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Nutzlose Schönheit

Guy de Maupassant: Nutzlose Schönheit - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleNutzlose Schönheit
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume15
printrunViertes Tausend
year1910
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectid3155151c
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Das Bild

– Das da ist Milial, – sagte jemand neben mir.

Ich betrachtete den Mann, den man mir bezeichnet hatte, denn schon längst hatte ich Luft, diesen Don Juan kennen zu lernen.

Er war nicht mehr jung. Sein graues, ein wenig wirres Haar ähnelte jenen Pelzmützen, die nördliche Völker tragen, und sein feiner, langer Bart fiel ihm auf die Brust und sah auch beinah wie Pelz aus. Er sprach mit einer Frau, neigte sich zu ihr, redete leise und blickte sie mit süßem, Zärtlichkeit und Liebe verheißendem Blick an.

Ich kannte seine Lebensgeschichte, wenigstens soviel davon bekannt war. Er war ein paar Mal bis zum Wahnsinn geliebt worden, und Dramen hatten stattgefunden, in denen sein Name genannt ward. Man redete von ihm, wie von einem sehr verführerischen, fast unwiderstehlichen Mann. Wenn ich die Damen fragte, die am meisten von ihm schwärmten, um zu erfahren, woher seine Macht käme, antworteten sie immer, nachdem sie es sich ein paar Augenblicke überlegt:

– Ich weiß nicht recht, es ist ein gewisser Reiz.

Schön war er sicher nicht, nicht elegant, wie wir uns den Eroberer der Frauenherzen auszumalen pflegen. Ich fragte mich, weil es mich interessierte, worin nun eigentlich das Verführerische bei ihm läge. In seinem Geist? Nie hatte ich von etwas Geistreichem gehört, das er gesagt hätte, noch hatte jemand behauptet, daß er gescheit wäre. In seinem Blick vielleicht oder in seiner Stimme? Die Stimme mancher Menschen hat einen sinnlichen, unwiderstehlichen Liebreiz, die köstliche Süße eines ausgezeichneten Kuchens. Man hungert danach, sie zu hören, und der Ton ihrer Worte schmeckt uns wie ein Leckerbissen.

Ein Freund ging vorüber. Ich fragte ihn:

– Kennst Du Herrn Milial?

– Jawohl.

– Bitte, mach mich doch mal mit ihm bekannt.

Eine Minute später drückten wir uns die Hand und unterhielten uns. Was er so sagte, war ganz nett zu hören, aber nichts Besonderes. Seine Stimme war allerdings schön, weich, zärtlich, musikalisch. Aber ich hatte doch noch packendere, fesselndere gehört. Man lauschte ihm mit Vergnügen, wie man etwa ein nettes Wässerchen dahinfließen hört. Um ihm zu folgen bedurfte es keiner geistigen Anstrengung; kein Doppelsinn erregte die Neugierde, man wartete auf nichts, das da kommen sollte, das einen in Spannung hätte versetzen können. Seine Unterhaltung war mehr beruhigend und erregte in uns nicht die geringste Lust zu antworten, oder ihm zu widersprechen, noch auch, ihm begeistert zuzustimmen.

Es war übrigens ebenso leicht, ihm zu antworten, wie ihm zuzuhören. Die Antwort erfolgte eigentlich von selbst, sobald er mit sprechen fertig war, und die Worte kamen einem, wie wenn das, was er gesagt, sie einem aus dem Munde lockte.

Eine Beobachtung machte ich bald. Ich kannte ihn jetzt seit einer Viertelstunde, und mir war es, als wäre er ein alter Freund, als kennte ich alles an ihm seit langer Zeit schon, sein Gesicht, seine Bewegungen, seine Stimme, seine Gedanken.

Nachdem wir ein paar Minuten geschwatzt hatten, war es mir, als wäre ich plötzlich mit ihm ganz intim. Zwischen uns waren alle Thore geöffnet, und ich hätte ihm vielleicht über mich selbst, wenn er es gewünscht hätte, allerlei Beichten abgelegt, Dinge gesagt, die man nur den ältesten Freunden mitteilt.

Darin lag gewiß etwas Geheimnisvolles. Diese Schranken, die zwischen allen Wesen bestehen und die mit der Zeit, eine nach der anderen, fallen, wenn Sympathie, gleicher Geschmack, dieselbe Weltanschauung und immerwährende Beziehungen nach und nach daran gerüttelt haben, schienen zwischen mir und ihm nicht zu existieren, und ohne Zweifel ebensowenig zwischen ihm und allen Männern wie Frauen, die ihm der Zufall in die Arme trieb.

Nach einer halben Stunde trennten wir uns mit dem Versprechen, uns oft wiederzusehen. Er gab mir seine Adresse, nachdem er mich auf den übernächsten Tag zum Frühstück eingeladen.

Ich hatte die Stunde vergessen und kam zu früh. Er war noch nicht heimgekehrt. Ein stummer, sehr korrekter Diener öffnete mir einen schönen ein wenig dunkeln, ruhigen, intimen Salon. Ich fühlte mich wohl darin wie in meinem Heim. Ich habe so oft den Einfluß bemerkt, den Wohnungen auf den Charakter und Geist ausüben. Es giebt Zimmer, in denen man sich immer albern vorkommt, andere, in denen man sich immer angeregt fühlt. Die einen machen einen, obgleich sie hell, weiß, goldig sind, immer traurig, die anderen erheitern, obwohl die Tapeten und Stoffe ganz ruhig sind. Unser Auge, wie unser Herz hat seine Abneigungen und seine Zuneigungen, die es uns oft nicht augenfällig mitteilt, sondern nur heimlich, plötzlich, indem es unsere Laune beeinflußt. Die Harmonie der Möbel und Wände, der Stil einer Wohnung reagiert sofort auf uns, wie die Waldluft, die Meeresluft oder die Bergluft unser Befinden ändert.

Ich setzte mich auf einen ganz unter Kissen begrabenen Divan und fühlte mich plötzlich durch diese kleinen, Seiden-überzogenen Federsäcke getragen und gefesselt, als ob dies Möbel genau für Form und Gestalt meines Körpers gemacht worden wäre.

Dann blickte ich mich um. Es war nichts Auffallendes im Zimmer. Überall standen schöne, bescheidene Gegenstände, einfache aber seltene Möbel. Vorhänge aus dem Orient, die nicht nach dem großen Kaufladen riechen, sondern nach dem Innern eines Harems, und gerade mir gegenüber hing ein Frauenbild. Es war ein Brustbild mittlerer Größe, Kopf und Oberkörper sowie die Hand, die ein Buch hielt. Sie war jung, trug nichts auf dem Kopf und lächelte etwas traurig. War es, weil sie nichts im Haar hatte, oder weil ihre Stellung so natürlich war, aber mir kam es vor, als hätte ich noch nie ein Bild gesehen, das so an einem Ort hing, wohin es paßte, als dieses. Fast alle Bilder, die ich kenne, wirken posierend. Entweder haben die Damen zum Gemaltwerden andere Kleider angezogen oder sich anders frisiert, oder sie machen den Eindruck, als wüßten sie genau, daß sie gemalt werden und daß sie dann vor allen da stehen werden, die sie ansehen, oder sie geben sich absichtlich lässig in einem studierten Negligé.

Die einen stehen majestätisch da in voller Schönheit, mit einem Ausdruck von Größe, den sie sicher im gewöhnlichen Leben nicht oft gehabt haben. Andere zieren sich auf der starren Leinwand, und alle haben irgend eine Blume, ein Schmuckstück, eine Falte am Kleide oder einen Zug um den Mund, der vom Maler offensichtlich auf den Effekt berechnet ist. Ob sie nun einen Hut aufhaben, eine Spitze über dem Haar oder im bloßen Kopf sind, man errät immer irgend etwas, das nicht ganz natürlich ist. Was? weiß man nicht, da man sie nicht gekannt hat, aber man fühlt es. Es ist, als wären sie nur zu Besuch bei Leuten, denen sie gefallen möchten und vor denen sie sich möglichst vorteilhaft zeigen wollen. Ihre Stellung, sei sie von oben herab, sei sie ganz bescheiden, ist einstudiert.

Was soll ich von dieser sagen? Sie war ganz intim, zu Haus, allein. Ja, sie war allein, denn sie lächelte, wie mau lächelt, wenn man still an etwas Trauriges und Süßes denkt, nicht wie man lächelt, wenn einen jemand sieht. Sie war so allein und daheim, daß sie dieses ganze große Zimmer absolut tot machte. Sie bewohnte, erfüllte, belebte es ganz allein. Es konnten viele Menschen hier eintreten, alle Leute konnten sprechen, lachen, sogar singen, und sie wäre doch mit ihrem einsamen Lächeln allein geblieben und hätte den Raum allein belebt mit ihrem Blick aus dem Bilde heraus.

Und dieser Blick war ganz einzig. Er richtete sich ganz gerade auf mich, zärtlich und starr, ohne mich zu sehen. Alle Bilder wissen, daß man sie ansieht und antworten mit den Augen, die sehen, die denken, die uns folgen, ohne uns zu verlassen vom Augenblick ab, wo wir eintreten, bis daß wir die Wohnung, die sie bewohnen, wieder verlassen.

Dieses Bild sah mich nicht, sah nichts, obgleich sein Blick gerade auf mich gerichtet war. Und ich dachte an Beaudelaires wundervolle Verse:

»An Deinen Augen häng' ich wie festgebannt,
Als wärst Du ein Bildnis von Meisterhand.«

Und wirklich zogen sie mich unwiderstehlich an, trafen mich ganz seltsam, gewaltig, diese gemalten Augen, die einst gelebt hatten oder vielleicht noch lebten. O welch unendlicher Reiz wie ein sanfter Windhauch, der lind geht, verführerisch wie der in Lila, Blau und Rosa sterbende Abendhimmel, ein wenig melancholisch wie die niedersinkende Nacht strömte aus diesem dunklen Rahmen und diesen undurchdringlichen Augen. Diese Augen, Augen nur durch ein paar Pinselstriche hingesetzt, bargen in sich das Mysterium dessen, was zu sein scheint und nicht ist, was in einem Frauenauge zu liegen scheint und in uns die Liebe entzündet.

Die Thür ging auf, Herr Milial trat ein. Er entschuldigte sich, zu spät gekommen zu sein. Ich entschuldigte mich, daß ich zu früh gekommen wäre. Und dann fragte ich ihn:

– Ist es indiskret zu fragen, wer diese Dame ist?

Er antwortete:

– Es ist meine Mutter. Sie ist ganz jung gestorben.

Und nun begriff ich, woher der unerklärliche Zauber dieses Mannes kam.

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