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Nur treu

Helene Hübener: Nur treu - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorHelene Hübener
booktitleNur treu
titleNur treu
publisherVerlag der Francke-Buchhandlung GmbH
year1886
isbn3882244860
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131211
projectid1ad6dd36
wgs9110
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1. Am Silvesterabend

Es war Silvester. Ein scharfer Nordostwind heulte und trieb den Schnee, der die Tage vorher in ergiebiger Menge gefallen war, hier und da zu hohen Schanzen zusammen. In den Städten, auf den gepflasterten Straßen ließ sich wohl noch fortkommen, aber wehe denen, die auf offener Landstraße waren, denen der Sturm den Schnee ins Gesicht blies und den Weg verdunkelte. Es mochte 4 Uhr nachmittags sein, da wanderten zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, in den Straßen der Vorstadt S. Sie schienen an Wind und Wetter gewöhnt, sonst hätten sie's wohl nimmer ausgehalten am heutigen Tage. Ihre Kräfte waren auch erschöpft, denn sie standen still und schnappten nach Luft. Da kam der Wind und riß dem Mädchen das dünne Kopftüchlein weg, so daß die schwarzen Haare wild umherflatterten. »Halte meinen Korb«, rief sie dem Knaben zu, und schnell wie der Wind lief sie dem Tüchlein nach, bis sie's erfaßte, schüttelte den Schnee ab, strich die lockigen Haare hinter die Ohren und band die Hülle mit festem Knoten. Dann nahm sie ihren Korb und sagte zu dem vor Kälte zitternden Knaben: »Mache schnell, daß wir vorwärts kommen, vielleicht bekommen wir in einem der Häuser etwas geschenkt, oder läßt uns eine Köchin in die Küche an den warmen Herd, in den Küchen der Reichen riecht es immer so gut.«

»Wir wollen doch lieber gleich nach Hause«, sagte der Knabe, »mich friert so sehr.«

»Zu Hause müssen wir noch mehr frieren; meine Mutter hat keine Kohlen mehr, und bei euch ist es gerade so. Komm nur, wir wollen sehen, ob wir nicht noch etwas verkaufen.« – Die Kinder wohlhabender Eltern saßen daheim in warmen, behaglichen Zimmern, sie spielten mit ihren Weihnachtssachen oder lasen aus schönen Büchern; die wenigsten dachten an arme Kinder, die im Sturm und Schnee draußen umherirrten. In einem der ersten Häuser der Stadt, es war ein kleines, feines Haus mit einem Vorgarten, da gab's keine Kinder. Es war so still und ruhig, als ob niemand darinnen wohnte. Aber jetzt wurde eine Lampe angezündet und in demselben Augenblick standen unsere beiden Kleinen vor der Haustür. »Heute gehen wir hinein«, sagte das Mädchen, worauf der Knabe erwiderte: »Anne, geh du zuerst, ich bleibe an der Tür stehen, wenn's etwas gibt, so rufe mich.« Die beherzte Anna ging, eine helle Glocke ertönte, sie winkte dem Knaben schnell hereinzukommen und schloß die Tür. Dann klopfte sie. Es wurde sofort geöffnet. Ein schönes, helles, warmes Zimmer zeigte sich den Blicken des kleinen schwarzäugigen Mädchens, aber ein strenger Blick traf sie aus den Augen der großen Dame, die ärgerlich rief: »Schon wieder Bettelkinder, es soll nicht gebettelt werden, marsch nach Hause.«

Die Kleine hatte schnell ihrem Korb ein Stückchen Seife und ein Päckchen Streichhölzer entnommen. »Ich bettle auch nicht, beste Dame, bitte, kaufen Sie mir etwas ab, mich friert so sehr, wir sind schon lange umhergewandert, es ist so kalt.« »In diesem Wetter!« rief die Dame, und ein Zug von Mitleid glitt über ihr Gesicht. Sie sah die blaugefrorenen Hände des Kindes, das dünne Röckchen, die leichte Fußbekleidung. »Ich kaufe nie von hausierenden Kindern, heute will ich es ausnahmsweise tun«, mit diesen Worten nahm sie die Seife und die Streichhölzer und ließ eine Silbermünze in des Kindes Hand gleiten.

»Nun müssen Sie ihm auch noch etwas abkaufen, beste Dame, er steht hinter der Tür und hat Wichse zu verkaufen; er bekommt Schläge, wenn er nicht genug Geld nach Hause bringt. Komm doch«, rief sie und holte den Knaben am Arm herein, »die gute Dame kauft dir auch etwas ab.« Der schmächtige, blasse Knabe mit den blauen Rändern unter den Augen und den vor Kälte zitternden Gliedern stand vor der Dame und hielt ihr mit flehender Gebärde eine Wichseschachtel unter die Augen. Sie nahm sie und gab dem Knaben ebenfalls eine Geldmünze. Da sah sie die sehnsüchtigen Blicke der Kinder nach der auf dem Ofen stehenden Kaffeekanne gerichtet. »Ich muß euch wohl etwas Warmes geben, bleibt aber hier auf der Decke stehen und rührt euch nicht, das Zimmer ist heute gescheuert, Schmutz will ich nicht haben.« Sie standen beide ganz still, die Dame mit den Augen verfolgend. Dieselbe ging an den Ofen, holte die Kaffeekanne und einen Topf heißer Milch heraus, entnahm dem Schrank zwei Becher, goß Kaffee und Milch zusammen, für jedes der Kinder eine gleiche Portion, und reichte es ihnen mit den Worten: »Da trinkt, daß ihr warm werdet.« Mit sichtlichem Wohlbehagen tranken die Kinder und aßen das ihnen gereichte Brot dazu. »Wir danken vielmals«, sagte wieder das Mädchen, während der Knabe nur durch Blicke seinen Dank kund geben konnte. »Es ist gut, Kinder«, sprach die Dame, »nun eilt, daß ihr nach Hause kommt und laßt euch bei solchem Wetter nicht wieder von den Eltern fortschicken. Macht mir die Haustüre fest zu, daß kein Schnee hereindringt.« Die Kinder gingen, und Frau Brok, so hieß die Dame, sah sich unruhig im Zimmer um. »Ich dachte es mir wohl, daß mir die Gesellschaft meine schöne Stube schmutzig treten würde; um die Strohmatte herum ist alles voll Schneewasser.« Sie hob die Decke auf, ging damit in die Küche, brachte ein Tuch und wischte und putzte an dem Fußboden herum, bis die gewünschte Sauberkeit wieder hergestellt war. Frau Brok war eine äußerst pünktliche Frau; es ging ihr über alles, ihre Wohnung nett und blank zu haben. Das Putzen und Scheuern nahm ihr ganzes Sein und Denken oft nur zu sehr in Anspruch.

So, nun war alles wieder, wie sie es haben wollte. Sie trat ans Fenster und ließ die Rolläden herunter, zog die dicken, dunklen Vorhänge dicht zu, nahm die Strickerei, setzte sich in die gemütliche Sofaecke, rückte die Lampe näher, um besser sehen zu können, und begann eifrig zu stricken. Wie gut hatte sie es doch im Vergleich zu den armen Kindern, die nun noch in den Straßen umherirrten, um den Rest ihrer Waren zu verkaufen. Es war ganz still um sie her, nur das eintönige Ticken der großen Uhr ließ sich vernehmen und von Zeit zu Zeit hörte man in der Ferne das Heulen des Windes. Das Jahr ging zur Neige; für Frau Brok war es still und gleichmäßig dahingeflossen. Seit sie Witwe war und ihre einzige Tochter ihr gestorben, hatte sie ein zurückgezogenes Leben geführt. Einige befreundete Familien gab es in der Stadt, mit denen sie zusammenkam, aber am liebsten war sie zu Hause in ihrem Reich, besorgte mit Hilfe einer Frau, die am Morgen einige Stunden kam, ihren kleinen Hausstand und fand ihre größte Freude daran, wenn alles um sie her blitzte und funkelte. Niemand hatte glänzendere Türklinken und Schlösser als Frau Brok, die Knöpfe von den Ofentüren schienen von lauterem Golde zu sein, das Zinngeschirr in der Küche glitzerte silbern, die Fußböden waren weiß gescheuert – aber es gab manche Sorgen für sie, die andere Leute nicht kannten. Bei Regen und Schneewetter war sie in beständiger Aufregung, wenn es an der Haustür klingelte; sie ängstigte sich schon im voraus vor allem, was da kommen konnte, um sich den sauberen Fußböden feindselig entgegenzustellen. Sie war gebeten worden, den heutigen Abend im Freundeskreis zu verbringen, war aber durch das Scheuern und Putzen so ermüdet, daß sie vorzog, zu Hause zu bleiben; man konnte es ihr nicht verdenken, daß sie lieber in den wohl durchwärmten Räumen blieb, statt sich in dem Schneewetter hinauszubegeben. Hätte sie aber gewußt, was ihr noch bevorstand, sie wäre doch vielleicht in den Mantel geschlüpft, hätte sich die Kapuze über die Ohren gezogen, hätte ihr Reich zugeschlossen, um es am Abend wohl verwahrt wiederzufinden.

Es war gegen 8 Uhr, da hörte sie die Hoftüre öffnen. Sie beachtete es nicht weiter, da sie glaubte, es sei ihre Wirtin, welche oben wohnte und meistens die Hintertür zu ihrem Ausgang benutzte. Doch nun hörte sie deutlich Tritte in ihrer Küche, nun klang es wie ein Kichern und Flüstern, was konnte da sein? Sie ging durch die Eßstube und lauschte an der Tür, welche von da direkt in die Küche führte. Weibliche Stimmen schienen es zu sein. Mit einem Mut, der ihr in solchen Augenblicken eigen war, öffnete sie die Tür und sah in ein paar frische, lachende Mädchengesichter. »Tantchen, erschrick nicht, wir sind's«, sagte die eine mit schlauem Lachen und hielt sich die eben angezündete, blitzende Küchenlampe vors Gesicht. »Warum ließest du uns sitzen«, warf die andere ein, »nun kommen wir zu dir, Silvester zu feiern.« »In diesem Wetter«, sagte Frau Brok nicht eben sehr erfreut, und warf einen unruhigen Blick nach den Füßen der Eindringlinge. »Keine Sorge, liebe Tante, die Füße sind tadellos«, riefen die jungen Mädchen, »wir haben die Überschuhe vor der Haustür stehen lassen. Die Eltern kommen gleich nach, auch hinten herum. Wir dachten gleich, es möchte dir lieber sein, wenn wir nicht mit unseren Schneeschuhen ins vordere Zimmer kämen.«

»Das ganze Haus ist heute morgen gründlich gereinigt, die Fußböden gescheuert, ich dachte nicht an Besuch in diesem Wetter.«

Die jungen Mädchen überhörten diese Äußerung, oder wollten sie nicht hören. Eine trug einen Korb mit Pfannkuchen, die zweite wickelte eine Flasche Punschessenz aus und rief: »Nun bitten wir um weiter nichts als um einen Teekessel heißen Wassers.«

Frau Broks Augen glitten unruhig zu dem funkelnden Teekessel, sie hätte ihn so gern unangetastet gelassen, wenigstens bis morgen. Doch schon hatte Meta, die ältere, Feuer angezündet und Olga hatte Wasser in den Kessel gefüllt, was wollte die Tante machen! Sie mußte sich ergeben. »Haust mir nur nicht so arg in der Küche«, sagte sie mit Ergebung, »bedenkt daß es Mühe kostet, alles wieder blank zu machen.« »Jetzt kommen die Eltern«, riefen die Mädchen. Ja, da standen sie schon vor der Küchentür und mit den Worten: »Ist's erlaubt, wir haben beide saubere Füße«, trat Herr Werter mit seiner Frau in die Tür. »Überrumpelt, liebe Frau Brok«, rief Herr Werter vergnügt, »das kommt davon, wenn man sich gänzlich abschließt. Nun machen wir uns bei Ihnen einen fröhlichen Abend.« Frau Brok mußte gute Miene zum bösen Spiel machen. Im innersten Herzen freute sie sich, daß sie nicht ganz einsam den Silvesterabend zu verleben brauchte. Sie ließ die jungen Mädchen gewähren, und als sie später alle fröhlich vereint um den großen runden Tisch saßen, wurde geplaudert, gescherzt und gelacht, es wurde von Metas Hochzeit gesprochen, die im Laufe des kommenden Jahres gefeiert werden sollte. Aber auch manches ernste Wort gab's: man gedachte der alten Zeiten, des gemeinsam erlebten Leides, als Frau Broks Gatte, der treue Freund des Herrn Werter, auf dem Krankenlager lag und nach langem Leiden erlöst wurde. Die beiden, Herr Werter und Herr Brok, hatten ein kaufmännisches Geschäft innegehabt, das nicht nur beide Familien ernährte, sondern ihnen Wohlstand verlieh. Als Frau Broks Tochter ihrem Vater in die Ewigkeit folgte, da wurde das Leben der Mutter sehr einsam. Wenn nicht diese treuen Freunde immer wieder gekommen und nicht müde geworden wären, Frau Brok immer von neuem aufzufordern zu ihnen zu kommen, sie hätte sich am liebsten ganz eingesponnen. Schon jetzt lag die Gefahr nahe, daß sie nur sich und ihren Neigungen lebte, daß sie ihr Haus, ihre Zimmer, ihre Möbel und was sie sonst besaß, zum Mittelpunkt ihrer Gedanken, ihrer Sorgen und Freuden machte.

Wie kam es nur, daß sich heute immer wieder die frierenden Kindergestalten in ihre Gedanken drängten! Immer wieder sah sie sie auf der Decke eng aneinander geschmiegt stehen, ihre bittenden Blicke zu ihr erhoben. Aber sie hatte ja das ihrige getan, hatte ihnen nicht nur die Ware abgekauft, sondern ihnen auch etwas Warmes gereicht, mehr war nicht zu verlangen, es würde das nicht jeder getan haben. Und dennoch hatte sie das Gefühl, als sei bei ihr nicht alles, wie es sein sollte, als fehle noch etwas. Als sie später, nachdem die Freunde sich verabschiedet hatten, nach der alten Postille griff, um vor dem Scheiden des Jahres eine Silvesterbetrachtung zu lesen, da gab ihr das Gleichnis vom Feigenbaum viel zu denken. Wenn nun Gott der Herr käme und suchte bei ihr nach, was würde er finden? Sie rechnete alles zusammen, womit sie meinte, Gott gedient zu haben, aber das war eigentlich recht wenig. Sie wollte eine gottesfürchtige Frau sein, am Sterbebett ihres Mannes war sie inne geworden, daß das Wesen dieser Welt vergeht; da hatte sie gelobt, fortan nach dem ewigen Leben zu trachten. Und doch gab es so viel, was sie gefangen hielt. Es sollte im neuen Jahre manches anders werden, und sollten diese armen Kinder ihr noch einmal begegnen, so wollte sie freundlicher mit ihnen reden als heute und ihnen wieder etwas Gutes tun. Ja, das wollte sie. Mit diesem beruhigenden Gedanken legte sie sich schlafen und schlummerte ins neue Jahr hinüber.

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