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Nutzlose Schönheit

Guy de Maupassant: Nutzlose Schönheit - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleNutzlose Schönheit
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume15
printrunViertes Tausend
year1910
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectid3155151c
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Die Maske

Im Glysse-Montmartre war Maskenball. Es war Mittfasten, und die Menge strömte, wie das Wasser in eine Schleuse läuft, in den erleuchteten Gang, der zum Tanzsaal führte. Die laute Musik des Orchesters, die wie ein Orkan daherstürmte, durchtoste Mauern und Dach, klang in das ganze Stadtviertel hinaus, in alle Straßen bis hinein in die benachbarten Häuser, um jene unwiderstehliche Lust, die als tierischer Instinkt im Menschenherzen lebt, zu wecken: die Lust zu tanzen, sein Blut in Wallung zu bringen, sich zu unterhalten.

Die Stammgäste des Lokals kamen auch von allen vier Ecken von Paris, Leute aus allen Kreisen, die lärmende, laute Vergnügungen lieben, wenn sie etwas unterirdischer Art, etwas zweifelhaft sind. Es waren Beamte, Zuhälter, Dirnen aller Sorten in gewöhnlicher Wolle wie im feinsten Battist, reiche Halbweltlerinnen, alte, mit Schmuck überladen, arme Mädchen von sechzehn Jahren, voller Drang sich zu amüsiern, den Männern zu gehören, Geld hinaus zu streuen. Unter dieser bewegten Menge irrten elegante Herren im Frack umher, auf der Jagd nach frischem Fleisch, nach jungem, köstlichem Wild. Sie suchten, schnüffelten förmlich in der Luft, während die Masken hauptsächlich die Lust zu treiben schien, sich gut zu unterhalten. Schon sammelte sich um die Sprünge und Sätze besonders bekannter Cancantänzer eine dichte Menschenwand. Die in Wellenlinien sich hin- und herziehende Hecke von sich bewegenden Männern und Frauen, welche die vier Tänzer umgaben, ringelte sich um sie wie eine Schlange, ab und zu näher, ab und zu weiter zurückweichend je nach den Sprüngen der Tänzer. Die beiden Mädchen, deren Schenkel wie durch Gummischnüre an den Körper befestigt schienen, machten mit ihren Beinen unglaubliche Bewegungen. Sie warfen sie mit solcher Gewalt in die Luft, als sollten ihre Glieder bis zu den Wolken hinauffliegen. Dann spreizten sie sie mit einem Male auseinander, als wären sie bis zur Hälfte des Leibes gespalten, ließen ein Bein nach vorn, ein Bein nach hinten gleiten und berührten mit einem plötzlichen, halb widerlichen halb komischen Satz, mit ihrer Mitte den Boden. Ihre Tänzer sprangen, schlugen die Füße zusammen, bewegten sich, warfen die Arme, flogen in die Luft wie ein paar federlose Flügelstumpfe, und unter ihren Masken erriet man, wie sie außer Atem waren. Einer von ihnen, der in einer der berühmtesten Cancan-Quadrillen tanzte, um eine abwesende Berühmtheit im Fach, den schönen Songe-au-gosse, zu vertreten und der sich Mühe gab dem unermüdlichen Arête-de-veau als Partner Stand zu halten, machte so verrückte Sätze und Bewegungen, daß jubelnd das Publikum Beifall spendete.

Er war mager, als Modefatzke angezogen, hatte eine hübsche, glatte Maske vor dem Gesicht, eine Maske mit blondem, gebranntem Schnurrbart und eine Lockenperrücke darüber.

Er sah aus wie eine Wachspuppe, eine eigentümlich phantastische Karrikatur des gewissen stereotypen schönen jungen Mannes, wie er auf den Modebildern abgemalt wird. Er tanzte mit großer Hingebung und Anstrengung, aber etwas ungeschickt, indem er sich krampfhaft mühte, komisch zu wirken. Wie er so versuchte die Sprünge der anderen nachzuahmen, war es, als seien seine Glieder verrostet. Er war wie gelähmt und hatte etwas Schwerfälliges gleich einem gemeinen Köter, der mit rassigen Windhunden spielt.

Ironische Beifallrufe machten ihm Mut, und er hopste wie verrückt mit solchen Sätzen umher, daß er plötzlich, als er einen wahnsinnigen Sprung machte, kopfüber in die Menschenmauer flog, die sich auseinanderthat, um ihn durchzulassen und sich dann hinter dem leblos auf dem Gesicht liegenden Körper des regungslosen Tänzers schloß.

Ein paar Männer hoben ihn auf und brachten ihn fort. Man rief nach einem Arzt. Ein junger sehr eleganter Herr in schwarzem Frack mit großen Perlen in der Hemdbrust erschien und sagte bescheiden: – Ich bin Professor an der Universität. – Man ließ ihn durch, und er suchte in einem kleinen Raum, der voller Schachteln stand wie ein Geschäftslokal, den Tänzer auf, der noch immer die Besinnung nicht wiedererlangte. Man hatte ihn auf ein paar Stühle gelegt. Der Arzt wollte zuerst die Maske abnehmen, aber er sah, dah sie auf ganz komplizierte Art mit einer Menge feiner Metalldrähte angebunden war, die sie eng mit der Perücke verknüpften, daß der Kopf ganz fest eingeschlossen war und nur mit Gewalt befreit werden konnte. Auch der Hals steckte in einer übergezogenen Lederhaut, die vom Kinn ab am Hemd befestigt und fleischfarben bemalt war.

Mit einer starken Scheere mußte die Maske geöffnet werden.

Als der Arzt in diesem eigentümlichen Verschluß einen Schnitt gemacht von der Schulter bis zur Schläfe hinauf, öffnete er das Schildkrötenschild und erblickte dahinter das Gesicht eines alten Mannes, verwittert, bleich, runzlich. Die Leute, die die junge blonde Maske hereingetragen hatten, waren so erstaunt, daß niemand lachte und niemand ein Wort sagte.

Man betrachtete ihn, wie er auf den Stühlen lag, besah sein trauriges Gesicht mit den geschlossenen Augen, von weißem Haar umrahmt, von denen die einen lang über die Stirn ins Gesicht fielen, die anderen kurz auf Wangen und Kinn. Und neben diesem armseligen Kopf lag die kleine, hübsche, glatte Maske, die frische Maske, die unausgesetzt lächelte.

Nachdem der Mann lange ohne Besinnung gewesen war, kam er zu sich. Aber er schien noch so schwach zu sein, so krank, daß der Arzt einen gefährlichen Rückfall fürchtete.

– Wo wohnen Sie? – fragte er.

Der alte Tänzer schien in seinem Gedächtnis zu suchen, dann sich zu erinnern, und er nannte eine Straße, die niemand kannte. Man mußte also genau nach der Stadtgegend forschen, und mit Mühe, langsam, unbestimmt, daß man daraus seine Geistesverstörtheit sah, gab er die Erklärung.

Der Arzt sagte:

– Ich werde Sie selbst hinbringen.

Er war neugierig geworden, wer dieser seltsame Possenreißer wohl sein könnte und wollte wissen, wo dieser eigentümliche Tänzer hauste.

Bald brachte sie beide eine Droschke auf die andere Stadtseite nach den Buttes Montmartre.

In einem ärmlichen, großen Haus, zu dem eine schmutzige Treppe hinaufführte, wohnte er. Es war eines jener unfertig gebliebenen Häuser voll unendlicher Fenster, das zwischen zwei leeren Baustellen steht, ein schmutziges Loch, in dem ein ganzer Haufen elender zerlumpter Menschenwesen wohnt. Der Doktor klammerte sich an das Geländer der Wendeltreppe, an dem die Hand förmlich kleben blieb und half dem alten, halb geistesabwesenden Mann, der allmählich wieder zu Kräften kam, bis hinauf zum vierten Stock.

Die Thür, an der sie geklopft, öffnete sich, und eine Frau erschien. Sie war auch alt, sauber, trug eine hübsche, weiße Nachtmütze auf ihrem knochigen Schädel mit scharfen Zügen, einem jener dicken, ehrlichen Köpfe der fleißigen, treuen Arbeiterfrauen. Sie rief:

– Um Gottes willen, was ist denn geschehen?

Nachdem man sie mit ein paar Worten unterrichtet, ward sie gefaßter und beruhigte sogar selbst den Arzt, indem sie erzählte, daß das schon oft vorgekommen sei.

– Wir müssen ihn zu Bett legen, Herr Doktor, zu Bett legen. Weiter giebts nichts. Da wird er schlafen, und morgen denkt er jarnich mehr dran.

Der Arzt antwortete:

– Aber er kann kaum sprechen.

– Ach, das ist weiter nischt, – etwas zu trinken braucht er, mehr nich. Er hat ja nichts gegessen, um recht schlank zu sein, und dann zwei Glas getrunken, um in Schwung zu kommen. Der jrüne Schnaps, der hilft ihm wieder uf die Beine, nur nimmt's ihm die Jedanken, und er kann nich mehr reden. In seinem Alter kann man nich mehr so tanzen, wie er 's thut. 's ist wirklich zum Verzweifeln, wenn er nur mal zur Vernunft kommen wollte.

Der Arzt war erstaunt und fragte:

– Ja, warum tanzt er denn aber so unsinnig, so ein alter Mann.

Sie zuckte die Achseln und ward in allmählich steigendem Zorne rot.

– Ja warum? Wissen Sie, er will ja bloß, daß man glauben soll, er ist jung bei seiner Maske, daß die Weiber ihn für einen Lumich halten und ihm was zuflüstern. Er will sich bloß an ihnen 'rumschmieren, an den dreckigen Weibern mit dem Gestank und dem Puder und der Schminke. 's ist 'n Jammer. Wissen Sie, Herr Doktor, ich führe ein Leben, sage ich Ihnen, das ist schon zwanzig Jahre so. Aber erst wollen wir ihn zu Bett bringen, damit er nicht krank wird. Wollen Sie so gut sein mit helfen. Wenn er so nach Haus kommt, kann ich's nich alleene.

Der Alte saß auf seinem Bett, blickte trunken um sich, und die langen weißen Haare fielen ihm ins Gesicht.

Seine Ehefrau blickte ihn zärtlich an und wütend zugleich und fuhr fort:

– Sehen Sie mal, sieht er nich schön aus für sein Alter? Und dabei muß er sich als junger Fatzke anziehen, daß man denken soll, daß er jung ist. Ist das nicht ein Jammer! Er hat 'nen schönen Kopf, Herr Doktor. Ich werde ihn Ihnen mal zeigen, ehe wir ihn zu Bette legen.

Sie trat an den Tisch, auf dem die Waschschale und ein Wasserkrug stand, Seife, Kamm und Bürste lagen. Sie nahm die Bürste, trat dann ans Bett, nahm das wirre Haar des Trunkenboldes, und nach ein paar Augenblicken hatte sie ein wahres Malermodell daraus gemacht mit langen, weißen Locken, die bis auf den Hals herniederfielen. Dann trat sie zurück, um ihn zu betrachten.

– Ist er nicht schön für sein Alter?

– Sehr schön! – sagte der Doktor, dem die Geschichte anfing, Spaß zu machen.

Sie fügte hinzu:

– Sie hätten ihn mal sehen müssen, wie er so fünfundzwanzig Jahr alt war. Aber wir müssen ihn in die Klappe legen, sonst schlägt der Schnaps bei ihm durch. Da, Herr Doktor, wollen Sie mal an dem Ärmel ziehen. So, so ist's gut. Nun die Unterhosen. Warten Sie mal, ich werde ihm erst mal die Stiefeln ausziehen, – so ist's gut. Nun halten Sie'n mal aufrecht, daß ich das Bett abdecke. So, – nun legen wir ihn hinein. Aber glauben Sie nur nicht, daß er mir Platz macht im Bette; ich kann sehen wo ich unterkomme, weiß der Teufel, wo? Da kümmert er sich nicht drum, der alte Lumich.

Sobald der Kerl sich im Bett fühlte, schloß er die Augen, öffnete sie wieder, schloß sie abermals, und in seinen befriedigten Zügen konnte man den bestimmten Wunsch lesen, zu schlafen.

Der Doktor betrachtete ihn mit immer steigendem Interesse und fragte:

– Da spielt er sich also auf Maskenbällen als junger Kerl auf?

– Immer, Herr Doktor. Und morgens kommt er in einem Zustand wieder, – Sie haben keine Ahnung. Sehen Sie, aus Bedauern geht er dahin und macht sich so ein Puppengesicht über seins. Ja, der Kummer darüber, daß er nicht mehr das ist, was er früher war und daß er keinen Ankratz mehr hat.

Er schlief schon und begann zu schnarchen. Sie betrachtete ihn mitleidig und fuhr fort:

– O ich sage Ihnen, der hat Ankratz gehabt, das glauben Sie garnich, Herr Doktor. Mehr als die schönsten Herren aus der großen Gesellschaft, mehr als alle Tenöre und Generäle.

– Wirklich? Wie kommt denn das?

– Ja, Sie werden sich zuerst wundern, weil Sie ihn doch nich jekannt haben in seiner großen Zeit. Als ich ihn zuerst sah, das war auch auf einem Maskenball, denn da ging er immer hin, war ich weg, sage ich Ihnen, wie ein Fisch an der Angel. Der Kerl war hübsch, Herr Doktor, daß man jleich hätte heulen können, wenn man ihn nur ansah, braun wie 'n Rabe, mit Lockenhaar und schwarzen Augen, wie so 'n paar Fenster so jroß. Ja, das war ein schöner Kerl. An dem Abend hat er mich mitgenommen, und seitdem habe ich ihn trotz allem und allem nicht wieder verlassen, nicht einen Tag. Aber Kummer hat er mir gemacht, o je, o je!

Der Doktor fragte:

– Sind Sie verheiratet?

Sie antwortete einfach:

– Jawohl, Herr Doktor. Sonst hätt' er mich laufen lassen wie die anderen auch. Ich bin seine Frau gewesen, sein Dienstmädchen, was er nur von mir wollte. Und Thränen hat er mich gekostet, – aber ich hab's ihn nicht merken lassen. Denn er erzählte mir seine Abenteuer, mir, Herr Doktor, und begriff jarnich, wie weh mir 's that, das mit anhören zu müssen.

– Was hat er denn für einen Beruf?

– Ach das is wahr, das habe ich ja vergessen. Er war erster Gehilfe bei Martel, aber einer wie's nie wieder einen gegeben hat, ein Künstler, der mindestens zehn Franken die Stunde verdiente.

– Martel? Wer ist das. Martel?

– Der Friseur, Herr Doktor, der jroße Friseur von der Oper, der alle Schauspielerinnen bediente. Ja, die jrößten Schauspielerinnen ließen sich durch Ambrosius frisieren und gaben ihm Trinkgelder, daß er sich ein Vermögen jemacht hat. Ach, Herr Doktor, die Weiber sind alle gleich, alle. Wenn einer ihnen gefällt, dann bieten sie sich ihm an. Die Geschichte ist so leicht. Aber es ist schwer, sich daran zu gewöhnen, denn wissen Sie, er sagte mir doch alles, er konnte nich 's Maul halten, das konnte er nich. Solche Geschichten machen den Männern zu großen Spaß. Sie reden noch lieber darüber, als daß sie 's machen.

Wenn ich ihn abends heimkehren sah, etwas bleich, zufrieden, mit glänzenden Augen, dann sagte ich mir: wieder eene! Du hast doch sicher wieder eene erwischt. Dann hatte ich Lust, ihn zu fragen, Lust, daß mir ´s kochte im Herzen und doch auch wieder Lust, nichts davon zu wissen, ihm den Mund zuzuhalten, wenn er angefangen hätte. Und dann blickten wir uns an.

Ich wußte wohl, daß er nich ´s Maul halten würde und bald losziehen müßte, ich fühlte es an seiner ganzen Art wie er lachte, um mir zu sagen:

– Magdalene, heute habe ich aber ´ne Feine gefangen. Ich that, als sähe ich nichts, als merkte ich nichts. Und ich deckte den Tisch zum Essen, brachte die Suppe, setzte mich ihm gegenüber.

In dem Moment, Herr Doktor, war mir wirklich, als hätte man mir alles aus dem Leibe gerissen, was ich für ihn fühlte. Das that weh, so was zu hören! Aber das kapierte er nicht, das wußte er nicht. Er hatte das Bedürfnis, es jemand zu erzählen, sich zu rühmen, zu zeigen, wie gern man ihn habe, verstehen Sie, und er hatte doch bloß mich, der ers erzählen konnte. Na, da mußte ich zuhören und´s ´runterschlucken wie Jift.

Er fing an, seine Suppe zu essen, dann sagte er:

– Magdalene, wieder eene!

Ich dachte, na nun ist´s so weit. Mein Gott, ist das ein Kerl! Daß ich auch gerade auf den verfallen mußte.

Dann fuhr er fort: – Noch eine und eine ganz kleine. Es war eine Kleine vom Vaudeville oder von den Varietes. Und dann auch die ganz berühmten großen Damen vom Theater. Er nannte mir ihre Namen, alles, alles, Herr Doktor, Einzelheiten, daß mir's Herz blutete. Und er kam immer wieder darauf zurück, fing immer wieder seine Geschichte an, vom Anfang bis zu Ende, war so glückselig, daß ich tat, als ob ich lachen müßte, damit er nicht böse sein sollte.

Vielleicht war es garnich wahr, das alles. Er renommierte so gern. Er konnte sehr wohl was erfinden, aber vielleicht war es doch wahr. An solchen Abenden tat er, als ob er riesig müde wäre und wollte nach dem Essen zu Bett jehen. Wir aßen erst um elf, Herr Doktor, denn früher kam er nie nach Haus wegen des Frisierens abends.

Wenn er seine Abenteuer zum besten jegeben hatte, rauchte er Cigaretten, indem er im Zimmer auf und ab ging. Und er war ein so schöner Kerl mit dem Schnurrbart und den Locken, daß ich immer dachte: 's doch alles wahr, was er erzählt. Da ich doch ganz verrückt bin auf den Mann, warum sollten's denn die andern nicht ebenso sein. Ach, da hatte ich Lust zu weinen, zu schreien, fortzulaufen, mich aus dem Fenster zu stürzen, wenn ich den Tisch abräumte, während er immer noch rauchte. er gähnte, riß weit den Mund auf, um mir zu zeigen, wie müde er sei. Und dann sagte er zwei oder drei Mal, ehe er sich zu Bett legte: die Nacht werde ich aber gut schlafen.

Ich bin ihm garnicht böse, denn er wußte nicht, wie weh er mir that. Nein, das konnte er nicht wissen. Er renommierte mit den Weibern, wie ein Pfau, der ein Rad schlägt. Und schließlich glaubte er, alle guckten nach ihm und wollten ihn haben. Die Sache wurde aber bös, als er alt wurde.

O Herr Doktor, wie ich sein erstes, weißes Haar entdeckte, das traf mich, daß ich gar keinen Atem mehr kriegte. Und dann habe ich mich gefreut, eine niederträchtige Freude, aber so 'ne Freude, so 'ne Freude. Na, ich sagte mir, nun ist's aus. Mir war's, als ob man mich aus dem Gefängnis entlassen hätte. Nun hatte ich ihn für mich allein, wenn die anderen nischt mehr von ihm wissen wollten.

Das geschah eines Morgens im Bett, er schlief noch. Ich beugte mich über ihn, um ihn zu wecken, und küßte ihn. Und da sah ich in seinen Locken an der Schläfe einen kleinen Faden, der wie Silber jlänzte. So 'ne Überraschung ! Das hätte ich nicht für möglich jehalten. Zuerst wollte ich es ausrupfen, daß er es nicht sehen sollte. Aber als ich noch genauer hinguckte, fand ich ein bißchen weiter oben noch eins. Weiße Haare, er kriegte weiße Haare. Mir schlug das Herz, mir wurde janz schwach und doch war ich wirklich janz zufrieden.

Es ist häßlich, so zu denken, aber an dem Morgen habe ich meine Wirtschaft wirklich janz zufrieden besorgt, ohne ihn zu wecken. Und als er die Augen geöffnet hatte, sagte ich ihm:

– Weißt Du, was ich gefunden habe, während Du schliefst?

– Nein.

– Ich habe entdeckt, daß Du weißes Haar hast.

Er fuhr so zusammen, daß er sich im Bett aufrecht setzte, als ob ich ihn jekitzelt hätte, und sagte in janz bösem Ton:

– Das ist nicht wahr.

– Ja, an der linken Schläfe sind vier Stück.

Er sprang aus dem Bett, um an den Spiegel zu laufen.

Er entdeckte sie nicht. Da zeigte ich ihm das eine ganz unten, das gelockte, und sagte:

– Das ist keen Wunder bei so ´nem Leben. Heute in zwei Jahren ist´s mit Dir aus.

Na, Herr Doktor, ich hatte die Wahrheit jesprochen, zwei Jahre später hätten Sie ihn nicht wieder erkannt. Wie sich so ein Mann schnell verändert. Er war noch ein ganz schöner Kerl, aber die Frische jing runter und die Weiber waren nich mehr so hinterher. O, in der Zeit ist mir´s dreckig jegangen, da jab ich was durchjemacht. Nichts war ihm recht, nichts, nichts. Er hat seinen Beruf aufjegeben, um Hutmacher zu werden. Dabei hat er sein ganzes Geld verputzt. Und dann wollte er Schauspieler werden, aber das jlückte nicht, und da fing er an auf die öffentlichen Bälle zu loofen. Endlich kam er soweit zur Vernunft, daß er wenigstens etwas behalten hat, und davon leben wir. Das langt zu, aber dicke ist´s nich. Und wenn man denkt, daß er mal beinah ´n Vermögen hatte.

Jetzt sehen Sie, wie er´s treibt. Das ist wie ´ne Verrücktheit in ihm. Der Kerl muß jung sein, muß mit Weibern tanzen, die nach Parfüm stinken und Pomade. Armer, lieber, alter Kerl!

Ganz bewegt, den Thränen nahe, betrachtete sie ihren alten, schnarchenden Mann. Dann näherte sie sich ihm leichten Schrittes und küßte ihn leise aufs Haar.

Der Arzt war aufgestanden, um zu gehen. Er wußte nicht, was er, angesichts dieses seltsamen Paares, sagen sollte. Da fragte sie als er ging:

– Bitte geben Sie mir immerhin Ihre Adresse, wenn er etwa wirklich krank wäre, daß ich Sie holen kann.

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