetzliches Gefühl ist? Sie haben Ihren Bruder, und so wissen Sie, wozu Sie da sind, Ihr Leben hat einen Sinn und einen Zweck! Und Ihr Bruder wieder hat seine Kunst und weiß, daß er durch sie Tausenden von Menschen hilft, weil er ihnen Mut macht und wieder Kraft gibt! Das muß man ja nur einmal sehen!« Und ganz leise sagte er, hell: »Ich war gestern heimlich auf der vierten Galerie, niemand hat mich erkannt.« Und er lachte wie ein Bub, dem ein Streich gelungen ist. Aber plötzlich standen seine großen ängstlichen Augen wieder still; er sah dann immer starr vor sich hin, als ob er auf dem Boden etwas zu suchen hätte. Und indem er den harten Knochen seiner Nase rieb, sagte er: »Einmal so dort unten stehen und den Menschen etwas geben! Ihr Bruder kann nie mehr ganz allein sein, denn er weiß doch, daß er in Tausenden von Menschen ist! Das wär's!« Er zögerte, und ganz leise sagte er dann noch, in den Boden sehend, stockend: »Bei der heiligen Kommunion hab ich das früher auch empfunden. Nämlich, daß den Mensch sich gleichsam ausdehnt, als ob alle Herzen in seiner Brust schlagen würden!« Er erinnerte sich lange, dann strich er sein glattes weiches Haar zurück und sagte: »Aber mein Glaube ist mir ja auch genommen worden. Alles wird einem genommen, und man bekommt nichts dafür. Ich kann aber nicht nachgeben, bis ich irgendwie wieder einen Weg zu den Menschen gefunden hab. Also vielleicht find ich ihn in der Kunst. Und jedenfalls kann man in der Kunst sozusagen einstweilen unterstehen, bis diese schauerliche Zeit vorbei ist. Ja! Bis halt die Revolution kommt!«

»No seins so gut! sagte Fräulein Annalis. Wenn Sie mein Bruder hört! Er zankt sich deswegen immer schon mit dem Höfelind!«

»Ja, ich weiß, daß er das nicht leiden kann, sagte der Prinz kleinlaut. Er ist für die Hohenzollern. Also das begreif ich wirklich nicht! Ich war einmal bei Manövern draußen. Nein, das ist sicher ein Irrtum! Nicht, daß ich das aus Egoismus sag! Aber glauben Sie mir, für unsere Menschen war das nichts.«

»Mein Bruder ist ja in Berlin nach zwei Monaten kontraktbrüchig geworden, sagte Fräulein Annalis. Vor lauter Heimweh! Aber ich versteh das ja nicht, von Politik dürfen's mit mir nicht reden!«

»Nein, das ist nicht Politik, Fräuln Annalis! sagte der Prinz eifrig. Politik mag ich auch nicht, aber die Revolution gehört doch nicht in die Politik! Die Revolution wird sein, weil die Menschen ja sonst in ihrer Einsamkeit zugrunde gehen! Denn sehen Sie, daß so, wie wir zwei, Sie und ich, Fräuln Annalis, ja doch ganz gut miteinander sind, nicht wahr?, ich hab Sie sehr gern, und Sie sind doch wirklich immer so lieb mit mir, und Sie haben Geduld mit mir und hörn mir zu, und ich plag mich und red und red und red in Sie hinein, und es nutzt doch nix, wir kommen nicht zusammen – daß so um jeden Menschen eine Wand is, wie zwischen uns, und jeder sitzt hinter seiner Wand und sehnt sich krank, kann aber über die Wand nicht hinaus, sehn Sie, Fräuln Annalis, das können die Menschen jetzt nicht mehr aushalten, glauben Sie mir, das gibt's nicht! Und das wird die wirkliche Revolution sein, die mit der dummen Politik gar nichts zu tun hat: die Wand muß weggenommen werden, darum handelt es sich, das will die Revolution! Die Revolution will einfach unter den Menschen wieder Ordnung machen. Und es ist die höchste Zeit dazu!« Er war ganz rot geworden, vor Vergnügen, es ihr so gut erklärt zu haben.

Aber da scholl vom Flur der gewaltige Baß des Kammersängers herein: »Hoheit!! Hoheit!! Wo steckt er denn?« Und eintretend, schalt der Kammersänger: »Natürlich! Ich such im ganzen Haus, und er sitzt hier! Wie lang soll ich denn noch warten auf Sie? Kommen Sie zum Arbeiten heraus oder zum Plauschen? In die Kittelfalten werden's die verschluckten Konsonanten nicht finden. Also vorwärts!«

»Darf ich?« fragte der Prinz, mit seiner frohen Knabenstimme. Und eilig dem Kammersänger folgend, rief er noch zurück: »Nicht bös sein, Fräuln Annalis, daß ich wieder so viel g'redt hab! Und schönsten Dank noch für alles!«

Fräulein Annalis ging in den Garten, um die Blumen zu gießen. Aus dem Fenster oben sank des Prinzen ängstlich innige Stimme weich herab. Und dazwischen hörte sie den Kammersänger schimpfen.

Der Abend kam mit leisem Schritt. Im Dunst der fernen Stadt schwammen die vielen Lichter. Und das Haus von Olbrich mit dem steilen Dach sah schwer und ernst auf sie her, wie ein hockender großer Vogel.

Da mußte sie wieder an den Nußmenschen denken, und über den Prinzen lächelnd, sprach sie still vor sich hin, als wär's ein Gebet: »O Mensch!«

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